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Vom Schraubstock zum Schreibtisch: Lebenserinnerungen

Vom Schraubstock zum Schreibtisch: Lebenserinnerungen

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Vom Schraubstock zum Schreibtisch: Lebenserinnerungen

Länge:
322 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
May 22, 2017
ISBN:
9783744821964
Format:
Buch

Beschreibung

Hans Dominik wurde 1872 in Zwickau geboren und starb 1945 in Berlin. Er war Ingenieur und Wissenschaftsjournalist, Dramaturg für Kurzfilme und arbeitete später als freier Schriftsteller. Schon bald wurde er durch seine vielgelesenen Zukunftsromane zum gefeierten Erfolgsautor. In dieser 1942, wenige Jahre vor seinem Tod erschienenen Autobiografie erzählt er detailliert von seinem Leben und Schaffen.

Korrektur gelesen und in neuer deutscher Rechtschreibung.
Freigegeben:
May 22, 2017
ISBN:
9783744821964
Format:
Buch

Über den Autor

Hans Joachim Dominik (* 15. November 1872 in Zwickau; † 9. Dezember 1945 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller, Science-Fiction- und Sachbuchautor, Wissenschaftsjournalist sowie Ingenieur (Elektrotechnik, Maschinenbau) und Erfinder. (Wikipedia)


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Vom Schraubstock zum Schreibtisch - Hans Dominik

Vom Schraubstock zum Schreibtisch

1. Zum Buch

2. Die Vorfahren

3. Die Eltern

4. Erste Jugend und die Schule

5. Werkstättenzeit

6. Die Zeitschrift „Der Neue Kurs"

7. Hochschule und noch einmal Eisenbahnwerkstatt

8. Die erste Amerikareise

9. Mit zweiundzwanzig Jahren Generalbevollmächtigter – Die Gründung einer eigenen Existenz

10. Die zweite Amerikareise

11. Stellungen in Deutschland als Elektroingenieur

12. Selbstständig als Schriftsteller

13. Arbeiten für die Industrie, eine Schriftleitung, Vorträge, die Gründung der Automobiltechnischen Gesellschaft, Patente

14. Von Mosse zu Scherl

15. Weitere Arbeiten für die Industrie. Vom eigenen Heim bis zum Eigenheim

16. Weitere Unternehmungen von August Scherl

17. Eine neue Phase

18. Krieg

19. Die ersten fünf Jahre der Nachkriegszeit

20. Schriftsteller oder Dichter?

21. Ausblicke

Impressum

1. Zum Buch

Hans Dominik wurde 1872 in Zwickau geboren und starb 1945 in Berlin. Er war Ingenieur und Wissenschaftsjournalist, Dramaturg für Kurzfilme und arbeitete später als freier Schriftsteller. Schon bald wurde er durch seine vielgelesenen Zukunftsromane zum gefeierten Erfolgsautor. In dieser 1942, wenige Jahre vor seinem Tod erschienenen Autobiografie erzählt er detailliert von seinem Leben und Schaffen.

Korrektur gelesen und in neuer deutscher Rechtschreibung.

2. Die Vorfahren

Bücher haben ihre Schicksale. Die Kirchenbücher des Dorfes Dyrotz im Osthavelland, aus dem unsere Familie stammt, sind in den Stürmen und Bränden des Siebenjährigen Krieges vernichtet worden. Wo die Urkunden fehlen, ist die Ahnenforschung mit ihrer Kunst am Ende; an ihre Stelle tritt des Öfteren die zwar unbeglaubigte, aber dafür gelegentlich umso interessantere Familiensage. Von Generation zu Generation hat sich eine solche Sage auch bei uns erhalten, und sie weiß Folgendes zu künden:

Am Ende des Dreißigjährigen Krieges, als in der entvölkerten Mark Brandenburg überall eine neue Landnahme erfolgte, soll sich einer der Kroaten Isolanis in Dyrotz angesiedelt haben. Dumnigk oder Dombnigk soll er geheißen haben, was aus dem Slawischen verdeutscht etwa Eichner oder Eichler bedeutet. Mit dem heiligen Dominikus hätte unser Name also nichts zu tun. In seinem bürgerlichen Beruf soll der sagenhafte Ahnherr unserer Familie ein Rastelbinder oder Kaltschmied gewesen sein. Aber in jenen Jahren nach dem Westfälischen Frieden ging’s nicht ums Kaltschmieden, sondern ums Warmschmieden. Hufeisen und Radreifen wurden gebraucht, um der daniederliegenden Landwirtschaft wieder emporzuhelfen, und so hat sich wohl schon dieser Zugewanderte mit dem Feuer vertraut gemacht und ist ein Hufschmied geworden.

Von 1760 an sind meine väterlichen Vorfahren in den Kirchenbüchern des Dorfes in einer ununterbrochenen Reihe als Schmiede, vielfach auch als Fahnen- und Kurschmiede aufgeführt. Die Bezeichnung Fahnenschmied bedeutet, dass der Betreffende in einem preußischen Kavallerieregiment als Schmied bei der Fahne gestanden hat. Die Kurschmiede waren die Vorläufer der heutigen Militärveterinäre. Der Schmied, der ein Pferd sachgemäß beschlagen wollte, musste eine gute Kenntnis vom Bau des Pferdehufes und -fußes haben, und ein Schritt weiter führte zu der ärztlichen Behandlung der Pferde überhaupt. So war im achtzehnten Jahrhundert der Kurschmied für die Pferde etwa dasselbe, was der damalige Regimentschirurgus für die Soldaten bedeutete. Beide waren zwar nicht studierte Ärzte, aber sie waren, jeder in seinem Fach, Leute mit tüchtigen praktischen Heilkenntnissen.

Eine Änderung in diesen Verhältnissen trat ein, als nach den Freiheitskriegen in Preußen das Veterinärwesen auf eine höhere Grundlage gestellt wurde. An die Stelle des Kurschmiedes trat jetzt der Militärrossarzt, und auch auf den Lebensweg meiner Vorfahren wirkte sich das aus. Mein Großvater Wilhelm, der 1814 als ältester Sohn des Schmiedegesellen und späteren Kurschmiedes Karl Dominik in Dyrotz geboren wurde, entschied sich für die Tierarzneikunde. Er wurde also ein „Gestudierter" und musste naturgemäß auf die Erbfolge auf dem Dyrotzer Schmiede- und Bauerngut verzichten. Es fiel an den zweiten Sohn Karl, dessen Nachkommen es heute noch bewirtschaften.

Großvater Wilhelm Dominik war Jahre hindurch Regimentsrossarzt bei den sechsten Kürassieren in Brandenburg, danach Kreistierarzt für den Kreis Westhavelland und praktizierte später bis zu seinem 1883 erfolgten Tod in Berlin, wo er unter anderem den Pferdebestand der Berliner Omnibusgesellschaft zu betreuen hatte. Der Vollständigkeit halber mag noch erwähnt sein, dass auch ein jüngerer Bruder meines Großvaters, Fritz Dominik, sich der Tierarzneikunde zuwandte, es bis zum Korpsrossarzt brachte und als Dozent an der Berliner Tierarzneischule vorbildlich wirkte. Ich habe ihn selbst noch erzählen hören, wie er einmal in Frack und weißer Binde vor dem Prinzen Friedrich Karl ein Hufeisen in einer Hitze passend gemacht und einem Pferd aufgelegt hat. Eine Bronzebüste von ihm steht im Garten der jetzigen Tierärztlichen Hochschule.

Ich habe diese Dinge etwas ausführlicher behandelt, weil ich glaube, dass meine Liebe für alles Technische und eine gewisse handwerkliche Geschicklichkeit wohl als Erbgut von dieser Linie meiner Vorfahren her auf mich überkommen sind. Ich bin aber nicht mir als Ingenieur, sondern auch als Schriftsteller tätig gewesen, und die Veranlagung dazu dürfte sicherlich von der mütterlichen Linie her stammen, und zwar von meinem anderen Großvater, Theodor Mügge. Der Dr. phil. Friedrich Theodor Leberecht Mügge, geboren 1802 in Berlin und gestorben 1861 ebendaselbst, war seinerzeit ein angesehener und viel gelesener Romanschriftsteller. Seine Hauptwerke wie „Afraja, „Erik Randal, „Der Vogt von Sylt und „Florian Geyer werden noch heute neu verlegt, gekauft und gelesen.

