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Der Krieg: Gestern - heute - und wie morgen?
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eBook539 Seiten6 Stunden

Der Krieg: Gestern - heute - und wie morgen?

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Über dieses E-Book

Das Buch dreht sich vor allem um die Frage, wie Kulturvölker, aber auch maßgebliche Denker von Morus, Machiavelli bis hin zu Martin van Creveld den Krieg bewertet haben. Die Studie betrachtet hierfür die europäische und die außereuropäische Antike und schlägt den Bogen dann durch die Epochen hindurch bis zur Gegenwart. Sie versucht dann herauszuarbeiten, was sich aus Vergangenheit und Gegenwart über den Charakter und die mögliche Zukunft des Krieges (Stichwort: vermehrter Einsatz von Drohnen und High-Tech-Waffen) erkennen lässt.

Die Vorgänge auf der Ukraine/der Krim zeigen, dass trotz aller Deeskalationsstrategien und aller globalen Vernetzung immer wieder Konstellationen eintreten können, die kriegerische Verwicklungen nicht undenkbar erscheinen lassen. Andererseits zeigt sich, dass sich der Charakter des Krieges verändert: nicht mehr Staatenkriege bestimmen das Bild, sondern sog. asymmetrische Kleinkriege, in dem Partisanen- oder terroristische Gruppen einen Kleinkrieg gegen reguläre Truppenverbände führen (Bsp.: Taliban in Afghanistan).

Aus dem Inhalt:

• Krieg in der Vorzeit
• Krieg in der Antike
• Spätere Antike und Mittelalter
• Morus und Campanella: Bedenkliche Vorzeichen
• Machiavelli u. a.: Auf dem Weg in die Moderne
• Friedrich der Große und Carl v. Clausewitz: Die Moderne
• Die Ächtung des Krieges misslingt
• Neue Kriegsformen
• Menschenrechte und die englische und amerikanische Denkweise
• Neuere Entwicklungen: Drohnen sowie Kommandotruppen
• Die ungewisse Zukunft des Krieges

Der Autor:

Dr. Franz Uhle-Wettler, Generalleutnant a. D., geboren 1927, im Kriege Flakhelfer, Soldat in der Kriegsmarine, bis Ende 1947 in Kriegsgefangenschaft. 1956 wurde er, inzwischen promovierter Historiker, wieder Soldat. In vielen seiner Bücher erwähnt er Tatsachen, die heute ungern erwähnt oder bewusst verschwiegen werden.
SpracheDeutsch
HerausgeberAres Verlag
Erscheinungsdatum1. Jan. 2017
ISBN9783902732835
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    Buchvorschau

    Der Krieg - Franz Uhle-Wettler

    703.

    Krieg in der Antike

    Fehde und Krieg als Teil der Weltordnung

    Bereits ein flüchtiger Blick in die frühe überlieferte Geschichte zeigt, dass jene fernen Jahrhunderte schon voller „Krieg und Kriegsgeschrei (Luther) gewesen sind. Der gleiche Blick zeigt aber auch, dass die Menschen schon früh dem zügellosen „Kriegen und Würgen (Luther) Regeln und sogar Rituale aufzwangen, um die Schrecken und Leiden des Krieges zu begrenzen. Vielleicht ist es symbolisch, dass in der Sprache der Römer das Wort für Jagd (venatio), aus der noch Aristoteles den Krieg ableitete, nichts mit den Worten für Krieg und Fehde gemein hat, während Krieg (bellum) und Duell (duellum) eng verwandt sind. Die neuen größeren Menschengruppen, die Stämme, die Stadtstaaten und Königreiche, verfolgten in ihren Kriegen bald Ziele, die sich von der Jagd auf Menschen unterschieden. Das erforderte, den Krieg nach anderen Regeln als denen der Jagd zu führen und ihn anders zu begründen. Hingegen bildete sich nur langsam eine Unterscheidung zwischen der Fehde, dem bewaffneten Kampf Einzelner sowie kleiner Gruppen innerhalb der Staaten, und dem Krieg, den Staaten führen, heraus. In dieser Zeit, in der frühen überlieferten Geschichte, ist der Beruf des Soldaten entstanden. In den frühen Kulturen hatte jeder Waffenfähige Krieger sein können. Die Territorien waren klein; so waren die Kriege kurz, führten nicht in ferne Gegenden und der heimatliche Herd blieb nahe. Das änderte sich mit der Entstehung der ersten Flächenstaaten und mit den ersten Bündnissen zwischen Kleinstaaten. Nun wurden alle Verhältnisse größer. Die Obrigkeit, wie sie auch immer gestaltet war, konnte nun nur noch einen Teil der Bürgerschaft aufbieten, denn die Kriege konnten Monate, sogar Jahre, dauern, und oft führten sie weit vom heimatlichen Herd fort. Der Krieg um Troja mag nicht zehn Jahre gedauert haben, wie Homer berichtet. Aber es wäre unmöglich gewesen, für nur zehn Monate oder sogar nur zehn Wochen alle Waffenfähigen der griechischen Staaten im Gefolge des Spartanerkönigs Menelaos zum fernen Troja zu führen. Auch die Heimat brauchte Schutz; dort wurden auch im Krieg Männer gebraucht, die Felder zu bestellen und abzuernten, das Vieh zu versorgen, die Hörigen sowie die Sklaven im Zaum zu halten sowie andere Staaten von einem Überfall abzuschrecken.²⁶ Zudem hätten ärmere Bürgersoldaten sich auf langen Kriegszügen nicht selbst verpflegen und den mitziehenden Knecht, den filós, der bis zum Gefecht Waffen und Rüstung trug, versorgen können. So begann beim Übergang der antiken Stammesverfassung und der antiken Kleinstaaten zu Flächenstaaten eine Entwicklung, die später eine Parallele in Mittel- und Nordeuropa fand.²⁷ Fürs Erste griffen die Staaten zu Notbehelfen. Viele frühe Staaten teilten das Volksaufgebot in Hälften oder Drittel und riefen jährlich nur einen Teil zum Feldzug auf, wie schon Caesar von Germanenstämmen berichtet.²⁸ Doch auch dabei entstanden Schwierigkeiten, die nach besseren Lösungen verlangten. Die Strapazen, die Verluste und vor allem die Dauer der Feldzüge unterschieden sich, damit auch die Belastung der nacheinander aufgerufenen Teile der Bürgerschaft. Zudem brauchten seefahrende Staaten wie Athen einmal nur die Flotte, das nächste Mal vielleicht das Heer – und niemand konnte gerecht beurteilen, wo der Dienst härter, fordernder oder durch Beute lohnender war. Mithin mussten die Staaten bei langen Feldzügen die Teilnehmer bald aus der Staatskasse bezahlen. Ein weiterer wichtiger Schritt wurde dort vollzogen, wo Tyrannen herrschten, die sich schon im Frieden eine Leibwache aus Söldnern hielten. Noch näher an das Berufsheer kamen Staaten, die Stellvertretung erlaubten: Wer nicht selbst ausziehen konnte oder wollte, durfte einen von ihm bezahlten Ersatzmann stellen. Das kam den Wünschen der Heer- und Flottenführer entgegen, die ausgebildete und kriegsgewohnte Matrosen, Infanteristen und Reiter benötigten, Männer von gewohnter Disziplin und eingeübter Härte, die ihre Waffen und die Taktik ihrer Truppe beherrschten. Der Mann, der noch gestern Bäcker, Bauer oder Schäfer gewesen war, konnte ihnen nicht genügen.

