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Die Albtraumgruppe und andere Erzählungen

Die Albtraumgruppe und andere Erzählungen

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Die Albtraumgruppe und andere Erzählungen

Länge:
303 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 31, 2017
ISBN:
9783743123779
Format:
Buch

Beschreibung

Elf Geschichten, die mit Humor und feiner Ironie von den Unwägbarkeiten erzählen, die das Leben bereithält.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 31, 2017
ISBN:
9783743123779
Format:
Buch

Über den Autor

Ina Kramer wurde in Mülheim an der Ruhr geboren, machte Abitur in Essen, studierte Freie Kunst und Künstlerisches Lehramt an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, unterrichtete vier Jahre lang Kunst an einem Duisburger Gymnasium, malte und nahm an einigen Gruppenausstellungen teil, assistierte Ulrich Kiesow beim Erstellen des Regelwerks für das Fantasy-Rollenspiel Das Schwarze Auge, trug durch Texte, darunter vier Romane, und zahlreiche Illustrationen zur Ausgestaltung der Spielwelt Aventurien bei, betreute als freie Lektorin diverse Romanprojekte, schrieb und schreibt Prosa und Gedichte. Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf.


Buchvorschau

Die Albtraumgruppe und andere Erzählungen - Ina Kramer

Beerdigung

KARLA

Heute habe ich Karla kennengelernt. Das heißt, ich habe ihren Namen erfahren (er stand auf dem kleinen Schild im Schaufenster), sie gesehen, sie angelächelt, ihr meinen Wunsch vorgetragen, bezahlt, die Ware in Empfang genommen, „danke und „auf Wiedersehen gesagt. In dieser Reihenfolge. Und auf dem Heimweg habe ich beschlossen, sie zum Gegenstand der folgenden Aufzeichnungen zu machen. Karla ist die Eigentümerin des neuen Zeitschriften- und Schreibwarenladens, der die Räume der früheren Bäckerei Schinkel bezogen hat.

Doch zunächst ein paar Worte zu meiner Person. Üblicherweise gehe ich bei meinen Texten gleich in medias res. Gelegentlich verspüre ich jedoch den Drang, so wie heute, mich einem eventuellen zukünftigen Leser vorzustellen, ein unerklärliches, abstruses Bedürfnis, da mir nichts ferner liegt, als die Veröffentlichung meiner Aufzeichnungen auch nur in Erwägung zu ziehen, und ich meine Notizbücher und CDs selbst vor meiner nigerianischen Zugehfrau, die des Deutschen nur sehr unvollkommen mächtig ist, sorgfältig verberge.

Ich bin Mitte vierzig und finanziell unabhängig. Meine früh verstorbenen Eltern haben mir, ihrem einzigen Kind, neben einem nicht unbeträchtlichen Vermögen an Geld und Wertpapieren ein Mietshaus hinterlassen, dessen Einnahmen allein, nach Abzug sämtlicher Kosten, ausreichten, mir ein komfortables Auskommen zu sichern. Da ich völlig ungebunden bin, weder für Frau und Kinder sorgen muss noch für meinen Lebensunterhalt, verbringe ich meine Tage frei von jeglicher Verpflichtung, aber nicht müßig.

Nach dem eher mäßigen Abitur versuchte ich mich in verschiedenen Studiengängen ohne Numerus clausus (Sinologie, Kunstgeschichte und Paläontologie zum Beispiel), gab das Studieren aber stets nach ein paar Semestern wieder auf, zum einen, da ich ohnehin nicht vorhatte, eines dieser Fächer später zum Beruf zu machen, zum anderen, da mein Interesse an allem, was nicht in direktem Zusammenhang mit meinem eigentlichen Interesse steht, ziemlich rasch erlahmt.