Anders als die väterliche sieht die mütterliche Reihe der Vorfahren aus. Dort durch fast zwei Jahrhunderte immer wieder Schmiede und Bauern, hier dagegen bessere Bürger, Kaufherren, Ratsmannen und Beamte. Alles in allem eine bereits seit vielen Generationen städtisch gewordene Ahnenreihe. Urkundlich nachgewiesen beginnt sie mit dem 1720 in Coswig a. d. Elbe geborenen Postmeister Gottfried Leherecht Mücke, und der Vorname Leberecht kehrt ständig wieder.

Weil aber „Mücke kein günstiger „nom de guerre für einen Romanschriftsteller ist, selbst dann nicht, wenn der Betreffende sechs preußische Fuß und einige Zoll misst, änderte Großvater Theodor seinen Namen in Mügge und wurde unter diesem neuen Namen auch mit meiner Großmutter getraut.

Eigenartig spiegelt sich der Geist der Zeiten in den alten Familiendokumenten wider. Urgroßvater Johann Georg Mücke, 1755 in Coswig geboren, heiratete zum ersten Mal 1789 mit kirchlicher Trauung. Das war kurz nach dem Hinscheiden Friedrichs des Großen und noch vor Ausbruch der Französischen Revolution. Dann kamen andere, freiere, oder wenn man so will, auch laxere Zeiten, und nach dem Tod der ersten Frau schloss der Urgroßvater 1795 mit Sophie Friederike Dorothea Schulz eine sogenannte Gewissensehe und ließ sich erst sieben Jahre später, als Großvater Theodor geboren wurde, kirchlich mit ihr trauen.

In die Kindertage von Großvater Theodor fielen die Franzosenzeit und die Befreiungskriege. Die umfangreichen Geschäfts- und Lagerräume des Urgroßvaters in der Heiligengeiststraße zu Berlin wurden von den Soldaten Napoleons geplündert und als Pferdeställe benutzt, und das Geschäft ging darüber zugrunde. Den Urgroßvater traf der Schlag so schwer, dass er 1814 starb und der eben zwölf Jahre alte Theodor Mücke in die Erziehung von Vormündern kam. Er studierte in Berlin neue Philologie, machte seinen Doktor und war danach kurze Zeit im Lehramt tätig. Aber der Geist der Reaktion, der in Preußen nach der Niederwerfung Napoleons zum Durchbruch kam, sagte ihm nicht zu. Er begeisterte sich für den Unabhängigkeitskampf der spanischen Kolonien in Südamerika und brach 1826 auf, um unter den Fahnen Bolivars für die Freiheit zu kämpfen.

Er kam zu spät, denn drüben war die Entscheidung bereits gefallen; aber seinem längeren Aufenthalt auf San Domingo verdanken seine zeitlich ersten Romane ihre Entstehung.

Von diesen seien „Toussaint Breda L’Ouverture, der eine dramatische Schilderung des Freiheitskampfes der schwarzen Sklaven gegen ihre weißen Unterdrücker gibt, und „Der Chevalier, der die weiteren Kämpfe auf der Insel schildert, genannt. Die in diesen Romanen ausgesprochenen politischen Anschauungen genügten, um Theodor Mügge in dem damaligen Preußen als Lehrer und Beamten unmöglich zu machen; notgedrungen wandte er sich der Journalistik und der freien Schriftstellerei zu. Eine Ehe, die er 1833 mit einer Tänzerin an der königlichen Oper schloss, fand 1841 durch den Tod der Frau ihr Ende. 1846 hat er dann meine Großmutter Pauline Kalisch in Köln am Rhein geheiratet. In die fünf Jahre, die zwischen den beiden Ehen liegen, fallen seine Reisen nach Skandinavien, deren Frucht die bereits genannten norwegischen und schwedischen Romane waren.

