Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Kostenlos für 30 Tage, dann für $9.99/Monat. Jederzeit kündbar.

Kalkulierte Misere: Warum Kapitalismus systematisch Elend produziert und eine ethisch-humanistische Genese der Gesellschaft unmöglich macht - und der Ausweg daraus.

Kalkulierte Misere: Warum Kapitalismus systematisch Elend produziert und eine ethisch-humanistische Genese der Gesellschaft unmöglich macht - und der Ausweg daraus.

Vorschau lesen

Kalkulierte Misere: Warum Kapitalismus systematisch Elend produziert und eine ethisch-humanistische Genese der Gesellschaft unmöglich macht - und der Ausweg daraus.

Länge:
354 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 7, 2017
ISBN:
9783744841993
Format:
Buch

Beschreibung

Wie können es unsere sogenannten Werte-Gesellschaften ertragen, dass auf der einen Seite glitzernde Metropolen mit unermesslichen, materiellem Reichtum existieren und auf der anderen Seite alle fünf Sekunden ein Kind an den Folgen von Unterernährung sterben muss? Weshalb sind diese angeblich so fortschrittlichen Gesellschaften ebenfalls nicht in der Lage, ihre eigenen Lebensgrundlagen zu erhalten? An allen Ecken und Enden unserer gesellschaftlichen Ordnungen offenbaren sich zahllose Absurditäten - wie ist es möglich, dass diese in weiten Teilen der Gesellschaften als Normalzustand akzeptiert werden?
Der Autor geht bei seiner Analyse an die Wurzel, anstatt nur auf der Symptom-Ebene zu verharren. Durch die Verständlichmachung der inneren Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Wirtschaftsweise macht er deutlich, weshalb die weitgehend als inhuman erlebte Realität nicht etwa die Folge von Fehlentwicklungen ist, sondern die unabänderliche Konsequenz dieser Wirtschaftsweise. Warum ein solch mangelhaftes System dennoch vielen als alternativlos erscheint, bringt der Autor durch die Offenlegung der bestimmenden Faktoren und Abhängigkeiten innerhalb der Gesellschaft und der Machtstrukturen an den Tag und kann am Ende als Resümee eine schlüssige Antwort darauf geben, wie eine Metamorphose der Gesellschaft, hin zu einem positiveren Gesellschaftssystem, aussehen müsste.
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 7, 2017
ISBN:
9783744841993
Format:
Buch

Über den Autor

Kay Heinath ist in Kiel geboren. Ausgehend von historischen Entwicklungen und philosophischen Grundsatzfragen forscht er kontrovers in gesellschaftlichen, soziologischen und politischen Sachfragen. Er ist und war in unzähligen sozialen Projekten und Initiativen aktiv, betreibt mehrere Blogs, publiziert, hält Vorträge und ist als substanzlose Normen und akritische Konformität konsequent boykottierender Aktivist in Bewegung.


Ähnlich wie Kalkulierte Misere

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Buchvorschau

Kalkulierte Misere - Kay Heinath

angelangt.

1. Teil

Kapitalistische Welt

»Es kann so weit kommen, dass manchem die Welt, von der ästhetischen Seite betrachtet, als ein Karikaturenkabinett, von der intellektuellen als ein Narrenhaus und von der moralischen als eine Gaunerherberge erscheint.«

Arthur Schopenhauer¹

Einleitung in den 1. Teil

Es ist durchweg kein Geheimnis, dass wir heute den größten Reichtum und die größte Armut nebeneinander erleben – glitzernde Metropolen und Überfluss hier, Slums, Armut und Verzweiflung dort. Dies ist die unbestreitbare Realität der Welt, in der wir leben.

Diese Welt ist bis auf wenige Ausnahmen durch das kapitalistische Wirtschaftssystem geprägt, und beeinflusst auch die nach ihrer Definition nicht-kapitalistischen Staaten, aufgrund des Vorhandenseins eines weltweiten Marktes und der Abhängigkeit von diesem, ausgesprochen stark. Der Entwicklungsverlauf des Kapitalismus folgt dabei kontinuierlich seinem arteigenen, inneren Mechanismus, welcher durch seine Gesetzmäßigkeit zwangsläufig in gewissen Abständen immer wieder aufkommende, sich zuspitzende Krisen, mit partiell erheblichen, negativen Begleitumständen, generiert. Dies ist dann die Zeit, in der dieses System auch von denen hinterfragt wird, die vorher keine Probleme darin erkennen konnten. Die Krise im Kapitalismus ist zwar prinzipiell permanent, aber heute ist erneut ein Scheitelpunkt in der Entwicklung erreicht, indem der Begriff »Krise« großen Teilen der Menschen bewusst und zugleich zum Dauerzustand geworden ist.

