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Die wahre Macht ist der Dienst

Die wahre Macht ist der Dienst

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Die wahre Macht ist der Dienst

Länge:
503 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 27, 2014
ISBN:
9783451801440
Format:
Buch

Beschreibung

Ein Buch, das einen Grundgedanken von Papst Franziskus, den er an zentralen Stellen immer wieder äußert, illustriert und erschließt: Christen erkennt man daran, dass sie nach dem Beispiel Jesu anderen Menschen dienen. Inspiriert von der Botschaft des Neuen Testaments, zeigt der frühere Erzbischof von Buenos Aires an einer Fülle konkreter Zusammenhänge, wie die gelebte Haltung des Dienens nicht nur einzelne Menschen dynamisch werden lässt, sondern eine ganze Gesellschaft verändern kann, so dass sie zu einem Haus wird, in dem für alle Platz ist. Jorge Bergoglio / Papst Franziskus zeigt mit dieser eindrucksvollen Einladung: Einander zu dienen, Menschen zu tragen, ist auf die Dauer eine größere gestalterische Kraft als jede andere Macht in der Gesellschaft.
Herausgeber:
Freigegeben:
Feb 27, 2014
ISBN:
9783451801440
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die wahre Macht ist der Dienst - Jorge Mario Bergoglio

Jorge Mario Bergoglio SJ

Papst Franziskus

Die wahre Macht

ist der Dienst

Aus dem Spanischen von Gabriele Stein

Mit einer Einführung von Michael Sievernich SJ

Impressum

Titel der Originalausgabe:

El verdadero poder es el servicio

© 2007 Editorial Claretiana, Buenos Aires, Argentinien

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2014 Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

unter Verwendung eines Fotos von © dpa/picture-alliance

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-80144-0

ISBN (Buch) 978-3-451-33450-4

Inhalt

Einführung

Eine dienende Kirche im urbanen Raum

Vorwort des argentinischen Verlegers

DIE WAHRE MACHT IST DER DIENST

»DIE WORTE, DIE ICH ZU EUCH GESPROCHEN HABE, SIND GEIST UND SIND LEBEN« (Joh 6,63)

»Kehr um und glaub an das Evangelium«

Sich finden lassen, um Begegnung zu stiften

»Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen«

Der Schatz in unserem Tongefäß

»Steh auf, iss! Denn sonst ist der Weg zu weit für dich …«

»Dann stieg er auf den Berg und rief die zu sich, die er ausgewählt hatte, und sie kamen zu ihm«

»Nimm deinen Fuß in Acht, wenn du zum Haus Gottes gehst! Tritt ein, um zu hören«

Das Musterbild des unermüdlichen Pilgers

»Er ruft seine Schafe beim Namen und führt sie hinaus …«

»MEINE LEHRE IST NICHT VON MIR, SONDERN VON DEM, DER MICH GESANDT HAT« (Joh 7,16)

Zur Kultur der Begegnung erziehen

»Der, der nährt und wachsen lässt« Ein paar Zeilen über Erziehung

Unser Volk ist zur Größe berufen

Erziehung: ein gemeinsames Engagement

»DA IST DEINE MUTTER! UND VON JENER STUNDE AN NAHM SIE DER JÜNGER ZU SICH« (Joh 19,27)

Wir brauchen ihren zärtlichen Blick

»Hilf uns, in jedem Menschen Jesus zu begegnen«

»Mutter, hilf uns, wir wollen ein Volk sein!«

»Mutter, hilf uns, das Leben zu behüten!«

»Mutter«, so sagen wir zu ihr, »wir müssen als Brüder leben«

»FÜRCHTET EUCH NICHT! DENN ICH VERKÜNDE EUCH EINE GROSSE FREUDE, DIE DEM GANZEN VOLK ZUTEILWERDEN SOLL. HEUTE IST EUCH DER RETTER GEBOREN« (Lk 2,10f.)

»Gott mit uns«

Ein Licht der Hoffnung für Gottes Volk

»Das Volk, das im Finstern wandelt, schaut ein großes Licht«

Gib uns ein Zeichen

Nachts kam er zur Welt, nachts wurde er verkündigt

Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe

»ICH HABE IHNEN DEINEN NAMEN KUNDGETAN UND WERDE IHN WEITERHIN KUNDTUN, DAMIT DIE LIEBE, MIT DER DU MICH GELIEBT HAST, IN IHNEN IST UND AUCH ICH IN IHNEN« (Joh 17,26)

Die Salbung erfasst das ganze Sein

An die Priester der Erzdiözese

»Darum hat Gott, dein Gott, dich gesalbt mit dem Öl der Freude«

»Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten und mein Vater wird ihn lieben«

Er salbt ihn, um zu heilen, er salbt ihn, um zu befreien …

Die Hoffnung, dass Gott sich unserer Zerbrechlichkeit annimmt

Was tun wir mit der Zerbrechlichkeit, der wir nachgehen und deren wir uns annehmen?

»Heute ist dieses Schriftwort vor euren Ohren erfüllt worden«

Die Predigt Jesu war kurz

Gesandt, um diese Salbung mit apostolischer Begeisterung in alle Randgebiete zu tragen

»WAS SUCHT IHR DEN LEBENDEN BEI DEN TOTEN? ER IST NICHT HIER, SONDERN ER IST AUFERWECKT WORDEN« (Lk 24,5f.)

Der Engel nimmt den Frauen die Angst: »Fürchtet euch nicht!«

»Er ist nicht hier, sondern er ist auferweckt worden«

Ein Ereignis, das der Geschichte eine neue Richtung gibt

Die Lähmung macht unsere Seele krank

Die Erinnerung verortet sie wieder in der Wirklichkeit

Das war in Wahrheit Gottes Sohn!

Sie wollten den Leichnam Jesu salben

Was ging im Herzen dieser Frauen und der Jünger vor?

