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Rausch und Mythos: Die Entdeckung der psychoaktiven Pflanzen

Rausch und Mythos: Die Entdeckung der psychoaktiven Pflanzen

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Rausch und Mythos: Die Entdeckung der psychoaktiven Pflanzen

Länge:
305 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Dec 15, 2016
ISBN:
9783037885338
Format:
Buch

Beschreibung

Das Phänomen der Erfahrung veränderter Bewusstseinszustände ist seit den Uranfängen der Menschheit aufs engste mit dem menschlichen Wesen verbunden. Auf allen Erdteilen gab und gibt es heute noch Völker, die Ekstase- und Trancetechniken ausüben, um mit der 'anderen Wirklichkeit', der Welt der Geister und Götter, in Kontakt zu treten, und dadurch ihre Wirklichkeit und Verhaltensnormen immer wieder aufs neue definieren und festsetzen. Viele Kulturen haben deshalb bewusstseinsverändernde Pflanzen und Pilze in den Mittelpunkt ihrer kollektiven und individuellen Rituale gestellt. Über den Ursprung dieser heiligen Gewächse und ihre Anwendung entwickelten sich im Laufe der Zeit die farbenprächtigsten Geschichten. Vom Peyote-Kaktus aus Mexiko über die Iboga-Pflanze aus Afrika bis zum Glückssymbol unseres Kulturkreises, dem Fliegenpilz, Samorinis Grundlagenwerk bietet dem Leser eine einmalig detaillierte und umfassende Sammlung dieser Mythologien von Kulturen aus aller Welt.
Freigegeben:
Dec 15, 2016
ISBN:
9783037885338
Format:
Buch

Über den Autor


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Rausch und Mythos - Giorgio Samorini

Giorgio Samorini

Rausch und Mythos

Die Entdeckung der psychoaktiven Pflanzen

Impressum

Verlegt durch

Nachtschatten Verlag

Kronengasse 11

CH – 4500 Solothurn

Dieses Buch ist eine unveränderte Neuauflage des 1998 im Nachtschatten Verlag erschienen Titels

»Halluzinogene im Mythos – Vom Ursprung psychoaktiver Pflanzen«

Copyright © Giorgio Samorini

Copyright der deutschen Ausgabe © 1998 / 2016 Nachtschatten Verlag, Solothurn

Übersetzung: Daniela Baumgartner

Cover: Sven Sannwald

ISBN 978-3-03788-399-0

eISBN 978-3-03788-406-5

Alle Rechte der Verbreitung durch Funk, Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, elektronische Medien und auszugsweiser Nachdruck sind vorbehalten.

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Yajé (Ayahuasca)

Peyote

Cannabis

Solanaceae

Datura

Mandragora

Tabak

Schnupfpulver

Iboga

San Pedro

Jurema

Kava

Pilze

Amanita muscaria

Andere Pilze

Stimulierende Pflanzen

Koka

Kaffee

Tee

Kola

Alkoholische Pflanzen und Getränke

Weinreben und Wein

Maguey und Pulque

Bibliographie

Vorwort

»Und was noch wunderbarer ist: Es gibt Flüssigkeiten, die die Macht haben, nicht nur den Leib, sondern auch die Seele zu verändern.«

Ovid, Metamorphosen, XV 317ff.

Italien war im »Sommer der Liebe«, also zur Zeit der psychedelischen Revolution, international geradezu übersehen worden.{1} Aus dem von Mafia und Vatikan beherrschten Land wurde kaum etwas bekannt. Die angetörnten italienischen Bands blieben im Ausland unentdeckt. Wer kennt z.B. die Gruppe »The Trip«, die 1973 ihr psychedelisches Konzeptalbum Time of Change veröffentlicht hat? – Der LP-Titel kann prophetisch gedeutet werden. Denn Italien ist spätestens in den Neunzigern zu einem psychedelischen Land geworden. Nirgends werden derart hohe Auflagen von den Werken Albert Hofmanns verkauft: über 100.000 Stück!{2}

Betrachtet man die Forschungsgeschichte in Italien etwas genauer, zeigt sich sofort die große Bedeutung des südlichen Landes für die Entheobotanik. Sie beginnt nämlich bereits in der römischen Antike und gipfelt in den Arbeiten Giorgio Samorinis.

