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Polterabend: Kriminalroman

Polterabend: Kriminalroman

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Polterabend: Kriminalroman

Länge:
211 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
13. Feb. 2017
ISBN:
9783709978870
Format:
Buch

Beschreibung

Eine klirrend kalte Vollmondnacht im Wiesbachtal, eine grausige Entdeckung bei der Eisweinlese: In den Rebensaft, der aus der alten Weinpresse rinnt, mischt sich Blut. Bei seinen Ermittlungen findet der Weinviertler Gendarm Simon Polt Spuren, die ins tschechische Rotlichtmilieu führen – und wieder zurück, zu einem verhängnisvollen "Polterabend" ins Presshaus. Treffend und liebevoll zeichnet Alfred Komarek das Weinbauerndorf und seine Menschen – nur auf den ersten Blick geht es hier gemütlich zu.
Herausgeber:
Freigegeben:
13. Feb. 2017
ISBN:
9783709978870
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Polterabend

Buchvorschau

Polterabend - Alfred Komarek

Verlag

Eiswein

Polt fror, hatte Kopfweh und war guter Dinge. Sein Alltag war weit weg. Gendarmerieinspektor? Schon gut, irgendwann vielleicht wieder. In dieser mondhellen Winternacht tat er im Weingarten des Karl Fürnkranz seine Arbeit. Er dachte an den vergangenen Abend und bereute es keineswegs, mit Karin Walter eine Flasche Sekt geleert zu haben, weil ihm irgendwie feierlich zumute gewesen war. Trotz dicker Handschuhe spürte Polt das kalte Metall der Rebschere. Ein leises Schnappen war zu hören, wenn er die Trauben vom Stock trennte, hart wie Kieselsteine fielen die gefrorenen Beeren in die hölzerne Butte, die auf einem dreibeinigen Gestell stand, damit man sie leichter auf den Rücken nehmen konnte.

„So eine Lese ist was Besonderes, hatte der Fürnkranz gesagt, „da will ich kein Plastik sehen.

Gegen vier Uhr früh waren sie ans Werk gegangen: Karl Fürnkranz, Simon Polt, Sepp Räuschl und Friedrich Kurzbacher. Die Männer bewegten sich langsam und konzentriert, ohne viel zu reden. War die Butte gefüllt, trug sie Polt als Jüngster in der Runde zu einem Traktoranhänger, auf dem zwei Holzbottiche standen. Nach knappen zwei Stunden war einer davon randvoll. Simon Polt stellte seine Last ab und schaute sich um: Ein verschneiter Weingarten, in dem nachts gearbeitet wurde – die Szene hatte etwas Verschwörerisches. Drei Weinbauern standen ein paar Schritte voneinander entfernt. Sie waren unterschiedlich groß, aber durch zahlreiche Schichten wärmender Kleidung annähernd gleich dick. Der Schnee zu ihren Füßen glitzerte, und der Mond über ihren Köpfen ließ das Licht der Sterne fast verschwinden.

Die Riede Sommerleiten bedeckte den Westhang eines kleinen, einschichtig gelegenen Tales dicht an der Grenze zu Tschechien. An ihrem oberen Ende stand eine Weingartenhütte, die dem Karl Fürnkranz gehörte. Tieferwärts, nach Süden zu, begleiteten die Rebenhügel das breite Wiesbachtal. Dort leuchteten die Straßenlampen der langgestreckten Dörfer, und an den Hängen waren die Lichterketten der Kellergassen zu sehen.

Polt gähnte. Er war lange bei Karin Walter geblieben. Von der Eisweinlese hatte er ihr nichts erzählt. Sie sollte glauben, daß er noch genug Schlaf bekommen konnte, in dieser Nacht.

„Aufwachen, Simon! Friedrich Kurzbachers Stimme war heiser. Er hatte gerade eine arge Verkühlung hinter sich gebracht. „Schlafen kannst nachher, im Dienst!

„Das denkst du dir so." Polt nahm die Butte wieder auf den Rücken und ging zu den anderen.

„12 Grad minus, so ist es recht!" hatte der Fürnkranz befriedigt festgestellt, als er und seine Helfer nachts mit der Arbeit begannen.

Seitdem zog sich ein schwerfälliges Ritual Stunde um Stunde hin. Die Weinbauern nahmen die Mühe mit selbstverständlicher Gelassenheit auf sich, und Polt bewunderte ihre zähe Ausdauer. Müde griff er wieder zur Rebschere und fragte sich, ob es denn wirklich eine gute Idee gewesen war, seine Hilfe anzubieten. Doch, ja, gab er sich stumm zur Antwort, eine sehr gute Idee sogar. Die vier hier im Weingarten taten etwas Besonderes, und es würde zu einem außergewöhnlichen Ergebnis führen. Den anderen im Tal fiel nichts Besseres ein, als zu schlafen. Polt lachte.

