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Märchen aus Rumänien

Märchen aus Rumänien

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Märchen aus Rumänien

Länge:
370 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 1, 2012
ISBN:
9783868475166
Format:
Buch

Beschreibung

Die durch ihre Fantasiefülle und kraftvolle Schönheit berühmten rumänischen Märchen finden in diesem Buch eine würdige, mit Sorgfalt vorbereitete Darstellung. Mit dem Herkunftsland dieser Märchen, mit seiner Geschichte sowie mit Leben und Eigenart seiner Menschen vertraut, verstehen es die Autoren, uns die uralten, oft recht seltsamen Vorstellungen des Bauernvolkes und die eigentümlichen Gestalten seiner Märchen, Riesen und Drachen oder zum Beispiel den roten wie auch den weißen Kaiser, Jupiteria oder die Heilige Freitag, nahezubringen.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 1, 2012
ISBN:
9783868475166
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Märchen aus Rumänien - Elisabeth Hering

ELISABETH HERING

MÄRCHEN AUS RUMÄNIEN


Mit Illustrationen von Kurt Eichler

Inhalt

Jon Milea

Der arme Junge

Belohnte Treue

Die Brüder und die Kohlen

Die Geschichte von Parolitza

Heimkehr aus der Fremde

Stan Bolovan

Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

Die Kaiserstochter und das Füllen

Die Fee der Morgenröte

Die Prinzessin in der Wiege

Die Zwillingsknaben mit dem goldenen Stern

Der Birnbaum

Der Traum des Edelmannes

Der Fischer und die Kaiserstochter

Waldröschen

Der verzauberte Wolf

Der Weiße und der Rote Kaiser

Die Mär der Blumen

Der Harfenspieler

Impressum

Jon Milea

Drei Männer gingen ins Heu. Es war ein heißer Sommertag, und sie kamen tüchtig ins Schwitzen von der schweren Arbeit, und als sie sich mittags in den Schatten eines Baumes legten, um ihr kärgliches Mahl zu verzehren und sich ein wenig zu verschnaufen, sagte der eine: »Wollte Gott, ich fände, wenn ich nach Hause komme, eine Backröhre voll Pfannkuchen!« — »Da wüsste ich mir etwas Besseres!« sagte der zweite. »Ich wünschte mir, ich fände zu Hause lauter Goldstücke, ein ganzes Zimmer voll, überall wo ich geh’ und stehe, so viele, dass ich gar nicht wüsste, was mit ihnen anfangen!« — »Ich aber«, meinte der dritte, »wollte, ich hätte, wenn ich nach Hause komme, tausend Söhne — ja, tausend Söhne und einen dazu!«

Und richtig — was sie sich gewünscht, ging in Erfüllung. Der erste fand die ganze Backröhre voll Pfannkuchen. Der zweite fand das ganze Zimmer voll Goldstücke, überall lagen sie herum, auf Tisch und Bänken, wohin er trat und griff — was soll ich viel erzählen, er wusste nicht, wohin sich setzen und legen vor lauter Goldstücken. Als aber der dritte nach Hause kam ... Mutter! Mutter! ... da fand er dort tausend Söhne und einen dazu — um keinen weniger. Nach welcher Seite sollte er die Nase drehen? Ich bitt’ euch, das ist kein Spaß! Da waren Knaben darunter, die waren ihr Geld wert! Und dann — tausend und einer! Der eine schrie hier, der andere dort. Hier prügelten sich ein paar, dort sangen ein paar, dort heulten ein paar. Es war wie auf dem Jahrmarkt. Wenn du dort gewesen wärest, du hättest gemeint, du wärest in ein Tollhaus geraten!

Als ihr Vater dies Treiben sah, erschrak er fürchterlich. Er machte auf dem Fuße kehrt und rannte davon, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehn.

Nun aber die Mutter! Keine Kleinigkeit für eine Frau, tausend Söhne ohne Vater großzuziehen. Tausend Söhne und einen! Wie sie das fertiggebracht hat, fragt ihr? Ja, man staunt wirklich manchmal, was eine Mutter alles zuwege bringt!