    So rief vieles nach Männern, die dauerhaft dienten und deshalb mit Geld, mit Grundbesitz oder mit Lehen entlohnt werden mussten. Bereits Israels König David hatte „Krethi und Plethi" (Kreter und Philister?) in seinen Diensten. So wurde der Söldner oder, wer ihn ehrender nennen will, der Soldat geboren, und nicht zufällig verweisen beide Bezeichnungen auf den solidus, mit dem die Römer ihre Soldaten besoldeten. Im antiken Griechenland stellen Bürger noch die Heere, die 490 v. Chr. bei Marathon und 480 v. Chr. in der Seeschlacht bei Salamis über die Perser siegen – in der Nähe der heimatlichen Herde, die sie schützen wollten und sollten. Ein halbes Jahrhundert später, im Peloponnesischen Krieg, bestehen die Heere und Flotten Athens und Spartas schon aus Berufssoldaten, denen nur gelegentlich noch ein Bürgeraufgebot zur Seite tritt.

    Der Wandel zum Berufsheer ist durch die Forderungen des Krieges bewirkt worden. Dichter und Sagen haben das freilich anders gesehen. Ovid schrieb zwar erst zur Zeitenwende, aber er gibt altes Sagengut wieder, wenn er die Entstehung des Soldaten wenig schmeichelhaft schildert²⁹: König Kadmos, Sohn des Poseidon und Bruder der Europa, erschlug einen giftigen Drachen, nicht wissend, dass der Drache im Auftrag des Kriegsgottes Mars eine heilige Quelle bewacht. Dem erlegten Untier brach Kadmos die Zähne aus und warf sie über die Erde:

    Drauf – kaum glaublich fürwahr – erhoben gemach sich die Schollen,

    Und aus den Furchen zuerst ward sichtlich die Spitze der Lanze,

    Decken von Häuptern sodann, die nickten mit farbigem Helmbusch;

    Bald auch Schultern und Brust und mit Waffen belastete Arme

    Treten hervor, und es wächset die Saat schildtragender Männer.

    Die Soldaten entstehen hier aus einer Drachensaat. Doch es kommt noch schlimmer: Kadmos sieht das Unheil wachsen, er greift bestürzt nach seinem Schwert – aber einer der Krieger ruft ihm zu:

    […] „und menge dich nicht in unsere Fehde!"

    Und nacheilend durchbohrt er

    der erdentsprossenen Brüder

    Einen mit starrendem Schwert. Ihn selbst

    fällt ein Spieß aus der Ferne

    […]. Ähnliche Wut fasst alle gesamt

    und die plötzlichen Brüder

    Tilgen einander im Kampf

    durch wechselseitige Wunden

    Nur fünf bleiben verschont.

    Drachensaat und sinnloses Morden sind kein schmeichelhafter Beginn für den Beruf des Soldaten. Doch kann, wer es nötig hat, Trost und Zuspruch im ältesten Epos der Menschheit finden. Sumerische Tontafeln aus dem dritten und zweiten Jahrtausend v. Chr. berichten von König Gilgamesch von Uruk, der wohl um 2650 v. Chr. tatsächlich gelebt hat. Es ist die Epoche des sakralen Königtums; Gilgamesch ist zu zwei Dritteln Gott, zu einem Drittel Mensch. Er ist es, der die Menschen gelehrt hat, ihre Städte zu befestigen und dadurch zu schützen. Zumindest der Verteidigungskrieg wird vom Halbgott gerechtfertigt:

    Der alles gesehen im Bereiche des Landes,

    Der die Meere kannte, Jegliches wusste,

    Er durchschaute das Dunkelste gleichermaßen

    Weisheit besaß er, Kenntnis der Dinge allzumal

    Verwahrtes auch sah er, Verborgenes enthüllte er […]

    Die Mauer um Uruk-Gart ließ er bauen,

    Um das heilige Eanna, den strahlenden Hort.

    Sieh an seine Mauer; deren Friese wie von Erz sind!

