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Tod der Höllenbrut!: Roman von Jan Gardemann
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eBook301 Seiten4 Stunden

Tod der Höllenbrut!: Roman von Jan Gardemann

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Über dieses E-Book

Kaja Joystone, eine Frau, die furchterregende Kreaturen aus der Hölle bekämpft, unterliegt ihren Feinden. John Hackney, ihr Butler, muss nun Kajas Tochter Nelly finden, die in einem Londoner Waisenheim aufwuchs. Johns Auftrag lautet, Nelly das Vermächtnis ihrer Mutter zu überbringen, das vorsieht, dass sie in Zukunft an Kajas Stelle die Höllenbrut bekämpfen soll! Doch die siebzehnjährige Nelly lebt unter dem Namen Laura Anderson bei Adoptiveltern in London, und sie kennt ihre wahren Eltern genauso wenig wie die schrecklichen Kreaturen, die sie in Zukunft bekämpfen soll. Das wird sich allerding bald ändern, denn die Höllenbrut ist ihr bereits auf den Fersen …
SpracheDeutsch
HerausgeberFederheld
Erscheinungsdatum12. März 2017
ISBN9783961647866
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    Buchvorschau

    Tod der Höllenbrut! - Jan Gardemann

    Tatjana

    Smoky

    Ein Blitz zuckte grell vom Himmel und fuhr in einer Zickzack-Bahn über den nächtlichen Himmel zur Erde hinab. Für Sekundenbruchteile riss die flammende Feuerlanze die Wolkendecke, den Wald und das Castle, das sich mit seinen Türmen, Erkern und Spitzdächern über die Baumwipfel erhob, aus dem Dunkel der Nacht.

    Für John Milton, den Butler, der am Salonfenster von Scorce-Castle stand und in die Gewitternacht hinaus starrte, sah es aus, als hätte sich die Wolkenmasse im Flackerschein des Blitzes in ein graues Felsmassiv verwandelt. Er fragte sich, warum die Wolken nicht auf die Erde hinab stürzten und alles, das Castle, den Wald und die Kreaturen, die darin lebten, unter Donnern und Getöse unter sich begruben.

    Mit einem lauten Knall schlug der Blitz in eine alte Eiche am Rand der Burglichtung, fetzte lebendes Holz auseinander und spaltete den Baumriesen in zwei Hälften. Rinde und Holzfasern spritzen zu den Seiten weg, und von einem Moment auf den anderen stand die zerteilte Baumkrone lichterloh in Flammen. Ein Donnergrollen rollte über das Castle hinweg, ließ die Scheiben in den Fenstern und das Geschirr in den Vitrinen klirren und scheppern.

    John dachte, dass es sich genau so anhören müsse, sollte das Wolkengebirge tatsächlich eines Tages auf die Erde herabstürzen.

    Da fegte von Ferne plötzlich eine Sturmbö über den Wald heran. Die Wipfel bogen sich, als würde die Hand eines unsichtbaren Riesen darüber hinwegstreichen und die Bäume niederdrücken. Die Regenschleier zerrissen, Zweige peitschten, Blätter und sogar Vogelnester wirbelten durch die Luft; die Flammen der brennenden Eiche zuckten, als wären sie gezwungen, sich der Melodie eines wahnsinnigen Bauchtanzkomponisten hinzugeben.

    Als die Böe das Castle erreichte, jagte sie heulend um die Ecken, schlug mit den Fensterläden und klapperte mit den Dachschindeln. Sie wirbelte die Mauern empor, stürzte in Schächte und in den Hof, zerrte an den Wasserspeiern unter den Dächern. Aus den wie im Schmerz weit aufgerissenen Mäulern der steinernen Dämonenfratzen sprudelten Regenwasserfontänen, die, von der Böe gepackt, zu feinen Nebelschleiern zerstoben und an den dunklen Mauern des Castle hinab wallten.