»Systemseitig« wird darauf mit verschiedenen Maßnahmen reagiert. Diese Maßnahmen besitzen grundsätzlich den Charakter, Berichtigungen und Anpassungen vorzunehmen, die auf einen, wie behauptet, grundsätzlich richtigen und guten Weg der kapitalistischen Ökonomie zurückführen sollen. Allerdings sind nahezu all diese Maßnahmen darin gleichartig, dass sie für die breite Masse keine positiven Veränderungen bewirken, ja, wie sich noch zeigen wird, auch gar nicht können. Im Gegenteil, diese Manöver entwickeln sich im Verlauf nahezu gänzlich konträr den Bedürfnissen der breiten Mehrheit der Menschen.

Wir erkennen immer deutlicher und mit durchgängig wachsender Geschwindigkeit, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise zunehmend alle und alles, bis in die letzten Bereiche des Lebens hinein, versucht zu kommerziellen Objekten zu machen. Thomas Sattelberger², einer der führenden Manager Deutschlands, stellt dazu resigniert fest, dass »die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie eine der schlimmsten Entwicklungen unserer heutigen Zeit ist.«

So sehr diese Feststellung richtig ist, so sehr erscheint es unverständlich, warum jemand, der sein Leben in vielen Großkonzernen in der Führungsspitze verbracht hat, dies erst am Ende seiner beruflichen Laufbahn öffentlich äußert. Allerdings zeigt dies zumindest, dass sich diese Frage irgendwann zwangsläufig den Meisten stellt, ob man denn bei den erlebten Realitäten überhaupt bloß von »negativen Begleiterscheinungen des Kapitalismus« sprechen kann, oder ob es nicht vielmehr sein Wesen beschreibt.

Ich beantworte diese Frage unbekümmert gleich am Anfang dieses Buches: Nein, es sind keine vorgeblichen Auswüchse oder Fehlentwicklungen auf einem angeblich grundsätzlich richtigen und guten Weg – es ist schlichtweg der Weg, den die kapitalistische Art des Wirtschaftens nach seinem Konstrukt her gehen muss. Es ist eine Ablaufkette, die wie eine Zündschnur logisch und folgerichtig abbrennt: Alles, was heute zu beobachten ist, ist folgerichtig – nichts ist anormal oder kann als »Auswuchs« bagatellisiert werden!

Warum diese Aussage nicht nur einfach eine Meinung darstellt, sondern empirisch belegt werden kann, also einen Fakt darstellt, kann aber erst verstanden und akzeptiert werden, wenn das zugrundeliegende, theoretische Modell der kapitalistischen Ökonomie, sein Triebwerk, betrachtet wird. Dies geschieht im zweiten Teil dieses Buches. Dabei kann die Notwendigkeit der theoretischen Auseinandersetzung eigentlich nicht unerwartet sein, denn zum Segeln in rauen Gewässern gehört mehr, als die Fähigkeit ein Segel zu setzen und eine Ruderpinne halten zu können – ohne Kenntnisse in der Navigation und Vektortheorie landet das Boot mehr oder weniger zügig auf der nächsten Klippe und es wird zudem noch nicht einmal genau verstanden weshalb.

Ich bin der Ansicht, dass dieser Phase des Verstehens im besten Fall eine Bestandsaufnahme voranstehen sollte. Daher richtet dieser erste Teil die Aufmerksamkeit zunächst auf das »Ist«, auf die Realsituation dieser durch die kapitalistische Ökonomie geprägten Gesellschaften. Angefangen wird dabei zunächst mit der Beschreibung der generellen Konstellationen der ökonomischen Entwicklungen, um diese Abläufe dann vergleichend auf die letzten Jahrzehnte der bundesrepublikanischen Geschichte zu übertragen und diese näher zu betrachten. Erst dann richtet sich der Blick auf ausgewählte globale Facetten mit ihren desaströsen Realitäten.