Der römische Dichter Ovid (43 v. Chr. bis 17 n. Chr.) war ein Zeitgenosse des Plinius. Berühmt ist vor allem seine Ars Amatoria, die »Liebeskunst«, geworden. Von seiner Bearbeitung der Sage von Medea, der kolchischen Schamanin und kräuterkundigen Urhexe, ist kaum mehr als ein Vers erhalten geblieben. Aber sein Hauptwerk, die Metamorphosen, wurde vor dem Schlund der Geschichte gerettet. Diese monumentale Dichtung fasst alle antiken Mythen und Verwandlungsgeschichten von der Schaffung der Welt bis zur römischen Zeit zusammen. Häufig nennt der Dichter psychoaktive Substanzen, schwärmt von den Wunderwirkungen des »Krautes der Hecate«, besingt die hermetische Moly und den schlummerbringenden Mohn{3} und resümiert: »Groß ist die Macht von Zauberkräutern« (XIV 286). Ovid hat nicht die Naturgeschichte, sondern die Mythologie der Antike erforscht.

Der Naturgeschichte hat sich Plinius (auch Plinius der Ältere oder C. Plinius secundus genannt; 23 bis 79 n. Chr.) in den 37 Bänden seiner Naturalis Historiae gewidmet. Dieses besterhaltene antike Werk seiner Art hat bis ins 19. Jahrhundert hinein maßgeblich die Grundlage der europäischen Naturwissenschaft gebildet. Plinius hat sowohl aus den griechischen Schriften, besonders aus der Arzneimittellehre des Dioskurides, aber auch aus eigenen Erfahrungen und einheimischen Quellen geschöpft. Zahlreiche psychoaktive Pflanzen werden in dem gewaltigen Kompendium angeführt:{4} Bilsenkraut (Hyoscyamus spp.), Alraune (Mandragora officinarum L.){5}, Hanf (Cannabis sativa L.), Schlafmohn (Papaver somniferum L.), Wermut (Artemisia absinthium L.), Lattich (Lactuca spp.), Meerträubel (Ephedra spp.), die pontische Alpenrose (Rhododendron ponticum L.) und ihr berauschender Tollhonig, Safran (Crocus sativus L.), Steppenraute (Peganum harmala L.), Sturm- oder Eisenhut (Aconitum napellus L.); daneben auch bis heute nicht identifizierte psychoaktive Zauberpflanzen: Achaimenis (vielleicht eine Psilocybe sp.), Aglaophotis (»die herrlich Leuchtende«), Dodecatheon (»Zwölfgötterkraut«), Gelotophyllis (»das Blatt, das Lachen hervorruft«), Halicacabon (»Salztiegel«), Hestiateris (»Pflanze, die eine Mahlzeit gibt«), Moly, Nepenthes, Ophiussa (»Schlangenkraut«), Potamaugis (»Flussglanz«), Silphion, Strychnos manikos (vielleicht ein Nachtschattengewächs oder die Brechnuss), Thalassaigle (»Glanz des Meeres«), Theangelis (»Götterbote«) und Theombrotion (»Götterspeise«?).{6}

Im Mittelalter gab es einen starken Rückgang der Forschung. Lediglich die medizinische Schule von Salerno (12.–13. Jh.) entwickelte verschiedene Betäubungsmittel auf der Basis von Opium und Nachtschattengewächsen (sogenannte »Schlafschwämme« und die Pappelsalbe oder Unguentum populeon).{7}

