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Verfassung ohne Grund?: Die Rede des Papstes im Bundestag

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Verfassung ohne Grund?: Die Rede des Papstes im Bundestag

Länge:
275 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 28, 2012
ISBN:
9783451339493
Format:
Buch

Beschreibung

In der Rede vor dem Bundestag warf Papst Benedikt XVI. die heikle Frage nach den Legitimationsgrundlagen von Staat und Recht auf. Ist die säkular fundierte Verfassungs- bzw. Rechtsordnung des weltanschaulich neutralen Staates nicht doch auf religiöse Überlieferungen angewiesen? Bedarf es nicht der Theorie des Naturrechts für eine Begründung von Ethos und Recht?
Der Band diskutiert die vom Papst angemahnte Revitalisierung des Naturrechtsdenkens, die von ihm geforderte Relativierung des Mehrheitsprinzips und fragt, ob es das vom Papst unterstellte Begründungsdefizit der säkularen Moral- und Rechtsordnung überhaupt gibt.
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 28, 2012
ISBN:
9783451339493
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Verfassung ohne Grund? - Friedrich Wilhelm Graf

Georg Essen (Hrsg.)

Verfassung ohne Grund?

Die Rede des Papstes im Bundestag

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Finken&Bumiller, Stuttgart

ISBN (

E-Book

): 978 - 3 - 451 - 33949 - 3

ISBN (Buch): 978 - 3 - 451 - 30576 - 4

Inhaltsübersicht

Einleitung. … „eine wahre Ungeheuerlichkeit". Die Bundestagsrede des Papstes in historischer Perspektive

Georg Essen

Anmerkungen

Ansprache Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag

Anmerkungen

Die Gefahr der Hypertrophie

Christian Geyer

Anmerkungen

Ein Papst auf dem Boden des Grundgesetzes. Kleine Bilanz von Benedikts XVI. Deutschlandbesuch

Otto Kallscheuer

Anmerkungen

Macht und Recht. Eine theologische Reflexion der Bundestagsrede von Papst Benedikt XVI.

Thomas Söding

Anmerkungen

Säkularer Staat, Demokratie und Naturrecht. Rechtsethische und demokratietheoretische Aspekte der Bundestagsrede Benedikts XVI.

Martin Rhonheimer

Anmerkungen

Die Ansprache des Papstes im Deutschen Bundestag. Gedankenanstoß für Überlegungen zur Kirchenrechtsbegründung

Judith Hahn

Anmerkungen

Naturrecht oder moderne Ethik? Was wirklich nottut

Christoph Hübenthal

Anmerkungen

Ein religiös fundiertes Naturrecht als vorpolitische Grundlage des modernen Rechtsstaates? Ein philosophischer Essay zur Ansprache von Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag

Hans Schelkshorn

Anmerkungen

Einige Gedanken zu bestimmenden Themen in der Papst-Rede im Deutschen Bundestag

Rudolf Langthaler

Anmerkungen

Harmonische Erbschaftsverhältnisse? Theologischphilosophische Grenzreflexionen zur Erinnerungskultur des säkularen Verfassungsstaates

Georg Essen

Anmerkungen

Zur ethischen Funktion des Naturrechts – nicht nur für den Staat

Tine Stein

Anmerkungen

Die Autorinnen und Autoren

Einleitung

… „eine wahre Ungeheuerlichkeit". Die Bundestagsrede des Papstes in historischer Perspektive

Wer mit der Geschichte der römisch-katholischen Kirche der letzten zweihundert Jahre auch nur einigermaßen vertraut ist, kann nicht umhin, die Rede, die Papst Benedikt XVI. während seines Deutschlandbesuches am 22. September 2011 vor dem Deutschen Bundestag gehalten hat, als kleine Sensation zu sehen.