Diese Themenfelder sind in der Tat so exzeptionell umfangreich, dass diese Betrachtungen so oder so eingegrenzt werden mussten und nur dort tiefer in den jeweiligen Teilthemenbereich eingestiegen wurde, wo es besonders beachtenswert erschien. Das heißt selbstverständlich nicht, dass wenn beispielsweise die Nahrungsmittel-Gen-Problematik nicht explizit erwähnt oder nur am Rande gestreift wird, diese nicht für gewichtig genug erachtet wird. Es bedeutet vielmehr, dass diese Krux anderweitig im Gesamtkomplex mit eingeschlossen ist. Denn wollte man alle Bereiche, welche durch die kapitalistische Ökonomie negativ beeinflusst oder gar zerstört werden, erschöpfend wiedergeben, säßen Sie jetzt vermutlich vor einem glatt 1000 Seiten starken Schinken.

Aber die vorhergehende Bestandsaufnahme und Darstellung der negativen Folgen der kapitalistischen Wirtschaftsweise trägt noch einen weiteren, wichtigen Aspekt in sich. Nämlich den, dass die aus den Reihen der Kapitalismusgläubigen initiierten Ablenkungsmanöver ad absurdum geführt und zum reinen Aberglauben deklassiert werden. Denn all diese herbeifantasierten Legenden des konservativen Establishments scheitern am tatsächlichen Resultat:

Diese Gesellschaft, mit der ihr zugrundeliegenden kapitalistischen Wirtschaftsform, produziert in der Welt unaufhaltsam neben Reichtum für wenige, Elend für viele, und die Herrschenden dieser Welt wissen überdies genau, dass dies so ist.

Kapitalistische Ökonomie in ihrem Fortgang

Wie bereits erwähnt, verschlechtern sich die Lebensverhältnisse der großen Mehrheit der Menschen in zunehmender Geschwindigkeit.³,⁴,⁵,⁶ Zudem vergrößert sich dieser Anteil beständig. Diese Entwicklung hin zum Negativen, ist ebenfalls in dramatischer Form für die Fauna⁷ und schließlich und letztendlich alle betreffend, für die ökologischen Fakten⁸ selbst zu registrieren: Unsere Ökonomie macht unsere Ökologie kaputt und dies wird unsere Welt radikal verändern.

Die seit Mitte der 1970er Jahre einsetzenden Verschärfungen der allgemeinen, ökonomischen Handlungsweisen, welche heute als neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftsglaubenslehre bezeichnet werden, verändern das allgemeine Bewusstsein zunehmend. Immer mehr Menschen, in den bis dato zu klassifizierenden »Gewinnerländern«, beginnen erst jetzt zu realisieren, was Kapitalismus in Gänze bedeutet. Diese beginnende Erkenntnis stellt sich dabei für viele traumatisch dar und erzeugt in vielerlei Hinsicht Hilflosigkeit, denn in den westlichen Ländern war für einen Großteil der Menschen die erlebte Realität noch bis weit in die 1980er Jahre hinein nämlich die, dass der Kapitalismus, und nur dieser, ein gewisses Maß an echter sozialer Gerechtigkeit zu gewährleisten schien. Heute hingegen zeigt sich mitunter mit Blick in die eigene Nachbarschaft nicht selten, dass dies offensichtlich eine Fehleinschätzung war. Die wahrnehmbare, greifbare Realität liegt weitab von der Vorstellung der Welt entfernt, die sich die allermeisten als eine lebenswerte Welt einst ausmalten.

Grundsätzlich gesehen, entstehen die Verschärfungen der Lebensbedingungen durch die immer weiter voranschreitende Öffnung der Ökonomie, mit der die Handlungsspielräume von Konzernen und Unternehmen vergrößert werden. Die Politik orientiert sich faktisch vornehmlich an den Interessen der Konzerne. Dies sind die nahezu vollständige Liberalisierung aller Preise und das Voranbringen einer weitgehenden Deregulierung. Deregulierung hat zum Ziel, die noch vorhandenen, staatlichen Schutzvorschriften und Kontrollmechanismen, welche bisher die Interessen der Allgemeinheit in den Bereichen Umweltschutz, Arbeitssicherheit, Gesundheit und dergleichen zumindest in minimaler Form sicherten, weiter abzubauen. Zudem wird ein weitgehender Rückzug des Staates aus der Wirtschaft, der rapide Abbau sozialstaatlicher Sicherungen und eine umfassende Flexibilisierung des Arbeitsmarktes angestrebt und vorsätzlich herbeigeführt. Dabei werden in großem Umfang Leiharbeit, Abbau des Kündigungsschutzes, Aufkündigung von Flächentarifverträgen sowie flexiblere Arbeitszeitregelungen eingeführt. Die zu beseitigenden, für die Allgemeinheit positiven, staatlichen Kontrollmechanismen, müssen, dies muss nachdrücklich ausgesprochen werden, programmgemäß im Laufe der Entwicklung zwangsläufig fallen, da solche Sicherungen für die Allgemeinheit im Kapitalismus nur innerhalb eines gewissen Zeitfensters, nämlich in der aufbauenden, wachsenden Phase, von den untereinander konkurrierenden Marktteilnehmern »geleistet« werden können.

