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Sagen und Märchen von Donau und Rhein

Sagen und Märchen von Donau und Rhein

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Sagen und Märchen von Donau und Rhein

Länge:
245 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 1, 2012
ISBN:
9783868475135
Format:
Buch

Beschreibung

Wer kennt sie nicht, die Sage von der bezaubernden Nixe Loreley, die mit ihrem Gesang die Rheinschiffer in den Tod lockt? Oder die Geschichte der Agnes Bernauer, der ersten Frau des bayrischen Herzogs Albrecht III. Dieser Band enthält die 28 schönsten Sagen und Märchen aus dem Land zwischen Donau und Rhein. Die Sammlung vereint auch weniger bekannte Sagen von Zauberern, Zwergen und Wassermännern.
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 1, 2012
ISBN:
9783868475135
Format:
Buch

Über den Autor


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Sagen und Märchen von Donau und Rhein - Elisabeth Hering

ELISABETH HERING

Sagen und Märchen von Donau und Rhein


Illustrationen: Kurt Eichler

Inhalt

Das Schratl

Der Fischer und die Donaunixe

Die feindlichen Brüder

Die dicke Agnes

Der stille Stein

Agnes Bernauer

Der Geist mit dem Grenzstein

Der Königssohn und der Wassermann

Das starke Geschlecht

Der Möringer

Der dumme Hansl

Die bestrafte Prinzessin

Die Basler Turmuhr

Der steinerne Ritter

Die Schlangenjungfrau

Das Straßburger Schützenfest und der Züricher Brei

Meister Erwin

Die Straßburger Münsterruhe

Im Münsterschatten

Im Wispertal

Die Teufelsleiter

Der Binger Mäuseturm

Loreley

Der Bauer und der Abt

Der Kölner Dom

Die Solinger Klingen

Der Schwanenritter

Kaiser Karls Geburt

Kaiser Karl und Elbegast

Hildegard und Taland

Der Schlangenring

Die Freundesprobe

Das Schratl

Vor langer Zeit lebte auf einem Schloss im Donautal ein reicher Jüngling mit Namen Julius. Er hatte von seinem verstorbenen Vater ein großes Vermögen geerbt. So wusste er nicht, was arbeiten heißt, und lebte in den Tag hinein, ohne auch nur einen Finger zu rühren.

Am Morgen, wenn er aufwachte, läutete er, und schon kam sein Kammerdiener und brachte ihm das Frühstück ans Bett. Während er aß, holte der Diener warmes Wasser zum Waschen, dann legte er seinem Herrn kostbare Kleider an, und niemals musste Julius sich auch nur einen Schuh selbst zuschnüren oder eine Weste knöpfeln.

Wenn er dann angekleidet war, verneigte sich der Diener und verließ das Zimmer. Und Herr Julius setzte sich in einen bequemen Lehnstuhl oder trat ans Fenster und sah in die Landschaft hinaus. Ein schönes Bild bot sich ihm dar: Sein Schloss stand auf einer Anhöhe, von wo aus er über die bunten Blumenbeete seines Gartens auf das breite Bett des Stromes sehen konnte und auf die bewaldeten Berge, die sich am jenseitigen Ufer erhoben. Aber selbst wenn der Sonnenschein auf den Wellen der Donau tanzte und die Vögel im Garten um die Wette sangen, war Herr Julius nicht fröhlich, denn er langweilte sich.

Was sollte er tun? Sollte er spazieren fahren? Gewiss, es hätte nur eines Winkes bedurft, und gleich wäre eine Kutsche für ihn angespannt worden. Aber wollte er denn? Er kannte längst alle Dörfer und Städte in der Umgebung, kannte die Aussicht von jedem der Berge ringsum — und nichts davon lockte ihn mehr.

Oder sollte er lesen? Herr Julius besaß in seinem Schloss eine Bibliothek mit unzähligen alten und neuen Büchern, aber es machte ihm längst keinen Spaß mehr, darin zu blättern. Wozu all das Wissen in sich aufnehmen? Er wusste ja doch nicht, was er damit anfangen sollte!

Vielleicht wäre es am besten, sich Gäste einzuladen? Er hatte eine Menge von Bekannten, die er zu sich hätte bitten können, um mit ihnen Feste zu feiern und bei reichlichem Essen und Trinken seine schlechte Laune zu vergessen. Aber nur mit Widerwillen dachte er an all die oberflächlichen Gespräche, die er so oft hatte mit anhören müssen, an die vielen zweifelhaften Späße, über die er nicht hatte lachen können — nein, er wollte von alldem nichts wissen! Nicht Gäste einladen, und nicht sich selbst zu Gaste laden lassen!