Und damit bin ich bei meiner Beschäftigung, meinem Hobby, meiner Obsession angelangt: Ich beobachte Frauen. Diese Tätigkeit füllt tatsächlich den Großteil meiner wachen Stunden aus. Und dennoch, auch wenn der Verdacht natürlich naheliegt, würde ich mich nicht als Voyeur bezeichnen. Eher schon als Forscher, mit leicht fetischistischer Neigung vielleicht. Aber ist die nicht allen Forschern eigen?

Wie gesagt, ich beobachte Frauen, sehe sie mir an, denke über sie nach, und damit erschöpfen sich an den unergiebigen Tagen, die leider die überwiegende Mehrheit darstellen, meine außerhäuslichen Aktivitäten. Wie man sich denken kann, komme ich recht viel herum; das Viertel, in dem ich wohne, habe ich längst abgegrast. Ich weiß inzwischen fast auf die Minute genau, welche Dame wann in welchem Feinkostladen anzutreffen ist, welche sich mit ihren Freundinnen beim Nobel-Italiener trifft, die Töchter zur Ballettstunde bringt, den Hund ausführt et cetera. Es waren ohnehin nie sehr viele Frauen in der hiesigen Gegend, die mein Interesse wecken konnten, und die wenigen erfreulichen Ausnahmen sind mittlerweile erforscht und zu den Akten gelegt oder fortgezogen. Hier wohnen Ärzte, Rechtsanwälte, Geschäftsleute, kurz Menschen mit einem ähnlichen finanziellen Hintergrund wie ich, und unter diesen hält sich hartnäckig der Irrglaube, dass schön nur sein kann, wer auch dürr ist.

Ich aber liebe dicke Frauen.

Selbstverständlich gefällt mir nicht jede Dicke oder besser: jedes Dicksein. Jogginganzüge, unter denen sich die Speckwülste abzeichnen, ausgeleierte T-Shirts über ungestützt bis zum Nabel baumelnden Brüsten, fettiges Haar, das fahle, aufgedunsene Gesichter umrahmt, ein schwerfällig watschelnder Gang – all das sind Anzeichen von Verwahrlosung, Körperfeindlichkeit und Undiszipliniertheit, die meinen Abscheu erregen. Eine Frau, die mir gefallen will, sollte auf eine gepflegte Erscheinung Wert legen und ihre Üppigkeit mit Stolz und Anmut tragen. Die Haarfarbe ist mir gleichgültig, aber ich gebe dem junonischen Typus eindeutig den Vorzug vor den Kleinen; optimal finde ich eine Körpergröße von etwa einem Meter fünfundsiebzig (meine beträgt exakt einseinundneunzig) und ein Gewicht von hundert bis hundertzehn Kilogramm.

Ich selbst hingegen, das scheint mir erwähnenswert, neige gar nicht zur Korpulenz; vermutlich ist das Schlanksein in meinem genetischen Programm festgeschrieben. Oder es liegt an meinem bewegten Leben; meine Arbeit verlangt halt, dass ich viel spazierengehe. Wie dem auch sei, die Waage, wenn ich einmal auf eine steige (was eher selten der Fall ist, da ich keine besitze), zeigt etwa dreiundachtzig Kilogramm an, und das seit fast dreißig Jahren. Mein Abituranzug sitzt immer noch tadellos.

Meine Vorliebe für üppige Damen lässt sich mit der Binsenwahrheit, dass Gegensätze sich anziehen, nicht wirklich, allenfalls teilweise erklären (wie bereits erwähnt, interessieren mich nur großgewachsene Frauen, mit den Kleinen, ob dick oder dünn, niedlich, zierlich oder pummelig, kann ich nichts anfangen). Und auch den Hobbypsychologen, der jetzt Ödipuskomplex krakeelt, muss ich leider enttäuschen: Meine Mutter maß exakt einsachtundsechzig, trug Konfektionsgröße achtunddreißig, und ich hatte niemals den Wunsch, mit ihr zu schlafen. Viel eher vermute ich in diesem Drang zur Korpulenz das Fortwirken meiner seit frühester Kindheit bestehenden Faszination durch Stoffe und Faltenwurf. Wie oft habe ich nicht, statt den angeordneten Mittagsschlaf zu absolvieren, das Spiel von Licht und Schatten auf den Falten meiner Decke studiert und mir bizarre Landschaften, märchenhafte Architekturen oder gespenstische Wesenheiten zusammenphantasiert. Ja, damals wurde, da bin ich mir fast sicher, der Grundstein für meine Obsession gelegt. Denn mit der Zeit traten die Landschaften immer mehr in den Hintergrund, und die liegenden, kauernden, sich räkelnden Riesinnen gewannen, unterstützt durch die modellierende Arbeit meiner Beine und Hände, die Oberhand.