Damit diese durchweg für den einzelnen Menschen, speziell den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, als negativ zu bewertenden Winkelzüge ihren Berechtigungsnachweis finden und toleriert werden, sind diese Aktionen von dem Versprechen begleitet, dass ausschließlich durch solcherlei Maßnahmen mehr Wachstum generiert, und dadurch die vorhandenen Arbeitsplätze zu sichern seien, beziehungsweise neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten.

Eines der Hauptgerichte auf dem Speiseplan der kapitalistischen Wirtschaft sind Privatisierungen von staatlichen Gesellschaften – also die Überführung von gesellschaftlichem Eigentum in das Privateigentum von Unternehmen –, welche bis dahin in öffentlichen Dienstleistungen im Bildungs-, Gesundheits-, und Sozialwesen und der allgemeinen Infrastruktur für das Gemeinwesen handelten. Selbstverständlich wird dieses »große Fressen« als auch dem Gemeinwesen dienliche Maßnahme verkauft. Zwar treten vorhersehbar die den Menschen, beziehungsweise der Kundschaft, durch die Privatisierungen versprochenen Vorteile von angeblich steigender Effizienz und Servicezunahme, bei gleichzeitig sinkenden Kosten in 95 Prozent der Fälle nicht ein, aber dennoch glauben viele bis zuletzt an die Zusagen der neuen privaten Eigentümerinnen.⁹ Ausschließlich in den wenigen Bereichen, die bereits schon vor der Privatisierung finanzielle Gewinne abwarfen, ist dieses möglicherweise anfänglich noch der Fall, wenn aber diese Reviere in Folge normaler Marktvorgänge zerstückelt, ausgenommen und zermahlen werden, geht es auch hier bergab. Es ist wahrlich kein Mysterium, dass die neuen Besitzer, die privaten Konzerne und Unternehmen, ausschließlich darauf aus sind, finanzielle Gewinne zu generieren, um die ebenfalls rein finanziellen Präferenzen der Anteilseigner zu befriedigen. Dies kann im fortlaufenden Wettbewerb des Marktes irgendwann nur noch durch das Einsparen von Kosten, in Form von Lohndumping, Entlassungen und Investitionsrückgängen in den Bereichen des Umweltschutzes oder der Verbürgung von Qualität der Produkte, sichergestellt werden. Es offenbart sich charakteristisch für Privatisierungen, dass die von den Konzernen versprochenen Vorteile, sich fast gänzlich in Luft auflösen, denn »während öffentliche Einrichtungen zum Selbstkostenpreis oder auch, wenn von besonderem, öffentlichen Interesse, als Zuschussunternehmen operieren können, müssen private, besonders von Konzernen geführte Einrichtungen, jedes Jahr eine möglichst zweistellige Rendite erwirtschaften«.¹⁰ Und so wird in aller Regel den Privatisierungen früher oder später gleichermaßen zuteil, dass sie allesamt den Menschen – ob nun den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Kundinnen und Kunden oder Nutzerinnen und Nutzern – genau das Gegenteil von dem bringen, was ihnen versprochen wurde und was diese sich selbst vorgestellt, beziehungsweise erhofft haben. Trotz dieser miserablen Bilanz, werden bis heute Privatisierungen von vielen noch immer reflexartig als Allheilmittel begrüßt. Diese merkwürdige, die Realitäten vollkommen bei Seite lassende Reaktion, erwächst zumeist aus der stammtischcharakteristischen Grundüberzeugung heraus, dass »Privat« immer besser sei als »Staat«, da angeblich in einer freien Wirtschaft ein »Schlendrian wie beim Staat« nicht durch käme. Vermutlich mag die in der freien Wirtschaft durchaus häufiger in Erscheinung tretende Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes so manch arbeitenden Menschen dazu animieren, sich selbst nicht selten über das gesunde Maß hinausgehend auszubeuten. Wenn dann aber die eigene Selbstausbeutung letzten Endes nicht dem arbeitenden Menschen oder ganz allgemein den Menschen zu Gute kommt, sondern in erster Linie den Anteilseignern oder Mitgliedern der Führungsetagen, dann ist das Wehgeschrei dieser phrasendreschenden Stammtischlaberer freilich noch lauter vernehmbarer als zuvor. Nun, man hätte es wahrlich besser wissen können, wenn man die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus gekannt hätte. Allerdings schließen sich Stammtisch und Sachverstand bekanntlich aus.

