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Zen: Erwachen zum ursprünglichen Gesicht
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eBook342 Seiten4 Stunden

Zen: Erwachen zum ursprünglichen Gesicht

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Über dieses E-Book

Erwachen zum ursprünglichen Gesicht - nur darum geht es letztlich im Zen. Es beinhaltet die Auseinandersetzung mit dem, was ich wirklich bin: Nur etwas Flüchtiges in der Welt, das bald vergeht? Nur meine Geschichte, meinsozialer Status, meine physische Form, meine Beziehungen, meine Lieben, meine Freundschaften? Oder bin ich mehr als das?
Zen fragt nach dem Geheimnis der Existenz, das jenseits unserer Kontrolle und Manipulation liegt. Der indische Zen-Meister Ama Samy, sowohl im Christentum als auch im Zen zutiefst beheimatet, zeigt Wege auf, wie wir uns diesen Lebensfragen stellen können. Und er macht deutlich, dass Christen sehr wohl das im Buddhismus verwurzelte Zen üben können, ohne ihren Glauben aufgeben zu müssen. Dass aus der Begegnung (nicht Vermischung) der beiden Traditionen etwas Neues entstehen kann, eine neue Ethik des Herzens, die ihre Kraft sowohl aus der Stille als auch aus der tiefen Wahrnehmung des anderen Menschen bezieht. Der Herausgeber Stefan Bauberger hat dem Buch eine kurze Einführung in die Geschichte des Zen und eine Anleitung zur konkreten Übung des Zazen beigefügt.
SpracheDeutsch
HerausgeberTheseus Verlag
Erscheinungsdatum26. Jan. 2017
ISBN9783958832350
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    Buchvorschau

    Zen - Ama Samy

    Vorwort des Autors

    Dieses Buch ist aus Zusammenfassungen meiner Teishos, Ansprachen und Briefe an meine Schüler entstanden. Stefan Bauberger hat die geschichtlichen Bezüge mitgestaltet, und er ist Herausgeber des Ganzen. Diese Sammlung von Teishos ergibt eine bessere und abgerundetere Sicht meiner Lehre des Zen als meine beiden früheren Bücher. Ich danke Stefan und auch dem Theseus Verlag, der das Buch freundlicherweise verlegt.

    Zen ist ein tiefer und wunderbarer Weg. Man muss aber beachten, dass dieser Weg von der japanischen Kultur geprägt und in sie eingebettet ist. Ich selbst habe Zen bei einem japanischen Meister gelernt. Heute wird Zen in den Westen übertragen und steht einer neuen Kultur und Gesellschaft gegenüber. Buddhismus und Zen sind im Westen nicht einfach dasselbe wie im Osten. Das ist so, und das ist gut so. Darin lauern aber auch viele Fallstricke und Gefahren, von Verdrehungen bis hin zu Betrug. Im Osten ist Zen in die kulturelle Tradition und Struktur eingebettet, was einen gewissen Respekt und Schutz mit sich bringt, selbst dann, wenn der Zenmeister seicht und unreif ist. Im Westen allerdings, ohne diesen kulturellen und traditionellen Rahmen, liegt die ganze Last auf den Lehrenden. Sind sie nicht tief und authentisch, wird die Lehre und ihre Weitergabe verfälscht. Es heißt, dass eine gute Lehre in der Hand eines schlechten Lehrers schlecht und eine schlechte Lehre in der Hand eines guten Lehrers gut wird. Die westlichen Lehrer umfassen das ganze Spektrum von seichten und unreifen bis hin zu genialen Lehrern. Es ist für Schülerinnen und Schüler nicht leicht, Geniales und Falsches oder Seichtes im Supermarkt der Spiritualität, der Meister und Gurus zu unterscheiden. Nicht selten zeigt sich das Böse im Engelsgewand. Oft werden Menschen durch halberfahrene Lehrer verführt und in Bezug auf die ganze Wahrheit verblendet.

    Dieses Problem gab es natürlich seit Anbeginn der Geschichte des Zen. Einige Koans und Mondos (Zendialoge) handeln davon und versichern, dass das Dharma nicht zerstört werden kann, dass es letztlich weder Unterscheidung noch Dualismus gibt. Vom absoluten Standpunkt aus gesehen, ist das richtig. Vom relativen Standpunkt aus betrachtet, müssen wir aber wahr von falsch, gut von schlecht unterscheiden. Diese Aufgabe betrifft in erster Linie die authentischen Lehrerinnen und Lehrer und die Sangha. Das Erwachen selbst ist jenseits von Zeit und Raum. Die Verwirklichung und die Anerkennung des Erwachens ist aber ein Prozess im gemeinsamen Miteinander von Meister und Sangha, in Gerechtigkeit und Gnade.