»GEBT IHR IHNEN ZU ESSEN« (Lk 9,13)

Der Gedanke an den Vater ist nicht bloß Erinnerung

Wo willst du, dass wir dir die Eucharistie vorbereiten?

»Alle aßen und wurden satt«

»Denk an den ganzen Weg, den dich der Herr, dein Gott, geführt hat«

»Er brach das Brot und gab es ihnen«

»In jener Zeit sprach Jesus zu den Volksscharen vom Reich Gottes«

»Weil es ein Brot ist«

Der Herr geht mit uns

»Er brach sie und gab sie den Jüngern«

»DU ABER GEH UND VERKÜNDE DAS REICH GOTTES!« (Lk 9,60)

Treffen lateinamerikanischer Politiker und Gesetzgeber

Das Menschliche als Schlüssel zur politisch-sozialen Verantwortung

Wer ist dein Nächster?

Duc in altum: die Soziallehre Johannes Pauls II.

Lasst euch mit Gott versöhnen

Die innige und tröstliche Freude der Verkündigung

»Blut der Märtyrer, Same der Christen«

»An ihrer Hand«

Selig bist du, weil sie nicht imstande sind, es dir zu vergelten!

»Der Jünger steht nicht über dem Meister«

Stiften sie Nähe oder Ferne?

Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß im Himmel

»Die Gnade, uns gehört zu fühlen«

»Würde und Fülle des Lebens«

Wenn wir beten, kämpfen wir für unser Volk

EINFÜHRUNG

Eine dienende Kirche im urbanen Raum

Beinahe möchte ich sagen, dass der Herr sich nur in solchen Gesten wirklich ganz verströmt, die er mit seinen Händen vollführen kann: segnen, heilen, liebkosen, austeilen, eine Hand reichen und aufhelfen, Füße waschen, Wunden zeigen, sich verwunden lassen …

Jorge Mario Kardinal Bergoglio S.J.

Das einflussreiche nordamerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes mit Sitz in New York veröffentlicht regelmäßig Rankinglisten der größten Unternehmen, der reichsten Milliardäre oder der mächtigsten Leute. Die Liste der mächtigsten Leute der Welt (World’s most powerful people) für das Jahr 2013 verzeichnet 72 Personen für die 7,2 Milliarden Menschen, fast ausschließlich führende Politiker und Wirtschaftsleute (CEOs). Bisweilen verliert sich auch ein Sportfunktionär oder ein Drogenhändler auf die Liste. Die vier Kriterien der Auswahl, die sich die »Weisheit« der Redakteure hat einfallen lassen, sind Macht über viele Leute, Macht über Finanzmittel, Macht auf mehreren Gebieten und aktiver Gebrauch der Macht.

Im Jahr 2013 erschien als neue Figur im globalen Spiel der im März dieses Jahres zum Papst gewählte argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio, der den Namen Franziskus annahm. Auf der Liste erscheint er an vierter Stelle nach den Präsidenten Russlands, der Vereinigten Staaten von Amerika und Chinas und vor der deutschen Bundeskanzlerin. Als Grund dieser Wahl wird angegeben, der Papst sei spiritueller Führer von 1,2 Milliarden Katholiken, habe also »Macht« über etwa ein Sechstel der Weltbevölkerung und mache davon auch Gebrauch. Hier wird dem Papst also »Macht« zugesprochen, was immer er selbst davon halten mag. Um welche Macht aber handelt es sich dabei? Der Papst verfügt über keine nennenswerte ökonomische Macht und sein politischer Einfluss ist zwar vorhanden, aber spiritueller Natur. Zudem kann und will er keinerlei militärische Machtmittel einsetzen, sondern im Gegenteil mit allen diplomatischen und spirituellen Mitteln den Frieden unter den Völkern fördern.

»Die wahre Macht ist der Dienst« – unter dieses programmatische Wort stellt der ehemalige Erzbischof von Buenos Aires und jetzige Bischof von Rom, der auf den Primat der Liebe setzt, seine bischöflichen Texte, die in diesem Buch gesammelt sind und ins Deutsche übersetzt wurden. Ist der Dienst also doch eine Macht, und zwar die wahre? Kann daher Dienst sich machtvoll auswirken? Und kann umgekehrt politische und wirtschaftliche Macht, wenn sie denn ethisch verantwortet und gemeinwohlorientiert ausgeübt wird, zu einem Dienst an der Gesellschaft werden? Und kann schließlich der christlich verstandene Dienst auch für politisch, ökonomisch, kulturell oder medial Mächtige Vorbildcharakter haben und so eine bessere Welt hervorbringen? Kann dieses Verständnis einen neuen Humanismus generieren, den das Zweite Vatikanische Konzil fordert und der darin besteht, »eine bessere Welt in Wahrheit und Gerechtigkeit aufzubauen« und Verantwortung für die Geschichte zu übernehmen (Gaudium et spes 55)?

Macht oder Dienst

Im klassischen sozialwissenschaftlichen Verständnis, wie es im 20. Jahrhundert federführend von Max Weber und anderen Sozialphilosophen entwickelt wurde, bedeutet »Macht« gemeinhin »jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.«¹ Ein besonderer Fall von Machtausübung ist die Herrschaft, die anderen nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam ihren Willen aufzwingen kann. Es liegt auf der Hand, dass dieses Verständnis von Macht und Machterringung zunächst nur formale, äußere Mechanismen beschreibt, ohne auf rechtliche und ethische Qualität einzugehen oder religiöse und kulturelle Dimensionen zu berücksichtigen.

