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Südseesaga: 12 Geschichten aus der Südsee.

Südseesaga: 12 Geschichten aus der Südsee.

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Südseesaga: 12 Geschichten aus der Südsee.

Länge:
294 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 1, 2012
ISBN:
9783868475074
Format:
Buch

Beschreibung

Mit balladenhafter Wucht rollen die Schicksale polynesischer Menschen vor uns ab. Auf der Osterinsel, mit ihrer noch heute zum Teil unerforschten Vergangenheit, beginnt die Handlung.

Der Fischer Ure-Vaiu kann Ana-te-iki, die Tochter eines Bildhauers, nicht erringen, bevor er nicht einen grünen Amulettstein beschafft hat. Er geht mit seinem Vetter im Auslegerboot über Tausende von Kilometern auf abenteuerliche Fahrt von Insel zu Insel, um den Stein zu suchen und findet ihn. Zurückgekehrt, gewinnt er wohl seine Braut, verliert aber das Vertrauen seiner Kameraden und wird von ihnen erschlagen, weil er die Erfindung eines Angelhakens nicht preisgibt. Das Leben dieser Wikinger der Südsee in einer Zeit, da die Europäer die wellenumtosten Eilande noch nicht betreten hatten, ist ursprünglich wie die Natur, die sie umgibt. Es erweckt unsere unmittelbare Anteilnahme. So ein Buch gibt es noch nicht. Es ist die Odyssee Polynesiens.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 1, 2012
ISBN:
9783868475074
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Südseesaga - Elisabeth Hering

ELISABETH HERING

Südseesaga


Mit Zeichnungen von Rudolf Nehmer

Inhalt

Der Tanz des Vogelmannes

Am Berg der Bildhauer

Dämonen

Hine-Moanas Lächeln

Die Geschichte der Kokospalme

Die glückliche Insel

Die Geschichte von Toa und Pale

Die Geschichte vom Seega

Der Königsfisch

Die Geschichte des Roten Hauses

Die Schule vom Himmel

Der Gott im Holze

Der grüne Stein

Die große Prüfung

Der Angelhaken

Letzte Fahrt

Die Geschichte von der schönen Uka

Nachwort

Impressum

Der Tanz des Vogelmannes

Von Osten her wehte ein steifer Wind. Er blies den barhäuptigen, sonnengebräunten Menschen, die auf der Höhe der steilen Küste standen, durch die dunklen, glatten Haare. Jedoch nicht einer von ihnen achtete darauf, denn es war den Bewohnern der weltabgelegenen, sturmgepeitschten Insel ein alltägliches Spiel, das der Gott der Winde mit ihnen trieb.

Es war keine kleine Schar, die sich da oben, bei aufgehender Sonne, auf den Felsvorsprüngen der Küste bewegte. Männer waren es, denen Wind und Wetter und die Anstrengungen und Gefahren kühner Seefahrt tiefe Runen in die verwitterten Gesichter gegraben hatten, und Frauen, denen man die Not und den Kummer eines entbehrungsreichen Lebens ansah. Aber auch Jünglinge waren darunter, denen noch die Abenteuerlust aus den scharfen, braunen Augen sprang, und die Entschlossenheit, allen Gefahren des Lebens zu trotzen — und Mädchen und junge Frauen, die die Schönheit ihrer Körper und die Anmut ihrer Bewegungen noch nicht durch allzu häufige Geburten eingebüßt hatten.

Einige dieser Menschen waren nackt; denn gegen die Kälte brauchten sie sich ja unter ihrem heißen Himmel nicht zu schützen. Die meisten aber hatten um die Hüften ein schmales Tuch geschlungen, das bei manchen aus Tapa bestand, aus dem Stoff, den die Frauen durch Klopfen der zähen Rinde des Papiermaulbeerbaumes gewannen, bei anderen aber aus einem mit Fransen versehenen Bastgeflecht. Und alle blickten sie wie gebannt zum Meere hinab, das den weißen Gischt seiner Brandung hoch aufschäumen und in tausend regenbogenfarben-schimmernde Tröpfchen zerstieben ließ.

