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Frau Plaschkes Abenteuer: Roman in drei Teilen

Frau Plaschkes Abenteuer: Roman in drei Teilen

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Frau Plaschkes Abenteuer: Roman in drei Teilen

Länge:
240 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 30, 2017
ISBN:
9783743135956
Format:
Buch

Beschreibung

1. Im Frühjahr 2007 entdeckt Frau Plaschke ein Ei in ihrem Garten, das wächst und schwillt, bis es an Heiligabend sein unfassbares Inneres offenbart.
2. Zwei Jahre später kommt Frau Plaschke auf einer Italienreise der Liebhaber abhanden und ein trauriger Hund läuft ihr zu, der sie, wieder daheim, nötigt, in eine Plattenbausiedlung zu ziehen. Dort wohnen die Brüder Unkenfurt, drei minderbegabte Zauberer, die aber immerhin in der Lage sind, das Geheimnis des Hundes zu lüften.
3. Nach einem an Höhepunkten armen und an Rückschlägen reichen Leben landen die Brüder Unkenfurt in besagter Plattenbausiedlung, wo sie die Bekanntschaft Frau Plaschkes und ihres Hundes machen. Später lernen sie auch ihren Ex und weitere Personen kennen, und mit vereinten Kräften gelingt es, wiederum an Heiligabend, die Irrungen und Wirrungen der Vergangenheit für die meisten Beteiligten zu einem relativ guten Ende zu bringen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 30, 2017
ISBN:
9783743135956
Format:
Buch

Über den Autor

Ina Kramer wurde in Mülheim an der Ruhr geboren, machte Abitur in Essen, studierte Freie Kunst und Künstlerisches Lehramt an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, unterrichtete vier Jahre lang Kunst an einem Duisburger Gymnasium, malte und nahm an einigen Gruppenausstellungen teil, assistierte Ulrich Kiesow beim Erstellen des Regelwerks für das Fantasy-Rollenspiel Das Schwarze Auge, trug durch Texte, darunter vier Romane, und zahlreiche Illustrationen zur Ausgestaltung der Spielwelt Aventurien bei, betreute als freie Lektorin diverse Romanprojekte, schrieb und schreibt Prosa und Gedichte. Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf.


Buchvorschau

Frau Plaschkes Abenteuer - Ina Kramer

4

Teil 1

DAS WUNDER VOM HOLUNDERWEG

Eines Morgens Ende April entdeckte Frau Plaschke das Ei in ihrem Garten. Sie fühlte sich etwas übernächtigt, aber auf ihren Adlerblick konnte sie sich wie gewohnt verlassen. Dass sie immer noch keine Sehhilfe brauchte, weder für die Nah- noch für die Fernsicht, erfüllte sie schon ein wenig mit Stolz, schließlich erwartete sie in wenigen Tagen ihren fünfzigsten Geburtstag. Und genau das war der Punkt: Dieses Datum und die hässliche Zahl hatten sie am Schlafen gehindert. Doch um halb sechs war dann die Entscheidung gefallen: Sie würde das Datum ignorieren und mit frischem Mut wieder bei sechsundvierzig einsteigen.

Das Ei war als solches kaum zu erkennen, und auch Frau Plaschke hielt es trotz ihres Adlerblicks zunächst für eine unreife Stachelbeere, ein verständlicher Irrtum, lag es doch am Fuß des Stachelbeerstrauchs auf der beim letzten Jäten von Vogelmiere und Ackerschmalwand sorgfältig befreiten Erde. Frau Plaschke runzelte die Brauen. Die Beere, grün und offensichtlich unreif, war deutlich größer als die am Strauch verbliebenen, deren Länge sie auf vier bis sechs Millimeter schätzte. Was hatte ihr Wachstum beschleunigt? Was hatte sie vom Strauch fallen lassen? Eine Krankheit? Ein Schädling? Sie hatte noch nie von Stachelbeermaden gehört, aber was wollte das schon besagen?