    John verschränkte die Arme vor der Brust. In seinem altmodischen Frack mutete er wie ein Rabe an, den ein missratener Fluch in eine halbwegs menschliche Gestalt gebannt hatte. Sein Haar war schwarz und schimmerte bläulich. Der Butler hatte es zurückgestrichen, und es war so drahtig, dass es in spitz zulaufenden Strähnen hinten vom Kopf abstand. Seine Nase glich einem Schnabel; sie ragte weit aus dem Gesicht, auf dem der Schatten des Fensterkreuzes lag und es verdunkelte. Johns Augen waren kohlrabenschwarz. Das Glühen, das aus der Tiefe der Pupillen hervorschimmerte, rührte nicht bloß vom Widerschein des entflammten Baumes her, den der Butler mit gefurchter Stirn betrachtete.

    John wandte den Blick von der Eiche ab und starrte, wie so oft in den letzten Nächten, in denen er vergeblich auf die Heimkunft seiner Herrin gewartet hatte, auf den Waldsaum, wo eine von Schlaglöchern durchsetzte Straße auf die kleine Burglichtung führte.

    John liebte die Einsamkeit von Scorce-Castle, das in einer urwüchsigen Gegend in der Grafschaft Hampshire lag und nur etwa fünfzig Kilometer von London entfernt war. Doch jetzt sehnte er sich danach, die Scheinwerfer eines Autos durch die schwankenden Bäume und den Regen hindurchschimmern zu sehen. Mit Erleichterung und klopfendem Herzen hätte er das Näherrücken des Fahrzeuges beobachtet und dem Moment entgegenfiebert, da der schwarze Jaguar seiner Herrin aus dem Wald hervorbrach, über die Lichtung schoss und schließlich mit quietschenden Reifen vor dem Torhaus des Castles stoppte.

    Aber in dem Wald blieb es dunkel, wie schon in den Nächten zuvor. John atmete tief durch, um das Gefühl der Furcht und Beklommenheit abzuschütteln. Aber es gelang ihm nicht. Die böse Vorahnung, die Besitz von ihm ergriffen hatte, hielt sein Herz umfangen, wie eine Klaue, die es jeden Moment aus seiner Brust reißen könnte.

    Kaja Joystone, so der Name seiner Herrin, hätte schon vor sieben Nächten von ihrem Einsatz zurückkehren müssen. Auch eine Nachricht hatte sie nicht geschickt, wie sie es sonst immer tat, wenn Unvorhergesehenes ihre Heimkunft verzögerte. Dies tat sie zur Not auch mit technischen Hilfsmitteln, wenn es ihr auf magischem Wege nicht gelang – obwohl sie Handys verachtete und einen Computer so nützlich fand wie eine Nasenwarze.

    John zog eine Taschenuhr aus seiner Weste. Der Chronometer hing an einer Silberkette; es war ein altes Schweizer Modell, das alle achtundvierzig Stunden aufgezogen werden musste. Die Zeiger verrieten, dass es drei Uhr in der Früh war! Das nächtliche Sommergewitter tobte jetzt schon seit einer halben Stunde.

    John seufzte, und er fragte sich, ob er nicht zu Bett gehen und versuchen sollte zu schlafen. Unschlüssig sah er wieder aus dem Fenster – und verengte plötzlich die Augen: In der Nähe der gespaltenen Eiche, deren Flammen vom Regen inzwischen fast erstickt worden waren, löste sich ein Schatten aus dem Waldsaum und bewegte sich auf das Castle zu.

    Der Butler beugte sich vor, bis seine Nasenspitze gegen die Fensterscheibe stieß. Das rauchgraue Knäuel, das da die seichte Anhöhe heraufgestolpert kam, war nicht größer als ein Fußball. Tatsächlich kullerte es auch mehr über den Boden, als dass es sich auf seinen vier Beinen fortbewegte. Es war eine Katze. Die Sturmböen rissen das arme Tier immer wieder um und trieben es als trudelndes Fellbündel auf das Castle zu.

    „Smoky", flüsterte John, als er in dem Tier den Kater seiner Herrin erkannte. Während der Einsätze befand sich Smoky stets an Kajas Seite. Die beiden waren unzertrennlich!

    Hektisch stopfte John die Uhr zurück in die Westentasche; seine dürren Finger verhedderten sich dabei in der Silberkette. Er fluchte, bekam seine Hand wieder frei und eilte aus dem Salon.

