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Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg: Ernestinerin und Europäerin im Zeitalter der Aufklärung

Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg: Ernestinerin und Europäerin im Zeitalter der Aufklärung

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Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg: Ernestinerin und Europäerin im Zeitalter der Aufklärung

Länge:
300 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
23. März 2017
ISBN:
9783791761060
Format:
Buch

Beschreibung

Eine "große erhabene Sünderin", die "aufgeklärteste Prinzessin des Jahrhunderts", "Minerva Gothas" – diese kritischen und lobenden BeiNamen wurden Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg (1710–67) von einflussreichen Männern ihrer Zeit verliehen.
Und gewiss werfen sie Schlaglichter auf wichtige Facetten ihres Lebens. Vor allem aber war die Herzogin an der Seite ihres Gemahls Friedrich III. eine mitregierende Fürstin: Geschickt nutzte sie ihr dicht gewebtes Korrespondentennetz und das gesellige Leben auf Schloss Friedenstein, um das ernestinische Fürstentum während der drei Kaiserwahlen, der europäischen und der Kolonialkriege als Macht im Hintergrund zu positionieren. Sie stand mit dem Preußenkönig Friedrich II. ebenso in Kontakt wie mit den Aufklärern Voltaire, Diderot und Rousseau. Gleichzeitig verstand sie es, ihrer Residenz als Hort der Wissenschaften und Künste repräsentativen Glanz zu verleihen.
Freigegeben:
23. März 2017
ISBN:
9783791761060
Format:
Buch

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Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg - Günter Berger

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Eine „große erhabene Sünderin, die „aufgeklärteste Fürstin des Jahrhunderts, „Minerva Deutschlands" – diese kritischen und lobenden Beinamen wurden Luise Dorothea von Sachsen-Gotha- Altenburg (1710–1767) von einflussreichen Männern ihrer Zeit verliehen. Und gewiss werfen sie Schlaglichter auf wichtige Facetten ihres Lebens.

Vor allem aber war die Herzogin an der Seite ihres Gemahls Friedrich III. eine mitregierende Fürstin: Geschickt nutzte sie ihr dicht gewebtes Korrespondentennetz und das gesellige Leben auf Schloss Friedenstein, um das ernestinische Fürstentum während der drei Kaiserwahlen, der europäischen und der Kolonialkriege als Macht im Hintergrund zu positionieren. Sie stand mit dem Preußenkönig Friedrich II. ebenso in Kontakt wie mit den Aufklärern Voltaire und Grimm. Gleichzeitig verstand sie es, ihrer Residenz als Hort der Wissenschaften und Künste repräsentativen Glanz zu verleihen.

Zu den Autoren

Günter Berger,

Dr. phil., war bis 2012 Professor für Romanische Literaturwissenschaft an der Universität Bayreuth; zahlreiche Publikationen zur französischen Kultur und Literatur der Aufklärung, darunter der Briefwechsel zwischen der Herzogin Luise Dorothea und König Friedrich II. in deutscher Übersetzung.

Bärbel Raschke,

Dr. phil., lehrte an Universitäten in Leipzig, Bielefeld, Paris, Rabat und Kairo; zahlreiche Publikationen zu deutschen Fürstinnen im europäischen Kulturtransfer des 18. Jahrhunderts, zuletzt Quelleneditionen von Korrespondenzen Luise Dorotheas von Sachsen-Gotha-Altenburg.

Günter Berger / Bärbel Raschke

Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg

Ernestinerin und Europäerin im Zeitalter der Aufklärung

Verlag Friedrich Pustet

Regensburg

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

eISBN 978-3-7917-6106-0 (epub)

© 2017 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

Umschlaggestaltung: Martin Veicht, Regensburg

Diese Publikation ist auch als Printprodukt erhältlich:

ISBN 978-3-7917-2852-0

Weitere Publikationen aus unserem Programm

finden Sie auf www.verlag-pustet.de

Informationen und Bestellungen unter verlag@pustet.de

Einleitung

Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg gehört zu den bekanntesten Fürstinnen des ernestinischen Zweigs der Wettiner. Ihre Lebenszeit (1710–1767) fiel in das politisch und geistig bewegte Europa des 18. Jhs. Auf den ersten Blick erscheint ihr Lebenslauf sehr überschaubar, viele Daten im Sinne gesicherter Fakten kommen nicht zusammen. Geboren wurde sie am 10. August 1710 als Prinzessin von Sachsen-Meiningen, heiratete 1729 innerhalb des ernestinischen Hauses ihren Cousin Erbprinz Friedrich von Sachsen-Gotha-Altenburg. Zwischen 1735 und 1747 gebar sie elf Kinder, von denen drei sie überlebten. Außerhalb des Herzogtums unternahm sie, bis auf einen kurzen Aufenthalt in Leipzig als 32-Jährige, vermutlich nur eine einzige ausgedehnte Reise im Juni/Juli 1749 zusammen mit ihrem Gatten nach Wiesbaden. Sie starb am Morgen des 22. Oktober 1767 auf Schloss Friedenstein in Gotha. Doch dieser geradlinig anmutende Lebenslauf in einem der scheinbar beschaulichen, kleinen Herzogtümer Thüringens täuscht. Er war durchaus von den europäischen Zeitläuften betroffen, von den Vormachtkämpfen zwischen Großbritannien und Frankreich auf dem Kontinent sowie von den Großmachtbestrebungen Österreichs und Preußens, vom acht Jahre andauernden Österreichischen Erbfolgekrieg, vom Siebenjährigen Krieg, von den drei Kaiserwahlen 1742, 1745 und 1764. In diesen Konflikten brach auch die alte, seit 1547 bestehende Rivalität zwischen dem albertinischen Kursachsen und dem ernestinischen Zweig der Wettiner erneut auf. Sie wurde zudem von heftigen Auseinandersetzungen um Führungsansprüche innerhalb des ernestinischen Hauses, zwischen Gotha, Meiningen, Weimar-Eisenach und Coburg-Hildburghausen, flankiert.

Zugleich stand das Leben der Gothaer Herzogin im Spannungsfeld von Religion und europäischer Aufklärung. Die Ernestiner und insbesondere Sachsen-Gotha betrachteten sich seit der Reformation als Hort der protestantischen Lehre Luthers. Nicht nur der allgegenwärtige Katholizismus, sondern auch die verschiedenen Strömungen innerhalb des Protestantismus wurden argwöhnisch beobachtet. Daneben ging modernes, an exakten Wissenschaften orientiertes, naturwissenschaftliches Denken, gingen neue, die europäische Aufklärung prägende Ansätze in Philosophie, Morallehre und Staatsrecht, Diskurse zur Geschlechterfrage, zu Geselligkeitsformen, zur Rolle von Kunst und Literatur an der höfischen Gesellschaft auf Schloss Friedenstein nicht vorbei.

Die bisher einzige umfangreiche Biografie zur Gothaer Herzogin stammt aus dem Jahr 1893. Sie würdigt sie als eine Frau, die ihrem Gatten geistig überlegen gewesen sei, wegen ihrer Intelligenz, Belesenheit und Aufgeschlossenheit von der männlichen geistigen Elite ihrer Zeit – egal ob Philosoph, Militär oder König – geschätzt und bewundert wurde und zugleich als treu sorgende Mutter eine tadellose Erzieherin ihrer Kinder war. Die nachfolgenden, in großen zeitlichen Abständen erschienenen Arbeiten zu ihr reduzierten dieses Bild. Sie wurde zur „Freundin Friedrichs des Großen und Voltaires".

