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Lebenstempo: In Alltag und Sport den eigenen Rhythmus finden

Lebenstempo: In Alltag und Sport den eigenen Rhythmus finden

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Lebenstempo: In Alltag und Sport den eigenen Rhythmus finden

Länge:
391 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
9. Feb. 2016
ISBN:
9783451809255
Format:
Buch

Beschreibung

Unser Alltag ist schon anstrengend genug. Nun wollen wir auch noch topfit sein. Wie schaffen wir das, ohne uns noch mehr zu stressen? Zweihundert Jahre nach Erscheinen von "Turnvater" Jahns epochalem Buch Die deutsche Turnkunst stellt der 800-Meter-Olympiasieger Nils Schumann die Motive und Methoden des heutigen Lauf- und Fitnessbooms auf den Prüfstand.
Schumann weiß, wovon er spricht. Hoch gestiegen, danach infolge von Verletzungen sportlich und privat tief gefallen, wurde ihm ein genau auf seinen Alltag abgestimmtes Training zu einer Quelle von Gesundheit und Lebensfreude. In seinem ersten Buch Lebenstempo zeigt der Sportstar und heutige Personal Trainer den richtigen Weg, wie wir zu einer persönlichen Fitness finden, die uns tatsächlich leistungsfähiger, entspannter und glücklicher macht.
Herausgeber:
Freigegeben:
9. Feb. 2016
ISBN:
9783451809255
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Lebenstempo - Nils Schumann

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© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: total italic, Amsterdam/Berlin

Umschlagmotiv: © Erik Niedling

E-Book-Konvertierung: Daniel Förster, Belgern

ISBN (E-Book) 978-3-451-80925-5

ISBN (Buch) 978-3-451-34995-9

Inhaltsverzeichnis

Einleitung Der Sieg nach dem Sieg

Die innere Mitte verloren

Tücken des Alltags

Zu viel gewollt

Moderne Rastlosigkeit

Grenzen respektieren – achtsam sein?

Große Ziele, kleine Ziele

Mein Weg

Teil I Sport als Maxime

Leistungssport

Siegerego

Lust auf Körpereinsatz

Der Harald-Schmidt-Effekt

Nie wieder so einfach

Gesamtdeutsch gefeiert

Der edle Läufer als Botschafter der Volksgesundheit

Freizeitsport

Reich und fit – arm und schlaff?

Die Krux mit der Ausdauer

Lernen, wie von selbst fit zu sein

Führerschein für den Körper

Militärische Ursprünge – bis heute in unseren Köpfen

Sich quälen und Spaß haben

Yoga als Lösung?

Die Grenzen der Achtsamkeit

Die Rhythmen des Körpers

Den Körper zum besten Freund machen

Schulsport

Täglich neunzig Minuten

Einheit von Körper und Geist

Kinder entscheiden selbst

Basissport

Sparen am falschen Platz

Gesundheitssteuern

Fitnesskontrollen

Fitness-abhängiges Grundeinkommen

Teil II Fitness als Maß

Goldene Mitte

Handicap als Ansporn

Fantastische Ziele

Fit heißt passend

Magersucht und Muskelsucht

Das erreichbare Ideal

Die schwankende Mitte

Was Daten nicht sagen

Aus Liebe

Hardbody

Was Fett kann

Po, Busen, Schultern formen

Die Suche nach dem Idealgewicht

Haltung

Besser stehen als sitzen?

Locker machen

Tomaten im Büro

Als die Menschen das Hocken verlernten

Labsal Liegen

Tempo

Wie Sport das Herz schont

Atmen lernen

Der richtige Trainingsreiz

Langsam, langsam ...

Diesseits und jenseits der anaeroben Schwelle

Wann Sport belebt

Hoch-Intensitäts-Intervall-Training

Das Prinzip der Superkompensation

Mini-Training – Liegestütze für guten Sex

Gangart

Gehen und Laufen mit dem ganzen Körper

Schwachstellen und Fehler

Neue Reize: Lauf-ABC und Crosslauf

Ausdauer

Laufen als Gruppen- und Naturerlebnis

Die Musik des Körpers hören

Grenzerfahrung Marathon

Geht’s noch länger?