In der Renaissance widmeten sich die Italiener besonders der Alchemie, Magie und Toxikologie.{8} Die Herrscher, z.B. die Medicis, wollten für sich selbst den »Stein der Weisen«, für ihre Gegner und unerwünschten Rivalen tödliche Gifte. Dazu beschäftigten sie Alchemisten, Destillateure, Magier, Ärzte und Giftmischer.{9} Dabei haben sich anscheinend viele Ärzte mit den »Flugsalben« der »Hexen« auseinandergesetzt und mögliche Rezepturen entwickelt.{10}

In dieser Zeit studierte Pietro Andrea Mattioli (1500–1577), in Siena geboren, in Padua Medizin und wirkte in Trient als Stadtmedicus. Er verfasste einen italienischen Kommentar zu Dioskurides (1. Jh. n. Chr.), der 1554 ins Lateinische übersetzt wurde. Der Kommentar wurde durch ihn mit eigenen Informationen, Erfahrungen und Forschungsergebnissen derart angereichert, dass man bald nur noch vom »Kräuterbuch des Mattioli« sprach. Es erschien dann 1626 unter eingedeutschter Autorenschaft: Pierandrea Matthiolus, Kreutterbuch (Frankfurt/M.: Jacob Fischers Erben). Der Autor hat viele bis dato unbekannte Informationen zu den psychoaktiven Gewächsen veröffentlicht, die weit über die antiken Kenntnisse hinausreichte: Kalmus (Acorus calamus L.){11}, Baldrian (Valeriana officinalis L.), Safran (Crocus sativus L.), Rohr (Arundo donax L.), Muskatnüsse (Myristica fragrans Houtt.), Habichtskraut (Hieracium pilosella L.), Giftlattich (Lactuca virosa L.), Wermut (Artemisia absinthium L.), Poleiminze (Mentha pulegium L.), Steppenraute (Peganum harmala L.), Gelbe Teichrose (Nuphar lutea [L.] Sm.), Hanf (Cannabis sativa L.), Burzeldorn (Tribulus terrestris L.){12}, Magsamen oder Mohn (Papaver somniferum L.), mehrere Bilsenkräuter (Hyoscyamus spp.), Tabak (Nicotiana tabacum L.), Nachtschatten (»Solanum hortense«; Solanum spp.), Tollkirsche (Atropa belladonna L.), Schlafbeere (Withania somnifera [L.] Dunal), Stechapfel (Datura stramonium L., Datura metel L.), Alraune (Mandragora officinarum L.), Eisenhut (Aconitum napellus L.), Eibe (Taxus baccata L.), Fliegenpilz (Amanita muscaria [L. ex Fr.] Pers.), Weisser Germer (Veratrum album L.), Hopfen (Humulus lupulus L.).

Mattioli hat auffällig viele psychoaktive oder halluzinogene Nachtschattengewächse (Solanaceae) beschrieben. Diese Pflanzenfamilie sollte auch später die italienische Forschung bewegen.{13}

Mattioli hat als erster den Namen Belladonna, »Schöne Frau«, für die Tollkirsche (Atropa belladonna L.) erwähnt und ihn damit erklärt, dass die eitlen Italienerinnen sich den gepressten Saft in die Augen träufelten, um schöner zu erscheinen. Denn das in dem Saft enthaltene Atropin bewirkt eine vorübergehende Mydriasis (Vergrößerung der Pupillen). Damals gehörten große schwarze Pupillen zum Schönheitsideal.{14}

Die Ethymologie des Mattioli wird heute zunehmend in Frage gestellt; die Belladonna, die »Schöne Frau«, könnte auch ein Name des weiblichen Pflanzengeistes sein.