Frau Plaschke beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und die Beere in ihrer Küche zu sezieren. Doch noch bevor sie sich gänzlich hinabgebeugt hatte, erkannte sie schon, dass es sich bei dem Objekt unmöglich um eine Stachelbeere handeln konnte. Das Gebilde war überhaupt nicht pflanzlichen Ursprungs, es war ein Ei! Aber welcher Vogel legte solche Eier? So klein, so kräftig grün und, nun sah sie es, mit winzigen leuchtend roten Sprenkeln verziert? Und wieso hatte der Vogel, ein Bodenbrüter offenbar, nicht einmal versucht, etwas andeutungsweise Nestartiges zu bauen.

Er, vielmehr sie hatte sich geirrt, entschied Frau Plaschke. Das dumme, unerfahrene Weibchen würde dieses Ei gewiss nicht bebrüten, sondern an anderer, geeigneterer Stelle ein neues Gelege beginnen. Also könnte es auch nichts schaden, wenn sie, Frau Plaschke, es mit ins Haus nähme, um es anhand ihres Bestimmungsbuches zu identifizieren. An ein Sezieren war natürlich jetzt nicht mehr zu denken. Sie wollte gerade nach dem Ei greifen, da entdeckte sie eine Knoblauchsrauke, die ihr beim letzten Jäten entgangen sein musste. Entschlossen riss sie die Pflanze aus und schleuderte sie Richtung Gartenzaun.

Dass Frau Plaschke, wenn sie sich zur Gartenarbeit hinreißen ließ, was anfallartig (und nicht ganz freiwillig) alle vier bis sechs Wochen geschah, Vogelmiere, Ackerschmalwand und dergleichen mit besonderer Emsigkeit verfolgte, lag nicht etwa daran, dass ausgerechnet diese Kräutlein ihren Zorn erregten, sondern vielmehr an deren Harmlosigkeit. Sie bildeten nämlich weder unterirdisch kriechende Rhizome aus wie die Quecke oder der Giersch noch Wurzeln, die sich wie beim Löwenzahn pfahlartig in den Boden bohrten, ließen sich daher kinderleicht rupfen. Und hin und wieder musste sie eben etwas, das gemeinhin Unkraut genannt wurde, aus ihrem Garten entfernen, wollte sie nicht den Groll beziehungsweise weiteren und heftigeren Groll der Nachbarn auf sich ziehen. Denn erbost waren diese schon genug wegen Frau Plaschkes Weigerung, die Mühen der Giersch-, Quecken-, Brennessel- und Löwenzahnausrottung auf sich zu nehmen. Ihre, Frau Plaschkes, Quecken, Brennesseln und so weiter verseuchten ihre, der Nachbarn, Gärten, hatte sie oft genug zu hören bekommen, sogar von Bewohnern der Siedlung, deren Gärten nicht an den ihren grenzten, woraufhin sie ein Rundschreiben verfasst hatte, des Inhalts, dass Brennesseln notwendig seien für den Erhalt des Tagpfauenauges und der Giersch sich nicht nur als Gemüse oder Suppeneinlage eigne, sondern überdies Stoffe enthalte, die eine Gichterkrankung (Zipperlein) günstig beeinflussen könne — eine gewagte Behauptung, von deren Wahrheitsgehalt sie selbst nicht völlig überzeugt war —, weswegen er im Volksmund auch Zipperleinskraut genannt werde und mithin kein Un-, sondern ein Nutzkraut sei.

Nach diesem Rundschreiben, das sie auf ihrer alten Olympia-Reiseschreibmaschine verfasst, mit Tipp-Ex korrigiert, im Copy-Shop vervielfältigt und anschließend an alle Haushalte des Holunderwegs, des Heckenrosenwegs und des Erlenwegs verteilt hatte (in deren Vorgärten sich Kirschlorbeer und Cotoneaster in ausreichender Menge fanden, aber weder Erlen noch Heckenrosen noch Holunder), wurde sie von den Anwohnern noch misstrauischer beäugt, als bei ihrem Einzug vor zweieinhalb Jahren. Sie hatte das Haus Holunderweg neunzehn, eine Doppelhaushälfte, samt Garten von einer Großcousine geerbt, schulden- und hypothekenfrei und völlig überraschend — sie kannte Großcousine Lohmann kaum —, und nach kurzer Bedenkzeit ihren ersten Impuls, es zu verkaufen, unterdrückt und statt dessen beschlossen, dem Stadtrandleben eine Chance zu geben.