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Erst bei den Päpsten der jüngeren Kirchengeschichte, zunächst bei Leo XIII. (1878 – 1903) und dann bei Pius XII. (1929 – 1958), deuteten sich, wenn auch sehr zögerlich und, was den Erstgenannten betrifft, gewiss nicht ohne Ressentiments, erste Veränderungen im Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zur modernen Staats- und Rechtsordnung ab. Bei Leo XIII. finden sich, ganz auf dem Boden der thomistischen Staats- und Gesellschaftslehre fußend, erste Annäherungen an demokratische Rechts- und Ordnungsvorstellungen. Aber auch Leo XIII. lehnt in seiner Enzyklika Immortale Dei von 1885 die Trennung von Staat und Kirche ebenso ab wie die weltanschauliche Neutralität des Staates. Das Ideal des „katholischen Staates" und mit ihm die Option für den Katholizismus als Staatsreligion werden privilegiert. Erst Pius XII. betonte in seiner Weihnachtsansprache von 1944 und seiner Toleranzrede von 1953 die Bedeutung von Demokratie und Rechtsstaat und thematisierte in diesem Zusammenhang auch die Frage der Menschenrechte. Der wirkliche Umbruch vollzog sich dann jedoch erst mit der Enzyklika Pacem in terris von Johannes XXIII. (1958 – 1963) und, vor allem, in dem Dekret Dignitatis Humanae des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1965. In diesem konziliaren Dokument finden wir übrigens einen Widerhall der verzögerten und augenscheinlich hochambivalenten Hinwendung der katholischen Kirche zur modernen Moral- und Rechtsordnung. Ihre Hermeneutik der Kontinuität muss mit der Lehre der, wie es ausdrücklich heißt, „neueren Päpste beginnen für das Vorhaben, die kirchliche Lehre über die unverletzlichen Rechte der menschlichen Person und über die rechtliche Ordnung der Gesellschaft „weiterzuführen (DiH 1). Es ist, mit anderen Worten, gerade einmal 50 Jahre her, dass sich die römisch-katholische Kirche mit den Idealen eines demokratisch und rechtsstaatlich verfassten Gemeinwesens nicht lediglich arrangiert, sondern diese wirklich affirmiert hat! Eine vorbehaltlose Anerkennung der Demokratie und der sie tragenden Werte kennzeichnete schließlich die Pontifikate von Papst Paul VI. (1963 – 1978) und Johannes-Paul II. (1978 – 2005). Erst sie sind, in diesem Sinne, in der Moderne angekommen. Es dürfte unserer Erfahrung extrem beschleunigter und verdichteter Zeit geschuldet sein, dass diese historische Perspektivierung der Bundestagsrede von Papst Benedikt XVI. kaum mehr präsent ist.

Es mag deshalb sinnvoll sein, die historische Dimension der Bundestagsrede von Papst Benedikt XVI. aus einem verfassungsgeschichtlichen Blickwinkel zu betrachten. Bekanntlich sind die traditionellen römisch-katholischen Vorbehalte gegenüber dem modernen Verfassungsstaat bis in die Entstehungszeit des Grundgesetzes hin greifbar. Damals legten Abgeordnete der CSU und des Zentrums im Parlamentarischen Rat ein Veto gegen Art. 20 GG („alle Staatsgewalt geht vom Volke aus) ein und begründeten dies mit dem Argument, dass alle Herrschaft von Gott ausgehe. Dies aber war das traditionelle Argument der römisch-katholischen Kirche, die sich unter anderem unter Berufung auf den Römerbrief gegen den neuzeitlichen Gedanken der Volkssouveränität sperrte: „Es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt (Röm 13, 1). Wie schwer vielen Katholiken im Parlamentarischen Rat die Zustimmung zum modernen, in der republikanischen Tradition der Französischen Revolution stehenden Staat gefallen ist, dokumentiert auf ihre Weise auch die Erklärung von Abgeordneten der CSU, die ihre Ablehnung des Grundgesetzentwurfs unter anderem damit begründeten, es habe nicht erreicht werden können, „dass das Grundgesetz sich eindeutig und entschieden zu den Gedanken unserer christlichen Staatsauffassung bekennt".

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Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Erklärung der deutschen Bischöfe zur Arbeit des Parlamentarischen Rates: „Der Stand der Verhandlungen im Parlamentarischen Rat in Bonn lässt uns befürchten, dass in dem Bundesgrundgesetz wichtigste und für den Aufbau eines gesunden staatlichen Lebens unentbehrliche Grundrechte und Grundsätze außer Acht gelassen werden. Das Grundgesetz eines Staates kann nur dann seinen Zweck erfüllen, wenn darin die schon in der Natur gegebene, ewig gültige, durch Christus neu gefestigte und vollendete Gottesordnung als die tragende Grundlage des staatlichen Gebäudes anerkannt wird".

