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Data for the People: Wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern
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eBook532 Seiten7 Stunden

Data for the People: Wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern

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Über dieses E-Book

Was das Silicon Valley mit unseren Daten macht und welche Daten-Grundrechte wir jetzt brauchen Wir hinterlassen überall Daten - oft freiwillig. Unternehmen wie Google, Facebook und Co. nutzen sie, verarbeiten sie weiter. Aber was weiß das Silicon Valley über uns? Warum sind unsere Daten so wertvoll und werden es dank Big Data in der Zukunft immer mehr? Andreas Weigend, Ex-Chefwissenschaftler von Amazon, sagt: Es ist höchste Zeit, die Macht über unsere Daten wieder in unsere Hände zu legen. Denn er ist überzeugt: Wir profitieren davon, dass wir unsere Daten teilen, aber wir müssen wissen, was damit geschieht, und wir müssen Einfluss nehmen können! In "Data for the People" formuliert der Experte sechs Grundrechte für Daten, die wir als Bürger und Kunden einfordern sollten, und zeigt, wie digitale Unternehmen - vom Großkonzern bis zum Startup - arbeiten. Ein Sachbuch, das die Vorteile der Digitalisierung sieht und jeden Leser datenkundig macht. Mit seinen Daten-Grundrechten macht Weigend jedem ein Geschenk, dem seine Privatsphäre im Web wichtig ist - und richtet sich damit auch an Manager in innovativen Unternehmen, denen die Selbstbestimmung ihrer Kunden am Herzen liegt.

Nominiert für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2017!
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum10. Apr. 2017
ISBN9783867745697
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    Buchvorschau

    Data for the People - Andreas Weigend

    Studenten

    VORWORT

    Wenn alles gespeichert wird

    »Wenn die Information selbst zum größten Geschäft der Welt wird, wissen Datenbanken mehr über den einzelnen Menschen als dieser selbst. Je mehr die Datenbanken über jeden von uns speichern, desto weniger existieren wir.«

    ¹

    Marshall McLuhan

    1949 trat mein Vater, damals ein junger Mann von 23 Jahren, eine Stelle als Lehrer in Ostdeutschland an. In der neuen Stadt eingetroffen, musste er jemand finden, mit dem er sich ein Zimmer teilen konnte. Im Bahnhof lernte er einen Mann kennen, der ebenfalls nach einer Bleibe suchte. »Heute ist mein Glückstag«, dachte mein Vater. Doch ein paar Tage nach ihrem Einzug in ihr neues Zuhause war sein Mitbewohner verschwunden. Mein Vater war ratlos. Als die Tage vergingen, fing er an, sich Sorgen zu machen.

    Nicht lange darauf saß mein Vater eines Morgens beim Frühstück, als es an der Tür klopfte. War vielleicht sein Zimmergenosse zurückgekehrt? Als er öffnete, standen mehrere ihm unbekannte Herren vor ihm und teilten ihm mit, dass er einen Lehrerpreis gewonnen habe. Es sei ein ganz besonderer Preis, der ihm nur persönlich überreicht werden dürfe, daher seien sie gekommen, um ihn zum Ort der Ehrung zu bringen. Die Einladung machte ihn argwöhnisch: Unter den gegebenen Umständen war es befremdlich, dass die Männer so mürrisch dreinschauten und alle identische Trenchcoats trugen. Doch ihm blieb keine Wahl, man brachte ihn sofort zu einem wartenden Auto, und als er eingestiegen war, entdeckte er zu seinem blanken Entsetzen, dass sich die Türen nicht von innen öffnen ließen. Er war von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet worden.

    Mit der Begründung, dass er Englisch sprach, wurde mein Vater beschuldigt, ein amerikanischer Spion zu sein. Keiner seiner Familienangehörigen oder Freunde wusste, wo er abgeblieben war, er war wie vom Erdboden verschluckt. Er wurde in ein Gefängnis der Sowjetbehörden geworfen, wo er sechs Jahre in Einzelhaft schmachtete. Er erfuhr nie, warum er verhaftet worden war oder was schließlich zu seiner Freilassung geführt hatte.

    Persönliche Informationen zu teilen kann reale, lebensbedrohliche Risiken bergen, weil solche Daten gegen uns verwendet werden können. Tatsächlich wird mir, wenn ich mir diese Gefahren recht überlege, angst und bange, insbesondere weil ich gesehen habe, wie Daten über meinen Vater gesammelt und gegen ihn verwendet wurden.