Der aus Neapel stammende Arzt Giovanne Battista della Porta (ca. 1535–1615) hat in seinem Werk über die »Natürliche Magie«{15} beschrieben, dass man sich mit einem Arcanum (Geheimmittel) in einen Vogel, Fisch oder eine Gans verwandeln kann, und dadurch »viel Spaß« haben würde. Er führt als dazu brauchbares Mittel an erster Stelle die Tollkirsche an.{16} Diese Pflanze hielt man für das aphrodisische Zauberkraut der in Latium lebenden Hexengöttin Kirke/Circe. Der große italienische Philosoph der Renaissance, Giordano Bruno (geb. 1548), der am 17. Februar 1600 als Ketzer auf dem Campo de' Fiori in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, spricht enthusiastisch von »einem nur der Fortpflanzung dienenden Zaubertrank der Circe«{17}.

Erst im 19. Jh. wurde die Tollkirsche wieder als Forschungsgegenstand aufgegriffen. Der italienische Arzt G. Ruspini beobachtete, dass die Alkaloide der Pflanze in das Fleisch von Tieren übergehen, die von dem Laub, den Früchten oder der Wurzel gefressen haben. Er beschrieb einen Fall, bei dem eine ganze Familie halluzinierte, nachdem sie ein Kaninchen als Sonntagsbraten verspeist hatten. Das Kaninchen liebt die Tollkirsche, zeigt aber keine toxischen Reaktionen. Wenn man ein Kaninchen isst, dass sich zuvor mit Tollkirschen sattgefressen hat, geht man auf einen wahren Hexenritt!{18}

In Italien trat im 19. Jh. Paolo Mantegazza (1831–1910), der »Pionier der modernen Drogenforschung« in Erscheinung.{19} Er publizierte 1871 in Mailand sein 1200 Seiten starkes Hauptwerk Quadri della natura umana: Feste ed ebbrezze, »Bilder der menschlichen Natur: Feste und Räusche« (Brigola).

Mantegazza war dem Coca ergeben und hatte bereits 1858 eine sensationelle Schrift mit dem Titel Sulle virtù igieniche e medicinali della coca e sugli alimenti nervosi in generale, »Über hygienische und medizinische Tugenden der Coca und Nervennahrung im Allgemeinen« veröffentlicht.{20} Mantegazza war wie seine deutschen Kollegen Dr. Ernst Freiherr von Bibra (1806–1878) und Carl Hartwich (1851–1917){21} an allen Genuss- und Rauschmitteln interessiert und hat sich sein ganzes Leben davon leiten und inspirieren lassen. Da seine Schriften nur auf Italienisch erschienen sind, wurden sie international weitaus weniger beachtet als die geschichtsträchtigen Publikationen von Bibra{22}, Johnston{23} und Cooke{24}.

Besonders modern mutet Mantegazzas Klassifikation der Genussmittel an. Er teilte die »Nervennahrung« in drei »Familien« ein:

1. die alkoholischen Nahrungsmittel mit den beiden Stämmen Fermente und Destillate;

2. alkaloidische Nahrungsmittel mit den Stämmen Koffeine und Narkotika. Zu den Narkotika zählte er Opium, Haschisch, Kava-Kava, Betel, Fliegenpilz, Coca, Ayahuasca und Tabak;

3. die aromatischen Nahrungsmittel (Salbei, Oregano, Rosmarin, Zimt, Pfeffer, Chili usw.).

Noch zu Mantegazzas Lebzeiten gab es um 1880 in Italien eine Insektenpest, die viele Weingärten zerstörte. Dadurch wurde der von den Italienern so hoch geschätzte Wein plötzlich derart knapp, dass die Bevölkerung panisch reagierte. In der Zeitschrift Gazetta degli Ospitali di Milano veröffentlichte der Arzt B. Grassi einen Artikel namens »Il nostro Agarico muscario sperimentato como ahmento nervosa« (1961–972). Darin schlug Grassi vor, den Mangel an Wein durch den Genuss der reichlich sprießenden einheimischen Fliegenpilze auszugleichen!{25} – Inwieweit dieser Ratschlag jemals befolgt wurde, ist nicht genauer bekannt. Aber der Fliegenpilz hat viele spätere Italiener ausgiebig beschäftigt.{26}

