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Märchen aus Rumänien
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eBook370 Seiten5 Stunden

Märchen aus Rumänien

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Über dieses E-Book

Die durch ihre Fantasiefülle und kraftvolle Schönheit berühmten rumänischen Märchen finden in diesem Buch eine würdige, mit Sorgfalt vorbereitete Darstellung. Mit dem Herkunftsland dieser Märchen, mit seiner Geschichte sowie mit Leben und Eigenart seiner Menschen vertraut, verstehen es die Autoren, uns die uralten, oft recht seltsamen Vorstellungen des Bauernvolkes und die eigentümlichen Gestalten seiner Märchen, Riesen und Drachen oder zum Beispiel den roten wie auch den weißen Kaiser, Jupiteria oder die Heilige Freitag, nahezubringen.
SpracheDeutsch
HerausgeberBUCHFUNK Verlag
Erscheinungsdatum1. Mai 2012
ISBN9783868475166
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    Buchvorschau

    Märchen aus Rumänien - Elisabeth Hering

    ELISABETH HERING

    MÄRCHEN AUS RUMÄNIEN


    Mit Illustrationen von Kurt Eichler

    Inhalt

    Jon Milea

    Der arme Junge

    Belohnte Treue

    Die Brüder und die Kohlen

    Die Geschichte von Parolitza

    Heimkehr aus der Fremde

    Stan Bolovan

    Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

    Die Kaiserstochter und das Füllen

    Die Fee der Morgenröte

    Die Prinzessin in der Wiege

    Die Zwillingsknaben mit dem goldenen Stern

    Der Birnbaum

    Der Traum des Edelmannes

    Der Fischer und die Kaiserstochter

    Waldröschen

    Der verzauberte Wolf

    Der Weiße und der Rote Kaiser

    Die Mär der Blumen

    Der Harfenspieler

    Impressum

    Jon Milea

    Drei Männer gingen ins Heu. Es war ein heißer Sommertag, und sie kamen tüchtig ins Schwitzen von der schweren Arbeit, und als sie sich mittags in den Schatten eines Baumes legten, um ihr kärgliches Mahl zu verzehren und sich ein wenig zu verschnaufen, sagte der eine: »Wollte Gott, ich fände, wenn ich nach Hause komme, eine Backröhre voll Pfannkuchen!« — »Da wüsste ich mir etwas Besseres!« sagte der zweite. »Ich wünschte mir, ich fände zu Hause lauter Goldstücke, ein ganzes Zimmer voll, überall wo ich geh’ und stehe, so viele, dass ich gar nicht wüsste, was mit ihnen anfangen!« — »Ich aber«, meinte der dritte, »wollte, ich hätte, wenn ich nach Hause komme, tausend Söhne — ja, tausend Söhne und einen dazu!«

    Und richtig — was sie sich gewünscht, ging in Erfüllung. Der erste fand die ganze Backröhre voll Pfannkuchen. Der zweite fand das ganze Zimmer voll Goldstücke, überall lagen sie herum, auf Tisch und Bänken, wohin er trat und griff — was soll ich viel erzählen, er wusste nicht, wohin sich setzen und legen vor lauter Goldstücken. Als aber der dritte nach Hause kam ... Mutter! Mutter! ... da fand er dort tausend Söhne und einen dazu — um keinen weniger. Nach welcher Seite sollte er die Nase drehen? Ich bitt’ euch, das ist kein Spaß! Da waren Knaben darunter, die waren ihr Geld wert! Und dann — tausend und einer! Der eine schrie hier, der andere dort. Hier prügelten sich ein paar, dort sangen ein paar, dort heulten ein paar. Es war wie auf dem Jahrmarkt. Wenn du dort gewesen wärest, du hättest gemeint, du wärest in ein Tollhaus geraten!

    Als ihr Vater dies Treiben sah, erschrak er fürchterlich. Er machte auf dem Fuße kehrt und rannte davon, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehn.

    Nun aber die Mutter! Keine Kleinigkeit für eine Frau, tausend Söhne ohne Vater großzuziehen. Tausend Söhne und einen! Wie sie das fertiggebracht hat, fragt ihr? Ja, man staunt wirklich manchmal, was eine Mutter alles zuwege bringt!

    Die Knaben wuchsen heran. Und wenn sie auch oft hungerten, wenn sie auch manchmal froren — verhungert und erfroren ist keiner von ihnen. Es wurden lauter tüchtige und stattliche Burschen aus ihnen, und als sie so weit herangewachsen waren, dass sie selber mit Hand anlegen konnten, da hättet ihr sehen sollen, wie es in dem Hause zuging!

    Der Jüngste aber von ihnen hieß Jon Milea. Und er war klüger, gescheiter und erfinderischer als die tausend andern — er hatte das hellste Köpfchen von allen.

