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Krimi-Paket: 1556 Seiten Mörderische Spannung

Krimi-Paket: 1556 Seiten Mörderische Spannung

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Krimi-Paket: 1556 Seiten Mörderische Spannung

Länge:
1,875 Seiten
20 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 29, 2019
ISBN:
9781386024156
Format:
Buch

Beschreibung

1556 Seiten Mörderische Spannung: Ein Krimi-Paket

Alfred Bekker & Horst Bieber & Richard Hey

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Gesamtumfang: 1537 Seiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Richard Hey: Die Löwenbändigerin

Horst Bieber: Die Kommissarin und die geheimnisvolle Fremde

Horst Bieber: Ein Schwan stirbst selten allein

Alfred Bekker: Hinter dem Mond

Alfred Bekker: Münster-Wölfe

Alfred Bekker: Kahlgeschoren

Horst Bieber: Was bleibt, ist das Verbrechen

Horst Bieber:….acht, neun, aus?

Alfred Bekker: Killer ohne Gnade

Alfred Bekker: Killer ohne Skrupel

Horst Bieber wurde mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet.

Richard Hey erfand die legendäre Kommissarin Katharina Ledermacher.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Herausgeber:
Freigegeben:
May 29, 2019
ISBN:
9781386024156
Format:
Buch

Über den Autor

Über Alfred Bekker: Wenn ein Junge den Namen „Der die Elben versteht“ (Alfred) erhält und in einem Jahr des Drachen (1964) an einem Sonntag geboren wird, ist sein Schicksal vorherbestimmt: Er muss Fantasy-Autor werden!  Dass er später ein bislang über 30 Bücher umfassendes Fantasy-Universum um  “Das Reich der Elben” schuf, erscheint da nur logisch. Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und wurde Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen.   Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', ‘Ragnar der Wikinger’,  'Da Vincis Fälle - die mysteriösen Abenteuer des jungen Leonardo’', 'Elbenkinder', 'Die wilden Orks', ‘Zwergenkinder’, ‘Elvany’, ‘Fußball-Internat’, ‘Mein Freund Tutenchamun’, ‘Drachenkinder’ und andere mehr  entwickelte. Seine Fantasy-Zyklen um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' ,die 'Gorian'-Trilogie, und die Halblinge-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt.  Alfred Bekker benutzte auch die Pseudonyme Neal Chadwick,  Henry Rohmer, Adrian Leschek, Brian Carisi, Leslie Garber, Robert Gruber, Chris Heller und Jack Raymond. Als Janet Farell verfasste er die meisten Romane der romantischen Gruselserie Jessica Bannister. Historische Romane schrieb er unter den Namen Jonas Herlin und Conny Walden.  Einige Gruselromane für Teenager verfasste er als John Devlin. Seine Romane erschienen u.a. bei Lyx, Blanvalet, BVK, Goldmann,, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt., darunter Englisch, Niederländisch, Dänisch, Türkisch, Indonesisch, Polnisch, Vietnamesisch, Finnisch, Bulgarisch und Polnisch.


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Krimi-Paket - Alfred Bekker

1556 Seiten Mörderische Spannung: Ein Krimi-Paket

Alfred  Bekker & Horst Bieber & Richard Hey

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Gesamtumfang: 1537 Seiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Richard Hey: Die Löwenbändigerin

Horst Bieber: Die Kommissarin und die geheimnisvolle Fremde

Horst Bieber: Ein Schwan stirbst selten allein

Alfred Bekker: Hinter dem Mond

Alfred Bekker: Münster-Wölfe

Alfred Bekker: Kahlgeschoren

Horst Bieber: Was bleibt, ist das Verbrechen

Horst Bieber:....acht, neun, aus?

Alfred Bekker: Killer ohne Gnade

Alfred Bekker: Killer ohne Skrupel

Horst Bieber wurde mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet.

Richard Hey erfand die legendäre Kommissarin Katharina Ledermacher.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author; Cover Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die Löwenbändigerin

RICHARD HEY

Krimi

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

KLAPPENTEXT:

Gerade von seiner Freundin verlassen, fällt Hermann, ein Bankangestellter, in eine tiefe Depression. Ihn plagen Albträume, die sich um die Frage drehen, was aus Doro, seiner großen Liebe aus Kindheitstagen wurde und ihn nachts aus dem Schlaf hochschrecken lassen, weil sie damals so plötzlich, spurlos verschwand. An sie musste er all die Jahre immer wieder denken.

Seine Suche nach ihr, die er jetzt wieder aufnimmt, endet im Nirgendwo ...

Eines Abends kommt er, völlig niedergeschlagen, nach Hause, öffnete seine Wohnungstür, machte Licht – und sieht in eine Revolvermündung. – Vor ihm steht eine in grau gekleidete, gänzlich vermummte Gestalt ...

HERMANN WAR BANKANGESTELLTER und gerade zweiunddreißig geworden. Sein Leben verlief, wie er selbst fand, geordnet. Die Wochenenden verbrachte er entweder bei seiner Freundin Silvia. oder Silvia verbrachte die Wochenenden bei ihm. Er wachte sonntags lieber in Silvias Bett auf.

Sie wohnte im obersten Stock eines Altbaus. Aus Silvias Fenstern blickte er über den Lietzensee, der im Winter zwischen kahlen Ästen vor ihm lag wie das bewegte Bild eines niederländischen Malers, dessen Kopie in der Bankfiliale neben der Kasse hing, mit schlittschuhlaufenden Kindern und auffliegenden Krähen und Möwen.

Im Sommer glitzerte das Wasser fern zwischen dem Grün der Bäume.

Aus seiner Friedenauer Hinterhofwohnung hatte er nur Sicht auf das weite Karree anderer heruntergekommener Hinterhofhäuser um Reste von Gärten herum und auf den Uhrturm des Schöneberger Rathauses mit den nachts weiß leuchtenden Ziffern.

Längst hätte er sich eine bessere Wohnung leisten können. Aber er war an die beiden billigen Zimmer gewöhnt, an den Efeu vorm Küchenfenster, an die Stille.

Außer ihm wohnten im Hinterhaus nur noch ein Rentner, der seit einem halben Jahr bei seiner Tochter in Köln lebte, eine junge Frau, die sich lieber in der Wohngemeinschaft ihres Freundes aufhielt, und ein Kellnerehepaar, das zu Hause bloß schlief.

Schon der Gedanke an eine Veränderung beunruhigte ihn. Er war sicher, seine schäbigen, aber ihm vertrauten Möbel würden die Kosten eines Umzugs nicht rechtfertigen, auch nirgendwo anders hinpassen, und an neue mochte er sich nicht gewöhnen.

Trotzdem kam ihm manchmal, und in letzter Zeit häufiger, die Idee, es müsse noch was anderes für ihn geben als Kunden über die Anlagemöglichkeiten ihrer Gelder zu beraten, Papiere zu ordnen, Aktienkurse zu verfolgen, elektronische Datenverarbeitungssysteme korrekt zu benutzen.

Aber die Idee verließ ihn auch wieder, er lebte weiterhin in träger Pflichterfüllung vor sich hin, sah täglich beim Zähneputzen die sich langsam ausbreitenden silbergrauen Strähnen im Haar und im kurzen dichten Bart und freute sich aufs nächste Wochenende, auf das, was Silvia in ihrer oder in seiner Küche kochte, auf die Freunde, mit denen sie gelegentlich zusammen waren, auf den Urlaub.

Zeitungen, sofern sie nicht Börsenkurse mitteilten, erfüllten ihn mit Ratlosigkeit und Abscheu. Sanft lächelnd hatte er Silvia einmal erklärt; zweifellos sei der gesamte Planet längst Verbrechern und Dummköpfen in die Hände gefallen, aber daraus die Folgerung zu ziehen, es sei nötig, sich zu widersetzen, halte er ebenfalls für verbrecherisch oder dumm, weil es die Gewalttätigkeiten auf dem Planeten vermehre.

Man müsse so unauffällig leben wie möglich, in diesem oder in jenem System, egal; anders könne man seine Menschenwürde nicht behalten. Silvia hatte nur gelacht, ihn geküsst, die langen dunklen Haare geschüttelt und gesagt: „Hast du’s aber gut."

An einem Freitag Ende Oktober lud sie ihn zum Abendessen in ein Charlottenburger Lokal ein. Es war kalt und feucht, auf den Straßen lagen nasse Blätter. Sie saß ungeschminkt am Tisch, aber mit dunkelrot angemaltem Mund: Mund, der ihm fremd war, verschlossen, ein Ausrufezeichen, das ihn zu Abstand ermahnte.

Beim Eis mit heißen Himbeeren drückte sie die neue Kerze aus, die der Kellner gerade angezündet hatte, und sagte, dies sei nun ihr letztes gemeinsames Essen gewesen. Sie werde ihn nicht Wiedersehn. Als sie schon längst gegangen war. hatte er immer noch nicht begriffen, was sie an seiner „Bankerpsyche, an seiner „Bankersexualität auszusetzen gehabt hatte, oder was sie daran störte, dass seine Freunde ihn Herm nannten, auch Hermy, amerikanisch ausgesprochen, Hörmi.

Vergebens versuchte er in den nächsten Tagen, sie umzustimmen.

Geduldig wiederholte sie am Telefon, was er nicht verstand. Schließlich bat sie ihn, nicht mehr anzurufen. Ein anderer? Kein anderer – und nun müsse sie sich auf ihr Examen vorbereiten. Ach, die Examensarbeit ist der Grund. Nein, die Examensarbeit ist nicht der Grund. Er rannte noch ein paar Nachmittage und Abende vor dem Haus, in dem sie wohnte, auf und ab, in der Hoffnung, ihr zu begegnen, dann erfuhr er vom Hausmeister: Sie war für sechs Wochen verreist.

DIE NÄCHSTEN ABENDE und Wochenenden verbrachte er am Fenster seines dunklen Wohnzimmers. Er wollte nicht ins Kino geh’n, wollte keine Freunde treffen.

