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Die Magd der Pharaonen: Historischer Roman

Die Magd der Pharaonen: Historischer Roman

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Die Magd der Pharaonen: Historischer Roman

Länge:
243 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 1, 2011
ISBN:
9783868475029
Format:
Buch

Beschreibung

Aus Punt, dem sagenhaften Land des Weihrauchs wird Merit nach Agypten verschlagen. Am Hofe der Pharaonen kommt sie als Dienerin zur Tochter der Königin Hatschepsut. Die Königin hat den rechtmäßigen Thronfolger beiseite geschoben. Merit erlebt die Machtkämpfe um den Thron aus nächster Nähe. Beinahe gerät sie selbst in die Mahlsteine hoher Politik, denn sie ist die Geliebte des Thutmosis geworden. Als dieser die Herrschaft antritt und Hatschepsut beseitigt, ängstigen sie Intrige und Gewalt. Sie flieht aus dem Palast. Ihr Sohn soll Mensch werden, nicht Pharao.

Der Lebensgeschichte Merits folgen wir gespannt - sie fesselt uns wie alle echte Dichtung!
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Freigegeben:
Nov 1, 2011
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9783868475029
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Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Magd der Pharaonen - Elisabeth Hering

Elisabeth Hering

Die Magd der Pharaonen


Mit Federzeichnungen von Gerhard Stauf

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Erläuterungen

Hauptdaten der Geschichte Ägyptens

Jenseitsvorstellungen

Worterklärungen

Elisabeth Hering wurde 1909 in Klausenburg, Siebenbürgen, geboren und wuchs in Schäßburg auf. 1943 musste die Autorin ihre Heimat verlassen und ließ sich nach mehreren Zwischenstationen in Leipzig nieder. Hering veröffentlichte 24 Bücher – darunter zahlreiche kulturhistorische Romane, populärwissenschaftliche Bücher und Erzählungen für Kinder.

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer schriftstellerischen Arbeit waren Nacherzählungen von Märchen, Sagen und Schwänken. Elisabeth Hering starb 1999 in Leipzig.

Aus Punt, dem sagenhaften Land des Weihrauchs wird Merit nach Ägypten verschlagen. Am Hofe der Pharaonen kommt sie als Dienerin zur Tochter der Königin Hatschepsut. Die Königin hat den rechtmäßigen Thronfolger beiseitegeschoben. Merit erlebt die Machtkämpfe um den Thron aus nächster Nähe. Beinahe gerät sie selbst in die Mahlsteine hoher Politik, denn sie ist die Geliebte des Thutmosis geworden. Als dieser die Herrschaft antritt und Hatschepsut beseitigt, ängstigen sie Intrige und Gewalt. Sie flieht aus dem Palast. Ihr Sohn soll Mensch werden, nicht Pharao.

Der Lebensgeschichte Merits folgen wir gespannt – sie fesselt uns wie eine echte Dichtung!

Wie, du kommst schon zurück, Reni? Bist du nicht mit den andern über den Strom gefahren? Sind Seneb und die Frauen allein übergesetzt? Und die Kinder, natürlich, die werden sich ein solches Schauspiel nicht entgehen lassen!

Ja, es ist ein Schauspiel, wenn ein Pharao stirbt! Hast du die Barke gesehen, auf der die Königsfamilie fuhr? Waren die Masten vergoldet? Und die Segel aus Purpur?

Und sähest du die Klageweiber? Die Damen seines Frauenhauses? Die Sängerinnen des Amon? Die Dienerinnen des Palastes? Tausende müssen es gewesen sein! Ihre Stimmen sind bis zu mir gedrungen:

„Nach Westen! Nach Westen!

Wehe! Wehe!

Steif liegt der Gute Gott,

der die Wahrheit liebte,

dessen Abscheu die Sünde war!"

Sahst du die Königin? Wie, du konntest sie nicht erkennen? Sie trägt doch die Geierhaube, und um ihren Kopf ringelt sich die goldene Schlange! Und mir war, als hätte ich ihre Stimme bis hierher aus allen herausgehört:

„Wende dich um zu deinem Hause!

Wende dich um, dein Erbe ist auf deinem Thron!

Sieh, genommen hat dein Sohn die Weiße Krone!

