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Das Vermächtnis des Templers: Historischer Roman

Das Vermächtnis des Templers: Historischer Roman

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Das Vermächtnis des Templers: Historischer Roman

Länge:
371 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 21, 2015
ISBN:
9783451806537
Format:
Buch

Beschreibung

Norddeutschland zu Beginn des 14. Jahrhunderts: Der Bauernjunge Johannes wird als Novize im Kloster aufgenommen. Drei Jahre später ist Johannes Mönch geworden und wird vom Abt auf eine lange Reise geschickt. An Bord eines Schiffs gelangt er in die Normandie, wo er zum Mönchsritter ausgebildet, in die Kunst des Kriegers und zugleich in die Welt der mittelalterlichen Philosophie und Mystik eingeweiht wird. Johannes übt sich im Bogenschießen, meditiert und lernt Körper und Seele vom Willen zu befreien.
Mit diesen Fähigkeiten gelingt es ihm, sein Leben gegen verschiedene tödliche Gefahren zu verteidigen. Schließlich wird er in den Orden der Templer aufgenommen, doch kurze Zeit später beginnt die Verfolgung der Templer durch den französischen König. Johannes muss fliehen, und was auf seiner abenteuerlichen Flucht geschieht, bietet noch Jahrzehnte später Stoff für Legenden.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 21, 2015
ISBN:
9783451806537
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Das Vermächtnis des Templers - Christoph Andreas Marx

Christoph Andreas Marx

Das Vermächtnis des Templers

Historischer Roman

IMPRESSUM

© Verlag Josef Knecht in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2007

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Christian Langohr, Freiburg

Umschlagmotiv: Die Templerkapelle in Laon, Frankreich, Dept. Aisne

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-80653-7

ISBN (Buch) 978-3-451-06847-8

Für meine Mutter,

die historische Romane liebt

GOTTFRIED GRAF VON WALDECK, BISCHOF ZU MINDEN

AN JOHANNES VON NIENBURG, ABT ZU LUCCA

Minden, im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1323, am Tag des heiligen Ephraim

Mein lieber Freund!

Bald ein Jahr ist vergangen, seit Ihr mir, wie schon so oft, Eure Gastfreundschaft geschenkt habt. Unsere letzte Begegnung steht mir deutlich vor Augen. Es war ein sonnendurchfluteter freundlicher Tag, so wie heute, da ich Euch diese Zeilen schreibe.

Bruder Gorgonius berichtete mir vor einigen Tagen, dass Ihr im Winter schwer erkrankt wart. Nun hoffe ich, dass Euch der Segen unseres Herrn nicht verlassen hat und Ihr Euch wieder bester Gesundheit erfreuen könnt und noch immer voll Liebe und Güte seid, wie ich es an Euch schätzen und lieben gelernt habe.

In den letzten Wochen hatte ich viel Ungemach mit einem Ansinnen des Ordens der Johanniter, denen ich letztlich doch nachgeben musste, wie Ihr sicher inzwischen vernommen habt. Die Zukunft wird zeigen, ob sich all dies in einen Segen verwandelt.

Heute nun wende ich mich an Euch mit der Bitte um Eure Einschätzung in einer Sache, die weit in die Vergangenheit reicht. Ich hörte jüngst von einer Begebenheit, die zu ungewöhnlich ist, als dass ich sie für wahr halten könnte. Sie soll sich im Sommer des Jahres 1307 zugetragen haben. Doch hört selbst:

Zu Köln seien drei Angehörige der Ritterschaft Christi vom Salomonischen Tempel zu Jerusalem in üblen Verruf geraten und der Häresie überführt worden. Es wird berichtet, dass sie auf dem großen Marktplatz verbrannt werden sollten. Aber offensichtlich ist es nicht dazu gekommen. Als der Henker die drei Männer zum Scheiterhaufen führte, hätte es plötzlich auf wundersame Weise Pfeile vom Himmel geregnet. Eines der Geschosse habe den Henker am rechten Arm getroffen, so dass er nicht mehr in der Lage gewesen sei, sein Amt auszuführen. Ein weiterer Pfeil soll dem Diener des Heiligen Stuhls, der das Verfahren gegen die Templer geleitet hatte, so in den Rumpf gefahren sein, dass er für viele Wochen dem Tode nahe gewesen sei. Ein Geschoss habe seine Eminenz, den Erzbischof getroffen, jedoch nur mit geringem Schaden. Lediglich die Kopfbedeckung sei ihm durchbohrt worden. Die Menschen auf dem Marktplatz seien mit viel Geschrei auseinandergelaufen, und die drei Templer hätten fliehen können. Doch damit nicht genug. Einige Zeugen wollen sogar gesehen haben, dass ein Mann in einer Kutte zuvor die Mauer eines nahegelegenen Kirchturms erklommen habe, was, wie wir wissen, ganz und gar unmöglich ist. Diese Geschichte erzählt man in Köln bis auf den heutigen Tag. Und niemand zweifelt an ihrer Wahrheit.