    Ihren Sockel beschau! Dem gleicht niemandes Werk! […]

    Keines späteren Königs, keines Menschen Werk gleicht ihm.³⁰

    Der Übergang vom Volksaufgebot zu Berufskriegern, Söldnern, hat die gesellschaftliche Grundlage des Krieges radikal umgestaltet. Geringer ist der Wandel in der Bewertung des Krieges. „Dem Thema ‚Krieg‘ hat die (europäische) Antike keine Monographie gewidmet. „Der Krieg galt nicht als Problem an sich", schreibt Jörg Rüpke 1990.³¹ Der Grund für die Beibehaltung der überlieferten Bewertung liegt wohl darin, dass ein allumfassendes Menschenrecht der europäischen Antike und auch manchen Epochen vergleichbarer anderer Kulturen fremd blieb. Bezeichnend ist das römische Vokabular. Der Feind heißt hostis, ein Wort, das sowohl den Fremdling als auch den Feind bezeichnet. Der Unterschied zwischen dem Fremden und dem Feind ist, falls überhaupt vorhanden, sehr gering.

    Allerdings findet sich insbesondere in der späteren griechisch-römischen Philosophie der Stoa mancher Ansatz zu einer gleichwertigen Sicht aller Menschen. Doch dieser Ansatz konnte sich vorerst in der Politik und in der Kriegführung nicht durchsetzen. Fremde Völker und Kulturen blieben weiterhin von den innerhalb der eigenen Gruppe geltenden Sittengesetzen ausgeschlossen – und von der Ausgrenzung zur Ausmerzung war der Weg oft nicht weit. Nach römischer Rechtsanschauung ist dem Ausländer gegenüber die „gegenseitige Rechtlosigkeit die Regel, ein Zustand, der auch minder genau als „dauernder Kriegszustand verstanden wird.³² Auch aus dem alten Arabien wird berichtet:

    Der Stamm ist die Quelle und die Grenze der politischen Verpflichtungen, jenseits des Stammes beginnt das Ausland […] insofern als der Begriff der allgemeinen Menschenpflicht nicht existiert und es eine Moral außerhalb des Stammes nicht gibt, ist von vornherein jeder Stammesfremde Feind.³³

    Diese Auffassung hat sich bis weit in das 19. Jahrhundert hinein lebendig gehalten, wie viele Arabienreisende berichteten.³⁴

    Hingegen werden Kriege gegen Nahestehende, als gleichwertig Anerkannte, immer festeren Regeln unterworfen, um die zerstörende Gewalt des Krieges zu zügeln. Viele der frühen Epen, Religionstexte und Gesetzeswerke spiegeln dieses Stadium der Entwicklung.³⁵ So kennen bald viele Völker Orte oder Ereignisse, bei denen das gilt, was später das europäische Mittelalter als treuga dei, als Gottesfrieden bezeichnet. Schon im siebten vorchristlichen Jahrhundert schließen sich griechische Stadtstaaten zu Amphiktyonien zusammen: Die Mitglieder verpflichten sich, bei gegenseitigen Kriegen etwa das Heiligtum der Demeter an den Thermopylen oder die Tempel in Delphi zu achten und den Krieg nach bestimmten Regeln zu führen, also Ernten nicht zu verbrennen, Obstbäume nicht niederzuhauen und nach einer Schlacht dem Gegner den Rückkauf der kriegsgefangenen Griechen – freilich nur diesen – gegen ein Lösegeld anzubieten.³⁶ Bei den Griechen sollen für die Zeit der Olympischen Spiele, bei den Römern während der Feste des Latinischen Bundes die Waffen ruhen.

    Besonders lehrreich ist die Form der Kriegseröffnung. In jenen fernen Zeiten leben die Menschen meist noch verstreut in Weilern und Dörfern oder ziehen als Nomaden in die Weite; die Waffenfähigen zusammenzuziehen kostet also Zeit. Sogar in den Stadtstaaten ist es schwierig, das Heer rechtzeitig aufzubieten; die Menschen leben hier zwar gedrängter, doch dafür sind die Grenzen nahe. Das alles lädt den Angreifer geradezu ein, den Krieg mit einem Überfall zu beginnen, denn so kann er die Entscheidung erringen, noch bevor der Überfallene seine waffenfähigen Männer aufgerufen und zusammengezogen oder Söldner geworben hat. Die antiken Staaten entscheiden sich jedoch zumeist, das Gegenteil von dem zu tun, was „die Sache", das Streben nur nach der wertelosen Effizienz, gebietet. Mit der Entstehung höherer Organisationsformen, also auch zentraler Regelung der außenpolitischen Beziehungen, wird der warnungslose Überfall zurückgedrängt und die unvorteilhafteste Weise der Kriegseröffnung, die den Gegner warnende förmliche Kriegserklärung, üblich.³⁷ Die römische Republik richtete für die Kriegserklärung ein besonderes Kollegium ein, die fetiales. Seine zwanzig, später wohl vierundzwanzig Mitglieder, vollziehen die Kriegserklärung, das bellum indicere, indem sie Gesandte in den Staat senden, an den Rom Forderungen stellt. Wird die Forderung zurückgewiesen, so werfen die Fetialen einen Speer blutbeschmiert über die Grenze ins Feindesland oder symbolisch auf einen Acker vor dem Tempel der Bellona in Rom. Erst damit ist der Krieg eröffnet. Weiterhin überwachen die fetiales die Immunität Gesandter und vollziehen beim Friedensschluss mit dem vom römischen Kapitol eigens mitgebrachten Eisenkraut (verbena) das rituelle Schweineopfer.³⁸

    Ein warnender Hinweis ist an dieser Stelle vonnöten. In der Tat hatten auch die Römer Grundsätze, wann und wie ein Krieg eröffnet und geführt werden muss, denn die Götter werden nur dem den Sieg verleihen, der diese Grundsätze befolgt. „Grundsätzlich war nur ein gerechter Krieg, ein bellum iustum erlaubt", urteilt Michaela Kostial in unseren Tagen.³⁹ Dazu musste der Krieg eine causa iusta, also einen gerechten Kriegsgrund haben, er setzte in der republikanischen Zeit einen Volksbeschluss voraus und die Kriegserklärung musste gemäß dem Fetialrecht erfolgt sein. Da diese Regeln streng beachtet wurden, haben die Römer fast alle ihre Kriege als bella iusta betrachtet. Schon das kann Zweifel wecken, denn immerhin waren die Römer bei diesem Urteil über ihre eigenen Kriege Partei. Blickt man dann auf die Karte, so werden die Zweifel verstärkt. Schon im republikanischen Rom umfasste das römische Gebiet nach dem dritten Samnitenkrieg 290 v. Chr. das gesamte heutige Italien, nach den Kriegen gegen Karthago und Makedonien fast das gesamte heutige Griechenland sowie die Türkei, fast die ganze Südküste des Mittelmeers und große Teile des heutigen Spaniens. Es ist nicht glaubhaft, dass alle diese Kriege nach den strengen, von Rom verkündeten Grundsätzen, bella iusta waren.