Sieh, geschmückt ist dein Sohn mit der Roten Krone!

Wende dich um zu deinem Hause, wende dich um!"

Und auch den Sarkophag hast du nicht gesehen, wie er aus dem Hause der Balsamierer gebracht wurde?

Nun, mach dir nichts draus, Reni! Mehr für die Götter ist ja das Schauspiel als für die Menschen. Aufgeflogen ist der Tote zum Himmel wie ein Falke. Vereint hat er sich mit seinem Vater Amon und ist eingegangen in seinen Horizont. Die Kühle des Binsenfeldes ist um ihn, die Herrlichkeit des Speisefeldes erwartet ihn; er kreist unter den Sternen, die niemals untergehn. Die Totenrichter haben keine Macht über ihn wie über gewöhnliche Menschen. Sein Herz wird nicht gewogen auf der Waage der Maat. Osiris geleitet ihn nicht zur Unterwelt.

Oder am Ende doch?

Kann man denn wissen, ob der König wirklich gefeit ist? Ob nicht gegen ihn gar das eigene Herz aufsteht am Tage des Gerichts und ihn dem Knochenbrecher überantwortet?

Schreibt ihm die heiligen Zeichen an die Wände seines Grabes! Lasst ihn beteuern: „Nicht habe ich getötet! Nicht habe ich töten lassen! Nicht habe ich jemandem Leiden verursacht, nicht habe ich gelogen! Keine Sünde habe ich gegen Menschen getan!"

Und nehmt ihm das Herz aus der Brust, das geschlagen hat bei allen Taten und Untaten, dass es nicht Zeugnis ablege gegen seinen eigenen Herrn und Thot nicht schreibe in das Buch des Gerichts, was ihn verdammt. Legt einen Skarabäus, einen heiligen Steinskarabäus, an die Stelle seines Herzens in seine Brust!

Denn niemand weiß sicher, wie es zugeht in dem Lande, in das die Könige ebenso eingehn müssen wie die Bettler. Keiner ist jemals wiedergekommen, der es hätte berichten können!

Viel wissen die Priester. Sie lesen in heiligen Schriften, was andere Priester vor ihnen schon vor Tausenden von Jahren gewusst haben. Und die schon haben gewusst, dass Osiris, der mächtige Gott Osiris, Herr ist, dort, wo die Sonne ihren Nachtweg fährt und die Geister der Toten das Land bevölkern, und dass er dem Unschuldigen hilft gegen die furchtbaren Zweiundvierzig — gegen die Totenrichter, vor denen jeder sich rechtfertigen muss.

Habt ihr die Tonkrüge abgeliefert, die der Palastverwalter bestellt hat? Ich weiß, ihr habt unermüdlich gearbeitet, oft bis spät in die Nacht, und das Feuer in den Brennöfen ist nicht ein einziges Mal ausgegangen in all den siebzig Tagen, da die Leiche des toten Königs bei den Balsamierern im Salze lag. Mehr als tausend Krüge sind fertig geworden, sagst du? Dann werden die Diener Trinkwasser genug mit sich nehmen können, wenn sie ihren Herrn auf seiner letzten Reise begleiten — und das müssen sie auch, denn der Weg zur Ewigen Wohnung des Königs ist weit und heiß!

Nach Antwortern freilich hat uns niemand gefragt, obgleich wir ihrer an die hundert fertig daliegen haben. Aber braucht denn ein König Figuren aus schlechtem Ton, wenn er goldene haben kann? Dreihundertfünfundsechzig Antworter, sagt man, habe der Schatzmeister bei den Goldschmieden bestellt, damit an jedem Tag im Jahr einer bereit sei, für den König zu antworten: „Hier bin ich!" Viele Diener hat der König zu seinen Lebzeiten — soll er drüben niemanden finden, der für ihn die Arbeit verrichtet, zu der er vielleicht aufgerufen wird?

Seneb hat die letzten Krüge mitgenommen, sagst du? Dann werden die Frauen zu schleppen haben. Ein Glück, dass die Buben mitgefahren sind! Sie werden helfen können. Seneb soll nur aufpassen, dass sie ihm nicht entwischen, wenn sie drüben sind. Sie werden sich an den Leichenzug heranmachen und in der Menge untertauchen. Sind ja noch halbe Kinder!