Neben der schriftstellerischen lief eine lebhafte politische Tätigkeit daher. Mit Gleichgesinnten gründete er im Sturmjahr 1848 die Berliner „National-Zeitung", deren Feuilleton er bis zu seinem Tod geleitet hat. Er war achtundfünfzig Jahre alt, gesund, rüstig und im besten Aufstieg begriffen, als eine Kopfrose seinem Leben im Zeitraum von acht Tagen ein Ende setzte. Für sein Werk und für seine Familie starb er zu früh. Seine älteste Tochter Hedwig, meine Mutter, war bei seinem Tod zwölf Jahre alt. Meine Großmutter Pauline Mügge, geb. Kalisch, damals siebenunddreißig Jahre alt, die ihn vierundvierzig Jahre überleben sollte, blieb mit ihren drei Töchtern zunächst in ziemlich bedrängten Verhältnissen zurück. Sie verstand es aber, auch mit Wenigem hauszuhalten, und bald begannen die Tantiemen aus den Werken meines Großvaters zu fließen. Das hielt die dreißig Jahre, für die der Urheberschutz galt, an, sodass sie ihren Kindern im Jahre 1904 ein ganz ansehnliches Vermögen hinterlassen konnte.

Noch eine kurze Bemerkung über die Eltern der Großmutter Mügge.

Als der Königlich preußische Regierungskalkulator Gustav Karl Kalisch im Jahre 1820 in Köln heiratete, betrug sein Gehalt zweihundert Taler im Jahr. Mit einem Einkommen von vier Talern in der Woche konnte man damals einen bürgerlichen Hausstand gründen und führen. Wie das möglich war, wird verständlich, wenn man hört, dass das junge Ehepaar in Köln ein Häuschen mit einem sehr großen Garten für fünfzig Taler im Jahr mietete und in dem Garten alles, was an Vegetabilien einschließlich Kartoffeln für den Haushalt gebraucht wurde, selber gezogen hat. Die Zeiten waren damals noch billig und sind es rund ein Menschenalter geblieben. Erst 1848 fingen die Preise an zu klettern; empört kam Großmutter Mügge in jenem Jahr einmal vom Markt und beklagte sich bitter, dass man ihr zwölf Pfennige für das Pfund Rindfleisch abverlangt habe.

Der Verkehr mit seinen Berufsgenossen, also Politikern und Journalisten, pflegte Großvater Theodor in einem am Gendarmenmarkt gelegenen Literatencafé, zu dessen Stammgästen er an zwei Abenden in der Woche gehörte.

Im Gegensatz dazu war die Geselligkeit im eigenen Haus merkwürdigerweise stark auf das Technische abgestimmt. Zu den ältesten intimen Freunden der Familie gehörten Georg Halske, der Kompagnon von Werner Siemens, und James Drory, der von England herübergekommen war, um in Berlin in der heutigen Gitschiner Straße die erste Gasanstalt zu errichten.

Dieser Umgang brachte es mit sich, dass meine Mutter und ihre Geschwister zusammen mit den sehr zahlreichen Droryschen Kindern viele Stunden und Tage in dem großen, parkartigen Garten verbrachten, der damals zwischen der Englischen Gasanstalt und dem Landwehrkanal lag. So konnte es kommen, dass der Geruch von Teer und Ammoniak, der sonst nicht jeder Nase gefällt, für meine Mutter ihr ganzes Leben hindurch eine schöne Jugenderinnerung bedeutete.

3. Die Eltern

Am 27. Februar 1844 wurde dem damaligen Rossarzt bei den sechsten Kürassieren Wilhelm Dominik in Brandenburg a. H. ein Sohn geboren und am 13. März auf die Namen Friedrich Wilhelm Emil getauft. Als der Junge schulpflichtig wurde, bestimmte Großvater Wilhelm: Erst soll er sein Abitur auf dem Gymnasium machen; alles Weitere wird sich später finden. Ein schwerer Krach mit einem Lehrer in der Obersekunda, bei dem es zu Tätlichkeiten gekommen sein soll, machte diesem Plan vorzeitig ein Ende. Für meinen Vater ergab sich die Notwendigkeit, seinem Lebensweg eine andere Richtung zu geben.