„Spinnst?" Friedrich Kurzbacher warf ihm einen argwöhnischen Blick zu, erwartete aber keine Antwort.

Gegen acht Uhr früh war die Arbeit beendet.

„Paßt. Karl Fürnkranz schaute zum anderen Talhang hinüber. Der Himmel war heller geworden, und die niedrigste Hügelkuppe hatte einen schmalen leuchtenden Rand. „Bis die Sonne da ist, sind wir im Preßhaus. Los, aufstewigen!

Fürnkranz startete den Traktor, die anderen setzten sich auf die Ladewände des Anhängers und hielten sich an den Bottichen fest.

Der schmale, leicht abschüssige Güterweg war eisglatt. Trotz der langsamen Fahrt war die Kälte jetzt noch mehr zu spüren. Die Männer schauten grimmig drein und schwiegen, bis ihr Ziel erreicht war.

Das Preßhaus war eines der größten in der Gegend und stand abseits der Burgheimer Kellergasse ganz für sich zwischen den Weingärten und den Äckern am Talgrund. Es war wohl auch älter als die anderen Gebäude, vielleicht Herrschaftsbesitz gewesen, dereinst. Jedenfalls waren sieben Generationen der Familie Fürnkranz als Eigentümer ausgewiesen.

Der Traktor kam hinter dem Preßhaus zu stehen. Etwa einen Meter unter der Dachtraufe klaffte eine annähernd quadratische Öffnung in der weißgekalkten Mauer, das Gaitsloch.

„Ich hab die Rutsche in den Preßkorb schon hergerichtet. Fürnkranz machte ein paar vorsichtige Schritte auf dem hartgefrorenen Boden. „Fangt ihr schon einmal mit dem Schaufeln an, ich geh voran ins Preßhaus.

Die ersten Trauben polterten als Eisbrocken in die Tiefe.

Nach einer Weile war die Stimme des Weinbauern von unten zu hören. „Bin schon da, nur weiter, weiter, Leute, es muß rasch gehen!"

Und dann, vielleicht zehn Minuten später: „So, aufhören. Und hereinkommen!"

Als Polt und die anderen eintraten, stand Fürnkranz oben neben dem Preßkorb und drückte mit einem großen hölzernen Stempel, dem Mostler, die Trauben zurecht. Vor der Presse stand ein großgewachsener Mann, der eine dicke Daunenjacke trug. Er schaute den Männern entgegen. „Guten Morgen, die Herrschaften, Max Wehdorn mein Name, Kellereiinspektor."

Das Preßhaus war von einer elektrischen Arbeitsleuchte erhellt. Tageslicht fiel nur durch die offene Tür herein. Die kleinen Fensteröffnungen waren mit Brettern verschlossen. Eine große Baumpresse füllte gut die Hälfte des Raumes der Länge nach aus, rechts davor standen ineinandergeschobene Bottiche und Arbeitsgerät, auf der anderen Seite ein Tisch mit einfachen Bänken und Sesseln. Unter dem Preßbalken führten wenige Stufen zur Kellertür hin.

Fürnkranz machte einen schwerfälligen Sprung auf den Ziegelboden. „So. Jetzt wird’s spannend. Er hob ein kleines Gerät hoch. „Kennen Sie das, Herr Gendarm?

„Wo ist ein Gendarm? Polt rieb sich die kalten Hände. „Aber auch so habe ich keine Ahnung.

„Ein Refraktometer. Dient zur Bestimmung der Zuckergrade. Wenn der Riesling jetzt nicht dreißig, wenigstens achtundzwanzig Klosterneuburger Mostgrade hat, brauchen wir gar nicht anzufangen mit dem Pressen. Insgesamt müssen wir auf 25 Grad kommen, alles andere ist kein Eiswein."

Polt war interessiert nähergetreten. „Ah ja. Und darum ist der Kellereiinspektor da."

„Hat wie immer den Durchblick, unser Herr Gendarm. Muß angemeldet werden, so eine Pressung. Davon einmal abgesehen, bin ich wahrscheinlich der letzte, der es sich antut, dafür eine Baumpresse zu nehmen. Mit den modernen hydraulischen Maschinen geht alles viel einfacher. Aber für mich alten Sonderling ist das alles eben auch eine Zeremonie, wie vor dem Altar, nur heidnisch halt. Fürnkranz hatte sein Meßgerät weggelegt und griff nach einer kreisrunden Holzplatte. „Das ist die Dorschen, auch Gans sagen wir dazu. Kommt auf das Preßgut. Und diese Hölzer da kommen oben drauf, bis der Preßbalken aufliegt.