    Draußen auf dem Korridor war es stockdunkel. Aber John benötigte kein Licht; er kannte das Castle in und auswendig und hätte sich auch mit geschlossenen Augen sicher darin bewegen können. Er hastete an der Ahnengalerie vorbei und auf die Marmortreppe zu, deren Stufen fahl in der Dunkelheit schimmerten und in einem weiten Bogen zur Eingangshalle hinab führten.

    Der Butler hielt direkt auf das Geländer zu, hüpfte hoch und landete mit ausgebreiteten Armen rittlings auf dem breiten Handlauf. Die Frackschöße flatterten und rauschte, während er, immer schneller werdend, das Geländer hinabrutschte. Bevor er der Kugel am Ende des Handlaufes zu nahe kam, glitt er geschickt vom Geländer hinab. Der Schwung trug ihn über die letzten Stufen hinweg; er kam mit den Füßen auf, ruderte mit den Armen und schlidderte auf den Schuhsohlen noch ein Stück über das gebohnerte Mosaik des Marmorfußbodens.

    Als er wieder sicheren Stand hatte, stürmte er auf die Eingangstür zu: ein doppelflügeliges, düsteres Ungetüm aus massiver Eiche und von oben bis unten mit länglichen Dämonenfratzen verziert.

    John riss die Türflügel mit solchem Ungestüm auf, dass die Scharniere vor Protest aufschrien. Eine Windböe erfasste den Butler, peitschte Regen und Laub in sein Gesicht und in die Eingangshalle hinein.

    John riss den Arm schützend vor seinen Kopf. Dann stemmte er sich gegen den Wind und stapfte auf den Burghof hinaus.

    Das Kopfsteinpflaster war glitschig und schimmerte vor Nässe; die Burgmauern, von deren Wehrgängen Sturzbäche in den Hof niederprasselten, ragten ringsum wie Klippen in den Himmel. John stolperte an seinem sandfarbenen Rolls Royce vorbei, der vor den Stallungen parkte, und warf sich schließlich in den Schutz des Torhauses.

    Augenblicklich machte sich der Butler an der Kurbel für das Fallgitter zu schaffen. Trotz seines schmächtigen Körperbaus bereitete es ihm keine Schwierigkeiten die altertümliche Kurbel herumzudrehen. Eine Kette wickelte sich auf die Spule und das schmiedeeiserne Gitter, das den Durchgang des Torhauses versperrte, wurde langsam in die Höhe gehoben. Der Mechanismus rasselte, knirschte und ächzte, dass es in dem Torhaus nur so widerhallte. Als unter dem Gitter ein Durchschlupf entstanden war, arretierte John die Kurbel und tauchte unter den spitz zulaufenden Enden der Gitterstäbe hindurch.

    Unter seinen Schuhen knirschte der Schotter, während er sich auf der anderen Seite des Fallgitters wieder aufrichtete. Er stemmte sich gegen den Sturm, wandte sich nach rechts und rannte außen an der Burgmauer entlang, bis er die andere Seite des Komplexes erreichte, wo sich hoch oben in der düsteren, zerfurchten Fassade das Salonfenster befand, von dem aus er das Gewitter beobachtet hatte.

    Es dauerte nur wenige Augenblicke und John war bis auf das Unterzeug durchnässt. Sein Frack schimmerte bläulich, Regenwasser rann von den Schößen herab.

    Ohne Atem zu schöpfen oder sich das Wasser aus dem Gesicht zu wischen stolperte John die Böschung hinab auf die brennende Eiche zu.

    Im Licht des ersterbenden Feuers sah John den Kater im Gras liegen. Das Tier hatte sich zusammengerollt und regte sich nicht mehr. Der Wind fuhr durch sein klatschnasses Fell, so dass es aussah, als würde es sich unter Todesfurcht sträuben.

    John warf sich neben dem Kater auf die Knie und beugte sich über das Tier. Seine Finger strichen sanft durch das triefende Fell, tasteten nach Wunden und gebrochenen Knochen.