Bei einem Denker wie dem Religionsphilosophen und Theologen Romano Guardini (1885–1968), den Papst Franziskus seit Längerem sehr schätzt, verhält sich dies anders. Das wird deutlich an Guardinis kleiner Schrift über die Macht, deren umfassenderes Verständnis die genannten Merkmale einbezieht.² Das wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erschienene Büchlein spiegelt als Hintergrund die damaligen Erfahrungen von politischen Machtexzessen im Nationalsozialismus und im Realsozialismus wider, die Millionen von Opfern forderten. Es spiegelt aber auch die desaströsen Folgen militärisch-technischer Macht, die im Zweiten Weltkrieg zutage trat und im Abwurf von Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki kulminierte.

Guardini geht davon aus, dass Macht ambivalent ist und sowohl zum Guten wie zum Bösen ausschlagen kann. Welche Richtung sie einschlägt, hängt vom menschlichen Handeln ab, von Personen und ihren Intentionen. Nach dem enormen Machtzuwachs der Neuzeit gehe es künftig aber nicht mehr um Steigerung der Macht, sondern um ihre »Bändigung«, um die Macht über die Macht (S. 11). Guardinis Machtdiagnose am »Ende der Neuzeit« hat sich seither bestätigt durch die zunehmenden Gefährdungen gesteigerter Macht in der »Risikogesellschaft« (U. Beck). Ökonomische und ökologische, politische und kulturelle Krisen zeugen vom Gefährdungspotenzial globaler Modernisierungsprozesse, in denen der Konsens über die Regeln eines verantwortlichen »good government« und erst recht die einvernehmliche Durchführung noch am Anfang stehen.

Doch macht Guardini deutlich, dass nicht die Macht an sich böse oder verwerflich ist, sondern dass ihr Missbrauch das Problem darstellt. Macht wird dann problematisch, wenn ihr die Ehrfurcht vor der Person und die sittliche Verantwortung fehlen. Dann kann es zur Perversion der Macht kommen. Wenn jedoch die Macht ethisch gebändigt ist, sich nicht als autonom geriert, sondern als letztlich vor dem Gewissen und vor Gott zu verantworten, ändert sie sich grundlegend. »Dadurch wird die Herrschaft zum Gehorsam, zum Dienst« (S. 29). Als theologischen Grund für dieses positive Machtverständnis, das erst durch mangelnde Verantwortung für die anderen und vor dem ganz Anderen negativ wird, verweist Romano Guardini auf die schöpfungsmäßige Gottebenbildlichkeit des Menschen, aus der Machtbegabung und Herrschaft letztlich stammen. Macht auf allen Ebenen aber bedarf rechtlicher sowie ethischer Einhegung und damit der Verantwortung für Personen und Institutionen, einer Verantwortung, die vor dem Gewissen und vor Gott zur Rechenschaft verpflichtet.

Dieses Verständnis von Macht und Herrschaft verdankt die Kirche einem Paradigmenwechsel, den der große mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin (1225–1274) einleitete. Hatte Augustinus in seinem Werk über den »Gottesstaat« scharfsinnig die Herrschaft der Herrschbegierde (libido dominandi)³ ins Feld geführt und auf die Erbsünde zurückgeführt, also pekkaminös begründet, so verortet Thomas demgegenüber Macht und Herrschaft in der Natur des Menschen als Gemeinschaftswesen, das in Häusern, Dörfern und Städten (póleis) zusammenlebt und daher ein »politisches Wesen« ist – eine Auffassung, die Thomas von dem griechischen Philosophen Aristoteles übernimmt.⁴ Danach ist nicht die Macht als solche schon sündhaft, sondern erst ihr vernunftwidriger und unethischer Gebrauch, der auf sündige Individuen zurückgeht. Es gilt also, die legitime und sittlich verantwortete Macht deutlich von ihrem Missbrauch zu unterscheiden.

Wenn das Neue Testament die Mächtigen kritisiert, dann wegen des pekkaminösen Missbrauchs. »Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht (potestas) über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener (diákonos, minister) sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave (doulos, servus) aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele« (Mk 10,42–45). Die Transformation der Macht in den Dienst ist Konsequenz der Entäußerung Jesu von der Gottgleichheit in die Knechtsgestalt, der Erniedrigung und des Gehorsams bis ans Kreuz (Phil 2,6–8). Die Fußwaschung Jesu (Joh 13,1–17), liturgisch am Gründonnerstag gefeiert, wird zum Zeichen eines »Machtwechsels« und zum Mandat für die Jünger Jesu, sich an diesem Beispiel zu orientieren und einander die Füße zu waschen, nicht den Kopf … Als Bischof und als Papst hat Jorge Bergoglio dieses Zeichen des Dienstes gesetzt – ob als Bischof im Armenviertel von Buenos Aires, mit der Diakonenstola bekleidet, oder als Papst in einem römischen Jugendgefängnis.

Seit den biblischen Zeiten steht der Dienstcharakter des kirchlichen Amtes fest, mag der diakonale Charakter auch bisweilen durch andere, unangemessene Formen der Amts- und Machtausübung verdunkelt worden sein. Das Zweite Vatikanische Konzil hat den ministerialen Charakter der kirchlichen Ämter (Lumen gentium 20), aber auch das Zusammenwirken aller Dienste im Volk Gottes hervorgehoben. Schließlich hat die gesamte Kirche einen Auftrag zum »Dienst am Menschen«, der nicht weniger als die »Rettung der menschlichen Person« und den »rechten Aufbau der menschlichen Gesellschaft« umfasst (Gaudium et spes 3).

Heute, in der Dienstleistungsgesellschaft, ist das deutsche Wort »Dienst« ebenso wie das spanische Wort »servicio« zu einem Allerweltswort geworden, das viele Bedeutungen abdeckt. Beamte gehen »zum Dienst«, Regierungen haben ihre Geheimdienste oder Serviceclubs ihre Gemeindienste. Die einen nehmen Dienste in Anspruch, die anderen stellen sich in den Dienst der Menschheit. Schiffe wie Züge werden in Dienst gestellt. Und bei Tisch wird bedient. Bei aller Vielfalt schimmert die Grundbedeutung des Dienens hindurch, die auch im »Gottesdienst« zum Ausdruck kommt.