Den Garten im großen und ganzen so zu belassen wie von der Großcousine angelegt, hatte Frau Plaschke sich moralisch verpflichtet gefühlt, und doch sah er nach dieser relativ kurzen Zeitspanne schon völlig anders aus als zu Frau Lohmanns Lebzeiten: Am Zaun wucherten Giersch und Brennesseln, der ehemalige Zierrasen war mit Löwenzahn, Gänseblümchen und, je nach Jahreszeit, Wiesenschaumkraut oder Ehrenpreis übersät, die zwei Sta-chelbeer- und drei Johannisbeersträucher wurden nicht mehr gestutzt (und trugen dennoch prächtig), der Holunder, der sich am Rand der Terrasse angesiedelt hatte, durfte bleiben (passt doch zu Holunderweg, fand Frau Plaschke), und darüber hinaus hatte sie, Großcousine Lohmann würde es wohl verzeihen, einen Teil des Rasens umgegraben und in ein Gemüsebeet verwandelt. Dort baute Frau Plaschke Dicke Bohnen und Mangold an, ihre Lieblingsgemüse.

Schon bei ihrem Einzug hatte Frau Plaschke, wie bereits erwähnt, Misstrauen erregt, und zwar nicht wegen ihrer mangelnden Bereitschaft zur Gartenpflege, von der die Nachbarn damals ja noch nichts wissen konnten (wenn auch der eine oder andere schon diesbezügliche Befürchtungen hegen mochte), sondern aufgrund ihrer Erscheinung, die irgendwie nicht zu einer Verwandten der Verstorbenen passen wollte — Das ist die Nichte von Frau Lohmann? Unglaublich! — und auch nicht zum Holunderweg.

Frau Plaschke gehörte zu den Menschen, die frühzeitig ergrauen. Jetzt, mit fast fünfzig, war ihr Haar völlig weiß, aber immer noch lang und dicht, und sie trug es zu zwei Zöpfen geflochten, die lustig im Fahrtwind flatterten, wenn sie, helmlos, auf ihrem Mofa durch die Siedlung knatterte. Die Zöpfe und die schwarzen Augen unter schwarzen (!) Brauen verliehen ihrem Aussehen etwas Indianerinnenhaftes, ein Eindruck, der durch ihre Kleidung jedoch nicht vertieft wurde. Denn tagein, tagaus, sommers wie winters, sah man sie, sobald sie das Haus verließ, in ihrer abgewetzten dunkelgrünen Bikerjacke mit den für ihren schmächtigen Körper viel zu breiten Schultern. Üblicherweise rundeten recht enge Jeans und Cowboystiefel die Garderobe ab, in besonders übermütiger oder ausgelassener Stimmung zog Frau Plaschke jedoch gelegentlich ihren roten Minirock an.

Seriös wirkte sie also nicht, und die Tatsache, dass sie außer dem Mofa kein weiteres Motorfahrzeug besaß, verstärkte diesen Eindruck in den Augen ihrer Nachbarn noch. Da sie überdies den Garten verkommen ließ und sich somit als des Erbes unwürdig erwies, so die einhellige Meinung, hatte Frau Plaschke bisher keine Freundschaften in der Siedlung schließen, nicht einmal lockere Bekanntschaften knüpfen können, was sie ein wenig bedauerte.

Als sie nun das Ei vorsichtig aufnahm, war sie überrascht von dessen Gewicht. Fünfzig Gramm mindestens, schätzte sie, eher mehr. Wächst also doch ein Küken darin, fragte sie sich. Unfug, entschied sie, denn das würde ja bedeuten, dass Dotter und Fötus schwerer wären als der Vogel, der das Ei gelegt hatte — ein kleiner Singvogel, allerhöchstens zwanzig Gramm -, und das war wohl kaum möglich. Oder doch? Wurde ein Ei eventuell schwerer, wenn der Fötus wuchs? Oder wenn Dotter und Küken in Fäulnis übergingen? Eine zwar eklige, aber nicht völlig auszuschließende Möglichkeit. Von Biologie hatte sie, das musste sie sich eingestehen, herzlich wenig Ahnung, auch wenn sie etliche Pflanzen und Tiere beim Namen kannte. Aber handelte es sich bei der Fragestellung überhaupt um ein biologisches Problem? War es nicht eher ein physikalisches? Oder chemisches? Oder biochemisches, oder chemophysikalisches, falls es so etwas gab …