    Smoky hatte ein Auge verloren, wie John nun bemerkte. Eine frische Narbe verlief quer über das Antlitz des Katers; sie hatte eine Furche über den Nasenrücken gezogen und das Lid gespalten. Es stand halb offen, so dass John die leere Höhlung dahinter deutlich erkennen konnte.

    Zudem hatte Smoky sich einige Rippen gebrochen. Auch der linke Hinterlauf schien zertrümmert. Aber der Kater atmete noch, und das ließ den Butler hoffen. Er würde ihn in wenigen Stunden wiederhergestellt haben.

    Was John viel größere Sorgen bereitete, war die Tatsache, dass Smoky ohne Kaja nach Scorce-Castle gekommen war. Smoky würde bis zum letzten Atemzug an der Seite seiner Herrin kämpfen, wenn es sein musste. Aber niemals würde er Kaja im Stich lassen und davonrennen!

    John spähte zum Waldsaum hinüber, Regen rann ihm über das Gesicht.

    „Kaja?, brüllte er gegen das Heulen des Sturmes an. „Kaja – bist du da irgendwo?

    Da hob Smoky plötzlich eine Pfote und legte sie in Johns Hand. Mit seinem gesunden Auge blickte er zwischen halbgeschlossenen Lidern zu dem Butler auf und ließ ein klägliches Miauen vernehmen.

    John starrte den Kater an und schluckte trocken. Seine bösen Vorahnungen verdichteten sich zur schrecklichen Gewissheit: irgendetwas Furchtbares musste mit seiner Herrin geschehen sein, und er tat gut daran, schnell wieder in den Schutz des Castles zurückzukehren!

    Behutsam nahm er den Kater auf, schützte ihn mit seinem Körper vor Wind und Regen und stapfte auf das Castle zu. Im Schutz der Umfriedungsmauer eilte er zur Stirnseite der Burg zurück, und nachdem er unter das Fallgitter hindurchgetaucht war, löste er die Arretierung der Kurbel, indem er ihr kurzerhand einen Tritt verpasste.

    Unter lautem Gerassel rauschte das Gitter herab und grub seine Spitzen mit einem Knall in die Aussparungen im Boden.

    Smoky zuckte bei dem Lärm nicht einmal zusammen. Doch der Widerschein haarfeiner Blitze geisterte kurz über sein nasses Fell hinweg. Die Lichterscheinungen waren entstanden, als mit dem Zuschnappen des Fallgitters auch die magische Barriere wieder geschlossen wurde, die das Castle vor dem Feind schützte.

    Für einen Moment spannte sich eine Kuppel flirrender, tanzender Blitze über das düstere Gebäude und erlosch dann wieder.

    Eiligen Schrittes überquerte John den Hof und huschte wie ein Schatten in das Haupthaus. Er nahm sich nicht einmal die Zeit die Eichentür hinter sich wieder zu schließen. Stattdessen stürmte er auf eine der Türen zu, die von der Eingangshalle abzweigten, öffnete sie mit dem Ellenbogen, stolperte in das Zimmer und legte den klatschnassen Kater auf ein Kanapee, ungeachtet, dass er das antike Möbelstück dadurch wahrscheinlich ruinierte.

    Smoky atmete einmal tief durch, als spürte er, dass er nun in Sicherheit war. Sein Brustkorb hob und senkte sich und seine Ohren stellten sich zitternd auf. Doch zu weiteren Regungen schien ihm die Kraft zu fehlen.

    John ging vor dem Kanapee in die Knie. Vorsichtig nahm er den Kopf des Katers zwischen seine Hände und legte das gesunde Auge des Tieres bloß, indem er mit dem Daumen das Lid empor zog.

    „Gleich werden wir wissen, was dir zugestoßen ist", murmelte er.

    Dann versenkte er seinen Blick tief in die ovale Katzenpupille. Das Glühen in Johns Augen wurde noch eine Spur intensiver, als er mit seinem Geist behutsam in Smokys Bewusstsein vordrang.