Wenn es um Dienst im christlichen Sinn geht, dann sind die Bezüge zu Gott und zum Nächsten unabdingbar, denn im Kern geht es um den Dienst, den Christus der Menschheit leistet, und auf den die einzig angemessene Antwort der Dienst vor Gott und am Nächsten ist. Daher bilden Gottesdienst und Nächstendienst eine untrennbare Einheit der Liebe Gottes zu den Menschen und der antwortenden Liebe der Menschen zu Gott und den Menschen. Dieses responsorische Verhältnis kommt im »Sonnengesang« des heiligen Franziskus zum Ausdruck, zu dem der Papst durch die Wahl des Namens Franziskus eine besondere Beziehung hat. Dieser poetische Gesang der Geschöpfe beginnt mit dem Lobpreis auf den höchsten, allmächtigen und guten Herrn (erste Zeile) und mündet in die Aufforderung (letzte Zeile), diesem zu danken und mit großer Demut zu dienen.⁵ Dank, Demut und Dienst werden damit zu den grundlegenden Ausdrucksformen des Christentums.

Alltagsmystik des Dienstes

Die in diesem Buch vorliegenden Texte, die Jorge Mario Bergoglio als Erzbischof der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires in den Jahren 1999 bis 2007 verfasst hat, sind sehr unterschiedlicher Art, was Adressaten, literarische Eigenart und Themen angeht. Bei aller Diversität aber kommen die Texte darin überein, dass sie deutlich eine typische spirituelle Praxis und pastorale Option zum Ausdruck bringen. Diese Option bezieht sich auf das »Volk Gottes«, auf seine Weisheit und seine spirituellen Praktiken, aber auch auf den konkreten urbanen Raum von Buenos Aires, in dem das Erzbistum existiert. Es umfasst die vier Vikariate Centro, Belgrano, Devoto und Flores, in denen zusammen 2,5 Millionen Katholiken wohnen (etwa 90 Prozent der Bevölkerung).

Die Texte sprechen in vielen Bildern meist biblischer Art, da sie biblische Texte für ihre Zeit auslegen. Sie greifen aber auch Bilder aus dem urbanen Kontext auf und deuten sie im Licht der Heiligen Schrift. Es handelt sich um eine Sammlung von insgesamt 66 kleineren Texten zu bestimmten Anlässen. Daraus ergibt sich jeweils die literarische Eigenart. Die meisten Texte sind Ansprachen und Predigten zu bestimmten Gelegenheiten, zum Beispiel anlässlich Versammlungen der Katecheten oder der Bischofskonferenz sowie zu Feiertagen im Kirchenjahr oder zu Heiligenfesten. Vor allem sind es die Feste Weihnachten, Gründonnerstag (Chrisam-Messe), Osternacht und Fronleichnam, aber auch das Fest des heiligen Kajetan, der in der Volksfrömmigkeit eine besondere Rolle spielt. Die marianische Frömmigkeit kommt in den Predigten über Maria zum Ausdruck, die er bei den Jugendwallfahrten zum nationalen Marienheiligtum von Luján gehalten hat. Eine Reihe von Texten sind geistliche Briefe, die Erzbischof Bergoglio an Katecheten, Ordensleute und junge Leute geschrieben hat. Überdies gibt es einige Vorträge, etwa vor päpstlichen Kommissionen oder argentinischen Unternehmern.

Dementsprechend breit fällt das Spektrum der Adressaten aus, das zeigt, dass Bischof Bergoglio keinerlei Berührungsängste kannte, weder mit den Bewohnern der Armenviertel seiner Stadt noch mit politisch oder wirtschaftlich führenden Personen, weder mit den einfachen Katecheten noch mit den Bischöfen des Landes, weder mit Lehrern und Ordensleuten noch mit Journalisten und Medienleuten, weder mit den Alten noch mit der Jugend.

Die Themenstellungen der Ansprachen, Predigten, offenen Briefe und Vorträge verknüpfen zwei Quellen: Die eine Quelle ist die Tradition der Heiligen Schrift, die der Erzbischof von Buenos Aires reichlich fließen lässt. Zahlreiche Predigten sind Homilien, Auslegungen der Schrifttexte, wie Leseordnung oder jeweiliger Anlass sie vorgeben. Dabei folgt er dem ersten Satz der dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung, der ihm als Leitbild dient und den er daher öfters zitiert. Im konziliaren Text heißt es: »Gottes Wort ehrfürchtig hörend und getreu verkündigend [Dei verbum religiose audiens et fidenter proclamans]« (Dei verbum 1). Die andere Quelle ist die Vielzahl der konkreten Situationen, die er in seinem Erzbistum antraf und auf die er empathisch einging und pastoral antwortete – durch Diagnosen und Ermahnungen, Appelle und prophetische Kritik, vor allem aber durch personale Nähe, jene »projimidad«, welche dieser Band mit »Nächstheit« übersetzt und deren Bedeutung unten erläutert wird. Diese beiden Quellen, der Text der Schrift und die Textur der Stadt, sind beide zu entziffern und wechselseitig zu interpretieren: der biblische Text im Kontext der urbanen Textur und diese im Licht des biblischen Textes.