Die Knaben wuchsen heran. Und wenn sie auch oft hungerten, wenn sie auch manchmal froren — verhungert und erfroren ist keiner von ihnen. Es wurden lauter tüchtige und stattliche Burschen aus ihnen, und als sie so weit herangewachsen waren, dass sie selber mit Hand anlegen konnten, da hättet ihr sehen sollen, wie es in dem Hause zuging!

Der Jüngste aber von ihnen hieß Jon Milea. Und er war klüger, gescheiter und erfinderischer als die tausend andern — er hatte das hellste Köpfchen von allen.

Eines Tages nun fragte Jon Milea seine Mutter: »Sag einmal, haben wir nicht auch einen Vater wie andere Menschen? Wir sehen immer nur dich — du bist unsere Mutter, das wissen wir — aber wer unser Vater ist, wo er sich aufhält, wie er aussieht, das hat uns niemals jemand gesagt.« — Da seufzte die arme Frau. »Ja mein Kind«, antwortete sie, »euer Vater ist davongelaufen, als ihr noch klein wart. Euretwegen ist er in die Welt gegangen, ihr wart ihm zu viele, er konnte euer Geschrei nicht ertragen.« — »Und wohin ist er gegangen?« — »Das kann ich euch auch nicht sagen. Ich habe nur gesehen, wie er in dem großen Walde verschwunden ist.«

Da machten sich die Knaben auf, ihren Vater zu suchen.

Sie mussten aber nicht weit gehen und nicht lange suchen, denn er hatte sich im Walde in einer Höhle versteckt und dort von Wurzeln und Kräutern gelebt wie ein Einsiedler. Und wenn tausend Mann und einer einen Wald absuchen, so finden sie den, den sie finden wollen, selbst wenn er in einem Mauseloch stäke. So stöberten denn die Knaben ihren Vater in der Höhle auf. Er war aber völlig verwildert, die Kleider waren ihm längst vom Leibe gefallen, am ganzen Körper waren ihm Haare gewachsen, und er schien halb von Sinnen zu sein.

Sie brachten ihn nach Hause, und die Frau erkannte ihn und tat ihm alles Gute an, das er so lange entbehren musste. Nun hatte er wieder ein Dach über dem Kopf und ein warmes Essen, hatte Kleider zum Anziehen und schlief wieder in einem Bett, und darüber kam er langsam zu sich.

Die Burschen ließen ihn aber nicht schwer arbeiten — er hatte nichts anderes zu tun, als ihnen jeden Tag das Essen, das die Mutter für sie kochte, mit dem Wagen aufs Feld hinauszufahren.

So lebten nun die Burschen von ihrer Hände Arbeit und wurden immer größer, und endlich waren sie erwachsen und wollten sich verheiraten.

Das war aber gar nicht so einfach! Denn wo findest du so viele Mädchen—tausend und eines? Du kannst die Erde um und um drehn, bis du sie beisammen hast!

So sagten sie denn eines Tages zu ihrem Vater: »Väterchen, wir wollen nicht länger mehr ledig bleiben. Geh du in die Welt und suche so lange, bis du für jeden von uns eine Braut gefunden hast!« — »Ach, aber wo soll ich denn so viele Mädchen hernehmen?« fragte ratlos der Vater. — »Das ist deine Sache!« antworteten die Söhne.

Die Frau buk einen schönen Maiskuchen, packte ihn dem Mann in den Zwerchsack, und er macht sich auf den Weg. Er geht gen Mittag, geht und geht drei Tage lang, findet aber nicht, was er sucht. Wer soll denn auch, du lieber Gott, so viele Töchter haben?

Der Mann kommt heim. Als aber seine Söhne hören, dass er nichts ausgerichtet hat, lassen sie ihn gar nicht erst über die Schwelle. »Such weiter«, sagen sie, »such, bis du findest! Der Arme geht also gen Abend und irrt weitere drei Tage in der bitteren Welt umher, aber wieder vergeblich. Wieder kommt er nach Hause, und wieder lassen ihm seine Söhne keine Ruhe. Er solle gehen, wohin er wolle, aber ohne einen guten Bescheid nicht zurückkehren. Und so wendet er sich denn gen Mitternacht — aber auch dort findet er nichts.

