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Die Liebe Gottes lehren und lernen: Priestersein heute
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Die Liebe Gottes lehren und lernen: Priestersein heute
eBook400 Seiten4 Stunden

Die Liebe Gottes lehren und lernen: Priestersein heute

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Über dieses E-Book

Die Liebe lehren und lernen. Das ist der eigentliche Auftrag dessen, der von Gott redet. In diesem Sinne sprechen die hier vereinten geistlichen Predigten Benedikts XVI. von der Größe und Schönheit des priesterlichen Dienstes. Ein authentisches Zeugnis für ein tief im Geheimnis Christi verwurzeltes priesterliches Wirken. Die Liebe lehren und lernen. Das ist der eigentliche Auftrag dessen, der von Gott redet. In diesem Sinne sprechen die hier vereinten geistlichen Predigten Benedikts XVI. von der Größe und Schönheit des priesterlichen Dienstes. Ein authentisches Zeugnis für ein tief im Geheimnis Christi verwurzeltes priesterliches Wirken.

"Liebe Mitbrüder! Ich erlaube mir zu sagen, dass wenn einer von euch jemals Zweifel daran gehabt haben sollte, was der Schwerpunkt seines Amtes ist, sein Sinn, sein Nutzen; wenn er jemals Zweifel daran gehabt haben sollte, was die Menschen wirklich von uns erwarten, dann möge er über die hier vorgelegten Seiten nachdenken." (Aus dem Vorwort von Papst Franziskus)

"In diesem Blick der beiden großen Päpste auf das Priestertum können wir den Blick Jesu auf seine Apostel erkennen. Seinen Blick auf jene, die er heute wie zu jeder Zeit aussendet, um seine Herde zu weiden." (Aus der Einführung von Gerhard Kardinal Müller)
SpracheDeutsch
HerausgeberVerlag Herder
Erscheinungsdatum23. Juni 2016
ISBN9783451848803
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    Buchvorschau

    Die Liebe Gottes lehren und lernen - Benedikt XVI.

    Benedikt XVI.

    Joseph Ratzinger

    Die Liebe Gottes lehren und lernen

    Priestersein heute

    Mit einem Vorwort

    von Papst Franziskus

    und einer Einführung

    von Gerhard Kardinal Müller

    Herausgegeben von

    Pierluca Azzaro und

    Carlos Granados

    Impressum

    © Libreria Editrice Vaticana

    Ausgabe: © Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016

    Alle Rechte vorbehalten

    www.herder.de

    Umschlaggestaltung: Verlag Herder

    Umschlagmotiv: Katja Sucker, Fotolia

    E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

    ISBN (E-Book): 978-3-451-84880-3

    ISBN (Buch): 978-3-451-37880-5

    Inhalt

    Vorwort

    von Papst Franziskus

    Einführung

    von Gerhard Kardinal Müller, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre

    PREDIGTEN

    Die heiligen Öle – Zeichen der Heilkraft Gottes und der Einheit des Bistums

    Zur Missa Chrismatis 1978

    Im Atemraum seines Geistes »geistlich Geistliche« (Johann Michael Sailer) werden

    Zur Missa Chrismatis 1979

    Eucharistie und Pfingsten als Ursprung der Kirche

    Zur Missa Chrismatis 1981

    Indem wir uns hingeben, finden wir auch uns selbst

    Zur Verabschiedung von den Priestern und Diakonen 1982

    Für ein Christentum, das trägt

    Zum Hauptfest der Priesterbruderschaft St. Salvator

    Straubing 1998

    Zur Priesterweihe

    Handeln »in persona Christi« – vom dreifachen Amt des Priesters

    Freising 1977

    Gebärden der Priesterweihe – Handauflegung und Salbung der Hände

    Zur Weihe von fünf Priestern aus dem Jesuitenorden in München, 1977

    Mit Christus Opfergabe werden zum Heil der Menschen

    Freising 1978

    Die Antwort des Lebens geben: Das Beispiel des seligen Maximilian Kolbe

    Freising 1979

    Petrus – Urbild priesterlicher Sendung

    Freising 1981

    Der Mönchspriester – Beter für das Volk

    Mariawald 1991

    Eingehen in das Geheimnis des Weizenkorns

    Rom, St. Paul vor den Mauern, 1993

    »Einen Leib hast du mir bereitet«

    Porto Santa Rufina, La Storta (Rom), 2000

    Zur Diakonenweihe

    Den Diakon Jesus Christus in der Zeit der Kirche vergegenwärtigen!

    München, September 1977

    Das Evangelium lebendig weitersagen

    München, Februar 1978

    Der Diakon – Lehrmeister des Dankens

    München, Dezember 1978

    Aus dem »Ja« Christi leben

    München, Februar 1979

    Getreulich in der Erwartung stehen

    München, Dezember 1979

    Gerufen zum hochzeitlichen Dienst

    München, Januar 1980

    Freude in Christus

    München, Dezember 1980

    Euer Ort in der Liturgie ist das Evangelium!

