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Österreichs Geschichte: Wissenswertes in 99 Fragen

Österreichs Geschichte: Wissenswertes in 99 Fragen

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Österreichs Geschichte: Wissenswertes in 99 Fragen

Länge:
289 Seiten
6 Stunden
Freigegeben:
Feb 27, 2017
ISBN:
9783800079568
Format:
Buch

Beschreibung

In diesem Buch versammeln die renommierten und bekannten Historiker Georg Kugler und Herwig Wolfram die wichtigsten und spannendsten 99 Fragen zur österreichischen Geschichte. "Woher kommt der Titel Erzherzog in Österreich?", "Wie kam Österreich zu seinem Namen, was bedeutet er und wo ist er entstanden?" sind nur zwei der Fragen, die die Autoren beantworten und damit einen Bogen vom Beginn Österreichs bis heute spannen. Sachkundig und kompakt!
Freigegeben:
Feb 27, 2017
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9783800079568
Format:
Buch

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Österreichs Geschichte - Georg Kugler

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VORWORT

Der Verlag stellte 99 Fragen an die österreichische Geschichte frei und zwei Autoren suchten sie auf ihre Weise auszuwählen und zu beantworten. Die beiden sind Freunde und Kurskollegen, das heißt Absolventen des 48. Kurses 1957–1959 des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung an der Universität Wien. Der eine von ihnen ist als Kulturhistoriker und Ausstellungsmacher des österreichischen Spätmittelalters und der Neuzeit ausgewiesen, der andere für das Jahrtausend zwischen der römischen Kaiserzeit und dem 11. Jahrhundert. Ihre Fragen entsprechen daher ihrer unterschiedlichen Kompetenz und ihrem besonderen Interesse, sollten aber nicht nur das Kuriositätenkabinett einer fernen Vergangenheit aufschließen, sondern das Nachwirken früherer Zeiten bis herauf in unsere Gegenwart vermitteln. Dabei wurde selbstverständlich nicht enzyklopädisch vorgegangen. Die Summe der Fragen bietet keine, wenn auch noch so kurze, Fassung der österreichischen Geschichte von der Venus von Willendorf bis zu den Powerfrauen unserer Tage. Man möge sich aber nicht wundern, wenn Maximilian I. (Frage 68 und 69) zwei und Ferdinand I. (Frage 70 bis 73) vier Fragen gewidmet sind. Der Grund liegt in der Überzeugung der Autoren, dass unter den Baumeis-tern Österreichs diese beiden Herrscher zu den wichtigsten zählen.

Unter den ausgewählten wechseln ganz alltägliche mit ganz und gar nicht alltäglichen Fragen ab. Die Texte richten sich selbstverständlich weniger an die Fachkollegen als an die interessierten Leser, um sie auch für eher vernachlässigte Themen der österreichischen Geschichte zu gewinnen. Das ständig wachsende »weite Land« der ganz und gar nicht alltäglichen Fragen haben nämlich nicht zuletzt die österreichischen Medien wegen ihres Desinteresses (Frage 3) und ihrer mangelnden terminologischen Genauigkeit zu verantworten. So ließ der Moderator einer sonst sehr guten ORF-Haydn-Dokumentation den Komponisten in der k. u. k. Monarchie (Frage 58) leben, obwohl diese erst 58 Jahre nach dessen Tod entstanden ist. Schon Dr. Jacob Mennel, ein Vorarlberger Gelehrter aus der Umgebung Maximilians I., hatte aber bemerkt: Es ist nit leichtlich zu erzeln, was nachtails davon kompt, so man unterschaid der namen nit aigentlich warnimpt. Allerdings waren mitunter Kompromisse mit dem Sprachgebrauch zu schließen, um nicht unverständlich zu werden. So ist von einer deutschen Sprache und Deutschen bereits vor dem Jahr 1000 die Rede, obwohl es die Deutschen erst danach gab. Dafür das quellengerechte Wort theodisk = volkssprachlich zu verwenden, schien denn doch zu ungewöhnlich. Schließlich will das Buch Appetit auf die Österreichische Geschichte des Verlags machen. Vielleicht greift man dann leichter nach einem, mehreren oder gar nach allen 15 Bänden der Reihe.