Ach, was soll er bloß tun? Ist das eine Plage, so vergeblich umherzuirren!

Die Frau bäckt ihm nochmals einen Maiskuchen, und er macht sich zum vierten Male auf den Weg. Ziellos irrt er hin und her, wie die Worte einer Mär, mit dem Stabe in der Hand wandert er durchs ganze Land, geht auf langen, bitteren Wegen nun dem Morgenlicht entgegen. Und so wandert er Tag und Nacht, ohne auszuruhn, fragt überall an, bekommt aber nirgends die gewünschte Antwort.

Da, an einem schönen Sonntagmorgen, gelangt er in die Nähe eines Dorfes, und dort sieht er auf einem Felde einen Popen ackern: Der hatte einen Hahn und zwei Enteriche vor den Pflug gespannt.

»Einen schönen guten Morgen, wohlehrwürdiger Herr Vater!« sagte der Mann, »aber wie geht das zu, dass Ihr Euch, statt heute Gottesdienst zu halten, ans Pflügen gemacht habt?«

»Ach, mein Sohn«, antwortete der Pope, »was soll ich tun? Ich bin ein geschlagener Mann! Mein Elend sucht seinesgleichen, und wenn ich auch nur einen kleinen Augenblick verschnaufe, kann ich die Zeit nicht mehr einbringen. Denn mir hat Gott tausend Töchter geschenkt. Tausend Töchter und noch eine drauf! Und die Mädchen wollen Essen haben und Kleider haben und dieses haben und jenes haben! Wenn ich nun sonntags müßig gehen wollte — wie soll ich da auf meine Rechnung kommen? Und ganz besonders jetzt, wo die Mädel heiratsfähig geworden sind?«

Da lachte dem Manne das Herz im Leibe. »Lange sollst du leben, mein Lieber, denn gerade dich habe ich gesucht!« rief er. »Wisse, ich habe ebenso viele Söhne, und die Haare sind mir schon durch die Mütze gewachsen, seit so langer Zeit wandere ich hin und her, um jedem von ihnen eine Frau zu suchen. Oh, das hat das Schicksal gefügt, dass wir beide uns begegnet sind! Nun ist des Umherirrens ein Ende!« — »Hab Dank, du mein Gegenvater, für dein gutes Wort!« antwortete der Pope. Und sie wurden im Handumdrehen einig, dass sie alle ihre Kinder miteinander verheiraten wollten — war doch gerade für jedes Mädel ein Bursche da und für jeden Burschen ein Mädel! Somit waren beide Väter aller Sorgen enthoben, und sie besprachen, dass die Burschen kommen und sich die Mädel abholen sollten.

Als der Vater wieder nach Hause kam, sah es ihm Jon Milea schon von weitem an, dass er dieses Mal nicht vergeblich ausgezogen war, und so wurden denn alle Anstalten getroffen, um die Bräute heimzuholen und Hochzeit zu machen. Doch als die Burschen aufbrechen wollten, sagte Jon Milea: »Vater, geh du mit den Brüdern und bring mir meine Braut mit, ich aber will lieber zu Hause bleiben und die Hochzeit vorbereiten. Führe sie jedoch nicht den Umweg, auf dem du zuerst hingelangt bist, sondern geht gleich den kürzesten Weg, der durch den Kupferwald führt. Nur müsst ihr achtgeben, dass ihr dort kein Geschrei macht und dass ihr vor allem kein einziges Zweiglein abbrecht, denn das wäre nicht gut für euch.«

Die Brüder waren mit diesem Vorschlag einverstanden, und sie machten sich mit dem Vater auf den Weg. Sie gaben sich auch alle Mühe, die guten Lehren ihres jüngsten Bruders zu befolgen, zogen stumm und ohne ein einziges Zweiglein abzubrechen durch den Kupferwald und kamen wohlbehalten bei ihren Bräuten an. Dort wurden sie freudig empfangen, gut bewirtet und die Mädchen ihnen zugesprochen: »Diese ist dein und diese ist dein!« Die Jüngste aber blieb für Jon Milea, der zu Hause auf sie wartete.