Kraft

Eigengewichtstraining

Vier Grundübungen, die jeder kennt

Dehnung

Yoga: Ballett in Zeitlupe

Bindegewebe trainieren

Nahrung

Zweifelhafte Diäten

Trinken als Religion

Intuitives Essen

Wie sehr darf ich hungern?

Fettverbrennung ankurbeln

Gerät

Besser barfuß?

Fitnessprogramm für die Füße

Doping

Ungleiche Kontrollen

Der Schatten eines Verdachts

Ein Massenphänomen

Freigabe als die einzige Lösung

Heilung

Es nicht wahrhaben wollen

Auch verletzt fit bleiben

Coaching

Der nötige Blick von außen

Vertrauen zum Trainer

Teil III Rhythmus als Methode

Mentale Ausdauer

Im Wechsel der Jahreszeiten

Fit aus Gewohnheit

Üben üben

»Drill dich!«

Nerven behalten

Sex vor dem Wettkampf

Psychospiele mit der Konkurrenz

Im Laktathimmel

Mit jedem Mal wird’s besser

Wille steigern

1. Erfolg und Niederlage

Erfolg als Bürde

Ein Blackout als Signal

Warum uns Warnungen nicht schrecken

Geheime Existenzängste

Der Sieg über den Erfolg

2. Belohnung und Bestrafung

Lieber rennen als arbeiten

Sich selbst in den Hintern treten

Das Buhlen um Bestätigung

3. Lust und Schmerz

Mythos Runner’s High

Das Glück danach

Schmerzen lieben lernen

Die Erschöpfung umarmen

Sporthunger

4. Freiheit und Zwang

Vom Trailing zum Waldbüro?

Die Grenzen des positiven Denkens

Die Macht der Hypnose

Ein Jahr lang so leben, als sei es das letzte

Diktat zur Fitness

Selbsthypnose »Mein bester Freund«

Alltag meistern

1. Einschlafen und Aufwachen

Die Ähnlichkeit von Schlaf und Sport

Zweimal schlafen pro Nacht

Den Morgen genießen

Kaiser, König, Bettelmann

2. Arbeiten und Entspannen

Ausdauerlauf und Workout nebenbei

Mittagessen vom Vortag

Sportspiele mit den Kindern

3. Powern und Ausruhen

Intervallläufe

Tückisches Feiern

Altern lernen

Schädlicher Perfektionismus

Unser alter Freund

Schluss Der Gewinn

Dank

Weiterführende Literatur

Bildnachweis

Der Autor und seine Mit-Autoren

Einleitung

Der Sieg nach dem Sieg

Kennen Sie Goethes Faust? Oh je, diese nervige Schullektüre, werden Sie jetzt vielleicht denken. Hunderte Seiten angestrengter Reimerei über das Leben eines Ehrgeizlings, der den Hals nicht vollkriegen kann. Jugend, Liebe, Macht – alles legt ihm der Teufel zu Füßen, aber Faust bleibt und bleibt unzufrieden. Dabei soll der Teufel Faust im Tausch für seine Seele nur einen einzigen Moment schenken, von dem er sagen mag: »Verweile doch, du bist so schön!« Aber dieser Moment will verdammt noch mal nicht eintreten.

Warum ich Ihnen in diesem Buch als Erstes mit dieser jahrhundertealten Geschichte komme? Weil ich zu den wenigen Menschen gehöre, die diesen Moment einmal so richtig erlebt haben. Nicht vernebelt von Drogen und frischer Liebe, sondern völlig nüchtern, wochenlang, von ­Abermillionen bejubelt.

Damals war ich gerade 22 und hatte bei den Olympischen Spielen in Sydney die Goldmedaille im 800-Meter-Lauf gewonnen. Ich war als ein Außenseiter angetreten, am anderen Ende der Welt, meine ganze Karriere lag noch vor mir – und ja, frisch verliebt war ich auch. Mit meinen weißblond gefärbten Haaren, meinem gewinnenden Lächeln wurde ich zum Sportler des Jahres gewählt und bekam sofort hochdotierte Werbeverträge, sodass ich mir ums Geld bis auf Weiteres keine Sorgen zu machen bräuchte. Alles, was ich die nächsten Jahre zu meinem Glück tun müsste, wäre, weiterhin so gut zu laufen, wie ich gerade gelaufen war. 800-Meter-Läufer können noch bis Anfang dreißig zur Weltspitze zählen. Ich hätte also Zeit genug, mir in Ruhe zu überlegen, was ich mit all dem Ruhm und Geld als Nächstes anstellen würde. Und den nötigen Kopf, dass mir da schon etwas Gescheites einfallen würde, würde ich auch haben, da war ich mir sicher, hatte ich doch trotz täglichem mehrstündigen Training ein Einser-Abi hingelegt.

