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Swarthmoor Hall: Die frühen Tage der Quäker

Swarthmoor Hall: Die frühen Tage der Quäker

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Swarthmoor Hall: Die frühen Tage der Quäker

Länge:
316 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 1, 2012
ISBN:
9783868475197
Format:
Buch

Beschreibung

Die Autorin beschreibt in ihrem Roman die Gründerzeit der Religiösen Gesellschaft der Freunde - Quäker - im England des 17. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht dabei Margaret Fell, die 1652 George Fox begegnet, einem der Gründervater der Quäker, und ihn 1669 heiratet. Nachdem der Quaker Act 1662 die Versammlungen von Quäkern in England verboten hat, wird Fox immer wieder eingesperrt; von Swarthmoor Hall aus organisiert Margaret Fell die regen Missionstätigkeiten.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 1, 2012
ISBN:
9783868475197
Format:
Buch

Über den Autor


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Swarthmoor Hall - Elisabeth Hering

Elisabeth und Walter Hering

SWARTHMOOR HALL


Die frühen Tage der Quäker

1652

Das ist nicht wahr!

Williams hübsches junges Gesicht verzerrt sich vor Empörung, unwillkürlich verkrampft sich seine Hand zur Faust, so dass er vor sich selbst erschrickt. Zuschlagen? Nein. Nie wieder. Mit Selbstbeherrschung öffnet er die Finger und lässt den Arm am Körper niederfallen. Ben Glester, der vor ihm steht, sieht diese Regung in seines Schulkameraden Blick und Haltung, und ein Grauen überkommt ihn. Du selbst bist behext, du selbst! schreit er und rast die holprige Straße von Ulverston hinunter wie einer, der vor dem Teufel flieht. Doch William Caton rührt sich nicht, lehnt sich an den Ahorn, der die Straße beschattet und schickt dem Davonlaufenden keinen Blick nach. Starrt zu Boden. Die Zornesröte schwindet aus seinem Gesicht. Fast grau sieht es aus.

Es dauert eine Weile, bis Bewegung in seine Glieder kommt. Dann aber nimmt er den entgegengesetzten Weg, nicht hinunter zum Strand, wie Ben, sondern aufwärts, dorthin, wo sich die letzten Häuser der Stadt verlieren und die nackten Steine des felsigen Bodens zwischen Farn und Heidekraut weiß aufleuchten, von Weitem kaum zu unterscheiden von den ruhig zwischen ihnen grasenden Schafen. Langsam geht er fast wie ein Träumender. Achtet auch kaum des Weges.

Dann, auf der Anhöhe angekommen, von der aus man die Morecambe Bay überblicken kann, wirft er sich zu Boden und stöhnt. Und in seinem Kopf hämmert nur ein Gedanke, nur ein Satz, den Ben Glester ausgesprochen hat und den William Caton plötzlich laut wiederholt:

George Fox ist ein Zauberer. Er hat Margaret Fell behext!

George Fox. William sieht ihn vor sich, und die Ereignisse der letzten Wochen rollen noch einmal vor seinem inneren Auge ab. In tausend Bildern, von denen eines das andere jagt.

Ein fremder junger Mann stand im Hausflur von Swarthmoor Hall und stieß dort mit Lampitt zusammen. Mit Lampitt, dem Priester von Ulverston. Richter Fell, der Hausherr und Besitzer dieses südlich der Stadt auf einem Hügel gelegenen Rittergutes war auf Dienstreise in seinem Gerichtsbezirk Nord-Wales und seine Frau Margaret ebenfalls abwesend. Machte sie doch oft Besuche in der Nachbarschaft, wenn jemand krank war oder sonst ihre Hilfe brauchte. Lampitt aber, den Thomas Fell die Pfarre von Ulverston verschafft hatte, als die Common-Prayer-Men von den Kanzeln vertrieben worden waren. Lampitt ging in Swarthmoor Hall aus und ein und machte sich nützlich, wo er konnte.

Gewiss war er befremdet, weil der Eintretende den Hut nicht vom Kopf nahm, sich nicht verneigte, sondern aufrecht dastand in seinen Lederhosen und dem schlichten Wams und auch seine scharfen blauen Augen den Blicken des Priesters standhielten, als dieser unwirsch fragte: Wer bist du? Und was willst du hier?