Nun nahm also jeder Bursche seine Braut an den Arm, und die ganze fröhliche Schar machte sich auf den Heimweg. War das ein Anblick! Tausend Brautpaare! Die Mädchen in ihren schönsten Kleidern, mit buntbestickten Blusen und Schürzen, mit Bändern und Blumen im Haar. Aber auch die Burschen sahen stattlich genug aus mit ihren blütenweißen Kittelhemden, die unter dem breiten Gürtel herabhingen, und mit den Blumensträußen auf ihren Hüten.

So zogen sie singend und scherzend ihres Weges — als sie aber durch den Kupferwald kamen, achteten sie des Verbotes nicht, sondern plauderten und lachten. Die Mädchen gar, wie so Mädchen sind, rissen die kupfernen Zweige, die so hell in der Sonne glitzerten, von den Bäumen und steckten sie den Burschen an die Hüte. Aber als sie so juchzend und trällernd, schäkernd und kreischend durch den Wald gingen, wuchs plötzlich um sie herum eine hohe Mauer aus der Erde, die sie ganz und gar einschloss. Wohin sie sich auch wendeten und drehten — nirgends ein Ausweg! Oben auf der Mauer aber saß ein alter Mann mit einer Mönchskappe auf dem Kopfe, und das war niemand anderes als Skaraotzki, der Teufel, in eigener Person.

»Gib den Weg frei!« rief der Pope, aber: »Fällt mir gar nicht ein!« antwortete der Böse. »Ihr habt meinen Wald beschädigt, habt Blätter und Zweige abgerissen — ohne Lösegeld lasse ich euch nicht ziehn!

Da war nichts zu machen! Sie hätten dort stehen können bis zum Jüngsten Tag. Er wollte ihnen nur unter der einen Bedingung den Weg freigeben, dass sie ihm das jüngste der Mädchen auslieferten, Jon Mileas Braut. So blieb nichts anderes übrig, als dass sie einwilligten. Der Pope musste den Vertrag unterschreiben, und die andern, die nicht schreiben konnten, mussten ihre Finger aufs Papier abdrücken. Dann nahm Skaraotzki das Mädchen an der Hand und verschwand, und mit ihm verschwand auch die Mauer, die sie alle umschloss. Nun waren sie frei und konnten nach Hause gehen — aber ihre Freude war dahin!

Doch Jon Milea war ein Hellseher, und noch ehe ihm jemand ein Wort gesagt hatte, wusste er alles, was sich im Walde zugetragen hatte. Und so stand er, als seine Brüder mit ihren Bräuten anlangten, schon reisefertig da. »Haltet ihr Hochzeit!« sagte er zu ihnen, »ich aber gehe auf dem kürzesten Weg zur Hölle — oder denkt ihr, ich wüsste nicht, dass ihr meine Braut dem Teufel ausgeliefert habt? Bleibt gesund! Ich komme entweder mit dem Mädel zurück — oder überhaupt nicht!«

Der Unreine wunderte sich nicht wenig, als er Jon Milea durchs Höllentor treten sah, denn er hatte noch nie erlebt, dass ein Mensch freiwillig den Weg zu ihm nahm. Das Mädchen aber, das der Teufel mitgebracht und das die Teufelsgroßmutter in ihren Dienst genommen hatte, war nicht auf den Kopf gefallen, und sie hatte in der Hölle schon manche Künste aufgeschnappt. So wusste sie auch gleich, dass der Bursche, der da freiwillig das von den Menschen sonst so gefürchtete Reich betrat, kein anderer sein konnte — als Jon Milea, ihr Bräutigam!