Um auf meine Tätigkeit zurückzukommen – das Viertel, in dem ich wohne, ist, wie gesagt, weitgehend abgegrast. Natürlich gibt es immer wieder einmal Neuzugänge, Karla zum Beispiel, aber dass sich unter ihnen eine Schönheit findet, ist eher die Ausnahme. Daher war ich in der Vergangenheit oft gezwungen, andere Gegenden aufzusuchen und weite Strecken zurückzulegen, meistens zu Fuß, manchmal mit öffentlichen Verkehrsmitteln, nur äußerst selten mit dem Auto (denn habe ich eine attraktive Dame erspäht, nehme ich, wenn irgend und so unauffällig wie möglich, die Verfolgung auf, und das geht mit dem Auto nun einmal schlecht).

Was will ich von den Frauen? Suche ich eine Gespielin? Eine Gefährtin? Eine Ehefrau? Nein, nichts von alledem. Zwar ist mein Treiben sexuell gefärbt oder vielmehr von Sexualität durchdrungen, aber ich sehne mich nicht nach geschlechtlicher Vereinigung; sie wäre mir auch schlecht möglich, da ich seit meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr praktisch impotent bin. Des weiteren drängt es mich nicht, die auserwählten Frauen nackt zu sehen. Der nackte korpulente Körper ist in der Regel unvollkommen, selbst bei sehr jungen Frauen, denen mein Interesse allerdings weniger gilt, und die Fotos in den Hochglanzmagazinen, die Männer meiner Veranlagung vom Gegenteil überzeugen wollen, spiegeln nur zu maximal fünfzig Prozent die Wirklichkeit wieder. Davon bin ich überzeugt. (Der Rest ist Manipulation; man braucht nur die entsprechende Software und einen leistungsstarken Computer.) Oft genug nämlich habe ich erlebt, dass eine Königin das Schwimmbad betrat – auch dort habe ich vor Zeiten gesucht, inzwischen weiß ich es besser –, die dann zu meinem Kummer als gar nicht mehr königliche Person mit Dehnungsstreifen, Krampfadern und Plattfüßen ins Wasser stieg. Ich begehre weder eine Domina noch möchte ich dominante Neigungen ausleben; allenfalls ein kleines neckisches Spanking liegt für mich im Bereich des Vorstellbaren. Und ganz gewiss suche ich niemanden, mit dem ich meinen Alltag teilen möchte (auch in meinem Leben gibt es nämlich einen Alltag: essen, einkaufen, fernsehen, lesen und so fort).

Ich möchte, und hier nun schlage ich den Bogen zurück zu meiner Kindheit, zum Spiel mit dem Faltenwurf meines Bettes, die auserwählten Frauen nicht entkleiden, sondern verhüllen. Natürlich nicht mit etwas Tschador- oder Burkaartigem, o nein, ihre Schönheit soll ja nicht verborgen werden! In Samt und Seide will ich sie kleiden, beobachten, wie die Stoffe über ihre Rundungen fließen, sich bauschen, straffen, knautschen, plissieren und so fort. Für alle Damen meiner Sammlung habe ich Kleider entworfen, die Zeichnungen füllen die Skizzenbücher in meinem Versteck, aber niemals ist es mir gelungen, mit einer von ihnen in so nahe Bekanntschaft zu treten, dass ich es gewagt hätte, ihr meine Entwürfe zu zeigen, einen der Stoffe aus meiner Truhe um sie zu drapieren oder gar, und das wäre für mich der Gipfel der Glückseligkeit, mit Stoffen und Skizzenbuch ein Schneideratelier aufzusuchen, um ihr meine Kollektion auf den Leib schneidern zu lassen.