    Ich selbst habe unter Yamada Koun Roshi in Kamakura (Japan) Zen geübt und von ihm die Lehrbefugnis erhalten. Er starb 1989. Die Zenschule, die er und Yasutani gründeten, Sanbo-Kyodan genannt, wurde in der Folge von Jiun Kubota und seinem Sohn Ryun Yamada weitergeführt. Von ihnen erhielt ich den weiteren Titel »Assoziierter Roshi« (jap. Junshike). Sanbo-Kyodan enttäuschte jedoch bald meine Erwartungen, so dass ich schließlich die Mitgliedschaft aufkündigte. Dessen ungeachtet fühle ich mich in kreativer Treue dem Dharma verpflichtet, zu dem ich durch Koun Yamada erwacht bin, und meine Verwirklichung ist gereift wie der uralte kosmische »Baum mit dem Himmel als Wurzel und der Erde als Äste«. Ich habe die Gemeinschaft der Bodhi-Sangha gegründet, um das authentische Dharma weiterzugeben.

    Chögyam Trungpa spricht von der einsamen Reise des Lehrers¹, was mich sehr an meine Situation erinnert: Hat man einmal die Richtung gezeigt bekommen und die Lehrbefugnis erhalten, muss man auf einem einsamen Pfad dahinwandeln, in Treue zu sich selbst und zum Dharma: »… kein Lehrer gratuliert uns mehr. Wieder bist du alleine: Du bist ein einsamer Schüler und ein einsamer Lehrer. Niemand wird dich dafür beglückwünschen, dass du Buddha selbst bist. Niemand wird dich auf den Thron erheben. Würde das tatsächlich geschehen, wäre es gefährlich, es wäre nicht der richtige Zeitpunkt, es wäre nicht mehr wahrhaftig. Deshalb ist die einsame Reise von großer Wichtigkeit.«²

    Ich stehe zwischen Christentum, Hinduismus, Buddhismus und Zen. Lange Zeit war ich ein Pilger und Suchender. Meine ganze Sorge gilt dem Dharma und meinen Schülerinnen und Schülern. In dieser Verpflichtung gab es Freude und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, Angst und Frieden, und ich habe viel gelitten. Im Angesicht von so viel Sorge, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung um mich herum, sehe und bejahe ich Glauben, Hoffnung, Freude, Mitgefühl und Frieden. Buddham saranam gacchami/Sangham saranam gacchami/Dhammam saranam gacchami! Ich nehme Zuflucht zum Buddha, ich nehme Zuflucht zum Dharma, ich nehme Zuflucht zur Sangha!

    Vorwort des Herausgebers

    Dieses Buch ist ein Geschenk von Pater AMA Samy an seine Schülerinnen und Schüler und an alle, die das Herz und den Geist von Zen erfassen und darin eindringen wollen. Es ist dasselbe Dharma, dieselbe Wahrheit, seit undenklichen Zeiten, und dennoch spiegelt sich diese Wahrheit in vielfältiger Weise und wird von jedem Zenmeister in seiner je eigenen Form dargelegt.

    Pater AMA Samy steht in großer Treue in der Zentradition und ist gleichzeitig kreativ daran beteiligt, diese Tradition in Indien und im Westen neu und in neuen Formen zu begründen. Es ist einfach, die überkommenen Formen aus Japan zu übernehmen, aber Zen betont, dass Imitation den Geist tötet. Die Suche nach den rechten Formen für Zen im Westen in der heutigen Zeit ist eine große Herausforderung, und wir bewegen uns mit tastenden Versuchen, um die Möglichkeiten auszuloten.