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Die an dieser Stelle greifbar werdende Spannung zwischen der katholischen Kirche und dem noch jungen Verfassungsstaat hat aber auch eine verfassungsrechtliche Komponente! Art. 140 des Grundgesetzes hat die staatskirchenrechtlichen Bestimmungen der Weimarer Verfassung zu Bestandteilen des Grundgesetzes erklärt. Das bedeutet, dass unter anderem auch die römisch-katholische Kirche eine Religionsgesellschaft ist, der die Bundesrepublik Deutschland den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zubilligt. Was war hier geschehen? Ein freiheitlich demokratischer Rechtsstaat erkennt in Gestalt der römisch-katholischen Kirche eine Religionsgesellschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts an, die ihrerseits – wir schreiben das Jahr 1949! – die grundlegenden und fundamentalen Rechts- und Verfassungsprinzipien dieses Staates nicht anerkennt. Dies geschah erst ca. 20 Jahre nach der Verabschiedung des Grundgesetzes auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

62 Jahre nach dem Inkrafttreten des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland und 46 Jahre nach der Verabschiedung von Dignitatis Humanae besucht der Bischof der Kirche von Rom den Deutschen Bundestag. Auf symbolischer Ebene ist bereits dieser Besuch selbst bemerkenswert, mit dem der Papst in seiner Funktion als Völkerrechtssubjekt des Heiligen Stuhls den Staat sowie die ihn repräsentierenden demokratisch gewählten Amts- und Mandatsträger anerkennt und ihnen die gebührende Wertschätzung entgegenbringt. Man ist an dieser Stelle versucht, ausnahmsweise einen historisch nicht wirklich korrekten Blickwechsel zuzulassen, um auf die historische Dimension der Bundestagsrede aufmerksam zu machen. Den heutigen Papst träfe sozusagen der Bannfluch eines seiner Vorgänger auf dem Stuhle Petri. Papst Pius IX. (1846 – 1878) hatte der 1864 veröffentlichten Enzyklika Quanta cura einen Syllabus mit zu verurteilenden Aussagen beigefügt, unter denen als Schlusssatz und also an prominenter Stelle auch die folgende Meinung verurteilt wird: „Der Römische Bischof kann und soll sich mit dem Fortschritt, mit dem Liberalismus und mit der modernen Kultur versöhnen und anfreunden" (DH 2980).

Dass sich der Bischof von Rom, um diesen Sprachgebrauch aufzugreifen, mit der modernen Rechtskultur inzwischen angefreundet und sich mit ihr versöhnt hat, kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass Papst Benedikt der Einladung zur Rede diskursiv nachkommt, in dem er „einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaates vorlegt. Ein Papst, der „Überlegungen anstellt, unterscheidet sich allerdings gewaltig von der Rollenprosa einiger seiner Vorgänger, deren autoritäre Rhetorik im Gewande wüster Polemik gegenüber der Moderne daherkam. Als „wahre Ungeheuerlichkeit" bezeichnete etwa Papst Pius VI. (1775 – 1799) in dem Breve Quod Aliquantum von 1791 die Religions- und Pressefreiheit

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(Pius VI, 1976, DH 2663). In der bereits erwähnten Enzyklika Quanta Cura überschlägt sich die Rhetorik geradezu. Da ist beispielsweise von „außerordentlicher Unverschämtheit die Rede und von „Dreistigkeit (DH 2893, 2895). Und, um ein letztes Beispiel zu zitieren, in der Enzyklika Mirari Vos von 1832 nannte Papst Gregor XVI. (1831 – 1846) die Auffassung, „einem jeden müsse die Freiheit des Gewissens zugesprochen und sichergestellt werden eine „widersinnige und irrige Auffassung bzw. vielmehr Wahn; die Rede ist von einem „geradezu pesthaften Irrtum und „größter Unverschämtheit (DH 2730f).

Die verzögerte Öffnung der katholischen Kirche gegenüber der Moderne, von der gerade die Rede war, steht wohl auch, unter anderem, im Hintergrund der Irritationen, die die offenbar als advokatorische Versöhnungsgeste intendierte Aufhebung der Exkommunikation gegen vier Bischöfe der Priesterbruderschaft Sankt Pius X. im Jahre 2009 ausgelöst hatte. Denn die Stoßrichtung der traditionalistischen Kritik zielt unter anderem auf die Erklärung der Religionsfreiheit. Die Piusbruderschaft verweigert nach wie vor der Erklärung Dignitatis Humanae ihre Zustimmung, weil sie in der katholischen Anerkennung der neuzeitlichen Freiheitsrechte einen Bruch mit einer jahrhundertealten Tradition sieht. In einem Schreiben an Papst Johannes Paul II. von 1985 hatte der Gründer der Piusbruderschaft, Erzbischof Marcel Lefèbvre, die Religionsfreiheit einst als die „Quelle aller Häresien" bezeichnet