Oft schon hatte man ihm zugeredet, zu heiraten. Aber davor scheute er sich ganz besonders. Konnte er denn jemals wissen, ob eine Frau, die vorgab, ihn zu lieben, es nicht nur auf seinen Reichtum abgesehen hatte?

So stand Herr Julius eines Tages wieder am Fenster und hing seinen trüben Gedanken nach. Endlich aber ging er mit langsamen Schritten aus seinem Zimmer, schritt die breite Schlosstreppe hinunter und wanderte ohne Zweck und Ziel die Gartenwege entlang. Ohne es zu merken, kam er dabei immer mehr ab von den schön gepflegten Anlagen, wo die Springbrunnen ihre Wasserkünste zeigten und Marmorstatuen auf dem kurzgehaltenen Rasen standen, und plötzlich befand er sich in einem abgelegenen Winkel, den selten ein Mensch betrat. Keine Blume wuchs hier unter den hohen Bäumen, deren dichte Kronen kaum einen Sonnenstrahl bis zum feuchten Boden dringen ließen. Doch im Hintergrund rankte sich an einem alten Gemäuer Efeu empor.

Plötzlich hörte Herr Julius eine feine Stimme, die deutlich seinen Namen rief. Erstaunt blickte er sich um, konnte aber niemanden entdecken. »Wo bist du denn, der du mich rufst?« fragte er. Da wimmerte das Stimmchen:

»Hier bin ich, hier bin ich,

im Kästchen steck ich,

zwischen den Steinen,

es ist zum Weinen!«

Der Schlossherr ging zu dem Mauerwinkel, aus dem die Stimme zu dringen schien, nahm einen dürren Ast vom Boden auf und schob den Efeu auseinander. Und richtig, zwischen den Steinen eingemauert fand er ein Kästchen, löste es sorgfältig heraus und hörte nun noch deutlicher:

»Hier bin ich, hier bin ich,

befrei mich, ich bitt dich!«

»Erst muss ich wissen, wer du bist!« sagte Herr Julius.

Da antwortete es aus dem Kästchen: »Ein Schratl bin ich. Und böse, undankbare Menschen haben mich vor hundert Jahren hier eingesperrt. Mache mich frei, ich will es dir reichlich lohnen!«

Der Schlossherr hatte schon oft von den kleinen Kobolden erzählen hören, von denen man sagt, dass sie den Menschen sowohl Hilfe leisten als auch manchen Schabernack spielen, und er verspürte große Lust, einmal einen von ihnen leibhaftig vor sich zu sehen. Deshalb brach er das morsche Holz des Kästchens auseinander.

Da tat das Schratl einen mächtigen Satz an ihm vorüber, sprang auf einen Baumast, dehnte und reckte sich und schüttelte seine Glieder, bis es, das zuerst klein wie ein Mäuschen gewesen war, die Größe einer Elle erreicht hatte. Dann setzte es sich rittlings auf den Ast, schlenkerte mit den Beinen und blinzelte den Verdutzten aus listigen Augen an. Es war ganz in altmodische Tracht gekleidet, trug ein rotes Wams, gelbe Hosen, ein schwarzes, spitzes Hütlein mit einem wehenden Federbusch, und an der rechten Seite hing ihm ein Lederbeutel, auf den es mit der Hand schlug, dass die Geldstücke darin klimperten.

»Wünsche dir, was du haben willst!« sagte das Schratl zu Julius. »Geld kann ich dir geben, soviel du magst!« — »Davon habe ich genug!« antwortete der Schlossherr. »Wenn du mir nichts Besseres bieten kannst. — »So willst du vielleicht Wissenschaft?« fragte der Kleine. — »Wissenschaft?« Julius machte eine abweisende Handbewegung. — »Dann Ruhm und Ehre?« — »Ruhm und Ehre ist für Geld feil. Wer das eine hat, der braucht sich um das andere kaum noch zu mühen!«

Das Schratl zog ein nachdenkliches Gesicht. »Wenn du verschmähst, was ich dir anbiete«, sagte es, »dann musst du dir selbst wünschen, was du haben willst!«

Lange überlegte Herr Julius. Endlich sprach er: »Sag, du kleiner Mann, kannst du mich zu einem andern machen, als der ich bin?« — »Wie sollte ich nicht?« erwiderte das Schratl. »Auf der Stelle kann ich dich verwandeln, in wen immer du willst!«