Die Frau, bei der mir das gelingt, falls es mir jemals gelingen sollte, wird mein Idol sein, meine Göttin, die ich für den Rest meines Lebens anbeten werde.

Vielleicht habe ich sie ja in Karla endlich gefunden.

*

Als Karla zum ersten Mal drei Ziffern vor dem Komma entgegenleuchteten, wurde ihr für einen Augenblick schwarz vor Augen. Doch die Ohnmacht, halb gewünscht, blieb aus. Statt dessen zeigte, als der Schwindel vorüber war und sie wieder klar sehen konnte, das Display nur noch neunundachtzigkommazwei Kilo, eine Zahl, noch absurder und märchenhafter als die erste. Daher betrachtete Karla sie mit fast demselben ungläubig entsetzten Staunen wie zuvor die Hunderteins. Sie beugte sich vor, um das Wunder genauer in Augenschein zu nehmen, zog den Bauch ein, soweit das möglich war, presste die Hände vor die schweren Brüste, und da stand sie wieder, die grauenhafte Zahl (Karla hatte sich nämlich vor Schreck am Waschbecken abgestützt).

Das kann nicht sein! dachte sie. Entschlossen wiederholte sie den Wiegevorgang, aber die Waage ließ nicht mit sich handeln: hunderteinskommaeins. Vielleicht sind ja die Batterien nicht mehr frisch, ging es ihr durch den Kopf. Das wäre eine Erklärung. Voller Hoffnung setzte sie zwei neue ein und wagte einen dritten Versuch: hunderteinskommaeins.

In einem Anfall von Verzweiflung und Hass, gegen sich, das Fett, die Welt und die Waage, stampfte sie zweimal mit aller Kraft auf deren Trittfläche, rutschte aber beim zweiten Mal so unglücklich ab, dass sie sich äußerst schmerzhaft den kleinen Zeh prellte. Karla stöhnte, Tränen schossen ihr in die Augen. Sie versuchte, den verletzten Fuß mit der Hand zu erreichen, aber in ihrer momentanen seelischen Verfassung war es ihr unmöglich, dabei das Gleichgewicht zu halten. Also hüpfte sie, an Wand, Waschbecken und Badewannenrand Halt suchend, auf dem linken Fuß bis zum Klo und ließ sich schwer auf den Sitz fallen. Nun liefen die Tränen, aber sie kümmerte sich nicht darum. Erst als auch die Nase zu tropfen begann, riss sie unwirsch ein paar Blätter Toilettenpapier ab und schneuzte sich. Auch ohne Taschenrechner wusste sie, dass der Body Mass Index bei einer Größe von einsachtundsiebzig und einem Gewicht von hunderteins Kilogramm, ihrer Größe und ihrem Gewicht, die Dreißig überschritten hatte und sie somit von der Kategorie Übergewicht in die Kategorie schweres oder gar krankhaftes Übergewicht gewechselt war: Adipositas. So lautete der medizinische Fachterminus, und er klang gar nicht einmal so grauenhaft, dachte sie, aber er bedeutete Fettleibigkeit, und das abstoßende Wort traf es genau, es passte zu diesen abstoßenden Fleischmassen.

Nach ein paar Minuten begann sie zu frösteln, aber anstatt nun unter die Dusche zu steigen, wie sie es jeden Morgen nach dem Wiegen tat, drehte sie nur das Heizkörperventil, das sie von ihrem Platz aus mühelos erreichen konnte, bis zum Anschlag auf. Sie wollte nicht aufstehen, wollte sich nicht bewegen, wollte einfach nur hier sitzen bleiben, nichts tun und nichts denken, für den Rest ihres Lebens, dann wäre sie vielleicht irgendwann vertrocknet oder verschwunden und hätte ihre Ruhe.

