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Linke & Rechte: Ein ideengeschichtlicher Kompass für die ideologischen Minenfelder der Neuzeit
Linke & Rechte: Ein ideengeschichtlicher Kompass für die ideologischen Minenfelder der Neuzeit
Linke & Rechte: Ein ideengeschichtlicher Kompass für die ideologischen Minenfelder der Neuzeit
eBook229 Seiten2 Stunden

Linke & Rechte: Ein ideengeschichtlicher Kompass für die ideologischen Minenfelder der Neuzeit

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Über dieses E-Book

Die Polarisierung nimmt zu und damit scheinbar auch die Politisierung gesellschaftlicher Konfliktlinien, an denen sich vermeintlich „Linke“ und „Rechte“ gegenüberstehen. Da die Töne immer schärfer werden, ist es wohl höchste Zeit für empathisches Verständnis konträrer Positionen. Der Bedarf scheint also groß, hinter die politischen Etiketten zu blicken, Missverständnisse aufzuräumen und eine gewisse Übersetzungsarbeit zwischen den Lagern zu leisten. Das ideologische Maskenfest wird sich letztlich als unbedeutend erweisen. Viel bedeutsamer ist, wie der Umbruch, der im Gange ist, verlaufen wird. Wir wissen es nicht, und das macht uns Angst. Darum sehnen wir uns nach Bestätigung des eigenen Weltbilds, nach Filterblasen. Diese Schrift ist als Pfeilhagel auf diese Blasen intendiert.

SpracheDeutsch
Herausgeberscholarium
Erscheinungsdatum24. Apr. 2017
ISBN9783903199019
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    Buchvorschau

    Linke & Rechte - Rahim Taghizadegan

    Einleitung

    Die Polarisierung nimmt zu und damit scheinbar auch die Politisierung gesellschaftlicher Konfliktlinien, an denen sich vermeintlich „Linke und „Rechte gegenüberstehen. Da die Töne immer schärfer werden, ist es wohl höchste Zeit für empathisches Verständnis

    konträrer Positionen. Der Bedarf scheint also groß, hinter die politischen Etiketten zu blicken, Missverständnisse aufzuräumen und eine gewisse Übersetzungsarbeit zwischen den Lagern zu leisten. Doch es wäre naiv anzunehmen, dass gegenseitiges Verständnis alle Konflikte beseitigt oder mindert. Manchmal deckt Unkenntnis und Unverständnis auch Bruchlinien zu. Erkenntnis ist ein gefährlicher Pfad, vor dem viele zu Recht zurückschrecken.

    Diese Schrift möchte und kann nicht Frieden stiften durch diffuse Appelle, durch die Aufhebung von Widersprüchen in bequemem Mittelmaß, im Wegreden und Zerreden alles Anstößigen. Ein solcher Friede ist nie von Dauer, ein solcher Friede geht gerade zu Ende. Erkenntnis ist der einsame Pfad der Mutigen, die eigene Irrwege vermeiden wollen und damit riskieren, sich ins unbequeme Dickicht abseits der Irrwege zu begeben, auf denen keine ausgetretenen Wege Orientierung bieten, sondern allenfalls die Skelette

    früherer Pioniere Wegmarken abgeben.

    Diese Schrift möchte dabei helfen, die politischen Etiketten besser zu verstehen. Dabei wird allerdings sichtbar, dass dahinter nicht konkrete Einzelaspekte stehen, die schnelle Erkenntnis erlauben, sondern hinter dem Begriffsnebel der „Linken bis zu den „Rechten die noch schwerer zu durchdringende Komplexität menschlicher Geschichte und Psychologie steckt. „Links und „Rechts sind also keine realen Einzelheiten der Existenz, sondern Indizien hochkomplexer Phänomene, voll paradoxer Missverständnisse und Wirrungen.

    Wie also lassen sich die Rätsel um diese Phänomene durchdringen, wie lassen sich die Begriffe mit Sinn füllen und wie lassen sich die Konflikte von heute besser deuten? Dazu enthält diese Schrift drei grundverschiedene Betrachtungsebenen, die erst im Zusammenspiel Erkenntnis, Orientierung und Sinn bieten.