Die wissenschaftliche Entheobotanik hatte bis Mitte dieses Jahrhunderts anscheinend keinen Platz in der kulturellen Landschaft Italiens. Das sollte sich erst durch den unermüdlichen Einsatz von Giorgio Samorini und seinen Kollegen (Giovanne, Claudio Barbieri, Antonio Bianchi, Gilberto Camilla, Francesco Festi, Daniele Piomelli, Antonio Pollio, u.a.) ändern. Samorini hat der italienischen »Szene« wesentlich zur internationalen Anerkennung verholfen. Er war nicht nur einer der Gründer der »Società Italiana per lo Studio degli Stati di Coscienza« oder abgekürzt SISSC (»Italienische Gesellschaft zur Erforschung von Bewusstseinszuständen«), sondern auch Initiator des Jahrbuches Altrove (seit 1993){27} und ist Herausgeber der Zeitschrift Eleusis – Bollettino d'Informazione SISSC (seit 1995){28}.

Giorgio Samorini hat sich vielen wenig bekannten, neuentdeckten und übersehenen psychoaktiven Pflanzen gewidmet. Dabei hat er die Gräser Arundo donax L. und Phalaris arundinacea L. als DMT-Lieferanten für Ayahuasca-Analoge untersucht und an sich selbst getestet{29}, den Burzeldorn (Tribulus terrestris) als möglichen MAO-Hemmer in Betracht gezogen{30}, ist der ominösen Hottentottenfeige (Carpobrotus edulis) auf die Spur gekommen{31}, hat Schimmelpilze als Produzenten psychoaktiver Mutterkornalkaloide bekannt gemacht{32} und möglicherweise einen afrikanischen Kykeon, einen mutterkornalkaloidhaltigen Einweihungstrank gefunden{33}.

Bestechend sind die Arbeiten Samorinis zur Entschlüsselung oder Interpretation von Artefakten. Dabei geht er gleichermaßen einfühlsam, aber auch vorsichtig und selbstkritisch vor. Kein voreiliger Enthusiasmus steht ihm dabei im Wege. Herausragend ist seine Recherche zu dem als Fliegenpilz deutbaren »Baum der Erkenntnis« auf einem Fresko in der Kapelle von Plaincourault, die seit 1184 existiert (siehe Abbildung auf der nächsten Seite).{34} Eindrucksvoll und überzeugend ist seine Interpretation der antiken Darstellungen von Weintrauben als Symbole für entheogene Pilze.{35} Ebenso wirft seine Untersuchung der indischen »Schirm-Steine« ein neues Licht auf die prähistorische und vedische Ethnomykologie.{36} Samorini hat sogar in den Alpen Petroglyphen entdeckt, die möglicherweise von einer steinzeitlichen, schamanischen Pilzkultur zeugen.{37}

Giorgio Samorini hat sich besonders der Erforschung der Alten Welt{38} und speziell Afrikas verschrieben. Er hat sich nicht nur ausführlich mit den berühmten Petroglyphen von Tassili (Nordafrika){39}, die auf einen etwa 9000 Jahre alten entheogenen Pilzkult schließen lassen, beschäftigt, sondern auch ethnographische Spuren solcher Gebräuche entdeckt. Kürzlich hat er an der Elfenbeinküste einen rudimentären Kult um eine Tamu, »Pilz der Erkenntnis«, genannte Conocybe sp. aufgespürt.{40}

Der »Baum der Erkenntnis« erinnert fast überdeutlich an Fliegenpilze. Sollte dieses mittelalterliche Fresko in der Kapelle von Plaincourault eine geheime Botschaft bergen?