Die innere Mitte verloren

Dann jedoch entwickelte sich mein Leben sehr schnell ganz anders, und es kam mir vor wie eine ungeschriebene Fortsetzung von Faust, nachdem er diesen Moment unbeschränkten Glücks tatsächlich erlebt hat. Von nun an ist Faust verflucht, denn er will natürlich, dass es nicht bei dem einen Moment bleibt. Er ist wie ein Junkie, der, einmal high, schon Sorge hat, wann und wie er sich den nächsten Schuss setzen kann und dass dieser nächste Schuss ganz gewiss nicht so intensiv sein wird wie der erste. Unerbittlich treibt der Teufel seine Schulden ein ... Statt durch meinen frühen großen Sieg an Selbstsicherheit gewonnen zu haben, pendelte ich zwischen Versagensängsten und trotzigem Hochmut. Ich verlor meine innere Mitte.

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Zieleinlauf 800-Meter-Finale, Olympische Spiele in Sydney

Neun lange Jahre habe ich nach dem Sieg in Sydney mit dem Leistungssport weitergemacht und nicht einen wirklich großen internationalen Erfolg mehr errungen. Statt von Sieg zu Sieg eilte ich von Verletzung zu Verletzung. Und am Ende hatte ich alles verloren: Statt reich zu sein, war ich hoch verschuldet, statt frisch verliebt zu sein, war ich frisch verlassen von meiner Frau, und aus dem makellosen weißblonden Helden war ein unter Dopingvorwurf stehender Kahlkopf geworden.

Ich hole zu weit aus? Haben Sie noch ein wenig Geduld und lassen mich kurz erzählen, wie es danach mit mir weiterging. Ganz undramatisch nämlich: Ich beantragte Privat­insolvenz, absolvierte eine Ausbildung zum Personal Trainer, begann dann auch als solcher zu arbeiten und leite heute ein Studio, in dem wir zu acht persönliches Training und Gruppentraining in den verschiedensten Disziplinen anbieten. Nach sechsjähriger Wohlverhaltensphase bin ich wieder schuldenfrei und habe mit meiner neuen wunderbaren Liebe, meiner Frau Doreen, noch einmal eine Familie gegründet. Eigentlich ist in meinem Leben alles im grünen Bereich. Eigentlich ...

Tücken des Alltags

Wenn nur die Tücken des Alltags nicht wären. Der beginnt für mich ziemlich pünktlich morgens um halb sechs, wenn unser dreijähriger Sohn Liam wach wird. Da meine Frau ganztags arbeitet und ich eher der Frühaufsteher bin, kümmere ich mich erstmal um ihn, mache ihn fertig und bringe ihn in den Kindergarten. Nach dem Frühstück fahre ich zwischen acht und neun ins Büro, habe Termine und arbeite meinen Kram ab. Jeden Tag zig E-Mails, Anfragen und irgend­wie werde ich nie richtig fertig … Eigentlich bräuchte ich nicht nur regelmäßigen Schlaf, sondern auch Mittagsschlaf. Das habe ich auch nach dem Leistungssport versucht beizubehalten, aber jetzt nehme ich mir meist nicht einmal die Zeit, gescheit Mittag zu essen. Nachmittags versuche ich wenigstens eine Stunde mit Liam und Andor, meinem siebenjährigen Sohn aus erster Ehe, zu verbringen. Dann kommt das Abendessen, das Kind oder beide Kinder müssen ins Bett, und ich bin auch schon ziemlich kaputt. Neben dem Training mit meinen Kunden versuche ich noch, weiter für mich selber zu trainieren. Ich laufe weiterhin sehr gern, und einmal die Woche kriege ich das in der Regel auch hin, aber nicht viel mehr.