Er blickte hinüber in die dunklen oder hellerleuchteten anderen Wohnungen des Hinterhofs mit einer unbestimmten Erwartung – als sei Wichtiges für ihn zu erfahren, wenn drüben in einem Zimmer des vierten Stocks plötzlich Licht gemacht wurde oder wenn schräg darunter im Eckgebäude jemand einen Vorhang zuzog.

Oft sah er einer älteren Frau beim Kochen zu. Müde, aber mit genau bedachten Bewegungen, hantierte sie an Herd, Spüle, Kühlschrank.

Auch ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen mit sehr hellen, kurzen Haaren war ihm bald vertraut. Im schneidenden Neonlicht hockte sie mit offener Jeanshose auf einem alten Polstersessel. Kopfhörer über den Ohren, und blätterte in Zeitschriften, während sie ruhig und konzentriert onanierte. Manchmal tat sie das an zwei Abenden hintereinander, manchmal blieb ihr Zimmer eine Woche lang dunkel.

Einmal beobachtete er, wie ein Mann ein Kind schlug, heftig und gedankenlos. Das Kind fiel hin und blieb liegen, Hermann hielt es für tot, schon hatte er den Telefonhörer in der Hand, zögerte aber. Am nächsten Abend sah er den Mann und das Kind friedlich am Tisch; sie schnitten irgendwas aus, klebten irgendwas zusammen.

Fast jeden Abend nahm er am Essen einer großen Familie teil, da saßen Eltern, Kinder, Onkel, Tanten oder Großeltern um eine große Tafel unter zwei gemütlichen dunkelgrünen Hängelampen mit Fransen, schwatzten, tranken, futterten voller Behagen. Er wäre gern eingeladen gewesen.

Einmal sah er die Oberkörper eines nackten Mannes und einer nackten Frau, die sich trotz der Kälte vor dem offenen Fenster umarmten, lange, bis sie es endlich schlossen und Vorhänge zuzogen.

Hermann kannte schließlich fast alle, die ihm gegenüber wohnten, und als er sie kannte, mochte er ihnen nicht mehr zuseh’n.

EINES NACHTS IM NOVEMBER hatte er, unmittelbar hintereinander, zwei ungewöhnlich klare Träume.

Im ersten ging er eine breite Treppe hinauf. Er hörte gedämpftes Reden vieler Menschen, auch Musikinstrumente, die gestimmt wurden. Auf einem Treppenabsatz standen eine alte Frau und ein alter Mann, lehnten am Geländer. Sie waren beide in weite schwarze Umhänge gehüllt, aber die Umhänge waren durchsichtig, Hermann konnte deutlich die verfallenen, faltigen Leiber erkennen, die eingesunkenen Brüste der Frau, den baumelnden Hodensack des Mannes, sein sehr langes bis zu den Knien reichendes, bindfadendünnes Glied.

Der Mann sah Hermann aus großen gütigen Augen an.

Hermann erkannte ihn.

Er war der vor einem halben Jahr gestorbene Filialleiter der Bank, sein väterlicher Freund, dem er viel verdankte.

„Wer ist das?, fragte der Mann die Frau. „Aber Rudi, sagte die Frau, „das ist doch der nette junge Mann, der mir einen so reizenden Brief zu deinem Tod geschrieben hat."

Hermann empfand, dass etwas nicht stimmte, wollte reden, aber da entfernten sich die beiden von ihm. leichtfüßig rückwärts die Treppe emporgleitend, winkten ihm zu. Er wachte mit Herzklopfen auf. Wenige Minuten später war er schon im zweiten Traum.

Er befand sich in seiner Wohnung.

Aber die Zimmer waren überschwemmt. Wasser schoss die Wände herab, Wasser stand und stieg in der Küche, im Flur.

Mit Mühe erreichte er die Wohnungstür, konnte sie kaum öffnen. Durch den Spalt sah er, die Treppe war ein Wasserfall. Und auf dem Wasserfall schaukelte leicht eine Badewanne.

In der Wanne saß Dorothee, die er geliebt hatte, als sie beide zwölf waren, saß die zwölfjährige Dorothee in Jeans und rotkariertem Hemd, lächelte und sagte: „Komm doch, Hermi, trau dich doch, ich rette dich.

Die ganze Straße ist überschwemmt, aber immer nur der vierte Stock, unten ist es trocken, ich bring dich nach unten."

Er wollte zu Doro. stemmte mit äußerster Anstrengung die Wohnungstür gegen den Druck des Wassers zur Seite und hatte gerade ein paar Zentimeter geschafft, da merkte er, er lag wach im Bett, und das Herz schlug ihm bis in die Schläfen.

Er schlief nicht mehr in dieser Nacht. Erdachte an Doro.

Vor zwanzig Jahren war er noch das Kind wohlhabender Eltern in Frankfurt gewesen.

Er wohnte in einer Villa an einer Straße mit einem kleinen runden Platz. Auf dem Platz standen ein paar Bäume, sonst war er leer, mit grauem Sand bedeckt; kaum dass ein bisschen Gras zwischen den Bäumen wuchs.

Da spielten die Kinder aus den umliegenden Villen und Häusern Völkerball. und um den Platz konnte man Radrennen fahren.

Doro war ihm bisher nicht aufgefallen.

Einmal warf er ihr aus Vereh’n den Ball hart gegen die Brust, sah, wie sie zusammenzuckte, sich krümmte und Tränen in den Augen hatte. „Idiot!, schrie sie. „Olwel! Säftel, phallokratischer! Er hatte keine Ahnung, was phallokratisch bedeutete. Aber er wollte ihr nicht wehgetan haben. Vor den anderen Kindern mochte er nichts sagen.

Als sie nach Hause ging, lief er hinter ihr her, entschuldigte sich ungeschickt. Sie lachte uns sagte: „Ei was, du Blödmann", und küsste ihn, rannte weg. Überwältigt vor Glück blieb er steh’n, sah hinter ihr her.

Zweimal die Woche ging sie nachmittags zum SV 83, um Bodenturnen zu machen und einmal zur Geigenstunde.

Er begleitete sie entweder auf dem Hinweg, oder er holte sie ab. Geredet wurde dabei kaum. Sie hielten sich an den Händen, wenn keiner in der Nähe war, den sie kannten. Einmal war die Geigenlehrerin plötzlich erkrankt, so hatten sie zwei zusätzliche Stunden für sich.

Es war der letzte Abend vor den Sommerferien. Sie saßen auf einer Bank im Holzhausenpark, nicht weit vom Weiher um das kleine Wasserschloss, und Doro zwischen Herm und Geigenkasten.

„Wo fahrt ihr hin?", fragte sie und kaute auf einem Bündel ihrer langen, geringelten, roten Haare. Er sah, dass sie mehr Sommersprossen auf Nase und Stirn hatte als vor vier Wochen.

„Gar nicht, sagte er. „Meine Mutter hat gestern geweint, weil Gustav alles verspekuliert hat.

„Wer ist Gustav?"

„Mein Vater. Wir sind jetzt viel ärmer als arme Leute, sagt meine Mutter. Und aus unserm Haus müssen wir auch raus."

„Mein Bruder sagt das auch. Dass wir aus unserm Haus müssen. Er macht dauernd mit, bei diesen Demonstrationen. Er will Mama enteignen. Ein Kaufhaus darf nicht einem allein gehören, sagt er. Das muss allen gehören."

„Also dann wärt ihr auch arm." Hermann seufzte erleichtert.

„Ja, dann wär’n wir auch arm."

„Ist auch besser, wenn wir beide gleich arm sind", erklärte Hermann ernst.

„Weiß nicht, sagte sie und stubste ihn. „Ich tu doch Geld brauchen für die Löwen.

„Für die Löwen?"

„Ich will Löwenbändigerin werden. Da muss man sportlich sein und Musik können und Geld haben."

Er war verwirrt. Er wusste, er würde niemals Löwen bändigen können. Aber er wollte Doro nicht verlieren. Er liebte ihre Haare, ihre Sommersprossen, und dass sie so kräftig war, wie ein Junge.

„Kann ich da nicht irgendwie mitmachen?", fragte er schüchtern.

„Vielleicht, sagte sie. „Das hängt vom Geruch ab. Von deinem. Ob die Löwen den mögen.

„Och, sagte er. „Ich mein schon, dass die Löwen meinen Geruch mögen.

„Woher weißt du das?"

„Weiß ich eben."

Sie sah ihn an. „Blödmann", sagte sie zärtlich.

„Du weißt doch auch, dass du Löwenbändigerin wirst", sagte er.

„Ei ja, meinte sie und spuckte ein abgebissenes Haar aus, „weiß ich. Und ich krieg auch alles hin, was ich wirklich will.

„Willst du mich heiraten?", fragte er und erschrak zugleich über seine Frage.

Doro antwortete nicht sofort. Sie sah an Hermann vorbei in die dunkelgrünen Blätter der Hecke, die um die Bank herumwuchs.

Es dämmerte über dem staubigen Weg vor der Bank. Süßer Blütenduft kam von fern, vermischt mit modrigem Wassergeruch. Ganz nah hinter der Hecke lachte eine Frau, hoch und aufgeregt. Plötzlich brach das Lachen ab.

„Kann sein, sagte Doro. „Und wenn ich dich wirklich heiraten will, heirate ich dich auch. Doch, sagte sie schnell, „ich heirate dich."

Er wusste vor Aufregung nicht, was er antworten sollte. Lange Zeit saßen sie nebeneinander, ohne sich zu berühren. Er wünschte, er könnte immer so neben ihr sitzen. Dann knöpfte sie ihr rotkariertes Hemd auf: „Du kannst mich jetzt dahin küssen", sagte sie.

Er betrachtete die kleine, schwach gewölbte Brust und die weiche rosige Spitze, die zarten Adern unter weißer Haut. Er war unfähig, sich zu bewegen. Ebenso ruhig wie sie das Hemd aufgeknöpft hatte, knöpfte sie es wieder zu.

„Wir haben ein Watthaus in Kämpen gemietet, sagte sie. „Vielleicht schreib ich dir.