    Pater AMA Samy nimmt bei dieser Suche eine Mittlerposition ein und kann zu diesem Prozess in besonderer Weise beitragen. Seine Mittlerposition rührt zum einen daher, dass er als Inder nicht nur geographisch, sondern auch kulturell zwischen Europa und dem Fernen Osten zu Hause ist. Weiterhin steht er zwischen den Religionen, aufgewachsen unter Hindus und eng verbunden mit dem volkstümlichen Hinduismus, in der Kindheit mit geprägt von Einflüssen eines islamischen Mystikers, nach der Schule in den Jesuitenorden eingetreten und katholischer Priester geworden, durch die Übung des Zen auch im Buddhismus zu Hause. Zu seinem Verständnis des Buddhismus trägt zudem sein indischer Hintergrund mit bei, seine besondere Verbundenheit mit dem Ursprungsland des Buddhismus. Weiterhin werden die Leserinnen und Leser entdecken, dass Pater AMA Samy auch mit der modernen westlichen Tradition, insbesondere mit Philosophie, Psychologie und Theologie, sehr gut vertraut ist und versucht, viele Brücken zu schlagen, die Zen in die westliche Kultur hinein vermitteln.

    Diese Vermittlung kann nur gelingen, wenn das Dharma, die Wahrheit des Zen, in der ganzen Tiefe erfasst wird, das heißt, wenn die Leerheit und die Unterscheidung zusammen gesehen werden und wenn dieses Miteinander in der rechten Weise verstanden wird. »Schnee in einer Silberschale anhäufen« nennt man das im Zen bildhaft (vgl. im Teisho »Der uralte Strom«, S. 46). Vorschnelle Vereinfachungen, insbesondere die stereotype Berufung auf Erfahrungen und Erlebnisse, die in der bisherigen westlichen Tradition des Zen gang und gäbe sind, führen oft in die Irre. Pater AMA Samy trägt mit seiner Weitergabe des Dharma und mit diesem Buch dazu bei, das Dharma in seiner Fülle und gleichzeitig in seiner Einfachheit zu vermitteln. Diese Fülle des Dharma bezieht die Wirklichkeit des Menschen in all ihren Dimensionen mit ein.

    Das Buch ist eine Sammlung von Teishos. Teishos sind Lehrvorträge, die einen besonderen Anspruch haben. Ein Teisho ist nicht einfach nur eine Ausführung über bestimmtes objektives Wissen, sondern es ist eine Begegnung von Herz zu Herz. Der Zenmeister, hier Pater AMA Samy, spricht, und das Dharma zeigt sich und wird lebendig. Dieses Dharma entzieht sich einer objektiven Darlegung, aber im Teisho wird es aktualisiert. Die Spontaneität der gesprochenen Rede von Pater AMA Samy, mit der seine Schülerinnen und Schüler wohl vertraut sind, lässt sich zwar in der geschriebenen Form nicht ganz einfangen. Dennoch weht in den Teishos dieses Buches der Geist des Dharma von Pater AMA Samy, seine Weite und Offenheit, seine Freiheit, sein ringender Geist des Suchens nach immer weiterer Vertiefung.

    Pater AMA Samy hat sein Leben der Weitergabe des Dharma in den Westen und in Indien gewidmet. Das Dharma ist ein kostbarer Schatz und seine Weitergabe ein wunderbarer Vorgang. Aber es gilt auch zu beachten, was Mumon in dem Gedicht zum 17. Fall über diese Weitergabe sagt:

    Er trug ein eisernes Joch ohne Loch

    Und hinterließ einen Fluch, der auf seine Nachkommen

    übergeht.

    Wenn du das Tor und die Türen stützen willst,

    Musst du mit bloßen Füßen einen Berg von Schwertern

    erklimmen.

    Die Übertragung des Dharma ist beileibe kein einfaches Unterfangen. Sie fordert den ganzen Einsatz, sowohl vonseiten des Zenmeisters, der Zenmeisterin, als auch des Schülers oder der Schülerin. Wenn diese Bereitschaft vorhanden ist und wenn sie gleichzeitig von Mitgefühl umfasst wird, dann gilt aber auch, dass dieses Joch nicht drückt und dass diese Last leicht ist. (Mt 11, 30). Noch ein weiteres Gedicht von Mumon passt in diesen Zusammenhang:

    Auf des Schwertes Schneide entlanggehen,

    über scharfkantiges Eis laufen –

    weder Stufen noch Leitern benutzend:

    Freihändig von den Felsklippen springen.

    (Gedicht zum Fall 32 im Mumonkan)

    Welch wunderbares Spiel ist doch dieser freie Tanz eines lange gereiften Meisters über die Felsklippen!