Man nennt mich George Fox, antwortete der junge Mann. Ich bin gekommen, um diesem Hause Gottes Wahrheit zu verkündigen.

Ach, der bist du? Von dir habe ich schon viel gehört, doch wenig Gutes. Bist nicht du es gewesen, der am Pfingstmarkt von Sedbergh das Volk aufgewiegelt hat? Komm nur herein. Verkündige immerhin, was Du von Gottes Wahrheit verstehst. Glaube aber ja nicht, dass du mich irreführen kannst. Ich habe die Heilige Schrift auf der Hohen Schule von Cambridge auswendig gelernt!

Auswendig vielleicht, aber auch inwendig? Meinst du wirklich, dass es genügt, in Cambridge oder Oxford erzogen worden zu sein, um tauglich zu werden zum Dienste des Herrn?

Die Stimmen der beiden Männer hallten durchs Haus. Dienstboten und Kinder liefen zusammen, unter ihnen William, der mit George, dem einzigen Sohn der Fells, erzogen wurde. Und seinen gespitzten Ohren entging kein einziges Wort des Fremden, so unglaublich klangen sie ihm.

Was denn anderes konnte einen dann zum Dienste des Herrn tauglich machen, wenn nicht das Studium der Gottesgelehrtheit in Oxford oder Cambridge? Noch unerhörter aber war die Ausdrucksweise des Fremden. Sah er denn nicht schon an Lampitts Kleidung, dass er einen Geistlichen vor sich hatte? Einen Mann also, der es gewohnt war, mit Euer Ehren angesprochen zu werden? (Während er selbst natürlich jedem, den er als unter sich stehend betrachtet, Du sagte.)

William hätte sich nicht gewundert, wenn Lampitt den Fremden eine Grobheit an den Kopf geworfen hätte. Das tat er aber nicht, sonder stieß die Tür des großen Empfangssaales auf und trat ein, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. George Fox folgte ihm, und die Kinder drängten nach. Lampitt verwehrte ihnen das nicht, zu sehr war er aus der Fassung geraten. Er polterte los.

Er sprach von Moses, den Propheten, Johannes dem Täufer. Was er von diesen Männern sagte, verstand William nicht ganz. Womöglich verglich er sich mit ihnen. Doch war seine Rede zu hastig und undeutlich, auch schritt er ständig auf und ab, blieb nur von Zeit zu Zeit stehen und wandte dem Fremden sein zornglühendes Gesicht zu. Endlich ging ihm der Atem aus, da setzte er sich und ließ den Gast zu Worte kommen.

Auch was George Fox damals sagte, blieb in Williams Gedächtnis nicht haften. Zu neu, zu fremdartig waren dessen Worte. Sobald er sich an dem einen festhakte, entgingen ihm die Nächsten, so dass er den Zusammenhang verlor. Doch die Macht, die vom Wesen dieses Mannes ausging, erfasste den Sechzehnjährigen vom ersten Augenblick an, und sein Bild prägte sich ihm unauslöschlich ein: diese stämmige und doch ebenmäßige Gestalt; dieses etwas derb geschnittene, aber nicht unschöne Gesicht, aus dem die Nase kühn hervorsprang und ihm zwei Augen entgegenblickten, als wollten sie ihn festhalten, ja durchdringend dieses dichte hellbraune Haar, das in langen etwas wirren Strähnen bis zur Schulter fiel. Und dann die Stimme: volltönend, doch selbst bei größter Lautstärke nicht schrill und schneidend, wodurch sie sich so vorteilhaft von der Lampitts unterschied.

Auch des Priesters Stimme hat William plötzlich im Ohr, hört ihn schreien: Genug jetzt! Es ist mir klar, dass du mit deinen unsinnigen Lehren die Köpfe dieser Unmündigen nur verwirrst. Darum ist es besser, du gehst!

Hier aber legte sich die junge Margaret ins Mittel. Sie, die Älteste der Fellachen Kinder, war schon neunzehn und gewohnt, Verantwortung fürs Hauswesen zu tragen, wenn die Eltern abwesend waren. Bis dahin hatte sie stillschweigend dem erregten Wortwechsel der beiden Männer zugehört, nun aber widersprach sie dem anmaßenden Priester:

Nein, Euer Ehren! Es ist nicht unsere Gewohnheit, einen Gast vor die Türe zu setzen.