Nie hatte er sie wiedergesehen, bis jetzt, in seinem Traum. Die Erinnerung an Doro verließ ihn nicht mehr, er dachte während der Schalterstunden an sie und nachts, wenn er schlaflos war und trank.

Er trank viel in den folgenden Nächten. Aber er zog nicht durch Kneipen, suchte keinen Kontakt.

Fast immer hockte er ruhig im „Altfriedenauer Eck" am Tresen, ließ sich vom Wirt, einem hageren Mann mit Glatze und getönten Brillengläsern, abwechselnd Bier und Whisky hinstellen, reagierte friedfertig und zerstreut auf die Anrempeleien Betrunkener und beobachtete durch Dunst und Tabaksqualm die Billardspieler unter der trüben Leuchte.

Manchmal fuhr er danach noch in andere Stadtviertel, stellte das Auto in Neukölln oder Charlottenburg in irgendeine Nebenstraße, lief dann umher, oft im Regen, durch lichterglitzernde, leere Straßen, über finstere, einsame Plätze.

Nie hatte er Angst, aber die unbestimmte Erwartung, mit der er in die Fenster seiner Hinterhofnachbarn geblickt hatte, verstärkte sich.

Nacht für Nacht rannte er so an Hunderten von Menschen vorbei, die er nicht wahrnahm, nicht wahrnehmen wollte. Leute, die in Autos stiegen. Autos verließen, in Autos ihn überholten, den Hund Gassi führten, auf Parkbänken zusammengerollt lagen, Plastikbeutel neben sich, in Hauseingängen standen, ihm in Gruppen entgegenkamen, lärmend, betrunken, und es war ihm gleichgültig, ob er Männern oder Frauen begegnete.

In den frühen Morgenstunden sank er dann, erschöpft zurückgekehrt, in einen kurzen traumlosen Schlaf.

EINIGE NÄCHTE BRACHTE er in der Spielbank zu, verlor ein paar Hundert Mark, weil er darauf bestand, nur auf die Nummer 17 zu setzen. Ohne Neid, ohne Erregung beobachtete er zwei alte Damen und einen sehr jungen, blassen Mann, die leicht mit Tausender-Chips hantierten und Zehntausender-Chips gewannen.

Sorgfältig achtete er darauf, nicht eine Minute zu spät am nächsten Morgen die Bankfiliale zu betreten. Aber eines Nachmittags erklärte er dem neuen Filialleiter, der, ähnlich wie der Wirt vom „Altfriedenauer Eck, getönte Brillengläser trug, er wolle den ihm zustehenden Resturlaub von zehn Tagen jetzt sofort nehmen. Das ergab Probleme, und dem Filialleiter missfiel, dass Hermann Probleme machte. Schließlich wurde, mit Hilfe der Kollegen, bei denen Hermann beliebt war, eine Lösung gefunden. Gutmütig spottete einer und zeigte auf ein Zeitungsfoto: „Hermann hat ja jetzt auch genug Urlaubsgeld.

Das Foto zeigte schräg von der Seite einen jungen Mann im Knautschmantel, mit hochgeschlagenem Kragen und Kapuze. Er hielt einen Plastikbeutel in der linken, und einen Revolver in der rechten Hand; eine Brille mit großen schwarzen Gläsern war ihm halb von der Nase gerutscht. Vom Gesicht ließen sich nur ein Auge, die Nasenwurzel, eine Haarsträhne und der Ansatz eines Bartes erkennen. Die Haarsträhne glich in der Tat den Haarsträhnen. die Hermann manchmal ins Gesicht fielen, und mit Bart, Nasenwurzel und Auge gab es, wenn auch nur entfernt, ebenfalls Ähnlichkeit.

Der Mann hatte eine andere Filiale von Hermanns Bank in Spandau überfallen und war unbehelligt mit rund zwanzigtausend Mark entkommen. Mehr hatte der Kassierer aus Sicherheitsgründen nicht vorrätig gehabt, wie im Bericht ausdrücklich erwähnt war. Unter dem Bild stand „Der unbekannte Bankräuber, von der versteckten Kamera fotografiert." Hermann sah flüchtig hin und lächelte höflich.

Am nächsten Morgen flog er nach Frankfurt.

Länger als üblich, fand er, prüfte der Passbeamte in Tegel, Flugsteig elf, Hermanns Ausweis. Er wartete mit Unbehagen. Er wusste, zur Zeit des Überfalls hatte er im Blickfeld von zwanzig Kolleginnen und Kollegen am Schreibtisch gesessen, und er konnte sich nicht erklären, warum er Unbehagen empfand.

Als ihn der Beamte zwischen zwei Vorhängen abtastete, dachte er, wenn er nun kleine vergiftete Pfeile bei sich hätte, tödliche Zahnstocher, und eine Gummischleuder und alles verborgen in einer Packung Papiertaschentücher, keine abtastende Hand käme ihm drauf.

Am nachlässig zugezogenen Vorhang vorbei sah er in den Warteraum auf zeitungslesende, kinderschaukelnde, rauchende, herumalbernde, stumm und stumpf vor sich hinblickende, alte, nicht sehr alte, sehr junge Leute. Er sah auf die sinnlichen, nur über der Schulter von einer seidenen Bluse bedeckten Oberarme einer Frau mit melancholischem Gesicht, das von dunklen Haaren eingehüllt war, und er dachte, wie schön es sein müsste, von solchen Armen umarmt zu werden, und ob das Gesicht zwischen den dunklen Haaren lächeln könnte.

All das dachte er in den wenigen Sekunden, in denen er mit halberhobenen Armen dastand und darauf wartete, dass die Hände des Sicherheitsbeamten von ihm abließen: Giftpfeile, Zahnstocher, Gummischleuder, Oberarme, Lächeln, und er wunderte sich über seine Gedanken.

In Frankfurt wohnte noch eine Tante. Er hatte sie von Berlin aus angerufen. Sie erwartete ihn in ihrer kleinen Wohnung an der Kreuzung Eckenheimer Landstraße–Marbachweg, wo Tag und Nacht Autos, Lastwagen, Motorräder bremsten, vorbeidröhnten, bremsten. Die schmächtige Frau hatte sich an den Krach gewöhnt. Sie schlief mit Ohropax. Ihr Mann, der Ohropax verabscheut hatte, lag seit Jahren schräg gegenüber auf dem Hauptfriedhof.

„Na?, sagte sie. „Hast widder net hergefunne? Sie hatte recht, er kam später als angekündigt. Immer verlief er sich, verfuhr sich, nahm die falsche Bahn. Seit dem Autounfall seiner Eltern vor zwanzig Jahren, als ein Berliner Großonkel ihn zu sich genommen hatte, war Hermann bis vor ein paar Monaten nicht mehr nach Frankfurt zurückgekommen.

Inzwischen hatte sich die Stadt völlig verändert. Und bei seinen zwei, drei Besuchen, zwischen Hotel und Lehrgangsort, suchte er unwillkürlich nach Straßen, Trümmerbergen, Baustellen seiner Kindheit, die er leuchtend klar in Erinnerung hatte. Hochhausfassaden, Umgehungsstraßen, die Stadtbahnführung der Gegenwart behielt er kaum im Gedächtnis. Gelegentlich beunruhigte ihn das. Aber einen Stadtplan mochte er nicht kaufen. Hier bin ich doch daheim, dachte er immer wieder. Und wusste, er war’s längst nicht mehr.

Die Tante war inzwischen weißhaarig geworden. Aber ihr Gesicht war frisch, etwas zu fröhlich, zu faltenlos. „Ja, sagte sie, und blickte auf seine grauen Haarsträhnen, „mir fange als früh an mit die weiße Haar’n. Und lachte.

Er hatte sich noch in Berlin informiert. Das Frankfurter Kaufhaus Hermes, eins der wenigen konzernunabhängig gebliebenen in der Bundesrepublik, wurde geleitet von Lilo Hermes, Doros Mutter, und Joachim Hermes, Doros Bruder.

Er sah auf die Standuhr im Wohnzimmer der Tante. Sie stand wacklig vor einer vergilbten Streifentapete, klirrte bei jedem Schritt in der Wohnung, oder wenn draußen ein Lastwagen bremste.

Es war noch früh am Nachmittag. Er rief im Kaufhaus an, verlangte den Bruder. Der war in einer Besprechung.

Er verlangte die Mutter, konnte nicht sagen, in welcher Angelegenheit, zögerte. Privat? Ja, privat. Und wiederholte seinen Namen. Er musste ein paar Sekunden warten. Dann hörte er eine dunkle, ruhige, verrauchte Stimme.

„Hermann Rees?"

Er wusste nicht, ob er Doros Mutter je geseh’n hatte. Jedenfalls erinnerte er sich nicht an sie. Er versuchte, sich eine Frau vorzustellen, die zu dieser Stimme passte. Es gelang ihm nicht.

„Der Sohn vom Gustav Rees?"

„Ja."

„Der Hermann Rees. Zwanzig Jahre ist das jetzt her. Ihre Mutter hab ich gemocht, weiß nicht, warum. Sie war ja viel älter als ich. Aber immer so zart, so weich, ganz kindlich. Hab ich recht?"

„Ich glaub schon."

„Und Sie leben noch in Berlin?"

„Ja."

„Sie waren ein so ernsthafter kleiner Junge. Ich hab manchmal zugeseh’n, wie ihr Völkerball gespielt habt, nachmittags, wenn ich aus dem Geschäft kam. Sie haben das nie bemerkt, gell."

„Nein."

„Sie hatten doch hier eine Tante. Lebt sie noch?"

„Ich wohne bei ihr."

„Gut. Hermann. So weit die Erinnerungen. Weshalb rufen Sie an? Was kann ich tun, für Sie?" Ihre Stimme klang unverändert. Aber Hermann war sicher. Lilo Hermes hatte gerade auf die Uhr und den Terminkalender geblickt.

„Ich wüsste gern, wo ich die Doro erreichen kann."