Nun, es wird Nacht werden, ehe sie wiederkommen, vielleicht auch Morgen. Das ist gut. Ich möchte jetzt Stille haben um mich herum. Nach den Brennöfen habe ich gesehen. Sie sind in Ordnung, und das Kleinvieh ist versorgt. Die Drehscheiben können heute feiern, und wir werden uns einen besinnlichen Tag machen. Ich habe mir das schon lange gewünscht.

Nein, Reni, das soll kein Vorwurf für dich sein. Ich weiß ja, was du leisten musst tagaus tagein und dass du für deine Mutter wenig Zeit hast. Wenn Seneb mit den Waren unterwegs ist, liegt die ganze Verantwortung auf deinen Schultern, du musst in der Werkstatt den Buben auf die Finger sehn und ihnen die Ohren lang ziehn, wenn sie etwas versäumen oder verderben, und wenn Feierabend ist, will deine Frau dich für sich haben. Das ist der natürliche Lauf der Welt.

Ich bin ja auch nicht mehr zu Vielem nütze. Nicht widersprich, denn ich weiß es. Ich kann nicht mehr mit den Flößen stromab fahren und die Krüge und Teller auf den Märkten feilhalten, und auch die Drehscheibe zu treten fällt mir schwer. Das Einzige, wozu ich noch zu gebrauchen bin, ist, dass ich die Antworter mit den heiligen Zeichen versehe: „O du Antworter, wenn ich aufgerufen werde, und wenn ich abgezählt werde, um allerhand Arbeiten zu verrichten in der Unterwelt, und wenn ich eingeteilt werde zu irgendeiner Zeit, um die Felder gedeihen zu machen, um die Ufer zu bewässern, um den Sand des Ostens nach Westen zu fahren, so sage du dann: Hier bin ich!" Du meinst, dass du sie besser verkaufen kannst, wenn sie so beschriftet sind, und das freut mich. Ich komme mir dann nicht so ganz überflüssig vor.

Lass gut sein, Reni, ich weiß, wie du es meinst! Aber sieh, meine Mutter ist gestorben, als wir ihr nicht mehr erlaubten, den Mahlstein zu schieben, und auch wir hatten es gut mit ihr gemeint, denn wir wollten ihr doch nur die Last von den Schultern nehmen, die sie ein ganzes Leben lang getragen hatte.

Sie aber saß nur noch eine kurze Weile im Schatten der Sykomore in unserm Garten — nur solange ihr zu ihren Füßen krabbeltet, du und Seneb und eure Schwester. Denn da wusste sie, dass sie gebraucht wurde, weil kein anderer Zeit hatte, sich um euch Kinder zu kümmern. Aber sobald ihr davonliefet und sie eure Streiche nicht mehr verhindern konnte, ging sie uns ein, still und ohne Aufhebens, wie eine Blume, die ohne Wasser ist.

Solange meine Augen noch etwas taugen, werde ich Tonfiguren beschriften, wie sie die Menschen mit ins Grab nehmen, und Eingeweidekrüge, damit man sie euch besser bezahlt.

Wer es nach mir tun wird, weiß ich nicht. Wenn du deinen Sohn in die Schule geben willst, damit er die heiligen Zeichen lerne, wird er ein Schreiber werden wollen und kein Töpfer bleiben. Du kannst vielleicht ein Mädchen dafür abrichten lassen, denn Mädchen werden sowieso in keine Ämter eingesetzt — dann aber musst du dafür sorgen, dass deine Frau auch eine Tochter bekommt. Aber darüber will ich mir jetzt keine Gedanken machen.

Sag, hast du einen Krug Wein im Hause? Soviel ich weiß, hat Seneb welchen mitgebracht, als er im Unterland war. Stelle zwei Becher auf den Tisch und bring auch von dem Fladen, den deine Frau gebacken hat. Das meiste haben sie zwar mitgenommen, aber ein Eckchen haben sie mir übrig gelassen, das teile ich mit dir. Denn es wird spät werden. Die Nacht ist lang, und ich will dem verklärten König eine Totenfeier halten auf meine Art.