    Wer nach einer Erklärung sucht, braucht nicht lange zu suchen. Einmal weil, wie auch Kostial schreibt, „Gerechtigkeit schon damals „ein sehr dehnbarer Begriff war.⁴⁰ Noch gewichtiger war ein zweiter Grund: Auch die Römer führten Kriege, weil sie – nach eigenem Urteil – gemäß allen gültigen Grundsätzen ungerecht behandelt wurden und die andere Seite Korrektur verweigerte. Aber es gab noch einen dritten Grund, sich an einem Krieg zu beteiligen. Die Römer nannten diesen Kriegsgrund pro fide, also Krieg aufgrund der Treue zu einem Verbündeten. Das klingt sehr moralisch. Aber es klingt nur so, denn bis heute gibt es ähnliches Verhalten. So setzte eine von den USA geführte Mächtegruppe in Afghanistan einen Präsidenten namens Karzai ein. Wer ihm widerstrebte, wurde und wird noch heute, also seit vielen Jahren pro fide, zu Karzai und seinen Afghanen mit allen Kriegsmitteln angegriffen.

    Allerdings zeichneten sich bei den skizzierten antiken Regelungen die ersten Schritte zu einem ius gentium, zu einem allgemeingültigen Völkerrecht, ab. Mehr aber noch nicht. Die Regelungen der Amphiktyonie waren lediglich eine freiwillige Übereinkunft von Staaten des gleichen Kulturkreises. Die fetiales waren Priester, sie dienten lebenslänglich und ergänzten sich durch Kooptation. Sie waren also keine zeitlich befristet bestellten Staatsbeamten wie die anderen römischen Funktionsträger, etwa die Konsuln, Prätoren und Quästoren. Sie waren den römischen Göttern, nicht einem ius gentium, verpflichtet. Kriegserklärung und Krieg blieben sakrale, keine völkerrechtlichen Akte. So erkannten auch die Römer trotz aller Regeln, die sie dem Krieg auferlegten, keine gleichberechtigte Macht neben sich an. Sie „erstreckten die Herrschaft ihres Rechtes auf die ganze ihnen bekannte Welt und betrachteten den Krieg gegen die ‚Barbaren‘ als Mittel zur Durchsetzung dieses Rechtes"⁴¹. Das Völkerrecht im modernen Verständnis ist jedoch ein Recht unter Gleichen und nicht nur eine Pflicht gegenüber den eigenen Göttern.

    Homer hingegen kennt schon Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. Kriegsregeln. Als Troer und Hellenen zur ersten Feldschlacht aufmarschiert sind, versucht Hektor von Troja, den Zweikampf der Fürsten an die Stelle eines Krieges zu setzen:

    Hektor freute sich sehr, als er die Rede vernommen,

    Trat hervor und hielt die Reihen der Troer zurücke

    Mit dem Schafte des Speeres, da setzen sich alle zur Erde

    Gegen ihn spannten die Bogen die hauptumlockten Achaier

    Zielten mit Steinen auf ihn und mit geflügeltem Wurfspieß

    Aber laut erhob Agamemnon, der König, die Stimme:

    „Haltet ein, Argeier, und werft nicht, Söhne der Griechen!

    Hektor, der Held mit wehendem Helmbusch, wünschet zu reden!"

    Sprachs, sie gehorchten und schwiegen. Da sagte der göttliche Hektor:

    „Hört mich, ihr Troer, und hört, ihr fußgeharnischten Griechen!"⁴²

    Zweikampf:

    Über dem sterbenden Krieger die entfliehende Seele (auf einer Vase im Britischen Museum)

    Indische Epen binden den Krieg in noch engere Regeln. Fußkämpfer sollen nur gegen Fußkämpfer, Berittene nur gegen Berittene fechten; entsprechende Regeln gelten auch für die Elefanten- und die Streitwagentruppe. Eine fast widernatürliche Ritualisierung wird mit Regeln erreicht, die den Regeltreuen wichtiger Vorteile berauben und seine Gefährdung erhöhen. Wer einen Gegner angreift, soll ihn vorher durch Zuruf warnen. Kann sich der erschöpfte Gegner nicht mehr wehren, gilt der Angriff als unschicklich und soll unterbleiben. Diese Regeln werden außerordentlich verfeinert:

    Heimtückische Waffen dürfen nicht verwendet werden, mithin keine gezähnten, vergifteten oder brennenden Pfeile; ein Soldat, der sein Pferd oder sein Fahrzeug verloren hat, soll nicht getötet werden, auch kein Nichtkämpfer, keiner, der bereit ist, sich zu ergeben, keiner, der gestürzt ist, keiner, der seine Rüstung verloren hat […] kein Unbewaffneter, kein Kämpfer, dessen Waffen versagt haben, keiner, der in Not ist, keiner, der schwer verwundet ist, der sich fürchtet, keiner, der sich zurückzieht.⁴³

    Das fordert eine Ritterlichkeit und Menschlichkeit, die allem weit überlegen ist, was in der griechischen oder römischen Antike üblich war. Sicherlich wird man fragen dürfen, sogar fragen müssen, ob diese Regeln von Intellektuellen jener Zeit erdacht worden sind, die nie selbst in einer Schlacht gekämpft hatten. Man wird auch fragen dürfen, wie lange diese Regeln der Wut und der Todesfurcht des Handgemenges standgehalten haben. Aber der Grieche Megasthenes, der um 280 v. Chr. Indien bereiste, berichtet:

    Wenn Inder miteinander Krieg führen, so ist es nicht üblich, die anzutasten, die das Land bestellen, sondern die eine Gruppe mag sich eine Schlacht liefern, aber die andere Gruppe pflügt oder mäht oder erntet oder pflückt Obst unmittelbar daneben.⁴⁴

    Eine solche Ritterlichkeit und eine solche Zügelung des Krieges wurden in Europa erst viele, viele Jahrhunderte später üblich. Aber noch im Ersten Weltkrieg ließ gelegentlich ein Jagdflieger einen Gegner entkommen, dessen Waffen versagten, der sich also nicht mehr wehren konnte.⁴⁵ Noch im Zweiten Weltkrieg signalisierten im Dezember 1941 die Besatzungen japanischer Bomber und Torpedoflugzeuge nach der Versenkung zweier britischer Schlachtschiffe den Überlebende bergenden britischen Kriegsschiffen: „Wir haben unseren Auftrag erfüllt – macht ruhig weiter." (We have completed our task – you may carry on.)⁴⁶

    Derartige Ereignisse machen glaubhaft, was das Nibelungenlied berichtet; es ist eine der schönsten, weil ritterlichsten Gesten der Weltliteratur. Kriemhild hat endlich Markgraf Rüdiger von Bechelaren zur Teilnahme am Kampf gegen die verhassten Burgunder bewegen können. Doch Rüdigers Tochter ist mit dem Burgunderkönig Giselher verlobt – Rüdiger wird also auf Tod und Leben gegen Freunde und Verwandte kämpfen müssen. Als Rüdiger den Schild hebt, um auf die Burgunder einzustürmen, ruft Hagen ihn an. Er kann sich nicht decken, denn seinen von Rüdigers Gemahlin Gotelind geschenkten Schild haben ihm die Hunnen im Kampf zerhauen:

    Ich stén in gròzen sorgen, sprach aber Hagene,

    den schilt den mir frou Gotelint gap ze tragene,

    den habent mir die Hiunen zerhouwen vor der hant.

    Ich fuorte in friuntliche in daz Etzelen lant.⁴⁷

    Rüdiger wird bezweifelt haben, dass Hagen den Schild wirklich mit freundlichen Absichten in Etzels Land getragen hatte. Doch er nutzt die verbale Blöße Hagens nicht, sondern antwortet, er werde gern mit dem eigenen Schild aushelfen, obwohl es schwer sei, das vor Kriemhilds Augen zu tun:

    Vil gerne ich dir waere guot mit minem schilde,

    torste (obwohl) ich dir in bieten vor Kriemhilde.

    Doch nim du in hin, Hagene, unt trage in an der hant

    heim soldest du in fueren in der Burgonden lant.

    Der Nibelungendichter schließt die Szene:

    Do er im so willeclichen (willig) den schilt ze gebene bot,

    do wart genuoger (vieler) ougen von heizen trähen (Tränen) rot.

    Die Epen vieler Völker rühmen solche Ritterlichkeit. Doch es gibt eine Ausnahme. Sie ist noch heute wichtig. Das Epos „Dede Korkut erzählt ungemein fesselnd von den Kämpfen türkischer Reiterstämme, der Oghusen, die im 13. Jahrhundert, also zur Zeit des Nibelungenliedes, aus Innerasien in den Raum südlich des Kaukasus vordringen. Doch Ritterlichkeit gibt es für die Oghusen nur bei Kämpfen zwischen türkischen Stämmen, aber nur Schwert, Pfeil, Bogen und Verachtung, wenn sie gegen Christen, „Ungläubige, den Rücken ihrer Kaftane geschlitzt, schwarzhaarig, Anhänger einer stinkenden Religion, Feinde des wahren Gottes kämpfen.⁴⁸ Der jede Ritterlichkeit ausschließende Hass gegen Menschen, die zwar nicht einer „stinkenden Religion, sondern einer entsprechenden Ideologie anhängen, ist auch dem europäischen Abendland bis in unsere Tage fast „normal. Doch das wird noch zu schildern sein.

    Zusätzlich treten schon früh neue Ausgrenzungsgründe auf; sie haben ihre Wurzel in der zunehmenden sozialen Differenzierung der Gesellschaft – und auch sie sind der heutigen Zeit bekannt. Diese Ausgrenzung ist besonders gefährlich, weil sie sich nicht auf Fernstehende, sondern auf Menschen bezieht, die in der eigenen Gruppe leben. Von der Ausgrenzung des Klassengegners berichtet Thukydides bei der Darstellung der Kämpfe zwischen Adel und Gemeinen auf Korfu im Jahr 427 v. Chr.:

    […] erschlugen sie jeden Gegner, dessen sie habhaft wurden; aus den Schiffen hießen sie alle, die sie hineingelockt hatten, aussteigen und erledigten sie; dann gingen sie ins Heraheiligtum und überredeten etwa fünfzig von den Schutzflehenden, sich einem Gericht zu stellen, das sie alsbald alle zum Tode verurteilte; die große Mehrzahl, die sich nicht darauf eingelassen hatten und nun sahen, was geschah, brachten im Heiligtum selbst sich gegenseitig um, manche erhängten sich an den Bäumen oder entleibten sich, wie jeder konnte. Sieben Tage lang mordeten die Kerkyrer jeden, den sie für ihren Gegner hielten […]. Manche fielen auch als Opfer persönlicher Feindschaft, wieder andere, die Geld ausgeliehen hatten, als Opfer ihrer Schuldner.⁴⁹

    Resignierend zieht Thukydides, in jenen Jahren selbst athenischer Feldherr, Bilanz:

    Der Tod zeigte sich da in jederlei Gestalt, wie es in solchen Läuften zu gehen pflegt, nichts, was es nicht gegeben hätte und noch darüber hinaus.