    Der Butler krauste die Stirn, Schweißperlen traten ihm aus den Poren und vermischten sich mit dem Regenwasser auf seinem Gesicht. Doch so sehr er sich auch konzentrierte und in dem Gehirn des Katers forschte, er fand dort lediglich ein paar verwaschene Bilder von Smokys Flucht. Er sah schemenhafte Umrisse von Hügelketten, Wäldern und Gehöften, an denen der Kater sich vorbeigeschleppt hatte. Doch die Szenen waren so unbestimmt und unklar, dass John mit ihnen nichts anzufangen wusste.

    Dort, wo die Erinnerung an die Geschehnisse ruhen sollte, die sich vor Smokys Flucht zugetragen hatten, herrschte in dem Gehirn des Katers nur eine schreckliche Leere!

    John fruchte die Stirn: Smoky schien keinerlei Erinnerungen an die zurückliegende Mission und den Kampf zu besitzen, der sicherlich stattgefunden hatte!

    Diese Erkenntnis ließ den Butler fast verzweifeln, und er überlegte fieberhaft, welche Erklärung es für das Fehlen der Erinnerungen gab.

    Zwei Möglichkeiten kamen ihm in den Sinn: Entweder hatte der Feind das Gehirn des Katers manipuliert, oder Kaja hatte es selbst getan!

    Da John den Feind kannte und wusste, dass er sich kaum die Mühe machen würde, einem Tier die Erinnerung zu rauben, wenn es einfacher war, es zu töten, vermutete er, dass die zweite Möglichkeit zutreffend war.

    Kaja Joystone musste Smokys Erinnerung aus irgendeinem Grund ausgelöscht haben!

    Ohne den Blick von dem Auge des Katers abzuwenden, bewegte John langsam seinen Kopf um die Anspannung loszuwerden, die seinen Geist gefangen hielt. Die Wirbel in seinem Nacken knackten vernehmlich.

    Währenddessen versuchte er sich vorzustellen, was Kaja dazu veranlasst haben könnte, Smokys Gehirn zu beeinflussen. Die einzige Schlussfolgerung, die ihm einfiel, war, dass seine Herrin hatte verhindern wollen, dass ihr Butler erfuhr, was mit ihr geschehen war. Sie wusste von seinen übersinnlichen Fähigkeiten und hatte sich denken können, dass John versuchen würde, Smokys Erinnerungen zu ergründen, wenn er ohne Kaja zum Castle zurückkehrte.

    John war verwirrt. Er konnte sich keinen Reim auf das Verhalten seiner Herrin machen. Warum wollte sie nicht, dass er erfuhr, was ihr zugestoßen war? Denn das Kaja etwas Schreckliches widerfahren war, das verriet Smokys Zustand unzweifelhaft.

    Da stieß sein tastender Geist in einem dunklen Winkel in Smokys Bewusstsein plötzlich auf einen fahlen Fleck.

    Eine steile Falte wuchs von der Nasenwurzel ausgehend bis zu seinem Haaransatz empor, als der Butler versuchte mit seinem Geist in den Erinnerungsfetzen einzudringen. Der Flecken war jedoch von einer mentalen Barriere umgeben, die eindeutig Kajas Handschrift trug.

    John tastete den Fleck mit seinen Gedanken ab, übte mit der Kraft der Konzentration Druck auf die Barriere aus – und plötzlich gab die Mentalmembrane nach und John drang mit seinem Geist mühelos in die Helligkeit des Erinnerungsfetzens vor.

    Im selben Moment vernahm John in seinem Kopf plötzlich die Stimme seiner Herrin. Wie immer klang sie, als hätte Kaja die Nacht hindurch zottige Lieder in einem verrauchten Pub gesungen. Doch die Stimme war schwach, wie das Flüstern eines Menschen, der im Sterben lag.

    „Wenn du diese Nachricht erhältst, bin ich bereits tot, wisperte es in Johns Schädel. „Du weißt, was du in diesem Fall zu tun hast: Suche meine Tochter! Sie soll meine Stelle einnehmen. Smoky wird dich zu ihr führen. Er allein vermag es, Nelly aufzuspüren. Lebe wohl, Fringer. Und viel Glück!

    Damit endete die Nachricht; der Erinnerungsfleck in Smokys Bewusstsein verblasste und war im nächsten Moment aus seinem Gehirn ausgelöscht.