Der Felsen lag viele hundert Fuß hoch über dem Wasser, sodass das Tosen der Brandung nur wie gedämpftes Brausen zu den Ohren der Menschen drang. Es hätte ihre Gespräche nicht gestört, auch wenn sie solche hätten führen wollen. Sie taten es aber nicht. Man vernahm kein einziges Wort. Nicht einmal die nackten, braunen Kinder, die mutwillig auf den oft gefährlich weit ins Meer hinausragenden Riffen herumturnten, wagten zu sprechen. Einige von ihnen, fast schon halbwüchsige Burschen, hatten sich rittlings auf eine schmale Felsennase gesetzt, die jäh zum Meere abstürzte. Auch sie hielten die Köpfe gereckt, und während sie sich mit einer Hand am Stein anklammerten, schirmte die andere das grelle Sonnenlicht ab, das durch seine Blendung die Sicht beeinträchtigte.

Es bedurfte freilich auch der scharfen Augen dieser mit dem Meere und seinen Weiten verschwisterten Menschen, um das, wonach sie ausspähten, erkennen zu können. Tief unter dem oberen Rande der hohen Steilküste nämlich, die fast senkrecht zum Meere abfiel, kletterten, geschickt und sicher mit dem Fuß jeden Felsvorsprung ertastend und mit der Hand jeden Spalt ergreifend, vier Gestalten abwärts. Jünglinge waren es, völlig unbekleidet, denen nur ein Federkranz das lange, mitten auf dem Kopfe in einem Knoten zusammengehaltene Haar schmückte und deren jeder eine Pora trug, ein großes Bündel aus Schilf, das sie sich mit einer Bastschnur auf den Rücken gebunden hatten.

Es war ein halsbrecherischer Weg. Endlich aber langte der erste von ihnen auf einem Felsstück an, das, seit Jahrtausenden von der Brandung der See unterwaschen, weit über das schäumende und brodelnde Wasser hinausragte. Und es dauerte nicht lange, da standen auch seine Gefährten neben ihm. Einen Augenblick lang sahen sie stumm in das tosende Meer, dann banden sie die Schilfbündel vom Rücken, in denen die Lebensmittel untergebracht waren, die sie mitnahmen: Bananen, Wurzeln der Yams- und der Taro-Pflanze, und vor allem Kumara, die süßen Kartoffeln, die die Hauptnahrung dieser Menschen bildeten. Und sie prüften noch einmal die Umschnürung, denn die durfte sich nicht lösen auf dem bevorstehenden Weg durch die wilden Wellen.

Was sie miteinander sprachen, konnte man oben nicht hören; denn hier, nur wenige Fuß über dem tosenden Wasser, verschlang die Brandung jedes Wort. Und die Gesänge, die sie nun anhuben, waren auch gar nicht für die Ohren der Menschen bestimmt, sondern für die der Götter. Beschworen wurden Make-Make, der Gott der Seevögel und heiligste Atua der Insel, und Hawa-tu’u-taketake, der Herr der Eier. Aber auch Vi’e-Hoa und Vi’e-Kenata mussten helfen, die großen Göttinnen, denn wie sonst sollten die vier Menschen den Gefahren entrinnen, in die sich zu stürzen sie im Begriffe standen?

Leise und eintönig hatten sie ihr Lied begonnen, dann aber lauter und lauter die Stimmen erhoben, immer in das steigende und fallende Brausen der Brandung hinein, das die Gesänge der Jünglinge in mächtig tönenden Akkorden begleitete. Endlich aber, als die beschwörenden Stimmen so laut angewachsen waren, dass der Wind einige Fetzen der Töne bis hinauf zu den Zuschauern dieses Schauspiels tragen konnte, brachen sie plötzlich ab, und ein Schrei aus Hunderten von Kehlen übergellte die Brandung: Die Jünglinge hatten sich in die Fluten geworfen. Einige Augenblicke blieben sie unsichtbar, und alles hielt den Atem an. Dann aber tauchten sie empor, jeder sein Schilfbündel in der Hand, das er sich unter den linken Arm schob, während er mit den Beinen und mit der Rechten kräftig vorwärts ruderte.

Und nun kam Leben auch in die Zuschauenden. Sie winkten und lachten, riefen sich Worte zu, die ihnen der Wind vom Munde riss, und immer wieder hörte man die Namen der Schwimmer: Vorwärts, Vaha! Nicht hinten bleiben, Otiri! Schneller, Ngaroa! Hol aus, Kainga, hol aus! Denn es war keine kleine Strecke, die sie in der aufgewühlten See zu bewältigen hatten.

Gegenüber der südöstlichen Steilküste der Insel nämlich, für ein scharfes Auge fast noch in Einzelheiten sichtbar, ragte ein riesiger Felsen aus dem Wasser, umbrandet von den Fluten des Meeres, das sich hier ein letztes Mal von einem Stücklein Erde verabschieden zu wollen schien, bevor es sich in seine unendlichen Weiten verlor.