Er hörte, wie sie eine Zigarette anzündete. Dabei sagte sie: „Dachte ich mir. Und nach ein paar Sekunden, die Hermann sehr lang vorkamen: „Doro hat nach Kanada geheiratet.

Ihn durchfuhr’s. Er überlegte, wie viel ein Flug nach Kanada kosten könnte. Aber er hatte gespart. Für Kanada, wie ihm jetzt schien.

„Würden Sie mir bitte die Adresse geben?"

„Doro lebt nicht mehr in Kanada", sagte sie.

Er wartete, fing an zu schwitzen. „Sondern?, fragte er schließlich. Er hörte, wie sie die Zigarette im Aschenbecher zerdrückte. „Wissen Sie was, sagte sie, „kommen Sie in zwei Stunden zu mir nach Haus. Ich wohn immer noch da. Ginge das?"

„Selbstverständlich."

Seine Hand flatterte, als er den Hörer auflegte. Das sah er mit Verwunderung. Hinter der halboffenen Küchentür stand die Tante am altmodischen Herd und schloss einen blinkenden Drucktopf. Er umarmte sie, versprach, rechtzeitig zum Abendessen zurück zu sein.

Er ging an Friedhofsmauern vorbei, lange. Als er die Seitenstraße mit dem unverändert kahlen kleinen Platz erreichte, blickte er sofort hinüber zu dem Haus, in dem er mit seinen Eltern gewohnt hatte und blickte auf das Dachfenster, hinter dem sein Zimmer gewesen war.

Er hörte die schrillen Stimmen der auf dem Platz spielenden Kinder, denen der klamme Novembernachmittag nichts ausmachte, und plötzlich fiel ihm ein Traum ein. Er hatte ihn oft geträumt in den ersten Berliner Jahren, später seltener. Mindestens zehn Jahre lang hatte er ihn vergessen.

IMMER BEGANN DER TRAUM in einem leeren weißen Zimmer. Er sah sich um, allein, ratlos, hilflos und wusste, Grauenvolles näherte sich. Unheimliches, qualvoller Tod.

Hastig verriegelte er das Fenster, ließ Rollläden herunter, lief zur Tür, schloss sie dreimal ab. Noch während er den Schlüssel hektisch drehte, beulte sich die Tür wie ein Segel, in das der Wind fährt, glitt leicht aus Schloss und Angeln.

Zugleich hob sich der Rollladen, das Fenster sprang auf, die Wände wurden durchlässig. Von allen Seiten drangen wilde Tiere ins Zimmer, zähnefletschend, Wölfe, Bären. Tiger, Löwen, bereit, ihn zu zerreißen.

Er wich zurück in einen Winkel des Zimmers. An die Wand gepresst, die für ihn nicht nachgab, spürte er lange scharfe Zähne um die Knöchel, an Oberschenkeln und Hüften. Er wollte schreien, konnte nicht, fuchtelte mit den Händen, nach denen sabbernde Gebisse schnappten, blickte in düsterfunkelnde, blutunterlaufene Augen und bückte sich plötzlich, wusste selbst nicht, wie er dazukam, fasste einigen der hechelnden Bestien ins Nackenfell, murmelte: „Aber ich liebe euch doch."

Sofort lösten sich überall die Zähne von seinem Körper. Die Tiere umdrängten ihn. wedelnd, schnurrend, brummend vor Wohlbehagen, wollten gestreichelt werden. Er griff in die dichten Zottelhaare, umarmte und liebkoste die Tiere. Dabei empfand er jedes Mal ein Glücksgefühl, das er sonst nicht kannte.

Er war eins mit den Tieren, gehörte zu ihnen, wie sie zu ihm gehörten. Sie schoben sich unter ihn, trugen ihn, stoben mit ihm davon. So flog er, eingehüllt in ihre wehenden Haare, beschützt, behütet, gewärmt, durch die Finsternis und wusste, die Tiere rasten zurück zu dem, der ihnen den Auftrag gegeben hatte, Hermann zu zerfleischen. Den wollten sie jetzt töten.

Hermann sang und schrie ekstatisch, keine Lust war größer. Aber nie erreichte er den andern, den unbekannten Feind.

Mitten in der rasenden Jagd entglitt er den Tieren, die ohne ihn weiterstürmten, sah mit weit geöffneten Augen aus seinem Bett hinter ihren, im Dunkel verblassenden, schimmernden Umrissen her und brauchte lange, bis er begriff, dass er geträumt hatte.

So kam er einige Male mühsam zu sich. Aber allmählich hatte er kaum noch Angst, wenn er wieder ins weiße Zimmer geriet. Er wusste ja, was folgte.

Und der Traum veränderte sich. Die Tiere besuchten ihn wie einen lang Vertrauten. Sie drangen nur herein, schnappten nach ihm. um von ihm umarmt zu werden, um ihn abzuholen für das gemeinsame Abenteuer der Jagd durch die Nacht, dessen Ende ihn kein Traum je sehen ließ.

Hermann ging über den Platz, um die spielenden Kinder herum und die Straße hinunter bis zum Park.

Dort glich kein Weg mehr den Wegen seiner Erinnerung. Trotzdem suchte er nach der Bank, auf der Doro und er gesessen hatten. Auch die Bänke sahen nicht mehr aus wie vor zwanzig Jahren. Damals waren sie grün und aus Holz gewesen. Jetzt waren sie aus gelbem Kunststoff.

Er fand seine Suche sentimental, prüfte aber einige Stellen, ob sie in Frage kamen.

Das Gesträuch um die Bänke herum war armselig, ein paar übriggebliebene, nasse Blätter hingen an dünnen Zweigen. Nichts, keine Bank, kein Busch, kein Weg passte zum Bild von Doro und ihrem Geigenkasten.

Und das Wasserschloss war renoviert.

Er verließ den Park, trank zwei Straßen weiter in einer düsteren leeren Wirtschaft Malteser und Selters und wartete, bis er Doros Mutter besuchen konnte.

Es war schon fast dunkel, als er jenseits des Parks die kleine Straße mit den alten Bäumen wiederfand. Vor der Backsteinvilla mit dem breiten weißgestrichenen Holzbalkon blieb er einen Augenblick stehen.

Der Gartenzaun war überwuchert von Heckenrosen. Einige blühten noch, leuchteten in der Dämmerung. An die Rosen konnte er sich nicht erinnern, nur an die schmiedeeiserne Klinke der Gartenpforte. Langsam ging er über einen kiesbestreuten Weg zum Haus. Was willst du hier, dachte er. Und klingelte.

„Ja? Wer ist da?"

Er betrachtete die bronzeverzierte Sprechanlage, aus der Lilos Stimme gekommen war.

„Hermann Rees", murmelte er.

Die Haustür sprang mit einem Schnappen auf. Er stand in einer hellen Diele zwischen alten Gemälden und vor einer riesigen, goldgemusterten, chinesischen Porzellanvase am Fuß der mit dicken Teppichen ausgelegten Treppe nach oben. Durch eine geöffnete Flügeltür, schräg gegenüber, blickte er auf brennende Holzscheite im Kamin des Wohnzimmers.

„Kommen Sie nur, Hermann. Lilos Stimme kam ihm jetzt weniger dunkel, weniger verraucht vor als vorhin am Telefon. „Ich hab mir beim Skilaufen eine Bänderzerrung geholt. Da beweg ich mich im Moment nicht gern.

Er legte seinen Mantel auf einen Barockstuhl neben der chinesischen Vase und näherte sich der Stimme.

Auf dem sehr breiten, sehr langen Sofa neben dem Kamin, umgeben von wuchtigen Polstersesseln, beleuchtet von Kerzen und einer schweren Stehlampe, saß zwischen nachlässig übereinander geschobenen Zeitungen, halb liegend, das linke Bein von Kissen unterstützt, eine hager wirkende Frau in dunkler Hose und hochgeschlossener roter Hemdbluse. Ein streng geflochtener, blonder Zopf hing ihr asymmetrisch links über Schulter und Brust, und forschend blickte sie Hermann aus dunklen Augen entgegen. In der Hand hielt sie noch das kleine Funkkommandogerät, mit dem sie ihm die Haustür geöffnet hatte. Erst als er vor ihr stand, legte sie es auf den niedrigen Tisch neben dem Sofa.

Sie sah jünger aus, als er vermutet hatte, schien höchstens vierzig, und sie glich ihrer Tochter überhaupt nicht. Dabei hatte es damals geheißen, Doro sei der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Das wusste er noch. Auch ihr Lächeln glich nicht Doros Lächeln. Und ihr Händedruck war kühl und überraschend weich. Doro hatte immer voller Wärme und ziemlich fest zugegriffen.

„Setz dich, sagte Lilo. „Und gieß uns Tee ein, falls es dir nichts ausmacht. Die Loni hat heut Abend frei. Aber sie war so lieb, noch alles für uns zu richten. Ich hoff, sie hat nichts vergessen.

Sie zeigte über den Tisch, auf die Tassen, den brodelnden Samowar, die Schale mit Kandiszucker, den Sandkuchen, die Gläser, die Flaschen. „Wenn du Wodka oder Whisky willst, bedien’ dich. Gell, ich darf wieder du zu dir sagen. Jetzt wo ich dich seh’. Du tust schon sehr deiner Mutter gleichen, übrigens. Erzähl von dir."

Als er umständlich Teesud und kochendes Wasser auf knackende Kandisstücke goss und Wodka einschenkte, spürte er die Hitze des Kaminfeuers im Gesicht und dass sein Zwerchfell, oder was immer es war, vor Aufregung und Ungeduld vibrierte.

Kuchenzerbröselnd antwortete er dann auf ihre Fragen nach beruflichem Werdegang, Einkommen, Freunden und wie er überhaupt so lebte, in Friedenau. Während sie fragte und er berichtete, tranken sie beide abwechselnd aus Glas und Tasse. Mehrmals füllte Hermann nach.

„Also, sagte Lilo, „verheiratet bist du nicht.

„Nein", sagte er.

„Freundin?"

Er hob die Schultern. „Sieht im Moment so aus, als hätte ich keine mehr."