Die Vielzahl der angeschnittenen Themen erschließt sich nur durch eine meditative Lektüre, die sich auf Sprache, Stil und Duktus einlässt, wobei natürlich zu berücksichtigen ist, dass dem gedruckten Wort die Lebendigkeit des gesprochenen Worts abgeht, weil Kontext und Tageszeit, Stimmlage, Gestik und Mimik des Redners den Texten nicht zu entnehmen sind. Gleichwohl aber bleiben die Texte in der Unmittelbarkeit ihres Wortes wirksam und vermitteln dem Leser den Gehalt. Bei aller Diversität kommen die Themen jedoch darin überein, dass sie sich den drei pastoralen Tätigkeitsbereichen zuordnen lassen, die alle dem Ziel dienen, »den Seelen zu helfen/zu nützen« (span.: ayudar/aprovechar a las ánimas), wie eine Grundformel des Ignatius von Loyola und der Gesellschaft Jesu lautet. Das Pastoralprogramm der frühen Jesuiten⁶ bestand aus einer Triade von Diensten. Es waren (1) der Dienst am Wort, wozu etwa Predigt, Vortrag, Katechese, Exerzitien zählten; (2) der Dienst am Sakrament oder an der Liturgie, wozu vor allem die Beichte und das spirituelle Leben zählten; (3) die Werke der Barmherzigkeit, wozu Besuche bei Gefangenen und Kranken zählten, praktische Hilfe in Krankenhäusern, Unterstützung für Arme und Gefährdete oder die Versöhnung Zerstrittener. Diese dreifachen pastoralen Tätigkeiten hießen »gewöhnliche Dienste« (consueta ministeria) und zeichneten sich dadurch aus, dass sie Aufgabe aller Ordensmitglieder waren und unentgeltlich zu leisten waren. Zwanglos lassen sich die Themen, die Kardinal Bergoglio in seinen Predigten und Ansprachen aufgreift, diesen drei Diensten zuordnen. Auch die besondere Zuwendung zu Kindern und Jugendlichen ist schon in der Grundformel des Ordens zu finden. Die Beiträge des Buches führen die Inspirationen der ignatianischen Spiritualität und die pastoralen Erfordernisse von heute zusammen.

Die Vielfalt der Themen und Aktivitäten des Jesuiten- bischofs Bergoglio signalisiert keinen unkoordinierten Aktivismus, da alle Dienste dem erwähnten Ziel dienen, »den Seelen zu helfen« (lat.: iuvare animas). Genauer gesagt geht es in der ignatianischen Spiritualität (und Pädagogik) darum, den Einzelnen zu helfen, ihren Weg zu Gott zu finden, so wie Ignatius seinen Weg zu Gott biographisch gefunden hatte. In seiner Autobiographie, dem Bericht des Pilgers, beschreibt Ignatius seinen Weg, auf dem Gott ihn durch alle Höhen und Tiefen hindurch geführt habe. Er selber aber verstand seit seiner Bekehrung auf dem Krankenbett sein Leben als »Dienst« für Gott. Alle Dienste haben demnach ein doppeltes Ziel: Anderen zu nützen und zu helfen und zugleich Gott zu dienen. Die Dienste haben also auch damit zu tun, Gott zu finden. Diesen Weg der Alltagsmystik beschreibt Ignatius am Ende seiner geistlichen Autobiographie ausdrücklich. Nachdem er begonnen habe, »ihm [Gott] zu dienen (ital.: servire)«, habe er keiner Todsünde mehr zugestimmt. »Vielmehr wachse er dauernd in der Andacht, das heißt in der Leichtigkeit, Gott zu finden, und jetzt mehr als in seinem ganzen Leben. Immer und zu jeder Stunde, in der er Gott finden wolle, finde er ihn.«

Schließlich wird der aufmerksamen Leserin und dem aufmerksamen Leser dieses Buches auffallen, dass die konkreten pastoralen und spirituellen Situationen gleichsam das Saatfeld darstellen, auf dem die zentralen Ideen und Begriffe gewachsen sind, die das pastorale Idearium des Kardinals abstecken. Eine Synthese seines Denkens und Handelns findet sich in jener kurzen, aber epochalen Rede, die Kardinal Jorge Mario Bergoglio bei der Vorbereitung zur Papstwahl im März 2013 vor den in Rom versammelten Kardinälen hielt. Offenbar hat diese Rede den Nagel so genau auf den Kopf getroffen, dass sie viel Zustimmung fand und Kardinal Bergoglio – divino afflante spiritu – als Mann der Stunde qualifizierte, den die Kirche nach dem weisen und mutigen Rücktritt von Papst Benedikt XVI. nun brauchte und braucht. Die Zusammenfassung der Kurzrede wurde auf Bitte des kubanischen Kardinals Jaime Ortega zuerst in der kubanischen Kirchenzeitung Palabra Nueva veröffentlicht. Folgende zentrale Ideen wurzeln in den hier veröffentlichten Texten: die Freude der Evangelisierung mit allem Freimut; die Begegnung mit Christus; die Forderung, die Selbstbezogenheit oder Autoreferentialität der Kirche abzustreifen und herauszugehen zu den existenziellen Peripherien; die beiden kontrastierenden Kirchenbilder einer mundanen Kirche und einer das Wort Gottes hörenden und es verkündenden Kirche.

Die Grundidee einer nicht in sich selbst verharrenden, sondern zu den Rändern hinausgehenden Kirche formulierte eine Predigt an Katecheten (2005) so:

Fassen Sie Mut und denken Sie die Pastoral und die Katechese von den Rändern her, denken Sie an diejenigen, die am weitesten entfernt sind, die in der Regel nicht in die Kirche gehen. Auch sie sind zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen. […] Kommen Sie heraus aus der Sakristei, dem Pfarrbüro, den VIP-Lounges, gehen Sie hinaus! Praktizieren Sie eine Pastoral der Hinterhöfe, der Türen, der Häuser, der Straße. Worauf warten Sie noch? Gehen Sie hinaus! Und vor allem praktizieren Sie eine Katechese, die niemanden ausgrenzt, die andere Rhythmen beherrscht und offen ist für die neuen Herausforderungen dieser komplexen Welt. Seien Sie keine starren Funktionäre, keine Fundamentalisten einer Planung, die ausgrenzt.