Blick nach Deutschland

Hierzulande sind im Bereich der Privatisierungen an vorderster Position die Privatisierung der Bundespost,¹¹ die Bundeswehrteilprivatisierungen, die Privatisierung der Bundesbahn, aber auch Privatisierungen von Wasserversorgern und Energieversorgern als Negativbeispiele zu benennen.¹²

Das gleiche Prinzip der Schönfärberei, gefolgt von »Nichtleistung«, gilt für die versprochenen Positiv-Attribute bei der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Bei detaillierter Begutachtung der durch die von Seiten der Regierung genannten offiziellen Zahlen, erweist sich diese angeblich heilsversprechende Arbeitsmarktpolitik ebenfalls als ein Trug par excellence. Es gibt zwar oberflächlich gesehen weniger Arbeitslose, da mehr Arbeitsplätze generiert werden, allerdings handelt es sich bei fast allen neu geschaffenen Arbeitsplätzen um so genannte prekäre Beschäftigungen, bei denen die Menschen zwar aus der Arbeitslosenstatistik herausfallen, dann aber dennoch durch den Staat unterstützt werden müssen, da sie selbst nicht genug zum Leben verdienen, oder sich ständig an oder unter der Armutsgrenze befinden. Hier kann jeder weitere Schicksalsschlag, ob Unfall, Krankheit oder Scheidung, das endgültige, finanzielle Aus bedeuten. Der Nationalökonom und Bestsellerautor Albrecht Müller bemerkt dazu, dass bei den Arbeitsmarktreformen stets die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Flexibilität aufweisen müssen – »fordern diese umgekehrt dasselbe von den Unternehmen (flexible Arbeitszeitregelungen, Lebensarbeitszeitkonten, bezahlte »Auszeit«, flexible Arbeitszeiten für Schwangere und Eltern kleiner Kinder), droht die Arbeitgeberlobby sogleich mit dem Untergang des Abendlandes.«¹³

In Deutschland hat heute die Wirtschaft das Sagen. Mit ihrem Kapital hat sie die Macht, ihre Vorstellungen durch Einflussnahme umzusetzen und Menschen und Politik nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen: Vor dem Hintergrund des Lockführerstreiks 2015 wurde sogar ungeniert und offen, von Wirtschaft und durchweg Hand in Hand mit weiten Teilen der Politik, über eine Einschränkung des Streikrechts diskutiert – ein Umstand, der vor einigen Jahren in Deutschland noch undenkbar gewesen wäre.

