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Wider den Luxus der Hoffnungslosigkeit

Wider den Luxus der Hoffnungslosigkeit

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Wider den Luxus der Hoffnungslosigkeit

Länge:
107 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 5, 2013
ISBN:
9783451345883
Format:
Buch

Beschreibung

Welchen Wert haben Visionen von einem anderen Leben, wenn alle Fantasie unterm Sachzwang verkümmert? Das Autorenpaar setzte bereits 1995 den Ängsten und der Resignation konkrete und fantasievolle Geschichten vom Aufbruch entgegen. Auch 2012 gilt, was damals schon richtig war: Gegen Kälte und Gleichgültigkeit wirken nur kreative Hoffnungszeichen. Ein spannendes Dokument einer Theologie der Mystik und des Widerstands, die zeitlos und kraftvoll in die Gegenwart strahlt.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 5, 2013
ISBN:
9783451345883
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Wider den Luxus der Hoffnungslosigkeit - Dorothee Sölle

Dorothee Sölle/Fulbert Steffensky

Wider den Luxus

der Hoffnungslosigkeit

Herausgegeben von Matthias Mettner

KREUZ

Impressum

Titel der Originalausgabe:

Wider den Luxus der Hoffnungslosigkeit

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 1995

ISBN 978-3-451-04257-7

© KREUZ VERLAG

in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

Alle Rechte vorbehalten

www.kreuz-verlag.de

Umschlaggestaltung: agentur IDee

Umschlagfotos: © privat

ISBN (E-Book) 978-3-451-34588-3

ISBN (Buch) 978-3-451-61221-3


Inhalt


Dorothee Sölle: Ein Wildfang der Hoffnung

von Fulbert Steffensky

Einleitung

»Ich weiß nicht, worauf ich hoffen soll«

Blamierte Utopien und verkümmerte Visionen

»Ich kann sowieso nichts daran machen«

Todeswissen und ritualisierte Hoffnungslosigkeit

Kultur der Erinnerung

Lebensbilder und Hoffnungsgeschichten

Ein anderer Zugang zur Wirklichkeit

»Gott hat unsere Tränen geweint«

Gottesverflüchtigung

Sehnsucht nach Ganzheit

Glück-Wünsche

Innerlichkeit und Esoterik statt Engagement für die Befreiung?

Wie ernähren wir unsere Träume?

Anhang


Dorothee Sölle:


Ein Wildfang der Hoffnung


Zwei Adjektive wurden bei der Nennung von Dorothee Sölle am häufigsten gebraucht, das eine: die umstrittene Theologin; das zweite: die streitbare Theologin. So wurde sie von vielen wahrgenommen, und so will ich zuerst von ihrer Streitlust reden. Streit steht in christlichen Horizonten nicht hoch im Kurs. Die Bibel warnt oft genug vor Unfrieden und Zank. Paulus behauptet in seinem Hohen Lied der Liebe, dass diese alles erträgt, alles glaubt, alles hofft und alles erduldet. Dieser große Hymnus auf die Liebe ist eines der schönsten Stücke der Bibel. Aber es gibt keine Schönheit, die nicht missbraucht worden wäre. Sie konnte zu einer blutleeren Sanftmut und zu einer fahrlässigen Friedfertigkeit werden. Sie konnte zu einer Vertuschung der Wahrheit aus besten Absichten werden, gelegentlich auch zum Verschweigen der Wahrheit aus Feigheit und Faulheit. Der Prophet Amos war nicht gerade friedfertig, wenn er die verschwenderischen Frauen fette Kühe nennt, die den Geringen Gewalt antun und die Armen schinden (4, 1). Jesus war es nicht, wenn er den Reichen droht, die ihren Trost schon haben und die die Armen ungetröstet lassen (Lukas 6, 24). Die »streitbare Theologin« war es nicht, wenn sie gegen die »hilfreiche Hoffnungslosigkeit« derer kämpft, denen es gut geht und die keine Veränderung anpacken. Ja, sie hat gestritten; gestritten gegen die Trägheit ihrer eigenen Kirche; gestritten gegen die Militarisierung der Gesellschaft und gegen den ungeheuren Waffenexport. Sie war immer irgendwo am Zündeln, in ihrem eigenen Land, in Lateinamerika, in den USA. Ich erinnere mich an einen ihrer großen Zornesausbrüche. Sie hatte das Bild eines zehnjährigen Jungen gesehen, dem eine Streubombe einen Arm und ein Bein abgerissen hat. Streubomben: CBU-105 heißt ein amerikanisches Modell, eine große Bombe, die sich im Flug öffnet, und heraus fliegen vierzig kleine Sprengkörper, rund, etwa von der Größe eines Tennisballs, in der Sprache der Zyniker Bombletten genannt. Lange nach den Kriegen treten Menschen darauf, und sie werden zerrissen. Inzwischen sind die Bomben geächtet. Der Junge aus dem Libanon ist aber immer noch ohne Arm und Bein. Wie hart muss ein Herz sein, das darüber nicht in Wut entflammt!