    Ein Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der DDR beantragte ich bei der zuständigen Behörde Akteneinsicht, um herauszufinden, welche Informationen die Stasi während und nach seiner Haft über meinen Vater gesammelt hatte. Ich war nicht der Einzige, der neugierig war, was die ostdeutsche Geheimpolizei über seine Familie wusste; beinahe drei Millionen Menschen haben seit dem Fall der Mauer Einsicht in ihre eigenen Stasi-Unterlagen oder die Akten von Familienangehörigen beantragt.² Leider erhielt ich von der Stasi-Unterlagenbehörde Bescheid, dass die Unterlagen über meinen Vater offenbar vollständig vernichtet worden waren.

    Allerdings entdeckte ich im Umschlag des Antwortschreibens die Fotokopie des Deckblatts einer anderen Stasi-Akte: meiner eigenen. Ich war baff. Es gab also eine Stasi-Akte über mich? Ich war doch nur ein junger Physikstudent. Dennoch hatten die Stasi-Agenten bereits 1979, als ich noch ein Teenager war, damit begonnen, Informationen über mich zu sammeln, und die Akte zuletzt 1987 aktualisiert, dem Jahr nach meinem Umzug in die Vereinigten Staaten. Von meiner Akte war nicht mehr geblieben als das Deckblatt; ich würde nie erfahren, welche Informationen die Stasi über mich gesammelt hatte, warum sie es getan hatte und wozu dieses Wissen, falls überhaupt, verwendet worden war.

    Damals, in den Tagen der Stasi, war es ein anstrengendes Geschäft, Informationen über »Bürger von Interesse« zu beschaffen. Zunächst mussten die Daten gesammelt werden, indem man Leute beschattete, sie fotografierte, ihre Post abfing, ihre Freunde befragte und ihre Wohnungen verwanzte. Dann mussten diese Informationen ausgewertet werden, alles per Hand. Es gab so viel Material zu durchforsten, dass zur Zeit des Zusammenbruchs der DDR ein Prozent der arbeitenden Bevölkerung hauptamtlich für die Geheimpolizei arbeitete. Doch zur Informationsbeschaffung benötigte die Stasi sogar noch mehr Ressourcen.³ Laut Bundesregierung hatte die DDR schließlich annähernd 200 000 Zuträger, die als »inoffizielle Mitarbeiter« ihre Mitbürger ausspionierten.⁴

    Deckblatt meiner Stasi-Akte

    Im Vergleich dazu haben es Datensammler heute leicht. Denken wir nur an einige aufsehenerregende Fälle. Nach vielmonatigen Protesten und Gerichtsprozessen errangen Datenschutzaktivisten in den USA einen kleinen Sieg gegen die Schleppnetzüberwachung von Telefondaten durch die NSA.⁵ Doch nur wenige Menschen verzichteten während oder nach dem Kampf, als klar wurde, dass die Metadaten ihrer Anrufe womöglich ausgewertet wurden, auf die Nutzung ihrer Handys. Einen Fall immerhin gab es, wo eine Vertriebsmitarbeiterin gegen ihre Entlassung durch ihren Arbeitgeber klagte, weil sie eine App deinstalliert hatte, die sowohl während als auch außerhalb ihrer Arbeitszeit ihre Ortungsdaten speicherte und an ihren Vorgesetzten sandte.⁶ Als bekannt wurde, dass Facebook untersuchte, wie sich Stimmungen von Mensch zu Mensch verbreiten, gab es viel Empörung um die Frage, ob das Unternehmen die Gefühle seiner Nutzer »manipuliere«.⁷ Die tatsächliche Nutzung von Facebook änderte sich indessen kaum, und Facebook führte weiterhin ohne vorheriges Einverständnis seiner Nutzer Experimente durch, aus dem einfachen Grund, weil das Experimentieren ein wesentliches Element bei der Gestaltung von Online-Plattformen ist. Und 2015 startete Ant Financial, die Tochter des Internethandelsgiganten Alibaba, in China einen Pilotdienst namens Sesame Credit, der die Kreditwürdigkeit von Personen durch Analyse ihrer individuellen Transaktionen bewertet – so ungefähr, als würde die Kaufhistorie der Amazon-Kunden herangezogen, um zu entscheiden, ob sie sich für einen Kredit qualifizieren.⁸ Die Bonitätsbewertung wurde rasch in anderen Bereichen übernommen, zum Beispiel als zwar optionales, aber beliebtes Profilfeld einer chinesischen Dating-Plattform.⁹ Es gibt keine Bewegung, die für die Abschaffung von Mobiltelefonen, E-Mail-Adressen, Navigations-Apps, Konten bei sozialen Medien, Online-Handel oder anderen digitalen Dienstleistungen kämpft. Das Leben ist einfach bequemer mit diesen Technologien.