Begonnen haben die systematischen, neoliberalen Veränderungen in der Bundesrepublik in den frühen 1980er Jahren. Unter der Doktrin des »Lambsdorff-Papieres« wurden bereits 1983 erste Weichen gestellt. Dies ging einher mit der sogenannten »geistig-moralischen Wende«, welche im Zuge des Regierungswechsels im Bund von der damals noch linksliberalen SPD/FDP-hin zur rechtskonservativen CDU/CSU/FDP-Koalition, von den konservativen Parteien ausgerufen wurde. Als dann Anfang der 1990er Jahre, als das letzte regulierende Gegengewicht zu den kapitalistischen Ökonomien mit dem Zusammenbruch des »Ostblocks« wegfiel, welcher bis dahin dem kapitalistischen Expansionsdrang schon allein durch seine militärische Macht gewisse Schranken aufsetzte und zudem die Aufrechterhaltung gewisser sozialer Standards auch im Westen indirekt sicher stellte, damit für die Menschen im Westen der Kapitalismus als politisches Gegenmodell zum »Sozialismus« über die Konsummöglichkeiten hinaus glaubhaft blieb, gab es kein Halten mehr für den westlichen Kapitalismus. Analog der ökonomischen Folgerichtigkeit, radikalisiert sich die kapitalistische Ökonomie seit dem zunehmend, was schon zu Zeiten der Wiedervereinigung durch das unheilvolle Wirken der damalige »Treuhand« – vom konservativen, wirtschaftsnahen Bürgertum bis heute erstaunlicherweise als Erfolgsgeschichte dargestellt – aufzeigt: Von Helmut Kohls Versprechen, der »blühenden Landschaften«, kann heute nur noch von einer von den Verantwortlichen bewusst kalkulierten Täuschung, und dem wohl größten Betrugskapitel in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands gesprochen werden, welches es je gegeben hat. Die Gewinner dieses Raubzuges sind allein private westdeutsche Konzerne und Unternehmen. Arrangiert wurde dieser »Beutezug Ost«,¹⁴ durch das verhängnisvolle Wirken der Treuhand, welches durch die politischen Entscheidungsträger gedeckt und gelenkt wurde. Entgegen der landläufigen Meinung und Darstellung, gab es neben »viel Schrott«, nämlich durchaus auch eine ganze Anzahl konkurrenzfähiger DDR-Betriebe und Technologien, die auf einem freien Markt durchaus hätten bestehen können. Dennoch wurden diese Betriebe und Technologien reihenweise unter Wert an westliche Unternehmen und Konzerne verkauft, welche die konkurrenzfähigen Ost-Betriebe dann zumeist abwickelten und sich so preiswert eines Konkurrenten entledigten – von dem Skandal der Übernahmen der Ost-Banken, durch die West-Banken, ganz zu schweigen.

Erst im Jahr 2010, wurden der Öffentlichkeit durch die Fernseh-Dokumentation »Beutezug Ost: Die Treuhand und die Abwicklung der DDR«¹⁵, die Hintergründe enthüllt. Fand diese Fernseh-Dokumentation vorerst noch von wenigen Bürgerinnen und Bürgern Beachtung, zeigte dann zwei Jahre später erneut, im Jahr 2012, die Kino-Treuhand-Dokumentation »Goldrausch: Für eine Handvoll D-Mark« einem breiten deutschen Publikum, wie ein ganzes Land, auf der kapitalistischen Resterampe verramscht wurde. »Aus dem sperrigsten Kapitel der deutschen Einheit, wird so ein eindringliches Lehrstück über Geld und Gier«,¹⁶ titelte Sonja Hartwig von Spiegelonline. Die aus dieser Fledderei für den deutschen Steuerzahler entstandenen Rückstände, zugunsten reicher Unternehmen und Konzerne, von rund 250 Milliarden DM, wurden im »Erblastentilgungsfond« versteckt und sind gegenwärtig erst zu 1/3 getilgt. Sie belasten die öffentlichen Kassen bis heute stark.¹⁷,¹⁸,¹⁹,²⁰

Obwohl bereits unter der CDU/CSU/FDP-Regierung, unter der Führung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, von 1982 bis 1998 Maßnahmen zu Lasten der Arbeitnehmenden und zu Gunsten der Unternehmenden umgesetzt wurden, resultiert die faktische und heute weitgehend spürbare Endsozialisierung in der Bundesrepublik im wesentlichen aus den politischen Entscheidungen der Parteien, welche ihrer politischen Richtungsdefinition nach von der Allgemeinheit ursprünglich in genau entgegengesetzter Richtung verortet und dafür auch gewählt wurden – einen Weg, der auf Ausgleich bedacht, für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen sollte.

Diese »Hoffungsträger« waren im breiten Verständnis der deutschen Wählerinnen und Wähler die SPD und die Grünen, welche unter der Führung des neuen sozialdemokratischen Bundeskanzlers Gerhard Schröder die Regierungsgeschäfte im Jahr 1998 übernahmen. Dass rückblickend und vergleichend auf die gesamte bundesrepublikanische Geschichte ausgerechnet die Politik dieser Koalition die gemeinschaftsschädigendste Politik war, welche Deutschland bis dato erleben durfte, pulverisierte alle bis dahin gängigen, politischen Zuordnungen, bis heute.