    Eines Tages nun fragte Jon Milea seine Mutter: »Sag einmal, haben wir nicht auch einen Vater wie andere Menschen? Wir sehen immer nur dich — du bist unsere Mutter, das wissen wir — aber wer unser Vater ist, wo er sich aufhält, wie er aussieht, das hat uns niemals jemand gesagt.« — Da seufzte die arme Frau. »Ja mein Kind«, antwortete sie, »euer Vater ist davongelaufen, als ihr noch klein wart. Euretwegen ist er in die Welt gegangen, ihr wart ihm zu viele, er konnte euer Geschrei nicht ertragen.« — »Und wohin ist er gegangen?« — »Das kann ich euch auch nicht sagen. Ich habe nur gesehen, wie er in dem großen Walde verschwunden ist.«

    Da machten sich die Knaben auf, ihren Vater zu suchen.

    Sie mussten aber nicht weit gehen und nicht lange suchen, denn er hatte sich im Walde in einer Höhle versteckt und dort von Wurzeln und Kräutern gelebt wie ein Einsiedler. Und wenn tausend Mann und einer einen Wald absuchen, so finden sie den, den sie finden wollen, selbst wenn er in einem Mauseloch stäke. So stöberten denn die Knaben ihren Vater in der Höhle auf. Er war aber völlig verwildert, die Kleider waren ihm längst vom Leibe gefallen, am ganzen Körper waren ihm Haare gewachsen, und er schien halb von Sinnen zu sein.

    Sie brachten ihn nach Hause, und die Frau erkannte ihn und tat ihm alles Gute an, das er so lange entbehren musste. Nun hatte er wieder ein Dach über dem Kopf und ein warmes Essen, hatte Kleider zum Anziehen und schlief wieder in einem Bett, und darüber kam er langsam zu sich.

    Die Burschen ließen ihn aber nicht schwer arbeiten — er hatte nichts anderes zu tun, als ihnen jeden Tag das Essen, das die Mutter für sie kochte, mit dem Wagen aufs Feld hinauszufahren.

    So lebten nun die Burschen von ihrer Hände Arbeit und wurden immer größer, und endlich waren sie erwachsen und wollten sich verheiraten.

    Das war aber gar nicht so einfach! Denn wo findest du so viele Mädchen—tausend und eines? Du kannst die Erde um und um drehn, bis du sie beisammen hast!

    So sagten sie denn eines Tages zu ihrem Vater: »Väterchen, wir wollen nicht länger mehr ledig bleiben. Geh du in die Welt und suche so lange, bis du für jeden von uns eine Braut gefunden hast!« — »Ach, aber wo soll ich denn so viele Mädchen hernehmen?« fragte ratlos der Vater. — »Das ist deine Sache!« antworteten die Söhne.

    Die Frau buk einen schönen Maiskuchen, packte ihn dem Mann in den Zwerchsack, und er macht sich auf den Weg. Er geht gen Mittag, geht und geht drei Tage lang, findet aber nicht, was er sucht. Wer soll denn auch, du lieber Gott, so viele Töchter haben?

    Der Mann kommt heim. Als aber seine Söhne hören, dass er nichts ausgerichtet hat, lassen sie ihn gar nicht erst über die Schwelle. »Such weiter«, sagen sie, »such, bis du findest! Der Arme geht also gen Abend und irrt weitere drei Tage in der bitteren Welt umher, aber wieder vergeblich. Wieder kommt er nach Hause, und wieder lassen ihm seine Söhne keine Ruhe. Er solle gehen, wohin er wolle, aber ohne einen guten Bescheid nicht zurückkehren. Und so wendet er sich denn gen Mitternacht — aber auch dort findet er nichts.

    Ach, was soll er bloß tun? Ist das eine Plage, so vergeblich umherzuirren!

    Die Frau bäckt ihm nochmals einen Maiskuchen, und er macht sich zum vierten Male auf den Weg. Ziellos irrt er hin und her, wie die Worte einer Mär, mit dem Stabe in der Hand wandert er durchs ganze Land, geht auf langen, bitteren Wegen nun dem Morgenlicht entgegen. Und so wandert er Tag und Nacht, ohne auszuruhn, fragt überall an, bekommt aber nirgends die gewünschte Antwort.

    Da, an einem schönen Sonntagmorgen, gelangt er in die Nähe eines Dorfes, und dort sieht er auf einem Felde einen Popen ackern: Der hatte einen Hahn und zwei Enteriche vor den Pflug gespannt.

    »Einen schönen guten Morgen, wohlehrwürdiger Herr Vater!« sagte der Mann, »aber wie geht das zu, dass Ihr Euch, statt heute Gottesdienst zu halten, ans Pflügen gemacht habt?«

    »Ach, mein Sohn«, antwortete der Pope, »was soll ich tun? Ich bin ein geschlagener Mann! Mein Elend sucht seinesgleichen, und wenn ich auch nur einen kleinen Augenblick verschnaufe, kann ich die Zeit nicht mehr einbringen. Denn mir hat Gott tausend Töchter geschenkt. Tausend Töchter und noch eine drauf! Und die Mädchen wollen Essen haben und Kleider haben und dieses haben und jenes haben! Wenn ich nun sonntags müßig gehen wollte — wie soll ich da auf meine Rechnung kommen? Und ganz besonders jetzt, wo