Und, zu George Fox, der sich schon zum Gehen wandte: Bleibt doch bitte. Es wird bald dunkel. Wo wollt Ihr so spät noch ein Nachtlager finden?

Es wäre nicht das erste Mal, Mädchen, dass ich unter freiem Himmel nächtigte.

Aber die Mutter würde schelten, wenn ich Euch gehen ließe.

Nun, das will ich dir gerne ersparen.

Er lächelte und setzte sich hin.

Dann bin wohl ich hier zu viel! rief der Priester und verließ ohne Gruß das Haus.

Als Margaret Fell zurückkam und erfuhr, was vorgefallen war, las William ihr den Unmut von der Stirne ab. Ich selbst hatte den Priester gebeten, hier während meiner Abwesenheit nach dem Rechten zu sehen. Nun habt ihr ihn verärgert.

Aber durfte er denn einen Gast aus unserm Hause weisen, Mutter? fragte die junge Margaret bekümmert. Hätte ich zulassen sollen, dass jemand, der ein Obdach bei uns sucht, sich ins Heidekraut zum Schlafen niederlegen muss?

Gewiss nicht, mein Kind. Du hast schon recht gehandelt. Nur schlimm ist es doch.

George Fox ein Zauberer? Er hatte einige lange und ernste Gespräche mit Margaret Fell und konnte ihrer Verstimmung doch nicht ganz Herr werden.

Und dann kam einer der Donnerstage, an denen Lampitt seine Betstunden abhielt.

Kommst du mit zur Kirche? fragte Margaret den Gast, und der gab die seltsame Antwort: Ich muss gehen, wohin der Herr mich führt. Vielleicht auch ins Turmhaus. Ich weiß es noch nicht.

In der großen Schar von Menschen, die dann von Swarthmoor Hall nach Ulverston hinuntergingen, befand sich natürlich auch William. Im Hause des Richters sah man darauf, dass die Kinder wie die Angestellten die Gottesdienste regelmäßig besuchten. George Fox verließ mit ihnen das Haus, sonderte sich aber schon nach wenigen Schritten ab und wanderte querfeldein.

Ein warmer, heller Nachmittag. Ende Juni. Die Sonne stand noch ziemlich hoch, geht zur Mittsommerzeit ja erst um neun Uhr unter.

Im Turmhaus eine angenehme Kühle und gedämpftes Licht. In den Bänken scharen sich die Menschen, Kopf an Kopf. Lampitt versteht es, seinen Kirchenkindern die Hölle heiß zu machen, wenn sie dem Gottesdienst fernbleiben.

Man sang ein Lied.

Da drehte sich das schwere Portal hörbar in den Angeln. George Fox trat ein. Ging zur letzten Bank. Setzte sich. Viele Köpfe wandten sich nach ihm um. Der Margarets nicht.

Andächtig sang sie das Lied zu Ende, schloss dann das Gesangbuch und richtete den Blick auf Lampitt, der die Kanzel bestiegen hatte und seinen Sermon begann.

Was er predigte, hat William vergessen. Nicht aber, was George Fox sagte. Als der Priester geendet hatte, fragte er erst, ob er sprechen dürfe, und als man es ihm erlaubte, stieg er auf seine Bank, so dass alle ihn gut hören und sehen konnten, und begann mit den Worten des Paulus (sie stehen im Römerbrief, im zweiten Kapitel, William hat sie gefunden, als er nachher zu Hause die Bibel aufschlug): Nicht der ist ein wahrer Jude, der es äußerlich ist, noch ist das die rechte Beschneidung, die am Fleische geschieht. Sondern der ist ein Jude, der es innerlich ist, und die wahre Beschneidung ist die des Herzens, die im Geiste geschieht und nicht nach dem Buchstaben! Und dann fuhr er fort und zeigte das Licht, das mit Jesus in die Welt gekommen ist und in jedem Menschen leuchtet, der auf Erden lebt. Die heiligen Schriften, sagte er, enthalten die Worte der Propheten, der Apostel und Christi selbst, und was diese Männer sagen, das ist ihnen von Herrn verkündet und offenbart worden. Was aber kann jemand mit diesen Schriften anfangen, der nicht selber vom Geist berührt ist, der sie hervorgerufen hat? Ihr sprecht: Christus sagt dies, die Apostel sagen das, die Propheten jenes — doch was kannst du sagen? Bist du ein Kind des Lichtes? Wandelst du im Licht? Lebt das, was du sagst, inwendig in dir?"

