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Aus dem Leben der infamen Menschen: Roman

Aus dem Leben der infamen Menschen: Roman

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Aus dem Leben der infamen Menschen: Roman

Länge:
319 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 8, 2017
ISBN:
9783902950994
Format:
Buch

Beschreibung

Kurt Fauland und Rudi Mosgöller sind Freunde und Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Sie träumen vom schnellen Geld, wenn nötig auch durch krumme Geschäfte. Ihr Kommandant Eisenmenger macht es ihnen vor – er betreibt illegalen Morphiumhandel und verdient sich damit eine goldene Nase. Dann ist der Krieg aus, und Kurt und Rudi wollen durchstarten. Sie werden Schieber, Erpresser, Rudi verliert ein Bein und Kurt steigt auf zum Rotlicht- und Schwarzmarktkönig. Dieser geniale Roman erzählt die Geschichte einer Familie dreier Generationen, in der sich Aufstieg, Hochblüte und Niedergang einer bürgerlichen Gesellschaft spiegeln: proletarische Herkunft, Gewalterfahrung im Krieg, von der Kleinkriminalität bis zum organisierten Verbrechen in der Zeit nach 1945. Dann die Verbürgerlichung, der Aufstieg zur einflussreichen Kraft in Wirtschaft und Politik. All das wird nicht als großes Panorama entworfen, sondern von den wichtigsten Figuren erzählt: Das Große zeigt sich im Kleinen. Gegen Ende des Romans beginnen sich die Fäden zwischen den Romanfiguren zu straffen, und das Geflecht der geheimen Verbindungen umschlingt auch den Leser, der von dieser raffinierten Erzählung schwer in den Bann gezogen wird.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 8, 2017
ISBN:
9783902950994
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Aus dem Leben der infamen Menschen - Peter Zimmermann

ACHIM

1

KURT

Das Licht ist gelb und fällt schräg ins Dunkle, die Nacht ist voll gelber, weißer, roter und grüner Flächen und Punkte und Schlangen, die zu Wörtern verknotet sind – Champion, Telefunken, Kaloderma –, zu Zeichen, die Radioempfänger, Schmerzmittel, Autos verheißen, oben auf den Dächern schwebend, und unten über den Glastüren, durch die sich Mäntel und Hüte schieben, in deren Fasern sich das Licht verfängt; Lichttropfen auf Wolle und Trevira, Tau auf geschnittenem Gras, in dem sich das Dunkel verfängt, Schwarz sich auffächert in seine Bestandteile. Umgestülpte Tage, die Stimmen ein wenig lauter als sonst, die Freiheit ein bisschen größer, alles in allem ein buntes Durcheinander nach Sonnenuntergang. Die Großen der Gegenwart tragen Rolex-Uhren. Die Großen lassen sich hier nicht blicken, fressen die Sonne mit den Rivierafeigen und tragen ihre Bügelfalten zur Schau, wie eh und je, aber was heißt schon groß? Silber und Gold unterm kalten Mond, das meiste nicht echt, trotzdem darf man sich größer fühlen, als man ist, vergiss Juan-les-Pins; die leuchtenden Sätze, in die Nacht geschrieben, steigern auch das Wohlbefinden. Blitzblank spült der Westinghouse Geschirrspülautomat. Alles ist jetzt und morgen, keine Ruinen mehr und kein Rauch, nicht hier jedenfalls, wo man nach vorne schaut und wieder Geld in den Taschen knistert, und das Lachen bis zum Montagmorgen währt.