    Diese Sammlung von Teishos hat keinen wissenschaftlichen Anspruch. Um der besseren Lesbarkeit willen sind daher die meisten Namen von Zenmeistern in ihrer vertrauteren japanischen Form wiedergegeben. Auch wurden die diakritischen Zeichen sowohl bei japanischen als auch bei Pali- und Sanskrit-Wörtern weggelassen.

    Pater AMA Samy hat die Teishos auf Englisch gehalten und aufgeschrieben. Ein geläufiges Problem der Übersetzung aus dem Englischen ist die Frage nach weiblichen und männlichen Formen. Bei der Übersetzung wurde versucht, zwischen männlichen und weiblichen Formen abzuwechseln. In keinem Fall soll die Verwendung einer Form das andere Geschlecht ausschließen.

    In den Teishos von Pater AMA Samy werden viele Zentexte zitiert, vor allem Koans und andere Geschichten. Da jedes Teisho in sich vollständig ist, sind bei diesen Zitaten Wiederholungen unvermeidbar. Ein Leser oder eine Leserin, der oder die das ganze Buch an einem Stück liest, könnte sich daran stören. Wer aber die Teishos einzeln liest, wird die Wiederholungen schätzen, weil durch sie jedes Teisho eine eigene Einheit bildet. Koans werden im Text nur mit Nummern zitiert. Bei den Koans aus dem Mumonkan orientiert sich die Übersetzung hauptsächlich an dem Kommentar von Low³, wobei aber auch andere Übersetzungen zu Rate gezogen wurden. Für die Übersetzung der Zitate aus den anderen Koansammlungen wurden die im Literaturverzeichnis aufgeführten Koanausgaben zu Rate gezogen. Bibelzitate werden in der üblichen Form zitiert, vgl. zum Beispiel oben »Mt 11, 30«.

    Im Anhang des Buches findet sich ein kurzer geschichtlicher Überblick zu Zen, der helfen soll, einige der Zenmeister, die von Pater AMA Samy erwähnt und zitiert werden, und die damit verbundenen Geschichten besser einordnen zu können. Weiterhin findet sich dort ein Glossar, das einige wichtige Begriffe aus den Teishos erklärt, soweit sich die Erklärung nicht aus dem Zusammenhang ergibt.

    Viele haben mitgeholfen, damit dieses Buch fertig gestellt werden konnte. Besonders danke ich denjenigen, die bei der Übersetzung und beim Korrekturlesen geholfen haben: An erster Stelle Karim El Souessi, weiterhin auch Isolde Macho-Wagner, Reinhard Koch und Franziska Achatz. Auch dem Theseus Verlag und der Lektorin Ursula Richard sei gedankt für das Entgegenkommen, dieses Buch zu verlegen, für die Unterstützung bei der Vorbereitung sowie für die Zustimmung, das Teisho »Nach deinem Tod, wohin gehst du dann?« in diese Ausgabe aufnehmen zu können.⁴ Ein weiterer besonderer Dank gebührt Gabriele Oelschläger für die Zeichnungen, die das Buch illustrieren.

    Erwachen

    Dein ursprüngliches Gesicht vor deiner Geburt

    Der sechste Patriarch wurde von dem Mönch Myo bis nach Daiyurei verfolgt. Als der Patriarch Myo kommen sah, legte er die Robe und die Schale auf einen Felsen und sagte zu ihm: »Diese Robe verkörpert den Glauben, soll man dafür kämpfen? Ich erlaube dir, sie mitzunehmen.« Myo versuchte, die Robe hochzuheben, aber er konnte es nicht. Sie war so fest und unbeweglich wie ein Berg. Zögernd und zitternd wagte er zu sagen: »Ich kam wegen des Dharma, nicht wegen der Robe. Ich bitte dich, lehre deinen Diener.«

    Der Patriarch sagte: »Denke nicht an gut und böse! Was ist in diesem Augenblick dein ursprüngliches Gesicht?« Bei diesen Worten kam Myo plötzlich zu großem Erwachen; sein ganzer Körper war schweißgebadet. Tränen liefen über sein Gesicht, er verbeugte sich und sagte: »Gibt es neben den geheimen Worten und der geheimen Bedeutung noch etwas Tieferes?«

    Der Patriarch antwortete: »Was ich dir gerade gesagt habe, ist kein Geheimnis, du hast dein Wahres Selbst erkannt, und etwas Tieferes kommt allein aus deinem Geist.«