Das waren die Worte, die dem jungen Ansehen ins Herz drangen und dort festgehalten wurden für alle Zeiten. Und auch Margaret blieb nicht unberührt. Sie erhob sich von ihrem Platz, und William dachte erschrocken: Was will sie? Den Redner unterbrechen? Ihn hinausweisen lassen? Das kann doch nicht möglich sein!

Seine Befürchtungen waren umsonst. Sie tat den Mund nicht auf, bewegte sich nicht, nur traten ihr plötzlich Tränen in die Augen. Da sank sie auf ihren Platz zurück, und ein Weinen durchzitterte ihren Körper.

Aufgeschreckt aber wurde sie, als auf die Worte des Sprechende: Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe! John Sawrey, einer der Richter in Ulverston, aufsprang und schrie: Hinaus mit ihm! Er ist selber ein Wolf!, und schon hatte der Kirchendiener die Hände auf George Foxes Arm gelegt. Da rief sie: Lasst ihn in Ruhe!, so laut, dass alles aufhorchte und auf die Herrin von Swarthmoor Hall blickte. Seit wann war es erlaubt, dass eine Frau im Gottesdienst die Stimme erhob? Und sie fuhr fort: Warum soll er nicht zu Ende sprechen? Sagen, was er zu sagen hat, wie jeder andere auch?

Da ließ der Kirchendiener George Foxes Arm los, der nun seine Rede beenden konnte.

Und zu Hause dann die Fragen, die an den außergewöhnlichen Gast von allen Seiten gestellt wurden — die Gegenfragen, die er erhob: Kann ein Mensch, der sich bemüht, im Lichte Christi zu wandeln, unwahrhaftig sein? Gewalttätig? Geldgierig? Auf äußere Ehren erpicht? Kann er Eide ablegen, als ob es zweierlei Wahrheiten gäbe seine unbeschworene und eine beschworene? Kann er das Schwert gebrauchen, als ob mit Blutvergießen das Reich Gottes, das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens zu erzwingen wäre? Kann er seinem Mitmenschen eine Ehrerbietung abverlangen, die doch Gott allein gebührt? Wird er nicht von der Herrlichkeit des Lichtes so überwältigt sein, dass er Zeugnis davon ablegen muss, um den Funken von Gott der in jedem Menschen glimmt, auch in andern zu hellen Flammen anzublasen? Und kann er dafür, was ihm doch als das größte Geschenk zu teil geworden ist, von irgendjemandem Bezahlung fordern?

Das war es ja wohl, das war es, was die Priester und auch andere Amtspersonen so aufbrachte, dass sie diese infamen Lügengerüchten gegen George Fox ausstreuten. Was hat Ben Glester gesagt? Mit dem Teufel steht er im Bunde! Flaschen mit einem Wasser führt er mit sich, davon er den Leuten zu trinken gibt, damit sie den Verstand verlieren und seinen unsinnigen Reden Glauben schenken? Auf einem schwarzen Höllenhengst reitet er (man hat ihn gesehen, und das an mehreren Orten gleichzeitig), der Feuer aus den Nüstern bläst! Und unverwundbar ist er! Sogar wenn man ihn mit Messern sticht, kommt kein Blut aus ihm heraus. Ja, wenn er kein Zauberer wäre, wie käme es, dass selbst so kluge und verständige Ehefrauen wie die Herrin von Swarthmoor Hall von ihm betört würden?

Margaret Fell. Die Herrin von Swarthmoor Hall. Nun also behext. Und selbst eine ...

Nein, diesen Satz denkt William nicht zu Ende. Er, der bisher in Heidekraut gelegen hat, richtet sich auf. Über ihm schwebt ein Falter, schaukelt in der Luft, lässt sich auf einer Blume nieder die ihre zartgelben Blüten aus dem Spalt eines Felsbrockens hervorstreckt. Doch als sich William auf den sonnenwarmen Stein setzt flattert er davon.