    Hieran knüpft Thukydides eine Bemerkung über die Veränderung der Sitten und über die Beschönigung von Untaten durch eine geschmeidige Vernunft, die hehre Ziele nur heuchelt:

    […] spornte die Kunde vom bereits Geschehenen erst recht zum Wettlauf im Erfinden immer der neuesten Art ausgeklügelter Anschläge und unerhörter Rachen. Und den bisher gültigen Gebrauch der Namen für die Dinge vertauschten sie nach ihrer Willkür […]. Sittlichkeit (galt) als Deckmantel einer ängstlichen Natur […]. Tücke gegen andere, wenn erfolgreich, war ein Zeichen der Klugheit […]. So vollbrachten sie ohne Scheu die furchtbarsten Dinge und überboten sich dann noch in der Rache.

    Offenbar erwies sich das Denken schon damals oft als willfährig und lieferte für jede Untat eine Rechtfertigung. Vermutlich ist es kein Zufall, dass die Griechen mit ihrer hoch entwickelten Philosophie und ihren vielen „Intellektuellen" hier anfälliger waren als Völker, die noch von vorrationalen sowie magisch-religiösen und deshalb von einer geschmeidigen Vernunft schwerer zu korrumpierenden Wertungen beherrscht wurden. Gewichtig ist hier das Urteil Herodots. Seine weiten Reisen in Griechenland, Italien, Afrika und Asien hatten ihm Möglichkeiten zum Vergleich gegeben; die Perserkriege hatte er selbst miterlebt. Deshalb hat es Gewicht, wenn Herodot, obwohl Freund des Perikles und des Sophokles, dennoch urteilt, Ritterlichkeit sei eher bei den Persern als bei den Griechen zu finden. Er berichtet, wie die Perser dem gefallenen Spartanerkönig Leonidas nach der Schlacht an den Thermopylen das Haupt abschlugen und den verstümmelten Körper kreuzigten. Daran knüpft er die Bemerkung, solch ein Verhalten sei ganz ungewöhnlich,

    weil von allen Völkern, die ich kenne, die Perser am meisten tapfere Krieger ehren.⁵⁰

    Der Betrachter wird allerdings bald bemerken, dass die antike Praxis, Fernstehende auszugrenzen, auch manchem versöhnlichen Zug Raum ließ. Die Ausgrenzung des „Klassenfeindes" konnte eine starke Obrigkeit unterdrücken. Eine Ausgrenzung aufgrund religiöser Merkmale war selten, weil monotheistischen Religionen eigentümlich, also den polytheistischen Kulturen der Römer, Griechen, Ägypter, Inder und Chinesen fremd. Noch seltener war eine Ausgrenzung aufgrund unveränderlicher Merkmale wie der Rasse. Also traf die Ausgrenzung Fernstehende, Fremde. Das machte es leicht, den Fremden beim Nähertreten in den Geltungsbereich der eigenen Gesetze aufzunehmen. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele schon aus der europäischen Antike. Der Apostel Paulus war ein Jude mit römischem Bürgerrecht. Hermann der Cherusker, Arminius, der den großen Germanenaufstand gegen die Römer anführte, war nicht nur civis romanus, römischer Bürger, sondern auch Ritter, Angehöriger des niederen Adels. Die Römer hatten den „Barbaren" in ihr Imperium und in den Geltungsbereich ihrer Gesetze und Normen aufgenommen.

    Auch in der griechischen Kultur zeigen zahlreiche Ereignisse, dass die Ausgrenzung der Fremden überwindbar war. Philipp von Makedonien hat allerdings zu einem gesamtgriechischen Rachefeldzug gegen den persischen „Erbfeind aufgerufen. Doch das war wohl mehr nationale Politik als nationalistisch befeuerte Ideologie; Jacob Burckhardt nennt Philipp einen „großen Realpolitiker und setzt ihn gegen die „Tugendidealisten, Ruchlosen und Narren"⁵¹. Nach der Ermordung seines Vaters übernahm Alexander der Große Philipps Programm. Er war von Aristoteles erzogen worden und Plutarch berichtet, Aristoteles habe seinen Schüler aufgefordert, die barbaroi so zu behandeln wie ein Herr seine Sklaven. Plutarchs Zeugnis ist nicht sicher – er lebte vierhundert Jahre später –, aber die Überzeugung von der Überlegenheit der Hellenen über alle anderen Völker war im griechischen Kulturkreis so selbstverständlich, dass Alexander das gewusst haben muss.

    Der griechische Philosoph Aristoteles (rechts) im Gespräch mit seinem Schüler Alexander (Druck von Charles Laplante, 1866)

    Aber selten ist ein Sieger seinem geschlagenen Gegner so ritterlich entgegengetreten wie Alexander dem persischen, den barbaroi zugehörigen „Erbfeind: den persischen König Dareios III. ließ er prunkvoll bestatten, der Mutter und der Witwe des Königs gewährte er Hofstaat sowie königlichen Unterhalt und einer seiner vertrauten Generale heiratete eine der Töchter. Alexander selbst nahm Roxane zur Frau, eine Fürstentochter aus dem Herzen Asiens, aus der südsibirischen Steppe, und vieles deutet darauf hin, dass er diese „Barbarin geliebt hat. Illustrativ für seine Gedanken ist die berühmte Massenhochzeit in Susa, bei der 10.000 Offiziere und Soldaten asiatische Frauen, also „Barbarinnen", nicht etwa als Sklavinnen annahmen, sondern heirateten.