Zu danken haben die Autoren ganz besonders Angela Bergermayer, Ernst Hanisch, Harald Prickler und nicht zuletzt Helmut Rumpler für Auskunft, Rat und Kritik. Ebenso gebührt Dank Fritz Panzer und Alfred Schierer, vor allem aber Irmgard Dober, die die Mühen des Lektorats auf sich nahm und so vortrefflich bewältigte.

Georg Kugler

Herwig Wolfram

GESCHICHTE UND MYTHOS

Mythos und Logos bedeuten beide »das Wort«. Während aber der Logos einen Anfang hat, auf ein Ziel gerichtet ist und als Erlöser wirkt, bleibt der Mythos in der »Ewigen Wiederkehr« einer Vergangenheit ohne Anfang und Ende gefangen. Aus der Verbindung von Mythos und Geschichte entstehen die Geschichtsmythen, die den Historiker, der sich um eine logische Geschichte bemühen muss, mit einem doppelten Widerspruch konfrontieren. Zum einen handeln Geschichtsmythen mit Vorliebe von Anfang und Herkunft. Zum anderen stiften sie ethnische und nationale Identitäten. Oder, mit den Worten von Isaiah Berlin: Eine Nation besteht aus denjenigen Personen, die der gemeinsame Irrtum über ihre Ursprünge eint. Seit Bruno Kreisky die Keltizität seiner Landsleute verkündete, wollen die Österreicher Kelten sein. Dazu bemerkte 1976 Erich Zöllner (1916–1996), die Nachkommen der Kelten »in der Bretagne, Wales und Irland bedrohten eben niemanden mit Anschluss und Krieg. Daher passt die keltische Herkunft ausgezeichnet zur österreichischen Neutralität«, die ebenfalls ein Geschichtsmythos sei. Eine lokale Form des Keltenmythos ist die Behauptung, der Ire Virgil (Frage 43) sei deswegen zum Bischof von Salzburg berufen worden, weil es hier noch Menschen gegeben habe, die Keltisch gesprochen hätten. Eine Annahme, die durch die historischen wie linguistischen Quellen eindeutig widerlegt wird. Vielmehr trafen die germanischen und slawischen Einwanderer in den römischen Donau- und Alpenprovinzen (Frage 13) nur noch auf romanisch sprechende Einheimische. Von Letzteren handelt ein Geschichtsmythos besonderer Hinterhältigkeit, der da lautet, im Jahre 488 seien alle Römer/ Romanen aus unserem Land nach Italien »heimgekehrt« (Frage 14). Tatsächlich war die Bevölkerung der römischen Provinzen fast vollständig romanisiert und hier seit langer Zeit zu Hause. Daher macht die Vorstellung von der »Heimkehr« der Römer, die historische Quellen und Ortsnamen (Frage 26) überdies eindeutig widerlegen, alle unliebsamen Einheimischen – gleichgültig ob in Gegenwart oder Vergangenheit – zu Fremden, für die eine andere Heimat konstruiert wird, in die sie gefälligst »heimzukehren« hätten. Aber auch die slawische Vergangenheit des Landes wird mythisiert. Obwohl slawische Ortsnamen außer in Nordtirol und Vorarlberg überall in Österreich vorkommen, hätten Slawen auf österreichischem Boden stets »nur dünn« gesiedelt und sich vor den Bayern »jahrhundertelang in die Berge« zurückgezogen. Man fragt sich, wie ein einzelner Slawe beides schaffte.