Wenn ich mit meinen Freunden, Bekannten und Kunden spreche, dann bekomme ich den Eindruck, dass es heute den meisten so geht: Wir sind gefangen im Hamsterrad des Alltags. Und können dabei nicht einmal sagen, dass wir den falschen Zielen hinterherjagen. Meine Frau und ich gehen erfüllenden Berufen nach und kümmern uns liebevoll um unsere Kinder – was soll daran falsch sein? Dass wir versuchen, Familie und Karriere unter einen Hut zu bekommen? Das kann ich nicht glauben, denn auch meine Freunde ohne Kinder jammern über ein rastloses Leben.

Jahrelang habe ich gedacht: So ist das heute nun mal. Du warst im Leistungssport lange Zeit verwöhnt, da haben die Trainer für dich gedacht und organisiert, und du musstest Tag für Tag einfach nur genau das tun, was zu tun war. Und wenn auch die Leute um dich herum stöhnen, dann liegt es vielleicht nur daran, dass wir uns in einer Zeit des Übergangs befinden, in der die Maschinen noch nicht gut genug an uns angepasst sind, um uns Menschen bei der Arbeit zu ersetzen, und wir Menschen noch nicht gut genug an die Maschinen, um uns von ihnen restlos befriedigen zu lassen. Wird schon, wenn nicht für uns, dann eben für unsere Kinder und Kindeskinder.

Zu viel gewollt

Aber dann beging ich eine Dummheit, die mir zu denken gab. Das Ende meiner Wohlverhaltensphase lag nur noch wenige Monate vor mir, und ich lief zum ersten Mal in meinem Leben einen Marathon. Und das war auch gleich der berüchtigte Thüringer Rennsteiglauf, bei dem noch dazu über 800 Höhenmeter überwunden werden müssen.

Das war reiner Übermut. Man denkt als ehemaliger Leistungssportler, dass die Mechanismen im Körper andere sind als bei Normalbürgern. Was auch ein Stück weit stimmt, ich zehre immer noch von meiner Kondition als Leistungssportler: Habe aufgrund meines vergrößerten Herzens einen Ruhepuls von 40, meine Muskulatur adaptiert schnell auf neue Reize und meine mentale Stärke ist auch immer noch da. Aber natürlich sind diese Reserven endlich.

Ich hatte mich schon ein wenig vorbereitet. Bin bei einem Laufcamp in vier Tagen insgesamt rund siebzig Kilometer gerannt, die längste Einzelstrecke war 25 Kilometer. Da ich Probleme mit dem Sprunggelenk hatte, konnte ich nicht so viel trainieren, aber habe gedacht: Das wird schon irgendwie gehen. Ging es auch. Erstmal sogar recht gut.

Eigentlich wollte ich nur bei meinem besten Freund Lars mitlaufen, dessen Laufniveau ein bisschen unter meinem liegt, und ginge alles gut, würde ich zum Schluss ein bisschen anziehen. Aber es war super Wetter, die Sonne schien, ich habe mich sehr gut gefühlt, und ich fand es dann einfach unerträglich, Läufer wegziehen zu lassen, die zum Teil sogar deutlich älter waren als ich und nicht mal so aussahen, als wären sie fitter. Korpulente fünfzigjährige Frauen, da schluckt man schon. Nach fünf Kilometern konnte ich nicht mehr an mich halten und bin vorgelaufen.

Schon nach zehn Kilometern habe ich die ersten Probleme an der Wade bekommen, aber das hat sich einigermaßen wieder gefangen, und ich war auf Kurs 3 Stunden und 20 Minuten. Was für die Strecke wirklich sehr gut gewesen wäre. Bis Kilometer 30 lief es hervorragend, und ich dachte, du bist ja schon fast im Ziel. Aber dann ging es allmählich schlechter, und ab Kilometer 34 ging wirklich gar nichts mehr. Vom Kreislauf und vom Stoffwechsel her war immer noch alles super, aber ich habe Krämpfe in Waden und Oberschenkeln bekommen. Jeder Berg wurde zur Tortur, und ich hätte heulen können. Es war wie ein Albtraum, in dem man laufen möchte, aber es geht einfach nicht mehr. Selbst bergab tat es höllisch weh.