    München, Dezember 1981

    In den Dienst des Lebens mit Ihm treten

    München, Februar 1982

    Zur Primiz

    Menschenfischer

    Für Franz Niegel, Berchtesgaden 1954

    Der Priester – ein segnender Mensch

    Für Franz Niedermayer, Kirchanschöring 1955

    Betrachtung am Primiztag

    Im Rheinland, 1962

    Damit das Wort Gottes bleibt

    Von der Last und der Freude des Propheten

    Für Karl Besler, Traunstein 1973

    Jubiläumspredigten

    Wegweiser aus der Weisung Jesu Christi

    40-jähriges Bischofsjubiläum von Bischof Paul Rusch, Innsbruck 1978

    »Friede« als einer der Namen der Eucharistie

    70. Geburtstag von Weihbischof Ernst Tewes, München 1978

    Unterwegs zur Tiefe des Geheimnisses Christi

    40-jähriges Priesterjubiläum des Weihekurses 1939, Freising 1979

    Da-sein für die Barmherzigkeit Gottes

    30-jähriges Priesterjubiläum des Weihekurses 1951, Freising 1981

    Den Menschen nahe sein

    25-jähriges Priesterjubiläum des Weihekurses 1957, Freising 1982

    Das große Wagnis priesterlichen Dienens

    60-jähriges Priesterjubiläum von G. R. Vinzenz Irger, München 1983

    Das Eine Notwendige tun – und reich werden vor Gott

    60-jähriges Priesterjubiläum von Bischof Rudolf Graber, Plankstetten 1986

    Zeuge der ohnmächtigen Macht Christi sein

    Goldenes Priesterjubiläum von Prälat Konrad Miller, München 1987

    Ein Wortführer der Versöhnung

    80. Geburtstag von Kardinal Franz Hengsbach, Essen 1990

    Umkehr zum Licht

    40-jähriges Priesterjubiläum des Weihekurses 1951, München 1991

    Die innere Mitte des priesterlichen Lebens

    25-jähriges Priesterjubiläum von P. Martin Bialas, Schwarzenfeld 1993

    Die Menschen für den Empfang Jesu bereiten

    80. Geburtstag und Goldenes Priesterjubiläum von P. Ignatius Glasmacher, Maria Eck 1994

    Die Liebe Gottes lehren und lernen

    40-jähriges Priesterjubiläum von Msgr. Pfarrer Franz Niegel, Unterwössen 1994

    … in den Dienst genommen, damit die Sendung Jesu wirksam bleibt

    25-jähriges Bischofsjubiläum von Dr. Hubert Luthe, Essen 1994

    Vom Dienst des Bischofs

    30-jähriges Bischofsjubiläum von Friedrich Kardinal Wetter, München 1998

    Die Kirche lebt vom Bleiben bei Christus, vom Stehen zu Ihm

    Silbernes Bischofsjubiläum von Kardinal Meisner, Weihbischof Dick und Weihbischof Plöger, Köln 2000

    Christus zu den Menschen, die Menschen zu Christus bringen

    Goldenes Priesterjubiläum von Msgr. Georg Schuster, G. R. Alfons Karpf, G. R. Ludwig Radlmaier, StD Georg

    ANHANG

    Schreiben von Papst Benedikt XVI. zum Beginn des Priesterjahres anlässlich des 150. Jahrestages des »Dies natalis« von Johannes Maria Vianney

    Anmerkungen

    Quellennachweise

    Vorwort

    Jedes Mal, wenn ich die Werke von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. lese, wird mir klar, dass er Theologie »auf Knien« betrieben hat und dies noch tut: Auf Knien, weil man sieht, dass er nicht nur ein herausragender Theologe und Lehrmeister des Glaubens ist, sondern ein Mann, der wirklich glaubt, wirklich betet. Man sieht, dass er ein Mann ist, der die Heiligkeit verkörpert, ein Mann des Friedens, ein Mann Gottes. Und so verkörpert er auf beispielhafte Weise das Wesen des gesamten priesterlichen Wirkens: jenes tiefe Verwurzeltsein in Gott, ohne das das ganze Organisationstalent, die ganze vermeintliche intellektuelle Überlegenheit, das ganze Geld und die Macht nutzlos sind. Er verkörpert jene ständige Beziehung zum Herrn Jesus, ohne die nichts mehr wahr ist, alles zur Routine wird, die Priester fast schon zu Gehaltsempfängern, die Bischöfe zu Bürokraten werden und die Kirche nicht Kirche Christi ist, sondern etwas, das wir geschaffen haben, eine NGO, die letztendlich überflüssig ist.