    Johns Hände hatten zu zittern begonnen. Er zog sie von dem Kater zurück und presste sie gegen das regennasse Gesicht.

    Für ihn bestand kein Zweifel, dass die Botschaft in Smokys Gehirn wirklich von Kaja stammte und nicht von dem Feind in ihn eingepflanzt worden war, um ihn zu täuschen. Nur Kaja kannte Johns haljanischen Namen; sie hatte ihn absichtlich in die Botschaft eingebaut, um alle Zweifel über die Echtheit der Nachricht auszuräumen.

    Kaja ist tot! Dieser Gedanke füllte John bis in den letzten Winkel seines Denkens aus. Ein Weinkrampf schüttelte den Butler; er sank, wie von einer Lanze gefällt, seitlich zu Boden, wo er zusammengekrümmt und wimmernd liegen blieb.

    Noch nie in seinem Leben hatte John geweint. Doch jetzt sprudelten die Tränen nur so aus ihm hervor, als wollte er dem Unwetter draußen Konkurrenz machen. Johns schlimmste Befürchtung war eingetreten: Der Feind hatte Kaja Joystone besiegt und ermordet! Es gab nun niemand mehr, der den Haljanern die Stirn bieten könnte. Die Erde, sie war verloren. Die Haljaner würden sie Stück für Stück langsam in eine Hölle verwandeln!

    Aber so ganz stimmte das nicht! Es dauerte allerdings, bis dieser Gedanke sich einen Weg durch die Trauer und die Verzweiflung bahnen und in Johns Bewusstsein vordringen konnte. Kaja hatte ja eine Tochter: Nelly. John musste sie finden und ihr begreiflich machen, dass sie den Kampf ihrer Mutter fortführen musste!

    Langsam versiegte der Tränenstrom und John richtete sich benommen auf. Mit verquollenen Augen starrte er auf den Kater hinab. Smoky atmete flach, und nur seine Schwanzspitze zitterte ein wenig.

    „Du musst mich zu Nelly führen, kam es rau über Johns Lippen. „Scorce-Castle braucht eine neue Herrin – und die Erde eine Streiterin wider die Haljaner!

    Noch deutlich konnte John sich an Nelly, das kleine Menschenbündel, erinnern, das er vor knapp siebzehn Jahren während einer Vollmondnacht in den Schlafsaal eines Londoner Waisenheims geschmuggelt hatte.

    John hatte Kaja ein Jahr vor diesem Waisenhausbesuch bei der Entbindung geholfen. Diese mutige Frau, die weder Haljaner noch sonst irgendeine Gefahr gefürchtet hatte, hatte weder einen Arzt noch eine Hebamme in ihrer Nähe geduldet. John war der einzige, dessen Gegenwart sie während der Wehen ertragen konnte.

    Doch es hatte für den Butler nur wenig Arbeit gegeben. Kaja hatte instinktiv gewusst, was sie tun musste, um ihre Tochter zur Welt zu bringen.

    Nachdem Nelly geboren war, hatte John die Nabelschnur durchtrennt und das kleine schreiende Bündel Kaja an die Brust gelegt.

    Zwölf Monate hatte Kaja ihre Tochter bei sich behalten. Die düsteren Hallen von Scorce-Castle hatten sich in dieser Zeit mit dem Geschrei und dem glucksenden Gelächter des Babys gefüllt und dem Ort viel von seiner unheimlichen Atmosphäre genommen. John hatte Windeln waschen und Bäder zubereiten müssen. Er hatte Nelly auf dem Arm getragen und sich an ihren grünen Augen, dem rotbraunen Haar und ihrem süßen Lächeln, nicht satt sehen können.

    Dann war die Nacht gekommen, in der Kaja ihm Nelly das letzte Mal überreichte. Sie hatte das Baby in eine flauschige Decke gehüllt und trug John auf, ihre Tochter heimlich in einem Londoner Waisenheim unterzubringen.

    Dies alles lag nun knapp siebzehn Jahre zurück. John wusste weder, was aus Nelly geworden war, noch, ob sie der Aufgabe, die ihr nun bevorstand, überhaupt gewachsen war.