Aber natürlich ging das nicht. In einer halben Stunde musste sie den Laden öffnen. Außerdem wurde ihr unbehaglich, so nah an dem glühenden Heizkörper. Also erhob sie sich seufzend, duschte und zog sich an. Immerhin passte das Kleid, das sie sich letzte Woche von Die starke Dame – Mode für Mollige hatte schicken lassen, noch ohne zu spannen. Eigentlich war es zu elegant für einen stinknormalen Dienstag, aber sie musste sich nach diesem Wiegeschock dringend etwas Gutes tun. Und dazu gehörte neben dem hübschen Kleid auch ein wenig Make-up und, leider, auch ein gutes Frühstück. Stress und Kummer hatten noch niemals ihren Appetit vertrieben, im Gegenteil. Auch jetzt verspürte sie plötzlich ein unbändiges Hungergefühl. Da die Zeit drängte, schlang sie nur hastig das Puddingteilchen, das sie gestern gekauft, sich aber verkniffen hatte, und einen Sahnejoghurt hinunter. Den Kaffe würde sie später im Hinterzimmer des Ladens trinken; zwischen halb zehn und elf war es in den letzten beiden Wochen immer sehr ruhig zugegangen.

Es wurde tatsächlich gegen halb zehn so ruhig, dass Karla es wagte, ihn für ein paar Minuten zu schließen, um sich beim nahen Metzger ein Mett- und ein Leberwurstbrötchen für ihr zweites Frühstück zu besorgen. Natürlich kannte sie die ungefähre Kalorienmenge des Imbisses, zu hoch, viel zu hoch, aber im Moment war ihr alles egal. Sie hatte sich die letzten beiden Tage fast ausschließlich von Kohlsuppe ernährt, nur ganz, ganz wenig Schokolade und Chips genascht, und dennoch zugenommen, da kam es auf zwei Brötchen auch nicht mehr an. Außerdem könnte sie ja das Mittagessen ausfallen lassen. Oder sich zu Tode fressen.

Das erste Brötchen und den Kaffee konnte Karla ungestört genießen; kein Kunde hatte vor dem Laden gewartet, und keiner betrat ihn währenddessen. Doch dann klingelte das Telefon. Es war ihre Freundin Elke, die unbedingt loswerden wollte, wieviel sie mit Hilfe von Trennkost in den letzten drei Wochen abgenommen hatte. Siebeneinhalb Kilo. „Mir passt jetzt wieder Größe zweiundvierzig", erzählte sie stolz.

Die Nachricht, so erfreulich für Elke, war nicht dazu angetan, Karlas Laune zu heben. Fast wäre sie wieder in Tränen ausgebrochen, dabei gönnte sie ihrer Freundin doch den schönen Erfolg. Du ernährst dich zu ungesund, zuviel Süßigkeiten, zuviel Fertiggerichte, zuviel versteckte Fette, musste sie sich belehren lassen. Aber wo sollte sie die Zeit hernehmen, sich gesund zu ernähren, also zu kochen? Erstens hatte sie den Laden erst vor zwei Wochen eröffnet und trotz Inserat und Aushang noch keine Aushilfe gefunden, und zweitens konnte sie nicht kochen. Schon der Gedanke daran machte sie nervös. Wie langwierig und nervenaufreibend war allein das Bereiten der Kohlsuppe gewesen, kinderleicht laut Gitti, von der das Rezept stammte und die mit der Kohlsuppendiät immerhin fast sechs Kilo abgenommen hatte und ihr Gewicht durch regelmäßig eingeschobene Kohlsuppentage auch hielt. Karla hingegen wusste nicht, was sie von Mengenangaben wie vierhundert Gramm Möhren, zwei Paprikaschoten oder eine Stange Lauch halten sollte. Bezogen sich die vierhundert Gramm auf geschälte oder ungeschälte Möhren? Spielte es keine Rolle, ob die Paprikaschoten groß, gelb, grün oder klein waren? Und auch bei Porreestangen gab es eklatante Unterschiede, was Durchmesser und Länge betraf, wie sie in der Gemüseabteilung des Supermarktes zu ihrer Verwunderung festgestellt hatte. Wie sollte man da eine korrekte Suppe kochen?