Mein lieber Freund, all dies würde ich Euch nicht berichten, wüsste ich nicht, dass Ihr selbst im besagten Sommer einige Tage in Köln verbracht habt. Vielleicht seid Ihr Zeuge des Geschehens gewesen oder habt schon damals davon gehört. Immerhin ist die Geschichte so wundersam, dass ich Euch bitten möchte, mir Eure Einschätzung nicht vorzuenthalten.

Möge der Segen unseres Herrn Euch allzeit begleiten.

Es grüßt Euch herzlich Euer Freund

Gottfried, Bischof zu Minden

JOHANNES VON NIENBURG, ABT ZU LUCCA,

AN GOTTFRIED GRAF VON WALDECK, BISCHOF ZU MINDEN

Lucca, im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1323, am Tag der heiligen Adelheid

Mein lieber Freund!

In diesen Stunden sind meine Gedanken bei Euch. Seid Ihr doch fast zwei Jahrzehnte meinem Lebensweg aufs engste verbunden gewesen. Die Erinnerung geht zurück bis in das Jahr 1307. Ihr wisst, welch grundlegende Veränderung mein Leben damals erfahren hat. Es war zugleich das Jahr Eurer Wahl in ein Amt, das Ihr nun schon lange innehabt und, so Gott will, noch lange bekleiden werdet.

Euer Brief hat mich vor einem halben Jahr erreicht. Verzeiht, dass ich Euch erst jetzt Antwort gebe. Seid versichert, dass es nicht böser Wille war, der mich bislang daran hinderte.

Bezüglich der Gründung einer Johanniterkomturei zu Wietersheim habt Ihr sicherlich klug gehandelt. Man kann es nur als ein Beispiel Eures Wohlwollens und Eurer Güte werten. Aber die Johanniter werden sich in diesen undankbaren Ländereien nicht lange halten. Aus gleichem Grund schloss vor zwanzig Jahren das Dominikanerinnenkloster in Lahde. Dessen Güter fielen an den Abt von Lucca. Aber ich sage das nicht, um Euch an alte Fehden zu erinnern, die uns beide ohnehin nicht trennen, auch wenn ich heute, womit damals niemand hätte rechnen können, Abt eben dieses Konvents bin.

Das Wetter in Lucca ist schwer erträglich: regnerisch, stürmisch und kalt. Drei Brüder sind bereits erkrankt. Mich selbst plagt erneut die Lungenschwäche. Das hohe Fieber ist zurückgegangen, doch ich leide noch immer an Husten, Atemnot und unregelmäßig auftretenden Kopfschmerzen. Diese Anzeichen sind mir nur allzu gut bekannt.

Es wird Euch sicherlich wundern, dass Ihr zusammen mit diesem Schreiben ein Buch erhaltet. Und es wird Euch noch mehr überraschen, wenn Ihr es öffnet und zu lesen beginnt.

Es ist die Geschichte meines Lebens. Seit April habe ich daran geschrieben, wohl wissend, dass der Herr mich bald zu sich nehmen wird. Als Ihr mir in den Tagen des Monats Juno Euren Brief habt zukommen lassen, in dem Ihr um eine Einschätzung der wundersamen Vorgänge zu Köln batet, konntet Ihr nicht ahnen, dass sich meine Gedanken ohnehin längst in dieser Zeit bewegten.

Es war mein Wunsch, dieses Leben noch einmal zu durchlaufen, um mir selbst Rechenschaft abzulegen. Werde ich die Gnade unseres Herrn finden? Wie armselig sind wir Menschen. Wie kurz ist unsere Zeit, und wie leicht sind die Wege der Versuchung.