    Myo sagte: »Als ich zusammen mit den Mönchen bei Obai war, erwachte ich nicht zu meinem Wahren Selbst. Jetzt, wo ich deine Unterweisung erhalten habe, ist es, wie wenn ein Mensch Wasser trinkt und selbst weiß, ob es warm oder kalt ist. Du bist mein Lehrer!« Der Patriarch sagte: »Wir haben beide Obai als unseren Lehrer. Halte an dem fest, was du von ihm gelernt hast.«

    (Mumonkan, Fall 23)

    In dieser Geschichte über den sechsten Patriarchen des Zen ist viel Legende, bleibt vieles in Dunkelheit und Widersprüchlichkeit gehüllt. Lasst uns die Geschichte jedoch so betrachten, wie sie im Rahmen der Zentradition überliefert wurde. Der Name des sechsten Patriarchen war Eno (japanisch) oder Hui-neng (chinesisch). Er war ein armer und ungebildeter Brennholzverkäufer, nicht einmal des Lesens und Schreibens mächtig. Eines Tages, als er in der Stadt Holz verkaufte, hörte er jemanden das Diamantsutra rezitieren und wurde von einem Satz tief berührt: »Nirgendwo gegründet, tritt der Geist hervor.« Das wurde für ihn zum Antrieb, einen wirklich erwachten Meister zu suchen. Auf diese Weise kam er zum fünften Patriarchen. Der fünfte Patriarch fragte ihn, woher er denn komme. »Aus Reinan (südlich des Berges), Meister.« »Was suchst du?« »Ich möchte ein Buddha werden.« »Ihr Barbaren aus Reinan habt keine Buddha-Natur. Wie kannst du dann erwarten, ein Buddha zu werden?« Eno antwortete: »Für uns Menschen gibt es Süden und Norden, wie aber könnte es Süden und Norden für die Buddha-Natur geben?« Dieser Satz erwies schon die spirituelle Tiefe Enos. Aber er war ein Laienbruder und Neuling. Damit er keine Schwierigkeiten mit den Mönchen bekam, wurde er als Hilfskraft in die Küche geschickt.

    Als für den fünften Patriarchen die Zeit kam, einen Nachfolger zu bestimmen, bat er die Mönche, ein Gedicht zu verfassen, das ihren jeweiligen erleuchteten Herz-Geist zeigen sollte. Der Klostervorsteher verfasste ein Gedicht, war aber zu schüchtern, es dem Meister zu geben, und schrieb es daher an die Klosterwand. Wäre es gut, würde man ihn rufen, wenn nicht, würde sich niemand weiter darum kümmern, so dachte er und schrieb:

    Der Körper ist ein Bodhi-Baum,

    Der Geist ein aufgestellter klarer Spiegel.

    Wisch ihn immer wieder rein.

    Lass niemals Staub und Schmutz darauf sich

    niedersetzen.

    Dieses Gedicht repräsentiert den so genannten Ansatz der »allmählichen, graduellen Erleuchtung«: Arbeite hart, kämpfe mit dir und der Welt, sei immer wachsam und aufmerksam und halte fest an dem, was du hast. Dieser Ansatz stellt die menschliche Anstrengung in den Mittelpunkt und entspricht einer eher dualistischen Sicht der Wirklichkeit. Der Geist ist so etwas wie der Spiegel der Natur: Halte ihn rein, so dass sich die wahre Natur darin in Reinheit spiegeln kann.

    Unser ungebildeter Hilfskoch hörte davon und bat spontan jemanden, seinen Vers daneben zu schreiben:

    Bodhi (Weisheit) ist gar kein Baum.

    Noch steht ein klarer Spiegel aufgestellt.

    Da gibt es nichts von Anfang an.

    Worauf könnte Staub sich niedersetzen?

    »Da gibt es nichts von Anfang an.« Da gibt es weder Geist noch Natur, die sich gegenüberstehen. Die absolute Wirklichkeit ist kein Objekt. Das ist der Markstein des Zen der »plötzlichen Erleuchtung«. Es ist das Diamantschwert, das durch die tausendundeins Knoten des menschlichen Herz-Geistes schneidet. Als Bodhidharma von Kaiser Wu gefragt wurde: »Was ist das erste Prinzip der heiligen Lehre?«, antwortete er: »Offene Weite – nichts von heilig.« Das ist dein Wahres Selbst, dein Selbst, bevor dein Vater und deine Mutter geboren wurden. Es ist weder eine objektive noch eine subjektive Welt. Es ist dein Herz-Geist, der Herz-Geist von Himmel und Erde. Dasselbe ist mit dem bekannten Zengedicht gemeint:

    Eine besondere Übertragung außerhalb der Schriften.