Da war der reiche Mann zum ersten Mal seit Jahren wirklich froh, denn er hatte sein inhaltsloses Leben von Herzen satt. Er bedachte sich daher gar nicht lange, sondern, da er eben ein Schiff die Donau herunterkommen sah, sagte er: »So wollte ich, ich wäre Schiffskapitän und führe mit einem schönen, starken Segler in die weite Welt hinaus!«

Kaum hatte er den Wunsch ausgesprochen, als auch schon ein stattlicher Dreimaster am Ufer anlegte. Julius blickte erstaunt vom Schiff zum Schratl und dann an sich selbst hinunter, denn er merkte, dass er nicht mehr seine gewohnte Kleidung anhatte, sondern in der Uniform eines Kapitäns steckte. Selbst ein richtiger Seemannsbart hing ihm vom eben noch glatten Kinn.

Er eilte zum Strand, und der Gärtner, der die Wege harkte, erkannte ihn nicht. Das war ihm aber gerade recht, denn so konnte er sich davonmachen, ohne noch irgendwelche Erklärungen abgeben zu müssen.

Auf dem Schiff schien man nur auf ihn gewartet zu haben. Kaum hatte er es betreten, da wurde er von allen Seiten umringt und willkommen geheißen, und er gab auch sogleich Befehl, den Anker zu lichten und mit vollen Segeln stromab zu fahren.

Die Landschaft war schön. Rechts und links erhoben sich bewaldete Berge, und im Tal sah man bebaute Felder und Obstgärten, die in voller Blüte standen. Oft auch drängten sich die Berge näher an den Strom, und mancher von ihnen trug eine Burg oder eine Kapelle. An Dörfern kamen sie vorüber und an großen Städten, deren Türme sich in den Wellen der Donau spiegelten.

Dann traten die Berge zurück, und eine Ebene breitete sich aus, flach wie ein Tisch. Weit und breit keine Erhebung, an der sich der Blick hätte fangen können, außer vielleicht an einem einsamen Feldbrunnen, der seinen Schwengel zum Himmel reckte, oder an einer Reihe hochragender Pappeln, die den Himmelsrand umsäumten. Ab und zu sah man Herden, von berittenen Hirten gehütet, und eine große Ruhe lag über der Weite.

Doch dann versuchten die Berge noch einmal, sich den Wassern in den Weg zu stellen. Hoch und steil wurde das Ufer und das Bett des Stromes schmal und eng. In wilden Wirbeln wälzten sich die Wasser an den sie bedrängenden Felsen vorbei, und Julius stand auf der Kommandobrücke und erteilte seine Befehle so sicher, als habe er zeit seines Lebens nichts anderes getan als Schiffe gelenkt. Ohne Schaden zu erleiden, kamen sie über die gefährlichen Stellen hinweg, und nun dauerte es nur noch einige Tage, bis sich die Donau in viele Arme teilte und zwischen dem Schilf- und Weidendickicht des Deltas ihren Weg ins Meer suchte.

Auch in diesem Gewirr der breiteren und schmäleren Wasseradern fand sich Julius zurecht. Vögel flogen kreischend auf, wo sich sein Schiff zeigte, große Pelikane begleiteten schwimmend den Segler, Möwen umflatterten ihn. Und endlich blieb das Ufergebüsch zurück und gab den Blick frei auf eine weite, unbegrenzte Wasserfläche, die sich vor ihnen ausdehnte, blinkend und glitzernd im Sonnenlicht.

Das war ein anderer Wind, der dem Schiff in die Segel fuhr, als sie das Meer erreicht hatten! Hier erst konnte sich Julius so recht der Lust des Fahrens hingeben. Freilich dauerte seine Freude nur eine kurze Zeit, denn schon nach wenigen Tagen kam Sturm auf.

Als die Wogen haushoch gingen und mit dem Schiff, obgleich es die Segel gerefft hatte, Fangball zu spielen schienen, es von einer Seite zur andern werfend, verging ihm allerdings schnell die Freude an der Seefahrt. »Schratl«, rief er in großer Angst, »da kann ja mein Schiff mit Mann und Maus untergehen! O hätte ich mir doch niemals gewünscht, Kapitän zu sein!« Und der Kleine stand auch schon vor ihm und fragte: »Was willst du denn sonst werden?«

Julius überlegte nicht lange. Nur fort vom Wasser, fort aufs Land, wo man festen Boden unter den Füßen hatte! Rasch antwortete er: »Ein General will ich sein!«

Sieh, da waren auch schon Meer und Schiff verschwunden, und Julius saß auf einem Pferd und ritt inmitten einer Schar von Offizieren und Soldaten in einem weiten Gelände dahin. Es war früh am Morgen und noch angenehm kühl, obgleich die Sonne schon aufgegangen war. Die Rosse griffen rasch aus, doch Julius saß so fest und sicher im Sattel, als sei er auf einem Pferderücken zur Welt gekommen, obschon er vorher niemals geritten war. »Das ist freilich eine andere Sache«, dachte er, »als im Sturmwind den Wellen preisgegeben zu sein!«

Plötzlich erhob sich in der Ferne eine Staubwolke. Und mit einem Mal wusste Julius, dass dort der Feind aufmarschierte, und dass er seine Soldaten nun in den Kampf führen musste.