An dieser Stelle ihres Gedankengangs, sie hatte gerade die Terrasse erreicht, wurde Frau Plaschke plötzlich bewusst, dass sich das Ei irgendwie falsch anfühlte. Nicht wie ein sprödes, zartes, zerbrechliches Gebilde, wie ein Vogelei eben, sondern wie — sie wusste es nicht, verspürte aber einen kurzen heftigen Drang, das Ding wegzuwerfen. Eine Sekunde später erinnerte sie sich schon nicht mehr an diesen Impuls, und nun beeilte sie sich, ins Haus zu kommen; für einen Spaziergang ohne ihre gute Lederjacke war der Morgen doch entschieden zu kühl, außerdem wollte sie endlich wissen, was sie da im Garten aufgelesen hatte.

Es war ein Ei und blieb ein Ei, aber gewiss keines einer heimischen Vogelart, das wusste Frau Plaschke bereits nach der ersten flüchtigen Durchsicht ihres Bestimmungsbuches „Mitteleuropäische Vögel und ihre Nester". Knapp sechzig Gramm zeigte die Briefwaage an — sie hatte mit ihrer Schätzung also gar nicht so falsch gelegen — ‚ und auch das wollte zu keinem kleinen Vogel passen. Sechzig Gramm wog das Hühnerei, das sie zum Vergleich heranzog! Die Geruchsprüfung ergab nichts, das auf Fäulnis hingedeutet hätte, ein Segen, und plötzlich, als sie, das Fund-Ei mit der Linken wiegend, vor sich hinmurmelte „Ein Ei aus Blei geht nicht entzwei" wusste Frau Plaschke, wie die Schale aussah und sich anfühlte: weder metallisch noch kalkig wie eine normale Eierschale, sondern irgendwie ledrig.

Seltsam, dachte sie, wie schon mehrfach an diesem Morgen, und nun meinte sie zu erkennen, dass die roten Sprenkel völlig regelmäßig auf der Schale verteilt waren und eine Form hatten wie… Sie blinzelte, um besser sehen zu können, aber es half nichts; bei Gebilden dieser Größe beziehungsweise Winzigkeit versagte selbst ihr Adlerblick. Also holte sie eine Lupe, und mit deren Hilfe fand sie bestätigt, was sie vermutet, aber nicht hatte glauben wollen: Die Sprenkel waren geometrische Figuren, völlig regelmäßige fünfzackige Sterne, mit haarfeinen Linien gezogen: Pentagramme.

Aha, dachte Frau Plaschke, da haben wir es also gar nicht mit einem Naturprodukt zu tun, sondern mit einem von Menschenhand geschaffenen Objekt. Aber wer tat so etwas, und warum, und wie hatte der Künstler es geschafft, diese feinen Linien zu zeichnen? Denn haarfein traf es nicht einmal; die Linien waren dünner als das zugegeben ungewöhnlich kräftige eigene Haar, das sie nun unter die Lupe hielt. So feine Linien konnte man noch nicht einmal mit einem 0,1mm-Isographen zeichnen, außerdem verstopften die Teile immer, wie sie aus leidvoller Erfahrung wusste.

Während sie darüber nachsann, wie und zu welchem Zweck der unbekannte Künstler das Ding hergestellt hatte — Schwermetallkern, vermutlich mit Latex überzogen, aber offenkundig keine Perle, da ohne Bohrung — und auf welche Weise es in ihren Garten gelangt war, wurde ihr plötzlich bewusst, wie staubig und unaufgeräumt das Zimmer war. Sie wollte gerade den Staubsauger holen, als ihr Blick auf die Wanduhr fiel. Um Himmels Willen, ich komme noch zu spät zur Arbeit, wenn ich hier weiter rumtrödele, dachte sie. Sie suchte nach einem geeigneten Platz, an dem sie das Ei deponieren könnte, fand aber auf die Schnelle nichts Besseres als den Eierbecher, der noch mit dem restlichen Frühstücksgeschirr auf dem Tisch stand. Rasch kippte sie die Schalen auf den Teller, legte das Ei in den Eierbecher — irgendwie sinnig, fand sie — und streifte ihre Jacke über. Zwei Minuten später hörte man sie auf ihrem Mofa durch die Siedlung knattern.