»Was soll ich mit dem Kerl anfangen?« fragte der Teufel seine Großmutter, und die antwortete: »Das muss ich dir sagen? Nichts einfacher als das! Lass ihn dein Pferd zur Schwemme reiten, dich selber aber verwandle in einen Hengst, und wenn er dich besteigt, fliege mit ihm hoch in die Wolken hinauf und wirf ihn von dort herunter — dann bist du ihn los!«

Das Mädchen aber hatte an der Tür gestanden und alles belauscht. Sie lief nun schnell zum Schmied und bestellte eine schwere, eisenbeschlagene Keule — »im Auftrage unseres Herrn Skaraotzki!« sagte sie.

Als die Keule fertig war, ging sie damit zu Jon Milea. »Du«, sprach sie, »nimm dich in acht! Der Alte will dich verderben! Er verwandelt sich in ein Pferd, das du zur Schwemme reiten sollst, und wenn du es besteigst, will er sich mit dir zu den Wolken erheben und dich von dort hinunterwerfen, dass du zerschmetterst. Aber hier hast du eine Keule, und wenn du merkst, dass der Hengst sich vom Boden lösen will, so schlag ihm ein Tüchtiges vor den Schädel, dann wird er fein sanft im Schritt gehen müssen, und es kann dir nichts geschehen.

Der Bursche brauchte nicht viel zu fragen, wer das Mädchen sei, er erkannte seine Braut auf den ersten Blick und nahm sie in den Arm. Wie freute er sich ihrer Schönheit und ihrer Klugheit!

Und dann geschah, was der Teufel nicht vermutete. Gerade als er sich mit dem Jüngling in die Luft erheben wollte, erhielt er einen Keulenschlag über die Stirne, dass er alle Engel singen hörte, und das ist für einen Teufel besonders unangenehm. Er musste also fein säuberlich im Schritt gehen, denn die Keule schwebte über seinem Schädel, und wenn er nur ein klein wenig hinten ausschlug oder nur eine einzige Bewegung machte, die Jon nicht passte, sauste sie hernieder.

»O Großmutter, wie übel der Kerl mir mitgespielt hat!« klagte der Teufel am Abend. »Mein Kopf schmerzt zum Zerspringen! Viel hätte nicht gefehlt, und er hätte mir mit seiner Keule den Hirnkasten zerschmettert!«—»Ich sehe schon«, erwiderte die Alte, »dem müssen wir anders kommen«, und sie heckten einen Plan aus, Jon Milea sicher zu verderben.

Das Mädchen aber hatte wieder alles mit angehört und schlich sich in der Nacht zu ihrem Bräutigam. »Lass uns fliehen!« sagte sie.

Als der Teufel und seine Großmutter am nächsten Morgen erwachten, waren die beiden verschwunden. »Du musst ihnen nach!« sagte die Alte. »Und lass sie dir ja nicht entwischen!«

Die beiden Brautleute waren tüchtig ausgeschritten und ein schönes Stück weit gekommen. Da sagte das Mädchen: »Dreh dich um, was siehst du? Mir brennt der Rücken, wie ich weiß nicht was!« — »Ich sehe eine rote Flamme ... vom Himmel bis zur Erde«, antwortete Jon. — »Das ist der Teufel!« rief da das Mädchen. »Nun kommt es darauf an! Ich springe über meinen Kopf und verwandle mich in eine Kirche, alt, uralt, so an drei-, vierhundert Jahre, mit vermorschten Schindeln gedeckt und voller Spinnweben, in denen tote Fliegen hängen. Du aber überschlage dich auch in der Luft und verwandle dich in einen Mönch, alt, uralt, auch so an drei-, vierhundert Jahre, und singe eine Litanei aus deinem Psalmenbuch. Und wenn Skaraotzki kommt und dich fragt, ob du nicht ein Mädchen und einen Burschen habest vorbeigehn sehen, so antworte: Doch, aber das ist lange her. Das war damals, als an dieser Kirche noch gebaut wurde und ich noch ein Kind war. Ja, da muss es gewesen sein.« Und so taten sie.