    Kein Stützen auf Worte und Buchstaben.

    Direkt auf des Menschen Herz-Geist zeigen:

    Die Selbstnatur schauen, Buddhaschaft erlangen.

    Zwischen den Schulen der plötzlichen und der allmählichen Erleuchtung gab es eine lange Auseinandersetzung. Ihre gegensätzliche Sichtweise hat eine Entsprechung im Christentum, wo Paulus den Glauben dem Werk gegenüber stellt, beziehungsweise später in der theologischen Auseinandersetzung um die Bedeutung von Gnade und Verdienst.

    In der Geschichte des Zen wurde dieser Streit übertrieben und missbraucht. Dadurch entstanden viele Parodien auf diese beiden Ansätze. Ein Beispiel dafür: Ein Zen Meister namens Wo-lun schrieb für seine Mönche ein Gedicht:

    Wo-lun hat besondere Fähigkeiten:

    Er kann alle Gedanken durchschneiden.

    Keine Situation kann seinen Geist beunruhigen.

    Der Bodhi-Baum wächst stetig in ihm.

    Der sechste Patriarch soll als Antwort darauf dieses Gedicht geschrieben haben:

    Eno hat keine besonderen Fähigkeiten:

    Er schneidet keine Gedanken ab.

    Sein Geist antwortet allen Gegebenheiten.

    Wie kann da der Bodhi-Baum wachsen?

    Kommen wir zur Geschichte zurück. Der fünfte Patriarch rief Eno in der Nacht zu sich, prüfte ihn weiter und ernannte ihn zu seinem Nachfolger. Als Symbol der Nachfolge übergab er ihm Robe und Essschale. Der Meister wusste aber, dass die Mönche diese Nachfolge niemals akzeptieren würden. Zenmönche sind nicht immun gegen Neid, Eifersucht, Rivalität, Hass und dem, was daraus folgt. Daher riet der fünfte Patriarch Eno, sofort zu fliehen und einige Jahre im Geheimen zu üben, bevor er sich der Welt zeigen würde, um andere zu lehren und zu führen. An dieser Stelle beginnt das Koan, um das es hier geht.

    Als die Mönche erfuhren, was geschehen war, wurden sie wütend und verfolgten den »Dharma-Dieb«. Es war eine beschwerliche, lange Suche und Jagd. Was suchten sie? Sie suchten das wahre Dharma, sie suchten nach Erwachen. Wonach suchten sie tatsächlich? Die meisten gaben nach und nach völlig erschöpft auf. Nur ein kräftiger und sehr entschlossener Mönch mit Namen Myo holte Eno am Berg Daiyu ein.

    Eno legte seine Robe und Schale nieder und sagte zu Myo: »Bitte nimm sie. Sie sind ein Symbol von Glauben und Vertrauen. Sind sie das, wonach du suchst?« Myo war schockiert: War es das, wofür er Mönch geworden war und sein ganzes Leben lang gearbeitet hatte? In der Parabel vom verlorenen Sohn, die Jesus erzählt (Lk 15, 11–32), findet der verschwenderische Sohn inmitten seines ganzen Elends zu sich und tritt dann den Heimweg an. Auch Myo findet in dieser Situation zu sich selbst und bettelt tränenüberströmt: »Ich kam wegen des Dharma, nicht wegen der Robe. Ich bitte dich, lehre deinen Diener.« Eno wirkt nun als der wahre Meister und ruft Myo zu seinem Wahren Selbst: »Denke nicht an gut und böse! Was ist in diesem Augenblick dein ursprüngliches Gesicht, dein Gesicht, bevor deine Mutter und dein Vater geboren wurden?« Was ist deine letzte Wirklichkeit? Wer bist du in Wahrheit? Wer bin ich?