    Das Altertum hat solche Ritterlichkeit, sogar wenn sie auf Fremde ausgedehnt wurde, positiv bewertet. Deshalb eigneten sich solche Ereignisse sogar zur Propaganda. Aetion, ein Zeitgenosse Alexanders, schuf ein Gemälde von der Hochzeit Alexanders mit Roxane und stellte es in Olympia aus. Das Bild ist verloren, doch Lukian hat eine so genaue Beschreibung überliefert, dass Sodoma es im frühen Barock nachbilden konnte. So dokumentiert das Bild das Bestreben Alexanders, die Grenzen zu den „Barbaren" zu überwinden und die griechische Kultur mit der Kultur des Orients zu versöhnen – ein Bestreben, das zur Zeit von Aristoteles, aber auch in späteren Epochen und sogar heute, nicht selbstverständlich gewesen war und ist.

    Hochzeit Alexanders des Großen mit Roxane. Fresco von Sodoma aus dem Jahre 1517 in der Villa Famesina zu Rom. Während die Dienerinnen das Hochzeitsgemach schon verlassen, helfen Eroten der Braut beim Auskleiden. Den heranschreitenden Alexander begleitet ein Freund, ein anderer Freund meldet sein Kommen.

    Die Bewertung des Krieges und die tatsächliche Kriegführung wurden schon in den frühen Hochkulturen zutiefst durch die Religion beeinflusst. Viele der frühen Völker sahen Kriegs- und Schlachtverlauf als Gottesurteil. Dabei bestimmen die Götter nicht nur den Sieger und den Verlierer, sondern sie greifen auch persönlich ein, um ihren Wunsch durchzusetzen. Diese Anschauung findet sich bei monotheistischen wie auch bei polytheistischen Religionen. Der Gott des Alten Testaments ordnet nicht nur Kriege an, sondern er wird persönlich tätig, damit der Krieg den gewünschten Verlauf nimmt:

    Als nun die Morgenwache kam, schaute der Herr auf der Ägypter Heer, aus der Feuersäule und Wolke, und machte ein Schrecken in ihrem Heer, und stieß die Räder von ihren Streitwagen; stürzte sie um mit Ungestüm.⁵²

    Ebenso unmittelbar greifen die Götter Homers, der Ilias, in die Schlachten ein. Als den Hellenen vor Troja erstmals eine Niederlage droht, schaltet Zeus’ hellenenfreundliche Gemahlin Hera ihren trojafreundlichen Gemahl mit einer weiblichen List aus. Sie beschafft sich von der Liebesgöttin Aphrodite einen liebeweckenden Gürtel. Dann

    bestieg Hera mit Eile den höchsten Gipfel des Ida

    Gargaron. Sie erblickte der wolkenversammelnde Zeus.

    Wie er sie sah, beschlich die Liebe die Seele des Gottes

    so stark wie einst, als sie zuerst sich brünstig umarmten

    und heimlich, ohne Wissen der Eltern, erstmals ihr Lager bestiegen.⁵³

    Was Hera erhofft, wird bald Wirklichkeit:

    Ruhig hielt der Vater der Götter auf Gargarons Gipfel

    Von dem Schlaf und der Liebe bezwungen sein Weib in den Armen.

    Damit haben die Hellenenfreunde unter den Göttern freie Bahn; Poseidon, der Meeresgott, befeuert selbst den Mut der Griechen und führt sie an. Sofort wendet sich das Schlachtenglück. Die Griechen siegen, aber sie siegen nur, bis Zeus aus dem Liebesschlaf erwacht, zornig das Geschehen vor Troja sieht und erbost seiner Ehefrau Hera Prügel androht. Nun gewinnen die Trojaner wieder die Oberhand. Die trojafreundlichen Götter schalten als erstes Patroklos, den Vorkämpfer der Griechen, aus. Apoll führt den ersten Streich:

    Die Götter greifen tief in das Kriegsgeschehen ein: Paris tötet Achill. Von einer Pelike um 460 v. Chr. Paris (links) trägt den gleichen Lorbeerkranz wie Apollon, dessen Kraft so auf ihn übergeht. Doch nicht einmal das genügt. So lenkt der für die Sterblichen unsichtbare Gott die tödlichen Pfeile in die Ferse Achills.⁵⁴

    Er stand hinter ihm und schlug ihn zwischen die breiten Schultern

    mit gesenktem Arm; da schwindelte den Augen des Patroklos.

    Von dem Haupte warf ihm Apollon den Helm herunter […]

    In den Händen des Patroklos zerbrach der lange, schwere,

    große, mächtige und erzgeschäftete Speer. Von den Schultern

    fiel der lange Schild mit seinem Gehenke zur Erde

    Und ihm löste Phoibos, der Sohn Kronions, den Panzer.

    Nachdem die Götter so Patroklos’ Waffen und Schutzwehr genommen und ihn schwer verwundet haben, kann ihm ein Trojaner eine Lanze zwischen die Schulterblätter werfen. Patroklos zieht die furchtbare Waffe heraus und versucht, in der griechischen Schlachtordnung Schutz zu finden. Aber da kommt Hektor

    und ging dicht auf ihn zu, durch die Reihen,

    und stieß ihm die Lanze durch die Mitte des Bauchs.

    Das mordende Erz durchdrang ihn. Rasselnd fiel er.

    Wer die Götter so unmittelbar am Krieg beteiligt sah, dem musste die Frage, ob Krieg überhaupt sein dürfe, fernliegen. Deshalb brauchten die Griechen nicht, wie oft die Juden, einen Gott, der die Kriege anordnete. Da die Götter sich jedoch am Schlachtgetümmel und Schlachtausgang beteiligten, konnten Kriegslisten und taktische Finessen leicht als sündhafte Versuche erscheinen, sich Wunsch, Willen und Urteil der Götter zu entziehen. Es konnte dann gottgefälliger sein, Zeit und Ort der bevorstehenden Schlacht zu verabreden, aufzumarschieren, zu warten, bis auch der Gegner kampfbereit war und lediglich der eigenen Tapferkeit zu vertrauen, denn nur so war das schlachtentscheidende Wohlwollen der Götter zu erringen.