Alles, was man bis dahin den einzelnen, verschieden Parteien zugedachte, wurde ad absurdum geführt und leitete zudem den wahrnehmbaren Startpunkt des Endes der Mehrparteien-Repräsentativ-Demokratie in Deutschland ein. Spätestens von diesem Zeitpunkt an wurde auch auf öffentlicher Bühne klar, dass alle heutigen, von ihren Stimmenzahlen bedeutsamen Parteien, mit Ausnahme der damaligen PDS, heute »die Linke«, marktradikale, kapitalistische Politik verfolgen und die Wünsche von Konzernen und Unternehmen, so weit es geht, politisch umsetzen. Die Wirtschafts- und Sozialpolitik dieser sogenannten »rot-grünen Jahre« nutzte in tatsächlich beispielloser Dynamik ausschließlich den Reichen und stellte diejenigen schlechter, die auch vorher schon benachteiligt waren.

Dabei begann es anfänglich, noch unter dem Wirken von Finanzminister Oskar Lafontaine, damals noch SPD, recht positiv. Einige, für die Allgemeinheit positive Versprechen des Wahlprogramms von 1998 wurden umgesetzt, indem verschiedene, unter Helmut Kohls CDU/FDP-Regierung, beschlossene Gesetze wieder abgemildert, beziehungsweise sozial-positive Veränderungen umgesetzt wurden. Dies waren die Wiederherstellung der vollen Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ab dem ersten Tag und für die ersten sechs Wochen für Arbeitnehmer. Die Revidierung der Beschränkungen des Kündigungsschutzes in kleineren Betrieben, die Wiedereinführung des Schlechtwettergeldes, das Entsendegesetz auch für ausländische Bauarbeiter, sowie die Einführung eines Sofortprogramms zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit. Außerdem wurde das im letzten Regierungsjahr Helmut Kohls zerbrochene »Bündnis für Arbeit« zwischen Gewerkschaftsvertretern, Unternehmerverbänden und Regierung, zunächst erneuert.

Weshalb dann in der Folge allerdings ausgerechnet ein sozialdemokratischer Kanzler eine ganz andere Politik zu Gunsten Reicher wollte und umsetzte, war und ist bis heute für die meisten Menschen unbegreiflich. Dieser, für sozialdemokratische Politik vollkommen atypische Richtungswechsel, schien in der Folge beim Menschen auf der Straße eine Ansicht mit etwa dem Tenor zu verfestigen, dass wenn jetzt sogar ein Sozialdemokrat fordere, die Wirtschaft zu entlasten, dies wohl tatsächlich das Beste für alle zu sein scheint. Diese wirtschaftsdienliche Schlussfolgerung, die sich allgemein verbreitete, wurde selbstverständlich nach Kräften durch eine großangelegte Propaganda, von Seiten der geldgebenden Wirtschaft, befeuert, und so kam es unweigerlich zum Bruch zwischen Gerhard Schröder und seinem Wirtschaftsminister Oskar Lafontaine, welcher stets für die Bändigung des Finanzkapitalismus stand. Denn Lafontaine trat bis zuletzt, im Gegensatz zum sogenannten Wirtschaftsflügel der SPD, dafür ein, den negativen sozialen Auswirkungen der Globalisierung und dem ungehemmten Wirken des Marktes mit staatlichen Mitteln entgegenzutreten – hierzulande, wie auch in der EU. So strebte Lafontaine zur Stärkung der Binnennachfrage die Erhöhung der Einkommen an, Steuerprivilegien der Wirtschaft sollten beschnitten und Rücklagen der heimischen Energiekonzerne besteuert werden.

Diese Bestrebungen für eine etwas gerechtere Welt brachte die Wirtschaftslobby auf die Barrikaden. Mit den für die Wirtschaft üblichen Methoden der Erpressung, keine neuen Arbeitsplätze zu schaffen oder vorhandene gar abzubauen, lenkten sie spätestens zu diesem Zeitpunkt den damaligen Kanzler Gerhard Schröder auf ihren Kurs und machten ihn zum » Genossen der Bosse«: Unter dem neuen Finanzminister Hans Eichel wurden 2001 das Steuersenkungsgesetz (letzte Stufe am 1. Januar 2005), in dem als wesentlicher Inhalt die Senkung des Eingangs- und Spitzensteuersatzes in der Einkommensteuer von 53 auf 42 Prozent standen, und die Erhöhung des Grundfreibetrags, sowie die Entlastung von Unternehmen in Deutschland zu benennen sind, umgesetzt. Ferner das 2003 verabschiedete und 2005 in Kraft getretene Investmentmodernisierungsgesetz, welches die Hedgefonds mit ihren riskanten Geschäften in Deutschland einführte und das »Steueramnestie Gesetz«, zur Förderung der Steuerehrlichkeit vom Dezember 2003, welches 15 Jahre nach dem »Gesetz über die strafbefreiende Erklärung von Einkünften aus Kapitalvermögen« vom Juli 1988, der damaligen »schwarz-gelben« Kohl-Regierung, Steuerhinterziehern weitere Möglichkeiten eröffnete, Steuerhinterziehungen zu beseitigen, ohne strafrechtlich belangt zu werden.