    Der Priester ist derjenige, der »die Gegenwart Christi verkörpert, indem er dessen heilbringende Sanftmut bezeugt«, stellt Benedikt XVI. in seinem Schreiben zum Beginn des Priesterjahres fest. Beim Lesen des hier vorliegenden Buches wird deutlich, wie sehr er selbst in den 65 Jahren seines priesterlichen Dienstes, die sich heute jähren, auf vorbildliche Weise dieses priesterliche Wirken gelebt hat und weiter lebt, bezeugt hat und weiter bezeugt.

    Wie von Kardinal Gerhard Ludwig Müller auf so maßgebliche Weise bekräftigt wurde, weist das theologische Werk Joseph Ratzingers – und dann später Benedikts XVI. – ihm einen Platz unter so großen Theologen auf dem Petrusstuhl zu wie Leo dem Großen, heiliger Papst und Kirchenlehrer.

    Mit seinem Verzicht auf die aktive Ausübung des Petrusdienstes hat Benedikt XVI. beschlossen, sich nun ganz in den Dienst des Gebets zu stellen: »Der Herr ruft mich, den ›Berg hinaufzusteigen‹, mich noch mehr dem Gebet und der Betrachtung zu widmen. Doch dies bedeutet nicht, dass ich die Kirche im Stich lasse, im Gegenteil. Wenn Gott dies von mir fordert, so gerade deshalb, damit ich fortfahren kann, ihr zu dienen, mit derselben Hingabe und mit derselben Liebe, wie ich es bislang versucht habe«, sagte er in seinem letzten, bewegenden Angelusgebet. Unter diesem Gesichtspunkt möchte ich der rechten Betrachtung des Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre noch hinzufügen, dass er uns vielleicht gerade heute, als Papst emeritus, auf besonders deutliche Weise eine seiner größten Lektionen der »Theologie auf Knien« erteilt.

    Denn vielleicht kann Benedikt XVI. gerade vom Kloster Mater Ecclesiae aus, in das er sich zurückgezogen hat, weiter und auf noch leuchtendere Weise den »entscheidenden Faktor«, jene innere Mitte des priesterlichen Dienstes bezeugen, die die Diakone, die Priester und die Bischöfe nie vergessen dürfen: dass nämlich der erste und wichtigste Dienst nicht die Leitung der »laufenden Angelegenheiten« ist, sondern das Gebet für die anderen, ohne Unterlass, mit Leib und Seele. So wie es der emeritierte Papst heute tut: kontinuierlich in Gott versunken, das Herz stets auf ihn gerichtet, wie ein Liebender, der in jedem Augenblick an den geliebten Menschen denkt; egal, was er tut. So zeigt uns Seine Heiligkeit Benedikt XVI. mit seinem Zeugnis, was wahres Beten ist: nicht die Beschäftigung mancher Personen, die als besonders fromm und vielleicht wenig dafür geeignet gelten, praktische Probleme zu lösen; dieses »Tun«, das die »Aktiveren« als das entscheidende Element unseres priesterlichen Dienstes ansehen und das Gebet so auf eine »Freizeitbeschäftigung« beschränken. Und Beten ist auch nicht nur eine gute Praxis, mit der man sein Gewissen beruhigt, oder ein frommes Mittel dafür, von Gott das zu erwirken, was uns in einem bestimmten Moment notwendig erscheint. Nein. Das Gebet ist – wie uns Benedikt XVI. in diesem Buch sagt und bezeugt – ein entscheidender Faktor: es ist die Fürbitte, derer die Kirche und die Welt – besonders in diesem Moment der wahren Zeitenwende – heute mehr denn je bedürfen, die sie brauchen wie das Brot, ja mehr als das Brot. Denn Beten bedeutet, dass man die Kirche Gott anvertraut, in dem Bewusstsein, dass die Kirche nicht uns gehört, sondern Ihm, und dass er sie gerade aus diesem Grund niemals im Stich lassen wird; weil Beten bedeutet, dass man die Welt und die Menschheit Gott anvertraut. Das Gebet ist der Schlüssel, der das Herz Gottes aufschließt; der einzige, dem es gelingt, Gott immer wieder aufs Neue in diese unsere Welt hineinzuführen; und auch der einzige, dem es gelingt, die Menschen und die Welt immer wieder aufs Neue Gott zuzuführen, wie den verlorenen Sohn dem Vater, der ihn so sehr liebt, dass er nur darauf wartet, ihn wieder in die Arme schließen zu können. Benedikt weiß, dass das Gebet die erste Aufgabe des Bischofs ist (Apg 6,4).

    So geht wahres Beten also mit dem Bewusstsein einher, dass die Welt ohne das Gebet nicht nur die Orientierung verliert, sondern auch die wahre Quelle des Lebens: »Ohne die Bindung an Gott werden wir wie Satelliten, die ihre Laufbahn verloren haben und die dann sinnlos ins Leere stürzen und nicht nur sich selbst zerstören, sondern auch Andere bedrohen«, schreibt Joseph Ratzinger an einer Stelle dieses Buches und bietet uns damit eines seiner vielen herrlichen Bilder an.