Dorothee Sölle war ein Mensch der Sorge. Sorge ist eines der mütterlichsten Wörter unserer Sprache. Zu dieser Sorge gehört das Wissen darum, was Menschen angetan wird. Man muss die Stimmen der Kinder hören lernen. Man muss die Stimmen der Frauen hören lernen, die sagen: Mein Mann hat mich mit dem Bügeleisen gebrannt; die sagen: Er hat mich mit den Füßen in den Unterleib getreten; die sagen: Er schreibt mir vor, wohin ich gehen darf oder nicht. Es gibt eine leichtsinnige Unwissenheit, die des Erbarmens nicht fähig ist. Zu dieser Sorge gehören die Empörung, der Aufschrei und die Anklage. Man muss den Mut zur Angst haben über diese Zustände in unserem Land. »Auch den Mut, Angst zu machen!«, sagt Günter Anders, den Dorothee in einem Vortrag zitierte. Ängstige dich und »ängstige deinen Nachbarn wie dich selbst«.

Die Friedensgebete waren ihr wichtig, und wo sie konnte, hat sie daran teilgenommen. Sie wollte aber keinen Frieden, der die Opfer Opfer sein lässt. Es kann keinen Frieden geben, der nicht einhergeht mit dem Recht auf Unversehrtheit für alle. Frieden und Gerechtigkeit sollen sich küssen. Frieden ohne Gerechtigkeit würde den Gewalttätern schon passen. Aber das wäre der Friedhofsfrieden, der die Gräber füllte. Am Recht der Opfer arbeiten, das heißt, den Kuss ermöglichen, in dem Friede und Gerechtigkeit verschmelzen.

Ein eher lustiges Detail ihrer Friedensliebe: Sie hatte ein Foto der Darstellung von Isaaks Opferung aus einer Trierer Apotheke. Isaak liegt gebunden auf dem Opferaltar. Abraham, waffentechnisch schon modern ausgerüstet, zielt mit einem Gewehr auf den gebundenen Isaak. Am oberen Rand des Bildes ist ein Engel zu sehen, der Abraham auf das Gewehr pinkelt. Die Bildunterschrift: »Abraham, du zielst umsunst, ein Engel dir ins Zündloch brunst.« »Diesem Engel der Gewaltlosigkeit müssen wir pinkeln helfen!«, sagte Dorothee.

Den Zorn zu loben ist nicht gerade selbstverständlich. Viel eher lobt man die affektfreie Neutralität, von der man sagt, dass sie den Blick nicht trübt und das Urteil nicht fälscht. Die Behauptung ist falsch, dass man in emotionaler Neutralität ein klareres Urteil habe. Dorothee Sölle hat Recht: »Die größten und perfektesten Mörder in unserem Jahrhundert sind nicht emotional reich begabte und leidenschaftliche Menschen gewesen, sondern affektarme Bürokraten, die emotionsfrei Befehle ausführten.« Die Justitia mit der Binde vor den Augen ist in der Tat blind; sie sieht nicht, wen sie beurteilt und verurteilt. Sie sieht keine Umstände, und sie ist der Empörung nicht fähig. Zorn macht einseitig, und Einseitigkeit öffnet die Augen. Wer ohne Vermutung nach Südamerika fährt, kann wundervolle Strände sehen, betörende Sonnenaufgänge erleben, aber er ist nicht in der Lage, einen Armen zu sehen. Er sieht nicht, wo das Recht verletzt wird. Es gibt eine unerlässliche Voreingenommenheit, die die Augen öffnet. Wenn ich nicht voreingenommen bin von dem Wunsch nach Gerechtigkeit, dann nehme ich das Leiden der Gequälten nicht einmal wahr. Voreingenommenheit ist die Bildung des Herzens, die uns das Recht der Armen vermissen lässt. Ein Urteil zu haben, ist nicht nur die Sache des klugen

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