Es ist mir recht, dass ich mit dir allein bin. Ich habe dir vieles zu sagen, was nur für deine Ohren bestimmt ist und nicht für die der andern. Vielleicht gibst du es einst weiter an deinen Sohn, ehe du stirbst — vielleicht auch nimmst du es mit dir ins Grab. Das überlasse ich deiner Einsicht.

Es fällt mir schwer, damit zu beginnen. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Du musst Geduld mit mir haben, wenn ich zu weit aushole, oder wenn ich mich in Nebensächlichem verliere. Ich bin eine alte Frau.

Vielleicht ist es am besten, ich beginne ganz von vorn. Sowieso schweifen die Gedanken, je älter man wird, um so mehr zurück zu dem Ursprung, als ob das Leben im Kreise ginge und sich Ursprung und Ende schließlich zusammenfänden.

Das Land meiner Kindheit steht immer noch vor meinen Augen wie ein Bild. Ich sehe den Strand, an den die Wellen des Meeres schlagen: Das Meer hebt sich, und senkt sich wie die Wasser unseres großen Stromes — aber nicht wie bei ihm nur einmal im Jahr, sondern zweimal an jedem Tage. Die Flut kommt langsam aber stetig näher und näher, sie benetzt unsere nackten Füße, und wir springen ihr davon; denn die Mutter hat gesagt, dass die Meergeister ihre Arme nach uns ausstrecken und dass das Wasser uns verschlingt, wenn wir zu weit draußen bleiben. Aber über den Schildkrötenfelsen, der sich aus dem Sand erhebt, steigt es höchstens bei Sturm, und so sitzen wir dort an sonnigen Tagen und warten, bis die Flut müde geworden ist und die Wellen wieder zurücklaufen; dann klettern wir hinab und suchen, was sie zurückgelassen haben: Muscheln und Seesterne, große Krebse, die sich unter den Steinen verstecken, und manchmal auch einen armen Fisch, der auf dem Trocknen zappelt.

Aber die Mutter hat es nicht gern, wenn wir da draußen spielen. Denn die bösen Geister im endlosen Wasser haben ihr den Mann geholt, und sie will nicht, dass ihre Söhne sich ein Boot bauen und zum Fischen ausfahren wie er. Lieber sollen sie die Rinder hüten beim alten Parahu, dem die größten Herden des Landes gehören und der auch über die Fischer Herr ist.

Was aber ich treibe — ich, die Kleine, die noch zu keiner Arbeit taugt, jedem im Wege steht und entweder gar nicht beachtet oder einfach zur Seite geschoben wird — danach fragt nicht einmal die Mutter. Sie hat auch gar keine Zeit dazu. Sie muss ja den ganzen Tag den Mahlstein schieben, damit der Spelt geschroten wird für Brote und Fladen; denn lediglich von Milch und Fleisch, von Bohnen und Zwiebeln wollen die Leute des Parahu nicht leben. Und seine Frau, die dicke Eti, steht dabei, wenn ihre Mägde den Teig kneten und ihn auf den erhitzten Steinen backen. Dann treibe ich mich gern dort herum, denn der Duft, der von dem dampfenden Gebäck aufsteigt, lässt mich alle Spiele vergessen. Manchmal, wenn Eti nicht darauf achtet, gelingt es mir, ein ganz kleines Eckchen des halb gebackenen Teiges abzubrechen und in den Mund zu stecken. Dann aber schnell hinweg, denn wehe, wenn sie es merkt! Sie kann sehr böse werden, und wenn sie zuschlägt, achtet sie nicht darauf, wohin es trifft.

Eigentlich bin ich immer hungrig. Denn regelmäßige Mahlzeiten gibt es kaum für mich. Meine beiden Brüder sind groß. Sie können auf Bäume klettern und sich Datteln holen oder Nüsse der Dum-Palme, aber viel bekomme ich davon nicht zu sehen. Die Mutter steckt mir ab und zu eine Handvoll geschrotenes Korn in den Mund. Und wenn mir einmal die eine oder die andere der Mägde einen Napf mit Milch anbietet, denke ich, dass ein großer Feiertag ist. Kleider habe ich keine an. Wenn am Tage die Sonne gar zu heiß brennt, gehe ich in den Schatten der Weihrauchbäume, die um die Hütte stehen, und wenn die großen Gewitterwolken, die der Meereswind über unser Land fegt, ihre Regenlast abladen, verstecke ich mich vor den grellen Blitzen und dem krachenden Donner und vor der Wasserflut, die vom Himmel niederprasselt, in unserer Hütte.