Nun also Trennkost, die Wunderwaffe gegen Wülste. Nein, es hatte keinen Sinn, und das erklärte sie auch Elke, die anbot, das Kochbuch nach Büroschluss vorbeizubringen. „Ich komme mit Kochrezepten nicht zurecht, werde schon vom Lesen total nervös, und um mich zu beruhigen, muss ich dann Schokolade essen. Das ist das einzige, was hilft."

„Du solltest endlich kochen lernen, sagte Elke. „Mach doch mal einen Kurs, die werden ja jetzt überall angeboten, von der Volkshochschule, von der Kirchengemeinde, vielleicht auch von der Krankenkasse, und bei der Gelegenheit lernst du dann einen netten Mann kennen, der auch Gewichtsprobleme hat...

Aber Karla hörte schon nicht mehr richtig zu; die Türglocke hatte gebimmelt. Sie verabschiedete sich rasch und eilte in den Laden.

Der Mann hinter der Theke war groß und schlank und gefiel ihr auf Anhieb. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen, also gehörte er nicht zu ihren Stammkunden, sofern man nach vierzehn Tagen von Stammkundschaft sprechen konnte. Seine Kleidung, lässig, aber nicht zu sehr, war teuer, wie sie mit Kennerblick registrierte, und er trug das dunkelblonde, kaum ergraute Haar länger als die meisten Männer seines Alters, was ihm ein attraktives, leicht bohèmehaftes oder künstlerisches Flair verlieh. Sie schätzte ihn auf Mitte vierzig. Dass er eine Zeit verlangte, passte zu dem künstlerisch-intellektuellen Eindruck. Und dann hatte er den Laden auch schon wieder verlassen. Alles war so schnell gegangen, das Überreichen der Zeitung, das Entgegennehmen des passend abgezählten Geldes, das Auf-Wiedersehen-Sagen, professionell eben, dass Karla, als die Türglocke zum zweiten Mal klingelte, nicht sicher war, ob sie überhaupt gelächelt hatte. Ärgerlich. Warum hatte sie ihn nicht in ein Gespräch verwickelt, über das Wetter zum Beispiel oder die Gel-Schreiber im Angebot oder seine anspruchsvoll-unhandliche Lektüre? Sie war doch sonst nicht auf den Mund gefallen! Andererseits, wozu? Vielleicht wohnte der Kerl gar nicht in der Gegend und würde ihren Laden sowieso nie wieder betreten. Außerdem war er vermutlich verheiratet oder in festen Händen, und wenn nicht, warum sollte er ausgerechnet ihr, einer unförmigen, unattraktiven Person, Beachtung schenken? Männer wie er nahmen Frauen wie sie gar nicht wahr, auch wenn sie noch so hübsche Sachen von Die starke Dame trugen.

Für den Rest des Tages herrschte kein Mangel an Kundschaft. Besonders nach Schulschluss ging es eine halbe Stunde lang recht turbulent zu, so dass Karla beschloss, ihr Sortiment um Schokoriegel, Kaugummis und dergleichen zu erweitern. Und die Stifte mit den Herzchen müsste sie gleich morgen nachbestellen. Aber es gab auch ruhige Phasen, und in denen kam ihr immer wieder der fremde Mann in den Sinn. Sie ertappte sich sogar dabei, dass sie nach ihm Ausschau hielt, erst verstohlen durchs Schaufenster und später im Supermarkt, wo sie nach Geschäftsschluss ihre Einkäufe erledigte. Albern war das, peinlich geradezu, besonders in ihrem Alter! Besonders mit so einer Figur!