Während ich diese Zeilen schreibe, warte ich auf die Glocke der Mitternacht, bereit für die Vigil.

An diesem Tag werde ich keine weiteren Verpflichtungen haben, so dass ich in der Zeit zwischen den Stundengebeten ein letztes Mal meine Geschichte lesen kann, bevor ich sie an Euch sende, mein hochgeschätzter Freund …

Vigil

Mit Beginn des Läutens zur Vigil legt Abt Johannes die Feder beiseite. Er erhebt sich, geht die knarrende Treppe hinab, öffnet die Tür des Abtshauses und begibt sich ins Freie. Er hat noch etwas Zeit bis zum Stundengebet. Der Himmel ist heute sternenklar. Kurz nach Mitternacht ist die Kälte besonders intensiv, aber Johannes bleibt vor dem Eingang des gegenüberliegenden Gebäudes stehen, schaut hinauf zu den Gestirnen, erblickt am Südhimmel den Orion, dann den Mars, verliert sich im Anblick der unbegreiflichen Unendlichkeit, des großen Mysteriums, und lässt die Gedanken aufkommen, wie es ihnen gefällt.

Vigil, das ist die Nachtwache, das erste Stundengebet des neuen Tages. Es ist die Zeit des Nachthimmels und der Dunkelheit. Die Nacht ist ein unergründliches göttliches Rätsel, in das wir alle eingebunden sind.

Die Dunkelheit hüllt uns ein. Dämonen lauern uns auf. Dürfen wir hoffen? Bleibt mehr von uns als das Nichts? Wird der neue Tag geheiligt sein?

Der Nachtwind ist der Klang der Vigil. Gemeinsam mit der Dezemberkälte treibt er den Schlaf aus den Gliedern. Er fordert auf, neu anzufangen. Die Vigil ist das Symbol des Erwachens. Aus der Welt des Schlafes, des Traums führt sie in eine neue Wirklichkeit. Es gibt noch einen Neuanfang, einen neuen Tag, ein neues Leben zu beginnen.

Und zugleich ist die Vigil Zeitlosigkeit. Weil so viel Verwirrung und Ruhelosigkeit in uns ist, mahnt sie uns zum Zuhören. Der Nachtwind ist Musik, der Klang der Welt. Die Vigil macht alles neu. Die Mönche werden heute hören, was kein Mensch zuvor gehört hat. «Siehe, ich mache alles neu.» So sagt Johannes in der Offenbarung.

Johannes hört in sich den eigenen Namen. Das lässt ihn aufmerken. Sein Blick wendet sich ab vom unendlichen Universum. Er betritt das Gebäude, das ganz den Laienmönchen bestimmt ist, durchquert es mit stillen Schritten und gelangt in den Innenhof. Vom Lesegang kommend betritt er die Südpforte der Klosterkirche und findet im Chor die Mönche zum Stundengebet bereit. Dann erfüllt der Gesang die Stille der Kirche. Das Invitatorium erklingt: Ein großer Gott ist unser Herr, ein großer König über alle Götter. In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, sein auch die Gipfel der Berge. Sein ist das Meer – er hat es gemacht, sein auch das Festland – seine Hand hat es gebildet. Ziehet ein! Denn er ist unser Gott, und wir sind das Volk seiner Weide und die Schafe in seiner Hand.

Psalmgesang und Lesung folgen aufeinander. Johannes kann nicht sagen, wie oft er die Vigil gefeiert hat, Tag für Tag. Jahr um Jahr. Wie viel Vertrauen in diesem Stundengebet ist! Kann man einem Neuanfang so sehr vertrauen? Gehört zum Neuanfang nicht immer auch der Schmerz? Die Angst? Der Zweifel? Aber was bleibt uns, wenn nicht das Hoffen?

Johannes wartet, bis die Mönche das Benedicamus beendet haben, erhebt sich und erteilt ihnen den Segen.

Einige Augenblicke später ist der Chor verlassen. Johannes sitzt allein im nun wieder vollkommen stillen Kirchenraum. Seine Gedanken gehen zurück in das Jahr 1302. Auch damals war es ein Erwachen, ein Neuanfang, ein Sprung in eine andere Wirklichkeit gewesen. Aber man hatte ihm keine Wahl gelassen …

STAT CRUX, DUM VOLVITUR ORBIS

Das Kreuz besteht, solange die Welt sich wandelt.