Frau Plaschke teilte sich anderthalb Planstellen in der Stadtbücherei mit ihrer Kollegin Frau Döring. Da ihr Berufsleben weder nennenswerte Höhen noch Tiefen aufwies, brauchen wir hier nicht näher auf es einzugehen. Die Arbeit machte ihr, wie den meisten Arbeitnehmern, mal mehr, mal weniger Spaß und verschaffte ihr, nun, da sie keine Miete mehr zahlen musste, ein solides Auskommen. Mit Frau Döring verstand sie sich gut, aber außer der Arbeit gab es kaum Gemeinsamkeiten: Frau Döring interessierte sich für Mode, Frau Plaschke nicht. Frau Plaschke las gern Fantasy-Romane, Frau Döring bevorzugte sogenannte Frauenliteratur, Frau Döring fuhr einen kleinen roten Flitzer, Frau Plaschke hätte nicht einmal sagen können, von welchem Hersteller er war, Frau Döring speiste gern in eleganten Fischrestaurants, Frau Plaschke aß lieber Hausmannskost…

Vielleicht hatten diese unterschiedlichen Interessen oder die Tatsache, dass sie nur wenige Stunden pro Woche gleichzeitig in der Bücherei verbrachten, dazu geführt, dass sich die beiden nach inzwischen zwölf gemeinsamen Jahren immer noch siezten und an dieser Form des Umgangs auch nichts zu ändern beabsichtigten.

Am „Sie lag es also nicht, dass Frau Döring erstaunt die Augen aufriss, als Frau Plaschke sie mit den Worten begrüßte: „Ein schickes Kostüm, das Sie da anhaben. Neu? Das Kostüm war in der Tat neu, aber Frau Döring hätte niemals damit gerechnet, dass ausgerechnet Frau Plaschke das bemerken würde. Und dass es ihr zu gefallen schien, war ebenso verwunderlich. Wahrscheinlich nur eine Floskel, dachte sie, konnte sich aber doch nicht verkneifen zu erzählen, wo und wie unwahrscheinlich günstig — Markenartikel, Lagerverkauf — sie es erstanden hatte. Und Frau Plaschke hörte zu, nickte und ließ sich die Adresse geben, für alle Fälle.

Als sie an diesem Tag gegen halb drei wieder ihre Wohnung betrat, war Frau Dörings Kostüm allerdings vergessen. Denn niemand hatte zwischenzeitlich staubgesaugt und aufgeräumt. Also machte Frau Plaschke sich voller Energie an die Arbeit. Zuerst die Küche, entschied sie. Denn dort stand nicht nur das Frühstücksgeschirr auf dem Tisch, es stapelten sich weitere Teller und Tassen in der Spüle. Sie gab heißes Wasser und Spülmittel dazu, befreite den Teller von Krümeln und Eierschalen, doch erst in dem Augenblick, als sie auch den Eierbecher ins Wasser tunken wollte, fiel ihr ein, dass er noch das Ei enthielt. Das seltsame Ding sollte ich lieber nicht waschen, dachte sie, sonst gehen womöglich die Pentagramme ab, und das wäre schade. Oder ich finde es in dem trüben Wasser nicht mehr und es verschwindet auf nimmer Wiedersehen in der Abflussleitung. Das wäre auch schade. Also beschloss sie, es in ihr Schmückkästchen zu legen (sie besaß tatsächlich ein Schmuckkästchen, das die kleine Sammlung von Amuletten und Silberringen enthielt, die sie im Lauf der Jahre auf Mittelaltermärkten erstanden hatte).

Das Ei war gewachsen! Nicht viel, aber deutlich sichtbar. Es hatte jetzt fast die Größe eines Taubeneis. Frau Plaschke stutzte. Und schluckte. Dann ließ sie sich schwer auf einen Stuhl fallen. Sie wusste nicht, was sie von dieser Entwicklung halten sollte und ob sie sich jetzt gruseln müsste. Normal war das jedenfalls nicht.