Das Mädchen verwandelte sich in eine alte, uralte Kirche, voller Spinnweben mit toten Fliegen drin, und die Schindeln auf dem Kirchendach waren ganz vermorscht und an vielen Stellen schon ausgefallen. Jon Milea aber sang als alter, weißbärtiger Mönch die Litanei, leise und eintönig, kaum noch hörbar.

Der Teufel trat ein. »Ehrwürdiger Vater!« rief er den Mönch an, der aber tat, als merke er nichts, und sang und sang. Der Teufel trat näher. »Ehrwürdiger Vater!« schrie er so laut, dass die Wände wackelten. Da hob der Mönch den Kopf. »Was willst du, mein Sohn?«-»Sag, hast du nicht vor kurzem ein Mädchen und einen Burschen hier vorübergehen sehn?« fragte er. — »Ehee, heee, he-hee! Mein Lieber, was fragst du? Ach, ich war noch klein, höchstens sieben Jahre alt, lernte gerade lesen — da sah ich sie vorübergehn! Das ist lange her. Die Menschen bauten noch an dieser Kirche. Ja, ja, jetzt erinnere ich mich — damals war es. Warum fragst du jetzt noch danach? Geh lieber nach Hause und sieh dir nach deiner Arbeit!«

Als der Teufel das hörte, kehrte er auf dem Fleck um und eilte zur Hölle zurück. »Nun, hast du sie eingeholt?« fragte seine Großmutter. — »Nein, nichts habe ich gefunden!« — »Wie, nichts? Rein gar nichts?« — »O doch, eine Kirche, alt wie die Welt, und einen weißbärtigen Mönch darin, der Psalmen sang. Und als ich fragte, sagte der Alte, das Mädchen und der Bursche seien vorübergekommen, als er sieben Jahre alt gewesen und die Kirche eben gebaut worden sei.« — »O du Dummkopf, du Tölpel!« schrie die Teufelsgroßmutter außer sich. »Ich hätte nicht gedacht, dass du so blöd bist! Das waren doch die zwei, das waren sie! Das Mädchen die Kirche und der Bursche der Pfaffe darin! Jetzt aber geschwind, eile so schnell du kannst und hole sie ein, eh sie dir ganz entwischen!«

Unterdessen hatten die beiden sich wieder in Menschen zurückverwandelt und waren ein gutes Stück vorwärts gekommen. Da sagte das Mädchen wieder: »Mir brennt der Rücken, Jon!« — Er drehte sich um: »Ich sehe eine grüne Flamme ... vom Himmel bis zur Erde!« — »Das ist wieder der Teufel!« rief das Mädchen. »Nun pass auf, was ich dir sage! Verwandle du dich in einen Schafhirten, alt wie ein Rabe, mit einer Flöte in der Hand, und ich verwandle mich in eine Herde Schafe, so groß, dass man kein Ende von ihr sehen kann.«

Kaum war das geschehen, da kam auch schon der Teufel herangerast. Als er den Hirten sah, hielt er an und verschnaufte. »He, Alter!« rief er, aber der Schäfer tat, als höre er nichts. Er blies auf seiner Flöte, dass die Täler widerhallten, und spielte ein Stück nach dem andern. »He, so hör doch, Alter!« schrie der Teufel, so laut er konnte. Da endlich wandte der Schäfer den Kopf: »Nun, mein Sohn, was willst du von mir?« — »Hast du nicht eben ein Mädchen und einen Burschen hier vorbeikommen sehn?« — »He, ehee, heee! Mein Lieber, da mag ich so sieben, acht Jahre gewesen sein — lernte gerade Flöte blasen. Damals hatten wir erst ein Mutterschaf und einen Widder. Seither müssen so drei-, vierhundert Jahre vergangen sein. Damals sah ich sie hier vorübergehn. Was willst du denn von ihnen? Geh lieber nach Hause und sieh nach deiner Arbeit, als dass du jemandem nachläufst, den du nicht vor Sankt Nimmerleins Tag einholen kannst!«

Als der Teufel diese Worte vernahm, hatte er genug. Er zog den Schwanz ein und rannte zur Hölle zurück.