Aber einen Kochkurs sollte sie vielleicht tatsächlich machen, überlegte sie, als sie später am Abend wieder einmal eine Tiefkühlpizza in den Backofen schob. Denn dass sie mit sechsunddreißig außer Spiegeleiern und Fertiggerichten nichts zustande brachte, war auch irgendwie peinlich.

*

Karla hat mir die ganze Nacht hindurch keine Ruhe gelassen; es passiert mir selten, dass ich schon nach dem ersten flüchtigen Kontakt von einer Dame derart gefesselt bin. Statt zu schlafen habe ich im Geiste an ihrer Kollektion gearbeitet – rot würde sie gut kleiden – und mir daneben diverse Varianten unserer nächsten Begegnung und der anschließenden behutsamen Annäherung ausgemalt. Zwar würde ich nicht soweit gehen zu behaupten, dass ich verliebt bin, aber es fehlt nicht viel dazu. Also beschloss ich beim Frühstück, zunächst dem Sonnenstudio, da mir mein Gesicht ein wenig fahl und übernächtigt erschien, und anschließend ihrem Laden einen Besuch abzustatten.

Ich war nicht der einzige Kunde, was mich freute, da es mir Gelegenheit gab, sie verstohlen zu beobachten, während ich vorgab, die Auswahl an Computermagazinen zu studieren. Unglaublich, wie sie sich bewegt! Weich, geschmeidig, katzenhaft träge. Das sollten sich die hageren Frauenspersonen, die sich nicht scheuen, im Stadtpark, also in der Öffentlichkeit „Nordic Walking" zu betreiben, einmal ansehen! Sie trug dasselbe Kleid wie gestern, schwarz und ein wenig zu eng. Es kleidet sie zwar, aber Rot würde ihren südländischen Typus besser zur Geltung bringen – das Tageslicht bestätigte meine nächtliche Entscheidung –, ein kräftiges Rubinrot oder ein tiefes Burgunderrot. Schwarz bei fülligen Damen wirkt auf mich immer wie ein Tipp aus der Frauenzeitung: Querstreifen machen dick, Schwarz macht schlank. Ich werde sie jedenfalls, wenn ich jemals so weit bei ihr kommen sollte, zu Rot ermutigen.

Als ich an der Reihe war, sah ich ein Magazin aufgeschlagen am Rand der Theke liegen; offenbar hatte Karla darin geblättert, als gerade kein Kunde im Laden war. Nein, sie hatte nicht geblättert, sondern die Zeitschrift studiert, jedenfalls die aufgeschlagene Seite, Kleinanzeigen, und eine davon mit rotem Filzstift markiert. Meine Neugierde war geweckt.

Für die Ausübung meines „Berufs sind Geistesgegenwart und die Fähigkeit zu schnellem Handeln unerlässlich. Da ich Karla schlecht fragen konnte, was sie da angestrichen habe, da ich den Laden aber auch nicht verlassen konnte, ohne es in Erfahrung gebracht zu haben, lächelte ich sie an, fasste mir an den Kopf und ging mit den Worten „Ach, das hätte ich beinahe vergessen zum Zeitschriftenregal zurück. Ich entnahm ihm einen Spiegel und prüfte das Inhaltsverzeichnis; irgend etwas Kopierenswertes sollte sich wohl finden lassen. Zurück an der Theke, hatte ich die Seite bereits aufgeschlagen, ein Artikel über alternative Behandlungsmethoden bei Krebserkrankungen. „Den Spiegel nehme ich auch noch, sagte ich, dann versuchte ich mich an einem verlegen-besorgten Lächeln: „Könnten Sie mir den Artikel eventuell kopieren? (Das Wort Fotokopien war auf die Schaufensterscheibe geklebt, aber es stand kein Gerät im Laden.) „Eine Bekannte erholt sich gerade in Dänemark von einer Chemotherapie, und sie hat mich gebeten, ihr alles Interessante zum Thema Krebs zu schicken. In ihrem Urlaubsort gibt es an deutschsprachigen Magazinen nur den ‚Focus’."