    Der Schock, der in mich fuhr, als ich entdeckte, dass über mich eine Stasi-Akte geführt worden war, hätte mich in einen glühenden Eiferer für den Schutz der Privatsphäre verwandeln können. Weit gefehlt. Tatsächlich sind die Stasi-Unterlagen nichts im Vergleich zu dem, was ich tagein, tagaus freiwillig über mich selbst mitteile.

    Seit 2006 veröffentliche ich auf meiner Website jede Vorlesung und Rede, die ich halten werde, und jeden Flug, den ich buche, bis hin zur Nummer meines Sitzplatzes.¹⁰ Ich tue dies aus der Überzeugung heraus, dass der reale, greifbare Mehrwert, den wir aus der Mitteilung von Daten über uns ziehen, die Risiken überwiegt. Daten eröffnen Chancen für Entdeckungen und Optimierung. Worauf es ankommt, ist, dass wir Wege finden, um zu gewährleisten, dass die Interessen derjenigen, die unsere Daten nutzen, mit unseren eigenen Interessen im Einklang stehen.

    Wie können wir das erreichen? Indem wir verstehen, welche Daten gegenwärtig – und welche wahrscheinlich in naher Zukunft – geteilt werden und wie Datenfirmen unsere Daten analysieren und nutzen. Bei allem nötigen Respekt für Marshall McLuhan: Je mehr die Datenfirmen über jeden Einzelnen von uns speichern, desto stärker existieren wir, und desto mehr können wir über uns selbst erfahren. Die wahren Probleme bestehen darin, wie wir sicherstellen können, dass die Datenfirmen uns gegenüber so transparent sind wie wir gegenüber ihnen und dass wir ein Mitbestimmungsrecht erhalten, wie unsere Daten verwendet werden. Dieses Buch erklärt, wie wir beide Ziele erreichen können.

    Anmerkungen

    1 Marshall McLuhan mit Wilfred Watson, From Cliché to Archetype, Berkeley 2011, S. 13. Die erste Auflage des Buches erschien 1970.

    2 Vgl. Helen Pidd, »Germans Piece Together Millions of Lives Spied on by Stasi«, The Guardian, 13. März 2011, https://www.theguardian.com/world/2011/mar/13/east-germany-stasi-files-zirndorf.

    3 Vgl. John O. Koehler, Stasi. The Untold Story of the East German Secret Police, Boulder (CO) 1999, S. 8.

    4 Vgl. Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, »Was bedeutet eigentlich ›Stasi‹?«, http://www.bstu.bund.de/SharedDocs/FAQs/DE/00-was_bedeutet_stasi.html.

    5 Vgl. Andrew Crocker, »EFF Case Analysis: Appeals Court Rules NSA Phone Records Dragnet Is Illegal«, Electronic Frontier Foundation, 9. Mai 2015, https://www.eff.org/deeplinks/2015/05/eff-case-analysis-appeals-court-rules-nsa-phone-records-dragnet-illegal.

    6 David Kravets, »Worker Fired for Disabling GPS App That Tracked Her 24 Hours a Day«, ArsTechnica, 11. Mai 2015, http://arstechnica.com/tech-policy/2015/05/worker-fired-for-disabling-gps-app-that-tracked-her-24-hours-a-day/.

    7 Den Experimenten sozialer Netzwerke widme ich in Kapitel 3 breiteren Raum. Vgl. Gregory S. McNeal, »Facebook Manipulated User News Feeds to Create Emotional Responses«, Forbes, 28. Juni 2014, http://www.forbes.com/sites/gregorymcneal/2014/06/28/facebook-manipulated-user-news-feeds-to-create-emotional-contagion; sowie Robert Booth, »Facebook Reveals News Feed Experiment to Control Emotions«, The Guardian, 29. Juni 2014, https://www.theguardian.com/technology/2014/jun/29/facebook-users-emotions-news-feeds.

    8 Sesame Credit ist eines von acht Pilotprojekten, um die Kreditvergabe in dem Land bis 2020 auszuweiten. Vgl. Catherine Shu, »Data from Alibaba’s E-Commerce Sites Is Now Powering a Credit-Scoring Service«, TechCrunch, 27. Januar 2015, http://techcrunch.com/2015/01/27/data-from-alibabas-e-commerce-sites-is-now-powering-a-credit-scoring-service.