»Nun, mein Sohn, hast du auch diesmal nichts erreicht?« — »Was soll ich erreichen, wo nichts zu erreichen ist?« — »Aber hast du denn auf deinem ganzen Weg gar niemand angetroffen?« — »Angetroffen schon! Eine große Herde Schafe und einen Schafhirten von drei-, vierhundert Jahren, und der sagte mir, er sei ein kleines Kind gewesen und die Herde habe damals aus nur einem Mutterschaf und einem Widder bestanden, als die beiden dort vorübergegangen seien.« — Da raufte sich die Alte die Haare. »O du Schwachkopf! Du Einfaltspinsel!« schrie sie. »Das waren sie doch, das waren sie! Der Schäfer war der Bursche und die Herde das Mädchen!« — »Nun, mag gewesen sein was immer, ich hab es satt!« antwortete Skaraotzki. »Ich habe mich abgerackert, dass ich kaum noch schnaufen kann. Meinetwegen sollen sie gehen in ihre wilde Übergroß!«-»Das sieht dir ähnlich, du Tropf! Erst stellst du dich blöd an und dann gibst du es auf! Jetzt aber werde ich dir zeigen, was ich kann! Ich setze ihnen nach, und wenn ich auf meinem Wege nichts anderes finde als eine Fliege — selbst die werde ich verschlucken!« So sagte des Teufels Großmutter, und — weg war sie!

Der Jüngling und das Mädchen waren unterdessen wieder ein gutes Stück vorwärts gekommen. Und wieder sagte plötzlich das Mädchen: »Sieh dich um, Jon, denn der Rücken brennt mir furchtbar!« — »Ich sehe eine blaue Flamme ... vom Himmel bis zur Erde«, antwortete Jon. — »Oh«, rief da das Mädchen, »das ist das Satansweib, des Teufels Großmutter selbst! Wenn wir der entwischen, dann kannst du wissen, Jon, dass wir gerettet sind! Sollte es aber anders kommen, so nur, wie es uns bestimmt ist! Doch rasch jetzt! Ich mache mich zu einem See aus süßer Milch — mach du dich zu einem Enterich und schwimme in seiner Mitte!«

Als die Alte herankam und den See und den Erpel darin erblickte, wusste sie gleich, mit wem sie es zu tun hatte. Sie legte sich also ans Ufer und begann den See auszutrinken — schlürfte und schlürfte und schlürfte. Aber sie hatte noch nicht die Hälfte der Milch getrunken, da platzte sie und war tot — und mausetot ist sie geblieben bis auf den heutigen Tag!

Das Mädchen aber und Jon Milea wurden wieder zu Menschen-und dann nichts als heim und Hochzeit gehalten, gegessen und getrunken, gesungen und getanzt!

Ich war auch dabei, und man gab mir einen Hasensträmpel zu essen ... ihr wisst doch, das Stück vom Knie abwärts, gerade wo es am fleischigsten ist. Dann aber ließ ich sie dort in ihrem Glück und ihrer Freude und kam zu euch, um euch das alles brühwarm zu erzählen! — Ihr bezahlt es mir doch?

»Wir es dir bezahlen, mein Lieber? — Du sollst leben! Gott wird es dir bezahlen!«

Der arme Junge

Es war, was gewesen ist — und wäre es nicht gewesen, würde es auch nicht erzählt.

Es war einmal eine Witwe, die war so arm, dass nicht einmal die Fliegen in ihrem Hause blieben, und diese Witwe hatte zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Der Knabe war tapfer, wie ein Knabe nur sein kann, das Mädchen aber war so schön, dass die Prinzen und die Kaiserssöhne aller Orten mit Ungeduld darauf warteten, dass sie heranwüchse, damit sie um sie werben könnten. Als aber das Mädchen das sechzehnte Lebensjahr vollendet hatte, da geschah ihr, was auch schon vorher manchem schönen Mädchen geschehen ist: es kam ein Drache, der sie raubte und sie weit, weit wegbrachte — in das ferne Land, das man das jenseitige Gestade nennt.