Die Erkenntnisse der Hof- und der Geschlechterforschung der letzten Jahrzehnte, ein unvoreingenommener Blick auf ihren Nachlass und bisher unbekannte Quellen aus ihrem Umfeld ermutigen, sich ihrem Leben und Handeln erneut anzunähern. Persönliche Aufzeichnungen, ein Diarium, Memoiren, ein Tagebuch oder bekenntnishafte Briefe, die eine Art Leitlinie bilden könnten, hinterließ die Herzogin allerdings nicht, und das schriftlich Hinterlassene weist beträchtliche Lücken auf. Ob sie selbst zu Lebzeiten Papiere vernichtete oder nach ihrem Tod Bereinigungen stattfanden, ist nicht überliefert. Zahlreiche schriftliche Zeugnisse gingen – ebenso wie andere Teile ihrer Verlassenschaft – nach ihrem Tod an die Kinder oder andere Personen ihrer engsten Umgebung über.

So wird in dieser Biografie das Überlieferte in thematischen Schwerpunkten, nach Handlungsfeldern geordnet. Wo entsprach sie den kontrovers diskutierten Normen ihrer Zeit, worin glich sie Fürstinnen ähnlichen Ranges, mit ähnlichen Qualitäten und Durchsetzungsfähigkeiten sowie mit zum Teil übereinstimmenden Netzwerken? Worin unterschied sie sich von ihnen? Der Verzicht auf streng chronologisches Erzählen soll nicht zuletzt Anregungen geben, sich dem hier entworfenen Lebensbild einer Fürstin des Alten Reichs kritisch zu nähern.

Damit reiht sich die Biografie in die aktuellen Würdigungen der Herzogin an ihrer Lebens- und Wirkungsstätte Gotha ein. In den Museen und Spezialausstellungen der Stiftung Schloss Friedenstein erinnern zahlreiche Exponate an sie. Unter kompetenter Führung kann ein Teil ihrer Wohnräume besichtigt werden, heute Domizil der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt und Gotha. Hier wird ein Teil ihres Nachlasses aufbewahrt und der internationalen Forschung zur Verfügung gestellt. Öffentliche Vortragsreihen des Freundeskreises der Forschungsbibliothek beleuchten Aspekte ihres Lebens und Wirkens vor einem breiten Publikum. Wissenschaftliche Editionsarbeiten von Nachlassteilen erschließen die Archivbestände des Thüringischen Landesarchivs Gotha im Perthes-Forum. Im 250. Todesjahr der Herzogin bündeln sich die Würdigungen im August zu einem Höhepunkt: Beim alljährlichen Barockfest auf Schloss Friedenstein werden Friedrich III. und Luise Dorothea natürlich wieder unter den Feiernden erscheinen, und am Schlossberg wird auf Initiative der Kulturstiftung Gotha die Erinnerung an Luise Dorothea mit einem modernen, vom Hallenser Bildhauer Bernd Göbel erschaffenen Denkmal, zu dem im September 2016 der Grundstein gelegt wurde, beständig erstrahlen.

Bei unserer Arbeit in Archiven und Bibliotheken haben wir immer wieder große Ermutigung und Unterstützung erfahren. Hierfür danken wir herzlich Rosemarie Barthel (Gotha), Cornelia Hopf (Gotha), Otmar Fehn (Bayreuth), Daniel Gehrt (Gotha) und Wolfgang Steguweit (Gotha). Einen ebenso herzlichen Dank sagen wir Elena Meyer auf Seiten des Verlags Pustet für ihre wertvolle Hilfe bei der Auswahl und Beschaffung der Abbildungen und natürlich Christiane Abspacher, unserer Verlagslektorin, die das Projekt von Anfang an gefördert, kritisch begleitet und mit hilfreichen Ratschlägen vorangebracht hat.