Am spektakulärsten ist jedoch seine Annäherung an den westafrikanischen Bwiti-Kult, bei dem in initiatorischen Riten Iboga (Tabernanthe iboga Baill.) gegessen wird, um mit den Ahnen Kontakt aufzunehmen oder zu pflegen.{41} Der Bwiti-Kult ist bis heute im nördlichen Gabun lebendig und erfährt eine stetig steigende Popularität. Giorgio Samorini war der erste Weiße, der jemals in einen Bwiti-Kult initiiert wurde und die heftige Wirkung der Ibogawurzel durchgestanden und überlebt hat.{42} Solche Abenteuer und Wagnisse sind prägend; sie erzeugen ein tiefes Verständnis für die Bedeutung der heiligen Pflanzen und Pilze. Davon zeugt dieses Buch.

Giorgio Samorini hat es zudem immer verstanden, die verborgenen Botschaften der Mythen zu entschlüsseln. Und davon handelt dieses Buch.

Christian Rätsch

Einleitung

Einige Verhaltensweisen begleiten den Menschen von Anfang an, oder von dem Augenblick an, da er zum Menschen »geworden« ist, und in gewissem Sinne beschreiben und definieren sie ihn. Der Mensch stellt zum Beispiel Kunst her, er ist von einem künstlerischen Trieb bewegt, der ihn seit den Uranfängen begleitet. Hiervon besitzen wir einen Nachweis, der sich auf die Datierung der ältesten künstlerischen Erzeugnisse bezieht, die sich bis in unsere Tage erhalten haben: prähistorische Felsmalereien in Tansania und Australien, die etwa auf die Zeit zwischen 45.000–40.000 datiert sind, ein Datum, das in der »Nähe« desjenigen liegt, das in der Regel letztendlich den Homoniden, dem Homo sapiens, chronologisch zugeordnet wird.{43}

Diese atavistischen menschlichen Verhaltensweisen – unter ihnen der künstlerische Trieb – können als »Verhaltenskonstanten« betrachtet werden, die unaufhörlich das Werden des Menschen erneuern. Es handelt sich um ununterdrückbare Verhaltensimpulse, die sich im Inneren der menschlichen Gesellschaft ohne Unterscheidung nach Rasse oder Volk offenbaren: es sind transkulturelle Verhaltensweisen.

Eine weitere dieser »Konstanten« ist die Tendenz des Menschen zu versuchen, mit Hilfe der unterschiedlichsten Methoden seinen normalen Bewusstseinszustand zu verändern, mit dem Ziel, psychophysische Erfahrungen in anderen Bewusstseinszuständen zu durchleben; Bewusstseinszustände, die ihrer Natur nach in gleicher Weise möglich und »natürlich« sind, wie wir den Bewusstseinszustand für »natürlich« halten, in dem wir für gewöhnlich unser Leben führen. Eine solche Überlegung wird bekräftigt durch den Atavismus, der dem Trieb innewohnt, diesen Typus von Erfahrungen zu erleben, und durch deren Ununterdrückbarkeit, die historisch gesichert ist.

Die Geschichte der Beziehung zwischen dem Menschen und seinen veränderten Bewusstseinszuständen verdeutlicht, dass letztere in enger Verbindung zu einer weiteren wichtigen menschlichen »Konstante« stehen: dem religiösen Impuls. Es kann kein Zufall sein, dass bei allen Völkern die Ekstase- und Trancezustände – den höheren Bewusstseinszuständen zugeordnet – kulturell als Phänomene von besonderem mystischen, spirituellem und religiösem Charakter interpretiert werden. Es muss im Gegenteil davon ausgegangen werden, dass der Ursprung der Beziehung des Menschen zu den veränderten Bewusstseinszuständen in direkter Weise mit dem Entstehen des religiösen Impulses verbunden ist. Weiterhin kann angenommen werden, dass das Bewusstsein in der Geschichte der Menschheit ursprünglich als jenes entstanden ist, das man heute den »mystischen Bewusstseinszustand« nennt. Dies würde erklären, warum die Mystiker von einem »goldenen Zeitalter« sprechen, in dem die mystischen Visionen Allgemeingut waren.{44}