Ich habe mich dann unter großen Schmerzen durch die letzten Kilometer geschleppt, und wie es der Zufall so wollte: Kurz vorm Ziel tippte mir mein Freund Lars von hinten auf die Schulter, und wir sind gemeinsam eingelaufen. Die, die uns nur beim Start und Ziel gesehen hatten, dachten vermutlich: Ach, alles in Ordnung, die beiden sind schön zusammen gelaufen, aber was inzwischen passiert war, war einfach mörderisch. Letztlich bin ich die Strecke in 3 Stunden 50 Minuten gelaufen, habe also auf den letzten acht Kilometern eine ganze halbe Stunde verloren. Und diese Kilometer waren so schmerzhaft, dass ich das nie wieder erleben möchte. Ich war so fertig, dass ich keine Treppe mehr hoch und runter gehen konnte.

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Zieleinlauf Rennsteigmarathon

Drei Tage später war aber die Lust schon wieder da, es besser vorbereitet noch einmal zu probieren. Und eine Woche später habe ich, obgleich die extreme Quälerei beim Rennsteiglauf meinem Körper sicher nicht gut getan hatte, schon wieder einen 10-Kilometer-Berglauf gemacht. Danach ist mein rechtes Knie angeschwollen – Meniskusriss! Ich wurde umgehend operiert und musste erstmal ein paar Wochen pausieren.

Es war ein schreckliches Déjà vu meiner fortwährenden Verletzungen in der Zeit als Leistungssportler. Und was machte ich, noch auf dem Krankenbett? Postete auf Facebook »OP gut überstanden und zum Glück nur zwei bis drei Wochen Entlastung. Meniskus ist fast wieder wie neu. Danach gibt’s wieder Attacke.«

War mir denn gar nicht mehr zu helfen? Sollte sich für mich als Freizeitsportler noch mal dasselbe wiederholen wie als Profi: dass ich meine persönlichen Grenzen einfach nicht akzeptieren kann und von einer Verletzung zur nächsten stolpere? Was würde als Nächstes kommen: Bandscheibenvorfall, Tinnitus, Herzinfarkt …?

Moderne Rastlosigkeit

Womit wir zurück bei Faust wären. Auch Faust will noch in fortgeschrittenem Alter partout nicht zur Ruhe kommen und treibt damit sich und andere reihenweise in den Ruin. ­Goethe hat seinen Faust vor über zweihundert Jahren geschrieben, als die Industrialisierung praktisch noch gar nicht begonnen hatte. Dennoch ist dieser Faust bereits ein Vorläufer unserer modernen Rastlosigkeit. Und dem ihn bezirzenden und überallhin begleitenden Teufel kommt bereits die Rolle eines Coachs oder Personal Managers zu.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin der Letzte, der sagen würde, dass Ehrgeiz per se schlecht ist. Ich glaube nicht an das Glück, tatenlos im Hier und Jetzt zu verweilen. Das haben andere vor uns probiert und sich in eine schreckliche Langeweile katapultiert. Ein Leben ohne Ziele kann nur die Hölle sein. Ein Leben ohne Ziele, das wäre eine mentale Kastration.

Aber müssen Ehrgeiz und Entspannung sich unbedingt widersprechen? Meiner Erfahrung nach kommt die größte Ruhe mit dem Erfolg – wenn ich mir nur die Muße nehme, ihn überhaupt als solchen zu erkennen und zu genießen. Wenn ich mir auch die Muße nehme, die Erschöpfung zu fühlen und zu genießen, die mir zeigt, wie viel ich getan habe und wie tief und fest ich gleich schlafen werde, um am nächsten Tag ausgeruht und mit neuer Kraft zu erwachen. Mit anderen Worten, ich muss Arbeit und Muße so ausbalancieren, dass sie sich gegenseitig verstärken und nicht behindern.

Das ist leichter gesagt als getan. Denn wie bestimme ich das richtige Maß an Arbeit, wie das richtige Maß an Muße? Und wie dann jeweils auch noch die richtige Balance zwischen körperlichen und geistigen Anteilen?