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. Dabei gehört es zum basso continuo dieser antimodernistischen Kritik am Zweiten Vatikanum, dass mit ihm, dem Konzil, der Geist der Französischen Revolution in die Kirche eingedrungen sein soll. Im Kontext dieser Geschichtspolitik steht auch die Polemik des Generaloberen der Piusbruderschaft, Bernd Fellay, dem jetzigen Papst gegenüber. Wenn Papst Benedikt, heißt es in einer Predigt Fellays von 2006, erkläre, dass die nachkonziliare Kirche eine neue Haltung dem modernen Staat gegenüber einnehmen müsse, so erkläre der Papst faktisch, „1700 Jahre der Kirchengeschichte seien außerhalb der Lehre Unseres Herrn abgelaufen; die Kirche habe während 1700 Jahren ihr Erbe verloren und jetzt wiederentdeckt, indem sie auf den katholischen Staat verzichtet. Wenn das kein Bruch sein soll, was ist es dann?"

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.

Bruch oder Kontinuität? Diese Frage steht seit längerem schon im Raum und wird in dieser Zeit, in der wir der feierlichen Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren gedenken, heftig diskutiert. In der Perspektive der kirchenoffiziellen Lehre seiner Vorgängerpäpste von Pius VI. bis zu Pius IX., die die Forderung nach individuellen Freiheitsrechten als Irrlehren verworfen haben, ist die Bundestagsrede des jetzigen Papstes symbolischer Ausdruck eines innerkirchlichen Epochenumbruchs, sofern und weil Benedikt XVI. in Übereinstimmung mit dem Zweiten Vatikanum die Unabdingbarkeit der Menschenrechte und einer ihnen entsprechenden demokratischen Grundordnung einfordert. Aber wir müssen diese Bundestagsrede als eine Relecture der eigenen, katholischen Tradition lesen. Zentrale Eckpfeiler der Argumentation – die historische Erinnerung daran, dass der neuzeitliche Verfassungsstaates im Erbe des Christentums steht, und der normative Rückgriff auf die katholische Naturrechtstradition – weisen darauf hin, dass die Bundestagsrede als Traditionsstiftung im Interesse an einer Hermeneutik der Kontinuität verstanden werden will.

Dass der heutige Papst die Grundprinzipien des modernen, säkularen Verfassungsstaates anerkennt und mit ihnen das politische Ordnungsgefüge eines demokratisch organisierten Gemeinwesens, schließt allerdings nicht aus, dass er kritische Fragen stellt zum Zustand der Demokratie. Mit der von ihm aufgeworfenen Frage, „Wie erkennen wir, was recht ist?", mischt er sich in eine verfassungspolitische Debatte ein, die seit geraumer Zeit geführt wird. Es geht um die seit jeher intrikate Frage nach der Legitimität staatlicher Herrschaft und Rechtsetzung. Der Papst sorgt sich um die normative Basis eines vollständig positivierten Rechtes und geht in diesem Zusammenhang auch auf den fragilen Geltungssinn jener Ressourcen ein, von denen das demokratische Mehrheitsprinzip zehrt.

Die Rede des Papstes wurde alsbald Gegenstand kritischer Kommentare und löste Dispute, Kontroversen und Debatten aus. Die vom Papst angemahnte Revitalisierung des Naturrechtsdenkens, legt – zunächst innerhalb der katholischen Theologie selbst – die Sollbruchstelle zwischen katholischer Kirche und säkularem Staat frei. Dabei muss es einerseits um eine, wie man vielleicht sagen könnte, Auslotung des theologischen Problemlösungspotentials gehen, das von der Naturrechtslehre erhofft wird. Das verlangt eine vertiefende Reflexion auf die Chancen und Möglichkeiten, die mit dieser Tradition verbunden sind. Dabei dürften jedoch andererseits auch die Grenzen des Naturrechtsdenkens zu thematisieren sein und zwar mit explizitem Bezug auf das infragestehende Verhältnis von katholischer Kirche und Moderne. Es wird sich zeigen, dass die Frage nach einer katholisch-theologischen Affirmation des Autonomieprinzips nach wie vor zu den ungeklärten Problemen gehört.