Wer kümmert sich da um einen Mann, der vor dem Postamt steht und eine Zigarette raucht, als hätte er alle Zeit der Welt? Es ist Freitagabend, die Kinos sind offen, die Bars buhlen um die Nüchternen, und die Restaurants verschlingen die Hungrigen, die es sich leisten können, ihren Hunger in Gesellschaft zu stillen. Es sind nicht wenige, sie haben eine Zigarette zwischen den Lippen und eine Frau im Arm. Wie viele Wohnungen stehen jetzt leer und kalt? Das Leben spielt sich auf der Straße ab, und wer ein Ziel hat oder auch keines, schaut nicht so genau auf den Mantel des Mannes, der den Rauch gelassen in die Dezembernacht bläst wie jemand, dem nichts mehr davonläuft, der mit sich im Reinen ist, obwohl dieser Mantel, dieser Filmschauspielermantel, mehr hermacht als die meisten Mäntel, in denen all die Körper mit den rasch pochenden Wochenendherzen stecken. So einen Mantel bekommt man nicht einfach im Kaufhaus, und auch nicht den Hut mit der smaragdfarbenen Schleife, so fett sind die Jahre nicht, dass sich jeder wie Curd Jürgens abends vor dem Filmpalast aufpflanzen kann, als hörten die Kameras um ihn herum gar nicht mehr auf zu surren. Es ist ja nur ein Postamt, und einer wie Fauland zieht die Blicke nicht auf sich, niemand dreht sich nach ihm um, auch wenn jeder, der an ihm vorbeigeht, weiß, dass da etwas ist, etwas, nicht jemand, an dem man besser nicht anstreift. Es ist der Geruch. Man wittert etwas, schlägt einen Haken, ohne zu wissen, warum, als hätte man für eine Sekunde geträumt, von diesem Tier zum Beispiel, das von der Seite auf einen zuläuft und zum Sprung ansetzt. Die Männer wissen, wie sich eine Waffe anhört, die durchgeladen wird. Sie hört sich harmlos an wie ein Tischfeuerzeug, man duckt sich weg, gelernt ist gelernt.

Fauland hebt die Hand und schnippt den Zigarettenstummel auf den Asphalt, es spritzt rote Funken, dann ertrinkt die Glut. Er dreht sich um, die Hutschleife glänzt wie der Panzer eines Tropenkäfers, und drückt sich durch die Drehtür des Postamts. Kurz vor Schalterschluss ist hier viel los, Briefe wollen auf den Weg gebracht werden, Telegramme, Postkarten, Pakete, als gäb’s kein Morgen. Jemand summt ein Weihnachtslied, Schultern stoßen aneinander, Hüte verrutschen, Brillengläser trüben sich ein. Der Saal ist überheizt, auf feuchten Stirnen und Nasenrücken spiegelt sich das weiße Licht von der Decke. Fauland hat keine Eile, Schritt für Schritt durchquert er die Halle, schiebt die Körper von sich weg, als wären sie Puppen, da ist kein Widerstand und kein empörter Blick. Es geht ein Geruch von ihm aus, der Angst erzeugt, die schon einmal da war. In den Sümpfen am Pripjet und in den Kellern der zerrissenen Häuser.

Vor den Telefonzellen ist das Gedränge am größten, aber das kümmert Fauland nicht. Er geht geradewegs zur Zelle drei, öffnet die Glastür und bedeutet dem dünnen Mann mit der Zigarette unter dem kecken Menjoubärtchen mit einer unmissverständlichen Bewegung des rechten Zeigefingers das Weite zu suchen. Das macht der auch, ohne zu murren, er legt den Hörer auf, scheint sich an seine Tage beim Barras zu erinnern, lässt die Zigarette fallen und nimmt kurz Haltung an, ehe er sich, ohne nach links und rechts zu schauen, zum Ausgang drängt. Dann schließt Fauland die Tür hinter sich, zündet sich wieder eine Zigarette an und wählt eine Nummer. Er muss nicht lange warten. Am anderen Ende meldet sich ein Mann mit einer Stimme wie aus Glas, das gleich bricht.

