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Mein Leben, mein Weg: El Jesuita. Die Gespräche mit Jorge Mario Bergoglio von Sergio Rubin und Francesca Ambrogetti

Mein Leben, mein Weg: El Jesuita. Die Gespräche mit Jorge Mario Bergoglio von Sergio Rubin und Francesca Ambrogetti

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Mein Leben, mein Weg: El Jesuita. Die Gespräche mit Jorge Mario Bergoglio von Sergio Rubin und Francesca Ambrogetti

Länge:
235 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 4, 2014
ISBN:
9783451803093
Format:
Buch

Beschreibung

Papst Franziskus, »vom anderen Ende der Welt«, hat im Sturm die Herzen der Menschen erobert. Erstmals stellt sich Jorge Mario Bergoglio hier persönlich den Fragen zweier Journalisten - und erstmals liegt damit kein Buch über den neuen Papst, sondern ein Gesprächsband mit ihm vor. Er erzählt von seinem Leben, und sagt, was ihn im Tiefsten bewegt: seine Herkunft, sein ungewöhnlicher Werdegang, das Leben als Jesuit. Die düsteren Zeiten der Militärdiktatur, sein Kampf für die Armen und gegen Drogenmafia und Korruption, die Liebe zum Tango, zum Fußball und seine Nähe zu den einfachen Gauchos Argentiniens. Jorge Mario Bergoglio zeigt in seinen Antworten beides: Tiefe und Leichtigkeit, Ernst und Spontaneität. Ein Mann, der Kirche und Welt verändern wird.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 4, 2014
ISBN:
9783451803093
Format:
Buch

Über den Autor


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Mein Leben, mein Weg - Franziskus (Papst)

Papst Franziskus

MEIN LEBEN

MEIN WEG

El Jesuita

Die Gespräche mit Jorge Mario Bergoglio

von Sergio Rubin

und Francesca Ambrogetti

Vorwort von Rabbi Abraham Skorka

Herder

IMPRESSUM

Titel der deutschsprachigen Originalausgabe: Mein Leben, mein Weg. El Jesuita. Die Gespräche mit Jorge Mario Bergoglio von Sergio Rubin und Francesca Ambrogetti

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

978-3-451-32708-7

Titel der Originalausgabe: El Papa Francisco. Conversaciones con Jorge Bergoglio.

Titel der argentinischen Erstausgabe: El Jesuita. Conversaciones con el cardenal Jorge Bergoglio, sj.

© Sergio Rubin – Francesca Ambrogetti, 2010

© Ediciones B Argentina S. A., 2010

In the imprint Vergara

Av. Paseo Colón 221, piso 6 –

Ciudad Autónoma de Buenos Aires, Argentina

www.edicionesb.com.ar

Published by arrangement with Ediciones B, S. A. (España) –

www.edicionesb.es

German translation by arrangement with Peter and Paul Fritz Agency

through International Editors’ Co Agency, Barcelona.

Übersetzer der deutschen Ausgabe aus dem argentinischen Spanisch:

Dr. Elisabeth Münzebrock (Vorwort, Kap. 1, 2, 5–9, 12);

Maria Luisa Öfele (Kap. 3, 4);

Dr. Ulrich Ruh (Einleitung, Kap. 10, 11, 13, 15);

Dr. Martin Maier (Kap. 14);

Myriam Alfano (Anhang).

Redaktion und Sachverzeichnis (S. 214ff.):

Dr. Rudolf Walter.

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2014

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-80309-3

ISBN (Buch): 978-3-451-32708-7

INHALT

Vorwort

Einleitung

Kapitel 1

Oma Rosa und ihr Mantel mit dem Fuchspelzkragen

Kapitel 2

„Du musst jetzt anfangen zu arbeiten …"

Kapitel 3

„Jetzt folgst du Jesus nach"

Kapitel 4

Der Frühling des Glaubens

Kapitel 5

Eine Erziehung, die vom Konflikt ausgeht

Kapitel 6

Als er sich wie Tarzan fühlte

Kapitel 7

Die Herausforderung, auf die Menschen zuzugehen

Kapitel 8

Von der Gefahr, die religiöse Botschaft abzuschwächen

Kapitel 9

Das Helldunkel des Gewissens

Kapitel 10

Ein Land, das immer wieder im Aufbruch ist

Kapitel 11

Auf dem Weg zu einer Kultur der Begegnung

Kapitel 12

„Auch der Tango gefällt mir"

Kapitel 13

Der schwierige Weg zu einem Vaterland der Brüderlichkeit

Kapitel 14

Argentiniens Weg durch die dunkle Nacht

Kapitel 15

Gründe, um auf die Zukunft zu vertrauen

Anhang

Eine Reflexion im Anschluss an das argentinische Nationalepos Martín Fierro

Lebenslauf von Jorge Mario Bergoglio

Zu Personen und Sachen

Bildteil

VORWORT

Soweit ich weiß, ist es wohl das erste Mal in der zweitausendjährigen Geschichte der beiden Religionen, dass ein Rabbiner ein Vorwort für einen Text schreibt, der das Denken eines katholischen Priesters dokumentiert. Und als noch bedeutsamer zeigt sich diese Tatsache, wenn es sich bei diesem Priester um den Erzbischof von Buenos Aires, den Primas der argentinischen Kirche, handelt, der von Papst Johannes Paul II. in den Kardinalsstand erhoben wurde.

Denselben Satz, mit dem diese Überlegungen eingeleitet werden, habe ich schon im Jahre 2006 verwendet – nur die Namen und ihre jeweilige Funktion waren ausgetauscht –, als ich ein eigenes Buch vorgestellt habe, zu dem Kardinal Bergoglio ein Vorwort geschrieben hatte.

Dabei handelt es sich keineswegs um einen bloßen Austausch von Höflichkeiten. Es ist vielmehr das aufrichtige und getreue Zeugnis eines tiefen Dialogs zwischen zwei Freunden, für die die Suche nach Gott und nach der spirituellen Dimension, die allem Menschlichen innewohnt, eine fortwährende Sorge ihres Lebens war und ist.

Der interreligiöse Dialog, welcher seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine besondere Bedeutung bekommen hat, beginnt gewöhnlich mit einer Phase des „Tees und der Sympathie. Erst dann geht er in die eines Dialogs über, der sich den „dornigen Themen zu nähern weiß.

Mit Bergoglio gab es keine derartigen Phasen. Die Annäherung begann mit provozierenden Aussagen über die von uns jeweils favorisierten Fußballmannschaften. Dann wechselten wir unmittelbar in den Freimut eines Dialogs über, der bestimmt war von Aufrichtigkeit und gegenseitiger Achtung. Jeder von uns beiden öffnete dem anderen seine eigene Sichtweise der vielfältigen Themenbereiche, die die Existenz ausmachen. Es gab weder Kalkül noch Schönreden, sondern vielmehr klare, direkte Vorstellungen. Der eine öffnete dem anderen sein Herz, so wie der Midrasch die wahre Freundschaft definiert (Sifrei Devarim, Piska 305). Wir können unterschiedliche Meinungen vertreten, aber immer bemüht sich der eine, das Empfinden und Denken des anderen in seiner Tiefe zu verstehen. Und in all dem, was aus unseren gemeinsamen Werten stammt, die wiederum ihre Quellen in den Texten der Propheten haben, lebt ein Engagement, das in vielfältigen Aktionen konkret wird.

Weit über die Interpretation und Kritik anderer hinaus gehen wir den Weg gemeinsam mit unserer Wahrheit und geleitet von der gemeinsamen Überzeugung, dass die Teufelskreise, welche die Conditio humana degradieren, durchbrochen werden können.

Wir glauben, dass der Verlauf der Geschichte verändert werden kann und muss. Wir glauben, dass die biblische Vision einer erlösten Welt, wie die Propheten sie geschaut haben, keine bloße Utopie ist, sondern eine erreichbare Realität. Und wir glauben ferner, dass es lediglich engagierter Menschen bedarf, damit diese Vision Wirklichkeit wird.

Dieses Buch ist das Lebenszeugnis Bergoglios. Es trägt im Orignal den Titel Der Jesuit. Noch lieber würde ich es Der Hirte nennen. Es nimmt nämlich viele in die Pflicht: die, mit denen er seinen Lebensweg teilte, und auf besondere Weise seine „Herde".

Der Leser wird in diesem Buch wiederholt auf Aussagen stoßen wie „Ich habe gesündigt, „ich habe mich geirrt, „dieses oder jenes waren meine Unzulänglichkeiten, „die Zeit, das Leben haben mich gelehrt.

Sogar bei den schwierigen Themen, welche die Realität Argentiniens, das Handeln der Kirche in jenen dunklen Jahren und sein eigenes Handeln damals ausmachen, wird der Leser in der Darstellung die Demut Bergoglios wahrnehmen. Er wird aber auch sein unablässiges Bemühung erkennen, das jeweilige Gegenüber, vor allem den leidenden Menschen, zu verstehen und mit ihm zu fühlen.

Es wird Menschen geben, die seine Einschätzungen nicht teilen. Aber jenseits aller plausiblen Kritik werden alle übereinstimmen in der Wertung der Demut und des Verstehenwollens. Aus einer solchen Haltung heraus geht er jedes einzelne seiner Themen an.

Die starke Leidenschaft Bergoglios, die wie ein Leitmotiv das ganze Buch durchzieht, kann mit zwei Worten definiert werden: Begegnung und Einheit. Einheit verstanden als ein Zustand der Harmonie zwischen den Menschen, in welcher jeder Einzelne, inspiriert von einem Gefühl der Liebe, von seiner Eigenart aus am materiellen und geistigen Wachstum des anderen mitwirkt.

Bergoglio folgt dem biblischen Text, wenn er das Wort „Liebe zur Grundlage seiner Überlegungen macht. Dieses Wort verweist uns beispielsweise auf Bibelstellen wie die folgenden: „Du sollst den Ewigen, deinen Gott lieben (Dtn 6,5), „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Lev 19,18), „Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst (Lev 19,34).

Diese Texte wurden von Rabbi Akiva (Bereschit Rabba, Ed. Vilna, Parascha 24) als Zusammenfassung aller Lehren der Tora betrachtet. In diesem Sinn zitiert auch Jesus sie, wie es in den Texten der Evangelien heißt (Mt 22,34 – 40, Lk 10,25 –28). Das Wort „Liebe" beschreibt das erhabenste aller Gefühle des Menschen. Für Bergoglio ist es die Quelle der Inspiration bei allem, was er tut. Dieses Wort bezeichnet den Kern seiner Botschaft.

Der Leser wird in diesem Text die Vision des Kardinals auch im Blick auf all die Probleme finden, mit denen sich die katholische Kirche in der Gegenwart konfrontiert sieht. Dabei zeigt Bergoglio ohne Zurückhaltung und in klarer, kritischer Sprache das Versagen der Kirche auf. Genauso finden wir in diesem Buch sein Bemühen um die Wiederherstellung der Werte in der Welt, in der wir leben. Das hat ihn dazu geführt, sich schwierigen Situationen mit einigen Regierungsvertretern auszusetzen, die das nicht mit der prophetischen Kritik an Gesellschaft und Politik in Beziehung setzen konnten, wie sie immer schon Sache der Propheten war. Ein Lehrer des Glaubens muss, in Übereinstimmung mit der biblischen Weltsicht, seine Kritik allen Gliedern der Gesellschaft, in welcher er das Wort ergreift, kundtun. Er muss dies von der Tribüne des Geistes aus tun, fern von jeglicher Parteinahme. Soziale Missstände, die er durch seine Begegnung mit Gott also solche erkannt hat, kann er nicht weiterhin verschweigen. So drückt es auch der Prophet aus: „Gott, der Herr, spricht. Wer wird da nicht zum Propheten?" (Am 3,8).

In meiner Kindheit nahm mein Vater, ein in Polen geborener Einwanderer, meinen Bruder und mich regelmäßig mit, wenn er historische Plätze unserer Heimatstadt aufsuchte. Als wir aus dem Innenraum der Kathedrale von Buenos Aires traten, wies er uns auf die Darstellung oben an der äußeren Fassade des Domes hin. Sie zeigt die Begegnung Josefs mit seinen Brüdern, so sagte er uns. Ich selbst hatte im Zusammenhang mit den Manifestationen von Antisemitismus, die meine Vorfahren in Polen erdulden mussten, besonders aufgemerkt. Dabei hat jenes Bild, das eine Kirche krönte, in mir auch Hoffnung aufkeimen lassen. Es wird ein Tag kommen, so dachte ich, an welchem jeder Einzelne seine brüderliche Zugehörigkeit zu seinem Nächsten anerkennen wird.

Und so verstehe ich dieses Buch und viele der in ihm bezeugten Geschichten als Tribut an diese Hoffnung, die wir brüderlich seit vielen Jahren teilen, die unsere Spiritualität bereichert hat und die uns sicher Jenem nähergebracht hat, der jedem menschlichen Leben seinen Lebensodem eingehaucht hat.

Rabbiner Abraham Skorka

Buenos Aires, 23. Dezember 2009

EINLEITUNG

Als Joseph Ratzinger zum Nachfolger von Johannes Paul II. gewählt wurde und die akkreditierten Journalisten sich bemühten, das Konklave zu rekonstruieren, wussten sie, dass die Aufgabe mehr als schwierig, ja sogar fast unmöglich sein würde. Die drei Eide, die die Kardinäle geschworen hatten, das, was in der Sixtinischen Kapelle vor sich ging, geheim zu halten, und zwar unter Strafe der Exkommunikation, erschienen als eine unüberwindbare Mauer. Dennoch schrieb einer der am besten informierten journalistischen Vatikan-Experten, Andrea Tornielli, von der italienischen Tageszeitung Il Giornale in einem Artikel, der am Tag nach der feierlichen Verkündigung der Wahl des neuen Papstes erschien – und gleichzeitig meldete das auch die Tageszeitung Clarín –, der argentinische Jesuit Jorge Mario Bergoglio habe ein herausragendes Ergebnis erzielt. Tornielli, der Journalist, der am Anfang am meisten ins Detail ging, versicherte, Bergoglio habe im zweiten der insgeamt drei Wahlgänge etwa 40 Stimmen erhalten: eine noch nie da gewesene Zahl für einen lateinamerikanischen Purpurträger. Er hatte sich damit unmittelbar hinter Ratzinger platziert, der die meisten Stimmen erhielt und dann Benedikt XVI. wurde.

Im Laufe der Zeit bestätigten andere kundige Beobachter diese Version, darunter auch Vittorio Messori. Er ist der in den letzten Jahrzehnten am meisten übersetzte katholische Journalist und Autor, der Verfasser des berühmten Buches Die Schwelle der Hoffnung überschreiten, eines ausführlichen Gesprächs mit Johannes Paul II., und darüber hinaus der Autor des vergleichbaren Werkes Zur Lage des Glaubens, eines Gesprächs mit dem damaligen Kardinal Ratzinger. Messori gab zu Protokoll: „Natürlich ist ein Konklave etwas äußerst Geheimes, dennoch weiß man immer einiges. Alle stimmen darin überein, dass die Kardinäle Ratzinger und Bergoglio bei den ersten Wahlgängen des Konklaves praktisch gleichauf lagen. Nachdem er klargestellt hatte, er sei kein journalistischer Vatikaninsider, sondern Experte für christliche Themen und verfüge deshalb über keine eigenen Informationen, zitierte Messori weiter die „übereinstimmenden Kommentare, denen zu entnehmen war, dass Bergoglio seine Mitbrüder gebeten hatte, die Stimmen für ihn auf Ratzinger zu übertragen, der der sicherste, fast schon obligatorische Kandidat war. Und er fasst zusammen: „Man war der Meinung, er sei der ‚theologische Kopf ‘ Johannes Pauls II. gewesen, der am ehesten für die Kontinuität zu ihm stand."

Einige Beobachter sind der Meinung, dass die Chancen für Bergoglio deutlich gestiegen waren, nachdem sich gezeigt hatte, dass ein anderer Jesuit, nämlich Carlo Maria Martini, der große Exponent des progressiven Flügels, sich aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme selbst aus der Liste der Kandidaten ausgeschlossen hatte. Trotzdem ist nicht zu übersehen: Martini erschien den im Kardinalskollegium mehrheitlich vertretenen konservativen Gruppen schließlich wohl zu progressiv, als dass sie ihn hätten wählen können. Fakt ist auch, dass schon Ende 2002 der angesehene Vatikanist Sandro Magister in der einflussreichen italienischen Wochenzeitung L’Espresso geschrieben hatte: Wenn zu diesem Zeitpunkt ein Konklave stattgefunden hätte, hätte Bergoglio eine „Lawine von Stimmen erhalten, die ihn zum Papst gemacht hätte. „Schüchtern, scheu, wortkarg, rührt er keinen Finger, um Wahlkampf für sich zu machen, aber gerade das gilt als einer seiner großen Vorzüge, so äußerte er sich über den argentinischen Kardinal. Er formulierte abschließend: „Seine Einfachheit und Bescheidenheit, zusammen mit seiner intensiven spirituellen Dimension, sind Befunde, die ihn jedes Mal mehr zum Papabile machen."

Die Prognose von Magister erwies sich als weitgehend richtig. Die journalistischen Kenner der Vorgänge im Vatikan, unter ihnen vor allem Tornielli, behaupten, Bergoglio habe beim zweiten Wahlgang verstört die wachsende Stimmenzahl registriert, die auf ihn entfiel. In diesem Augenblick habe er sich dazu entschlossen, den Platz zu räumen und darum zu bitten, seine Stimmen auf Ratzinger, der schon bisher mehr Stimmen erhalten hatte, zu übertragen – aufgrund all dessen, was Ratzinger verkörperte, und weil Bergoglio damit habe vermeiden wollen, dass seine Kandidatur die Wahl blockierte und eine Verzögerung des Konklaves bewirkte. Das hätte sich schädlich für das Image der Kirche ausgewirkt. Eine Verzögerung konnte als ein Symptom für die Uneinigkeit der Kardinäle vor einer Welt gedeutet werden, die mit enormen Erwartungen auf sie schaute. Tatsächlich hatten wichtige Mitarbeiter des Heiligen Stuhls in den der Wahl vorausgegangenen Tagen prognostiziert, wenn man nicht schnell Ratzinger wählen werde, laufe man Gefahr, zahlreiche Wahlgänge durchführen zu müssen, bis ein anderer Kardinal die notwendige Zweidrittelmehrheit erreichen werde. Es ist verständlich, dass Bergoglio sich nicht mit einer solchen Verantwortung belasten wollte. Allerdings stand für viele Deuter auch fest, dass er am Ende des Konklaves über eine herausragende Stellung verfügte.

Wie ist also das „Phänomen Bergoglio" letztlich zu erklären? Man muss zunächst einmal an den Beginn dieses Jahrhunderts zurückgehen. Bergoglio war als Kardinal bei den anderen kirchlichen Würdenträgern aus den fünf Kontinenten wenig bekannt, bevor ihn eine spezielle Konstellation im Jahr 2001 in den Blickpunkt rückte. Genauer gesagt, war es in der Zeit um den 11. September. Der damalige Erzbischof von New York, Kardinal Edward Egan, hielt sich zu diesem Zeitpunkt im Vatikan auf, wo er an einer Synode von Bischöfen aus der ganzen Welt teilnahm, und musste nun in seine Bischofsstadt reisen, um an einer Gedenkfeier für die Opfer des schrecklichen Anschlags auf die Twin Towers teilzunehmen, der sich vor einem Monat ereignet hatte. Sein Posten als Generalrelator der Versammlung, eine Schlüsselstellung, wurde von Kardinal Bergoglio eingenommen, dessen Engagement einen hervorragenden Eindruck hinterließ. Alle Beobachter sind sich dahingehend einig: Hier ist der Ausgangspunkt für sein internationales Ansehen zu suchen. Fürs Erste erhielt er bei der Wahl der Vertreter des amerikanischen Kontinents im nachsynodalen Rat die meisten Stimmen von den 252 Synodenvätern aus 118 Ländern.

Das Ansehen Bergoglios sollte sich zwei Jahre nach dem Konklave bestätigen, und zwar anlässlich der 5. Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik, die 2007 im brasilianischen Aparecida abgehalten wurde. Dort wurde er mit überwältigender Mehrheit zum Vorsitzenden der strategisch wichtigen Redaktionskommission für das Schlussdokument gewählt. Wie groß die damit verbundene Verantwortung war, wird deutlich, wenn man in Rechnung stellt, dass bei vergleichbaren Versammlungen wie etwa jenen von 1968 in Medellín (Kolumbien) und 1979 in Puebla (Mexiko) Erklärungen von enormer Bedeutung für den Katholizismus der ganzen Region erarbeitet wurden. Es war nicht das Einzige, wodurch Bergoglio bei dieser Versammlung Ansehen gewann: An dem Tag, an dem er als Hauptzelebrant fungierte, wurde seine Predigt mit einhelligem Applaus bedacht. Kein anderer Zelebrant erhielt während der drei Wochen der Konferenz bei einer solchen Gelegenheit Applaus. Unmittelbare Beobachter geben zu Protokoll, viele Teilnehmer hätten ihre Erholungspausen dafür genutzt, um sich mit dem argentinischen Kardinal zu unterhalten. Das ging so weit, dass sie sich mit ihm fotografieren ließen, als ob er ein berühmter Schauspieler oder ein herausragender Sportler gewesen wäre.

Trotz alledem: Jeder, der Bergoglio einmal begegnet ist, weiß, dass er keine glänzende Figur von der Art ist, wie ihn das Fernsehen gerne hat. Er ist auch kein Redner von großem Format, mit rhetorischen Gaben. Er pflegt einen eher bescheidenen Ton, allerdings mit tiefgehendem Inhalt. Darüber hinaus war er bis zu seiner Ernennung zum Weihbischof von Buenos Aires im Jahre 1992 im Alter von 55 Jahren ein vollkommener Outsider in der Kirche, keiner der Priester, denen man den Aufstieg in

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