Lassen wir uns nichts einreden: Es gibt auf diese Fragen keine allgemeinen Antworten, sondern sie sind abhängig von unserer ganz persönlichen Kondition. Die wir zwar steigern können, wenn wir regelmäßig bis an unsere Grenze gehen, aber nicht, wenn wir sie grob missachten, wie ich es bei meinem Rennsteiglauf getan hatte. Und wie ich sie, das wurde mir jetzt klar, eigentlich Tag für Tag missachtete. Das summierte sich.

Grenzen respektieren – achtsam sein?

Was also war zu tun? Logisch, wer seine eigenen Grenzen missachtet, sollte lernen, achtsamer zu sein. Das war es auch, was ich als Personal Trainer Tag für Tag predigte. Denn fast alle torpedierten ihre Trainingserfolge, indem sie sich entweder überforderten oder unterforderten. Und dann konnte das Training den Stress, statt ihn abzubauen, sogar noch steigern.

Aber predigen allein reichte nicht. Sonst würde ich jetzt nicht mit lädiertem Knie im Krankenhaus liegen. Sonst würde nicht die Zahl der Übergewichtigen wie auch der Übertrainierten immer weiter zunehmen. Machten gar die ständigen Appelle, doch gefälligst achtsamer zu sein, alles nur noch schlimmer?

Ich merkte es bei mir selbst: »Pass doch besser auf!« ist etwas, das man gewöhnlich seinen Kindern einbläut. Der ständige Appell, doch gefälligst achtsam zu sein, machte uns alle zu Kindern – die wir aber nun einmal nicht sind. Ich meine das nicht herablassend, im Gegenteil. Ich kann mich gar nicht sattsehen an meinen beiden Kleinen und der Freude, die ihnen das Leben macht. Wenn sie spielen, lachen, essen oder auch einfach nur durch die Gegend rennen – da ist dieser unbändige Spaß an den einfachsten Dingen. Ohne Zweifel erleben die beiden Tag für Tag Dutzende Momente, von denen sie sagen könnten: »Verweile doch, du bist so schön!« Aber das kann ihnen ziemlich egal sein, denn gleich kommt schon der nächste. Knatschig und sentimental werden sie in der Regel nur abends, wenn sie noch so sehr im Spiel sind, dass sie die aufkommende Müdigkeit standhaft ignorieren und darum nicht mehr so können, wie sie wollen.

Mein – kindischer – Trotz sagt mir: Wenn ich schon wie ein Kind besser auf mich aufpassen soll, dann möchte ich auch wie ein Kind Spaß haben! Was aber nicht so einfach geht, denn mein Körper schüttet nun mal nicht wie wild Endorphine aus, nur weil ich eine Böschung hinabrenne oder laut »Kacke!« rufe. Ja, wir können auf dem Weg zur Arbeit mal den Bordstein entlang balancieren oder ein Stück auf einem Bein hüpfen, aber es wird niemals so sein wie für ein Kind. Weshalb ein Streben nach mehr Achtsamkeit im Allgemeinen genauso langweilig und unrealistisch ist wie das nach mehr Entspannung.

Dass wir so viel mehr können und wissen als Kinder, liegt ja gerade daran, dass uns Prozesse irgendwann so sehr in Fleisch und Blut übergehen, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. Das hält unseren Kopf frei für neue Herausforderungen. Weshalb uns Faust wahrscheinlich nur einen Vogel gezeigt hätte, wenn wir ihm gesagt hätten: »Vielleicht bist du deshalb so chronisch unzufrieden, weil du den lieben langen Tag in der Stube hockst. Lauf doch mal ein Stück und komm so richtig außer Atem!« Das war damals höchstens etwas, das man zappeligen Kindern gesagt hat, die noch nicht gelernt haben, den ganzen Tag stillzusitzen.

Große Ziele, kleine Ziele

Zwar erschien bereits 1816, also nur acht Jahre nach dem ersten Teil von Goethes Faust, das Buch, das die erste Fitnesswelle der modernen Zeit ins Rollen brachte. Ein Buch, das nicht wie Faust Schullektüre geworden ist, aber den Schulalltag bis heute noch sehr viel mehr prägen sollte: Die deutsche Turnkunst von Ernst Wilhelm Bernhard Eiselen und Friedrich Ludwig »Turnvater« Jahn. Doch Fitness beziehungsweise Turnen war damals noch kein All Ager, sondern eine in öffentlichen Parks abhängende patriotische Jugendbewegung, deren Ziel es war, gut trainierte junge Männer in den Krieg gegen die Franzosen zu schicken.