„Ihr habt Krach gehabt. Und da hast du dich wieder an deine Jugendliebe erinnert. Gell?"

Er wollte sagen, ganz so war’s nicht. Aber er lächelte, war voller Wohlbehagen, Kaminfeuer und Wodka mit Tee taten ihm gut. Lilo gefiel ihm. Er mochte es, wenn sie „gell" sagte.

„Wie heißt sie?"

„Silvia."

„Bleib bei deiner Silvia, sagte sie schroff. „Oder bei einer andern, egal. Denk nicht mehr an Doro. Hörst du? Nie mehr.

Plötzlich schlug sein Herz in den Schläfen, und voller Unbehagen fühlte er, wie sich ihm die Hoden hart zusammenzogen.

Was ihn an Karla erinnerte, seine Freundin vor Silvia. Oft war’s ihm während der Eifersuchtsszenen von Karla so ergangen, wenn sie schrie, tobte, Messer und Kochtöpfe schleuderte. Und als sie ihn nach dem letzten Krach jäh verlassen hatte, um mit einem Orchesterwart zusammenzuleben, hatte die lästige Ballung von panischem Angstgefühl und diffuser Geilheit noch tage- und nächtelang angehalten, weder durch kalte Duschen noch durch beharrliches Onanieren zu lindern. Jetzt fand er sie gänzlich unpassend. Und an Karla wollte er schon gar nicht denken.

Er brauchte einige Zeit, bis er fragen konnte: „Was ist mit Doro?"

„Wann ich’s wüsst", murmelte Lilo. Sie zündete sich eine Zigarette an, bevor er ihr Feuer geben konnte. Er musste warten, bis sie die halbe Zigarette geraucht, ein weiteres Glas Wodka und eine weitere Tasse Tee getrunken und ein paar Sekunden ins Kaminfeuer gestarrt hatte. Dann berichtete sie knapp und sachlich.

Mit fünfzehn war Doro zum ersten Mal ausgerissen, nicht zum Zirkus, nicht zu den Löwen; nur um zu trampen, drei Monate durch Frankreich, Spanien, Italien. Alle acht Tage hatte sie brav eine Ansichtskarte geschickt: dass es ihr gutgehe, dass sie Geld verdiene mit Modell steh’n (Akademie Florenz) oder Geigespielen auf der Straße (Rom, Barcelona) oder Verkauf ihres langen Haars (Avignon), das wachse ja wieder nach, und dass sie Männer noch nicht an sich ranlasse, außer zu einem bisschen Fummeln. Im Übrigen sei sie nicht allein, überall habe sie zuverlässige Freundinnen und Freunde gefunden.

Sie wurde nicht aufgegriffen, kehrte freiwillig zurück, entschlossen, doch erst mal Abitur zu machen.

In den folgenden Jahren verschwand sie nur jeweils in den Oster- und Sommerferien spur- und adressenlos, rief während dieser Zeit aber gelegentlich an, um die Mutter zu beruhigen.

Einmal wurde sie von Lilos Bruder geseh’n, der mit seiner Familie in den Bergen Südfrankreichs Urlaub machte. In einem ärmlichen Wanderzirkus, der von Dorf zu Dorf durch die Cevennen zog, trat sie zwischen Hochseilartisten und Feuerschluckern als Gehilfin des Dompteurs auf. Sie hockte auf hingekauerten Löwen, spielte Geige, umarmt von Löwenpranken. Ihren entsetzten Onkel mochte sie nicht kennen. Sie sprach nur Französisch mit ihm.

Nach dem Abitur, das sie als siebtbeste oder zehntschlechteste bestanden hatte, „Sache der Perspektive", erläuterte Lilo schulterzuckend, verschwand Doro in Afrika.

Drei Jahre und eine Abtreibung lang lebte sie mit zwei Großwildjägern, die für private Abnehmer in Europa und den Vereinigten Staaten illegal große Raubkatzen fingen.

In dieser Zeit muss sie allmählich das Interesse an Löwen verloren haben. Die umfangreichen Briefe, die sie ihrer Mutter alle drei, vier Monate schickte, enthielten immer karger werdende Mitteilungen über das, was sie tat. Stattdessen beschrieb sie von Brief zu Brief ausführlicher, wie die meisten Menschen vegetieren mussten, mit denen sie in den zentral- und ostafrikanischen Staaten zusammenkam: den Hunger, die Krankheiten, die Unfähigkeit und den Terror lokaler Machthaber.

Sie erwog, Medizin zu studieren oder Biologie oder Geologie, auch Maschinenbau, um dann als Entwicklungshelferin zu arbeiten.

Von einem Tag zum andern verließ sie die Großwildjäger, geriet aber, bevor sie ein Flugzeug nach Europa erreichte, an einen Kanadier, der irgendwo zwischen Busch und Sumpf, Lilo erinnerte sich nicht mehr genau, in einer Baracke hauste, umgeben von Affen, Schlangen, Krokodilen, einziger Arzt für mehr als hunderttausend Schwarze.

Doro verliebte sich sofort in ihn, blieb bei ihm, half ihm und lernte so fast alles, was sie studieren wollte. Sie versorgte Patienten, legte Trinkwasserleitungen, baute Früchte und Getreide an, hielt Ziegen und Hühner, reparierte den Generator.

Als der Doktor nach zwei Jahren wegen einer schweren Lebererkrankung aufgeben musste, folgte sie ihm nach Quebec, bekam eine Tochter, heiratete ihn. In den nach wie vor spärlichen Nachrichten an die Mutter war dann weniger die Rede von der Enkelin als von den kanadischen Indianern, deren Kultur vom Eigentumsdenken der Weißen zerstört worden sei.

Keinem Indianer, schrieb sie, würde es einfallen, Grund und Boden zu beanspruchen. Die Erde gehörte allen gemeinsam wie das Wasser und die Luft. So ähnlich hätten übrigens auch die Schwarzen im Busch gedacht. Und von Brief zu Brief schien Doro mehr überzeugt, dass den Afrikanern nur zu helfen sei, wenn sie diesen Gedanken der gemeinsamen Verantwortung den Weißen gegenüber durchsetzten.

In Kanada sei alles gelaufen.

Für Afrika habe sie noch Hoffnung.

Es störte sie nicht, dass einige der von ihr verachteten, örtlichen, afrikanischen Machthaber ihre Bürger gerade im Namen solcher oder ähnlicher Ideen blutig unterdrückten. Sie fand, die seien korrupt oder unfähig, jedenfalls nicht konsequent. Junge Afrikaner müssten sich das technische Wissen der Weißen aneignen, das schon, aber vor allem: es verbinden mit ihren eigenen Überlieferungen, ihren Mythen und Erfahrungen. Das sei der Weg. Und da dieser Weg Geld koste, sei sie entschlossen, das Geld zu beschaffen.

„Ja", sagte Lilo nach dem nächsten Wodka und dem nächsten Tee, „aber die Doro hat natürlich bald gemerkt, dass für eine solche Idee kein Staat, kein Verein und kein Privatmensch Geld ausgibt.

Da hat sie von mir gefordert, ich soll ihr schon jetzt das auszahlen, was sie hier mal erben wird. Irgendeine obskure Organisation sollte das kriegen. Musst ich ja ablehnen, gell. Das war vor sechs Jahren. Seitdem hat sie mir nicht mehr geschrieben. Aber gehört hab ich schon noch von ihr. Dass sie ihren Mann und ihr Kind verlassen hat. Und wie sie sich ihr Geld beschafft."

„Wie denn?", fragte Hermann und fand die Frage sofort einfältig. Seine Anspannung nahm zu. In Lilos Gesicht entdeckte er jetzt einiges, das ihn an Doro erinnerte: Kinn, Mund, jenes Glitzern in den Augen, das ihn damals sehnsüchtig und schüchtern zugleich gemacht hatte. Auch war ihm, als schimmerten ihre Haare im Widerschein des schwächer werdenden Kaminfeuers rötlich.

„Sie ist untergetaucht", murmelte Lilo. „Manchmal ruft sie an. Das heißt, ich weiß nicht, ob sie’s ist. Aber ich denk schon. Nie spricht sie. Und spätestens nach einer Minute legt sie auf. Ich erzähl ihr, was es Neues gibt, von ihrem Mann, ihrer Tochter, von mir, von ihrem Bruder. Dass ich sie lieb habe, trotz allem. Was man so sagt.

Kann sein, ich sag’s zugleich auch der Polizei. Die hört ja mit, keine Frage. Manchmal denk ich auch, ich red’ nur noch mit der Polizei. Dass es längst nicht mehr die Doro ist, die da anruft. Dass es die andern sind. Weil die meinen, sie erfahr’n was von mir. Die lauern doch. Die haben doch nichts als ein Fingerabdruck von ihr."

„Also macht sie ...", begann Hermann und brach ab.

„Das ... Sie schlug auf die Zeitungen. „Aber was wird aus unserm Feuer. Wenn du so lieb wärst und tätst nachlegen.

Beflissen stand er auf. Und merkte zu spät, dass sich genau vor ihren Augen sein Glied schräg nach oben in der Hose markierte. Hastig drehte er sich um, bückte sich über den Korb mit Holzstücken, sagte sich, eine Dame übersieht das. Aber sie schien keine Dame sein zu wollen.

„Sehr liebenswürdig, dein Angebot. Die Stimme hinter ihm war kühl. „Und ich wüsst’ die Ehre zu schätzen. Schließlich bin ich dreiundzwanzig Jahre älter als du. Nur, ich glaub, ich bin ja nicht gemeint. Oder?

Vielleicht doch, wollte er noch in die Holzstücke hinein sagen, aber er wagte es nicht, ärgerte sich über sich, weil er’s nicht wagte, hasste einen Moment Karla, die, so empfand er unklar, schuld war, an dieser Situation, und richtete sich auf. Langsam wendete er sich Lilo wieder zu, stand vor ihr, erhitzt, in jeder Hand ein grobes Buchenscheit, suchte nach Worten.