Der Junge beachtet es nicht. Gedankenlos zieht er die Blume samt ihren Wurzeln aus dem kargen Erdreich und führt sie ans Gesicht. Und ein anderes Bild steigt vor ihm auf.

Wieder im Flur des großen Gebäudes, das man Swarthmoor Hall nennt. Diesmal steht er selbst dort neben seinem Vater, der ihn vor zwei Jahren zu den Fells gebracht hat, damit er mit deren Sohn George zusammen erzogen werde.

Wie unruhig er da stand, wie voll banger Erwartung! Der Abschied von der Mutter war ihm nicht leicht gefallen. Ihre Tränen machten ihm das Herz schwer. Sicherlich kostete es die Eltern große Überwindung, sich von ihm zu trennen — doch welcher Vater hätte das Angebot ausgeschlagen, das seinem Sohn eine so glänzende Zukunft in Aussicht stellte? Ist doch Richter Fell einer der angesehensten Männer in Furness, Hauptbevollmächtigter des Gerichtskreises Nordwales, Vizekanzler des Herzogtums Lancaster, Kanzler des herzoglichen Hofes zu Westminster.

Und dann, nach stundenlangem Ritt, die Ankunft in Swarthmoor Hall: Das Hoftor öffnete sich, das stattliche, schlossartige Gebäude, das sich bis dahin hinter einer mächtigen Mauer und hohen Bäumen den Blicken entzogen hatte, ragte plötzlich vor ihm auf. Wie klein und bescheiden kam ihm demgegenüber sein Vaterhaus vor! Aber dort war er im Mittelpunkt der elterlichen Sorge gestanden, manchmal sogar zu sehr umhegt, zu sehr verwöhnt worden — und hier?

Ein Stallknecht half ihm aus dem Sattel, nahm ihm das Pferd ab. Eine Frau trat aus dar Tür eines Seitengebäudes und kam heran. Aus Stallungen und Scheunen drangen Tier- und Menschenlaute. Einige Männer gingen mit kurzem Gruß an ihnen vorbei. Die Ankunft von Fremden schien sie von ihren Geschärten nicht abzuhalten.

Wie viele Leute standen dem Herrn dieses Gutes wohl zu Diensten? Einer unter wie vielen würde er sein?

Die Frau sprach ein paar Worte mit dem Vater und führte sie dann über gekieste Wege an den Blumenrabatten des hübschen Vorgartens vorbei dem Hause zu. Die Türglocke bimmelte. Und nun stand er also im Halbdunkel auf den Steinfliesen dieses langen schmalen Flures, von dem eine Treppe, die sich um hölzerne, mit Schnitzwerk verzierte Säulen windet, in die oberen Stockwerke führt. In halber Höhe dieser Treppe ist ein Fenster angebracht, dessen Licht freilich nur schwach bis zu ihnen drang, jedoch eine Gestalt umfing, die langsam die Treppe herunter schritt. Vorsichtig und langsam, weil sie ein ganz kleines Kind in den Armen hielt.

Margaret. Margaret Fell mit ihrer wenige Wochen alten Tochter Susannah.

Erst bemerkt sie die beiden Menschen gar nicht, weil ihre Augen auf der Kleinen ruhten, der ihre ganze Sorgfalt galt. William aber konnte kein Auge von ihr wenden und sieht sie jetzt wieder vor sich, denn dieser erste Einblick hat sich für immer in seinem Gedächtnis eingepflanzt: Hellgelb das Kleid, weiß der Schal, der ihr über die Schulter fällt, hell auch die Haare, die sich unter ihrer Frauenhaube hervorwagten, am unvergesslichsten aber der Ausdruck ihres Gesichts, die Innigkeit, mit der sie das Kind betrachtete, der Wechsel ihres Mienenspiels, als sie die Wartenden bemerkte, einen Augenblick stehenblieb, sie überrascht musterte, dann ihnen zulächelte und ihre warme Stimme Williams Ohr traf: Seid willkommen! Seid herzlich willkommen! Und du, William, fühl dich bei uns wie zu Hause.