»Hallo«, sagt er, »hier bei Grünwald …«

»Doktor Eisenmenger«, sagt Fauland forsch, als habe er den Namen überhört, »das ist mein letzter Anruf …«

»Sie irren sich, hier spricht …«

»Sie haben sich nicht an die Abmachung gehalten, Doktor Eisenmenger, deshalb war’s das …«

»Aber warum wollen Sie denn … legen Sie nicht auf, bitte … Grünwald, Eisenmenger, ich verstehe wirklich nicht, legen Sie nicht auf, wo ist … wie geht es … bitte, bleiben Sie dran, ich bitte Sie, seien Sie doch …«

»Das war’s, Doktor Eisenmenger, grüßen Sie mir die Herren, die Ihnen Gesellschaft leisten.«

Fauland legt auf, sieht auf die Uhr, macht einen tiefen Zug an der Zigarette und drückt den Stummel auf der Wählscheibe aus. Er stößt die Tür auf und drängt sich durch die Wartenden hindurch zum Ausgang. Draußen steht der dünne Mann mit dem Menjoubärtchen und lächelt. »Das ging ja presto«, sagt er. Fauland nimmt ihn am Arm und zieht ihn aus dem Licht. »Fahren wir«, brummt er, »in zwei Minuten blinkt hier überall Blaulicht.«

Sie steigen in einen schwarzen Opel Kapitän, der wenige Schritte vom Postamt entfernt parkt. Der Dünne auf der Fahrerseite, Fauland daneben.

»Weihnachten«, murmelt der Dünne, »wie die Zeit vergeht.«

»Da kommen sie schon«, sagt Fauland und zeigt auf zwei Volkswagen, die ihnen mit hoher Geschwindigkeit entgegenkommen. Kein Blaulicht, keine Sirene.

»Schau, die Kavallerie auf leisen Sohlen.«

»Sag ich ja, Weihnachten. Wollen die Leute nicht erschrecken.«

»Armleuchter.«

Unter dem schwarzen Dezemberhimmel gleitet der Opel über nassen Asphalt, in den Pfützen ersaufen die Reklamen, und den Menschen auf den Gehsteigen setzt die Kälte zu; wie die Schildkröten haben sie die Köpfe unter die Mantelpanzer geschoben. Nach wenigen Minuten aber sind Wochenende und Weihnachten vergessen, sind Champion, Telefunken, Kaloderma Namen exotischer Inseln, sind Körper schief an Hauswänden abgestellt und die Türen allesamt verschlossen. Wer hier lebt, stellt keine Fragen mehr, und hinterm Bahnhof schließlich hört das Leben ganz auf, kein Licht und keine Liebenden, nur tote Gegend, Zäune, Masten, Baracken, Backsteinhäuser, gespannte Drähte, alles schwarz wie Schatten von etwas, das einmal am Leben war. Schatten vom Kommen und Gehen, vom Wegfahren und Ankommen, Schatten vom Schuften und Herumhuren und Saufen, Schatten vom In-die-Ecke-Kotzen und Davonlaufen, Schatten vom Wunsch, es besser zu haben und vom Aufgeben jeder Hoffnung. Hier brennt nicht einmal eine altersschwache Straßenlaterne, nur der Dezembermond gibt dem Elend eine Form. Wenn es einen Gott gibt, ist er hier zu Hause. Hier ist sein Winterlager. Hier kann er sich unbeobachtet die Augen ausweinen.

Blue Moon

You saw me standing alone

Without a dream in my heart

Without a love of my own

Fauland singt, und der dünne Mann fährt. Das geht noch eine Zeit lang so, ohne dass die Stadt etwas Besonderes zu bieten hätte. Die Sitze des Opel sind weich wie Fauteuils. Die Scheinwerfer tasten jetzt leere Gehsteige und hüfthohe Staketenzäune ab. Als ob. Als ob Krieg, Ausgangssperre, Angst vor Dieben, als ob Plündertrupps, Männer, Gewehre. Wie früher. Die Ruhe nach. Dem Stehlen, dem Töten. Als ob. Das ist fast zwanzig Jahre her. Manchmal blitzt das Augenpaar einer Katze auf, das ist alles. Flache Bungalows, da und dort erleuchtete Fenster, Vorstadt.