Sie betrachtete sein Gesicht. „Schöne Augen hast du", murmelte sie. „Hattest du schon als Kind. Doro war ganz weg von deinen Augen. Mama, hat sie mir einmal gesagt, mal sind sie blau, mal sind sie grün, man muss nur richtig hinseh’n."

„Sie sind bloß grau", sagte er.

„Du siehst eben nicht richtig hin", sagte sie.

Er wandte sich ab, legte die Scheite ins Feuer, stocherte ein wenig in der Glut. Dann setzte er sich wieder.

„Lies. Sie reichte ihm einige der Zeitungen. „Die sind von heute. Oder kennst du sie schon?

„Nein, sagte er und blickte auf das Foto vom Überfall auf die Spandauer Filiale. Jetzt stand nicht mehr darunter: Der unbekannte Bankräuber. Die Polizei, hieß es im Text neben dem Bild, habe Fingerabdrücke von Thea Evers gesichert. Die seit Jahren gesuchte „äußerst gefährliche, terroristische Einzelgängerin befinde sich vermutlich noch in West-Berlin. Es gebe Anzeichen dafür, dass sie einen weiteren Bankraub beabsichtigte. Ein Zeuge habe sie „zweifelsfrei" erkannt, als sie den Eingang einer andern Bankfiliale fotografierte.

Hermann sah auf. Lilo hatte ihn beim Zeitunglesen beobachtet, einige lose Strähnen ihres Zopfs zwischen den Zähnen.

„Evers?, fragte er. „Heißt so der Kanadier?

Sie nickte, kaute. Er starrte auf das Foto. Fast alle Zeitungen hatten es wieder veröffentlicht, wenn auch jetzt in verschiedenen Ausschnitten und Vergrößerungen. In keinem Ausschnitt, in keiner Vergrößerung erinnerte ihn die Person auf dem Foto an Doro.

„Gell?, sagte sie und zog die Haarsträhnen langsam zwischen ihren Zähnen durch. „Hat mit Doro nichts zu tun.

„Nein, murmelte er und sah ihr zu, „überhaupt nichts.

„Aber sie ist es."

Ihm fiel ein, vor der Kasse seiner Filiale, gegenüber dem Niederländer, hing ein Plakat mit Fahndungsfotos. Weder Gesichter noch Namen hatte er je beachtet.

„Nein, sagte er. „kann ich mir nicht vorstellen. Doro und äußerst gefährlich, Doro, terroristische Einzelgängerin. Was heißt das überhaupt.

Lilo ließ die Haare aus den Zähnen gleiten, schleuderte mit einer raschen Kopfbewegung den Zopf nach hinten über die Schulter. Während sie eine Zigarette anzündete, sagte sie: „Doro schießt, wenn was nicht klappt. Ja, das tut sie."

Ihre wieder sehr dunkle, nur scheinbar ruhige Stimme vibrierte ein wenig.

„Hat schon zwei Leute schwer verletzt, vor vier Jahren einen Bankangestellten, voriges Jahr einen Polizisten." Sie rauchte.

„Abgeseh’n davon, dass terroristische Einzelgängerin wirklich ein Stuss ist, ein dumpfer. Die wissen, was der Doro so in die Finger kommt, das geht irgendwie nach Afrika, zu dieser windigen, revolutionären Organisation.

Doro kann nicht mehr im Ernst denken, davon werden Studienplätze bezahlt. Oder Tonbandaufnahmen mit den Weisheiten von aussterbenden Medizinmännern und Kräuterweibern. Oder Videos mit Tänzen, verbotenen Riten, kultischem Kram. So ein Schwachsinn.

Natürlich kaufen die Waffen. Die wär’n ja blöd, sonst. Bloß, die Doro, die kann jetzt nicht mehr zurück. Das ist das Problem."

Lilo warf die brennende Zigarette zum Kamin. Sie warf zu kurz. Die Zigarette fiel vor dem Kamin auf den Marmorboden, knapp am Teppichrand vorbei. Sie sah nicht hin. Sie sah Hermann an. „Glaubst du, die Doro ist typisch für eure Generation?"

„Weiß ich nicht."

Er hatte auf die glimmende Zigarette vor dem Kamin gestarrt und die Frage kaum wahrgenommen, so sehr beschäftigte ihn ein einziger Gedanke: dass ihm erst jetzt, weil er nach ihr gesucht hatte, Doro endgültig abhandengekommen war.

Nur in seinen Erinnerungen und Träumen hatte er noch die wirkliche Doro. Ihre zarte blaugeäderte Brust. Ihr Lachen. Ihre lang geringelten roten Haare. Ihre ernsthafte Verrücktheit. Ihre Unbedingtheit. Ihre Wärme, ihre Zuneigung. Thea Evers war jemand anders. Eine Phantasmagorie von Doro, ihr Trugbild. Das allerdings raubte und schoss. Er brachte es nicht mit Doro zusammen.

„Bist du typisch für eure Generation?"

„Keine Ahnung."

Es gab keinen Grund mehr, neben dieser fremden Frau vor dem Kaminfeuer zu sitzen. Ihre glatten blonden Haare hatten nicht den geringsten rötlichen Schimmer, das Funkeln ihrer kühl Besitz ergreifenden, dunklen Augen, Fressaugen, würde seine Tante sagen, hatte nichts zu tun mit Doros hellem Augengeglitzer, und das Vibrieren ihrer Stimme, das unter Umgehung der Ohren direkt auf äußerst reizbare Nerven bei ihm zu treffen schien, hatte ihn nicht zu interessieren. Es war Zeit, sich zu verabschieden. Erstand auf.

„Ja, sagte er, „ich glaube ...

„Ich hätt vielleicht Lust, jetzt ..., sagte sie. „Wenn du mich hierhin küsst. Sie knöpfte die Hemdbluse auf. „Hier oben. Und tippte mit dem linken Mittelfinger auf eine Stelle unterhalb der rechten Schulter. „Machst du’s richtig, komm ich in Fahrt.

„Aber ..., murmelte er, weniger erregt als beunruhigt durch die plötzliche Verwandlung der Unternehmerin und sorgenvollen Mutter in eine lustbereite Frau. Außerdem missfiel ihm, dass ihm vorgeschrieben wurde, wohin er zu küssen hatte, um sie „in Fahrt zu bringen. Sie sah ihn abwartend an, den Kopf leicht schräg geneigt, lächelte. Aber ihr Lächeln half ihm nicht, es schien ihn einzuladen und zugleich abzuweisen.

Da er sich nicht rührte, begann sie nach einer Weile, die Hemdbluse wieder zu schließen. Mit zwei Schritten war er bei ihr. Er kniete sich neben das Sofa, beugte sich über sie, dem Geruch ihrer Haare entgegen, und hielt mit einer Hand ihre zuknöpfende Hand fest, mit der andern schob er die Bluse auseinander. In der zarten Beuge zwischen Hals und Schulter, oberhalb der Schlüsselbeinkuhle, ruhte ein winziger Schmetterling, ein Pfauenauge.

Die Tätowierung war so geglückt, die Täuschung so vollkommen, dass Hermann einige Sekunden zögerte, bevor sein Mund das Insekt berührte. Es zitterte unter seinem Bart, seinen Lippen, wenigstens kam’s ihm so vor.

Vielleicht war’s aber auch er selbst, der zitterte und sein Zittern übertrug, in sehr unbequemer Haltung, nur auf einen Arm gestützt, der daher gar nicht anders konnte als zu zittern, versuchte er, weiterhin neben ihr kniend, über sie gebeugt, sie auf Hals, Brust und Lippen zu küssen und gleichzeitig sie und sich auszuziehen, das bandagierte Bein zurechtzulegen, Zeitungen wegzuräumen und „den Ast ins Moos zu bringen", wie Karla das genannt hatte.

Ihm war der Ausdruck immer peinlich gewesen, noch unangenehmer und geradezu begierde-bedrohend hatte es ihn nur getroffen, wenn sie vom „Erzengel Gabriel im Paradiesgärtlein" sprach.

Glücklicherweise hatte er Karlas Vergleiche während der Zeit mit Silvia vergessen; dass sie ihm jetzt wieder einfielen, nahm er Karla übel. Aber ihm blieb kaum Zeit zum Übelnehmen.

Lilo hatte ihn anfangs gewähren lassen, amüsiert, er merkte es deutlich. Dann hatte sie die Stehlampe ausgeschaltet und mit ein paar Handgriffen seine aufgeregten Hantierungen unterstützt.

Nun, als er endlich auf ihr lag, an ihr und in ihr um Lust bemüht, sah er im Schein des wieder aufflackernden Kaminfeuers und der niedergebrannten Kerzen, dass ihr Körper fast noch jugendlich war, schlank, dabei weich, die Haut überall leicht gebräunt. Nur wenige Bauchfalten und einige Geweberisse ließen Erschlaffung und kommenden Verfall ahnen.

Mit Genugtuung beobachtete er, wie die eben noch so überlegene Frau sich unter ihm wand, wie sie den Kopf hin- und herwarf, mit halbgeöffneten oder geschlossenen Augen, wie sie seufzte und bald in den sich auflösenden Zopf, bald in seinen linken Oberarm biss.

Aber die Bisse, die zunächst noch verspielt wirkten, nahmen rasch an Intensität zu, sie schmerzten, und zunehmend irritierte ihn auch, dass sie seine kalkulierten Bewegungen mit immer heftigeren eigenen Stößen erwiderte. Zwischen den einander folgenden Orgasmen von ihr suchte er nach einer Möglichkeit für den eigenen, setzte ihn schließlich gegen ihren Rhythmus durch und glitt, tief ausatmend, zur Seite.

Auf dem großen Sofa saßen sie dann einander in den Ecken schräg gegenüber, nackt, schwitzend, in die Polster gelehnt. Ihr bandagiertes Bein ruhte auf einem seiner Oberschenkel, er kraulte mit dem freien Fuß ungeschickt, was für Karla „der Eingang der Liebesgrotte" gewesen wäre.

Lilo hielt die Augen geschlossen, das Gesicht halb verborgen unter wirren Haaren, streichelte mit der linken Hand seine rechte. „Möchtest du was trinken?", fragte er.