Später hörte er jemanden über Margaret sagen: Sie ist wie eine Lilie unter Disteln. Lilien aber nennt man dort die wilden Osterglocken, die im Frühjahr in hellen Haufen auf den Wiesen stehen, zu jedermanns Augenweide. 'Ja', dachte er, 'geradeso ist sie auch mir erschienen'. Und es tat ihm leid, dass der Vergleich nicht von ihm selber stammte.

Doch dies ist nur ein äußeres Bild. Sagt noch wenig aus über Margarets Wesen. Man muss sie in ihrer Tätigkeit sehen, um auch darüber etwas zu erfahren.

Einen großen Haushalt hat sie unter sich. Mehr als fünfzig Leute sind auf dem Rittergut beschäftigt: auf den Äckern, in den Ställen und Scheunen, in Küche, Keller und den Wohnräumen, in der Schreibstube des Richters, beim Warten der kleinen, beim Unterrichten der größeren Kinder. Denn selbst George und William, die ein Jahr lang in die Lateinschule zu Hawkshead gegangen sind, haben nun einen Hauslehrer bekommen.

Die Kinderstube. Zwischen ihren Töchtern Margaret und Susannah ist ein Unterschied von siebzehn Jahren! Acht Kindern hat sie schon das Leben geschenkt (eines freilich starb ihr früh, William hat es nicht gekannt), doch darunter ist George der einzige Sohn. Jedes wurde mit Freuden begrüßt, bei der Geburt eines jeden pflanzte der Vater eine Eibe in den Garten, und sie werden noch grünen und von der stattlichen Familie künden, wenn längst der Wind, der in ihren Wipfeln spielt, über die Gräber der Menschen wehen wird, denen sie ihr Dasein verdanken.

In diese Kinderschar nun fühlte sich William aufgenommen, als wäre er ein leiblicher Sohn.

Gleich am ersten Tag schlug ihm George auf die Schulter und sagte: Nun habe ich doch jemanden, der mit mir durch dick und dünn geht, und das ganze Rockvolk kann mir gestohlen bleiben!

Nicht einmal die Stimme hatte er gesenkt, so dass Margaret diese respektlosen Worte gehört haben musste. Doch sie ging darüber hinweg. Als sie aber mit William allein war, sagte sie: Du bist älter als mein George — du wirst auch vernünftiger sein. Ich hoffe, dass du einen guten Einfluss auf ihn nimmst. Er ist so aufbrausend, so ungebärdig, streitet so oft mit seinen Schwestern, denkt, weil er ein Junge ist, müssten auch die älteren Mädchen nach seiner Pfeife tanzen. Ich vertraue ihn dir an. Gib ein wenig Acht auf ihn.

Wie geschmeichelt sich William von diesen Worten fühlte. Nur — hat er sie auch verdient? Gewiss gelang es ihm manchmal, einen Streit zwischen George und dessen Schwestern zu verhindern, und die Mädchen hingen bald an ihm noch mehr als an ihrem Bruder — aber ansonsten machte er doch all die wilden Knabenspiele mit, die dem Kameraden so gefielen. Kein Felsen war für George zu hoch, ihn zu erklettern, kein See zu tief, darin zu schwimmen, kein Wald, kein Dickicht zu unwegsam, darin dem Wild nachzustreichen und erst recht kein Pferd zu ungestüm, darauf zu reiten. In Hawkshead wurde er bald der Anführer einer ganzen Schar Gleichaltriger, denen nachzustehen William sich geschämt hätte. So ging er denn, wie George es sich gewünscht hatte, mit dem Kameraden durch dick und dünn.

Was aber sagte nun Margaret dazu? Da kam doch einmal eine Verwandte ins Haus, die Georges Eltern das Treiben der jungen Burschen vorhielt.

Wißt ihr denn nicht, wie gefährlich die Wege sind, auf denen sich Eure Jungen mit ihren Pferden tummeln? Überall Fels und Gestein. Steil an Abgründen vorbei führen sie und sind dabei so schmal, dass kein Wagen darauf fahren kann! Was aber, wenn die Tiere scheu werden, mit ihren Reitern durchgehen oder sie gar abwerfen? Kommt man ab von den Wegen, kann man sich im Dickicht der Wälder verlieren oder gar ins Moor geraten, an dessen Rande Euer Swarthmoor Hall ja liegt. Stünde es da den beiden nicht besser an, sich um ihre Bücher zu kümmern, statt die Gegend unsicher zu machen?