Blue Moon

You know just what I was there for

You heard me saying a prayer for

Someone I really could care for

Der Opel biegt in einen Kiesweg ein, der eine Gartensiedlung durchschneidet. Niedrige, unbeheizbare Holzhütten hinter Sträuchern und nackten Obstbäumen. Vor einer Hütte aus schwarz gebeizten Brettern halten sie an. Fauland steigt aus und wird von der Kälte überrascht. Er drückt den Hut tief in die Stirn, sieht sich um, scheint zu überlegen, steckt den Kopf noch einmal bei der offenen Tür hinein. Er zieht einen Briefumschlag aus der Tasche und hält ihn dem dünnen Mann hin. »Das ist die Nachricht für Eisenmenger«, sagt er. »Du kommst dann sofort zurück, ich warte hier auf dich. In einer Stunde.«

Der dünne Mann schnalzt nur mit der Zunge, lässt sein Menjoubärtchen keck auf der Oberlippe tanzen und steckt den Umschlag ein. Fauland schlägt die Tür zu, der Opel fährt im Rückwärtsgang den Kiesweg zurück zur Straße. Nicht einmal ein Hund schlägt an, so tot ist es da.

Als Fauland zum Haus geht, kommt ihm die Frau schon entgegen, in einem Pelzmantel, der im Mondlicht silbern glänzt. Sie sieht aus, als hätte sie für einen Augenblick eine Tanzveranstaltung verlassen, um frische Luft zu schnappen, das Gesicht hell geschminkt, die Lippen rot, die Haare zu einem fragilen Zuckerwatteturm toupiert. Sie atmet, als wäre sie gelaufen, Rasseln in der Brust. Sie stellt sich Fauland in den Weg, der sich ihr langsam, mit gesenktem Kopf vom Gartentor her nähert.

»Er schläft«, sagt sie mit heiserer Stimme, als er vor ihr steht und einen Augenblick ratlos ist, weil sie sich vor ihm aufplanzt, als wolle sie etwas verhindern. Er schaut in ihre feuchten, großen Augen. Aber die Augen schauen nicht zurück.

»Er war den ganzen Abend ruhig und hat nicht geweint.«

Fauland macht einen Bogen um die Frau.

»Kurt!«, ruft sie verhalten ins Leere, dreht sich um, sieht, wie er ins Haus geht, rührt sich aber nicht von der Stelle.

Drinnen ist es beinahe dunkel, nur die Lampe über dem Küchenherd brennt, doch Fauland kennt sich aus. Er könnte, was er vorhat, auch mit geschlossenen Augen erledigen. Langsam, weil der weiche Bretterboden unter seinen Schritten knarrt, geht er durch den Flur, öffnet die erste Türe auf der rechten Seite, ohne ein Geräusch zu machen, ganz langsam, beinahe ohne zu atmen, betritt das kleine, quadratische Schlafzimmer, durch dessen Fenster der Himmel schaut, und steht auch schon vor dem Bett, auf dem das schlafende Kind, das Gesicht ihm zugewandt, liegt. Er sieht im milchigen Zwielicht, wie sich der Körper regelmäßig hebt und senkt, er sieht die geschlossenen Augenlider und den leicht geöffneten Mund und eine Strähne blonden Haares, die über der Stirn liegt wie ein dickes Komma.

Die rechte Hand fährt in die Manteltasche und umschließt den Griff des Revolvers. Mit dem Zeigefinger legt er den Sicherungshebel um, dann richtet er die Waffe gegen das Kind, genau an das Ende des Kommas, als bezeichnete es die ideale Stelle für den Einschuss. Er hält die Mündung nur wenige Millimeter über der Stirn und legt den Finger auf den Abzug, da stöhnt das Kind, dreht den Kopf ein Stück zur Seite, öffnet die Augen und flüstert: »Papa?«

Fauland zögert eine Sekunde, dann drückt er ab, doch er trifft den Kopf nur seitlich. Der Oberkörper des Kindes wird ein Stück hochgeschleudert, dann sackt er zurück auf das Bett. Fauland umfasst den dünnen Hals, drückt ihn auf die Matratze, er greift ins Blut, legt den Revolver noch einmal an, diesmal direkt mit der Mündung an die Schläfe, und drückt ab.