Sie schüttelte die Haare.

„Zigarette?"

Sie antwortete nicht.

„Du bist schön", sagte er.

Sie hob die Schultern. „Liegt am Kaminfeuer. Das modelliert."

„Der Schmetterling, sagte er. „Das ist wirklich originell.

Sie hielt die Augen weiterhin geschlossen, hörte auf, seine Hand zu streicheln, ließ ihre Hand auf seiner ruhen. „Idee von Hermes. Er war über fünfzig, als wir heirateten, ich grad zwanzig. Verrückt, ja. Aber ich glaub, ich hab ihn geliebt.

Er wollte auch, dass ich mir eine Sonnenblume um die Möse tätowieren lass’. Er wollt in eine Sonnenblume ficken. Und seine Kinder sollten aus einer Sonnenblume geboren werden. Ich hab ihn hingehalten. Hätt ich nicht sollen. Heut tut’s mir leid. Er ist ja bald gestorben. Da war die Doro erst sieben. Ich glaub, er war der zweitwichtigste Mann in meinem Leben. Nein, ich bin sicher."

„Du überraschst mich", sagte er.

„Ja?"

„Wie du redest."

„Ich red’, wie ich eben red’."

„Und der wichtigste? Gibt’s den noch?"

„Nein."

Nach einer Weile fragte er vorsichtig weiter: „Und wo bringst du mich jetzt unter in deiner Hierarchie?"

Sie öffnete die Augen, strich sich die Haare aus dem Gesicht, streckte das bandagierte Bein. Mit dem großen Zeh tippte sie zärtlich den geschrumpften Erzengel an.

Ihm war das nicht angenehm. Er zog Füße und Hände von ihr zurück, kauerte sich noch mehr in die Sofaecke, sah zu, wie sie jetzt doch eine Zigarette anzündete, blickte über die rings um das Sofa verstreuten Wäschestücke und Zeitungsblätter. Er hätte sich gern wenigstens den Slip wieder übergestreift. Aber er entdeckte ihn nicht.

Im Kamin war nur noch Glut und Knistern, eine Kerze erlosch. Die andern flackerten. Es wurde dunkler und kühler. Und die Stimme der rauchenden, nackten Frau auf dem Sofa neben ihm schien aus großer Ferne zu kommen.

„Kennst du Geschichten von Boccaccio?"

„Weiß nicht, sagte er. „Den Film, ja.

„Da schlafen Leut’ miteinander, im Dunkeln, stumm, die sind schon lang Mann und Frau oder sonst wie liiert, aber sie denken, sie umarmen ihre neue Geliebte, ihren neuen Liebhaber, man hat sie reingelegt, gell, und sie erkennen sich gegenseitig nicht. Das hab ich nie verstanden. Wie das möglich ist. Sich nicht mehr erkennen. Wo man doch weiß, wie sich der Körper vom anderen anfühlt. Wie er riecht, sich bewegt. Dich würd ich wiedererkennen, im finstersten Zimmer der Welt."

„Woran?", fragte er, mit plötzlichem Herzklopfen.

„Du hast Angst", sagte sie.

„Angst?"

„Du gibst dich nicht hin. Weder mir noch dir."

Er starrte sie an, wusste nicht, was antworten. Das Pfauenauge auf ihrer Schulter starrte zurück. Unwillkürlich fasste er nach seiner Schulter, wo einige Zahnabdrücke und Blutergüsse sich abzeichneten.

Sie lächelte.

„Siehst du, sagte sie, „das ist der Beweis. Ich merk’s nicht. Aber ich beiß keinen, der sich hingibt.

Auf dem Kommandogerät neben Lilos Teetasse begann ein kleines Licht zu blinken.

„Telefon", murmelte sie. „Wird Joachim sein. Aber ich hab keine Lust jetzt. Wenn du ihn sehn willst, geh so um Mitternacht ins Nizza. Da hat er sein Verbandstreffen wohl hinter sich. Was schaust du so unglücklich, sagte sie plötzlich. „Komm.

Er kroch und rutschte zu ihr hinüber, sehr überrascht von sich, dass er’s tat. Mit raschem Griff zog sie vom Sessel neben dem Sofa eine breite weiche Decke und wickelte sie beide hinein. Arm in Arm, ohne sich zu rühren, lagen sie in und unter der Decke. Er sah dem Blinken zu, bis es erlosch.

Im Kamin glimmten die verkohlten Holzreste. Vom Vorplatz fiel ein Lichtstreifen durch die angelehnte Tür zwischen die dunklen Umrisse der Möbel ins Zimmer.

Er wusste nicht, wie lange er so gelegen hatte, hellwach, mit jagenden, aber unklaren Gedanken. Irgendwann spürte er, dass sie, den Kopf an seine Schulter gelehnt, eingeschlafen war.

Behutsam drehte er sich aus ihren Armen, aus der Decke, suchte geräuschlos zwischen den Zeitungen vor dem Sofa Slip, Hemd und Anzug zusammen. Dann ging er auf den Vorplatz und zog sich an, griff nach dem Mantel. Als er das Haus verließ, achtete er darauf, dass die Haustür so leise wie möglich zuschnappte.

Gleich am nächsten Vormittag flog er zurück. Was sollte er noch in Frankfurt. In den Morgenzeitungen stand, dass die Westberliner Polizei den Schlupfwinkel von Thea Evers ausfindig gemacht hatte, eine Lichterfelder Kellerwohnung.

Die Terroristin selbst sei im letzten Moment entkommen. Einiges spreche dafür, dass sie über Ostberlin nach Schweden gelangt sei.

Es berührte ihn, und es berührte ihn nicht. Ihm war, als habe er mit Doro geschlafen und sie zugleich betrogen, sie erkannt und gleichzeitig nicht erkannt, sie aus jahrelangem Koma ins Leben zurückgeholt und gerade dadurch getötet.

So nahm seine Unruhe zu. Er saß wieder bis in die kalten nassen Frühmorgenstunden im Altfriedenauer Eck.

Sie könnte hier vorbeigekommen sein, dachte er, Zigaretten zieh’n, ein Bier trinken. Oder er streifte, wie früher, durch entlegene Stadtviertel. Noch hatte er Urlaub.

In Frohnau, wo er nie zuvor gewesen war, in einer Straße mit Gras auf dem Bürgersteig und in Asphaltritzen, zwischen pedantisch-heimeligen, kleinzimmrigen Häusern, mit winterlich geordneten Vorgärten und elektrifizierten, schmächtigen Vorweihnachtsbäumen darin, traf er eines grauen Morgens, übernächtigt, frierend, einen Kollegen, der gerade sein qualmendes Auto vor der Gartentür Warmlaufen ließ.

„Was denn, sagte der Kollege aus dem rasch heruntergekurbelten Fenster, „wieso biste denn nicht auf Teneriffa, Mensch!

„Man lässt den Motor nicht Warmlaufen, erklärte er. „Man fährt gleich los. Wenn man die Richtung weiß.

Der Kollege grinste, gab kopfschüttelnd Gas.

Am Abend des dritten Tages rief er Lilo an.

„Sind meine Blumen angekommen?", fragte er nur.

„Hermann. Ihre Stimme war so dunkel, so verraucht wie beim ersten Telefongespräch. „Sehr schöne Blumen, ja. Sehr sinnig. Sonnenblumen im November! Wie bist du da bloß drangekommen.

„Paar Telefongespräche. Lilo?"

„Ja?"

„Ich denk über das nach, was du gesagt hast."

„Mach das nicht. Ich hab auch nachgedacht. Ich hätt’s dir nicht sagen sollen. Du bist eben so. Manche können sich hingeben, manche nicht. Du hast einen schönen Schwanz, dein Arsch fasst sich gut an, du tust angenehm riechen, bist nicht dumm. Du wirst irgendwie zurechtkommen."

„Wie du redest."

Sie lachte: „Hast du schon mal gesagt."

„Und zurechtkommen, was heißt das. Ich möchte lieber zu dir kommen. Bald wieder."

„Du warst doch eben erst da."

„Das war so kurz."

„Hätt’st ja bleiben können."

„Wie?"

„Noch mindestens acht Stunden."

„Lilo – das ist – das hab ich nicht gewusst."

„Warum hast du’s denn nicht gewusst."

„Du hast geschlafen."

„Ich hab nicht geschlafen. Ich dachte mir, die Angst, vielleicht hab ich sie ihm gemacht, jetzt tu ich mal nichts, soll alles jetzt von ihm ausgeh’n. Rühr dich nicht. Alles, wie er will. Und wenn er weg will, geht er weg."

„Geh um Mitternacht noch ins Nizza, hast du gesagt."

„Wenn du Joachim sehn willst, ja. Wolltest du ihn denn sehn?"

„Ich hab überlegt ... Aber ich kenn ihn kaum. Wozu, hab ich gedacht."

„Und bist zu deiner Tante."

„Ein Missverständnis, Lilo. Nichts als ein blödes Missverständnis."

„Glaub ich nicht, Hermann."

„Du hättest dich wirklich rühren können. Mir ein Zeichen geben ..."

„Vielleicht. Aber ich hab’s eben nicht getan."

„Lilo."

„Nun horch doch mal. Du hast mit einer Art Schwiegermutter gevögelt. Sieh’s mal so. Das kann passieren. Aber man macht keine Dauereinrichtung draus, gell."

„Ganz schön zynisch."

„Nein, realistisch. Wird oft verwechselt. Übrigens hatt’ ich wieder einen von diesen Anrufen, wo’s am andern End stumm bleibt. Vielleicht diesmal ja aus Schweden. Ich hab ihr von dir erzählt. Dass du nach ihr gefragt hast. Dass ich dich gut leiden kann. Sonst nichts, keine Sorge. Bitte entschuldige mich jetzt."

„Lilo."

„Gleich kommt Joachim mit einem Zentner Bilanzunterlagen. Wir müssen alles durchseh’n. Entweder der Chefbuchhalter spinnt oder der Computer. Oder beide. Da geht die Nacht drauf."