Inschrift an der Decke des Kapitelsaals im Kloster Loccum

1. Kapitel

AN EINEM TAG IM MAI des Jahres 1302 war ein Junge unterwegs von der Komturei in Lahde zum elterlichen Hof. Einmal in der Woche belieferten seine Eltern das Dominikanerinnenkloster mit Getreide, und es war nicht ungewöhnlich, dass der Junge allein den einachsigen Wagen hinter sich her zog und den Weg nach Lahde auf sich nahm. Auch heute war der Wagen auf dem Hinweg mehrmals im Schlamm stecken geblieben, denn es hatte in der Nacht geregnet. Die Rückkehr fiel dem Jungen leichter, doch bei einer Entfernung von zehn Meilen würde er noch immer drei Stunden unterwegs sein, denn der Weg war schlecht und eigentlich nur mit dem Pferd nutzbar.

In den Nachmittagsstunden schien die Sonne mit großer Kraft. Als der Junge hinter sich von fern Geräusche hörte, hielt er inne. Er hätte nicht sagen können, welches Tier sich dort näherte, obwohl er gewöhnlich Geräusche jeglicher Art schnell und sicher zu deuten wusste. Eben diese Ungewissheit irritierte ihn. Er legte das Joch des Wagens ab und blickte zurück, denn er meinte das ungewöhnliche Geräusch von dort wahrgenommen zu haben. Aber es war nichts zu vernehmen. Der Junge wollte das Joch wieder aufnehmen, als er das Geräusch erneut wahrnahm. Diesmal legte er sein rechtes Ohr an den Erdboden. Und tatsächlich, nach einer kurzen Zeit meinte er rhythmisches Stampfen zu hören.

In diesem Moment brachen zwei Reiter aus dem dichten Wald hervor. Der Junge war so überrascht, dass er sich unwillkürlich aufrichtete, dann jedoch bewegungslos stehen blieb. Was er sah, verschlug ihm die Sprache. Die beiden Reiter waren schneeweiß gekleidet. Sie verlangsamten ihr Tempo und kamen auf ihn zu. Nun erst bemerkte der Junge das große rote Kreuz auf den Umhängen der Männer und das Schwert, das sie an ihren schwarzen Gürteln befestigt hatten. Für einen Moment war sich der Junge nicht ganz sicher, ob er träumte oder wachte. Aber dann brachten die Männer unmittelbar vor ihm die Pferde zum Stehen und blickten zu ihm herab. Es wäre üblich gewesen, vor Herren wie diesen auf die Knie zu fallen, aber der Junge war außer Stande, sich zu bewegen.

«Was tust du hier, Junge?», hörte er einen der Männer fragen.

Der Blick des Jungen fiel unwillkürlich auf dessen Pferd. Es war fast weiß, wie die Umhänge der beiden Reiter. Noch nie zuvor hatte er solch ein Pferd gesehen. Und er kannte sich aus, verstand sofort, dass es sich bei den Pferden dieser Herren um ganz besonders edle Tiere handelte. Das Pferd des zweiten, jüngeren Reiters war von erlesener rotbrauner Färbung mit durchgehender Blesse und bewegte sich ähnlich anmutig wie das seines Begleiters.

Noch immer wagte der Junge nicht, den Männern ins Gesicht zu blicken.

«Was tust du, Junge?», fragte der zweite Reiter.

Es kam keine Antwort, denn der Angesprochene war zu überrascht und brachte keinen Ton heraus.

«Na los, Junge. Sprich!», wurde er erneut aufgefordert.

Der Junge blickte zu Boden.

«Ich bin auf dem Weg nach Hause.»

«Wo ist das?»

Er zeigte in nordöstliche Richtung.

«Führt der Weg nach Loccum?»

«Ja.»

«Kannst du uns führen?»

Nun schaute der Junge auf seinen Wagen.

«Meine Eltern erwarten mich.»

«Dann reiten wir zunächst dorthin. Aber wir benötigen einen Führer. Wenn du uns hilfst, soll es dein Schaden nicht sein. Es eilt. Den Wagen wirst du hierlassen.»

Der Junge blieb unschlüssig, wagte aber nicht zu widersprechen.