Er hielt auf einem Hügel, von wo aus er das Gelände überschauen konnte, erteilte seine Befehle, und die Schlacht kam in Gang. Doch als Julius die vielen Verwundeten sah, die an ihm vorübergetragen wurden, und als gar eine Kugel einen Mann, der neben ihm stand, zu Boden riss, ging ihm mit einem Mal auf, in welcher Lage er sich befand.

Krieg! War das nicht etwas noch viel Entsetzlicheres als der Sturm auf der offenen See? Denn dort rangen die Menschen mit den Elementen, und einer stand dem andern bei und wagte gar sein Leben, um den Kameraden zu retten – hier aber sollten die Menschen sich gegenseitig umbringen. Und er selber sollte sie dazu anleiten. »Schratl!« rief er aus, »hilf mir, ich will nicht mehr General sein!

Wieder stand der Kleine vor ihm und fragte: »Was denn möchtest du sein?« Aber Julius schrie ihm entsetzt entgegen: »Ich will nicht General sein, Schratl! Lieber noch Einsiedler in der Wüste.«

Im Handumdrehen erfüllte ihm das Schratl auch diesen Wunsch. Julius fiel in einen tiefen Schlaf, und als er aufwachte, lag er in einer dunklen Höhle, in die nur ein matter Lichtschimmer durch einen schmalen Felsspalt drang. Er erhob sich und tastete sich an den Wänden der Höhle entlang, bis er an ihrem Ausgang stand, durch den er sich mit Mühe hindurchzwängte.

Draußen umfing ihn sternklare Nacht. Eine große Stille war um ihn, und er dachte an all die Schrecken der vergangenen Tage und freute sich, dass sie vorüber waren und kein Mensch ihm mehr etwas anhaben konnte.

Aber auch diese Freude dauerte nicht lange. Denn die Nächte waren kalt und ihn fror in seiner mangelhaften Kleidung — trug er doch nur eine Kutte auf seinem Leib, die mit einem hänfenen Strick gegürtet war — und er fand keinen Schlaf auf der nackten Erde, er, der gewohnt war, auf Daunenbetten zu ruhen. Am Tag aber brannte die Sonne mitleidslos und unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel, und der Weg zum Brunnen war steinig und lang, und Nahrung fand er nur spärlich. Weit und breit aber war kein Mensch, der ein einziges tröstliches Wort zu ihm gesprochen hätte.

Als der dritte Abend zu dämmern begann, dachte Julius: »Nein! Eine weitere Nacht kann ich und will ich hier nicht zubringen! Und er rief das Schratl herbei und sagte: »Einsiedler mag ich nicht bleiben!«

»Und was willst du dann sein?« fragte der Kleine.

Aber so viel Julius auch hin und her überlegte, fiel ihm doch nichts mehr ein, was er sich hätte wünschen mögen, und ganz verzweifelt sagte er: »Ich weiß es nicht!« — »So will ich dir einen Rat geben«, sagte das Schratl. »An der Donau, nicht weit von deinem Schloss, steht eine Hütte, in der ein Fischer wohnt mit seiner Frau und vier Kindern. Der Mann ist heute mit seinem Boot in einen Strudel geraten und ertrunken, und die Frau wartet voll Bangen auf seine Heimkehr. Soll ich dir seine Gestalt geben und dich dorthin versetzen, dass du seine Stelle bei Frau und Kindern einnehmen kannst?«

Julius seufzte. Aber da ihm nichts Besseres einfiel und er unter allen Umständen aus seiner jetzigen Lage befreit sein wollte, gab er seine Zustimmung, wenn auch mit einigem Zögern.

Kaum war das geschehen, als er auch schon in triefnassen Kleidern vor dem Hoftor eines kleinen Anwesens stand. Und die Tür der Hütte tat sich auf, und eine Frau lief ihm entgegen. »Kommst du endlich!« rief sie. »Die Kinder schlafen schon. — Aber du, wie siehst du aus? Ist ein

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