Nicht auszurotten ist die schöne Legende, wonach Leopold III., der Heilige (Frage 44), auf dem Kahlenberg seine Residenz errichtet habe, von wo der Wind den Schleier seiner Gemahlin Agnes in die Donauau entführte. Dort ließ das Lüfterl das Tuch auf einen Holunderbusch fallen, damit es der jagende Markgraf finde und an diesem Platz das Stift Klosterneuburg errichte. Es gab aber keine Residenz auf dem Kahlenberg und auch die Gründung Klosterneuburgs geschah als Prozess und nicht auf Knopfdruck. Der Babenberger dürfte vielleicht erst 1113 in den Besitz des Gebiets der ehemaligen römischen Siedlung in der Nähe des Donauufers gekommen sein und eine »Neue Burg« als seine Residenz neben einer bereits bestehenden geistlichen Stiftung errichtet haben. Diese begann er 1114 von Grund auf neu zu bauen und zu gestalten, sodass Leopold III. und seine Frau Agnes als Stifterpaar Klosterneuburgs gelten.

Aber auch Georg Franz Kolschitzky hat 1683 weder für seine Kundschafterdienste die scheinbar nutzlosen Kaffeebohnen verlangt, die das Entsatzheer im verlassenen Türkenlager erbeutete, noch mit diesem Stoff das erste Wiener Kaffeehaus gegründet noch dort die ersten Wiener Kipferl gleichsam als Siegeszeichen über den türkischen Halbmond servieren können. Die Legende vom Maria-Theresien-Orden mag zwar typisch für den Österreicher sein, der seine Obrigkeitshörigkeit mit einer heimlichen Befehlsverweigerung zu kompensieren sucht. Es ist aber dennoch nicht richtig, dass der Orden für kriegerische Erfolge verliehen wurde, die gegen Befehl errungen wurden. Vielmehr stiftete Maria Theresia den Orden am 18. Juni 1757, am Tag der siegreichen Schlacht von Kolin, für eine »besonders herzhafte Tat«, die unter gewöhnlichen Bedingungen nicht zu verlangen war und eine außerordentlich wichtige Entscheidung bewirkte. Und zu bella gerant alii, tu felix Austria nube (Frage 9) lässt sich nur sagen, dass keine europäische Großmacht der Neuzeit mehr Erbfolgekriege führte als die Habsburgermonarchie. Schließlich – im Jahre 2009 nicht zu vergessen – der Mythos Andreas Hofer, den Josef von Hormayr gegen den kaiserlichen Willen begründete und der erst verhältnismäßig spät Teil der Tiroler Identität geworden ist.

Geschichte ist das menschliche Handeln, das der Erinnerung würdig ist. Während menschliches Handeln in der Vergangenheit abgeschlossen und unveränderbar aufgehoben bleibt, ist dies für die Erinnerung daran keineswegs der Fall. Im Gegenteil, es ist die jeweilige Gegenwart, die die Erinnerung durch neue Erfahrungen und die davon abhängigen Fragestellungen ständig verändert. Die Menschen finden Verschiedenes zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten und unter verschiedenen Namen der Erinnerung für würdig. Daher unterliegt auch die Geschichte in ihren Einzelheiten wie als Ganzes ständigen Veränderungen und muss stets neu geschrieben werden. Die Geschichte und ihre Veränderungen werden durch das Wir-Bewusstsein vor allem einer Nation bestimmt, wie sie sich seit dem europäischen 18. Jahrhundert in ihren vielfältigen, historisch bedingten Formen gebildet hat. Indem die Österreicher heute eine eigene und eigentümliche Nation sind, ist ihre Geschichte, soweit sie sich mithilfe der historischen Wissenschaften zurückerinnern können, eine österreichische. Die Probe aufs Exempel bietet die Österreichische Geschichte des Ueberreuter Verlags in ihren 15 Bänden von der Urgeschichte bis in die Gegenwart. Die Reihe entstand in verhältnismäßig kurzer Zeit (Wien 1994–2006), nachdem zahlreiche ältere Versuche gescheitert waren. Ein namhafter Historiker und eindeutiger Vertreter der österreichischen Identität, Jahrgang 1912, nannte dafür auch den Grund: Es bedurfte dazu einer Autoren-Generation, für die Österreich selbstverständlich geworden war.