    Kaja hatte ihm all die Jahre verboten, Nelly zu besuchen oder sie zu beobachten. Der Feind hätte auf sie aufmerksam werden und sie töten können. John hatte nicht den blassesten Schimmer, wo Nelly jetzt lebte.

    Aber er würde es herausfinden – mit Smokys Hilfe!

    Der Butler straffte sich und streckte die Hände über dem Kater aus. Dann konzentrierte er sich auf seine Kräfte und ließ sie auf Smoky einwirken.

    Langsam begann sich die Narbe auf Smokys Gesicht zu schließen. Die gebrochenen Rippen wuchsen zusammen und auch der zertrümmerte Hinterlauf heilte.

    Allein das verlorene Auge vermochte John mit seinen bescheidenen Kräften nicht wieder zu ersetzen.

    Laura

    Als Laura Anderson erwachte, spürte sie Tränen auf ihren Wangen. Sie hatte einen Traum gehabt, der so intensiv und eindringlich gewesen war, dass sie sich nun scheute, die Augen zu öffnen, aus Angst, die alltäglichen Sinneseindrücke könnten die Erinnerung an den Traum verblassen lassen.

    Sie hatte vom Fliegen geträumt – wie schon so oft. Mit ausgebreiteten Armen war sie über eine wunderschöne gartenähnliche Landschaft geflogen, die sich von einem Horizont zum anderen erstreckte und von einem blitzblauen Himmel überspannt wurde.

    In den Wäldern und auf den Wiesen und Seen hatte sie verschiedene fremdartige Tiere beobachtet; sie schienen in friedlicher Eintracht zusammenzuleben, grasten, tranken, tollten herum oder lagen einfach nur in der Sonne. Hier und da waren die Tiere in zärtlichem Liebesspiel gefangen oder paarten sich. Aber nirgendwo fand ein Kampf statt, oder wurden Rivalitäten ausgefochten. Es war eine friedliche, glückliche Welt. Sie hatte sogar einen Namen. Laura hatte ihn mehrmals in ihren Träumen vernommen, wenn der Wind flüsternd um ihren dahinfliegenden Körper gestrichen war:

    Ejdyn!

    Doch diesmal hatte der Traum ein erschreckendes Ende gefunden. In dem makellos blauen Himmel von Ejdyn hatte sich eine dunkle Wolke gebildet. Wie ein Klumpen Dreck schwamm sie in dem leuchtenden Blau. Sie ballte sich zusammen und wurde schließlich so dunkel, als hätte die Nacht sich im Himmel von Ejdyn ein Einfallsloch geschaffen. Zu spät bemerkte Laura den Sog, der von der Wolke ausging. Verzweifelt schlug sie mit den Armen und strampelte mit den Beinen, um der Anziehungskraft der Wolke zu entrinnen. Aber sie schaffte es nicht, sondern raste stattdessen hilflos zu dem nachtschwarzen Ungetüm empor.

    Laura überschlug sich in ihrem Traum und trudelte durch die Luft. Ihr wurde schwindelig und sie wusste nicht mehr, wo oben und unten, links und rechts war. Im selben Moment, da die Wolke sie verschluckte, ahnte Laura, dass sie Ejdyn nie wiedersehen würde. Sie erwachte ...

    Wie betäubt lag Laura auf dem Rücken in ihrem Bett und kniff die Augen zu. Sie hatte das Gefühl, soeben einen großen Verlust erlitten zu haben. Auch das Wissen, dass es doch nur ein Traum gewesen war, konnte dieses Gefühl nicht abschwächen.

    „Ejdyn", murmelte sie schlaftrunken und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen. Schließlich blinzelte sie und sah sich um.

    Der vertraute Anblick ihres Zimmers übte eine ernüchternde Wirkung auf sie aus und brachte sie langsam in die Wirklichkeit zurück.

    An den lachsfarbenen Wänden hingen Poster ihres Lieblings-Rappers und einiger Hip-Hop-Bands; auf dem obersten Brett eines Regals, das vor Büchern und Zeitschriften über Musik und Mode fast überquoll, waren

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