„Mein Lieber! Polt betrachtete respektvoll den schweren Balken. „Wissen Sie, wie lang der Preßbalken ist, Herr Fürnkranz?

„Ich hab einmal nachgemessen: gute 14 Meter. Und wissen Sie, Herr Polt, wie man so ein Ungetüm auch noch nennt? Hengst! Unsere Altvorderen waren keine Unschuldslämmer und näher am Leben und am Tod als wir. Der Balken da war für sie nicht mehr und nicht weniger als ein unverschämtes Sinnbild für Manneskraft. Und was ist dann beim Pressen los? Den unschuldigen Trauben wird Gewalt angetan, bis der Saft rinnt. Und wer ist mittendrin? Die Bauern! So nennt man nämlich die Hölzer zwischen dem Preßbalken und dem Deckel auf den Trauben."

Polt hörte fasziniert zu. Sepp Räuschl, ein gottesfürchtiger Mensch, wollte von all dem nichts wissen, war ein paar Schritte beiseite gegangen und schaute sich wie beiläufig im Preßhaus um, während der Kurzbacher nachdenklich eine einzelne Weinbeere in die Hand genommen hatte, die zu Boden gefallen war. Langsam taute sie auf und wurde weich. Fürnkranz beobachtete ihn. „Siehst, Friedrich, genau das darf uns nicht passieren. Also probieren wir schnell einmal. Er griff zu einem schmalen Stück Holz, das etwa auf halber Höhe in einer Ausnehmung der Weinpresse steckte, und lockerte es ein wenig. Knarrend senkte sich ein Ende des Preßbalkens um wenige Zentimeter, ein leises Knirschen war zu hören, verstummte, als der Balken zur Ruhe kam. Es dauerte eine gute Weile, bis unterhalb des Preßkorbes ein kleines hellgrünes Rinnsal entstand. „Na also! Fürnkranz tupfte einen Tropfen auf das Meßfeld des Refraktometers und hielt es gegen das Licht. Mit einer raschen Bewegung wandte er sich seinen Helfern und dem Beamten zu. „Gewonnen! 31 Grad. Jetzt gehen wir’s richtig an." Er warf einen prüfenden Blick auf die Stellung des Preßbalkens.

„Ich hab nie so richtig begriffen, wie das alles funktioniert", gab Polt zu.

Fürnkranz trat neben ihn. „Ist auch irgendwie kompliziert. Die ganze uralte Maschine ist ein riesiges Hebelwerk. Zwei Schwergewichte werden gegeneinander ausgespielt: Preßstein und Preßbalken. Er zog das vorhin gelockerte Holz völlig heraus. „Das ist ein Brustriegel. Damit kann ich die Hebelkraft steuern. Dorne gibt’s auch noch. Die verhindern, daß sich der Preßbalken wieder hebt. Beim Vorbereiten, gestern abend, hab ich den Preßstein gedreht, damit den Balken auf der linken Seite niedergezwungen und auf der anderen Seite, über dem Preßkorb, gehoben. Dann war nur noch dafür zu sorgen, daß er oben bleibt. Heute geb ich ihm Stück für Stück die Freiheit wieder. Und die Trauben bekommen den Hengst zu spüren.

Friedrich Kurzbacher hatte mit sichtlichem Respekt zugehört. „Ein richtiger Professor, der Karl. Ich weiß ja auch, wie’s geht, aber erklären könnt ich’s nicht. Ist ja egal. Da kommt er, der Most!"

Erst zögernd, dann stärker, sickerte der Traubensaft durch die Zwischenräume des Preßkorbes und bildete auf dem hölzernen Boden einen sachte bewegten Teich, der in vielen Grüntönen schimmerte. Da und dort bedeckten feine Bläschen die Oberfläche, hingezogen zu jener Öffnung, durch die der Most in einen Bottich unterhalb der Presse floß.

Das Preßhaus, noch vor kurzer Zeit ein kalter, unbelebter Raum, war nun erfüllt von Geräuschen und Gerüchen. Fürnkranz holte tief Atem. „Darauf kommt’s an im Leben."

Die anderen schwiegen beifällig. Dann beugte sich Fürnkranz vor, um den Most näher zu betrachten, und stieß plötzlich einen Laut aus, der wie verhaltenes Knurren klang. „Da …, schaut’s her!" Er zeigte auf eine Stelle dicht neben dem Rand des Preßkorbes, wo sich eine fremde Farbe ins Grün mischte.

Der Kurzbacher drängte sich neben ihn. „Hast vielleicht einen Rotweinstock dazwischen?"

„Nein."