Die österreichische Geschichte enthält nämlich viele Geschichten, aktuell die der einzelnen Bundesländer (Frage 21), aber auch solche, die in ihr begonnen wurden und zu Ende gegangen sind. Das gilt etwa für die keltische, römische, völkerwanderungszeitliche, alemannisch-bayerische, fränkische, romanische, slawische, ungarische und nicht zuletzt auch für die deutsche Geschichte unseres Landes. Um die erste Jahrtausendwende begannen sich die ostfränkischen Völker gemeinsam als Deutsche zu verstehen, ohne ihre jeweils alemannisch-bayerische, fränkische, sächsische, friesische oder thüringische Identität aufzugeben. Mehr oder weniger wirkten alle diese Völker auch am Werden unseres Landes mit, für dessen unterderennsischen Teil der Name Österreich ebenfalls um das Jahr 1000 zum ersten Mal bezeugt wird (Frage 23). Im österreichischen Raum gab es aber – wie im gesamten römisch-deutschen Reich – auch Romanen und Slawen, die sich nicht als Deutsche fühlten und ihre eigene Identität behaupteten. Für alle diese österreichischen Völker, ob nun deutscher oder nichtdeutscher Herkunft, begann um 1000 die deutsche Geschichte und blieb für viele Jahrhunderte bestimmend. In deren Verlauf ging aber die deutsche Geschichte in nicht wenigen Gebieten des römischdeutschen Reichs, in der Schweiz und den Niederlanden bereits 1648, zu Ende. Auch in Österreich vollzog sich dieser Prozess, als dessen markante Ereignisse man nennen könnte: die gemeinsame Abwehr der Türken durch die österreichischen Völker und die Reformen Maria Theresias und Josephs II. (Frage 54), beides Geschehen, die den aufkeimenden partikularen Nationalismus zugunsten von multinationaler Solidarität und übergeordneter Staatlichkeit zurückdrängten. Die Niederlegung der Krone des römisch-deutschen Reichs 1806. Die Unmöglichkeit, dieses Reich auf dem Wiener Kongress 1815 wiederherzustellen. Den schwachen Ausweg, dafür den Deutschen Bund zu gründen. Die seit 1800 zunehmende Entwicklung des Begriffes »deutsch« im Sinne eines Nationalismus, den die österreichischen Abgeordneten nicht mittragen konnten, wie ihre Distanzierung von der Paulskirche 1848 (Frage 58) zeigte. Das erzwungene Ausscheiden Österreichs aus dem Deutschen Bund 1867 und dessen Liquidierung zugunsten eines nationalen Deutschen Reichs. Den Untergang der Monarchie 1918 und vor allem die Katastrophen, die unser Land 1934/38 bis 1945 – nicht ohne eigene Schuld – heimsuchten.

Nach 1945 wurde daraus die Lehre gezogen und an frühere, zum Teil sehr alte Bestrebungen und Überzeugungen angeknüpft. Dort, aber nur dort, wo sich das Deutsche vom Reichsdeutschen völlig getrennt hat, besitzt der Begriff auch im heutigen Burgenland, Kärnten und in Südtirol regionale Bedeutung für die Bezeichnung einer von zwei oder drei Sprachgruppen. In diesem Sinne wurde auch in der k. u. k. (Frage 56) Armee zwischen deutschen und ungarischen Regimentern unterschieden. Der Staatsvertrag von 1955 beschleunigte die Entstehung einer fraglos gewordenen österreichischen Nation einschließlich inzwischen lieb gewordener Geschichtsmythen (Frage 1). Die österreichische Nation ist allerdings im Unterschied zu anderen kleinen Nationen in der Nachbarschaft traditionell übernational und in ihrer besten Ausprägung europäisch bestimmt. Daher ist auch die österreichische Geschichte offen genug, den in ihr eingeschlossenen und beendeten Geschichten weder nachzutrauern noch sie zu verleugnen.