„Gern." Karla nahm mit einem strahlenden Lächeln den Spiegel entgegen, hielt plötzlich inne, errötete, setzte eine ernste Das-tut-mir-aber-leid-Miene auf und verschwand im Hinterzimmer.

Während sie mit dem Kopierer hantierte, drehte ich blitzgeschwind das Magazin, eine Art regionaler Veranstaltungskalender plus Kontaktbörse, prägte mir Seite, Spalte und Position der markierten Kleinanzeige ein, brachte das Heft wieder in seine ursprüngliche Lage, trat zwei Schritte vom Tresen zurück und blickte mit auf dem Rücken verschränkten Armen zum Fenster hinaus. Ich bin wirklich ein Profi. Den Text zu lesen, hatte ich mir verboten; er war recht lang, ich hätte in Zeitnot geraten können.

Während des Kopierens hatte Karla offenbar darüber nachgedacht, wie sie eine unverfängliche, geschäftsmäßige, aber nicht nur geschäftsmäßige Teilnahme an der Krebserkrankung meiner Bekannten zum Ausdruck bringen könne. Denn als sie mit dem Spiegel und der Kopie in den Laden zurückkehrte, zeigte ihr Gesicht jenen zugleich besorgten und mutmachenden Ausdruck, wie man ihn von den Stationsärztinnen diverser Krankenhausserien her kennt. Auch sie ein Profi eben. „Ich hoffe, Ihrer Freundin geht es bald besser, sagte sie, während sie die beiden Magazine und die Kopie in eine Plastiktüte steckte, „und dass der Artikel ihr irgendwie weiterhilft.

Ich war gerührt und zugleich elektrisiert. Denn dass sie meine Bekannte in meine Freundin verwandelt hatte, konnte kein Zufall sein, keine Unaufmerksamkeit, kein Versprecher – das war Absicht! Sie wollte mir ein bisschen auf den Zahn fühlen, eine eventuelle Reaktion provozieren. Pure Neugierde? fragte ich mich. Oder steckte mehr dahinter? Wie dem auch sei, ich beschloss, so zu reagieren, wie sie es sich meiner Einschätzung nach wünschte.

„Die Dame ist keine Freundin; sie war eine Freundin meiner Mutter, zu der ich nach dem Tod meiner Eltern einen lockeren Kontakt aufrechterhalten habe. Für ihre bald siebzig Jahre ist sie noch wirklich fit, außerdem ein optimistischer, lebensbejahender Mensch, daher, denke ich, hat sie gute Chancen, den Krebs zu besiegen."

Das sollte reichen, dachte ich, vielleicht war die Erklärung gar ein wenig zu lang geraten, zu geschwätzig. (Die Freundin meiner Mutter auszubauen, sie, auf eventuelle Nachfrage hin, aus dem Stegreif mit Eigenschaften, Eigenheiten, einem Beruf – jetzt natürlich Ruhestand – und einer Vergangenheit zu versehen, würde mir keine Probleme bereiten.) Auch so etwas beherrsche ich perfekt.

Meine Erklärung schien den richtigen Ton getroffen zu haben. Karlas Züge entspannten sich, die dezent geschminkten Lippen – sie könnten eine Spur mehr Farbe vertragen –, teilten sich zu einem Lächeln. Sie nickte. „Ja, positives Denken ist ganz wichtig bei Krebserkrankungen, das hört man immer wieder. Ich wünsche der Dame jedenfalls alles Gute."

Ich hielt es nun für angebracht, den Laden zu verlassen, auch wenn es mir nicht

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