    Plötzlich fiel der Schleier vor Myos Augen und er erwachte. Das Selbst erwacht zum Selbst. Das Selbst vor deiner Geburt – bevor deine Mutter und dein Vater geboren wurden. Johannes spricht im Prolog des Evangeliums von den Kindern Gottes, die nicht aus menschlichem Fleisch geboren sind, nicht aus menschlichen Wünschen, sondern aus Gott. (Joh 1, 13). Das ist keine relative Geburt, keine Geburt durch Menschen in die Welt. Es geht nicht um das konditionierte Selbst, ein Produkt der Gesellschaft oder der Naturkräfte. »Denke nicht an gut und böse!« – Es geht nicht um Ethik oder Moral. Es geht um die Wirklichkeit des Selbst jenseits von Dualismus und Relativität. Unser gewöhnliches Selbst und unser Selbstbild beziehen sich auf Dualitäten: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Menschen, Orte, Erfahrungen. Gut und Böse. Probleme und Widersprüche. Grenzen und Begrenzungen. Leben und Tod, Himmel und Hölle. Wir erleben uns gefesselt von Geburt und Tod, Karma und Wiedergeburt, Gedanken und Gefühlen, von Ansprüchen und Erwartungen anderer sowie von uns selbst. Manche wollen den Menschen auf eine gesellschaftliche Funktion reduzieren oder auf eine biologische, auf sein Gehirn oder auf kosmische Kräfte. Das ist die Welt des Samsara, und wir finden unsere gewöhnliche Identität inmitten von Samsara. Es ist die Welt des Verlangens, von dukkha, von Notwendigkeiten und Möglichkeiten. Ist das alles, was du bist? Gibt es da nicht mehr? Gibt es eine Befreiung von diesen Kräften und Vorbestimmungen? Wer bist du? Buddha und die Sutren erklären, dass es Befreiung, Nirvana gibt. Wann und wie kannst du diese Befreiung erreichen? Wann kannst du nach Hause kommen zum Selbst, das Nirvana ist? Kannst du inmitten der Welt zum Erwachen kommen, inmitten des Lebens von Samsara, hier und jetzt, und nicht erst, nachdem du alle Konflikte und Lebensprobleme gelöst hast? Inmitten von all diesem Leid stehend, erwacht Myo zum Wahren Selbst, das Leerheit ist: Von Anfang an ist da nichts, überhaupt nichts. Nichts zu greifen, nichts, vor dem man flüchten müsste, nichts, was das Selbst begrenzt und definiert. Leerheit erwacht zu Leerheit! Das ist Myos Selbst, das Formlose Selbst. Nirgendwo gegründet, tritt der Geist hervor. Der Vogel singt, der Fluss fließt dahin, der Himmel ist blau, die Rose ist rot.

    Tränenüberströmt fragt Myo nun den sechsten Patriarchen: »Gibt es neben den geheimen Worten und der geheimen Bedeutung noch etwas Tieferes?«

    Da gibt es gar kein Geheimnis! Es ist dein eigenes Selbst, das sich im Hier und Jetzt manifestiert. Schau nur wie rot diese Blume ist, wie grün das Blatt. Die ganze Welt ist durchscheinend und manifestiert sich in ihrer Soheit.

    Ein Mönch fragte Kyorin: »Was bedeutet das Kommen Bodhidharmas aus dem Westen?« (Das heißt: Was ist das letzte Geheimnis, die tiefste Wirklichkeit?) Kyorin sagte: »Lange sitzen und müde werden.«

    (Hekiganroku, Fall 17)

    Ein anderer Mönch stellte Joshu dieselbe Frage. Dieser antwortete: »Der Eichbaum im Vorgarten.« (Mumonkan, Fall 37) Als Myo zu dieser Wahrheit erwacht, sagt er voller Staunen: »Dank Eurer Unterweisung weiß ich jetzt: Es gleicht einem Menschen, der Wasser trinkt und selber weiß, ob es warm oder kalt ist.«

    Leerheit zu schauen ist nichts Abstraktes, keine Theorie, keine Meinung. Es ist das Selbst, das zum Selbst erwacht. Es ist dein Herz-Geist, der heimkehrt in den Frieden des Herzens und des Geistes. Solange es keinen Frieden im Herz-Geist gibt – wenn es also kein solches Erwachen gibt –, bleibt es »so weit entfernt, wie der Abstand zwischen Himmel und Erde«, wie man im Zen sagt. Mumon drückt sein Staunen mit einem Gedicht zum anfangs

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