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Liebe und Bindungsangst

Liebe und Bindungsangst

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Liebe und Bindungsangst

Bewertungen:
5/5 (1 Bewertung)
Länge:
330 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 8, 2016
ISBN:
9783451807541
Format:
Buch

Beschreibung

Viele Menschen leiden unter Verlust- und Bindungsängsten. Immer wieder geraten sie in Beziehungen, die schmerzhaft zwischen Nähe und Distanz schwanken -- und oft genug schließlich zerbrechen. Hannah Cuppen beschreibt in mitfühlendem, aber auch klarem Stil, wie "liebesschüchterne" Menschen den destruktiven Mustern entkommen und im zweiten Schritt auch zu einer inneren Heilung und Überwindung der Ängste gelangen können.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 8, 2016
ISBN:
9783451807541
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Liebe und Bindungsangst - Hannah Cuppen

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© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel

»Liefdesbang« im Verlag AnkhHermes, Utrecht.

Umschlaggestaltung: Designburo Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © mirabella – Fotolia.com

Autorenfoto: © Melvin Heeves

E-Book-Konvertierung: Daniel Förster, Belgern

ISBN (E-Book) 978-3-451-80754-1

ISBN (Buch) 978-3-451-61399-9

Für meinen Vater und meine Mutter

Für »unser Hansje«

Für André und Marcel

Für Sara, Isa und Fleur

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Teil 1 Der Tanz um Nachstellen und Weglaufen

~ 1 ~ Haben Sie Liebesangst?

~ 2 ~ Welche Schritte bestimmen den Tanz?

Phase 1: Die Eröffnung

Phase 2: Tanzen mit widersprüchlichen Schritten

Phase 3: Fast zu Ende getanzt

Phase 4: Jetzt doch das unvermeidliche Ende

Phase 5: Nach den letzten Schritten

~ 3 ~ Partner mit Liebesangst

Der Konflikt zwischen zusammen und getrennt

Wie funktioniert die Dynamik?

Den Tanz erkennen

Unterschiede in den Tanzschritten

~ 4 ~ Habe ich Bindungsangst?

Kennzeichen von Bindungsangst

Zusammenfassung: die Symptome

~ 5 ~ Oder habe ich Verlustangst?

Kennzeichen der Verlustangst

Zusammenfassung: die Symptome

~ 6 ~ Der Tanz bis zu den letzten Schritten

Beispiele auf der Tanzfläche

Die letzten Schritte

Unterschiede und Übereinstimmungen

Der Kern eines Liebesangst-Tanzes

Teil 2 Es gibt weder falsche Männer noch falsche Frauen

~ 1 ~ Es gibt nur verletzte Menschen

Bindung als Trigger

Was steckt dahinter?

Wie wirkt es sich aus?

~ 2 ~ Ich brauche dich

Sichere Bindung

Unsichere Bindung

Bindung oder Verbundenheit

~ 3 ~ Beziehungen mit und ohne Hintertür

Bindungsmuster von Menschen mit Verlustangst

Bindungsmuster von Menschen mit Bindungsangst

~ 4 ~ Löst du mein Problem?

Angebot und Nachfrage in der Partnerbeziehung

Hilfe, mein Partner erinnert mich an meine Eltern

Tochter mit Vater verheiratet, Sohn mit Mutter

Funktion der Dynamik

~ 5 ~ Angst als Widerhaken in der Wunde

Die Merkmale zusammengefasst

Teil 3 Vom Überleben zur Heilung

~ 1 ~ Wie überlebe ich?

Kämpfen, fliehen oder erstarren

Rationalisieren und verurteilen

Verschmelzung und Dissoziation

Illusionen und Fantasien

Selbstsabotage

Innere Spaltung

~ 2 ~ Freund oder Feind?