Doch der Richter antwortete: Dass mein Sohn und sein Freund ihr Pensum lernen, dafür ist gesorgt. Aber vom Stubenhocken allein ist noch kein Mann gediehen. Wer sich vor blauen Flecken fürchtet, wird nie reiten lernen, und wer in unserm Lande nicht reiten kann, muss sein Leben lang zu Fuß gehn.

O ja, der Richter war ein Mann, der sich selbst nicht schonte und keinen Anstrengungen aus dem Wege ging. Aber William befürchtete, dass Margaret der Verwandten recht gäbe. Doch tat sie es nicht, führte dagegen das Gespräch auf eine ganz andere Bahn, indem sie hinzufügte: Außerdem stehen sie in Gottes Hand. Er nur kann sie vor allen Abgründen des Lebens bewahren. Und so jung William auch war, fühlte er doch, dass ihre Sorge andern Abgründen galt als jene, in die man von einem Felsen stürzen kann.

Und sie also soll eine Hexe sein!

Der Stein, auf dem William Caton sitzt, ist ziemlich nahe am Steilufer der Morecame Bay gelegen. Hoch genug, dass man sie übersehen kann. Sie ist zurzeit nicht von Wasser überflutet, die Sonne spiegelt sich nur in kleinen, zurückgebliebenen Lachen und in den Flüssen, die den Sand durchqueren. Doch auch der Sand schimmert freundlich an diesem hellen Tage, ja selbst der hauchfeine Dunst, der sich wie ein zarter Schleier über die Bucht legt und sie einhüllt, so dass der Blick in der Ferne verschwimmt. Trotzdem ist die schwarze Schattenlinie des jenseitigen Ufers deutlich zu erkennen und — es kann keine Täuschung sein — etwas, was sich von ihr löst und in langsamer Bewegung näher und näher kommt: Reiter!

Das wird der Richter sein, der seine Ankunft für den heutigen Tag angekündigt hat.

Die Ebbe ist so weit fortgeschritten, dass man den Sand überqueren kann. Freilich — ungefährlich ist das nie. In diesem Land, wo Sonnenschein und Regen so rasch wechseln, wo der Himmel mit den vor dem Winde dahintreibenden Wolken ein so abwechslungsreiches Schauspiel bietet, muss man auf jede Überraschung gefasst sein. Sticht nicht die Sonne? Braut sich nicht ein Gewitter zusammen? Jetzt nur kein Wolkenbruch, der Sturzbäche das Steilufer hinunter fallen lässt, die den Sand überschwemmen. Nur keine Sturmbö, die die Flut schneller und plötzlicher herantreibt, als man errechnen kann. Wie oft schon sind Rosse und Reiter dabei ums Leben gekommen!

Doch Richter Fell ist nicht einer, der aus Ängstlichkeit den viel längeren Weg über die felsigen Straßen nimmt, die ja fast nur Saumpfade sind. Von allen Seiten ist eben Furneß, dieses schöne Land, in dem sie zu Hause sind, vom übrigen England abgeschlossen, da muss ein Mann freilich reiten und den Gefahren ins Auge sehen können!

William ist mit den Wettertücken seiner Heimat vertraut. Er blickt zum Himmel. Nein, die paar grau-weißen Flecken im Blau sind harmlos wie weidende Schafe. Und auch die Luft steht fast still, zittert nur leicht in der Sonnenwärme. Die Gefahr naht von anderswo her.

Plötzlich treffen Geräusche das Ohr des Jungen und treiben ihn von seinem Sitz hoch. Er läuft zum steilen Abhang, sieht hinunter und starrt auf eine Schar von Menschen, die sich dort ansammeln.

Erkennen kann er niemanden. Dazu sind sie zu weit entfernt. Auch hören kann er nicht, was sie sprechen. Nur einzelne Schreie dringen an sein Ohr. Doch wozu braucht er viel zu hören und zu erkennen, wird ihm doch blitzartig klar, was dort vor sich geht: Lampitt und seine Anhänger müssen es sein, die den Richter abfangen wollen, um ihn auf ihre Seite zu ziehn, ihn gegen Margaret und ihre Freunde aufzuwiegeln.

Margaret. Die ganze Woche über war sie schon so still, so bedrückt.

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