    Die erste Betrachtungsebene ist die historische: Ein dichter und nüchterner Überblick über die Ideengeschichte wird zunächst Überraschendes, Verwirrendes und Beeindruckendes zu Tage fördern. Auf den Spuren der historischen „Linken und „Rechten zeigt sich die ganze Komplexität dieses Begriffsnebels.

    Die zweite Betrachtungsebene bringt die anthropologischen, psychologischen, philosophischen und theologischen Gegensätze an die Oberfläche, die in veränderlicher und variabel überlagerter Form hinter den historischen Gegensätzen stehen, die bis heute den Graben zwischen politischen Lagern erklären. Diese Gräben waren längere Zeit überdeckt, doch diese Überdeckungen der Gräben sind nie lange stabil. Irgendwann bricht es dann an unvermuteter Stelle wieder auf, denn das Maßhalten zwischen den Gegensätzen der menschlichen Existenz ist eine allzu schwierige

    Aufgabe für den Menschen.

    In diesen zwei Hauptteilen sind außergewöhnlich viele Originalzitate enthalten. Es ist unumgänglich, „Linken und „Rechten, „Liberalen und „Konservativen, „Progressiven und „Reaktionären in ihren eigenen Worten zu lauschen, um die Gegensätze wirklich empathisch zu verstehen. Dass „Linke und „Rechte Extreme darstellen, die keinerlei Empathie verdienen, sondern von der „Mitte an den Rand gedrängt werden müssten – diese Perspektive teilt diese Schrift nicht. Vielmehr ist genau diese Perspektive der größte Missstand der Moderne, der Extremismus nährt, weil er über den Hochdruck der Gegensätze einen Deckel presst und diesen damit explosiv werden lässt. Zwar wird auch der Versuch, in der Mitte vernünftigen Ausgleich zu finden, empathisch betrachtet – und im einzig richtigen und möglichen Sinn trägt er diese Schrift. Doch es ist der bislang übersehene „Extremismus der Mitte, dem hier das nötige Augenmerk gewidmet wird. „Linke und „Rechte traten in der Geschichte als Narren, Mörder und Irrende auf, doch damit dürfen sich die Prinzipienlosen nicht abputzen – denn ohne Mitläufer wäre der Wahnsinn meist recht beschränkt geblieben. Diese Schrift unterscheidet sich also auch dadurch von anderen, dass „Linke und „Rechte hier nicht als Distanzierungsvorlage vorgeführt werden, zur Bekräftigung und Beschwichtigung der eigenen Mutlosigkeit, sondern als dichte Wolke von Orientierungspunkten, die aus der Ohnmacht, dem Hass und der Selbstgerechtigkeit binärer Gegensätze heraushelfen. Dabei erweist sich der Widerspruch und die Widersprüchlichkeit, wenn sie der Leser auszuhalten versteht, als wichtiges Werkzeug der Erkenntnis, vor allem der Selbsterkenntnis.

    Im schließenden dritten Teil, der dritten Betrachtungsebene, wird die aktuelle Stimmungslage gedeutet. Dabei ist der konkrete, heutige Kontext von größerer Bedeutung als die Vorgeschichte der Etiketten – doch ohne Kenntnis dieser Vorgeschichte wüsste man das nicht. Leider spukt die Geschichte meist nur in untoten Phantomen als unverstandener Ballast in den Köpfen, anstatt Orientierung zu bieten. Daher ist es vermutlich für den Alltagsgebrauch am besten, ganz auf die politischen Etiketten zu verzichten und Worte als Worte und Menschen als Menschen zu behandeln. Die Erkenntnis, die den Geduldigen und Mutigen aber Orientierung bieten kann – wenn sie die Widersprüche und Komplexität ertragen können – kann allerdings auf Worte nicht verzichten, denn sie entwickeln ein Eigenleben und formen die Realität.