Der Überlebenstanz

Die Überlebensschritte zusammengefasst

~ 3 ~ Die heilende Bewegung

Der gesunde Teil

Neue Schritte

Teil 4 Heilende Schritte für einen wahren Liebestanz

Der Bindungskreislauf

~ Schritt 1 ~ Kontakt herstellen oder isolieren

~ Schritt 2 ~ Binden oder weglaufen

~ Schritt 3 ~ Trennen oder festklammern

Die Bindung an den Partner lösen

Die Bindung an die Eltern lösen

~ Schritt 4 ~ Trauern oder ignorieren

~ Schritt 5 ~ Sinn geben oder Groll hegen

Rückfall

Gesunde Beziehung auf der Grundlage von Verbundenheit

Verbinden ist ein Kreislaufprozess

Teil 5 Zutaten für verfügbare Liebe

~ 1 ~ Gestehen Sie sich Ihr Existenzrecht zu

~ 2 ~ Verbinden Sie sich im Augenblick

~ 3 ~ Vereinen Sie Gegensätze

~ 4 ~ Entscheiden Sie sich für echte Autonomie

~ 5 ~ Respektieren Sie sich selbst

~ 6 ~ Öffnen Sie sich selbst Ihr Herz

~ 7 ~ Sagen Sie Ihre Wahrheit

~ 8 ~ Vergeben Sie sich selbst

~ 9 ~ Richten Sie sich an bedingungsloser Liebe aus

~ 10 ~ Verbinden Sie sich aus Freiheit

Das ist das Leben

Schluss

Dank

Literatur

Über die Autorin

Vorwort

Als Menschen werden wir vom Bedürfnis nach Liebe angetrieben. Wir wollen lieben und geliebt werden. Für den einen liegt die Liebe ganz nahe, für den anderen weit entfernt, und dem dritten erscheint sie unerreichbar. Wenn wir unser Herz nicht für die Liebe öffnen können, kommt das nicht von ungefähr. Irgendwo auf dem Weg sind wir verletzt worden, der Tod ist in unser Herz eingedrungen, Verlust hat unverkennbare Spuren hinterlassen, unsere Träume wurden von seelischem Schmerz verdrängt, und wir suchen nur noch Halt in unseren Fantasien über die Liebe. Wir haben uns Methoden angeeignet, diese armselige Realität abzumildern und unsere Gefühle von Verlangen und Mangel zu verbergen. Auf keinem anderen Gebiet sind wir so leicht verletzlich wie in der Liebe. Wir haben Liebesangst entwickelt und uns einen Tanz beigebracht, der uns eher von der Liebe fernhält als uns näher zu ihr zu bringen. In diesem Tanz haben wir uns selbst verloren, und so groß unser Verlangen, die Liebe zu erreichen, auch ist, wir müssen mit unseren eigenen Schritten beginnen, um den Tanz zu verändern.

Hannah Cuppen

Einleitung

Den Tanz von Nachstellen und Weglaufen kenne ich in jeder Faser meines Körpers. Ich bin damit aufgewachsen. In Beziehungen war er immer anwesend. Schon bei meiner ersten zarten Verliebtheit in der Grundschule war er dabei. Wenn ich in einen Jungen verliebt war, war er nicht in mich verliebt, und sobald ich das Gefühl losgelassen hatte, verliebte er sich in mich. Ich wusste damals noch nicht, dass dies der rote Faden in meinem Leben werden sollte; das wurde mir erst viel später bewusst. Offensichtlich liefen meine Beziehungen ab wie bei allen anderen auch. Hinterher habe ich die vielen Gesichter meiner Verlustangst kennengelernt und durchschaut, wie tief unter der Oberfläche der Liebe sie sich versteckt. Wie ein Jäger, der immer auf der Lauer liegt, um die Liebe zu erschießen, gerade dann, wenn dieses zarte Gefühl wie ein scheues Reh mit großen, unschuldigen Augen erste kleine Schritte tut, um näher zu kommen. Bevor ich die Liebe wirklich kennenlernte, wurde sie oft brutal gestört. Ich habe gelernt, dass Liebe nicht einfach so zugänglich, sondern mit Angst verwoben ist. Das habe ich von klein auf gelernt, nicht weil es mir jemand mit Absicht beigebracht hätte, sondern weil es so war.

Ständig verliebte ich mich in Männer, die aus welchen Gründen auch immer letzten Endes nicht zu haben waren. Ich fühlte mich wie ein Magnet von ihnen angezogen. Die Männer, in die ich mich wirklich verliebte, hatten schon eine Beziehung oder Angst davor, eine einzugehen. Wenn Männer sich in mich verliebten, tat ich alles, um die Liebe zu sabotieren. So lebte ich den Tanz von Nachstellen und Weglaufen und ließ die Liebe chancenlos zurück.

Je mehr ich meine eigene Verlustangst und meine Bindungsangst durchschaute, desto klarer erkannte ich auch bei anderen Menschen, dass die Wechselwirkung zwischen diesen beiden Polen der Angst in vielen Beziehungen eine Rolle spielte. Mit diesem neuen, aber gut entwickelten Sinn »weiß« ich oft sofort, wann die Verlustangst und die Bindungsangst einer Beziehung den Strick um den Hals legen. Ich beobachte es immer wieder in meiner Umgebung: Die Wechselwirkung zwischen diesen beiden Polen, die ich hier »Dynamik« nenne, zeigt ein unverwechselbares Muster, das sich wie ein Naturgesetz manifestiert. So gern die Menschen auch anders wollen, der unsichtbare Jäger hat das Gewehr schon geladen und ist entschlossen zu schießen.

Als ich das vollständige Bild dieser Dynamik erkannt hatte, schrieb ich 2010 einen Artikel über »Verlassen und Intimität« über die Wechselwirkung zwischen der Angst, verlassen zu werden, und der Bindungsangst. Darin erkannten sich viele Menschen wieder, und in zahlreichen Reaktionen, die ich bekam, klang die Frage auf, wie man mit der komplexen Thematik umgeht. Mit diesem Buch will ich die Frage beantworten, aus einem Blickwinkel, der alle Schichten der Wechselwirkung zwischen Verlustangst und Bindungsangst zu ihrem Recht kommen lässt, auch die, die an der Oberfläche nicht sichtbar sind.

Dieses Buch handelt von den Methoden, die wir unbewusst gelernt haben, um Liebe fernzuhalten, aus Angst, die Liebe zu verlieren. Wir haben dabei die Überzeugung gewonnen: Wenn wir uns nicht verbinden, werden wir auch nicht verlassen. So wird das alte Muster immer wieder zur vollendeten Tatsache, und uns fehlt die Liebe, nach der wir so sehr verlangen.

Ich hoffe, dass dieses Buch Ihnen das Muster von Nachstellen und Weglaufen bewusst macht und zeigt, wie Sie aus diesem Muster aussteigen können. Indem ich die Erkenntnisse teile, die ich gewonnen habe, will ich Ihnen den Halt geben, den Sie brauchen, um sich aus dieser Dynamik zu befreien. Dadurch haben Sie eine freiere Wahl, wenn Sie eine Beziehung eingehen wollen, die weniger wahrscheinlich in Schmerz endet und eher auf Vertrauen und Selbstliebe beruht.

Ich hoffe vor allem auch, zu mehr Anerkennung und Verständnis für Menschen beitragen zu können, die Schwierigkeiten haben, wirklich eine Beziehung einzugehen. Es kann tröstlich sein zu wissen, dass Sie in dem Ringen damit nicht allein sind. Viele Menschen haben mehr oder weniger Angst, eine echte Verbindung einzugehen. Und das sind nicht nur Menschen ohne Beziehung. Menschen, die vielleicht schon seit Jahren mit einem Partner leben, haben gemeinsam ein Muster entwickelt, um sich selbst und einander in Sicherheit zu bringen. Auch wenn dieses Muster unbefriedigend und manchmal sogar destruktiv ist. Wenn Sie sich aufmerksam umschauen, sehen Sie, dass Sie nicht allein sind.

Dieses Buch wurde auf der Basis meiner eigenen, jahrelangen Selbstanalyse geschrieben, auf der Grundlage von Erzählungen und Erlebnissen vieler Menschen, die sie mit mir geteilt haben, und aufgrund meiner Arbeit als Therapeutin. Ich habe Interviews mit vielen Menschen geführt, und daher enthält das Buch viele authentische Beispiele aus der Praxis. Nur die Namen sind fiktiv, um die Privatsphäre der Beteiligten zu schützen. Außerdem habe ich meine eigenen Erfahrungen aufgenommen, um zu zeigen, wie auch ich in meinem Leben diesen Tanz getanzt habe.

Im Text verwende ich »er« und »sie« abwechselnd. Die verschiedenen Seiten der Dynamik sind nicht geschlechtsgebunden, daher sind »er« und »sie« überall austauschbar.

Dieses Buch ist mein geistiges Kind. Es ist meine Art, Leben weiterzugeben. Indem ich das Thema Verlustangst und Bindungsangst aus dem Schatten hole und ins Licht stelle, hoffe ich, dass ich allen helfen kann, die damit zu kämpfen haben. Ich lade Sie ein, es ganz zu erspüren, und hoffe, dass es Ihnen eine Tür öffnet, um mehr Liebe in Ihr Leben zu lassen.

TEIL 1

Der Tanz um Nachstellen und Weglaufen

Das Mysterium der Liebe

Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist.

R. M. Rilke ¹

In Teil 1 beschreibe ich alle Facetten des Liebes­angst-Tanzes und die Schritte, die dazu gehören. Am Ende dieses Teils wissen Sie genau, ob Sie Liebesangst haben und welche Rolle Sie darin spielen. Sie kennen dann den Unterschied zwischen Verlustangst und Bindungsangst und Sie haben die Wechselwirkung dieser beiden Seiten des Tanzes um Nachstellen und Weglaufen im Blick.

~ 1 ~

Haben Sie Liebesangst?

Liebesangst bezieht sich nicht auf Menschen, deren Leben misslungen ist, im Gegenteil. Dieses Problem betrifft oft gerade jene, die auf vielen Ebenen ihres Lebens sehr erfolgreich sind. Aber wenn es um die Liebe geht, verfallen sie immer wieder in ein Muster, in dem die Liebe nicht standhält oder nicht zu der gewünschten Beziehung führt. Wenn Sie das Muster wiedererkennen, dass Ihnen die Liebe im Leben immer wieder aus den Händen gleitet, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch Sie Liebesangst haben. Sind Sie oft verliebt, und diese Liebe wird nie erwidert? Verlieben Sie sich eher selten, aber wenn, dann in den falschen Menschen? In jemanden, der nicht zu haben ist oder schon eine Beziehung hat, oder, aus welchem Grund auch immer, nicht in der Lage ist, intim zu werden? Sind Sie immer damit beschäftigt, Bildern nachzujagen, wie der ideale Partner, die ideale Partnerin aussehen müsste? Bleiben Sie in kurzfristigen Beziehungen hängen oder laufen Sie sofort weg, sobald es auf eine echte Verbindung ankommt? Dann deuten verdächtig viele Symptome auf Liebesangst hin.

Es kann auch sein, dass Sie zwar eine Beziehung haben, aber darin nicht die Gegenseitigkeit erleben, nach der Sie verlangen. Ihnen fehlt die echte Intimität oder Nähe. In einer solchen Beziehung verhalten sich die Partner eher wie Geschwister. Sie können beste Freunde und besonders effektive Manager der Familie sein, aber Intimität zwischen ihnen als Paar ist kaum zu entdecken. Diese Partner schaffen Distanz, indem sie nebeneinanderher leben, zum Beispiel, indem sie völlig verschiedenen Interessen nachgehen, sich in Arbeit, Sport oder Computer verlieren. Wenn die Intimität weit genug aus dem Blick gerückt ist, suchen sie durch eine Hintertür Kontakt zu »Artgenossen«, eventuell in einer eigenen Beziehung, bei denen die Intimität ebenfalls ausgeblutet ist.

Sie können sich fragen, warum es immer Sie trifft, dass Ihr Partner sich standhaft weigert, eine echte Verbindung einzugehen oder Nähe zuzulassen. Sie neigen dazu, all Ihre Zeit und Energie in das Funktionieren Ihrer Partnerschaft zu stecken, aber Sie stellen immer wieder fest, dass Sie ein totes Pferd antreiben. Es erfordert Mut, sich dann zu fragen, ob Sie vielleicht auch selbst ein Problem damit haben, echte Intimität zuzulassen. Der starke Drang, sich mit einem anderen verbinden zu wollen, der das ablehnt, kann eine unbewusste Methode sein, eigene Ängste zu verdecken. Diese unbewusste Angst wirkt weiter als Saboteur, der sie immer wieder in dieselbe peinliche Rolle drängt.

Wenn Sie Schwierigkeiten mit Intimität haben, neigen Sie oft auch sehr stark dazu, Ihren Single-Lebensstil, Ihre Freiheit und Unabhängigkeit beizubehalten. Wahrscheinlich brauchen Sie Raum, auch außerhalb von Liebesbeziehungen. Sie werden nicht leicht sesshaft oder gehen keine echte Verbindungen ein; stattdessen bleiben Sie auf der Suche nach dem »perfekten« Partner.

Natürlich gibt es Gründe, warum Sie Angst haben, eine Verbindung einzugehen, oder warum Sie eine Beziehung beenden wollen, zum Beispiel, wenn Sie einen starken Kinderwunsch haben und der/die andere nicht, wenn Sie sich in Ihrer persönlichen Entwicklung gebremst fühlen oder Sie einander nichts mehr zu sagen haben. Das sind legitime Gründe. In diesem Buch geht es um das immer wiederkehrende Muster, sich nicht verbinden zu können, weil immer wieder die Angst die Liebe verdrängt. Darin gibt es viele Abstufungen. Es gibt Menschen, die eine langfristige Beziehung eingehen und in dieser Beziehung die Angst vor Verbindung maskieren können. Sie fühlen sich dabei nicht wohl, kompensieren das aber auf andere Weise. Es gibt Menschen, bei denen allein der Gedanke an eine intime Beziehung große Angst auslöst oder die bei den ersten Liebesgefühlen so von Angst überwältigt werden, dass eine potenzielle Verliebtheit gar nicht erst eine Chance bekommt. Der amerikanische Psychologe und Pädagoge Steven Carter definiert in seinem Bestseller mit Julia Sokol Nah und doch so fern: Beziehungsangst und ihre Folgen Bindungsangst als »eine klaustrophobische Reaktion auf intime Beziehungen.«²

Liebesangst betrifft also Menschen, die auf der Suche nach einem Partner sind, denen es aber nicht gelingt, eine langfristige, stabile und gegenseitige Beziehung einzugehen, weil sie Angst vor Intimität haben. Oder um Menschen, die zwar eine Beziehung haben, aber darin Intimität und echten Kontakt vermissen. Wenn solche Muster öfter vorkommen, wird es Zeit, über den Zufall hinauszuschauen. Solange Sie nicht verstehen, wie dieser Konflikt bei Ihnen abläuft, laufen Sie Gefahr, immer wieder in dieselbe Falle zu tappen und Beziehungen anzuziehen, die durch Nachstellen und Weglaufen vor der Liebe gekennzeichnet sind.

~ 2 ~

Welche Schritte bestimmen den Tanz?

Ein echter Liebestanz ist unendlich. Ein Tanz der Liebesangst meist nicht. Der Tanz um Nachstellen und Weglaufen hat einen erkennbaren Anfang und ein Ende, der Rhythmus des Tanzes ist durch verschiedene Phasen gekennzeichnet. Steven Carter und Julia Sokol haben fünf Phasen beschrieben, die in jedem Liebes­angst-Tanz wiederzuerkennen sind.³ Ich habe mich von ihnen inspirieren lassen und illustriere in diesem Kapitel die fünf verschiedenen Phasen anhand meiner persönlichen Erfahrung. Es ist ein Beispiel, das in vielen Variationen auftritt, subtiler oder expliziter. Es geht darum, sichtbar zu machen, dass der Tanz um Nachstellen und Weglaufen typische Schrittkombinationen kennt, die ein deutliches Muster ergeben. In den folgenden Kapiteln nehme ich das Muster des Tanzes weiter auseinander und zeige Ihnen, wie er aufgebaut ist und welche Schritte beide Partner dabei ­machen.

Phase 1: Die Eröffnung

In der Eröffnungsphase des Tanzes stehen Nachstellen und Verführen im Mittelpunkt. Der Mann mit Bindungsangst gibt sich große Mühe, die andere für sich zu gewinnen. Er scheint in dieser Phase in der Lage zu sein, seine Angst vollständig zu negieren, und sendet Signale an die andere, dass er besondere Gefühle hegt und sogar für eine Beziehung offen ist. Er tritt in eine intensive Phase der Verführung, der Liebe und Spannung ein, wobei er nur ein Ziel hat: sie zu erobern. Auch die Frau mit Verlustangst geht voll darauf ein und ignoriert jedes Signal ihres Körpers, das auch nur den geringsten Zweifel an der Erreichbarkeit des anderen weckt. Sie öffnet sich ganz und gar, über jede Angst hinaus, und gibt sich dem anderen völlig in die Hand. In dieser Phase ist die Liebe besonders blind; beide sehen nur den perfekten anderen und fantasieren dazu ihr eigenes Bild von der Zukunft. Mit derselben Fantasie werden alle möglichen Hindernisse sofort schöngeredet. Die Intimität ist intensiv und es scheint, als ob der Mann mit Bindungsangst all seine aufgesparte Liebe, für die er sich normalerweise nicht einfach öffnen kann, der anderen gibt. Die Frau mit Verlustangst erlebt diese überwältigende Liebe als Bestätigung, dass sie jetzt den wahren gefunden hat und endlich bekommt, wonach sie so sehr verlangt. Die Fantasie hält sie beide von ihren Ängsten fern, die in dieser Phase nicht zu existieren scheinen.

Er blickt schon seit einer Weile zu mir her. Er fasziniert mich schon länger, ich weiß aber noch nicht genau, warum. Ich fühle eine magnetische Anziehungskraft, die meinen Blick unabwendbar an seinem Gesicht festhält. Den ganzen Abend kreisen wir umeinander, bis eine Freundin die Spannung durchbricht und mich ihm vorstellt. Von der Menschenmenge aneinandergepresst erzählen wir einander sofort das heftigste Ereignis in unserem Leben, das wir offenbar gemeinsam haben, als ob wir einander schon ewig kennen. Er kehrt zwar nach einer Weile zu seinen Freunden zurück, aber etwas in mir kann die Konzentration auf ihn nicht mehr unterbrechen. Ohne jeden Rückhalt gebe ich mich noch an diesem Abend ganz und gar in seine Hände, mit der Folge: eine Verliebtheit, wie ich sie seit ewigen Zeiten nicht mehr erlebt habe. Irgendwo in meinem Hinterkopf höre ich ein Stimmchen, das mir einreden will, die Sache könnte einen Haken haben, aber ich ignoriere es. Ich lasse mich vollkommen mitreißen vom Rausch der Verliebtheit, der mir verführerisch zuflüstert: »Es gibt sie noch; die Zeit der unmöglichen Liebe ist vorbei, das ist der Mann, mit dem du glücklich wirst.« Genau das will ich hören.

Phase 2: Tanzen mit widersprüchlichen Schritten

Die folgende Phase beginnt, wenn der Mann mit Bindungsangst merkt, dass er sein Ziel erreicht hat: Er hat die andere erobert und sie beginnt, Erwartungen im Hinblick auf eine Beziehung oder eine gemeinsame Zukunft. Hier weicht die Fantasie der Realität. Die Angst übernimmt das Ruder von der Liebe und die erste Panik kommt auf. Er stellt sich allerlei Fragen: Will ich das wirklich? Liebe ich sie überhaupt? Was ist eigentlich Liebe?

Bei jeder Antwort verstrickt er sich tiefer in den Kreislauf seiner Gedanken. Der Mann mit Bindungsangst wird von Zweifeln befallen und beginnt sich zurückzuziehen. Dazu baut er Distanz auf und sendet widersprüchliche Botschaften. Nun beginnt das Spiel von Anlocken und Abstoßen: Auf Nähe muss genügend Distanz folgen, damit die andere nicht zu nahe kommt.

Die Frau mit Verlustangst reagiert darauf nicht etwa, indem sie sich ebenfalls zurückzieht, was logisch wäre. Stattdessen will sie gerade mehr Kontakt herstellen und gibt sich alle Mühe, die Bindung enger zu machen. Die wachsende Unsicherheit treibt sie dazu, mehr Nähe zu suchen, um vom anderen Bestätigung zu bekommen. Sie wartet nicht darauf, dass der andere hinter seinem Schutzwall hervorkommt, sondern ergreift selbst die Initiative, um nicht zu fühlen, dass der andere gerade nichts tut. Diese Phase kann einige Wochen, aber auch Jahre dauern.

Ich lasse mich auf die höchsten Gipfel der Verliebtheit mitziehen, werde aber drastisch nach unten geschleudert, als ich nach ein paar Wochen eine abweisende SMS von ihm bekomme, in der er mitteilt, dass er ein Auge auf meine Freundin geworfen hat. Mein Herz klappt zu. Ich verstehe es nicht, wenn ich die Intensität unserer Gefühle betrachte – das kann er doch nicht vortäuschen? Aber andererseits verstehe ich es doch: Ich wirke natürlich bedrohlich, denn ich bin zu haben. Ich durchschaue das Spiel, und zu meiner großen Enttäuschung wird mir klar, dass ich auch diesmal wieder mitspiele. Ich lasse ihn wissen, dass ich seine Nachricht durchschaue und auf Distanz gehe, denn an diesem Spiel will ich nicht mehr teilnehmen. Das ist ein Fortschritt, ich will nicht mehr Jahre mit einer Sache vergeuden, die doch zu keinem Ergebnis führt. Ich unterschätze aber die Dynamik: Meine Reaktion ist eindeutig ein Vorsatz meines Verstandes. Irgendwo in der Tiefe ist etwas in mir erwacht, das ganz anderer Meinung ist. Als ich ihn wiedertreffe, beichtet er mir mit seinem ganzen Charme, wie leid ihm die SMS-Aktion tut. Flüsternd sagt er mir: »Du hast mich durchschaut, du hast es kapiert, und ich habe echte Gefühle für dich, aber auch einfach Angst.«

Die Stimme in mir, die sagt: »Siehst du, ich hab’s doch gewusst, er empfindet wirklich etwas für mich«, drängt sich überraschend froh in den Vordergrund. Ich fühle mich geschmeichelt und beruhigt durch sein positives Geständnis. Ich unternehme zwar noch einen ernst gemeinten Versuch, wütend zu werden, aber er entkräftet das fachmännisch, indem er seine ganze Schuld und Reue bekennt. Nach einem harten inneren Kampf falle ich schließlich doch in mein altes Muster zurück.

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