Er lässt den toten Körper los, wischt die Hand am Laken ab, sichert die Waffe und steckt sie in die Manteltasche. Kurz hört er in die Stille, doch er hört nur das Rauschen in seinem Kopf.

In der Küche sucht er nach etwas zu trinken, aber er findet nichts. Er wäscht sich die Hände an der Spüle, setzt sich an den Klapptisch, auf dem noch die aufgebrochene Morphiumampulle und die Spritze der Frau liegen, und zündet sich eine Zigarette an. Er schaut auf die Uhr. Eine Dreiviertelstunde wird er noch auf Mosgöller warten müssen.

Die Frau kommt herein und setzt sich zu ihm. Er schaut sie an, doch sie blickt zu Boden. Sie zittert, sagt aber nichts.

»Du fährst mit uns«, sagt Fauland, »du packst Stoff für die nächsten Tage ein, dann bringt Rudi dich nach Hause.«

»Und hier?«

»Denk nicht darüber nach.«

Das Gesicht der Frau sieht aus wie aus Gips oder als sei die Haut so durchsichtig, dass man darunter den weißen Knochen sehen kann. Sie tastet mit den Augen die kleine Küche ab, nur Faulands Blick weicht sie aus. Sie kann den Kopf nicht ruhig halten.

Er bläst die Backen auf und schaut auf die Uhr. Der Zeiger kommt nicht voran.

»Das Zeug löscht nicht alles aus, weißt du«, sagt die Frau und deutet auf die Spritze, »manchmal sitzt es tiefer, als die Nadel hinabreicht. Man möchte sich damit das Herz durchstechen, wenn man könnte.«

»Hör auf damit!« Er drückt die Zigarette auf der Tischplatte aus und zündet sich eine neue an.

»Ja, Scheiße, hör auf!«, äfft sie ihn nach. »Du machst es dir leicht. Vergessen, einfach vergessen, als ob …«

Fauland beugt sich über den Tisch. »Schau mich an«, befiehlt er, »schau mich an, schau mir in die Augen.« Doch ihr Blick geht einfach an ihm vorbei. Er sinkt zurück in den Sessel. »Du sollst einfach den Mund halten!«

Nach einer Weile flüstert sie: »Ein Kind, Kurt …«

Da wirft er ihr die brennende Zigarette ins Gesicht, stemmt sich vom Sessel hoch, stößt den Klapptisch zur Seite und versetzt ihr zwei Ohrfeigen. Dann packt er sie an den Haaren, zieht sie hoch und stößt sie zur Spüle. Das Blut aus ihrer Nase tropft in den Ausguss. Er zieht sein Taschentuch aus der Hose, hält es unters kalte Wasser, reißt ihren rechten Arm hoch und drückt es ihr in die Hand. »Kannst dich damit abwischen.«

Sie sprechen kein Wort mehr miteinander, bis sie den Opel über den Kies rollen hören. Fauland umfasst die Frau an der Hüfte, als wolle er tanzen, doch er schiebt sie nur vor sich her ins Freie.

»Was geschieht jetzt?«, fragt sie.

»Es ist bald vorbei«, sagt er.

Mosgöller ist aus dem Wagen gestiegen und kommt ihnen entgegen, er und Fauland nehmen die Frau in die Zange und drücken sie auf den Rücksitz des Opel. »Drin ist es wärmer«, sagt Fauland und schließt die Tür. Er bietet Mosgöller eine Zigarette an. Mit dem Rücken an den Wagen gelehnt, rauchen sie und beobachten den Himmel.