    „manche meinen 

    lechts und rinks 

    kann man nicht velwechsern

    werch ein illtum"

    – scherzte der Dadaist Ernst Jandl. Die Geschichte und Gegenwart beweisen in der Tat, dass die Verwechslungen, Wechslungen und Wandlungen der Normalfall sind und nicht die Ausnahme. Die Erkenntnissuche führt also auch in diesem Gebiet zunächst zur Bescheidenheit. Dabei soll uns die Ideengeschichte, die erste Betrachtungsebene dieser Schrift, helfen: Selbstgerechtigkeit, Diskursunfähigkeit, Wiederholung von Irrtümern zu vermeiden. Wer dabei ausgehalten hat, dem könnte die Erkenntnissuche dann zu Rückgrat verhelfen, zu Ahnungen im Ungewissen, zum Erkennen von Prinzipien und deren Reibung an der Realität. Was dabei nicht abgeschliffen wird, könnte Bestand haben. Dabei soll uns die zweite Betrachtungsebene helfen, die analytische Abstrahierung von Motiven, Maßstäben und Polen. Die dritte Betrachtungsebene schließlich kann keine Synthese bieten, nur den Versuch einer Anwendung. Die Synthese muss dem Leser überlassen bleiben; sie ist Gegenstand, Inhalt und Schwierigkeit des vernunftgemäßen Lebens, das nur selten gelingt.

    I. Ideengeschichte

    1. Antike

    Politik im Sinne eines Widerstreits zwischen Interessen, die sich zur Rationalisierung Ideologien bedienen, ist ein modernes Phänomen. Der politische Richtungsstreit, der durch den Gegensatz zwischen Linken und Rechten ausgedrückt werden soll, setzt eine Fragmentierung der Gesellschaft voraus. Politik in diesem Sinne, der so ziemlich das Gegenteil der historischen Bedeutung darstellt, tritt daher stets in der Spätphase von Zivilisationen auf, wenn die Gesellschaft in Fraktionen (fractio – Bruchstück) bzw. Parteien (pars populi – Volksteil) zerfällt. Am ehesten finden wir einen Gegensatz zwischen links und rechts in der Antike daher gegen Ende der griechischen und römischen Zivilisation. Dem heutigen Sprachgebrauch entspricht der Gegensatz allerdings erst beim Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit.

    Bei den Griechen führt die Entartung der Demokratie zu wachsenden Konflikten zwischen Gesellschaftsklassen, die am ehesten so etwas wie eine politische Landschaft im modernen Sinne entstehen lassen. Im sechsten Jahrhundert v. Chr. orientierte man sich in Athen an der von Solon 594 eingeführten Eunomia, der „guten Ordnung", was in der Praxis jedoch bedeutete, dass die Stadt von wechselnden Oligarchen und Tyrannen beherrscht wurde und Attika nicht mehr als ein zweitrangiges Agrarland war. 510 wurde dem ein Ende gesetzt. Hippias wurde als der vorläufig letzte Tyrann aus der Stadt vertrieben und Kleisthenes führte eine Neuordnung der athenischen Verhältnisse durch. Seine Reformen – so schreibt es Euripides, der Dichter, und Herodot, der Historiker – basierten auf zwei Idealen: einerseits auf dem Ideal der Isonomia, der Gleichheit und Ebenbürtigkeit aller Vollbürger, und andererseits auf dem Ideal der Isegoria, der Redefreiheit.

    Nur kurze Zeit später stieg Athen durch die Flottenpolitik des Feldherrn Themistokles, der die Aufgabe übernahm, die Griechen vor den feindlichen Persern zu schützen, von einem zweitrangigen Agrarland zur stärksten hellenischen Seemacht auf. Athen wurde zu einem Handelszentrum für ganz Griechenland und zur stärksten Seefestung. Innerhalb der städtischen Bürgerschaft gewann jetzt plötzlich eine neue Schicht an Bedeutung, die man die Theten nannte. Das waren Leute ohne Grundbesitz, die in den Seekriegen reichlich Gelegenheit gefunden hatten, als Matrosen und Handwerker ihrem Vaterland Dienste zu leisten und die darum nach griechischem Empfinden auch Rechte in der politischen Gemeinschaft beanspruchen durften. In der Volksversammlung, schreibt der gelehrte Philologe und Historiker Max Pohlenz, wird es zunächst kaum ein Thete gewagt haben, das Wort zu einem Antrag zu ergreifen. Doch auch die Theten hatten jetzt das stolze Gefühl, dass sie gleichberechtigte Bürger sind und dass ihre Stimme bei den großen Entscheidungen ins Gewicht fällt (vgl. Pohlenz, 1955.).