Die Entscheidung wurde von Großvater Wilhelm, der als alter Militär und Beamter für den Schulkrach wenig Verständnis hatte, in dem Sinn gefällt: Wenn es schon kein akademischer Beruf mehr sein kann, so soll es wenigstens ein halbwegs gelehrter sein. Der Junge soll Buchhändler werden. So kam mein Vater um 1860-61 nach Potsdam bei der heute noch bestehenden Sortimentsbuchhandlung von Pusch in die Lehre und lernte „Sortimenter".

Nach Absolvierung der Lehrzeit kam das Dienstjahr bei den Fünfunddreißigern in Brandenburg, und als das eben erledigt war, brach der Krieg von 1866 aus. Der Zweiundzwanzigjährige machte ihn bei seinem alten Regiment mit und kam bei Königgrätz auch ins Feuer. Nach dem Kriegsende trat die Frage: Was nun? an ihn heran. In einer Sortimentsbuchhandlung zu „konditionieren" mochte zwar ehrenvoll sein, brachte aber wenig Gewinn. Eine Lebensstellung, in der man an eine Familiengründung denken konnte, ließ sich damit jedenfalls nicht erreichen.

So wandte mein Vater sich vom Sortiment dem Verlagsbuchhandel zu und brachte es bei der damals führenden Berliner Modenzeitung „Der Basar" in Kürze zu einer leitenden Stellung mit einem Jahresgehalt von tausend Talern. Das war das Fünffache von dem, womit Urgroßvater Kalisch seinen Hausstand gegründet hatte, aber die Zeiten hatten sich seitdem geändert. Etwas anderes musste unternommen werden, um eine für einen Hausstand auskömmliche Existenz zu gründen. Das aber war erforderlich, denn mein Vater hatte die älteste Tochter Hedwig der Frau Dr. Mügge kennengelernt und sich mit ihr verlobt.

Der Krieg 1870-71 war inzwischen vorübergebraust. Nach seiner Beendigung blühten Handel und Wandel überall in Deutschland auf, und mein Vater fasste den Entschluss, nicht mehr Angestellter zu bleiben, sondern selbstständig eine Sortimentsbuchhandlung zu betreiben. Großvater Wilhelm Dominik warf seine Ersparnisse und seinen Kredit in die Sache, Großmutter Mügge steuerte ihrerseits bei, und es kam eine Summe zusammen, für die mein Vater im Jahre 1871 die Buchhandlung von Gebr. Thost in Zwickau erwerben konnte. Nach den vorgelegten Aufstellungen musste diese Buchhandlung einen jährlichen Gewinn von mehreren tausend Talern abwerfen.

Im Dezember 1871 fand die Hochzeit meiner Eltern in Berlin statt, und im Januar 1872 schlugen die Neuvermählten ihren Wohnsitz in Zwickau auf. Dort wurde ich am 15. November 1872 geboren, und meine Schwester Ellen kam ebendaselbst am 13. Mai 1874 zur Welt.

Zwickau war damals mit seinen vielen Stein- und Braunkohlenzechen vorwiegend eine Bergstadt. Die reichen Bergherren, die Grubenbesitzer und Kuxeninhaber bildeten die beste Kundschaft meines Vaters. Sie bezogen sehr viel von ihm, aber sie verlangten einen Kredit, der für meinen kapitalschwachen Vater auf die Dauer untragbar war. So verkaufte er 1874 die Buchhandlung wieder zu einem guten Preis und siedelte nach Stettin über.

Dort erwarb er eine Kolportagebuchhandlung, die mit einem bedeutenden Sortiment verbunden war. Das Geschäft ging glänzend, und alles wäre in bester Ordnung gewesen, wenn nicht der Gründerkrach, der 1876 auch bis an die Ostsee brandete, allem ein jähes Ende bereitet hätte. Mein Vater hatte sein ganzes Vermögen auf der Stettiner Vereinsbank. Der eine Bankdirektor erschoss sich, der andere vergiftete sich, und die Bank schloss ihre Schalter. Alles, was mein Vater in fünf arbeitsreichen Jahren erworben hatte, war bis auf den letzten Pfennig verloren.

Wieder hieß es, von Neuem eine Existenz aufzubauen, doch diesmal stand dafür kein Kapital mehr zur Verfügung; es musste auf anderem Weg geschafft werden. Für beinahe ein Jahr mussten meine Eltern sich unter dem Druck der Verhältnisse trennen; meine Mutter ging mit mir, dem damals Vierjährigen, zur Großmutter Mügge, die inzwischen nach Brandenburg a. H. verzogen war, mein Vater und meine Schwester fanden bei Großvater Wilhelm Dominik in Berlin Aufnahme.

Das fast unmöglich Scheinende gelang meinem Vater in überraschend kurzer Zeit und darf wohl als Beweis für seine Begabung als Journalist und Schriftleiter gelten. In knapp zwei Jahren brachte er es zum Mitarbeiter einer Reihe angesehener Zeitschriften, und schnell kamen zu dieser schriftstellerischen Tätigkeit auch noch Schriftleitungen und Verlagsvertretungen hinzu.

Längst war das Debakel von 1876 überwunden. In einem Zeitraum von knapp fünf Jahren war aus einem unbekannten Sortimentsbuchhändler ein in weiteren Kreisen beachteter und geschätzter Zeitschriftenfachmann geworden, und dementsprechend hatten sich auch unsere wirtschaftlichen Verhältnisse gebessert. Schon 1881 konnten wir unsere bescheidene Wohnung in der Potsdamer Straße aufgeben und eine wesentlich größere in dem damals neuesten Westen in der Nürnberger Straße Nr. 2 beziehen. Und nun mögen ein paar Worte darüber gestattet sein, wie es in diesem damals noch-reichlich wilden Westen aussah.

Die Nürnberger Straße reichte zu jener Zeit nur vom Kurfürstendamm (heute Budapester Straße) bis zur Kurfürstenstraße, war nur auf der Ostseite bebaut und hatte insgesamt zwei Häuser, an deren Stelle sich heute das Staatstheater „Kleines Haus erhebt. Das gegenüberliegende vom Kurfürstendamm, der Kurfürstenstraße und der Nürnberger Straße umschlossene Dreieck, auf dem heute unter anderem das Edenhotel steht, war von einem groben Bretterzaun umschlossen und dicht mit alten Kiefern, Akazien und vielen Birken bestanden. In der Gegend hieß es allgemein das Birkenwäldchen und war für uns Kinder ein idealer Tummelplatz. Die Kurfürstenstraße, nur lückenhaft bis zur Schillstraße bebaut, bildete die Grenze zwischen Berlin und Charlottenburg und zwischen Stadt und Land. Von unserem Balkon aus hatten wir einen weiten, freien Blick auf eine endlose sumpfige Wiese, das sogenannte „Hopfenbruch, hin bis zum Grunewald und den Havelbergen, die den Horizont abschlossen. Als einziges Gebäude erhob sich auf dieser grünen Flur das auch erst eben fertiggestellte Joachimsthalsche Gymnasium, um das herum unter der Betreuung eines alten Schäfers friedliche Hammelherden weideten, die der Zoologische Garten als Futter für seine Raubtiere hielt.

Der Kurfürstendamm ging an der Stelle, wo heut die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche steht, in eine schmale mit einem Katzenkopfsteinpflaster letzter Klasse belegte Landstraße über, an der bis Halensee hin nur zwei Häuser standen. Das eine an der Stelle des heutigen Romanischen Cafés war eine Mietskaserne und von einem Mann namens Munk, der als ein verschrobenes Original galt, mitten auf das freie Feld hingesetzt worden. Das zweite Haus stand an der Kreuzung Kurfürstendamm und Wilmersdorfer Straße und war eine anderthalbstöckige Baracke mit einer primitiven Kutscherkneipe.

Wo sich heute Kleist- und Tauentzienstraße hinziehen und der Wittenbergplatz ein Brennpunkt großstädtischen Verkehrslebens ist, war Sumpf und Wiese. Noch im Jahre 1886 habe ich dort für den botanischen Schulunterricht Blumen gesammelt, und es wuchsen schöne Blumen dort, zum Beispiel die Orchis maculata, eine der wenigen deutschen Orchideen, Weidenröschen, schwimmendes Froschkraut und manches andere mehr.

Ein reichlich sumpfiger Wiesenpfad bildete die Fortsetzung der Nürnberger Straße über die Kurfürstenstraße hinaus nach Süden. Auf ihm gelangte man beim Joachimshaltachen Gymnasium zu der damals bereits vorhandenen Kaiserallee und hatte dort wieder sicheren Boden unter den Füßen. Zwischen Wiesen und Feldern ging es auf dieser Allee weiter bis zu dem noch völlig ländlichen Dörfchen Deutsch-Wilmersdorf mit seinem alten Schlosspark und dem schönen großen Wilmersdorfer See, in dem ich mich im Sommer 1883 freigeschwommen habe.

Schwer hat sich ein sinn- und planloser Städtebau in den folgenden Jahrzehnten an diesem idyllischen Fleckchen Natur versündigt. Der See wurde mit dem Inhalt zahlloser Müllwagen zugeschüttet, und der Park mit seinen hundertjährigen Bäumen fiel der Boden- und Bauspekulation zum Opfer. Erst viel später hat man dann im Zuge des alten Wilmersdorfer Fenns, das sich nach Osten hin an den See anschloss, unter dem Aufwand großer Mittel wieder einen Grüngürtel mit einigen Teichen geschaffen.

Von 1881 bis 1895 haben wir in der Nürnberger Straße gewohnt, und gewaltig hat sich die ganze Umgebung in diesen vierzehn Jahren geändert. Unaufhaltsam schob sich das Häusermeer heran und flutete weiter. Wilmersdorf, Schöneberg, Schmargendorf und andere Dörfer wurden bis an die Grenzen ihrer Feldmark bebaut und wuchsen zusammen. Die junge Generation, die heute durch diese von zahllosen Autos und Lichtreklamen erfüllten Straßen schreitet, kann sich wohl kaum mehr vorstellen, dass hier vor einem halben Jahrhundert Luch und Bruch, Busch und Feld waren.

Zurück nun von diesen topografischen Betrachtungen zu dem weiteren Schicksal meiner Familie. Im Frühsommer 1883 trat ein kapitalkräftiges Konsortium, zu dessen Mitgliedern unter anderem zwei Kommerzienräte namens Meyer und Speyer gehörten, mit einem neuartigen Verlagsprojekt an meinen Vater heran. Die Herren planten die Gründung einer großen illustrierten Zeitschrift, die alles Vorhandene übertrumpfen sollte. Mein Vater sollte Chefredakteur mit weitgehenden Vollmachten werden. Man bot ihm einen glänzenden, zum Teil auf Tantiemen basierten Vertrag, der ihm ein sehr großes Jahreseinkommen bringen musste. Aber die Annahme dieses Vertrages bedingte die Aufgabe aller anderen Verbindungen, die er sich im Laufe , der letzten sieben Jahre geschaffen hatte.

Mein Vater stand vor der Frage, ob er eine kleinere, aber sichere Stellung zugunsten einer solchen Zukunftsmöglichkeit aufgeben sollte. Meine Mutter war instinktiv gegen die Annahme des neuen Vertrages. Sie war zeitlebens etwas abergläubisch, gab viel auf Träume und wollte von einem herrlichen Rosenbeet geträumt haben, das plötzlich dürr und schwarz wurde. Sie bezog das auf den Vertrag und machte auch meinen Vater schwankend. Er überlegte sehr und wollte Bedenkzeit haben. Da trat einer der Kommerzienräte an ihn heran, legte ihm den Vertrag hin und fünf Tausendmarkscheine daneben und sagte: „Das da für ihre Unterschrift extra."

Mein Vater unterschrieb, und damit begann eine neue Epoche seines Lebens, die erst steil in die Höhe, später in die Tiefe führen sollte. Am 1. Oktober 1883 startete die neue Zeitschrift unter dem Titel „Deutsche Illustrierte Zeitung. Aus chronologischen Gründen mag hier bemerkt werden, dass im Sommer des gleichen Jahres ein aus dem Rheinland nach Berlin gekommener Herr August Scherl eine zunächst sehr bescheidene Zeitung unter dem Titel „Berliner Lokal-Anzeiger ins Leben rief. Verschieden sind die Schicksale dieser beiden Veröffentlichungen und ihrer Herausgeber gewesen.

Die „Deutsche Illustrierte Zeitung" war von Anfang an ein Erfolg. Schon im ersten Jahr erreichte die Abonnentenzahl die 60000, um im nächsten die 80000 zu überschreiten. Nach Ausstattung und Inhalt stellte die neue Zeitschrift alles Vorhandene in den Schatten. Insbesondere gefielen die in dem damals gerade entwickelten Vierfarbendruck ausgeführten Kunstbeilagen, die sich viele Abonnenten einrahmen ließen.

Die „Deutsche Illustrierte Zeitung florierte äußerlich, aber es saß ein Wurm in der schönen Frucht. Die Herren des Konsortiums hatten sich in der Person meines Vaters einen vorzüglichen Chefredakteur verschafft, aber sie hatten es unterlassen, einen entsprechend tüchtigen kaufmännischen Direktor zu engagieren. Vielleicht waren derartige Kräfte damals schwer zu finden. Jedenfalls fehlte der „Deutschen Illustrierten Zeitung ein solcher Mann, der die neue Zeitschrift auch wirtschaftlich stabilisiert und den Inseratenteil so ausgebaut hätte, wie es zweifellos möglich war. Die heute jedem Anfänger in der Branche bekannte Tatsache, dass keine Zeitung oder Zeitschrift von den Abonnementsgeldern allein leben kann, schien den Herren des Konsortiums, obwohl sie ausnahmslos gewiegte Kaufleute waren, unbekannt zu sein.

Das Deutsche Verlags-Komptoir, wie das Unternehmen firmierte, baute in diesen Jahren aus den in der „Deutschen Illustrierten Zeitung" erschienenen Romanen auch einen recht hübschen Buchverlag auf. Außerdem aber brachte das Jahr 1886, das nun heraufzog, meinem Vater noch eine Arbeit, die ihn bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit beanspruchte und vielleicht mit den Grund zu jenem Leiden legte, dem er zehn Jahre später erliegen sollte.

1886 fand zur Erinnerung an den hundertjährigen Todestag Friedrichs des Großen im Landesausstellungspark am Lehrter Bahnhof die Große Berliner Jubiläumskunstausstellung statt. Die Herausgabe des Ausstellungskataloges hatte mein Vater dem Deutschen Verlags-Komptoir verschafft. Dieser Katalog war nach Inhalt und Ausstattung eine Musterleistung und geschäftlich ein großer Erfolg, aber er erforderte härteste Arbeit, die an Nerven und Nieren ging. In der Laufbahn meines Vaters bedeutete das Jahr 1886 den Höhepunkt. Elf Jahre nach dem Niederbruch in Stettin hatte er ihn erreicht. Zehn Jahre später sollte ihn bereits der Rasen decken.

Es kam so, wie es kommen musste. Während die Auflage der Deutschen Illustrierten Zeitung unablässig stieg, wuchs auch ihre Unterbilanz, und zum 1. April 1887 machten die Herren des Konsortiums ganz plötzlich Schluss. Der Vertrag meines Vaters wurde unter Zahlung einer Abstandssumme gekündigt; die „Deutsche Illustrierte Zeitung wurde für einen geringen Preis an die Deutsche Verlagsanstalt vormals Eduard Hallberger verkauft und mit der dort erscheinenden Zeitschrift „Über Land und Meer vereinigt. Sang- und klanglos ist die mit so hohen Erwartungen gegründete Zeitschrift wenige Jahre

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