„Acht Stunden, ja?"

Sie lachte. Dann sagte sie ruhig: „Lass von Zeit zu Zeit von dir hören, wann’s dir danach ist. Was du so machst, beruflich und auch sonst. Tschöh."

In dieser Nacht ging er nicht ins Altfriedenauer Eck.

Er schrieb an Silvia. Er bat sie, sich mit ihm zu treffen. Ihm sei einiges klargeworden. Vielleicht sei auch einiges zu ändern. Er brauchte Stunden für die paar Sätze. Über den Umschlag schrieb er: Bitte nachsenden. Lange nach Mitternacht ging er hinunter, um den Brief einzuwerfen.

Durch die Straße fegten Regenböen. Er war sofort durchnässt, stand neben dem vor Nässe glänzenden Briefkasten unter der altmodischen Straßenlampe, sah über die von Nässe glänzenden Autos zugeparkte Straße, über Pfützen und Bauschutt und in den finsteren Himmel. Und fürchtete sich davor, dass Lilo recht haben könnte. Dass er „irgendwie zurechtkommen" werde.

DIE NÄCHSTEN ABENDE verbrachte er auf die inzwischen schon übliche Art. Freunde mochte er noch immer nicht sehn. Seine Arbeit begann wieder am nächsten Montag; bis dahin wollte er allein sein, mit seiner Unruhe.

Am Donnerstag kaufte er, wie zur Zeit mit Silvia, fürs Wochenende ein: Fleisch, Geflügel, Eier, Obst, Säfte, Milch, Cognac. Er schob Päckchen und Tüten unausgepackt in den Kühlschrank. Sie würden sich halten. Ihm genügte zu wissen, dass er zu essen hatte. Außer Milch brauchte er im Moment nichts. Hatte er Hunger, ging er sowieso ins Altfriedenauer Eck.

GEGEN NEUN AN DIESEM Abend geriet er dort in eine Weihnachtsfeier. Ein kleiner Betrieb hatte den düster getäfelten, mit Butzenscheiben aus den fünfziger Jahren versehenen Gesellschaftsraum gemietet.

Die Leute hatten an hufeisenförmig zusammengestellten, weißgedeckten Tischen gegessen und die Teller und Schüsseln mit Speiseresten zwischen Tannenzweige und Lametta geschoben.

Nun saßen sie unter Neonleuchten vor Bier und Wein, lärmend, lachend, kreischend, viele schon betrunken. Ein Ziehharmonikaspieler und ein Klarinettist machten Tanzmusik, und zwei, drei ältere Paare bewegten sich auch vor dem behängten Baum, schwerfällig-aufgekratzt, rotgesichtig, vorsichtig.

Hermann sah eine Weile zu, ging dann den Flur hinunter zur Küche, um den Wirt zu fragen, was es noch zu essen gab. Hinter einer angelehnten Tür neben den Toiletten hörte er Poltern, Schluchzen, heftiges Flüstern. Ohne nachzudenken schob er die Tür weiter auf, blickte ins Zimmer.

Früher hatte man hier Billard gespielt. Jetzt war es nur noch ein Abstellraum. Eine staubverschmierte Ecklampe beleuchtete übereinandergeschichtete, abgenutzte Gartenstühle und Tische, eine verwahrloste Tapete, ein schwarzes Herrenjackett an einem Haken, Pappreste und Buntstifte auf dem grauen Linoleumboden: Kinder hatten hier eine Krippe ausgeschnitten und zusammengeklebt. Sie stand halbfertig mit Hirten und Ochs und Esel aus Knetgummi auf dem ramponierten Billardtisch.

Über den gebeugt lag, ein Kopf mit sehr kurz geschnittenem, dunklen Haar zwischen den Hirten, Brille, daneben, Finger in den zerrissenen grünen Stoff gekrallt, eine junge Frau.

Sie hatte den Rock hochgeschlagen, der Slip hing ihr in den Kniekehlen. Hermann sah noch den flachen weißen Hintern, bevor der Mann neben ihr hastig einen halbsteifen Schwengel aus der Hose gezerrt und mit Hilfe der rechten Hand darunter geschoben hatte. Mit der linken riss er sich Hose und Unterhose nach unten.

„Nein, flüsterte sie in das Billardtuch, „da nicht ... so, ja. Nein, zu weit ... Nicht da. Nun mach doch endlich.

Ihre linke Hand zuckte, stieß einen Hirten um. Die Frau bückte sich noch mehr, streckte die Hand nach hinten zwischen ihren Beinen durch, unter sein weißes Oberhemd und nun schoben, zerrten und stopften sie gemeinsam, zweistimmig keuchend, zur gedämpften Quietschmusik von nebenan.

„Ja, da ... da, ja ..."

Der Mann lehnte sich über ihren Rücken, seine blassen Beine zuckten über dem Hosenknäuel um seine Schuhe. Er presste kurz seine Stirn an den Nackenkragen ihrer silbernen Bluse, umklammerte ihre Schultern. Sie legte die Hand zurück aufs Billardtuch, um mit beiden Armen die kommenden Erschütterungen abzufedern, stellte rasch auch den Hirten wieder auf, während der Mann schon anfing zu rammeln, einen Ausdruck tiefer Verzweiflung im gutmütigen Gesicht, die Augen voller Tränen, und mit einer Geschwindigkeit, die Hermann nicht für möglich gehalten hätte.

„Ach, Liebes ..., stöhnte der Mann, und Hirten, Ochs und Esel zitterten auf dem Billardtisch, „... ach, Liebes. Bis beide mit einem zweifachen, unterdrückten Schmerzenslaut erstarrten. Aber sofort begann das Doppelkeuchen wieder, das zweihändige Geschiebe und Gezerre.

„Da, ja ... Nein, da."

Plötzlich bemerkte Hermann, dass er schon sehr lange zusah. Verlegen, weil er sich selbst als Spanner ertappt hatte, trat er in den Gang zurück, schloss die Tür so leise er konnte. Aber der Mann und die Frau, da war er sicher, hätten ihn auch nicht wahrgenommen, wenn er die Tür zugeschlagen oder beide weiterhin angestarrt hätte, so sehr waren sie aufeinander konzentriert, schon jenseits der Wahrnehmung ihrer Umgebung, jenseits der Angst vor Entdeckung.

Er mochte nichts mehr essen.

Und als Ziehharmonika und Klarinette mit „O du fröhliche" begannen, floh er.

Er lief noch einmal um den Block, ratlos, weil seine Beunruhigung wieder zunahm, stieg dann zu seiner Wohnung hinauf, öffnete, machte Licht. – Und blickte auf eine Revolvermündung.

Einen Moment hielt er für möglich, dass er betrunken im nassen Bauschutt unten auf der Straße lag und träumte.

Aber er wusste, er hatte nicht getrunken.

Und die vermummte Albtraumfigur, die mit einem Revolver auf ihn zielte, stand wirklich vor ihm. Sie hatte einen schwarzen Herrenhut auf und einen grauen Strumpf mit Sehschlitzen und Atemlöchern übers Gesicht gezogen. Am hochgeschlossenen dunkelgrauen, langen Pullover waren breite tiefe Seitentaschen angebracht. Auch die Seitentaschen der weiten grauen Hose schienen sehr tief zu sein. Die ziemlich kleinen Füße steckten in schmuddeligen Turnschuhen, die Hände in grauen Stoffhandschuhen.

All das sah Hermann in einer Sekunde, auch, dass der Pullover, so schlabberig er hing, nicht verbarg, wer ihn trug: eine Frau. Neben der Frau lag ein Rucksack auf dem Boden, darüber ein Trenchcoat. Die Frau bedeutete ihm mit dem Revolver, die Wohnungstür zu schließen und den Mantel auszuzieh’n.

Das tat er. Anschließend musste er vor ihr her ins Wohnzimmer geh’n.

Dort waren die Vorhänge zugezogen. Sie hatte am Tisch gesessen und seine kleine Reiseschreibmaschine benutzt. Seine wenigen Bücher waren aus dem Regal geworfen worden, sie lagen verstreut auf dem Teppich. Die Stehlampe am kleinen Ecktisch war zur Wand gedreht, ihr Schein fiel nicht mehr ins Zimmer, sondern auf einen der beiden dicken Uraltsessel, vor vielen Jahren ertrödelt. Der Fernsehapparat war eingeschaltet, der Ton weggedreht.

Die Frau, hinter Hermann, hatte Rucksack und Trenchcoat aufgenommen. Nun warf sie beides durch die offenstehende Tür des angrenzenden Schlafzimmers. Er sollte sich in den beleuchteten Sessel setzen.

Er setzte sich.

Sie ließ sich vorsichtig im Polster des andern nieder, den Revolver weiterhin auf ihn gerichtet.

Doro, dachte er, Doro! und hielt es gleichzeitig für ausgeschlossen. Der Trenchcoat sah nicht aus wie der Knautschmantel auf dem Foto vom Banküberfall. Thea Evers war, laut Angaben der Polizei in den Zeitungen, so groß wie Hermann, einsachtundsiebzig. Die Frau vor ihm im Sessel war sicher fünf Zentimeter kleiner.

Und würde Doro ihn mit dem Revolver bedrohen? Doch, sie würde. Aber würde sie sich ausgerechnet bei ihm verbergen wollen? Warum nicht. Gerade bei ihm. Konnte sie nicht von Lilo seine Adresse erfahren haben? Wo sonst sollte sie sich geschützt fühlen. Aber wenn sie’s nötig hatte, sich ausgerechnet bei ihm geschützt zu fühlen, warum dann die Vermummung?

Weil sie nichts von ihm wusste. Durfte sie sicher sein, im Hermann von heute, den zwölfjährigen Hermann wiederzufinden? Fand er denn in Thea Evers die zwölfjährige Doro wieder?

Die Vermummung würde, zunächst mal, beiden helfen. Nur, diese Frau war nicht Doro. Sie tat bloß so. Er fühlte sich weniger gefährdet als reingelegt.

„Was soll das?", fragte er.

Sie

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