    9 Celia Hatton, »China ›Social Credit‹: Beijing Sets Up Huge System«, BBC News, 26. Oktober 2015, http://www.bbc.com/news/world-asia-china-34592186.

    10 Sie können meine vergangenen Aktivitäten unter http://weigend.com/past einsehen, meine künftigen unter http://weigend.com/future.

    EINLEITUNG

    Die Datenrevolution

    Wie können wir gewährleisten, dass Daten den Menschen zugutekommen?

    »Jede Revolution war zuerst ein Gedanke im Kopf eines Menschen; und wenn derselbe Gedanke einem anderen Menschen kommt, ist er der Schlüssel zu diesem Zeitalter.«

    ¹¹

    Ralph Waldo Emerson

    Um 6:45 Uhr morgens klingelt der Wecker meines Mobiltelefons. Begierig, den Tag zu beginnen, gehe ich mit meinem Handy in die Küche, während ich meine E-Mails und Facebook-Benachrichtigungen durchsehe. Die GPS- und WLAN-Adapter des Geräts registrieren jede Änderung meines Aufenthaltsorts, die Verlagerung meiner Position einige Meter nach Norden und Osten. Während ich mir eine Tasse Kaffee einschenke und richtig in Schwung komme, verzeichnet der Beschleunigungsmesser meines Handys, wie schnell ich gehe, das Barometer misst, wann ich die Treppe nach oben steige. Weil ich Google-Apps auf meinem Smartphone installiert habe, registriert Google all diese Daten.

    Nach dem Frühstück bin ich bereit, mich auf den Weg zur Universität Stanford zu begeben. Die Elektrizitätsgesellschaft hat bei mir einen »intelligenten« Stromzähler eingebaut, der die Abnahme des Stromverbrauchs verzeichnet, wenn ich das Licht ausschalte und meine Mobilgeräte aus der Steckdose ziehe. Beim Öffnen der Garagentür erkennt der Zähler ihre spezifische Nutzungssignatur. So hat mein Stromanbieter, während ich den Wagen auf die Straße lenke, genug Daten, um zu wissen, dass ich nicht länger zu Hause bin. Wenn die Signale meines Handys von verschiedenen Mobiltelefonmasten erfasst werden, gilt dasselbe für meinen Telefonanbieter.

    Unterwegs nimmt eine Kamera, die an einer Kreuzung installiert ist, ein Foto von meinem Nummernschild auf für den Fall, dass ich bei Rot über die Ampel fahre. Zum Glück beweise ich heute beste Manieren und werde daher in den nächsten Tagen kein Knöllchen in der Post finden. Doch auf meiner Fahrt wird mein Nummernschild wieder und wieder abgelichtet. Einige dieser Kameras gehören der Kommune, andere wurden von Privatfirmen angebracht, die mit den Daten Mobilitätsmuster analysieren – um sie an die örtliche Polizei, Erschließungsunternehmen, Stadtplaner und andere Interessenten zu verkaufen.

    In Stanford angekommen, benutze ich die EasyPark-App auf meinem Handy, um meine Parkgebühr zu entrichten. Das Geld wird automatisch von meinem Bankkonto abgebucht, und die Parkraumverwaltung der Universität wird benachrichtigt, dass ich meine Schuld beglichen habe. So können sowohl die Uni wie meine Bank sehen, dass ich seit 9:03 Uhr auf dem Campus bin. Als mein Handy sich nicht mehr mit der Geschwindigkeit eines Autos bewegt, zieht Google daraus den Schluss, dass ich an dieser Stelle mein Auto geparkt habe, und speichert den Ort, damit ich es wiederfinde, falls ich später vergessen sollte, wo ich es abgestellt habe. Ich rufe die App meines Autoversicherers Metromile auf, die aus dem bordeigenen Diagnosesystem Daten über meine Fahrt gespeichert hat. Auf einen Blick sehe ich, dass mein Spritverbrauch heute weniger effizient war – 19 Meilen pro Gallone, umgerechnet knapp 12,4 Liter pro 100 Kilometer – und dass sich meine Benzinkosten für den Weg zur Arbeit auf 2,05 Dollar belaufen.

    Nach meinem Tag in Stanford treffe ich mich mit einem neuen Bekannten in San Francisco. Wir haben uns »virtuell« kennengelernt, als wir beide einen Beitrag eines gemeinsamen Freundes auf Facebook kommentierten und jeder die Ansichten des anderen zum Thema mochte. Wie sich herausstellte, hatten wir über 30 gemeinsame Freunde auf Facebook, mehr als genug Gründe, uns einmal zu treffen.