Es gehört ausdrücklich zu der Zielsetzung dieses Diskussionsbandes, die Bundestagsrede des Papstes aus interdisziplinären Disziplinen zu beleuchten. Da der Papst selbst mutmaßt, es könne sich beim Naturrecht um eine „katholische Sonderlehre handeln, ist zu fragen, ob dies tatsächlich der Fall ist. Aber kommt das Naturrecht im Horizont der Moderne als die gesuchte Metatheorie zur Begründung philosophischer und verfassungsrechtlicher Thematiken überhaupt in Frage? Ist es diskursiv zu plausibilisieren und, entscheidender noch, argumentativ zumindest anschlussfähig für eine nichtreligiöse, nachmetaphysische Rechtsphilosophie? Gibt es alternative Ansätze zur Begründung der infragestehenden vorpolitischen Grundlagen des säkularen Verfassungsstaates? Darüber hinaus aber sind Problemanzeigen von Interesse, die auf die Frage aufmerksam machen, ob es aus philosophischer oder verfassungsrechtlicher Perspektive das vom Papst unterstellte Begründungsdefizit der säkularen Moral- und Rechtsordnung überhaupt gibt. Und mit dieser Frage ist von Interesse, ob der weltanschaulich neutrale Staat tatsächlich auf religiöse Überlieferungen angewiesen ist. Darüber hinaus stellen sich Fragen, die den historischen Traditionslinien gewidmet sind, denen der Papst seine Aufmerksamkeit schenkt. Zwar werden „Jerusalem, „Athen und „Rom genannt, um die europäische Gedächtniskultur topographisch zu verorten, nicht jedoch „Paris und „Philadelphia. Es fehlt, mit anderen Worten, die Erinnerung an Traditionen der Aufklärung und in diesem Zusammenhang insbesondere ein Rekurs auf das „normative Projekt des Westens" (Heinrich August Winkler), wie es in den Amerikanischen und Französischen Revolutionen historisch greifbar wird.

Das aber sind nur einige der Aspekte, die in dieser Aufsatzsammlung erörtert werden. Sie ist ein Debattenband im besten Sinne des Wortes! Aus unterschiedlichen theologischen und nichttheologischen Perspektiven nähert man sich der Bundestagsrede und diskutiert deren Thesen und Überlegungen. Die vorschnelle Synthese oder das abschließende Urteil wird hier ausdrücklich nicht gesucht! Die Beiträge sind kontrovers angelegt und positionieren sich durchaus unterschiedlich. Sie wollen zum Nachdenken anregen und sind erst einmal von der Absicht beflügelt, die nunmehr eröffnete Debatte über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaates argumentativ anzuschärfen.

Sehr herzlich danke ich den Autorinnen und Autoren für die Bereitschaft, zur Mitwirkung an diesem Band. Den Mitarbeiterinnen meines Lehrstuhls, Frau Brigitte Domanski und Esther Uhe danke ich für die sorgfältige Betreuung der Manuskripte und die Erstellung der Druckfassung. Herrn Stephan Weber vom Herder Verlag sei herzlich gedankt für die spontane Bereitschaft, diesen Band in der Reihe Theologie kontrovers zu realisieren.

Bochum, im Januar 2012

Georg Essen

Anmerkungen

1

Die Rede des Papstes vor dem Deutschen Bundestag wird in diesem Band in der von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Heiligen Stuhl autorisierten Fassung abgedruckt. Auf sie beziehen sich alle Beiträge.

2

Erklärung von Abgeordneten der CSU (Kleindinst, Kroll, Laforet, Pfeiffer, Seibold, Schwalber) zur Ablehnung des Grundgesetzentwurfs. 8. Mai 1949: Die Entstehung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland 1949. Eine Dokumentation. Hg. v. M. F. Feldkamp, Stuttgart 1999, 188 f., hier: 189.

3

Erklärung der deutschen Bischöfe zur Arbeit des Parlamentarischen Rates. 11. Februar 1949: Feldkamp (Hg.), Entstehung, 140 f.

4

Pius VI, Breve „Quod Aliquantum", 10. 3. 1791: A. Utz, B. v. Galen (eds.), Die Katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung. Eine Sammlung päpstlicher Dokumente vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart, III (Originaltexte mit Übersetzung), Aachen, 1976, 2652 – 2729.

5

M. Lefèbvre, Offener Brief an die ratlosen Katholiken, Wien 1986, 279.

6

B. Fellay, 2006, Auszüge aus der Predigt vom 2. 4. 06 in Ecône: Einsicht aktuell Nr. 4: http://www.einsicht-aktuell.de/​index.php?svar=2&ausgabe_id=127&artikel_id=1359 [Zugriff am 22. 1. 12; G.E.]

Ansprache Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag

1

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Herr Bundestagspräsident!

Frau Bundeskanzlerin!

Frau Bundesratspräsidentin!

Meine Damen und Herren Abgeordnete!

Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen – vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Dem Herrn Bundestagspräsidenten möchte ich für seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie für die freundlichen Worte der Begrüßung und Wertschätzung, mit denen er mich empfangen hat. In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren – gewiss auch als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt. Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird

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