    Langsam beginnt sich auch der Begriff Demokratie durchzusetzen. Ursprünglich wurde ihre Bedeutung von ihren Gegnern geprägt und meinte eine Herrschaftsform, in der nicht die Besten, die Aristokraten, sondern das niedrige Volk, der Demos, die Macht hat. Jetzt – und das war neu – wurde Demos aber auch in einem anderen Sinne verwendet, und zwar für das gesamte Volk. Und so konnten die Anhänger dieser neuen Staatsform mit stolzem Selbstbewusstsein, wie es Thukydides schreibt, dieses Hohnwort aufgreifen, weil es für sie besagte, dass die Demokratie nicht eine Klassenherrschaft ist, sondern diejenige Verfassung, in der das ganze Volk regiert und nur die Interessen der Gesamtheit maßgeblich sind.

    In dieser ersten Demokratie, die sich als ein Volksstaat verstand, wurden alle Beamten und der Rat der 500 zu Organen der Volksversammlung. Das heißt, die Volksversammlung, der alle Athener Bürger angehörten, behielt in allen wichtigen Fragen die Entscheidung in der Hand. Die gesamte Justiz wurde Geschworenen übertragen, die aus dem Volk ausgelost wurden. Und so konnte auch der einfachste Mann aus dem Volk das erhebende Bewusstsein haben, Träger der Staatshoheit zu sein.

    Die Entwicklung der attischen Demokratie brachte es in der Folge mit sich, dass Athen gegenüber allen anderen griechischen Stämmen die Vormachtstellung beanspruchte: Sie hatten mit Abstand die besten Schiffe, sie waren als Händler und Seeräuber mit Abstand die Reichsten, sie bildeten sich ein, dass nur sie allein Griechenland vor den Persern schützen können, sie hielten sich für die Klügsten auf der Welt, weil sie die besten Dichter, die besten Philosophen, die besten Wissenschaftler und die beste Staatsform hatten. Und sie lebten in der ihrer Meinung nach größten und

    schönsten Stadt der Welt. Das alles hatte zur Folge, dass Athen damit begann, seine Bundesgenossen zu unterdrücken, was die sich natürlich nicht gefallen ließen. So wurde ein Bruderkrieg nach dem anderen vom Zaun gebrochen.

    Gleichzeitig begann sich die athenische Demokratie nach und nach zu radikalisieren. Die Rede ist jetzt von Perikles, der ab 443 ohne Unterbrechung, 15 Jahre in Folge, zum Strategen gewählt wurde und von dem der Geschichtsschreiber Thukydides sagt, dass er „der erste Mann von Athen war, „gleich mächtig im Reden wie im Handeln. Am Ende des Peloponnesischen Krieges, als die Gebeine der Toten zusammengetragen werden und allen dämmert, dass dieser glücklose Krieg ein ziemlicher Unsinn war, wird Perikles, als der Würdigste, ausgewählt, einen Epitaphios, eine Leichenrede zu halten – vor den Särgen und Knochen der Gefallenen, die man in einem gewaltigen Haufen übereinandergestapelt hatte. Thukydides gibt in seinem

    Peloponnesischen Krieg (Buch II, 34-36) in eindrucksvollen Worten das Stimmungsbild wieder, das damals in Athen die Menschen bewegte, indem er Perikles Folgendes sagen lässt:

    Wir Athener leben unter einer Verfassung, die nicht die Einrichtungen anderer nachäfft. Vielmehr dienen wir eher selber als Vorbild, als dass wir andere nachahmen. Der Name dieser Verfassung ist der der Volksherrschaft (demokratia), und zwar deshalb, weil die Macht nicht in den Händen weniger, sondern in den Händen einer größeren Zahl von Bürgern ruht. Das Wesen dieser Volksherrschaft ist, dass zwar persönliche Vorzüge niemandem ein gesetzliches Vorrecht verleihen, hinsichtlich seiner wirklichen Geltung aber jeder, wie er sich in etwas auszeichnet, im Staatsdienst seine volle Anerkennung findet: eine Anerkennung, die nicht auf Parteigetriebe, sondern auf wirklichem Verdienst beruht. (II, 37)

    Die Rede des Perikles, die Thukydides in schriftstellerischer Virtuosität dichtend nachempfindet, hatte unter anderem den Sinn, die athenische Lebensart gegen die Zwangsherrschaft in Sparta abzugrenzen: Das demokratische Athen, so Perikles, sei ein Kulturstaat, und beanspruche deshalb in ganz Hellas die geistige Führung. Dieser Kulturstaat sei das Hochziel der Demokratie. Dazu sei jedem einzelnen Bürger die volle Freiheit zur Entfaltung seiner Persönlichkeit zu gewähren, d.h. auch wirtschaftliche Autarkie. Und dazu müsse man auch manchmal zum Schwert greifen, so Perikles, anders sei das nicht zu bewerkstelligen.