    Liebe Mitbrüder! Ich erlaube mir zu sagen, dass wenn einer von euch jemals Zweifel daran gehabt haben sollte, was der Schwerpunkt seines Amtes ist, sein Sinn, sein Nutzen; wenn er jemals Zweifel daran gehabt haben sollte, was die Menschen wirklich von uns erwarten, dann möge er über die hier vorgelegten Seiten nachdenken. Das, was die Menschen von uns erwarten, ist nämlich vor allem das, was in diesem Buch beschrieben und bezeugt wird: dass wir ihnen Jesus Christus bringen und sie zu ihm führen, zum frischen und lebendigen Wasser, nach dem es sie mehr dürstet als nach allem anderen, das nur Er zu schenken vermag und das durch nichts je ersetzt werden kann; dass wir sie zur wahren und vollkommenen Glückseligkeit führen, wenn sie nichts mehr zu befriedigen vermag; dass wir sie der Erfüllung ihres geheimsten Traums zuführen, den wahr werden zu lassen ihnen keine Macht der Welt versprechen kann!

    Es ist kein Zufall, dass die Initiative dieses Buches von einem Laien ausgegangen ist, Professor Pierluca Azzaro, und von einem Priester, Pater Carlos Granados. Ihnen gelten mein herzlicher Dank, meine besten Wünsche und meine Unterstützung dieses wichtigen Projekts – wie auch Don Giuseppe Costa, Direktor der Vatikanischen Verlagsbuchhandlung, die die Opera Omnia Joseph Ratzingers herausgibt. Kein Zufall, wie bereits gesagt, weil sich das Buch, das ich heute vorstelle, in gleicher Weise an die Priester und an die Laiengläubigen richtet, wie unter anderem folgende Seite des Buches zeigt, die ich Ordensleuten und Laien als letzte, ergreifende Aufforderung zur Lektüre anbieten möchte: »Zufällig habe ich dieser Tage den Bericht gelesen, in dem der große französische Schriftsteller Julien Green die Wege seiner Bekehrungen schildert. Er erzählt, wie er in der Zwischenkriegszeit so lebte, wie ein Mensch von heute eben lebt, mit all den Erlaubnissen, die er sich gibt, nicht besser und nicht schlechter, gekettet an Vergnügungen, die gegen Gott stehen, so dass er sie einerseits braucht, um sich das Leben erträglich zu machen, und gleichzeitig doch eben gerade dieses Leben unerträglich findet. Er sucht, wo er Auswege finden könnte, knüpft diese und jene Beziehungen an. Er geht zu dem großen Theologen Henri Bremond, aber es bleibt ein akademisches Gespräch, theoretische Tüftelei, die ihm nicht vorwärts hilft. Er findet Beziehung zu den beiden großen Philosophen, dem Ehepaar Jacques und Raïssa Maritain. Raïssa Maritain verweist ihn auf einen polnischen Dominikaner. Er geht zu ihm, schildert ihm wieder dieses zerrissene Leben. Der Priester sagt zu ihm: Und, sind Sie einverstanden damit, dass Sie so leben? Nein, natürlich nicht! Sie möchten also anders leben, Sie bereuen es? Ja! Und dann geschieht etwas Unerwartetes: Der Priester sagt zu ihm: Knien Sie nieder! Ego te absolvo a peccatis tuis – Ich spreche Dich los. Julien Green schreibt: Da merkte ich, dass ich im Grunde immer auf diesen Augenblick gewartet hatte, immer darauf gewartet hatte, dass da irgendwann einer sei, der zu mir sagt: Knie dich nieder, ich spreche dich los. Ich ging nach Hause, ich war nicht ein anderer, nein, ich war endlich wieder ich selbst geworden.«

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    Einführung

    Das katholische Priestertum

    Jenseits der Krise – der Erneuerung entgegen

    von Gerhard Kardinal Müller

    Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre

    Wenn wir vom Priestertum sprechen, wandern unsere Gedanken spontan zu den vielen priesterlichen Vorbildern, denen wir auf unserem Berufungsweg begegnet sind und die unsere Glaubensgeschichte geprägt haben. Ihr Zeugnis ist ein leuchtendes Vorbild, das diese besondere Berufung, die wir ohne unsere eigenen Verdienste vernommen haben und der wir trotz unserer schwachen Kräfte jeden Tag gerecht zu werden suchen, vor unseren Augen Gestalt annehmen lässt.