Pastorale und spirituelle Leitmotive

Wie die Musik Leitmotive kennt, die variantenreich durchgeführt werden, sich verknüpfen und wieder voneinander lösen und auf diese Weise ein symphonisches Ganzes bilden, so kennt auch das vorliegende Buch, das der heutige Papst Franziskus als Erzbischof von Buenos Aires, der Stadt der »günstigen Winde«, verfasst hat, eine Reihe von auffallenden Leitmotiven, welche die einzelnen Texte prägen. Zwar ist das Buch nicht streng durchkomponiert wie eine Symphonie, sondern eine thematisch zusammengestellte Sammlung kleiner Texte für die pastorale Praxis, deren Eigenmelodien sich jedoch symphonisch zusammenfügen und einige durchgehende Leitmotive erkennen lassen. Vier solche Leitmotive lassen sich in folgendem Satz formulieren: Im (1) urbanen Raum lebt und wirkt die (2) Kirche als weltweites Volk Gottes (3) in der vielfältigen Begegnung aus der Nähe und (4) auf dem gemeinsamen spirituellen Weg.

(1) Urbaner Kontext der Stadt

Papst Franziskus stammt aus der Großstadt Buenos Aires; dort ist er als Jorge Mario Bergoglio im Stadtteil Flores als Kind italienischer Einwanderer aufgewachsen und zur Schule gegangen. Er ist ein echter »porteño«, wie die Einwohner von Buenos Aires heißen. Er fühlt sich in der städtischen Kultur zu Hause und interessiert sich für Literatur und Musik, aber auch für Kino und Fußball. Er kennt jedoch auch die Stadtprobleme, das Überleben der Armen und die arbeitslosen Jugendlichen, die Mangelsituationen und Exklusion der Bedürftigen, die Migration vom Land und aus fernen Ländern. Daher ist es nicht verwunderlich, dass viele der Texte auf den urbanen Raum eingehen, denn dieser bildet den Kontext, in dem Kirche existiert und wirkt, zumal Buenos Aires ein ganz und gar städtisches Bistum ist. Auch in Rom ist er wieder Bischof einer großen Stadt geworden.

In einer Botschaft zur Erziehung gibt Erzbischof Bergoglio ein anschauliches Zeugnis von seiner Sicht der Stadt und von der Bedeutung der Stadtviertel:

Vielleicht können wir dieser Dimension [der Geographie] mitten in der Großstadt wieder einen Sinn abgewinnen, indem wir das Stadtviertel als Ort der Verwurzelung und des Alltagslebens neu entdecken. Obgleich das Wachstum der Stadt und der Rhythmus des Lebens dem Viertel manches von seiner einstigen Schwerkraft genommen haben, sind doch viele seiner Elemente – wenn auch im Strudel der Zersplitterung – nach wie vor wirksam. Denn als gemeinsamer Raum beinhaltet das Viertel (oder das Land) eine Vielfalt von Farben, Geschmäckern, Bildern, Erinnerungen und Klängen, die das Gewebe des Alltags bilden: etwas Kleines und beinahe Unsichtbares, das gerade deswegen so unentbehrlich ist. Die Menschen aus dem Viertel, die Farben des Fußballvereins, der Platz mit seinen Veränderungen, mit den Geschichten von Spiel, Liebe und Kameradschaft, die sich hier zugetragen haben, die Straßenecken und Treffpunkte, die Erinnerungen der Großeltern, der Lärm der Straße, die Musik, das besondere Licht in diesem Häuserblock oder in jenem Winkel – aus alledem entsteht Identität. Eine persönliche und eine gemeinsame Identität, oder besser: eine gemeinsame und ebendeshalb persönliche Identität.¹⁰

Das Städtische ist dem Christentum nicht fremd, sondern geläufig, vom Beginn bis in die Gegenwart.¹¹ Denn Missionare wie Paulus gingen zuerst in die griechischen Städte der damaligen Zeit, auch in die Metropole Athen; auch Petrus ging in die Städte und gelangte in die Hauptstadt Rom. Das Christentum war von Beginn an eine Stadtreligion und hat sich dort und von dort verbreitet, zumeist auf kapillarem Weg, d. h. auf familiären und freundschaftlichen Wegen, aber auch durch mobile Berufe wie Händler und Soldaten. Ignatius von Loyola verfolgte in der frühen Neuzeit eine urbane Option; die Stadträume waren die Orte der pastoralen Dienste, aber auch der neuen Kollegien (höhere Schulen oder Universitäten), die der Jugend eine gediegene Bildung, Frömmigkeit und Persönlichkeitsentwicklung vermitteln sollten. Heute hat der globale Urbanisierungsprozess dazu geführt, dass über die Hälfte der Menschheit in Städten und Megacities lebt. Lateinamerika ist der verstädtertste und zugleich katholischste Kontinent, so dass hier besondere Aufgaben auf die Kirche zukommen. Daher hat die Fünfte Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats, die 2007 im brasilianischen Aparecida tagte und auf der Kardinal Bergoglio eine wichtige Rolle spielte, in ihrem Schlussdokument zur missionarischen Erneuerung die »Pastoral in der Stadt« hervorgehoben, wenn denn der Glaube uns lehrt, »dass Gott in der Stadt lebt, inmitten ihrer Freuden, Sehnsüchte und Hoffnungen, aber auch in ihrem Schmerz und ihrem Leid.«¹²

(2) Volk (Gottes) in weltweiter Kirche

Ein weiteres Leitmotiv, das in den Texten unentwegt auftaucht, ist die Kategorie des »Volkes«. Handele es sich mit nationaler Konnotation um das Volk von Argentinien, die »Patria«, oder das Volk von Buenos Aires; handele es sich mit religiöser Konnotation um das Volk Israel oder das Volk Gottes; oder handele es sich mit sozialer Konnotation um das arme Volk und die einfachen Leute oder mit geistig-geist- licher Konnotation um das Volk (pueblo) mit seiner Weisheit und Frömmigkeit. Profane und spirituelle Bedeutungen sind zwar klar unterschieden, doch auch untrennbar miteinander verknüpft. Da das Volk Gottes immer Teil des Volkes ist und unter ihm lebt wie das Volk Israel (hebr.: ām, griech.: laós) unter den Heidenvölkern (hebr.: gojim, griech.: éthnē), gibt es semantische Überschneidungen und Bewegungen aufeinander zu. In den Texten Kardinal Bergoglios sind das soziale und das religiöse Grundverständnis immer präsent und miteinander verwoben.

Im Hintergrund steht dabei die lateinamerikanische Reflexion auf den Volksbegriff, die von einem Subjekt ausgeht, bei dem gesellschaftlich marginalisierte Gruppen auf dem Land und in den Städten im Zentrum stehen, jedoch weniger in sozialwissenschaftlicher Perspektive – wie in der Befreiungstheologie –, sondern in der kulturhermeneutischen Perspektive der Argentinischen Schule. So sehen der verstorbene Theologe Lucio Gera und der Philosoph Juan Carlos Scannone, beide Argentinier, in diesen Gruppen des Volkes ein gemeinschaftliches Subjekt, das sich durch ein kulturelles Ethos auszeichnet; dieses tritt in einem eigenen Stil des Lebens und der Weisheit (sabiduría popular) zutage, dessen Kern die Volksfrömmigkeit (religiosidad popular) bildet. In solchen Zusammenhängen ist auch von einer »Theologie des Volkes« die Rede, die auf der einen Seite aufmerksam das Volk wahrnimmt und seinen Lebensstil und seine kulturellen Ausdrucksweisen ernst nimmt. Auf der anderen Seite ist ein differenziertes Verständnis von Theologie im Spiel, wonach es nicht nur die professionelle Fachtheologie der Gelehrten gibt, sondern auch die episkopale Theologie der Bischöfe, die sich aus der pastoralen Praxis speist. Darüber hinaus jedoch gibt es die populare Theologie, eine Theologie des Volkes, welche den Glaubensstil und die religiöse Erfahrung des Volkes widerspiegelt und Ausdruck einer Kirche des Volkes ist. Das Zusammenwirken von Bischofstheologie, Fachtheologie und Volkstheologie kann der Kirche gewiss ein geschärftes Profil verleihen, zumal Papst Franziskus mit seinem Stil, mit seinen Initiativen und mit einer pastoralen Bischofstheologie vorangeht.¹³

Die Texte des argentinischen Kardinals sind überdies durch das konziliare Kirchenverständnis grundiert, das vor allem in der dogmatischen Konstitution über die Kirche entfaltet wird. Dort wird die Kirche vor aller Differenzierung in Hierarchie und Laikat als »Volk Gottes« bestimmt, das sich auf vielfache Weise auszeichnet (vgl. Lumen gentium 9–17): Es ist ein messianisches Volk, auch wenn es als kleine Herde daherkommt; es zeichnet sich aus durch das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen, ist sakramental verfasst und bildet durch die Sakramente eine priesterliche Gemeinschaft, unbeschadet des Dienstes des hierarchischen Priestertums; auch nimmt es teil am prophetischen Amt Christi und empfängt unter Leitung des Geistes und des Lehramts den »übernatürlichen Glaubenssinn«; auch erhält es eine Mission für alle Völker, unter denen es lebt. Auf die Christen anderer Konfession ist das neue Volk Gottes ökumenisch zugeordnet und auf andere Religionen missionarisch hingeordnet, damit »die Fülle der ganzen Welt in das Volk Gottes eingehe, in den Leib des Herrn und den Tempel des Heiligen Geistes« (Lumen gentium 17).¹⁴

Als Erzbischof von Buenos Aires und als Bischof von Rom praktiziert Papst Franziskus eine ausgeprägte Verehrung Mariens, wie sie für Lateinamerika typisch ist. Das argentinische Luján, das brasilianische Aparecida, das mexikanische Guadalupe sind nur einige der marianischen Wallfahrtsorte. Und da Maria als Jungfrau und Mutter Gottes Typus der Kirche ist, ist die Kirche auch selbst »Mutter« (Lumen gentium 64); solche mütterlichen Züge treten in den vorliegenden Texten deutlich hervor und verweisen auf eine bleibende Dimension der Theologie und Frömmigkeit.

(3) Begegnung aus der Nähe

Die Zeit, in der wir leben, ist nicht einfach; es ist keine Zeit für flüchtigen Enthusiasmus oder für sporadische, sentimentale oder gnostische Formen der Spiritualität. Die katholische Kirche verfügt über eine reiche spirituelle Tradition mit zahlreichen und ganz unterschiedlichen Lehrern, die uns Anleitung und Kraft für eine echte Spiritualität geben können – eine Spiritualität, die uns in der heutigen Zeit zu einer Diakonie des Zuhörens und einer Pastoral der Begegnung befähigt.¹⁵

Mit diesen Worten beschreibt Kardinal Bergoglio eine Spiritualität, die eine Pastoral der Begegnung (encuentro) im Auge hat. Diese Kategorie der »Begegnung« begegnet dem Lesenden auf Schritt und Tritt und hat ein breites Bedeutungsspektrum: Begegnung bezieht sich auf die klassischen Begegnungsweisen mit Christus, ganz persönlichen in der lectio divina – der meditierend verinnerlichenden Lektüre der Heiligen Schrift –, im Empfang der Eucharistie – der sakramentalen Begegnung unter der Gestalt des Brotes –, und in der sonntäglichen Eucharistiefeier – in der Gemeinschaft mit allen Gläubigen. Diese personale und gemeinsame Begegnung mit Jesus Christus in Wort und Sakrament gehört ebenso zum mystischen Glutkern des Glaubens wie die Begegnung im kontemplativen Gespräch; »wie ein Freund mit seinem Freunde spricht«, so beschreiben es die ignatianischen Exerzitien (Nr. 54). Solche Begegnungen begründen die Freundschaft mit Christus und die Freundschaft mit den Armen, denn zum Kern unseres Glaubens gehört es auch, »Jesus Christus in den Armen zu begegnen« (Dokument von Aparecida, Nr. 255 und 257).

Aus dieser Mitte heraus erfolgt der Impetus zu allen weiteren Begegnungen: die mit den Armen und den Alten oder die der Jugendlichen untereinander; die personale Begegnung in der Familie und im Freundeskreis. Die Christusbegegnung fördert und fordert alle Arten der Begegnung und der Kommunikation unter Christen, aber auch weit darüber hinaus, wenn man auf den urbanen Raum schaut. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett bemerkte einmal treffend, die Stadt sei »eine Siedlungsform, die die Begegnung einander fremder Menschen wahrscheinlich macht«.¹⁶ Danach bietet die Stadt über den Kreis der Verwandten und Bekannten, der Nachbarschaft und des Viertels hinaus die Möglichkeit überraschender Begegnungen. So fordert der Raum der Stadt geradezu heraus, sich nicht im Eigenen zu verschanzen, sich nicht in der Sakristei einzuschließen, sondern den pastoralen Horizont zu weiten und an die Ränder und Peripherien zu gehen. Daher fordert der Kardinal eine »Kultur der Begegnung«, die insbesondere durch die pädagogische Begegnung geformt werden könne.

Ein entscheidendes Moment der Begegnung aber ist der Bezug zum Nächsten. Bekanntlich gibt Jesus auf die Frage, wer denn der Nächste sei, keine definierende Antwort, sondern erzählt die Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37). Dieser zufolge aber ist der Nächste zunächst derjenige, der sich dem anderen nähert, sich ihm zum Nächsten macht, indem er barmherzig an ihm handelt. In diesem Sinn der empathischen Wahrnehmung des bedürftigen anderen und der wortlosen Zuwendung geht es bei dem Stichwort der Proximität (projimidad), das Kardinal Bergoglio in seinen Texten vielfach ins Spiel bringt. Begegnung zeichnet sich durch solche Proximität oder Nächstheit aus, die freilich den anderen in seiner Würde respektiert und Nähe und Distanz wahrt, wie sie jede personale Begegnung auszeichnet. Proximität ist auch ein Stichwort unserer Tage, wenn in französischen Diözesen kleine Equipes in Situationen des Alltags »proximité« erreichen wollen. Begegnung und Proximität aber haben mit dem Zeugnis eines lebendigen Glaubens zu tun, ja geradezu mit einer »zeugenden Pastoral« (engendrement), die in der kreativen Kirche Frankreichs hoch im Kurs steht.¹⁷ Schon die Pastoralkonstitution des Konzils über die Kirche in der Welt von heute hielt fest:

Dieser Glaube muss seine Fruchtbarkeit kundtun, indem er das gesamte Leben der Glaubenden, auch das profane, durchdringt, und sie zu Gerechtigkeit und Liebe, insbesondere gegenüber den Bedürftigen, bewegt. Dazu, dass Gottes Gegenwart kundwerde, trägt schließlich besonders die brüderliche Liebe der Gläubigen bei, die im Geist einmütig für den Glauben an das Evangelium zusammenarbeiten und sich als Zeichen der Einheit erweisen. (Gaudium et spes 21)

(4) Wege in bewegende Weite

Auch das Stichwort des Weges kann als Leitmotiv der kardinalen Texte dieses Buches gelten. Das Allerweltswort »Weg« wird zum Sinnbild für die Wege, die Gott einen Menschen führt, aber auch für den Lebensweg eines Menschen mit all seinen Höhen und Tiefen. Den entscheidenden Hintergrund für den metaphorischen Gebrauch des Wortes »Weg« bilden die zahlreichen biblischen Bezüge sowohl im Alten wie im Neuen Testament, etwa wenn der Psalm davon spricht, dass alle Wege des Herrn »Huld und Treue« für diejenigen sind, die Bund und Gebote halten (Ps 25,10). Der Evangelist Lukas orientiert seine Erzählungen am Motiv des Weges Jesu nach Jerusalem und am Weg als neuer Lebensweise; im Johannes-Evangelium bezeichnet sich Jesus selbst als Weg zum Vater: »Ich bin der Weg« (Joh 14,6). Jesus Christus ist also nicht nur einer der viele Wege zum Göttlichen, die auch andere Religionen kennen, sondern der Weg zu Gott. Denn »Gott selbst hat dem Menschen Kenntnis gegeben von dem Weg (via), auf dem die Menschen, ihm dienend (inserviendo), in Christus erlöst und selig (salvi et beati) werden können.« So die konziliare Erklärung über die Religionsfreiheit (Dignitatis humanae 1).

Es ist daher nicht verwunderlich, dass im Christentum der Wegcharakter eine große Rolle spielt – von den Wegen des Herrn und der Selbstbezeichnung Jesu als Weg über die Wege der Nachfolge Christi bis hin zu den Bewegungen, welche die Kirche unterwegs in Bewegung brachten und auf ihrem Weg hielten. Dazu zählen die mittelalterlichen Mönche Irlands, die aszetisch die Heimatlosigkeit suchten (peregrinatio) und sie auf dem Festland fanden, doch zugleich Missionare wurden; dazu gehören Tausende von Ordensleuten, die in der Neuzeit die Mission als ihre Aufgabe entdeckten und die

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