Für das österreichische Mittelalter gibt es so gut wie keine gesamtstaatliche Öffentlichkeit; vielmehr ist diese Periode Ländersache. Das burgenländische Mittelalter ist im Ungarischen aufgehoben. Eigenständig wird ein Salzburger, Tiroler, Vorarlberger, Kärntner, ein steirisches und oberösterreichisches Mittelalter vertreten. Das österreichische wird als niederösterreichisches Mittelalter behandelt und umgekehrt. So blieben 1996 die Feiern und Forschungen zu »1000 Jahre Österreich« gleichsam stillschweigend der »mittelbaren Bundesverwaltung« des niederösterreichischen Landeshauptmanns überlassen. Allerdings setzt die Einschätzung des Mittelalters als unbekannte Vergangenheit der Republik Österreich nur eine habsburgisch-monarchische Tradition fort. »Österreichs angewandte Aufklärung« (Grete Klingenstein) wollte das Mittelalter zum Wohle der Gesamtmonarchie überwinden. Maria Theresia meinte, »dass die ständische per abusum eingeschlichene allzu große Freiheit an dem Verfall meiner Erblande hauptsächlich die Schuld trage«. Folgerichtig wurden die Länderrechte »zugunsten der Befugnisse der Zentrale beschnitten und der Landespatriotismus (der sich zu Recht auf das Mittelalter berief) als eine Beeinträchtigung der Gesamtstaatsidee betrachtet« (Othmar Hageneder). Dazu kommt, dass die österreichische Öffentlichkeit und ihre Politiker allgemein ein gespaltenes Bild von der Vergangenheit besitzen und sich nur schwer auf eine gemeinsame Geschichte einigen können. Eine Identitätsfigur, wie der gallische Held Asterix, wäre bei uns ebenso undenkbar wie das englische »1066 and all that« von Sellar/Yeatman. Der alte Herr Hofrat Franz Grillparzer, in der Stille des Hofkammerarchivs Aufklärer und aufmüpfiger Beamter seiner Apostolischen Majestät und »wohl der größte Dichter, den Österreich hervorgebracht hat« (Alphons Lhotsky), schreibt: »Abendländische rohe Kraft, in Verbindung gebracht mit einer morgenländischen spitzfindig-asketischen Religion; Brutalität, moderiert durch Absurdität; aus diesem Gesichtspunkte erklärt sich das ganze Mittelalter so bis aufs Kleinste, dass alle weitwendigen [aufwendigen] Forschungen der neuesten Zeit als ein reiner Luxus erscheinen. Damit sind dieser Übergangsperiode nicht alle guten Seiten abgesprochen. Der Mensch ist immer von Gott, aber die Zeit war des Teufels.« Sieht man von König Ottokars Glück und Ende ab (Frage 49), widmete sich Grillparzer sehr wohl mittelalterlichen Themen und behandelte in seinem »klassischen« Lustspiel Weh dem, der lügt und in seiner Libussa Stoffe aus der Frankengeschichte, besser, aus der Kirchengeschichte von Gregor von Tours (gestorben 593/94) und der Böhmenchronik des Cosmas von Prag (gestorben 1125). Dazu kommt Die Jüdin von Toledo, und geradezu enthusiastisch wird der Dichter bei der Besprechung von Rey Bamba, dem Schauspiel von Lope de Vega über den Westgotenkönig Wamba (672–680): »Die Wunder des Katholizismus und die Großtaten des spanischen Altertums, das Sagenhafte ihrer Geschichte war seinem Publikum so geläufig, dass er [Lope de Vega] anklingen konnte, wo er wollte, und sicher war, in jeder Brust Verständnis und Widerhall zu finden.« Nur scheinbar paradox ist der Widerhall, den das österreichische Mittelalter, das aus dem Schulunterricht so gut wie verbannt ist oder zu Geschichtsmythen (Frage 1) mutierte, unter österreichischen Bildungspolitikern sowie Spitzenbeamten findet. Sie fördern die akademische Mediävistik wie sonst nirgendwo im deutschen Sprachraum. Dieser Widerspruch ist vielleicht nicht Bestandteil der »Österreichischen Seele«, aber sicher der von ihr geschaffenen Realität.