Die Nacht ist voll gelber, weißer, roter und grüner Flächen und Punkte und Schlangen, Rudi, drin in der Stadt, da liegt auch das ganze Geld auf der Straße, aber hier in den Pripjetsümpfen mit nichts als toten Russen im Schlamm, hier, wo nicht einmal ein Vogel piept, glotzen einen nur die Sterne an, als ob sie nicht schon genug gesehen hätten. Wega steht in der Leier, und der Geier steht im Weg, Deneb liegt im Schwan, und wer im Weg steht, der ist dran. Atair, der ist im Adler, und

was Flügel hat, das fliegt, es ist vorbei, Rudi, so sollen wir nicht alt werden, du und ich, so nicht, und die Frau ist sowieso hinüber, deren Zukunft hängt an einer Nadel, bis sie bricht, und unsere Zukunft, Rudi, es ist nicht mehr Krieg, und die Amis sind auch nicht mehr da, was soll’s, ich hab ein Zittern, Rudi, in den Armen, Händen, Fingern, im, da schau, nein,

nach oben, da im Süden und Südwesten, lichtschwach und knieweich, Wassermann, Fische, Walfisch, tief im Südwesten glänzt Formalhaut wie Gottes Goldzahn, die Hütte muss heute noch weg, alles weg. Benzin ist genug da, dir kann ich’s ja sagen, dieses Zittern ist neu, diese Scheißsterne hab ich nie gemocht, leuchten vor sich hin, egal, ob Gott tot ist oder nicht, ob einer Böses oder Gutes tut. Oberhalb der Fische lümmelt Pegasus, östlich davon geht Andromeda in die Breite, dass es eine Freude ist, Kassiopeia im Zenit, südöstlich Perseus im Süden, ganz hell Jupiter,

wie die letzte Arschgeige, der alles hintenrum geht. Politik, Rudi, Baubranche, Immobilien, die Kinder an die Uni, die Weiber auf der King-Size-Matratze in Satin und Seide, und untenrum rasiert, so soll’s sein, Zigarre und Tischfeuerzeug aus Kristallglas, Rudi, die Bullen immer auf deiner Seite, ohne Schmiere, trinkst einen Schampus, gehst nach Hause und legst dich ins Bett, stattdessen … Sieh einer an, Kapella im Osten an der Spitze des Fuhrmanns, der wiederum den Stier antreibt, die Hyaden, ein Sternenscheißhaufen mit dem Riesen Aldebaran mittendrin, früher einmal war er das blutunterlaufene Auge des wütenden Stiers, oberhalb der Hyaden am Nordhimmel die Plejaden, auch ein Haufen Sterne, gibt zu viele davon, östlich davon die superhellen Zwillinge Kastor und Pollux, die letzte Nacht, Rudi, darfst

mich zitieren, wenn ich mal schwach werde, keine Nacht mehr wie diese, wenn die Scheißsterne wenigstens mal als Geld runterkämen, dann wären sie was wert, aber so … Südöstlich Orion der Himmelsjäger mit seinen

Begleitern, dem Großen und Kleinen Hund, macht er Jagd auf den Stier, die verwaschene Pfütze, darunter der Orionnebel, und in Richtung Südosthorizont, wir beide sind nicht mehr so jung, Rudi, kriegen schon das Zittern und schlaflose Nächte, wenn’s so weitergeht, ja, und schließlich

Sirius im Sternbild Großer Hund, bekanntlich der hellste Fixstern am irdischen Himmel, und sein helles blauweißes und oft auffallend flackerndes Licht ist ein markanter Begleiter durch die kalten Winternächte, aber das Studium der Himmelskörper ist verlorene Zeit, wie einmal ein Kardinal gesagt hat, denn inwiefern fördert es unsere Erlösung?

»Gute Frage, Kurt«, sagt Mosgöller und reibt sich die halb erfrorenen Hände. Doch eigentlich haben sie gar nicht miteinander gesprochen, sondern bloß eine Zigarette unterm Sternenzelt geraucht, zwei Männer, die sich wenig zu erzählen haben und trotzdem eine Menge Geheimnisse miteinander teilen.

»Jedes Jahr dasselbe«, sagt Mosgöller, als er zur Fahrerseite des Opel geht.

»Was?«, fragt Fauland.

»Weihnachten.«

Kurz darauf rollt der Wagen über die Straße auf das Stadtzentrum zu. Es ist still. Das Licht kommt zurück. Und auf dem Rücksitz hört man das leise Schnarchen der Frau.

RITA

Einunddreißig Jahre nachdem Kurt Fauland und Rudi Mosgöller, ausgesprochen oder nicht, beschlossen haben, ihr Leben zu ändern, an einem Tag im Sommer des Jahres 1989, fährt die 42-jährige Rita Fauland in ihrem roten Triumph TR6 Cabriolet in ein am Stadtrand gelegenes Einkaufszentrum, um sich dort die Zeit zu vertreiben, Menschen zu beobachten oder ein Stück weit durch die Gänge zu verfolgen, in der Cafeteria mehrere Gläser Whisky zu trinken und vielleicht die Toilette vollzukotzen, vor allem aber Waren aller Art zu stehlen und sich daran zu freuen, nie belangt zu werden.

Ihr Vater hat als Mehrheitseigentümer des Einkaufszentrums jegliches Eingreifen des Sicherheits- und Verkaufspersonals untersagt und verbucht die verschwundenen Dinge unter Eigenbedarf. Oft sind sie auch gar nicht verschwunden, sondern auf dem Parkplatz abgestellt, dort, wo gerade noch der Triumph gestanden ist. Die zumeist unbeschädigten Waren können dann wieder in die jeweilige Abteilung zurückgebracht und in die Regale eingeräumt werden. Manchmal legt sie einen Geldschein dazu, den die Angestellte, welche die entwendeten Waren einzusammeln hat, einsteckt. Deshalb ist Rita Fauland im Einkaufszentrum durchaus gern gesehen, nur wenn sie so betrunken ist, dass sie ausfallend wird, Kunden belästigt oder neben die Klomuschel kotzt, ist es mit der Freundlichkeit vorbei, doch es ist immer der Geschäftsführer selbst, der sie hinauswirft oder den Notarzt ruft.

Die meiste Zeit, die sie im Einkaufszentrum verbringt, scheint sie bloß ihre kleinen Raubzüge zu genießen. Es kann allerdings nicht geleugnet werden, dass die Menschen, die in der einen oder anderen Weise mit Rita Fauland zu tun haben, oder sie nur vom Sehen kennen, sich fragen, was aus der nicht mehr ganz jungen Frau werden soll, auch in Hinblick auf ihren Sohn Achim, der Rechtswissenschaften studiert und offensichtlich die Geschäfte des alten Fauland übernehmen soll, früher oder später. Wird er diese Last tragen können?, fragt man sich. Und wie sehr ist er selbst beschädigt durch diese Mutter, die ihm sein ganzes Leben lang das Misslingen der Existenz und die Sinnlosigkeit des Daseins vorgelebt hat? Wenn Rita Fauland also die Welt außerhalb ihres Hauses betritt, wachsen in den Köpfen derer, die sie dabei beobachten, grundsätzliche Fragen.

An diesem Tag im Sommer 1989 parkt Rita Fauland ihren Triumph in der Nähe des Eingangs. Es ist früher Nachmittag und es ist kein Samstag, das Einkaufszentrum ist schwach besucht, was auch an der Hitze liegen mag. Seit Tagen schon liegt ein Hochdruckgebiet scheinbar unverrückbar über der Region, keine Wolke hindert die Sonne am Aufheizen der Luft, kein noch so sanfter Wind trocknet den Schweiß auf der Haut. Rita Fauland trägt einen breitkrempigen Strohhut auf dem Kopf, über den sie einen roten, unter dem Kinn zusammengeknüpften Seidenschal gewickelt hat, wohl um den Hut während der Fahrt nicht zu verlieren. Die auffällige Kopfbedeckung und die übergroße verspiegelte Sonnenbrille erwecken Assoziationen an Audrey Hepburn und Rosemarie Nitribitt, die kurz geschnittenen blondierten Haare hingegen, die man nur auf den zweiten Blick erkennt, vermitteln den androgynen Charme einer Jean Seberg. Wie sie da aus dem Auto steigt und mit den ebenfalls roten italienischen Slippers den weichen Asphalt berührt, sieht sie aus wie aus einem dreißig Jahre alten Samstagnachmittagsfilm im Fernsehen in die dreidimensionale Wirklichkeit geworfen. Ihre Bewegungen muten abgelöst vom trostlosen Ort und der Hitze an, wie auf einem doppelbelichteten Film. Es scheint, als sähe sie sich selbst in einem für andere unsichtbaren Saint-Tropez unter einem freundlichen Morgenhimmel, wo man nach einer illuminierten Marc-Chagall-Nacht im Café Paris am Quai de Suffren den Tag beginnt. Wer sie sieht, wie sie mit ihren immer noch schlanken Beinen in dreiviertellangen, blütenweißen Matrosenshorts auf den Eingang zustelzt, offensichtlich nüchtern und ausgeschlafen, glaubt tatsächlich, einer von Gainsbourg gesanglich untermalten Szene beizuwohnen, Mambo, miam, miam, aber es ist wohl auch dieses Flirren der über dem Asphalt erhitzten Luft, das die Wirklichkeit ein wenig verrückt. Und so lässt sich auch über diese Gestalt vor dem Eingang des Einkaufszentrums nichts Verlässliches sagen. Zuerst ist es nur ein dunkler Fleck, hingemalt auf eine der vielen Schichten zwischen dem Auge und der horizontbildenden Glas- und Betonlandschaft der Shopping Mall, vielleicht eine Luftspiegelung oder ein Werbemittel oder auch nur ein Schatten von etwas Größerem.

Mit jedem Schritt Rita Faulands wird es deutlicher: ein Wesen, ein Körper, ein Mensch, eine Frau, eine Frau mit dunklen Haaren und einem Tuch auf dem Kopf, einem hinten zusammengeknoteten Tuch, gelb mit schwarzen Punkten, mit etwas in den Armen, Einkaufstasche, Decke, mit einem Kind in den Armen, eine Frau mit einem Baby, mitten in der Sonnenglut, in einer Art schwarzer Schürze, die bis zu den Knöcheln reicht, dunkelblaue Adidasjacke, schlammiger Teint, irgendetwas zwischen graphit und braun, ausdrucksloses Gesicht, das Baby laut- und bewegungslos, wie tot, die Frau wie erstarrt, steht einfach da in der Hitze des Nachmittags, die Füße in grauen Turnschuhen, die aussehen wie kleine Gewitterwolken. Man könnte meinen, auch sie sei aus einer anderen Dimension herausgefallen und habe sich vor einer Minute noch – nicht gerade in Saint-Tropez, sondern in einem von Bluträchern umkreisten Nest auf einer baumlosen Höhe befunden, möglicherweise von einer anderen Welt träumend, von der sie nichts weiß, außer dass es dort Warenhäuser gibt, die so groß sind wie ein ganzes Dorf, und für die manche Menschen eiskalte Flüsse durchschwimmen, durch Wälder irren, ihre Kinder im Stich lassen, sich in Kofferräumen fremder Autos zusammenfalten, all das mit Augen, die vor Hunger und Angst aus dem Gesicht springen. Zu ihrer Überraschung ist sie dann vielleicht in diesen Traum hineingestolpert wie Alice in die Kaninchenhöhle, ohne es zu wollen, Wunder geschehen da und dort. Und nun, da sie tiefer und tiefer gefallen ist, sieht sie, was sie nie sehen wollte, Beton, Asphalt und eine auf sie zustapfende Person, die ein wenig aussieht wie eine verrückt gewordene Offiziersmätresse, eine bröckelnde Göttinnenstatue, die vom Sockel gefallen ist, ein flügellahmer Engel auf der Suche nach neuen Federn, möchte sie nur noch zurück, doch wie macht man ein Wunder rückgängig?

Vielleicht, vielleicht.

Rita Fauland bleibt vor der Frau stehen, die weiterhin keine Miene verzieht. Ist sie da zwischen den Luftschichten eingeschmolzen, oder doch nur das Abbild einer Zigeunerin mit Kind, die für den Zauber

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