Diese Maßnahmen stellten allerdings lediglich einen Startpunkt innerhalb der neoliberalen Umbaumaßnahmen des Landes dar. Banken und Versicherungskonzerne wollten mehr. Sie wollten die Republik grundlegend und kompromisslos zu Gunsten der Oberschicht verändern und so wurde zum großen Coup ausgeholt. Es gab einen verhängnisvollen Zwei-Punkte-Plan, der nun ganz oben auf die Agenda gesetzt wurde und von den politischen Helfern umgesetzt werden sollte (und wurde):

Erstens, die Deregulierung des Finanzmarktes. Und zweitens, die weitgehende Zerstörung der sozialen Sicherungssysteme (Arbeitslosen-, Gesundheits- und Rentenversicherung).

Es ging ans Werk. Mit dem vierten Finanzmarktförderungsgesetz führte die rot-grüne Regierung unter intensiver Mitwirkung von FDP/CDU/CSU das Deregulierungsprogramm der vorherigen schwarz-gelben Koalition in damals nie erträumtem Umfang fort: Es wurden die Anforderungen für den börslichen Handel gelockert, der Handel mit Derivaten, auch im Immobiliengeschäft, erlaubt, die Anlagemöglichkeiten für Fonds erweitert und die Gewinne aus dem Verkauf von Anteilen an Kapitalgesellschaften von der Besteuerung befreit, was von den »Eliten« bis heute als das größte Geschenk aller Zeiten bezeichnet wird. Unter der Verantwortung der SPD und der Grünen, wenngleich von allen Parteien, mit Ausnahme der damaligen PDS, gewollt und mitgetragen, wurde dann 2004 das Investmentmodernisierungsgesetz zur Deregulierung der Finanzmärkte umgesetzt, welches gleichzeitig für die breite Öffentlichkeit wahrnehmbar aufzeigte, wie sehr Wirtschafts-Lobbyisten die Politik nicht nur beeinflussen, sondern der Einfachhalt halber gleich selbst machten: An die vierzig Personen aus der Finanzbranche waren auf Zeit im Bundesfinanzministerium anstellig, worauf sogar Dietrich Austermann von der CDU feststellte, dass »die sich die Gesetze von denen schreiben lassen haben.«

Mit diesen Maßnahmen zur Deregulierung des Finanzmarktes hat die gesamtdeutsche Politikbühne auf skandalöse Art und Weise die Banken- und EU-Finanzkrise maßgeblich mit verursacht!²¹,²²

Dem zweiten großen Vorhaben, die Zerstörung der sozialen Sicherungssysteme, zeigte sich zweckdienlich, dass seinerzeit ein nicht gerade geringer Teil der bereits getilgten Verbindlichkeiten der Kosten der Deutschen Einheit durch einen tiefen Griff in die Solidarsysteme aufgefangen wurde. Die Kassen der sozialen Sicherungssysteme waren also nicht etwa deswegen leer, weil diese durch eine übergroße Nachfrage auf Arbeitslosengeld, Sozialhilfe oder Rentenzahlungen überstrapaziert waren, sondern weil die vollkommen verkorkste Wiedervereinigung aus deren Rücklagen finanziert wurde. Dieses bereits angeschlagene Solidarsystem, wenngleich seine Schieflage entscheidend durch die skandalöse Fremdmittel-Finanzierung der Wiedervereinigung herbeigeführt wurde, passte gut in die marktradikale Gesamtstrategie. In dieser Strategie sollten diese Systeme als nicht (mehr) tragfähig und nicht zukunftsfähig umgedeutet werden, damit diese sozialen Sicherungssysteme in ihrer bisherigen, positiven Wahrnehmung zurückgedrängt werden konnten:

In einer systematisch und breit angelegten Unternehmung wurde zunächst das Vertrauen in die gesetzliche Rentenversicherung, als ein Teil der

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Kalkulierte Misere denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen