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Die Botschaft der Hoffnung: Gedanken über den Kern der christlichen Botschaft

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Die Botschaft der Hoffnung: Gedanken über den Kern der christlichen Botschaft

Länge:
277 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 13, 2016
ISBN:
9783451833441
Format:
Buch

Beschreibung

Gerhard Kardinal Müller, lange von den Medien als Gegenspieler zu Papst Franziskus aufgebaut, stellt sich im Interview mit Carlos Granados den aktuellen Fragen des Pontifikats Franziskus. Seine Überlegungen zur Bedeutung von Jesus Christus, zur Situation der Kirche, zum Wert der Familie und zur Barmherzigkeit als Grundlage des Handelns zeigen Wege auf zu einem gelingendem Leben in der christlichen Hoffnung. In den anregenden und teils auch überraschenden Antworten des Präfekten der Glaubenskongregation spiegeln sich immer wieder die Aussagen und das Handeln von Papst Franziskus, mit dem Müller in enger Verbundenheit steht.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 13, 2016
ISBN:
9783451833441
Format:
Buch


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Die Botschaft der Hoffnung - Kardinal Gerhard Kardinal Müller

Die Botschaft der Hoffnung

Gedanken über den Kern der

christlichen Botschaft

Gerhard Kardinal Müller

im Gespräch mit Carlos Granados

In der Übersetzung von Dr. Franziska Dörr

Impressum

Die Originalausgabe ist erschienen unter dem Titel

INFORME SOBRE LA ESPERANZA

im Verlag Biblioteca de Autores Cristianos, 2016

Für die deutsche Ausgabe:

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Christian Langohr, Freiburg

Covermotiv: © Stefano Spaziani, action press

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-83344-1

ISBN (Buch) 978-3-451-38888-0

Inhalt

Die Botschaft der Hoffnung

I. Was dürfen wir von Christus erhoffen?

II. Was dürfen wir von der Kirche erhoffen?

III. Die Familie als Heimat der Hoffnung

IV. Die Gesellschaft, eingebunden in die Hoffnung

V. Barmherzigkeit als Schlüssel der Hoffnung

Bibelstellen

Personen

Dokumente und Texte

Die Botschaft der Hoffnung

„Lasst euch nicht die Hoffnung rauben, die uns Jesus gibt!" Dieser Satz von Papst Franziskus ist ein starker Aufruf; die Forderung nach einer Hoffnung, die weit über den naiven Optimismus hinausgeht. Der Papst sorgt sich darum, dass wir das Ziel nicht aus den Augen verlieren, jene große Hoffnung, die nur Jesus geben kann. Zunächst jedoch: Was ist die christliche Hoffnung, welchen Inhalt besitzt sie, was bedeutet sie?

Der Mensch lebt stets mit Blick auf die Zukunft: Er stellt sie sich vor, er plant und erträumt sie. Auf diese Weise hat das Leben eine immer neue Anziehungskraft, denn man erwartet die Begegnung mit etwas Neuem, mit etwas Großem, das uns erlaubt, als Menschen zu wachsen. Freilich ist die Zukunft auch der Bereich des Unbekannten und enthält auch Bedrohungen, die Angst machen. Die Hoffnung ist genau das, was uns einen Weg in Richtung Zukunft ermöglicht. Dabei vertrauen wir dem, was schon aufkeimt, was uns die Erfüllung dessen ankündigt, das wir ersehnen. So können wir unsere Ängste überwinden.

Im menschlichen Leben gibt es Bereiche, in denen Hoffnungen aufkeimen, die wir „natürliche Hoffnungen" nennen könnten. Denken wir an die Erfahrung der Liebe, die immer eine Verheißung auf Ewigkeit in sich trägt und die es den Verliebten erlaubt, sich eine Zukunft voller neuer Möglichkeiten vorzustellen. Oder denken wir an ein Kind, das allein durch seine Geburt den Eltern und der Gesellschaft neue Horizonte eröffnet und ihren Blick in die Zukunft weitet.

Alle diese Hoffnungen greifen jedoch, für sich genommen, zu kurz. Wir können sie nur deshalb annehmen, weil in ihnen schon jetzt die große Hoffnung aufstrahlt, an die uns Papst Franziskus in dem von Ihnen vorher zitierten Satz und auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Spe salvi erinnert haben (vgl. Nr. 39). Es ist die Hoffnung auf Gott, das heißt das Vertrauen darauf, dass das Leben sein Ziel erreichen wird und alle Ängste, einschließlich der Angst vor dem Tod, überwinden kann. Diese Hoffnung ist wie ein Körnchen Gold, das am Boden einer Goldwäscherpfanne leuchtet und so den alltäglichen Hoffnungen ihr wahres Maß gibt.

Wir könnten sagen, das ganze Werk Jesu war ein Werk der Hoffnung. Er wurde geboren als die „Hoffnung Israels" (Jer 17,13). Er säte in seiner Verkündigung Hoffnungen auf den Weg der Menschen, indem er ihnen die Augen öffnete, ihnen das Vorwärtskommen ermöglichte und sie von den Sünden befreite, die ihr Vorangehen behinderten.

Wir können uns jedoch fragen: Wie ist diese Zukunft zu erreichen? Ist sie nicht zu groß und erhaben für uns? Darin liegt der Schlüssel des Angebots Jesu: Er eröffnet uns nicht nur die Zukunft, er zeigt uns auch den Weg, sie zu erreichen. Die Begegnung mit der Liebe Jesu enthält ein Versprechen, das uns befähigt, über unsere Kräfte zu hoffen. Wenn wir uns auf Christus stützen, sind wir gewiss, dass er für die größte Hoffnung einsteht, für eine Hoffnung, die über einen bloßen Optimismus hinausgeht. Dieses echte Vertrauen gründet nicht mehr auf eine einfache positive Bewertung dessen, was wir erreichen können, vielmehr gewinnt sie ihre Kraft aus Gott in Jesus, dem Gewährsmann der großen göttlichen Verheißung.

Das ist die wahre theologische Hoffnung, denn sie hat ihren Sinn (logos) in der Güte Gottes (theos). Deshalb sagen wir, dass die Hoffnung eine übernatürliche Tugend ist, weil sie auf Gott als letztes Ziel aller Dinge ausgerichtet ist. Sie stützt sich in realistischer Weise auf Gott, um zu dem Ziel zu gelangen, das wir anerkennen als das, wofür wir gemacht und wozu wir berufen sind.

Daher ist die christliche Hoffnung auch einzig in der Lage, uns die so sehr ersehnte Sicherheit zu geben: Gott hat einen universalen Plan zu unserer Rettung, und er hat ihn in seinem Sohn Jesus verwirklicht. Dank einer solchen Hoffnung können wir uns auf Gott als absolute Zukunft stützen – nicht auf unsere eigenen Pläne und Vorhaben, die so vielen Beschränkungen unterworfen sind: Das ist die Sicherheit, die uns die Hoffnung gibt.

Leiden wir heute an einer Krise der Hoffnung, dieser großen Hoffnung, die zu Gott führt? Es sieht so aus, als hätte die Problematik des heutigen Menschen mit dem Glauben zu tun, vor allem bezüglich der Fähigkeit des Glaubens, uns der Zukunft zu öffnen; es scheint sich daher letztendlich um ein Problem der Hoffnung zu handeln. Die diversen Krisen unserer Gegenwart entwickeln sich nämlich auf dem Nährboden der Unsicherheit angesichts der Zukunft: Wirtschaftskrise, mangelnde Sicherheit im Zivilleben (zum Beispiel durch den Terrorismus), Geburtenrückgang … Ist das so?

Hoffnung und Glaube sind untrennbar miteinander verbunden und mit der Liebe vereint. Die drei theologischen Tugenden sind Ausdruck des neuen Lebens, das Jesus uns geschenkt hat, oder – was eigentlich dasselbe ist – der neuartigen, innovativen und geradezu revolutionären Art unserer Beziehungen zu Gott und zur gesamten Wirklichkeit.

In der Bibel greifen diese drei Tugenden ständig ineinander und verstärken sich. Der Glaube zielt darauf ab, Gott selbst als Fundament aller Wirklichkeit anzuerkennen: seine Existenz, sein heilbringendes Wirken in der Geschichte, seine stets treue Begleitung. Die Hoffnung richtet sich auf Gott in seiner Güte, seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit als letztendliches Ziel, auf das alles hingeordnet ist. Die übernatürliche Liebe ist die tiefe innerliche Verbindung Gottes mit uns: Er lebt in uns, und wir sind seine Kinder.

Jeder von uns möchte glücklich sein: Wir alle wünschen uns echte Liebe, vollkommene Gerechtigkeit, unvergängliche Schönheit. Wenn wir hoffen, die volle Glückseligkeit in Gott zu erlangen, weil wir uns irgendwann in unserem Leben mit unserer Wirklichkeit auseinandergesetzt haben. Als wir darin eine Sehnsucht nach Unendlichkeit entdeckten, haben wir „Ja" gesagt zu dem Einen, der unsere Sehnsucht stützen kann. In der Gewissheit seiner Treue haben wir uns freiwillig dem anvertraut, der seine Versprechen vollkommen erfüllt und uns liebt. Die Gottesfrage betrifft meine geschichtlich gegebene Freiheit. Auf wen stütze ich mein Leben? Wer ist Gott für mich?

Die wahre Hoffnung ist nur dann möglich, wenn wir uns auf Gott verlassen, der uns als Vater, Sohn und Heiliger Geist geoffenbart wurde; sein trinitarisches Wesen enthüllt uns unsere trinitarische Beschaffenheit. Wir sind zur Einsicht fähig, dass alles aus dem Vater hervorgeht; dank unseres Intellekts entdecken wir unsere Wesensverwandtschaft mit dem Sohn; mit dem Geist bejahen wir die Liebesbeziehung zwischen Vater und Sohn. In Christus stellt Gott sich jedem von uns zur Seite und lässt uns sein Antlitz sehen. Wenn wir anerkennen, dass Er Urheber und providentielle Gegenwart in der Geschichte ist, und wir uns demütig zu seinem Sohn bekennen, werden wir in uns selbst eine Gabe entdecken, die uns ein furchtloses Dasein ermöglicht: Es ist der Glaube, diese befreiende und tröstende Gewissheit, die unsere Gefühle sicher macht, die uns zum Festhalten an unserer gegenwärtigen Geschichte aus Liebe befähigt und die unsere Hoffnung stützt, indem sie uns ohne Angst der Zukunft hin öffnet. Der hl. Johannes vom Kreuz, dieser große Interpret der christlichen Mystik, hat auf einzigartige Weise die Wandlung der Weltanschauung besungen, die sich in einer verliebten Seele durch die Gnade des Geliebten, des Erhabenen, des Nahen vollzieht:

„Tausend Liebreize verstreuend, schritt er eilig durch diese Haine, und als er sie im Vorübergehen anblickte, ließ er sie durch sein bloßes Erscheinen in Schönheit gekleidet zurück."¹

Die überbordende Größe dieses trinitarischen Verständnisses des Menschen und der Geschichte, ausgehend von einem Gott, der uns ins Dasein ruft, uns als seine Kinder behandelt und uns auffordert, die Welt leidenschaftlich zu lieben, steht im Gegensatz zu dem, was unsere westlichen Gesellschaften uns normalerweise anbieten. Wie viel Zukunftsangst bemerken wir in ihnen! Wie viele konkrete Ängste und wie viele unbestimmte Ängste! Wie viel Angst verbirgt sich doch hinter dem immer ausgedehnteren Götzenkult der Ideologien, des Sex, des Image oder der Nation! Das Eigenartige ist, dass der denkende Verstand – der den Glauben hinter sich gelassen hat, weil dieser angeblich obskur und schwach ist –, dass dieser modern-utopische Verstand dazu übergangen ist, dem unbegrenzten Fortschritt fast blind zu vertrauen und sich auf das irrationale Gefühl irgendeines diktatorischen Willens zu verlassen. Diese neue Epoche der Geschichte begann optimistisch und hoffnungsvoll, im sogenannten „Jahrhundert der Aufklärung", und mündete in die gegenwärtigen Ängste. Es ging darum, sich der Zukunft zu öffnen, indem man die Erinnerung hinter sich ließ. Wir hatten die Möglichkeit, die Geschichte neu zu gestalten durch die Abkehr von der Tradition. Auch galt es, jedes Dogma zu vermeiden und die Hoffnung der Menschheit auf die vom technischen und wissenschaftlichen Fortschritt versprochenen neuen Möglichkeiten unbedingt zu unterstützen. Was haben uns aber diese Verheißungen hinterlassen?

Handelt es sich vielleicht um Glücksversprechen, bei denen wir auf Gott verzichten und nur auf den menschlichen Fortschritt bauen, sodass sie uns an Gütern gesättigt, aber ohne Hoffnung zurücklassen?

Genauso ist es. Ich stelle mit großer Traurigkeit und Sorge fest, dass viele unserer Zeitgenossen, die in einer Welt ohne Gott erzogen wurden, daran zweifeln, dass die Geschichte – einschließlich ihrer eigenen – einen Ursprung und eine Bestimmung hat. Die persönliche, familiäre oder nationale Vergangenheit wird als eine unzusammenhängende Folge von Windstößen wahrgenommen; man findet sich mit Kurzgeschichten ab, die nur wacklige Hoffnungen enthalten, strebt nicht nach einer edlen Geschichte, die einen erhebt, die dem ganzen Dasein Sinn gibt, die erklärt, warum man hier ist, für wen man lebt, warum man leidet … Das Ergebnis all dessen kann nur eine Krise der Hoffnung sein.

Wenn man den Glauben an Gott ablehnt; wenn man sich nicht mehr daran erinnert, dass seine Wohltaten in unserem Leben reines Geschenk sind, d. h. wenn wir unsere wesentliche Erinnerung verlieren und vergessen, dass Er unser Ursprung und Fundament ist, dann sind wir zu kleinen Göttern geworden; wir weigern uns, uns in uns selbst zu vertiefen und definieren unsere Identität schließlich nach eigenem Belieben neu. Diese westliche Kultur, die sich auf der Grundlage falscher philosophischer und theologischer Ansätze eingeredet hat, sie bräuchte Gott nicht als Fundament des Seins und des Menschen, hat nicht nur den Glauben, sondern auch die Hoffnung und damit ihre Größe verloren. David Goldman, Autor unter anderem des Werks How Civilisations Die, schreibt: „Die Banalität des Westens ist entmutigend".

Ohne Gott verlieren wir den Mut zur Auseinandersetzung mit den großen existentiellen Fragen, die sich im Leben unweigerlich stellen: Tod, Krankheit, Leiden, Gewalt. Wir können sie auf tausend Weisen verdrängen, aber in Augenblicken der Klarheit werden wir feststellen, dass wir leer und verloren sind. Nur wenn wir in das Angesicht Gottes schauen, das sich uns in Christus immer klarer offenbart, und auf seine Vorsehung hoffen, dann werden wir die nötige Kraft empfangen, um uns den entscheidenden, letzten Fragen zu stellen.

Wenn wir verstehen, dass Glaube bedeutet, sich auf den verlassen, der uns die größte Verheißung gegeben hat, dann bringt er Vertrauen und daher auch Hoffnung hervor. Nur der Glaubende kann wirklich hoffen.

Ist es überhaupt möglich, die Flamme der Hoffnung, die in den Menschenherzen zu erlöschen scheint, neu zu entfachen?

Darin liegt eine große Aufgabe für die Kirche: aufzeigen, dass das Leben im Glauben eine Quelle der Hoffnung ist. Der heutige Mensch nimmt seinen fehlenden Glauben nicht als Drama wahr und – was noch schlimmer ist – er versucht ihn durch Surrogate, zum Beispiel durch einen billigen Optimismus, zu ersetzen.

Wir wenden uns, manchmal nicht ohne eine gewisse Verlegenheit, an offensichtliche, von einem vagen Optimismus geprägte und absolut unnütze „Selbsthilfetechniken; wir schminken nicht nur unser Gesicht, sondern unser ganzes Leben; wir tauchen immer wieder in die virtuellen Welten der TV-Fiktion ab, um Geschichten zu „leben, die stets einen guten Ausgang haben; wir glauben jede Information der Medien über die Wohltaten unserer technisierten Gesellschaft; wir sind völlig von den Kampagnen überzeugt, die uns das Paradies auf Erden versprechen und von uns im Gegenzug „nur" unsere Wählerstimme (das heißt unseren Willen) verlangen und unseren Verzicht darauf, von den Politikern eine ethisch vertretbare, das heißt eine dem Gewissen folgende, Machtausübung zu fordern. Wir zahlen einen hohen Preis, um optimistisch bleiben zu können!

Wenn wir uns ständig selbst zensieren, um das Negative im Leben zu übersehen, üben wir eigentlich eine erhebliche Gewalt aus gegen uns selbst und letztendlich auch gegen diejenigen, die „uns das Spiel verderben wollen. Wie viel Skepsis und Zynismus verursacht doch die heute so weit verbreitete optimistische Betrachtungsweise! Wie viel Unvernunft verbirgt sich hinter dem vermeintlich rationalen Ansatz dieses „neuen Menschen, der, um nur ein Beispiel zu nennen, dem gefährlichen Geburtenrückgang in den westlichen Ländern regungslos zuschaut, ohne Maßnahmen zur Erhöhung der Geburtenrate zu ergreifen oder eine verantwortliche Einwanderungspolitik durchzusetzen!

Wo lassen sich Zeichen der Hoffnung erkennen?

Wenn der Verstand in Einklang mit dem Glauben gebracht wird, kann er „die Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt" (Röm 5,5) erkennen. Denken wir daran – wie es schon Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in Regensburg betont hatte – dass die große westliche Zivilisation aus der gegenseitigen Wechselbeziehung von vier ständigen Bewegungen hervorgegangen ist: dem griechischen Fragen, dem jüdischen Prophetismus, dem katholischen Glauben und der Freiheit des modernen Gewissens. Für Papst Benedikt XVI. hat der heutige Mensch nur eine Möglichkeit: von der Frage nach Gott ausgehen und auf dieser Grundlage die Fähigkeit seiner Vernunft schärfen.

Der neue Humanismus, den wir entwickeln müssen, sieht keinen Gegensatz zwischen der Suche nach Vernunft und dem Glaubensakt, denn letzterer bestätigt uns, dass Gott die Liebe ist und dass er konkret in der Welt und vor allem in meinem Leben gewirkt hat, um mir auf diese Weise seine Liebe zu zeigen. Dieser neue Humanismus, der nicht damit aufhört, leidenschaftlich nach der Wahrheit zu suchen, lässt mich voller Hoffnung leben. Deshalb müssen wir bekräftigen, dass die Lehren der Kirche und ihre ganze Doktrin mit Hilfe des Glaubens ein tragfähiges Angebot für die Menschen von heute darstellen. Dadurch werden wir fähig zu erkennen, was das Ziel ist, das wir anstreben, und welches die Kräfte sind, auf die wir zu seiner Erreichung bauen können.

Andererseits befähigt uns nur der Glaube zur Wiederentdeckung der vielen Hoffnungszeichen, die es in der Gesellschaft gibt. Es stimmt zwar, dass es viele Anzeichen von Verzweiflung gibt, wie zum Beispiel der Egoismus, der sich in der Weltpolitik und der Weltwirtschaft immer wieder durchsetzt bzw. der fehlende Kinderwunsch vieler Menschen, aber wir können durch den Glauben die Elemente ausmachen, die unsere Hoffnung stärken: Es gibt in Politik und Wirtschaft viele Frauen und Männer, die sich um das Gemeinwohl bemühen, genauso wie – um das vorige Beispiel aufzugreifen – es viele junge, mutige und starke Paare gibt, die Kinder haben wollen und dann verantwortungsbewusst für diese Kinder, für ihre Zukunft und ihre Ausbildung sorgen. Die Erfahrung, Eltern zu werden, ist deswegen auch ein starkes Bild, um uns daran zu erinnern, dass die Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt, durchaus möglich ist. Im Staunen über die Geburt eines Kindes erfahren wir, dass am Ursprung von allem, was wir sind und tun, ein Geschenk steht, ein Du, das uns das Leben geschenkt hat, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Eine große Liebe hat uns in eine Familie aufgenommen und für uns gesorgt.

Impliziert die christliche Hoffnung stets eine optimistische Einstellung im Umgang mit Problemen bzw. eine positive Einschätzung der Dinge?

Ein Leben aus der Hoffnung beseitigt nicht die Probleme unseres Daseins. Das war immer so. Nach dem Sündenfall hat es in unserer Geschichte niemals mehr ein „Paradies auf Erden" gegeben. Kindersterblichkeit, Kriege, Sklaverei, Unterdrückung der Armen – die Menschheitsgeschichte ist Zeuge dafür, dass diese Plagen unablässig andauern. Das ist das menschliche Elend. Das ist unsere Schwäche. Deshalb bedeutet an Gott zu glauben keineswegs, das Leid zu beseitigen, sondern dem Leid einen neuen Horizont zu eröffnen: verstehen, dass sich in jeder Situation, so schwierig und tragisch sie auch sein mag, ein fruchtbringendes Element finden lässt, denn der Schmerz kann, nachdem Christus ihn ja endgültig auf sich genommen hat, Liebe wecken und sie reifen lassen.

Ich glaube, dass unsere heutige Gesellschaft die Probleme, mit denen sie sich herumquält, weiter verschlimmert, indem sie Gott als metaphysisch unnötig betrachtet und einen Optimismus vorschlägt, der in der Wirklichkeit nicht zu halten ist. Es verbreitet sich eine skeptisch-hedonistische Lebensform, die dem Wesen des Menschen vollkommen entgegensteht, ihm unwiederbringlich schadet. Schauen wir nur auf die gegenwärtig so weit verbreitete Resignation und Verzweiflung vieler, die keinen Sinn für ihr Leben finden können. Wenn wir den Agnostizismus als allgemein gültiges Angebot (im Sinne einer Aufforderung, nicht nach der letzten Wahrheit der Dinge zu suchen) hinzunehmen, ist das Panorama wirklich trostlos, denn Hoffnungslosigkeit geht immer mit einer Eintrübung der Wahrheit einher. Ich denke, wir sollten häufiger über die Anfälligkeit vieler unserer Zeitgenossen nachdenken: Eingetaucht in eine virtuelle Realität haben sie die Hoffnung verloren, damit auch den Sinn, der über die Endlichkeit der Schöpfung hinausgeht, und die Sicherheit, die uns nur die Liebe geben kann, die sich in Seinen Werken offenbart.

Diese Formen des Nihilismus des heutigen Menschen stehen am Ursprung eines einschneidenden Verlustes seiner Würde. Sie haben ihn überzeugt, dass er selbst nur ein Augenblick in der Evolution der Materie ist, gleichsam das Ergebnis eines Blindekuhspiels in der Entwicklung der Natur. Dem Menschen wurde eingeredet, die gesamte Wirklichkeit sei reiner Materialismus und Pan-Naturalismus. Benedikt XVI. sprach die Neuheit dieser Krise an, als er sagte, der Mensch von heute lehne es ab, erschaffen worden zu sein und eine Natur empfangen zu haben; damit weise er auch von sich, dass am Ursprung seines Lebens ein Geschenk steht. Daraus ergibt sich sein Anspruch, als Grundlage seiner Existenz eine Selbst-Generierung anzunehmen oder, was dasselbe ist, eine unbeschränkte Fähigkeit, sich selbst „neu zu erfinden" und neu zu definieren.

Unsere Gesellschaft, die mit der Demokratisierung der Kultur und Information prahlt, blickt wie erstarrt auf die Marginalisierung jener Intellektuellen, die einen anspruchsvollen Standpunkt vertreten, auf das ständige Aufkommen irrationaler und in ihrer Vulgarität verletzender Meinungen, auf die Verbreitung destruktiver Ideologien, die sich uns unter dem Deckmantel der politischen Korrektheit auferlegen, auf die obskuren Manöver weniger Wirtschaftsbosse, die das Gewissen der großen Masse der Bevölkerung nach Belieben manipulieren. Nachdem die christliche Religion durch weltliches Gedankengut ersetzt worden ist, überrascht uns nicht einmal die allgemeine Verachtung der Philosophie und der Geisteswissenschaften in unseren mittleren und höheren Bildungseinrichtungen oder, schlimmer noch, die systematische Ausschließung der Möglichkeit, mit einem persönlichen Gott in unserem Gewissen zu rechnen; es wird uns nahegelegt, ihn durch Götzen zu ersetzen, die unserer Eitelkeit und Mittelmäßigkeit viel besser entsprechen. Am Ende ziehen diejenigen daraus Nutzen, die in unserer Gesellschaft kleinere oder größere Machtanteile besitzen, denn der Mensch, der aus diesem Prozess hervorgeht, ist viel leichter formbar.

Es ist traurig, diese Diagnose einer in ihrer radikalen Endlichkeit und Einsamkeit geängstigten Welt stellen zu müssen, und es tut mir weh, bekennen zu müssen, dass auch wir Theologen dazu beigetragen haben, Gott auf ein reines Instrument der Logik in den Händen der Philosophen zu reduzieren. Dabei vergaß man, dass die absolute Liebe nicht nur unser Sein begründet, sondern auch die Geschichte zur Heilsgeschichte macht. Ich würde mich jedoch in meinem Gewissen als Theologe verfehlen, wenn ich diese Wahrheit verschweigen würde.

Wäre es vor diesem Hintergrund nicht angebracht, unsere Erwartungen zurückzuschrauben, nicht zu viel von der Zukunft zu erwarten, uns mit einer mittelmäßigeren, ausbalancierten Hoffnung zu begnügen?

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