Otto kam nach 1110 und vor 1115 als dritter Sohn des Markgrafen Leopold III., des Heiligen (1095–1136) (Frage 44), und der Kaisertochter Agnes (Frage 64) zur Welt. Einer seiner zahlreichen Brüder war der erste österreichische Herzog Heinrich II. (1141/56–1177). Der für die geistliche Laufbahn bestimmte Otto wurde bereits 1126 formeller Propst von Klosterneuburg. Er ging 1127 mit ansehnlicher adeliger Begleitung zum Studium nach Paris. Auf dem Heimweg trat Otto mit den Seinen 1132 in das Zisterzienserkloster Morimond ein, wo er anfangs 1138 Abt, jedoch noch im selben Jahr Bischof von Freising wurde. Auf Ottos Betreiben gründete sein Vater zwischen 1133 und 1135 mit Mönchen aus Morimond das Kloster Heiligenkreuz. Die älteste babenbergische Zisterze wurde 1137/38 die Mutter von Zwettl. Gerade Bischof von Freising geworden, traf Otto am 19. Juli 1139 zu Nürnberg seinen Halbbruder König Konrad III. (1137–1152). Ebenfalls anwesend oder vertreten waren die wichtigsten regionalen wie überregionalen Repräsentanten des jungen Zisterzienserordens. Die Versammlung legte die künftige Reichspolitik gegenüber den Zisterziensern fest, wie sie im königlichen Privileg für Zwettl vom Oktober 1139 ihren Niederschlag gefunden hat. Obwohl Otto in seiner Diözese kein Zisterzienserkloster gründete, kann seine Bedeutung für den neuen Reformorden in Österreich nicht überschätzt werden. Die eigentliche Größe des gelehrten Babenbergers bestand jedoch darin, dass er als philosophierender Geschichtsschreiber von keinem anderen mittelalterlichen Historiographen erreicht, geschweige denn übertroffen wurde. Er war der Erste, der Werke des Aristoteles den Deutschen vermittelte, aber auch der Erste, der die Geschichte – entgegen der aristotelischen Tradition – in den Rang einer wissenschaftlichen Disziplin erhob. Sein langjähriger Notar Rahewin bezeichnete Otto, dessen bis 1156 reichenden Gesta sive Cronica Frederici, über die Taten Friedrich Barbarossas (1152–1190), er fortsetzte, als »unter den Bischöfen Deutschlands entweder ersten oder unter den ersten«. Die Gesta Frederici enthalten die genaueste, obgleich manchen nicht genügend genaue Darstellung der Erhebung Österreichs zum Herzogtum (Frage 46). Ottos literarischer Ruhm und Nachruhm beruhen freilich auf seiner Historia sive Cronica de duabus civitatibus, seiner Augustinus interpretierenden Weltgeschichte der beiden Gesellschaften (nicht: Staaten). Demnach erfüllt die Auseinandersetzung der himmlischen mit der irdischen Gesellschaft die Geschichte, die in vier Reichen von der Schöpfung bis zum Jüngsten Tag verläuft. Otto von Freising nahm am zweiten Kreuzzug von 1147/49 teil und starb 1158 in Morimond.