Aber die Gefährlichkeit des Weges lag weniger in seiner Länge, die für einen geübten Schwimmer nicht unüberwindlich war, als viel mehr in der starken Brandung, die sowohl das Hinausschwimmen wie das Anlandgehen so sehr erschwerte. Auch war das Meer hier nicht frei von Haifischen. Kein Wunder also, dass die, die dem Kampf der kühnen Jünglinge mit dem feindlichen Element zusahen, nicht teilnahmslos blieben.

Besonders eine Gruppe von jüngeren Burschen und Männern, sicherlich ebenso vertraut mit Wind und Wellen wie die wagemutigen Schwimmer selbst, verfolgte ihren Weg mit großer Spannung »Vor drei Jahren schwamm auch ich da hinaus«, sagte der eine von ihnen. »Aber wir mussten lange warten, bis die Seeschwalben kamen. Es hatte sich ein Sturm erhoben, der die Vögel davon abhielt, ihren Weg über das Meer zu nehmen, und uns wurde das Essen knapp, da alles, was wir mitgenommen hatten, aufgezehrt war und wir keine neuen Lebensmittel heranbekommen konnten.« — »Da war es nur gut, dass ihr die Taro- und Kumara-Schalen getrocknet hattet, statt sie wegzuwerfen. Sonst wäret ihr wohl verhungert, ehe ihr das Heilige Erste Ei finden konntet!« Der das sagte, war ein kräftiger Mann von etwa dreißig Jahren, der älteste der Gruppe. — »Ja, du hast recht, wir waren schon ganz entkräftet, und zwei meiner Gefährten kamen beim Rückweg sogar ums Leben. Schade um sie, es waren prächtige Burschen!« Und er hob die Augen und blickte rundum in die Weite, als schaue er nach ihnen aus. — »Du aber kamst heil zurück?« fragte ihn ein dritter. — »Mir konnte doch nichts geschehen! Ich trug ja das Ei, das Heilige Ei!«

Während die Gespräche noch lebhaft hin und her gingen, war einer aus der Gruppe, ein junger Bursche, still und von den andern unbemerkt in den Schatten eines Felsens getreten, der mit einem sonderbaren flachen Bildwerk geschmückt war. Hier war in kräftigen, aber groben Umrissen eine Gestalt in den Stein gehauen — eine Gestalt mit dem Leibe eines Menschen und dem Kopfe eines Vogels, die in hockender, etwas vornübergeneigter Haltung behutsam ein Ei trug. Stumm stand der Jüngling davor. Es schien, als ob ihn das Geschehen in den Wellen und das Gespräch der Altersgenossen nicht berühre.

Da legte sich von hinten eine Hand auf seine Schulter, und er zuckte zusammen wie einer, der sich auf verbotenen Gedanken ertappt sieht. Aber als er sich umwandte, blickte er in ein Paar lachende Augen, und eine fröhliche Stimme sagte: »Warum so allein, Ure-Vaiu? Schau, sie sind drüben angekommen auf Motu-nui! Sie rufen und winken!« — »Lass sie winken, Kirivera, was kümmert es mich?«

Kirivera sah ein trotziges Blinken in des andern Augen, und »Geht dir denn diese Geschichte immer noch zu Herzen?« fragte er missbilligend. — »Würde sie dir nicht auch zu Herzen gehen? Wo es doch so gut wie ausgemacht war, dass auch ich in diesem Jahre ein Hopu werden sollte! ... dass auch ich mit hinausschwimmen sollte nach Motu-nui, das Erste Ei zu suchen! Und ich hätte es gefunden, Kirivera, verlass dich drauf! Nicht Ka-inga, dieser Duckmäuser, und auch nicht Otiri, der über seine eigenen Füße stolpert, wenn er läuft!« — »Und wenn es nun nicht sein konnte? Wenn es Make-Make selbst war, der unseren Ivi-Atua erschienen ist, den heiligen Männern, die in die Zukunft sehen können, und der ihnen gesagt hat, dass Te-Apito, der dich zu seinem Hopu machen wollte, gar kein Vogelmann werden kann?« — »Warum aber nicht, warum?« — »Warum? So darf man nicht fragen!« Und Kirivera nahm den etwas jüngeren Ure-Vaiu bei der Hand und zog ihn zu sich heran. »Sieh, die Ivi-Atua leben im Großen Tabu, und darum sehen und hören sie mehr, als wir sehen und hören können. Und darum wissen sie auch, wer Vogelmann sein kann und wer nicht!« Und, als der Jüngere immer noch trotzig zu Boden blickte: »Sei kein Tor, Ure-Vaiu! Was hast du davon, dich zu grämen? Kannst du wissen, ob du das Ei wirklich gefunden hättest? Aber selbst wenn: Wäre die Ehre nicht teuer bezahlt? Müsstest du nicht Monat um Monat im Tabu leben? Immer allein sein ... mit niemandem sprechen ... keine Frau berühren ... auch nicht heiraten können ... « — »Heiraten? Wer spricht vom Heiraten?« — »Ich, ich spreche davon, Ure-Vaiu! Denn wenn der Tanz zum Rano Raraku vorbei ist, dann tanzt ihr auf meiner Hochzeit! Und ... deine Ana-te-iki ist nicht weniger schön als meine Viriamo!« —