Von da an liebte die Witwe ihren Sohn noch hundert- und tausendmal mehr als bisher, weil er nun ihr einziges Kind war — die einzige Freude, die ihr auf dieser Welt noch blieb. Sie hütete ihn, wie man sein Augenlicht hütet, und hätte ihn nicht einen Schritt weit von sich gehen lassen. So sehr sie sich aber auch an ihm freute, war sie doch untröstlich, weil — mein Gott, ein Knabe ist zwar ein Knabe, aber ein Mädchen ist eben ein Mädchen, besonders wenn es schön ist!

Da nun der Knabe seine Mutter so traurig sah, sammelte er immer mehr Kraft und zählte die Tage, bis er groß genug sein würde, um in die weite Welt zu gehn — zu suchen das Schwesterlein, Rotbäckchen sein, auf ungebahnten Pfaden, mit Dornen beladen. Und als er zweimal sieben Jahre alt geworden war und noch eines dazu, da machte er sich Kalbsledersandalen, mit Stahlsohlen daran, ging zu seiner Mutter und sprach also: »Liebe Mutter, ich habe keine ruhige Stunde mehr, solange ich dich so traurig und vergrämt sehe. Ich weiß, du härmst dir das Herz ab um deine verlorene Tochter — darum habe ich beschlossen, in die Welt zu gehen und nicht eher zurückzukommen, als bis ich Kunde von ihr bringen kann. Ob ich sie finde, weiß ich nicht, ich hoffe es aber. Und diese Hoffnung lasse ich auch dir, damit du in ihr Ruhe findest.«

Als die Witwe solche Worte hörte, wurde ihr schwer und leicht ums Herz auf einmal, und sie sprach: »Gut, mein liebes Kind, tu’, was du dir vorgenommen. Wenn du zurückkehrst, werde ich mich freuen, dich wiederzusehen; wenn aber eine Zeit um die andere vergeht und du immer noch nicht zurückkommst, werde ich doch nicht um dich weinen, denn der Weg ist gar lang, den du vor dir hast, und ich werde die Hoffnung, dass du mir noch einmal heimkehren wirst, niemals verlieren.« Dann rührte sie ihm mit ihrer eigenen Muttermilch drei Brote an, eines aus Mehl, das andere aus Kleie, das dritte aus Asche, buk all ihre Liebe mit hinein und gab sie ihm als Zehrung mit auf den Weg.

Der Knabe steckte die Brote in den Reisesack, nahm Abschied von seiner Mutter und ging in die Welt, wie ein armer Junge, dem alle Wege gleich weit, alle Stege gleich breit sind, und der nicht weiß, welche Richtung er einschlagen soll.

Am Tore stand er still, schaute einmal nach Sonnenaufgang, dann nach Sonnenuntergang, dann nach Mitternacht und nach Mittag, darauf nahm er eine Handvoll Staub unter der Türschwelle hervor und warf sie hoch in den Wind: wohin der den leichten Staub trieb, dahin wandte er seine Schritte.

Und der arme Junge ging und ging und ging, immer weiter und weiter, durch viele reiche Länder, bis er an eine Heide kam, auf der kein Gras wuchs und kein Wasser quoll. Hier hielt er an und holte seine drei Brote hervor. Er nahm zuerst einen Bissen von dem Brot aus Mehl, weil das das schönste war, und wie er ihn hinuntergeschluckt hatte, wuchs seine Kraft und auch sein Durst war gelöscht.

Und wiederum wanderte der arme Junge weiter und wanderte den ganzen langen Tag, bis er gegen Abend die Heide hinter sich gelassen hatte und an einen großen Wald kam. So dicht und so düster standen Eiche und Rüster, dass selbst von den Winden kein Hauch war zu finden — wie war dem Jungen da zumute, als er in den stillen Wald eintrat! Aber kaum hatte er ihn betreten, erblickte er an den Stamm eines Baumes gelehnt eine alte Frau, ganz runzlig

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