Stationen eines fürstlichen Frauenlebens

Die Lebenszeit Luise Dorotheas wurde von einer der zentralen Debatten der Neuzeit begleitet, der sogenannten Querelle des femmes. Europaweit wurde die Geschlechterordnung in zahlreichen Schriften kontrovers diskutiert. Historiker erweiterten die auf Männer fixierte Geschichtsschreibung durch die Geschichte großer Frauen. In der Galerie des femmes fortes (Galerie starker Frauen) oder verschiedenen Histoires des femmes illustres (Geschichten berühmter Frauen) entwarfen sie eine Linie starker, bekannter Frauengestalten von der Antike bis zu den berühmten Regentinnen der Neuzeit wie Anna von Österreich und Maria von Medici, Maria Stuart und Elisabeth I. von England oder Königin Christine von Schweden. Diese ersten Entwürfe zu einer Frauengeschichtsschreibung wurden von theoretischen Debatten begleitet: Es ging um die Rangordnung der Geschlechter im öffentlichen und privaten Leben, um Staatsführung und Politik, Ehe, Liebe und Sexualität, Erziehung und Bildung. Weniger bekannt sind Diskurse zu Schwangerschaft und Geburtenkontrolle.

Die Position der Gothaer Herzogin Luise Dorothea im breiten Meinungsspektrum der kontroversen Diskussion wurde bisher noch nicht aufgearbeitet und eingeordnet. Dabei gibt es zahlreiche Belege dafür, dass sie mit den Debatten vertraut war, wenngleich sie sich nicht systematisch dazu äußerte. Am deutlichsten treten ihre Meinung zur Geschlechterfrage und ihr Frauenbild wohl im Briefwechsel mit ihrer ehemaligen Hofdame Friederike von Montmartin, dem Entwurf eines Ehespiegels sowie in Erziehungsschriften für ihre Tochter Friederike Luise hervor. Sie bilden die zentralen Quellen für dieses Kapitel. Soviel vorab: Auch wenn es in ihrer Privatbibliothek Werke der radikalsten Verfechter einer Gleichstellung der Geschlechter gab, wie François Poullain de la Barres Abhandlung De l’égalité des deux sexes (Von der Gleichheit der Geschlechter, 1673), Madeleine de Puisieux’ französische Version der 1739 in London erschienenen Schrift La femme n’est pas inférieure à l’homme (Die Frau ist dem Mann nicht unterlegen) oder auch Louis de Boussanelles Essais sur les femmes (Abhandlungen über die Frauen, 1765), so war die Herzogin doch in fest gefügte höfische Geschlechterstrukturen hineingeboren und wurde in den verschiedenen Phasen eines Frauenlebens darin sozialisiert. Diese Normen, die in neuzeitlichen Hoftheorien wie dem Teutschen Fürsten-Stat Veit Ludwigs von Seckendorff 1656/57 standardisiert worden waren, mussten für ein sozial anerkanntes Frauenleben respektiert werden. Wie gestalteten sich die verschiedenen Lebensstationen Luise Dorotheas als hochadlige Frau in diesem Spannungsfeld und wie kommentierte sie selbst diese Lebensphasen?

„Sollte dieses ganze Land nicht als Erbteil an Gotha zurückfallen?" –

Kindheit als Prinzessin von Sachsen-Meiningen

Luise Dorothea wurde am 10. August 1710 als einzige Tochter des Herzogs Ernst Ludwig I. von Sachsen-Meiningen in Coburg geboren (s. Abb. 2). Ihre Mutter war Dorothea Maria von Sachsen-Gotha, die sie allerdings schon im Alter von drei Jahren verlor (s. Abb. 1). Der Vater heiratete 1714, ein Jahr nach dem Tod seiner Frau, Elisabeth Sophie von Brandenburg, mit der er keine Kinder hatte. Ernst Ludwig starb 1724. Regierender Herzog und Vormund der drei lebenden Kinder aus erster Ehe, der Prinzen Ernst Ludwig und Karl Friedrich sowie der Prinzessin Luise Dorothea, wurde ihr Onkel Friedrich Wilhelm, der von Zeitgenossen als „schwachsinnig" bezeichnet wurde. Er teilte sich die Vormundschaft mit Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg, der deshalb auf die Regierung des Herzogtums starken Einfluss hatte. Ansprüche auf die Regierung erhob jedoch auch ein Halbbruder von Luise Dorotheas Vater, Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, der eine Bürgerliche geheiratet hatte. Die Geschwister wuchsen so mit den außerordentlichen Spannungen unter den männlichen Nachkommen des Hauses Meiningen auf, die in anhaltende juristische Streitigkeiten verwickelt waren.