»Schweig mir von Ana-te-iki! Sie ist eines Bildhauers Tochter!« — »Und doch kehrt sie sich um nach dir, dem Fischer, wenn du an ihr vorübergehst, und sieht nach dir!« — »Aber ich, Kirivera ... ich sehe nicht nach ihr!«

Die beiden Burschen schwiegen. Und als sie um sich schauten, standen sie allein auf den Klippen. Von Weitem nur hörten sie das Singen der Mädchen, und ab und zu einen Jubelruf, der aus dem Munde eines jungen Mannes zu kommen schien.

»Nun gehen sie nach Orongo zurück«, sagte Kirivera. »Komm mit ... was willst du noch hier? Atua-Ure-Bangi hat Hunderte von Hühnern schlachten lassen! Bis tief in die Nacht wird das Fest dauern! Und nicht einen Tag nur — nein, viele, viele Tage!« — »Ja ... ich weiß, Kirivera. Viele Tage für die, die Zeit haben, zu singen und zu tanzen, zu schmausen und zu faulenzen! Die Bildhauer haben leicht feiern! Wenn sie ihre Meißel aus der Hand legen, schlafen die steinernen Biesen und stören sie nicht. Und die Rongo-Rongo-Männer können ihre Tafeln in der Ecke ruhen lassen. Aber wir? Meinst du, dass Atua-Ure-Rangi uns lange feiern lässt? Wir sind ja nur Mata-tio — nur hörige Knechte!« — »Eben drum, Ure-Vaiu! Eben weil wir, wie du sagst, Knechte sind — Fischer, die tagaus, tagein aufs Meer hinaus müssen — wollen wir es uns gut gehen lassen, wenn sich uns die Gelegenheit bietet! Heute will ich singen und tanzen! Denn morgen, das weiß ich im Voraus, muss ich hinaus aufs Meer! Wovon auch sonst sollen sie leben, sie alle? Die Rongo-Rongo-Männer ... die Ivi-Atua ... die Bildhauer ... und er, Atua-Ure-Rangi, der fast schon ein Gott ist? Wovon sollen sie leben, wenn wir nicht fischen?« — »Oh, ich möchte sein können wie du, Kirivera! Fröhlich sein, ohne ans Morgen zu denken! Alles in Ordnung finden, was man verlangt! Aber ihre Hühner schmecken mir nicht, und das Mark der heißen Kumara bleibt mir im Halse stecken, wenn ich weiß, dass man uns an die Arbeit jagt, noch ehe alles verzehrt ist! Und dass wir ihnen, so viel wir uns auch mühen, niemals genug heimbringen — niemals genug!«

Er löste die Hand aus der des Freundes und ging langsam den Weg hinab, der zu der Siedlung der Fischer führte. Kirivera sah ihm nach, bis er hinter einem Felsen verschwunden war. Dann straffte er seine sehnige Gestalt und stieg die Höhe hinan — hinauf nach Orongo, der Heiligen Stadt.

*

Auf dem Rano Kao lag Orongo, auf einem der drei höchsten Berge der Insel, die an ihren spitzen Kegeln und ihren tiefen Kratern deutlich erkennen ließen, dass einst die Götter der Unterwelt dort ihre Feuer geschürt hatten. Aber die Feuer waren erloschen, ehe die Menschen die Steine des Rano Kao gebrochen und am Rande seines Kraters Häuser errichtet hatten.