    Ab 443 war Perikles zweifellos ein politischer Superstar. Aber er hatte auch politische Gegner. Innerhalb der Stadtmauern standen sich zumeist zwei politische Parteien gegenüber: die demokratische Partei, die Perikles gewogen war, und die oligarchische Partei, die eher zu Sparta neigte. Von der oligarchischen Partei wurden die Schlagworte Freiheit und Gleichheit, die Perikles auf seine Fahnen geschrieben hatte, heftig kritisiert. Ihre Kritik richtete sich gegen die arithmetische Gleichheit, die nur die Köpfe zählt. Wahre Gleichheit, so die Oligarchen, sei etwas ganz Anderes. Sie sei eine geometrische bzw. proportionale Gleichheit, die nicht gleiches Recht an Ungleiche verteile, sondern die Rechte entsprechend den Leistungen und Verdiensten abstufe. Arithmetische Gleichheit, so die Oligarchen, führe zu Zuchtlosigkeit und veranlasse den Pöbel zu Übermut und Selbstüberschätzung, wie man es in Athen ja jetzt schon deutlich sehen könne.

    Diese Sorge der Oligarchen war durchaus berechtigt. Denn es gab schon Philosophen, wie den Sophisten Antiphon, die Folgendes schrieben: „Die konkreten staatlichen Gesetze stehen vielfach im Widerspruch zur Menschennatur, die den Einzelnen zur Verfolgung seines persönlichen Vorteils treibt. Sie sind darum nicht verbindlich, sind für den Menschen Fesseln, und frei ist nur, was die eigene Natur bestimmt. Oder Kallikles, der meinte: „Wahrhaft frei ist nur der, der sich nicht durch all das konventionelle Gerede von Sittlichkeit und Gerechtigkeit einlullen lässt. Und in der Tat: Der Optimismus des Perikles hielt der rauen Wirklichkeit nicht stand. Realität war mittlerweile, dass sich der Egoismus des Einzelnen und der Egoismus der einzelnen Klassen als weitaus mächtiger erwiesen hatte als die von Perikles gelobte und wahrscheinlich auch gelebte Staatsgesinnung, die sich anschickt, zuerst an das Ganze zu denken.

    Der Gleichheitsgedanke degenerierte jedenfalls innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer mechanischen Gleichmacherei und führte zu einer Art von Vermassung, in der jeder eifersüchtig darüber wachte, dass sich kein anderer über den Durchschnitt erhob. Das, was Perikles wollte, nämlich, dass die Gleichheit den Aufstieg des Tüchtigen ermöglichen und eben dadurch der Differenzierung dienen sollte, konnte in der politischen Realität immer seltener beobachtet werden. Die Freiheit wurde von der Menge dahin verstanden, dass das souveräne Volk in seinen Entscheidungen durch nichts behindert werden darf. Redner, die in den Versammlungen auf die bestehenden Gesetze hinwiesen, wurden oft einfach niedergeschrien.

    Philosophen, wie Plato und Isokrates, waren ziemlich verzweifelt über diese Entwicklungen. Isokrates wünschte sich eine Rückkehr zur echten Demokratie der Väter. Und der große Redner Demosthenes beklagte den Verfall der Staatsgesinnung, die sich unter anderem daran zeige, dass man die Polis nur mehr als eine Versorgungsanstalt betrachtet. Perikles hatte mit diesen Entwicklungen offenbar nicht gerechnet. Er wollte einen Kulturstaat. Er wollte, dass die Werke der Architektur, der bildenden Kunst und der hohen Dichtung jedem Bürger zugänglich sind. Unter anderem sorgte er dafür, dass auch die ärmsten Bürger die Theateraufführungen besuchen konnten, indem er ihnen die Eintrittsgelder zurückerstatten ließ. In Athen gab es damals keinen staatlichen Schulzwang – aber es gab die großartigsten Bildungseinrichtungen der Welt. Hier wurde die erste Universität,

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