Erst Minuten später wagte sie, das Ding anzufassen; immerhin ergab die haptische Prüfung keine Veränderung, die Oberfläche fühlte sich nach wie vor ledrig oder latexartig an. Das Ei oder wie immer man das Objekt nennen wollte schien ihr auch schwerer geworden zu sein, aber da mochte sie sich täuschen. Doch tatsächlich zeigte die Briefwaage zehn Gramm mehr an als am Morgen. Normal ist das nicht, wiederholte Frau Plaschke in Gedanken. Aber sie hatte schließlich auch noch anderes zu tun, als sich über unnatürliche, eiartige Gegenstände den Kopf zu zerbrechen. Also legte sie das Gebilde zu einer ihrer Kakteen in den Topf. Es hatte schließlich auf Erde gelegen, dort müsste es sich wohlfühlen, würde vielleicht sogar Wurzeln schlagen und eines Tages eine wundersame Blume hervorbringen. Warum auch nicht? Eiern, die mit Pentagrammen verziert waren und wuchsen, war alles zuzutrauen.

Das Ei bildete keine Wurzeln aus, aber es wuchs weiter. Schon nach wenigen Tagen konnte Frau Plaschke die roten Pentagramme mit bloßem Auge erkennen. Sie war gerade mit dem Fensterputzen fertig geworden und nun dabei, die Zimmerpflanzen ordentlich auf der Fensterbank aufzureihen, als sie es bemerkte. Wahrscheinlich liegt es nur daran, dass es plötzlich so hell im Zimmer ist, sagte sie sich, wusste aber, dass sie sich mit solchen Worten nur selbst zu beruhigen versuchte. Das heißt, sie horchte in sich hinein, sonderlich beunruhigt war sie eigentlich nicht. Schließlich tat das Ei nichts Böses, sonderte weder giftige Dämpfe ab noch ließ es den Kaktus verdorren. Es wuchs einfach still vor sich hin.

Auch wenn sie beschlossen hatte, das Datum zu ignorieren — es war ihr fünfzigster Geburtstag. Daher verzichtete Frau Plaschke nach minutenlangem innerem Kampf darauf, die Bücherregale auszuräumen und sämtliche Bücher gründlich abzustauben, wie sie es sich eigentlich vorgenommen hatte. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, sagte sie sich, und schließlich ist heute mein fünfzigster beziehungsweise sechsundvierzigster Geburtstag, da sollte ich mir vielleicht etwas Gutes tun. Außerdem scheint die Sonne so warm und herrlich, ist es da nicht eine Sünde, den Tag mit Putzarbeiten im Haus zu verbringen? Also zog sie ihre Jacke an, holte das Mofa aus der Garage und fuhr los, durch die Siedlung und dann die Hauptstraße entlang, die zur Innenstadt führte. Doch ohne ein bestimmtes Ziel.

Erst als sie ihr Mofa vor der Boutique abstellte, deren Namen Frau Döring schon des öfteren erwähnt hatte, wurde Frau Plaschke klar, womit sie sich an ihrem Ehrentag beschenken wollte. Im Schaufenster hing ein marinefarbener Blazer, jugendlich-beschwingt, aber doch elegant, den wollte sie haben. Zwar musterte die Verkäuferin sie zunächst ein wenig irritiert, dann aber, als Frau Plaschke sich mit dem Blazer vor dem Spiegel drehte, versicherte sie, gerade dieses Modell kleide eine Dame mit so zierlicher Figur wie der ihren ganz vorzüglich. Das fand auch Frau Plaschke, trotzdem lehnte sie ab, als die Verkäuferin ihr vorschlug, den Einkauf mit einem schicken Rock oder einer modischen Hose abzurunden.

Wieder daheim galt ihr erster Blick dem Ei. Sie wusste selbst nicht, warum sie den Blazer — sie hatte ihn gleich anbehalten und sich die Lederjacke in die Tüte packen lassen — nicht ablegte; es war sehr warm im Haus. Wollte sie etwa dem Ei ihre Neuerwerbung vorführen, da es sonst niemanden gab, von dem sie sich hätte bewundern lassen können? Der Gedanke war so abwegig, dass sie laut lachen musste. Dennoch glaubte sie, das Ei aufleuchten oder aufglänzen zu sehen, als sie näher herantrat. Aber natürlich handelte es sich um eine Sinnestäuschung.

Auf keiner Sinnestäuschung hingegen beruhten Wachstum und Gewichtszunahme des Eis — beides ließ sich schließlich leicht überprüfen. Schon

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