    Das Licht, das in diesen Vorbildern aufstrahlt, kommt vom Leben und von der Person Jesu Christi. Auf ihn verweisen uns die Priester, die seine Zeugen sind. Wir können nämlich nicht an das Priestertum des Neuen Bundes denken, ohne auf den Herrn Jesus – auf den, der es uns in seiner Eigenschaft als »treuer und barmherziger Hoherpriester« (Hebr 2, 17) geschenkt hat – und auf die Tage Bezug zu nehmen, in denen dieses Geschenk seinem Herzen entsprungen ist.

    Nach den dunklen Tagen der Passion, am Abend des Ostertages, als sich die Jünger voller Angst in dem Haus, in dem sie sich befanden, verbarrikadiert hatten, erscheint der auferstandene Herr und weilt in ihrer Mitte. Er gibt sich zu erkennen, indem er ihnen die Hände und die Seite mit seinen verklärten Wunden zeigt. In den Jüngern keimt wieder Hoffnung auf, die Verzweiflung wird zur Freude. Sie waren wie betäubt, dem Ende nahe. Nun wachen sie wieder auf und leben. Der Blick und die Worte Jesu vor seiner Himmelfahrt und Rückkehr zum Vater richten sie auf und senden sie in die ganze Welt hinaus, um allen Völkern zu verkünden, was er sie gelehrt hat, und um im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen (vgl. Mt 28, 19).

    Das ist auch der Moment, in dem der gekreuzigte und auferstandene Herr den Elf die eigentliche Grundlage des katholischen Priestertums offenbart und seinen tiefsten Sinn zum Ausdruck bringt: »Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch«. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: »Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert« (Joh 20, 21–23).

    Mit diesen Worten, die durch seinen treuen und barmherzigen Blick erhellt werden, richtet der auferstandene Herr die Herzen der Jünger wieder auf. In ihnen führt er zur Vollendung, was im Osterereignis geschehen ist: der Übergang von der Dunkelheit zum Licht, vom Tod zum Leben, von der Angst zur Hoffnung, vom Ende zu einem neuen Anfang.

    Die Begegnung mit dem Blick und den Worten des auferstandenen Jesus lässt in den Jüngern jenen Übergang zum Neuen Bund geschehen, der bei ihrer ersten Begegnung mit ihm begonnen hat. Alles vollzieht nun einen Qualitätssprung, und es wird der Grundstein dafür gelegt, jede Krise zu überwinden. So wird auch ihre Glaubenskrise in Bezug auf seine Sendung als Messias überwunden – jene Krise, in der ihn in den dramatischen Stunden seiner Auslieferung an die Sünder alle verlassen hatten. Überwunden wird auch die Krise ihres Apostolats, in der sie zerstreut wurden und auseinanderliefen wie eine Herde, die keinen Hirten hat.

    Verlassenheit und Zerstreuung sind überwunden. Die um die Gegenwart des Auferstandenen versammelten Jünger sind erneut vereint. So fügt sich ihr Glaube wieder zusammen, und ihre Sendung erhält aus der neuen Wurzel des Pascha einen erneuerten Auftrieb.

    Neues Leben aus dem Ostergeheimnis wird jenen geschenkt, die Jesus im Laufe seines öffentlichen Lebens zu Aposteln auserwählt und berufen hat, indem er sie an der ihm vom Vater anvertrauten Sendung und Vollmacht Anteil haben ließ, das Reich Gottes aufzubauen: Jesus »stieg auf einen Berg und rief die zu sich, die er erwählt hatte, und sie kamen zu ihm. Und er setzte zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten und mit seiner Vollmacht Dämonen austrieben« (Mk 3, 13–15).

    Diese Sendung, die die Feinde Jesu am Pfahl des schmachvollen Kreuzes zum »Scheitern« gebracht hatten, wird von der Tragödie zum Heil, entgegen jeder menschlichen Erwartung oder Vorhersage. Es ist das Osterwunder, das Wunder eines neuen Lebens, das auf unvorhersehbare Weise in die Geschichte einbricht, durch und über die scheinbare Niederlage hinaus. Der Skandal des Kreuzes lässt auf seinem Holz Auferstehung blühen.

    Alle Worte des Auftrags, den Jesus den Jüngern erteilt hat, sind in seiner Osterverkündigung zusammengefasst und zeigen ihre ganze Wirksamkeit im nachösterlichen Wirken jener, die endgültig zu Aposteln geworden sind. Zu ihren Aufgaben gehört auch die Sorge um die Weitergabe ihrer Sendung und Vollmachten.

    Auf diese Weise erscheint offensichtlich, dass sich bereits in apostolischer Zeit und im Übergang zur nachapostolischen Kirche das Amt des Hirten und Leiters abgezeichnet hat, das von der ganzen Kirche in den drei Graden des Bischofs, des Priesters und des Diakons als verbindlich betrachtet wird, in Vollendung der göttlichen Einsetzung des sacramentum ordinis.