    Google Maps sagt voraus, dass ich um 19:12 Uhr am Wohnort meines neuen Bekannten eintreffen werde, und wie gewöhnlich ist die Vorhersage bis auf wenige Minuten korrekt. Zufällig wohnt mein Bekannter über einem Laden, der Tabakprodukte und diverses Zubehör für den Cannabiskonsum verkauft. Die Satellitenortung meines Handys unterscheidet jedoch nicht zwischen der Wohnung und dem Laden. Was meine Telefongesellschaft und Google angeht, habe ich meinen Tag mit einem Besuch im Kifferladen beendet – eine Tatsache, die sich beim Aufrufen des Wetterberichts vor dem Schlafengehen an den Werbeanzeigen offenbart, die Google mir dazu präsentiert.

    Willkommen in der Datenrevolution.

    Geben, um zu bekommen

    Jeden Tag erzeugen über eine Milliarde Menschen soziale Daten wie die eben beschriebenen und teilen sie. »Soziale Daten«, das sind Daten über uns, etwa über unsere Bewegungen, unser Verhalten und unsere Interessen, ebenso wie Informationen über unsere Beziehungen zu anderen Menschen, Orten, Produkten und sogar Ideologien.¹² Einige dieser Daten werden bewusst und bereitwillig geteilt, wenn man zum Beispiel bei Google Maps angemeldet ist und sein Ziel eingibt; für andere gilt das weniger, häufig, ohne dass wir groß darüber nachdenken, es ist einfach fester Bestandteil der Bequemlichkeit, die uns die Nutzung des Internets und mobiler Geräte verschafft. In einigen Fällen ist klar, dass die Mitteilung von Daten die Bedingung für eine Dienstleistung ist: Google kann Ihnen nicht die beste Route zeigen, wenn Sie nicht Ihren Stand- und Zielort verraten. In anderen Fällen steuern Sie vielleicht gern Informationen bei, zum Beispiel, wenn Sie den »Gefällt mir«-Knopf unter dem Beitrag eines Freundes betätigen oder die Arbeit einer Kollegin auf LinkedIn empfehlen, einfach weil Sie ihr die Hand reichen und sie in irgendeiner Weise unterstützen möchten.

    Soziale Daten können hochpräzise sein, etwa unsere Position bis auf weniger als einen Meter genau angeben, häufig jedoch sind sie unscharf im Sinne von unvollständig. Zum Beispiel weiß mein Stromversorger, wann ich nicht zu Hause bin, aber sonst nichts – solange ich mich nicht bei der App anmelde, die den Stand meines Stromzählers anzeigt (zum Beispiel, um mich auf dem Weg zum Flughafen zu versichern, dass ich wirklich alle Lichter im Haus ausgeschaltet habe). Das ist eine grobe Information über meine Person, die von Nutzen für mich sein kann oder nicht. In ähnlicher Weise wurden, als ich meinen neuen Bekannten in San Francisco besuchte, zwar Längen- und Breitengrad genau übertragen, aber die daraus gezogenen Rückschlüsse über meine Aktivitäten an jenem Abend waren gänzlich falsch. Das ist sogar noch unschärfer, insofern die Daten den Anschein großer Exaktheit erweckten, aber zu einem erheblichen Teil auf Interpretation beruhten. Unscharfe Daten sind tendenziell unvollständig, fehleranfällig und – gelegentlich – durch Betrug verfälscht.¹³

    Insgesamt wächst die Menge der sozialen Daten – ob passiv oder aktiv, erforderlich oder freiwillig, präzise oder unscharf – exponentiell. Heute beträgt die Zeitspanne, in der sich die sozialen Daten verdoppeln, 18 Monate. In fünf Jahren wird die Menge der sozialen Daten um etwa den Faktor 10 angeschwollen sein, oder eine Zehnerpotenz, nach zehn Jahren um einen Faktor von 100. Mit anderen Worten, die Menge der Daten, die wir im Laufe des gesamten Jahres 2000 produzierten, wird heute im Lauf eines Tages erzeugt. Bei unserer gegenwärtigen Wachstumsrate werden wir 2020 diese Menge in weniger als einer Stunde hervorbringen.

    Es ist wichtig zu verstehen, dass »soziale Daten« nicht bloß irgendein schickes Modewort für soziale Medien ist. Viele soziale Medienplattformen wurden als Sender konzipiert. Im Fall von Twitter läuft die Kommunikation fast immer in eine Richtung, von der Berühmtheit, der Autorität oder dem Vermarkter zu den Massen. Soziale Daten sind weit dem