In dieser politisch und familiär komplizierten Situation war die junge Luise Dorothea dem Lebensraum ihrer Stiefmutter zugeteilt worden. Es existiert nur ein einziges Urteil der Prinzessin zu dieser offenbar lebenserfahrenen, resoluten und auch lebenslustigen Frau, die mit Ernst Ludwig bereits ihre dritte Ehe führte. So schrieb Luise Dorothea, als sie Meiningen als junge Braut verlassen durfte, dass sie von „Ihro Hoheit, der „Frau Mutter […] jederzeit so vielle proben […] Müterl. Tendresse (Zuneigung) und Gnade erhalten habe.

Die ersten Dokumente zu den frühen Lebensumständen der Prinzessin stammen aus den Jahren nach dem Tod des Vaters. Aus ihnen geht hervor, dass sie in Meiningen in der Elisabethenburg vier Zimmer der untersten Etage bewohnte, die mit den Möbeln ihrer Stiefmutter ausgestattet waren. Für den Unterhalt der 14-Jährigen wurden jährlich 400 Reichstaler (Rthl.) Hand- und Kleidungsgeld sowie 100 Rthl. Zinsen aus einem für sie angelegten Kapital in Höhe von 2000 Rthl. gezahlt. Den quartalsweisen Erhalt quittierte eine Christina Sophia Augusta Metzsch, die vermutlich als Hofmeisterin für die junge Prinzessin verantwortlich war. Ein Erziehungsplan ist nicht überliefert, man geht aber sicher nicht fehl, dass sie weitgehend nach dem Modell erzogen wurde, das Seckendorff in seinem Standardwerk Teutscher Fürsten-Stat fürstlichen Eltern für ihre Töchter als unentbehrlich und höchstnotwendig anriet. Grundlage war die Unterweisung im christlichen Glauben und das Erlernen der Zehn Gebote. Den ernestinischen Hausgesetzen entsprechend wurden die Kinder im Glauben des Vaters erzogen. Ernst Ludwig I. war ein sehr frommer Lutheraner; die reformierte Stiefmutter wird in Glaubensfragen kaum Einfluss gehabt haben.

Zum weiblichen Erziehungsprogramm gehörte auch die Vermittlung von Tugend- und Moralgrundsätzen – Bescheidenheit, Freundlichkeit, Demut, Wahrheitsliebe, Mäßigkeit, Entgegenkommen, Höflichkeit. Der unbedingt notwendige Bildungskanon einer Prinzessin umfasste laut Seckendorff die Fächer Lesen, Schreiben und Rechnen. Im Anschluss daran, ab dem siebten Lebensjahr, sei die weitere Erziehung der Tochter ins Belieben der Eltern gestellt. Dann könne sie zu mündlicher und schriftlicher Konversation in mehreren Sprachen befähigt werden, Unterricht in Naturkunde sowie in Genealogie, Geografie, Geschichte und Staatsaufbau des eigenen Landes und des Reiches sowie ökonomisches Grundwissen vermittelt bekommen. Da am Meininger Hof für die Prinzen Informatoren für Musik und Instrumentalunterricht, Tanz- und Sprachmeister angestellt waren, kann davon ausgegangen werden, dass auch Luise Dorothea, wie damals durchaus üblich, von deren Unterricht profitierte. Einen Großteil ihrer Bildung verdankt sie mit Sicherheit einer der Hofdamen ihrer Stiefmutter, Juliane Franziska von Neuenstein. Die drei Jahre Ältere wurde lebenslang zu ihrer innigsten Vertrauten.

Juliane Franziska war die älteste Tochter des aus dem Elsass stammenden Freiherrn Philipp Jakob von Neuenstein und dessen Frau Jeanne Marguerite de Moysen de la Rochelogerie. Als sie 1707 in Paris geboren wurde, stand ihr Vater im Dienst des Herzogs von Bouillon, ihre Mutter war Hofdame bei Elisabeth Charlotte von der Pfalz, der Herzogin von Orléans. Vier Jahre später, ab 1711, lebte die Familie am Hof Herzog Eberhard Ludwigs von Württemberg, wo Jeanne Marguerite 1729 Oberhofmeisterin Friederike Luises, der Enkelin des Herzogs, wurde. Ihre eigenen Töchter, Juliane Franziska und Eberhardine Wilhelmina, erzog sie in Abstimmung mit ausgewählten Lehrern für die Fächer Religion, Moral, Geschichte, Geografie, Sprachen, Zeichnen, Tanz und Musik selbst. Solchermaßen gebildet und mit dem Leben am Hofe vertraut, konnten die Schwestern in die Fußstapfen ihrer Mutter treten. Eberhardine Wilhelmina wurde Hofdame in Sachsen-Eisenach, Juliane Franziska in Sachsen-Meiningen.

Von der außerordentlich hohen Bildung, der sorgfältigen Erziehung und den geselligen Talenten Juliane Franziskas, die von allen Zeitgenossen gerühmt worden war, hat Luise Dorothea nicht nur in Meiningen profitiert. Die Neuenstein durfte ihr 1735 nach Gotha folgen, nachdem endlich der erste Erbprinz, Friedrich Ludwig genannt, geboren wurde. Sie wurde als Hofdame in Luise Dorotheas Hofstaat aufgenommen und heiratete 1739 Hermann Schack von Buchwald. Trotz der Eheschließung blieb die Beziehung zwischen beiden Frauen außerordentlich eng – über keine ihrer Hofdamen schrieb Luise Dorothea mehr als über sie. Ihrem Briefpartner Voltaire gegenüber bekundete sie, wie sehr sie emotional mit ihr verschmolzen sei, ohne sie nicht leben könne und wolle: „Was nutzt es mir zu leben, wenn ich ohne sie lebe? Oder wenn sie nicht gut lebt? Das fast symbiotische Verhältnis beider Frauen verglich der Gothaer Prinzenerzieher Ulrich von Thun mit dem bedeutendsten der antiken Freundschaftssymbole, mit Castor und Pollux, einem Bild, das eigentlich Männerfreundschaften vorbehalten war. Keiner der späteren Korrespondenten Luise Dorotheas vergaß, ihre Oberhofmeisterin, die „grande maîtresse des cœurs, die Groß- bzw. Oberhofmeisterin der Herzen, wie Voltaire sie bezeichnete, zu grüßen und zu würdigen.

Belege dafür, dass diese enge Freundschaft zu Spannungen mit der Umgebung führte, gibt es allerdings einige. Der jüngste Sohn Luise Dorotheas warf seiner Mutter mehrmals vor, die Oberhofdame mehr als die eigenen Kinder zu lieben, und von Thun spöttelte einmal, dass es von der Buchwald mehrere Exemplare geben solle, damit auch deren Gatte eins haben könne. Juliane Franziska überlebte nicht nur ihren Gemahl und ihre einzige Tochter Friederike Luise, die 1761 bzw. 1764 starben, sondern auch Luise Dorothea. Bis dahin waren beide Frauen der Kern eines weiblichen Paralleluniversums am Gothaer Hof, das aufs engste mit den politischen und geselligen Institutionen auf Schloss Friedenstein verzahnt war. Ernst Christoph von Manteuffel bezeichnete es in seinen Briefen an die Herzogin anspielungsreich als „Gynäzeum und als „Geheimes Damen-Ratskollegium.

Ein „Christfürstliches Eheverbindniß" –

Luise Dorothea als Braut und Erbprinzessin

Die Verhandlungen zur Eheschließung mit Erbprinz Friedrich von Sachsen-Gotha-Altenburg begannen 1726. Luise Dorothea war 16, Friedrich, seit zwei Jahren von seiner Kavalierstour in die Niederlande, nach Frankreich, England und Italien zurückgekehrt, war 27 Jahre alt. Die von Juristen beider Höfe geführten, mehrere Akten füllenden Vorverhandlungen dauerten fast drei Jahre, bevor der Ehevertrag aufgesetzt werden konnte. Die junge Prinzessin band an die Eheschließung ganz offensichtlich große Hoffnungen, konnte sie dadurch doch den anhaltenden schweren Zerwürfnissen im Meininger Haus entkommen. Auf den Witwensitz der Stiefmutter Elisabeth Sophie, die Römburg bei Coburg, wollte sie definitiv nicht umziehen. In diesem Wunsch wurde sie von ihrer Stiefmutter unterstützt. Schon im Dezember 1727 bat sie ihre Vormünder, sich „in ihrem alten logement patientiren und in den vier Zimmern in der untersten Etage des Meininger Schlosses wohnen bleiben" zu dürfen, da sich der beschwerliche Umzug nach Coburg nicht lohne. Ob der Bitte stattgegeben wurde, muss offen bleiben. Die ersten sechs überlieferten Briefe an den zukünftigen Gemahl schrieb Luise Dorothea jedenfalls aus Coburg.

Am 12. Juli 1729, reichlich zwei Wochen vor dem öffentlichen Verlöbnis, dankte Luise Dorothea in einem ersten überlieferten Brief dem Gothaer Erbprinzen und Cousin „vor die gütige intention so Ew. Lbd. vor mich hegen wollen. Die bevorstehende Eheschließung war für sie ganz im Sinne der lutherischen Konfession Ausdruck göttlicher Vorsehung. Sie betrachtete „diese gantze Sache als eine schickung der Göttl. Providense. In der Abschlussformel grüßte sie ihren Versprochenen völlig konventionell entsprechend der Geschlechterhierarchie als „Durchlauchtigster Princ Hochgeehrtester Cousin Ew. Lbd. gantz ergebene Base und Dienerin Louise Dorothée. Der Inhalt ihrer sechs Brautbriefe betrifft scheinbar Kleinigkeiten. So berichtete sie am 3. September 1729 aus Coburg über „das Vergnügen die beyden Princessinen von Rudelstadt hier zu haben, der jüngste Princ welcher mit seinen Schwestern gekomen, ist heute wieder nach Italien abgereyset. Nie vergaß sie, die Familie des zukünftigen Gatten zu grüßen. So unerheblich diese kleinen Berichte aus heutiger Sicht erscheinen – sie belegen, dass die zukünftige Gothaer Erbprinzessin es für ihre Pflicht hielt, den Bräutigam und späteren Landesfürsten minutiös über die Geschehnisse um sie herum auf dem Laufenden zu halten und so ihre Loyalität unter Beweis zu stellen.

Die frühen Briefe zeigen sie als gewandte Schreiberin. In der Sprachwahl kam sie Friedrich entgegen, der zeit seines Lebens die deutsche der französischen Sprache vorzog. Ihre Briefe sind knapp, gut strukturiert und aufs Wesentliche konzentriert. Dies und eine versierte Handschrift zeugen von ausgeprägter Schreiberfahrung. Überschwängliche emotionale Passagen, wie man sie heute vielleicht in Brautbriefen erwarten würde, sind an keiner Stelle zu finden. Luise Dorothea war dazu erzogen worden, die eigenen Gefühle zu kontrollieren, dem Verstand und der Selbstbeherrschung, der Affektkontrolle im Sinne neostoischer Philosophie den Vorrang zu geben.

Am 14. September 1729 war dann die Eheberedung abgeschlossen. Eine Urkunde mit 22 Klauseln wurde aufgesetzt und in zwei prächtigen, gesiegelten Pergamentexemplaren, geschrieben mit goldener, blauer und roter Tinte, in Meiningen und Gotha hinterlegt. Der Ehevertrag wurde des „Fürstlichen Hauses Sachsen Gewohnheit und der Fürst-Großväterlichen Ernestinischen und Väterlich Ernst Ludwigischen Testamentarischen Verordnung nach" geschlossen und sicherte die

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