    Alle Jünger haben Anteil an der universalen Heilssendung des Fleisch gewordenen Ewigen Wortes des Vaters, des Sohnes Gottes. Die Apostel und ihre Nachfolger (im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt) erhalten den Auftrag, die Kirche bis zum Kommen Christi, bis zum Ende der Zeiten leitend und dienend aufzubauen.

    Dank der Kraft des Heiligen Geistes geben Wort und Wirken der geweihten Amtsträger sakramental – als wirksames Zeichen – das Wort und das Wirken Gottes weiter. Sie sprechen und wirken mit der Vollmacht Christi, und Christus spricht und wirkt durch sie. So kann Jesus wirklich sagen: »Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat« (Lk 10, 16; vgl. 1 Thess 2, 13).

    In derselben Weise kann auch Paulus, wenn er von den Aposteln als »Mitarbeiter Gottes« (2 Kor 6, 1) und »Diener Christi und Verwalter von Geheimnissen Gottes« (1 Kor 4, 1) spricht, das Apostolat als ministerium reconciliationis interpretieren: »Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!« (2 Kor 5, 20)

    So vollzieht sich vor unseren Augen die unter dem Gesichtspunkt der Offenbarungstheologie deutliche Grundlegung des sakramentalen Priestertums bzw., wie es in Lumen gentium, Nr. 10 heißt, jenes hierarchischen Priestertums, das sich – von seiner Natur her – vom gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen dem Wesen nach unterscheidet.

    Dieser wesenhafte Unterschied wird folgendermaßen beschrieben: Der Bischof und der Priester haben Anteil an der Gewalt, kraft derer Christus selbst seinen Leib erbaut, heiligt und leitet. »Darum – heißt es im Dekret Presbyterorum ordinis setzt das Priestertum der Amtspriester zwar die christlichen Grundsakramente voraus, wird aber durch ein eigenes Sakrament übertragen. Dieses zeichnet die Priester durch die Salbung des Heiligen Geistes mit einem besonderen Prägemal und macht sie auf diese Weise dem Priester Christus gleichförmig, so dass sie in der Person des Hauptes Christus handeln können« (Nr. 2).

    In seinem ersten Brief an die Priester der Kirche – mit denen er das Hirtenamt ausübt – wendet sich der Apostel Petrus gegen eine Fehlinterpretation der Aussagen über den priesterlichen Charakter der ganzen Kirche und aller Gläubigen (1 Petr 2, 5.9), die dem apostolisch-sakramentalen Amt widerspricht, und mahnt: »Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Neigung … seid Vorbilder für die Herde« nach dem Beispiel Christi, des »obersten Hirten« (1 Petr 5, 2–4) und des »Hirten und Bischofs eurer Seelen« (vgl. 1 Petr 2, 25). Hier scheinen deutlich die christologische Grundlage und die apostolische Einordnung des bischöflichen und priesterlichen Amtes auf.

    Dieser in der Tradition verwurzelten Lehre folgend, hat uns das Zweite Vatikanische Konzil erneut gelehrt, die Kirche als auf göttlicher Gründung beruhend zu betrachten. Durch die Vermittlung Christi und des Heiligen Geistes ist die Kirche lebendige Gemeinschaft mit Gott und mit unseren Nächsten in der Wahrheit, im Leben und in der Liebe. Als Volk Gottes, Leib Christi, Weinberg des Herrn und Herde des Guten Hirten ist die Kirche, Tempel des Heiligen Geistes, keine von Menschen geschaffene Organisation, die religiöse oder soziale Zwecke verfolgt; sie ist nicht eine wohltätige NGO, wie Papst Franziskus in seiner ersten Predigt am 14. März 2013 sagte. Und bei der Generalaudienz vom 23. Oktober 2013 bekräftigte er: »Die Kirche ist gesandt, allen Menschen Christus und sein Evangelium zu bringen.«

    Nur im auferstandenen Jesus Christus ist sie wirklich Kirche, »allumfassendes Heilssakrament« (Lumen gentium, Nr. 48). Dem Geheimnis der Einheit der göttlichen und menschlichen Natur in der Person des Sohnes Gottes entsprechend, besteht sie aus göttlichen und menschlichen Elementen und hat so die Einheit der Menschen mit Gott und untereinander zum Ziel.

    In diesem Sinn kann das Zweite Vatikanische Konzil mit Recht sagen: »Um Gottes Volk zu weiden und immerfort zu mehren, hat Christus der Herr in seiner Kirche verschiedene Dienstämter eingesetzt, die auf das Wohl des ganzen Leibes ausgerichtet sind. Denn die Amtsträger, die mit heiliger Vollmacht ausgestattet sind, stehen im Dienste ihrer Brüder, damit alle, die zum Volke Gottes gehören und sich daher der wahren Würde eines Christen erfreuen, in freier und geordneter Weise sich auf das nämliche Ziel hin ausstrecken und so zum Heile gelangen« (Lumen gentium, Nr. 18).