Die Hütte ist das Einzige, was uns nach des Vaters Tode blieb. Sie ist kreisrund, und spitz gewölbt, und nur so groß, dass, wenn wir zu viert lang ausgestreckt darin liegen, gerade noch Platz ist für ein steinernes Gefäß, das in der Ecke steht und in dem die Mutter etwas Schrot aufbewahrt. Die Felle, die am Boden liegen, sind abgeschabt und alt. Aber ich fühle es nicht, wie hart mein Lager ist, denn ich habe niemals auf einem weicheren geschlafen.

Dass wir arm sind, weiß ich nicht — denn ich weiß nicht, was es heißt, reich zu sein. Alle Leute wohnen in solchen Hütten wie wir, die sie hoch über dem Boden auf einem Pfahlgerüst erbaut haben und in die man des Abends über eine Leiter hineinklettert. Wenn man die Matte vor die Türöffnung hängt, ist es ganz dunkel darin, denn Fenster gibt es keine in der mit Lehm verschmierten Wand. Doch wer braucht Licht zum Schlafen?

Einmal ließ ich mich von Eti erwischen, als ich ein ganz kleines Stück Fladen stahl. Sie packte mich, und ich heulte vor Angst, dass sie mich schlagen würde. Aber sie sah mich nur mit strengen Blicken von oben bis unten an, und doch kam sie mir plötzlich so komisch vor — da ihr Doppelkinn am Halse zitterte und ihre Augen so sonderbar stierten — dass meine Tränen versiegten und ich Mühe hatte, nicht in ein Lachen auszubrechen. Ich sah es ja nicht zum ersten Mal, aber es kam mir wohl damals erst zu Bewusstsein, dass ihre Arme und Beine dicker waren als mein ganzer Leib und dass sie beim Atmen prustete wie eine Kuh. „Du hast hier genug herumgelungert! schrie sie mich an. „Du bist jetzt so groß, dass du meine Gänse hüten kannst! Und sie ließ mich aus der Umklammerung ihrer fleischigen Hände.

Und mit dem Gänsehüten steigt ein anderes Bild vor mir auf, das mir Zeit meines Lebens so deutlich wie kaum ein zweites in der Erinnerung haften geblieben ist.

Jeden Morgen, wenn der Tau noch auf den Gräsern liegt, treibe ich die Gänse vom sandigen, kargen Strand einen Weg hinan, der auf eine breite Terrasse führt. Meine Tiere kennen den Weg und laufen mit ausgebreiteten Flügeln so schnell voran, dass ich kaum folgen kann. Wir müssen über eine kleine Erhebung gehen, die sich der Ebenheit, die dahinter liegt, vorgeschoben hat. Sie hindert die Sicht und verbirgt das weite Meer vor meinem Blick, aber sie wehrt auch den Winden, die das Land ausdörren, wenn sie keinen Regen bringen, und hier finden wir saftiges Gras und eine Quelle, die ein klares, erfrischendes Wasser hat und selbst im heißesten Sommer nicht versiegt.

Das Gras ist schon von den Rinderherden abgeweidet und sehr kurz. Aber die Gänse finden immer noch etwas zu rupfen, und wenn ich auch fröstele in der Morgenkühle und mich ins taunasse Gras nicht legen mag, so schlürft doch die durstige Sonne schnell genug die Wasserperlen von den Halmen, und dann werfe ich mich nieder und drücke meinen Kopf auf die Erde wie auf ein weiches und warmes Kissen.

Welch ein Duft dort dem Grase entströmt! Man kann ihn mit nichts hier vergleichen! Kein Räucherwerk, das die Priester entzünden, und sei es aus den edelsten Harzen und den teuersten Spezereien aufs Sorgfältigste bereitet, kommt ihm gleich. Nicht schwer und betäubend legt er sich auf die Sinne, sondern erfrischend und belebend macht er das Atmen zur reinsten Lust. Wenn ich je in meinem Leben Heimweh gehabt habe, so war es nach diesem Fleck

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