Eine seltsame Stadt war dieses Orongo. Schmal und lang, aus großen, steinernen Platten gefügt, standen die Häuser da. Sie bargen nur einen einzigen, fensterlosen Raum, in den man sich hindurchzwängen musste durch einen engen, niedrigen Eingang. Warum blickten in ihrem Halbdunkel gespenstische Bilder von Decken und Wänden: Vögel aller Art ... Boote mit Mattensegeln ... und seltsame Fratzen, von denen man nicht wusste, sahen sie einem Menschen ähnlicher oder einem Vogel? Und warum lag die Stadt auf so unwirtlicher Höhe, wo sich die Kinder aller Winde ein Stelldichein gaben und wo nicht Baum noch Strauch gedieh, nicht Feld noch Garten angelegt werden konnte? War es ein Wunder, wenn sie leer stand, diese sonderbare Stadt? Zwölfmal füllte sich der Mond, und zwölfmal schwand er dahin, bis nur noch sein Schatten blass am Himmel hing — und fast das ganze, runde Jahr hindurch wurde hier nur das Lied der Einsamkeit gehört, das in großartiger Eintönigkeit über Orongo brauste — und diese zwölf Monde lang war nur das Farbenspiel des Himmels sichtbar, der bei den Auf- und Untergängen der Sonne in hundert verschiedenen gelben und roten Tönen prangte. Bis der dreizehnte Mond das Jahr, das von einem Frühling zum andern über die Erde zog, vollmachte und die Seeschwalben mitbrachte, die ihre Brutplätze auf Motu-nui hatten, dem Felseneiland gegenüber den Klippen des Rano Kao. Und dann kam Leben in die vereinsamten Straßen und die Stämme der Rongo-Rongo-Männer, der Ivi-Atua und der Bildhauer zogen in die steinernen Häuser ein.

Heilig waren die Ivi-Atua, die Freunde der Götter, die Propheten und Seher der Insel. Ihre Häuser waren die schönsten und größten Orongos, aber niemand durfte sie betreten außer ihnen selbst und Atua-Ure-Rangi, dem Haupt ihrer Gilde, dem Priesterkönig. Hier schlossen sie sich ein und befragten Make-Make, den Gott der Seevögel, wer von den Männern sich bewerben durfte um die Würde eines Ao, eines Vogelmannes. Und Make-Make nannte den einen und den andern, aber es waren nur gute Namen aus den herrschenden Stämmen, denn von den Knechten war ihm keiner genehm! Die durften nur die Hopu stellen, die kühnen Schwimmer, die sich in Brandung und Seegang hinauswagten, jeder bemüht, seinem Herrn das Erste Ei zu bringen, das Heilige Ei, das die Seeschwalben auf Motu-nui legten.

Dieses Ei, in dem die Kraft Make-Makes steckte, des Gottes aller Eier und aller Fruchtbarkeit! Des Gottes, der die Hühner gedeihen ließ, aber auch die Früchte des Feldes! Der den Regen schickte, aber auch die Wolken zerstreute! Und der nach dem Tode mit seinem scharfen Schnabel die Seelen der Menschen zerriss, die im Leben nicht nach seinen Weisungen gehandelt hatten!

Wenn dann die Ivi-Atua den Willen Make-Makes verkündet hatten und die Männer bestimmt waren, die nach der hohen Würde eines Ao streben durften, also Aussicht hatten, für ein ganzes Jahr Vogelmann zu werden, dann erfüllte Tanz und Gesang, Lärmen und frohes Lachen die sonst so stillen Straßen der Heiligen Stadt. Denn nun zogen die Hopu aus, die Diener dieser Bewerber, schwammen hinüber nach Motu-nui und erwarteten dort die Seeschwalben. Und währendher wurde ein Fest ums andere gefeiert in den langen, schmalen, bildergeschmückten Sälen der Häuser von Orongo, und nicht nur die Sippen der künftigen Vogelmänner, nein, das ganze Volk nahm Anteil an dem Geschehen am Rano Kao.

Wer auch kann Feste feiern gleich denen der Kinder der Südsee? Feste, an denen die Tänzer unermüdlich scheinen, den Sängern der Atem nicht ausgeht und vor allem die Mägen nie satt zu werden drohen, sodass ein Gericht ums andere, eine Speise nach der andern aufgetragen wird und im Handumdrehen vertilgt ist? Das Feuer, in dem die Steine für die Erdöfen erhitzt werden, geht nicht aus, die Speisen, die auf diesen heißen Steinen gar gemacht werden, dampfen, und ihr Geruch steigt vielversprechend in die Luft. Die älteren Leute hocken auf den Matten, die die gestampften Fußböden der Häuser bedecken, und schmatzen und schwatzen, während die jüngeren draußen ihre Spiele spielen, bei denen sich die Männer durch die Kraft ihrer Körper hervortun und die Frauen durch ihre Anmut und Behändigkeit.