Polt schob die beiden zur Seite, tauchte seinen Finger in die Flüssigkeit, roch daran und wandte sich ab.

Karl Fürnkranz trat dicht hinter ihn. „Das ist Blut, nicht wahr?"

Tiefgang

„Ja. Möglich wär’s. Polt stand noch ein paar Sekunden unbeweglich da. Dann gab er sich einen Ruck. „Den Stein drehen, schnell!

Als sich der schwere Balken ein wenig über dem Preßkorb gehoben hatte, warf Polt die darunterliegenden Hölzer zu Boden. Dann entfernte er die Abdeckung, wühlte mit beiden Händen im klebrigen Gemisch aus zerquetschten Trauben und Eis, tauchte mit den Armen ein, bis er etwas spürte: Stoff, Haut. „Herr Fürnkranz, herauf da, mithelfen! Mehr haben nicht Platz."

Die beiden räumten so schnell sie konnten die Maische aus dem Korb. Nach einer Weile gab Polt dem Fürnkranz einen leichten Stoß. „So. Das genügt, glaub ich. Den Rest werd ich besser allein erledigen. Vorsichtig setzte er seine Arbeit fort, beugte er sich endlich tief nach unten, richtete sich auf und stieg langsam von der Weinpresse. Er spürte Übelkeit in sich hochsteigen, würgte und schloß die Augen. Dann schaute er die Weinbauern an. „Ein Toter. Mit gebrochenem Genick, soviel ich gesehen habe. Und wie sein Gesicht ausschaut, will ich lieber nicht beschreiben.

Sepp Räuschl bekreuzigte sich, Karl Fürnkranz wischte mit ruhigen Bewegungen Traubenreste von seiner Arbeitsjacke, und Friedrich Kurzbacher schaute Polt mit unbewegter Miene ins Gesicht. „Kennst ihn, Simon?"

„Keine Ahnung. So wie der ausschaut … Hat irgendwer ein Telefon eingesteckt? Nein? Also dann fahren Sie, Herr Fürnkranz, zur Dienststelle nach Burgheim. Vorsichtig, wenn ich bitten darf. Dort erzählen Sie, was geschehen ist, lassen sich ausfragen und kommen zurück." Der Weinbauer verließ wortlos das Preßhaus.

Auch der Kellereiinspektor wandte sich zum Gehen, sein Gesicht hatte eine grünliche Farbe angenommen. „Ich bin ja jetzt wohl der letzte, der hier gebraucht wird. Auf Wiedersehen, die Herren!"

Kurzbacher hatte seine dick gefütterte Jacke ausgezogen und hielt sie Polt hin. „Da hast. Zieh das nasse Zeug aus, Simon. Und dann gehen wir in den Keller, da ist es wärmer. Der Karl wird schon nichts dagegen haben."

Der Keller von Karl Fürnkranz war ein kompaktes, aber auch verwirrendes System von geräumigen Kammern und Gängen, die insgesamt etwa ein Rechteck ausfüllten. Auf jedem verfügbaren Platz standen Fässer, nirgendwo war Metall oder Plastik zu sehen. Polt war mit den anderen wortlos nach unten gegangen. In seinem Kopf gab es ein Nebeneinander, das ihm vertraut war: lähmendes Entsetzen und methodische Vernunft. So nebenbei fiel ihm auf, daß er wohl zum ersten Mal in einen Keller ging, ohne Lust auf Wein zu bekommen. Hier unter der Erde umfing ihn fast so etwas wie Wärme, und er dachte daran, wie oben im eiskalten Preßhaus die Maische und ein toter Körper allmählich zu einer kompakten Masse gefrieren würden. „Das gibt’s nicht, das alles, sagte er irgendwann wie zu sich selbst. Dann schaute er die Weinbauern an. „Wie kommt ein Mensch in einen Preßkorb? Wer könnte das sein?

Schweigen.

„Hat der Fürnkranz Helfer gehabt?"

Friedrich Kurzbacher hob die Schultern. „Dann und wann. Nachbarn und Bekannte, so wie heute. Er war mehr für sich allein. Das hat ihm ganz gut gepaßt so, glaub ich."

„Und der Sohn, der Martin, ist wohl nicht so für den Weinbau?"

„Hast recht, Simon, leider."

Sepp Räuschl, der neugierig im Keller umhergegangen war, kam jetzt näher. „Haben Sie die Frau Fürnkranz noch gekannt, Herr Polt?"

„So gut wie nicht. Ist früh gestorben, was?"

„Viel zu früh. Die Monika war noch ein Kind. Sie war mit dem Martin schwanger. Bei der Geburt hat’s irgendwelche Komplikationen gegeben. Ich kenn mich

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