«Mach dir keine Sorgen. Steig auf!»

Der ältere Reiter reichte ihm die Hand entgegen. Zögernd blickte der Junge zum ersten Mal in das Gesicht des Fremden. Er war ebenso überrascht von dessen dunkler Hautfarbe wie von den ungewöhnlich klaren, sehr lebendigen, graublauen Augen, die größte Überzeugungskraft und festen Willen ausstrahlten. Er griff nach der ausgestreckten Hand.

Einen Augenblick später saß der Junge vor dem Mann auf dem Rücken des Pferdes.

Während des Ritts zum Hof sprachen sie nur wenige Worte. Wald und Moor wechselten in schneller Folge. Für den Jungen war es zunächst ein beängstigendes Erlebnis, mit solcher Schnelligkeit an den Bäumen entlangzuhuschen. Aber der Reiter verstand sich vorzüglich darauf, selbst überraschenden Hindernissen mühelos auszuweichen, und nach einiger Zeit fand der Junge großen Gefallen daran.

Als sie den Hof erreichten, war der Bauer gerade damit beschäftigt, die Sense zu schärfen. Nun blickte er überrascht auf, wollte zur Seite springen, als die Pferde auf ihn zuhielten, merkte aber dann, dass die Reiter sie zu zügeln verstanden. So kniete er vor den eigentümlich gekleideten Fremden nieder.

«Steh auf!», rief ihm der ältere Reiter zu.

Der Bauer erhob sich zögernd. Als er seinen Sohn erblickte, wurde er ängstlich. Der Reiter bemerkte es.

«Du musst dich nicht fürchten, Bauer», sagte er. «Wir haben deinen Sohn mitgenommen. Er soll uns den Weg nach Loccum zeigen.»

Der Bauer schaute noch immer besorgt auf seinen Sohn.

«Dort werden wir veranlassen, dass du deinen Sohn und auch deinen Wagen heil zurückbekommst. Wir brauchen einen Führer, der sich in dieser abgelegenen Gegend auskennt.»

Die Worte des Fremden hatten den Bauern erneut überrascht. Er war es nicht gewohnt, dass hohe Herren ihre Handlungen erläuterten. Und erst recht war es bei ihnen nicht üblich, für Schaden oder Ausfälle aufzukommen. So fasste er seinen ganzen Mut zusammen.

«Hohe Herren. Ihr seid weit gereist. Benötigt Ihr Essen und Trinken? Eine Rast für Euch und die Pferde?»

«Danke. Du bist ein guter Mann. Aber unser Auftrag zwingt uns weiterzureiten.»

Die Bäuerin kam aus dem Haus. Sie hatte ungewöhnliche Geräusche gehört und war herbeigeeilt. Nun erblickte sie die Fremden, dann ihren Sohn zu Pferd, und sie kniete ebenfalls vor den beiden Reitern nieder. Die erhoben die Hand zum Gruß und machten kehrt. Der Junge winkte seinen Eltern zu. Ängstlich blickte er sie an. Doch es blieb keine Zeit. Die beiden Reiter trieben ihre Pferde an und ritten eilig vom Hof.

Der Weg nach Loccum durch Moorgebiet und dichten Wald erwies sich auch für den Jungen, der ihn schon einige Male gegangen war, als verwirrend. Mehrmals machten die Reiter Halt und ließen ihn absteigen, damit er die Möglichkeit hatte, sich neu zu orientieren.

«Wir sind so schnell», entschuldigte er sich. «Da ist der Weg ganz anders als sonst.»

«Bleib ganz ruhig», meinte der jüngere Reiter. «Versuch dich zu erinnern.»

Schließlich erreichten sie eine Quelle, die der Junge wiedererkannte. Die Reiter machten Halt und ließen die Pferde trinken.

«Ist es noch weit?», fragte der Ältere.

«Nein», antwortete der Junge. «Dies hier ist die Silberquelle. Von hier werden wir das Kloster schnell erreichen.»

«Warum wird die Quelle so genannt?», wollte der jüngere Reiter wissen.

«Sie trägt wohl schon sehr lange diesen Namen. Die Menschen hier sagen, dass es ein heiliger Ort sei, an dem Odin erscheine. Wenn Ihr den Hügel dort hinaufgeht, werdet Ihr einen großen Steinkreis entdecken.»