    Diese Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils verweisen uns auf das Wesen des Priestertums, eines Priestertums, dessen Identität auf den Wunsch Jesu selbst zurückgeht, auf sein Wort und sein österliches Wirken. Mit seinen Worten und seinem treuen und barmherzigen Blick führt Jesus die Apostel in dieses Priestertum ein: mit diesem Priestertum identifiziert er sie, diesem Priestertum vertraut er sie an. Dieses Priestertum überliefert uns die Tradition der Kirche: vom Neuen Testament über das Konzil von Trient und bis hin zum Zweiten Vatikanischen Konzil.

    Durch die Auferstehung hat Christus die größte Krise des Glaubens überwunden, die es je gegeben hat: die vor-österliche Krise der Jünger und im Besonderen die Krise der Sendung und der apostolischen Vollmacht, und folglich auch die Krise des Priestertums. So ist es möglich, auch alle historischen Krisen des Priestertums zu überwinden, gerade und allein durch unseren auf den Herrn gerichteten Blick; auf jenen Herrn, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist, und der bei uns ist alle Tage bis ans Ende der Welt.

    Indem wir seinen auf uns und unserem Priestertum ruhenden Blick erwidern, unseren Blick auf ihn richten, unsere Augen in die des Hohenpriesters – des Gekreuzigten und Auferstandenen – versenken, können wir jedes Hindernis, jede Schwierigkeit überwinden.

    Ich denke besonders an die Krise der Lehre vom Priestertum während der Reformation – eine Krise auf dogmatischer Ebene, die den Priester durch die Eliminierung des wesenhaften Unterschieds zwischen dem Weihepriestertum und dem gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen zu einem einfachen Repräsentanten der Gemeinschaft degradierte. Und ich denke auch an die existentielle und spirituelle Krise, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil – gewiss aber nicht wegen des Konzils – ausbrach und unter deren Folgen wir noch heute zu leiden haben.

    Das Konzil hat nämlich das hierarchische Gefüge der Kirche – das sich in den verschiedenen Aufgaben des Bischofs, des Priesters und des Diakons entfaltet – im Rahmen einer weitreichenden Ekklesiologie abgesteckt, die von den biblischen und patristischen Quellen ausgehend erneuert wird (vgl. Lumen gentium, Nr. 18– 29). Die Aussagen über die beiden Weihegrade des Episkopates und Presbyterates (aus einem Amt, das sich insgesamt in drei Weihegrade gliedert) wurden in den Dekreten Christus Dominus und Presbyterorum ordinis weiter vertieft.

    Auf diese Weise versuchte das Konzil, einen neuen Weg zu einem authentischen Verständnis der Identität des Priestertums zu erschließen. Wie kam es also, dass das Priestertum unmittelbar nach dem Konzil eine Identitätskrise durchlebte, die in der Geschichte nur mit den Folgen der Reformation im 16. Jahrhundert vergleichbar ist?

    Joseph Ratzinger stellt mit großem Scharfsinn heraus, dass dort, wo die dogmatische Grundlage des katholischen Priestertums fehlt, nicht nur die Quelle erschöpft wird, aus der ein Leben in der Nachfolge Christi gespeist werden kann, sondern auch die Motivation wegfällt, die zu einem vernunftbegründeten Verständnis des Verzichts auf die Ehe um des Himmelreiches willen (vgl. Mt 19, 12) und des Zölibats als eschatologischem Zeichen der kommenden Welt Gottes, das in Freude und Gewissheit mit der Kraft des Heiligen Geistes zu leben ist, führt.

    Wenn die symbolische Beziehung, die zur Natur des Sakraments gehört, verdunkelt wird, wird der Priesterzölibat zum Relikt einer die Leiblichkeit ablehnenden Vergangenheit und als einzige Ursache des Priestermangels angeprangert und bekämpft. Damit verschwindet dann auch der für das Lehramt und die Praxis der Kirche offenkundige Umstand, dass das Weihesakrament nur Männern gespendet werden kann. Ein Amt, das zweckdienlich verstanden wird, setzt sich so in der Kirche dem Verdacht aus, einen Herrschaftsanspruch zu legitimieren, der doch stattdessen im demokratischen Sinne begründet und beschränkt sein müsste.

    Die Krise, die das Priestertum in den letzten Jahrzehnten in der westlichen Welt erfahren hat, ist auch das Ergebnis einer radikalen Verunsicherung der christlichen Identität einer Philosophie gegenüber, die den tiefsten Sinn und den letzten Zweck der Geschichte und jedes menschlichen Daseins im Innern der Welt ansiedelt und ihn so des transzendenten Horizonts und der eschatologischen Perspektive beraubt.