Die Veränderung des Bewusstseins wird, außer in Fällen, die man vielleicht schlecht mit dem Wort »spontan« beschreibt, durch eine breite Palette von Techniken eingeleitet, die der Mensch im Laufe der Geschichte nach und nach entdeckt und ausgearbeitet hat. Von den Techniken der sensorischen Deprivation und physischen Kasteiung zu den meditativen und asketischen Techniken bis hin zu jenen, die als Katalysatoren für Trance und Besessenheit verwendet werden, dem Tanz und dem Klang bestimmter Musikinstrumente; und schließlich (sicher nicht in der Reihenfolge der Bedeutsamkeit) die Techniken, die den Gebrauch von Pflanzen mit psychoaktiver, hauptsächlich halluzinogener Wirkung vorsehen. Letztere ist eine der ältesten Techniken der Bewusstseinsveränderung und hat mit sicherer Wahrscheinlichkeit ihren Ursprung in der großen Epoche der Steinzeit.

Auf der ganzen Welt finden sich Pflanzen und Pilze, deren Verzehr im Menschen Halluzinationen und Visionen auslöst, die von tiefen emotional-intuitiven, »erleuchtenden« und »enthüllenden« Gemütszuständen begleitet sind, und auf allen fünf Kontinenten haben Kulturen existiert und bestehen immer noch weiter, die diese speziellen Pflanzen als Hilfsmittel verwenden, um die gewöhnliche Wirklichkeit zu überschreiten und mit der Welt der Geister und Götter, mit dem Jenseits, dem Anderen, zu kommunizieren.

Der größte Teil dieser Pflanzen wird in die Gruppe der sogenannten Halluzinogene eingereiht, auch als Psychedelika (»Enthüller des Geistes«) oder Entheogene (»die deine eigene Göttlichkeit enthüllen«) bekannt, mit dem ausdrücklichen Bezug dazu, dass das Hauptziel ihrer Anwendung darin besteht, Geisteszustände von religiöser Inspiration zu erlangen.{45}

Zahlreiche Kulturen haben die heilige Pflanze in den Mittelpunkt ihres religiösen Systems gestellt und zum Kernpunkt des interpretativen Systems der verschiedenen Aspekte der Wirklichkeit und des Lebens gemacht, in gleicher Weise wie Völker, Stämme und Sekten die meditativen und asketischen Techniken und die daraus resultierenden geistigen Erfahrungen zum Mittelpunkt ihres spirituellen und irdischen Lebens gemacht haben.

Psychoaktive Pflanzen und Pilze wurden überall als Geschenk betrachtet, das den Menschen von der Gottheit gegeben wurde, und hin und wieder wurden sie sogar vollständig mit einem Gott gleichgesetzt. Dies ist bei dem Soma der Veden der Fall – den ältesten religiösen indischen Zeugnissen –, der gleichzeitig als ein Gott und ein Unsterblichkeitstrank betrachtet wurde; der Trank wurde gemäß der Hypothese von Richard G. Wasson aus dem psychoaktiven Pilz Amanita muscaria{46} gewonnen. Der Soma wurde in einem Ritual zubereitet und von den Ritualteilnehmern im Laufe von bestimmten religiösen Zeremonien getrunken. Eine bekannte Hymne der Veden lautet: »Wir haben den Soma getrunken/ wir sind unsterblich geworden/ wir sind zum Licht gekommen/ wir haben die Götter getroffen.«{47}

Von den Huichol in Mexiko wird der Peyote-Kaktus, der mit dem Hirsch und dem Mais identifiziert wird, als »Quelle ihres Lebens« betrachtet. Die indischen Shivaanhänger benutzen die Wirkung des »bhang« (marihuana), um mit dem Gott Shiva zu kommunizieren. Die Fang von Gabon konsumieren im Laufe einiger Initiationsrituale eine große Menge der Wurzel Iboga – ein starkes Halluzinogen – das einen langandauernden Komazustand hervorruft, im Laufe dessen die Seele des Initianten eine »Reise« antritt, die bis zu den »Wurzeln des Lebens und zum direkten Kontakt mit Nzamé«, ihrem Gott, führt.