    Solche Bräuche waren weit verbreitet. Man konnte sie sogar in Kriegen gegen fremde Stämme beobachten, denn es galt, die Hilfe der eigenen Götter zu verdienen. So berichtet schon Herodot, dass sich Perser und ihre innerasiatischen Gegner zur Schlacht verabredeten.⁵⁵ Die Kimbern und Teutonen vereinbarten mit den Römern den Ort und die Zeit der Schlacht von Vercellae (102 v. Chr.) – was die Römer weidlich zu ihrem Vorteil genutzt haben sollen.

    Die Vorstellung, Schlacht und Sieg seien vom Urteil der Götter abhängig, blieb bis ins Mittelalter lebendig. Vor der Schlacht bei Crécy (1346) stellte der König von Frankreich dem englischen König zwei Schlachtfelder sowie vier Termine zur Auswahl.⁵⁶ Ein besonders deutliches Bild zeigt die Schlacht bei Mühldorf (1322) zwischen Friedrich dem Schönen von Habsburg und Ludwig dem Bayern. W. Erben hat dargelegt, vielleicht nachgewiesen, dass Friedrich auf wichtige strategische Vorteile – Vereinigung mit einem Verstärkungsheer – verzichtet hat. Nach einer Doppelwahl ging es um die Kaiserkrone und Friedrich glaubte, Gott werde unbeachtet der Truppenstärke demjenigen den Sieg zugestehen, der ihn verdient – er verlor die Schlacht.⁵⁷

    Noch im 19. Jahrhundert verschmähten es die Maoris, eine eingeschlossene britische Truppe auszuhungern, denn es galt als ehrlicher, den Gegner im Kampf Mann gegen Mann, Brust gegen Brust, niederzuringen:

    Sie kämpfen nicht mit Listen. Sie schlagen sich mutig, aber nach Regeln. Mr. Williams und seine Brüder, die eine Farm bei Pakarakra besaßen, hatten Ziegen und Vieh an den Intendanten (Verwaltungsbeamten) der englischen Truppen verkauft. Der Vertrag sah die Ablieferung an die englische Truppe vor. Während sie die Tiere zuführen wollten, trafen die Viehtreiber auf eine große Schar von Maori-Kriegern, die fragten, was sie täten und wohin sie gingen. Als sie erfuhren, dass die Ziegen und das Rindvieh zum britischen Lager getrieben wurden, sagten sie: „Kapai, tino pai, gut, sehr gut. Wir werden euch helfen." Sie kehrten um, halfen den Treibern, das Vieh bis in Gewehrschussweite des britischen Lagers zu treiben, dann zogen sie sich zurück und nahmen ihre Beschäftigung wieder auf, die gegenwärtig darin bestand, mit den englischen Soldaten zu kämpfen.⁵⁸

    So hat der Krieg in der Frühzeit der Kulturen verschiedene Formen gefunden. Doch in den europäischen frühen Kulturen änderte sich die grundsätzliche Bewertung oder Rechtfertigung des Krieges nicht. Der Krieg galt als unabänderliche, sogar notwendige Lebensform der Menschen, wie es Heraklit von Ephesos um 500 v. Chr., also schon in der Frühzeit der griechischen Philosophie, formulierte. Der polemos, der Krieg, genauer: der universale Kampf der Gegensätze, ist Vater aller Dinge und König des Menschengeschicks.⁵⁹ Eine spezielle Rechtfertigung oder Begründung ist also nicht erforderlich. Der Krieg ist naturgegeben und auch von Gott oder den Göttern gewollt.

    Sucht man nach den Gründen, warum so viele frühe Kulturen den Krieg anders gesehen haben als die modernen westlichen Kulturen, so fällt, neben den religiösen Vorstellungen, bald die unterschiedliche Bewertung des Individuums und seiner Rechte ins Auge. Die Sklaverei, die sogar in Rom bis in die Zeit der Punischen Kriege üblichen Menschenopfer, die Gladiatoren „spiele", die weite Verbreitung der Todesstrafe und die Gelassenheit, mit der missliebige Kriegsgefangene versklavt und oft getötet wurden, zeigen, dass im Mittelpunkt der antiken Weitsicht nicht das Schicksal oder gar die Leiden des Einzelnen standen. Für den Griechen ist die polis, der Stadtstaat, so allmächtig, dass Jacob Burckhardt von der „Staatsknechtschaft des Individuums" sprach.⁶⁰ Die Unfähigkeit, als Einzelner zu existieren, schildert der Dichter des germanischen Havamal noch in der Zeit des Übergangs zum Christentum in einem ergreifenden Bild:

    Tod des Patroklos (Rekonstruktion der sog. Pasquino-Gruppe). Aias (oder Menelaos) verteidigt den gefallenen Freund, dem Hektor schon die Rüstung geraubt hatte (Florenz, Loggia dei Lanzi).

    Die Föhre dorrt,

    steht sie frei auf dem Berg,

    nicht schützt sie Borke noch

    Blatt;

    So ist’s mit dem Mann,

    den alle meiden,

    was lebt er länger noch?⁶¹

    Wo der Vereinzelte, das Individuum, so wenig gilt, fallen seine Leiden und sein Tod bei der Bewertung des Krieges nur wenig ins Gewicht. Unbedingten Vorrang vor dem Individuum haben die Familie und die Sippe. Das kann nicht anders sein. Noch ist der Existenzkampf so hart, dass der Einzelne und sogar die Kleinfamilie kaum überleben können. In den Nomadenstämmen wäre verloren, wer sich vereinzelt, und auch in den Weilern und Dörfern fehlt, was eine Kleinfamilie stützen und die Großfamilie, die Sippe, entbehrlich machen könnte. Verehrung der Ahnen und Unterstützung des Zusammenhaltes der eigenen Sippe gehören noch heute zu den Gebräuchen mancher ferner Kulturen. Das zeigt zum Beispiel jeder Blick in die Werke des wichtigsten und auch im Westen geschätzten kirgisischen Autors Tschingis Aitmatow (1928–2008).⁶²

    Zudem ist noch der alles überragende Wert nicht das Leben, sondern die Ehre;

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