Die Gründe, fit sein zu wollen, sind heute also ganz andere als vor zweihundert Jahren. Ich bin mir sicher, dass auch schon damals eine Menge Narzissmus im Spiel war, wenn man öffentlich vor aller Augen seine Muskeln stählte. Aber das verband sich mit einem Ziel und der Zugehörigkeit zu etwas, das weitaus größer war als man selbst. Heute dagegen trainieren wir, um die mangelnde Bewegung in unserem Alltag auszugleichen. Vielleicht auch darüber hinaus um schöner, kräftiger, gelenkiger, ausdauernder und gesünder zu werden, als Menschen es je waren. Um dann aber letztlich, höchstens ein paar Jahre später, genauso unweigerlich abzubauen und zu sterben wie alle anderen.

Nicht nur, dass deshalb fit zu sein den meisten die Mühe nicht wert ist. Auch für diejenigen, die sich die Mühe machen, ist es über weite Strecken eine ziemlich krampfige Angelegenheit. Statt endlich mal dem Hamsterrad unseres Alltags zu entkommen, wechseln wir beim Sport nur in das nächste. Allein dieser Wechsel vom einen Hamsterrad ins nächste, also das Einhalten unseres Trainingspensums, erzeugt bereits Stress. Und das, was wir an Vitalität und Entspannung durch das Training gewinnen, vergeuden wir doch gleich wieder im rastlosen Alltag.

Kein Wunder, dass ich darauf keine rechte Lust hatte. So wenig Lust, dass ich nun schon seit sechs Jahren als Personal Trainer arbeitete und Fitness predigte, aber immer noch so tat, als sei ich nur mal eben aus dem Olymp der Leistungssportler herabgestiegen und als ginge mich das Thema persönlich überhaupt nichts an. Das musste ich jetzt dringend ändern, nur wie?

Mein Weg

Ein erster wichtiger Schritt war natürlich, dass ich das Problem des Fitnessstresses erst einmal als solches akzeptierte. Akzeptierte, dass es mir in gewisser Weise leichter gefallen war, die Olympia-Goldmedaille zu gewinnen, als mich nun, mit Mitte dreißig, gut in Form zu halten. Das ist nicht einfach. Und noch weniger, es öffentlich zu sagen. Zumal in meinem heutigen Beruf als Personal Trainer. Das ist ja so, wie wenn ein Zahnarzt sich damit outen würde, dass er sich nur selten die Zähne putzt.

Ich hatte keine Chance, mich damit herauszureden, dass ich es nicht besser wusste. Es ging vor allem darum, dass ich an meiner persönlichen Einstellung zu meinem Körper und meiner Fitness arbeitete. Und wenn mir das gelingen würde, würde mein Weg auch anderen helfen.

Aber erst einmal war ich es, der Hilfe brauchte.

So wie ich meine Erfolge als Leistungssportler der Betreuung durch meinen Vater und meinen langjährigen Trainer Dieter Hermann verdankte, fand ich nun bei dem Künstler Erik Niedling und dem Schriftsteller Ingo Niermann die nötige Unterstützung, diesen neuen Weg zu beschreiten und meine Erfahrungen an Sie weiterzugeben.

Erik war als Ex-Judo-Leistungssportler, Freiberufler und Familienvater in einer ähnlichen Lebenssituation wie ich. Auch er hatte seine körperliche Fitness jahrelang schleifen lassen und wurde mein so geduldiger wie unnachgiebiger Gegenspieler beim Entwickeln eines Trainingsprogramms, das sich harmonisch in unseren Alltag fügte. Immer wieder ertappten wir einander bei faulen Ausreden, um schließlich all das jahrelange »müsste« und »sollte« in ein schlichtes und schönes »ist« zu verwandeln.

Erik machte mich auch mit Ingo Niermann bekannt, was sich als ein doppelter Glücksfall erwies. In einem seiner ersten Bücher, dem Protokollband Minusvisionen, erzählen gescheiterte Unternehmer auf spannende, bewegende und manchmal irrwitzige

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