«Glauben die Menschen dieser Gegend immer noch an Odin?»

«Ich habe gehört, dass sich hier manchmal Magier versammeln, um alte Rituale zu feiern», meinte der Junge. «Aber Genaues weiß ich nicht.»

Als die Pferde genug getrunken hatten, verließen sie den Ort und ritten weiter durch den Wald.

Bei Einbruch der Dunkelheit sahen sie von fern die Umrisse der Klosteranlage. Eine Mauer umgab den gesamten Komplex. Eindrucksvoll ragte die Klosterkirche zum Himmel. Der Junge konnte ihren schmalen Glockenturm erkennen, die mächtige, nahezu schmucklose Westfassade, die Vielzahl der angrenzenden Gebäude, die gemeinsam mit der Kirche eine nahezu quadratische Fläche bildeten, und die freistehenden Steinhäuser und Schuppen, die sich ebenfalls noch innerhalb der Mauern befanden.

Sie erreichten das Haupttor. Der ältere Reiter stieg vom Pferd und schlug mit der Faust kräftig gegen das Holz der Pforte. Kurze Zeit später öffnete sich eine kleine Luke. Ein Mann schaute hindurch, blickte die Ankömmlinge erstaunt an. Dann öffnete sich das große Tor. Ein Mönch in brauner Kutte trat heraus und blieb in der Pforte stehen.

«Dank sei Gott», begrüßte er die Ankommenden. Dann kniete er vor den Reitern nieder.

«Hohe Herren. Verzeiht. Ich muss Euch zunächst beim Abt anmelden», sagte er.

«Wir werden warten», bekam er zur Antwort.

Obwohl die Reiter ihre Namen nicht genannt hatten, erhob sich der Mönch und ging davon, ohne weitere Fragen zu stellen, nicht jedoch ohne zuvor die Pforte zu schließen.

Die drei Reisenden warteten. Der Junge blickte zu Boden.

«Warst du schon einmal im Kloster?», fragte der jüngere Reiter.

«Ich habe einige Male Getreide gebracht. Aber die Mönche ließen mich nicht hinein.»

«Heute darfst du die wunderbare Klosteranlage aus der Nähe betrachten.»

«Diese Häuser sind beeindruckend», sagte der Junge. «Aber auch seltsam.»

«Wie meinst du das?»

«Was machen all die Menschen hier? Und warum ein so großes Gebäude?»

«Hat man dir das nie gesagt?»

«Man sagt, sie dienen Gott.»

«Das ist richtig.»

«Und die Klosterkirche ist das Haus Gottes.»

«So ist es.»

Der Junge überlegte einen Moment. Er war sich unsicher, ob er den beiden Fremden seine Gedanken anvertrauen sollte.

«Aber das ist seltsam.»

«Seltsam? Was ist daran ungewöhnlich?»

«Wozu braucht Gott ein Haus?»

Die beiden Reiter sahen sich an.

«In der Klosterkirche beten die Mönche zu Gott», sagte der Ältere. «Sie loben ihn und suchen seine Nähe.»

Wieder schwieg der Junge kurz.

«Ist das denn nötig? Gott ist doch überall.»

«Wie meinst du das?»

«Man findet ihn in jeder Pflanze, in jedem Lufthauch. Was braucht er ein Haus?»

Erneut sahen sich die beiden Reiter an, doch in diesem Moment öffnete sich die Pforte. Ein Mönch in hellgrauer Kutte trat heraus und begrüßte die Männer ebenfalls mit einem Kniefall.

«Hohe Herren. Der Abt heißt Euch willkommen und bittet Euch zu sich. Er bittet Euch zudem, an diesem heiligen Orte die Waffen abzulegen oder sie stumpf zu machen.»

Die beiden Reiter schnallten die Schwerter ab und übergaben sie dem Mönch. Der blickte auf den Jungen, wagte aber nicht, Fragen zu stellen.

Sie durchschritten das Tor. Zwei Mönche kamen herbei und übernahmen die Pferde. Auf dem Weg sah der Junge zur Linken die hoch aufragende Westfassade der Klosterkirche. Wohngebäude schlossen sich unmittelbar an. Rechts des Weges befand sich ein einzelnes Steinhaus. Von dort kam ihnen ein Mönch in weißer Kutte entgegen. Er umarmte die beiden Reiter und küsste sie auf die Wange.