Doch es kam, wie Ure-Vaiu gesagt hatte: Für die Fischer fiel von den üppigen Schmäusen wenig genug ab, und nur allzu bald mussten sie wieder ihre Boote klarmachen und den Fang, den sie abends heimbrachten, an die Feiernden abliefern.

*

Ure-Vaiu und Kirivera besaßen gemeinsam ein Boot. Sie waren nicht nur Freunde, sondern auch nahe miteinander verwandt — zwar nicht Brüder, aber Söhne von Brüdern — und da ihre Väter beide, im selben Boot zusammenarbeitend gleich ihnen, bei einem Sturme ums Leben gekommen waren, hatte der Großvater sie aufgezogen. Er hatte ihnen auch sein Handwerk beigebracht, das er verstand wie kein zweiter: Das Segeln mit dem Wind und das Kreuzen gegen den Wind, das Spießen der großen Fische mit dem Speer und das Fangen der kleineren mit der Angel.

Das Boot, das er ihnen hinterlassen hatte, war eines der besten, das die Insel kannte, seitdem die mächtigen Doppelboote, mit denen Hotu-Matua seine Leute von Mara’e Benga weit über das große Meer hierher gebracht hatte, vor Alter morsch geworden und zerfallen waren; denn die Insel hatte nur spärlichen Baum wuchs, und Stämme, die sich zum Bau seetüchtiger Boote eigneten, waren selten. Und auch das Fahrzeug, das der Großvater ihnen vererbt hatte, war nicht hier entstanden. Er hatte es vielmehr mitgebracht, als er, sich aus den Sippenkämpfen seiner Heimat rettend, als junger Bursche über die weite See kam und nach langer Fahrt dieses einsame Eiland erreichte. Das Boot war zwar nicht groß, aber wendig und seetüchtig; denn der Alte hatte es verstanden, die Bretter so zu fügen, dass kaum Ritzen zwischen ihnen blieben, und auch die wenigen, die er nicht hatte vermeiden können, wurden mit Binsen ausgestopft, die man vom Ufer des Kratersees holte, sodass kaum Wasser eindringen konnte. Er hatte auch die verschiedenen Arten der Knotung beherrscht: wie mit den von den Frauen gedrehten Seilen die Holzteile der Boote miteinander verknüpft wurden — vor allem die Balken, die den Ausleger trugen, mit dem Fahrzeug selbst und das Mattensegel mit dem Mast. Und so klein und zerbrechlich das Boot auch aussah, war es doch widerstandsfähig über alle Maßen. Denn da es ganz aus leichten Hölzern bestand, konnte es überhaupt nicht sinken, und vor dem Umkippen schützte es der Ausleger, der es im Gleichgewicht hielt. Die größte und fast einzige Gefahr, die ihm drohte, war, von der Gewalt des Sturmes und der Wogen an ein Riff geschleudert zu werden, an dem es zerschellen musste. Aber wer die Boote dieser Inselbewohner auf dem freien Meere sah, wie sie bei Windstille über die glatte Wasserfläche hinwegschnellten, wenn die Männer ihre Ruder benützten, oder wie sie bei Sturm, von den erregten Wogen gehoben und gesenkt, auf den Fluten zu tanzen schienen, der wusste nicht, ob das Meer mit den Männern und ihren Booten spielte oder die Männer mit den Booten und dem Meer.

*

So war es auch an dem Tage, an dem die lang erwarteten Seeschwalben endlich eintrafen. Der Morgen war ungewöhnlich hell und fast windstill gewesen. Selbst die Wolken, die ja immer wie schlanke, ragende Türme himmelhoch über der Insel schwebten —sich im Winde wiegend und zerflatternd und sich stets wieder sammelnd und so den auf See befindlichen Männern weithin den Weg weisend — selbst diese Wolken schienen stillzustehen, steiler noch und höher als sonst. Und so waren denn auch Ure-Vaiu und Kirivera ganz früh schon hinausgerudert, um in den kühleren Stunden um Sonnenaufgang bereits einen Teil ihrer Tagesarbeit hinter sich zu bringen und dann in der Mittagsglut im Boote liegend auszuruhen.

Auf der Fahrt war Ure-Vaiu wie ausgewechselt. Aller Unmut, alle bösen, aufsässigen Gedanken waren verflogen.

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