Die heiligen Pflanzen werden auch zu Heilzwecken verwendet, obwohl ein solcher Gebrauch nicht von einem größeren spirituell-religiösem Zusammenhang zu trennen ist: In den traditionellen Kulturen werden die Entheogene nicht als bloße Medizin für den menschlichen Körper angesehen, sondern vielmehr als heilige medizinische Mittel für das untrennbare System Körper/Geist. Die traditionellen Heilungssysteme, die in der Figur des Schamanen vereinigt sind (oder jedenfalls des »Spezialisten« – Schamanen, Heilers oder Kräuterkundler-, der die visionäre, kollektive Zeremonie leitet) und den Gebrauch eines Entheogens zur Grundlage haben, wirken über einen Mechanismus, den einige westliche Gelehrte als »soziopsychotherapeutisch« definieren. In den meisten Fällen – unter denen wir die mazatekischen Veladas (Mexiko), Heilsitzungen, in denen die halluzinogenen Pilze konsumiert werden, und die Mesadas der Anden Perus ins Gedächtnis rufen, in denen der starke San-Pedro-Kaktus verwendet wird – wird die psychoaktive Pflanze von allen Teilnehmern der Zeremonie, einschließlich den Kranken, eingenommen. Im Laufe des darauffolgenden visionären Zustandes »greift« der Schamane die Botschaften »auf«, die vom Pflanzengeist oder von der spirituellen oder göttlichen Wesenheit, die die Pflanze repräsentiert, geschickt werden, und »übersetzt« diese für die Allgemeinheit. Es handelt sich um ein Phänomen von »magischer Diagnose«, durch welche die übernatürlichen Wesenheiten, die in der Pflanze »wohnen«, dem Schamanen die Ursachen der Krankheit und die Wahl der zu verwendenden Heilmittel (zum Beispiel, welche Medizinalpflanzen anzuwenden sind) mitteilen.

In verschiedenen Kulturen werden diese Pflanzen auch zu magischen Zwecken verwendet, oder um paranormale psychische Kräfte zu entwickeln, durch die magische Handlungen ausgeführt werden können: um die Zukunft vorherzusagen, um weit entfernte Personen zu sehen und mit diesen zu kommunizieren, um ein verschwundenes Objekt wiederzufinden, den Schuldigen einer schlechten Tat auszumachen etc. Die veränderten Bewusstseinszustände – gemäß der Behauptung jener, die solche Erfahrungen durchleben – können von der Freisetzung paranormaler Kräfte begleitet sein. Zum Beispiel trifft man in den Siddhi (psychische Kräfte), die von den indischen Yogis im Laufe ihrer asketischen Übungen erlangt werden, auf eine Parallele dieses Phänomens, und nicht zufällig wird in Bengalen der indische Hanf mit dem gleichen Begriff siddhi bezeichnet. Es gibt Fälle, in denen die gleiche Pflanze je nach Zusammenhang und den jeweiligen kulturellen Voraussetzungen zu verschiedenen Zwecken verwendet wird. Dies ist zum Beispiel beim Peyote der Fall, dem halluzinogenen Kaktus, der von den Indianerstämmen Nordamerikas als eine heilige Hostie (der »Rote Christus«) betrachtet wird. Solche Stämme haben von der Mitte des vergangenen Jahrhunderts an durch den rituellen kollektiven Gebrauch dieses Kaktus die etablierte religiöse Bewegung der Native American Church ins Leben gerufen. Im nördlichen Mexiko gebrauchen die Tarahumara dagegen den Peyote weiterhin ausschließlich in den Zeremonien zur Heilung ihrer Kranken, während die Azteken des vorkolumbianischen Mexikos – so wie die Quellen aus der Zeit der Conquista berichten – diesen auch zu magischen Zwecken benutzten, um ein verschwundenes Objekt wiederzufinden, um zukünftige Ereignisse

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