«Seid willkommen in Christo, werte Brüder. Schon lange ist kein Vertreter des Tempels an dieses Ende der Welt gekommen.»

«Seid gegrüßt, ehrwürdiger Lefhard. Wir sind dankbar, Eurer großzügigen Gastfreundschaft teilhaftig zu werden. Der Prior des Tempels entsendet dir seine herzlichen Grüße.»

Der Blick des Abtes fiel auf den Jungen.

«Wer begleitet Euch?», fragte er.

«Dieser Junge ist aus der Gegend um Lahde. Wir haben ihn mitgenommen, weil er uns den Weg zeigen konnte. Er muss gut untergebracht werden. Und morgen soll er Begleitung für den Rückweg erhalten.»

Der Abt nickte.

«So soll es sein.»

Er wandte sich an den Mönch, der den Reitern an der Pforte Einlass gewährt hatte.

«Sorge dafür, dass es ihm an nichts fehlt, und weise ihm einen Schlafplatz zu.»

Der Mönch nickte. Er nahm den Jungen bei der Hand. Der wandte sich noch einmal um und bemerkte, dass der Abt und die Reiter ihm nachblickten und dabei Worte wechselten. Dann betraten die drei das Abtshaus.

Der Mönch führte den Jungen zum gegenüberliegenden Gebäude, das unmittelbar an die Westfassade der Kirche angrenzte und sich von dort wohl um die fünfzig Meter in südliche Richtung ausdehnte. Durch eine kleine Tür gelangten sie in ein Treppenhaus, das von mehreren Kerzen so erleuchtet wurde, dass man sich, aus dem Dunkeln kommend, orientieren konnte. Der Mönch führte den Jungen in den ersten Stock. Dort befand sich ein großer Schlafsaal. Etwa vierzig Betten waren links und rechts der Außenwand in gleichmäßigen Abständen aneinandergereiht, einfache Holzgestelle, jeweils mit einem Strohsack ausgestattet. Auf den meisten Betten hatten sich bereits Mönche schlafen gelegt.

«Dies ist das Dormitorium», sagte der Begleiter des Jungen. «Warte einen Moment.»

Er ging davon und kehrte kurze Zeit später mit einer Karaffe, einem Tonbecher und einer Decke zurück.

«Nimm dieses Wasser. Essen gibt es erst morgen wieder.»

Er zeigte auf eines der Betten.

«Hier kannst du schlafen und dich mit der Decke warm halten. Ich werde dich morgen früh abholen.»

Der Junge nickte.

Als der Mönch gegangen war, sah er sich um. Eine kleine Kerze beleuchtete den Schlafraum, gerade so, dass man sich zurechtfinden konnte.

Die schlafenden Mönche um ihn herum waren noch immer mit der braunen Kutte bekleidet, die sie auch tagsüber trugen. Nirgendwo konnte er erkennen, dass jemand für die Nacht zusätzlich eine Decke benutzte. Es war still im Raum. Ab und zu hörte man, wie sich ein Mönch von der einen auf die andere Seite drehte. Vereinzelte Laute drangen von draußen herein, die Geräusche der Nacht, die dem Jungen wohlbekannt waren.

Er konnte nicht einschlafen. Der Tag beherrschte noch immer seine Gedanken. Seltsame Reiter waren das. Schon ihr Aussehen hatte den Jungen beeindruckt. Aber es war auch ihre Art zu sprechen und zu handeln. Mit keinem Wort und keiner Tat ähnelten sie jenen hohen Herren, die er bislang kennengelernt hatte. Einzig ein fester Wille schien sie zu leiten. Und wenn sie die Mithilfe anderer erwarteten, taten sie dies nicht aus Willkür, sondern weil sie mit großer Ernsthaftigkeit ein Ziel verfolgten, das ihnen wichtig war. Aus einer anderen Welt schienen sie gekommen zu sein. Die seltsamen weißen Gewänder, das große rote Kreuz darauf, die kunstvoll gearbeiteten Waffen und diese außergewöhnlichen Pferde – all das war dem Jungen noch nicht begegnet. Woher kamen diese Männer? Und was wollten sie in Loccum? Der Abt schien sie zu kennen. Aber was taten sie hier?

Sein Gefühl sagte dem Jungen, dass diese Männer ihr Wort halten würden. Aber dennoch. Sie hatten ihn ohne große Fragen mitgenommen. Hatten auch den Vater nicht nach seiner Einwilligung gefragt. Nun erinnerte sich der Junge, dass die beiden Reiter und der Abt wohl kurz über ihn gesprochen hatten, als der Mönch ihn fortführte. Es war nicht üblich, dass sich hohe Herren über einen einfachen Bauernjungen unterhielten. Was würde morgen geschehen? Dem Jungen blieb nur zu hoffen, dass die Reiter Wort hielten.

Von draußen erklang der Ton einer Glocke. Die Mönche im Raum ließen sich dadurch in ihrem Schlaf nicht stören. Aber draußen hörte der Junge Geräusche.

Er trat ans Fenster und sah zum ersten Mal den Innenhof des Klosters. Auf der gegenüberliegenden Seite durchquerten zwei Mönche in hellgrauen Kutten einen der Säulengänge und verschwanden im angrenzenden Gebäude. Im ersten Stock war ein großer Raum erleuchtet, in dem sich viele Mönche versammelt hatten. Dann erblickte der Junge im Kreuzgang den Abt und die beiden Reiter. Durch eine Tür verschwanden sie in der Klosterkirche. Als sein Blick wieder auf das gegenüberliegende Gebäude fiel, war der Raum im Obergeschoss noch immer erleuchtet, aber niemand mehr zu sehen. Zugleich hörte der Junge, wie in der Kirche Gesang einsetzte. Zunächst war es eine einzelne Stimme, die eine Melodie vortrug, dann waren es viele Stimmen, die im Wechsel einsetzten und einander zu antworten schienen.

Der Junge ging zurück zu seinem Bett, legte sich auf den Strohsack und warf die Decke über. Noch lange hörte er den Mönchen zu. Obwohl er die Worte nicht verstand, verspürte er in ihrem Gesang eine große Friedfertigkeit und Harmonie, die seine Gedanken zur Ruhe kommen ließen.

Als er erwachte, schien die Sonne hell in den Schlafraum. Er blickte sich um und bemerkte, dass er allein war. Bis auf jenen Mönch, der ihn gestern Abend geleitet und ihn jetzt geweckt hatte.

«Du musst aufwachen.»

Der Junge sah ihn etwas ungläubig an. Erst allmählich kam die Erinnerung zurück. Die Reiter hatten ihn mitgenommen. Er war fremd hier.

«Bringst du mich jetzt nach Hause?»

«Du sollst zum Abt kommen. Dein Vater ist da», antwortete der Mönch.

«Mein Vater?», Der Junge blickte ihn fragend an.

«Ja. Aber vorher gibt es etwas zu essen. Komm mit.»

Er rappelte sich auf und folgte dem Mönch. Sie gingen die Treppe hinab und rechts in einen Raum, in dem sich mehrere Tische befanden, vollgestellt mit Lebensmitteln, Töpfen und Küchengerät. Der Junge durfte dort Platz nehmen, erhielt einen Teller mit Haferbrei und einen Becher Wasser. Dann ließ ihn der Mönch allein.

Während des Essens versuchte sich der Junge auszumalen, mit welchem Anliegen sein Vater nach Loccum gekommen sein mochte, aber er konnte sich keinen Reim darauf machen.

Er war mit dem Essen noch nicht fertig, als jemand in den Raum trat. Der Junge blickte überrascht zur Tür.

«Vater!», rief er und sprang auf.

Die beiden umarmten sich.

«Johann!», rief der Vater und drückte seinen Jungen ganz fest.

«Was tust du hier?», fragte der Junge.

Der Vater setzte sich auf einen der Hocker, und der Junge tat es ihm gleich.

«Der Abt hat mich rufen lassen», antwortete er, «… und wollte mit mir sprechen.»

Er hielt einen Moment inne.

«Die beiden Reiter haben sehr gut von dir gesprochen. Sie lobten deine Klugheit und Freundlichkeit. Und sie halten dich für einen gottesfürchtigen Menschen. So schickte der Abt heute Morgen einen Reiter, um mich hierher zu holen.»

«Warum hat er das getan?»

«Er wollte mit mir sprechen. Über dich.»

«Über mich?»

«Ja. Die beiden Reiter halten dich für einen guten, klugen

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