    Alles von Gott zu erwarten und unser ganzes Leben auf Gott zu gründen, der uns in Christus alles geschenkt hat: Nur das kann die Logik eines Lebensweges sein, der sich in vollkommener Selbsthingabe in die Nachfolge Christi stellt und an seiner Sendung als Retter der Welt teilhat – einer Sendung, die der Herr im Leiden und im Kreuz erfüllt und die er durch seine Auferstehung von den Toten unmissverständlich offenbart hat.

    Als Gründe für diese Krise des Priestertums müssen aber auch interkonfessionelle Faktoren genannt werden. Wie bereits aus seinen ersten Beiträgen hervorgeht, zeigte Joseph Ratzinger von Anfang an eine große Sensibilität für jene Erschütterungen, die ein echtes Erdbeben ankündigten, nämlich die naive Aufgeschlossenheit vieler katholischer Kreise für die protestantische Exegese, die in den 1950er und 1960er Jahren in Mode kam.

    Auf katholischer Seite war man sich der vorgefassten Sichtweisen, die der aus der Reformation hervorgegangenen Exegese zugrunde lagen, oft nicht bewusst. So kam es, dass die katholische (und orthodoxe) Kirche mit Kritik am Amtspriestertum überhäuft wurde, welches – wie man meinte – jeder biblischen Grundlage entbehrte.

    Das – wie beim Konzil von Trient bekräftigt – ganz auf das eucharistische Opfer bezogene sakramentale Priestertum schien auf den ersten Blick nicht biblisch begründet zu sein, und zwar sowohl was die Terminologie als auch was die besonderen Vollmachten der Priester im Vergleich zu den Laien angeht, besonders die Vollmacht zu konsekrieren. Die radikale Kritik am Kult – und die damit angestrebte Überwindung eines auf die kultische Mittlerfunktion reduzierten Priestertums – schien die priesterliche Vermittlung in der Kirche an Boden verlieren zu lassen.

    Die Reformation lehnte das sakramentale Priestertum ab, weil es – wie man meinte – die Einzigartigkeit des Hohepriestertums Christi (gemäß dem Brief an die Hebräer) in Frage gestellt und das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen (laut 1 Petr 2, 5) ausgegrenzt hätte. Zu dieser Kritik gesellte sich noch der moderne Gedanke von der Autonomie des Subjekts sowie die sich daraus ergebende individualistische Praxis, die jegliche Ausübung von Autorität mit Misstrauen betrachtet.

    Welche theologische Sicht ergab sich daraus? Man stellte fest, dass Jesus unter einem soziologisch-religiösen Gesichtspunkt kein Priester mit Kultfunktionen war und folglich – um eine anachronistische Formulierung zu benützen – als Laie betrachtet werden müsste. Da im Neuen Testament für Dienste und Ämter keine sakrale Terminologie, sondern als profan geltende Begriffe gebraucht werden, hatte es zudem den Anschein, dass der Nachweis der Unangemessenheit einer in der Kirche der Anfänge – also ab dem 3. Jahrhundert – erfolgten Umwandlung jener, die innerhalb der Gemeinschaft nur bestimmte »Funktionen« erfüllten, in unrechtmäßige Inhaber eines neuen Kult-Priestertums gelungen wäre.

    Joseph Ratzinger unterzieht die von der protestantischen Theologie getragene historische Kritik nun seinerseits einer genauen kritischen Überprüfung. Er tut dies, indem er zwischen philosophischen und theologischen Vorurteilen und dem Gebrauch der historischen Methode unterscheidet. Auf diese Weise kann er zeigen, dass man mit den Errungenschaften der modernen Bibelexegese und einer präzisen Analyse der historisch-dogmatischen Entwicklung auf recht zuverlässige Weise zu den dogmatischen Aussagen kommt, die vor allem von den Konzilen von Florenz und Trient wie auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt wurden.

    Das, was Jesus für die Beziehung aller Menschen und der gesamten Schöpfung zu Gott bedeutet – also die Anerkennung Christi als Retter und universaler Heilsmittler, die im Brief an die Hebräer anhand der Kategorie des »Hohenpriesters« (Archiereus) entwickelt wird –, war nie etwas, das von seiner Zugehörigkeit zum levitischen Priestertum abhing, also diese zur Bedingung gehabt hätte.

    Die Grundlage des Seins und der Sendung Jesu liegt vielmehr in seiner Herkunft vom Vater, von jenem Haus und von jenem Tempel, in dem er wohnen und in dem er sein muss (vgl. Lk 2, 49). Die Gottheit des Wortes ist es, die in der menschlichen Natur, die er angenommen hat, aus Jesus den einzigen wahren Meister, Hirten, Priester, Mittler und Retter macht.

    An dieser Weihe und Sendung schenkt er durch die Berufung der Zwölf Anteil. Aus ihnen entsteht der Kreis der Apostel, die den Grundstein zur Sendung der Kirche in der Geschichte legen, welche wesentlich zu ihrer Natur gehört. Sie geben ihre Vollmacht an die Hirten der Universal- und Teilkirche

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