Annalen und Chroniken sind die beiden wichtigsten literarischen Quellen des europäischen und daher auch österreichischen Mittelalters. Sie haben einen oder mehrere, bekannte oder unbekannte Autoren, die sie mit der Absicht (Intention) verfassten, Geschichte für die Nachwelt zu schreiben (Frage 1). Wodurch sich Annalen von Chroniken unterschieden, meint jedermann zu wissen, doch wird es ihm schwerfallen, eine inhaltliche Definition zu geben. Kein Wunder, dass man im Mittelalter, das keine festen Buchtitel kannte, beide miteinander verwechselte und Annalen als Chroniken und umgekehrt bezeichnete. Man wird an das Wort des heiligen Augustinus erinnert, er wisse nur, was die Zeit sei, solange ihn niemand frage. Mit der Zeit haben freilich beide Quellen schon vom Wort her zu tun: Die Annalen bieten, wie ihr Name sagt, nach Jahren geordnete Geschichtsschreibung. Die Chronik kommt auf Latein zumeist als sächliches Mehrzahlwort chronica vor und leitet sich vom Plural des griechischen Eigenschaftsworts chronikà ab, das zu tà chronikà bíblia, Zeitbuch, zu ergänzen ist. Demnach wollte ein Chronist die Geschichte einer Epoche mit einem Anfang, und sei er bei Adam und Eva, und mit einem Ende, und sei es das Jüngste Gericht, als ein durchkomponiertes Ganzes bringen. Eine Chronik ist versehen mit einem Vorwort, das die Beweggründe für seine Abfassung mitteilt, und meist mit einem Schlusswort, das »die Moral von der Geschichte« vorträgt. Dazu kommt in vielen Fällen eine literarische Ordnung nach Büchern und Kapiteln. Dagegen ist die Jahreszahl das einzige Merkmal, das ein zumeist von anonymen Autoren verfasstes Annalenwerk gliedert.

Die österreichische Annalistik beginnt in Salzburg und reicht bis ins 8. Jahrhundert zurück. Ihr werden viele wichtige Daten verdankt, darunter die mögliche Erstnennung Wiens im Jahre 881 (Frage 22). Nicht in Österreich entstanden, aber für die Geschichte unseres Landes im 8. und 9. Jahrhundert von Bedeutung sind die Reichsannalen (741–829) und die sogenannten Fuldaer Annalen. Sie bringen vor allem für die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts wertvolle Nachrichten über den Osten Österreichs und die Nachbarländer. Die hochmittelalterliche Klosterannalistik setzte um 1100 im Benediktinerkloster Göttweig ein, erreichte aber an Intensität und Dauer ihre Spitze in Melk, wo Annalen bis ins 16. Jahrhundert geführt wurden.

Die fast 100 000 Verse zählende Steirische Reimchronik verfasste auf Deutsch der gelehrte und weltgängige Otakar aus der Geul am Beginn des 14. Jahrhunderts. Das Werk diente dem »Buch sicherer Geschichten«, dem Liber certarum historiarum, des Zisterzienser-Abtes Johann von Viktring (gestorben 1345/47) als wichtige Quelle. Diese Chronik eines wohl aus dem französisch-deutschen Grenzgebiet Lothringens stammenden Mannes ist eine Glanzleistung der mittelalterlichen Chronistik. Ein sonderbares, aber aus der Zeit verständliches Werk stammt vom Augustiner-Eremiten und Theologen Leopold von Wien, früher mit dem herzoglichen Hofkaplan Stainreuter identifiziert. Er schrieb um 1388/94 in deutscher Sprache eine in fünf Bücher gegliederte Österreichische Landeschronik der 95 Herrschaften. Das heißt, der Autor postulierte für Österreich vor den Habsburgern und Babenbergern nicht weniger als 93 Dynastien, um die Altehrwürdigkeit und damit den hohen Rang des Landes zu beweisen. Die geistige Nähe zu den Erfindungen rund um das Privilegium maius (Frage 50) ist seit Längerem bekannt, aber ebenso als ein mögliches Vorbild der tschechische Dalimil. Diese Fabelchronik entstand zu Beginn des 14. Jahrhunderts am Prager Hof und deutete die böhmischen

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