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Geflimmer der Vergangenheit
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eBook178 Seiten2 Stunden

Geflimmer der Vergangenheit

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Über dieses E-Book

Erzählungen, die zum Träumen und Nachdenken einladen
Kommen Sie mit auf eine multikulturelle Reise der Emotionen, vom alten Kontinent zum neueren und zurück. Durch Linsen der Trennung und Entfernung führen die Erzählungen Sylvia Petters durch Einsichten über ein Leben der Beziehungen, von der Jugend und dem Erwachsensein bis zu einem Erwachen im Alter. Vielleicht finden Sie sich in den Einsichten der dargestellten Figuren wieder – Einsichten über Liebe, Leidenschaft, geschichtliche und politische Wahrnehmungen, Karriere und Tod. Erforschen Sie Abzweigungen in die freie und unvorhersehbare Welt der Phantasie der Mitspielenden.
Erleben Sie Überraschungen beim Lesen dieser im englischsprachigen Raum preisgekrönten Erzählungen. Die Reise ist es wert.
SpracheDeutsch
Herausgeber100 Fans
Erscheinungsdatum13. Juni 2014
ISBN9783957080011
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    Buchvorschau

    Geflimmer der Vergangenheit - Sylvia Petter

    Dieses Buch erscheint mit der freundlichen Unterstützung von

    Reinhold Stipsits und Gottfried Biewer.

    Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

    Für Fragen und Anregungen:

    sylviapetter@100fans.de

    1. Auflage 2014

    © 2014 by riva (powered by 100 FANS),

    ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,

    Nymphenburger Straße 86

    D-80636 München

    Tel.: 089 651285-0

    Fax: 089 652096

    Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

    Redaktion: Susanne Schneider

    Umschlaggestaltung: Melanie Melzer, München

    Umschlagabbildung: »Hundertwasserhaus« von Sharon Ratheiser, Wien

    Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern

    ISBN Print: 978-3-95705-000-7

    ISBN E-Book (PDF): 978-3-95708-000-4

    ISBN E-Book (EPUB, Mobi): 978-3-95708-001-1

    Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

    www.100FANS.de

    Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter

    www.muenchner-verlagsgruppe.de

    Inhalt

    Titel

    Hinweis

    Impressum

    Inhalt

    In Gedenken

    Danksagung

    ERWACHSEN

    VERWIRRUNG DER GEDANKEN

    DAS SCHWARZE LOCH

    BOBBIN HEAD

    SCHREIENDES FEUER

    SCHATTEN DER VERGANGENHEIT

    FREUNDE UND LIEBENDE

    MATRJOSCHKAS

    DER WOHNWAGEN

    HITZEWELLE

    UND DANN WAREN WIR …

    GEGENFEUER

    DER PARADIESAPFEL

    HAUTNAH

    NIEMANDSLAND

    DER TSCHUSCH

    WIENER BLUT

    GEDANKENFETZEN

    WITWENSPITZEN

    GLÜCKWUNSCH

    EIN IMAGINÄRER FREUND

    Über die Autorin

    In Gedenken an meine Eltern

    Frieda Petter geb. Eimler (1917 Gorenzen–2009 Sydney)

    Herbert Petter (1918 Wien–2002 Sydney)

    Mein Dank gilt:

    Eberhard Hain aus Chemnitz, meinem Kollegen bei der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, Genf, 1974, für die Übersetzungen und unsere langjährige Freundschaft, die politische Willkür in seinem Land und in meinem überstehen konnte;

    Sharon Ratheiser, langjährige Freundin seit dem Dolmetsch-Studium in Wien der späten 60er-Jahre, und heute bildenden Künstlerin, für das Bild des Hundertwasserhauses;

    Judith Nika Pfeifer, einer Wiener Lyrikerin, für den letzten Schliff meines Manuskriptes und die Unterstützung und Freundschaft, die ich seit meiner Rückkehr nach Wien 2006 genießen darf;

    und Günter Linsbauer, meinem Mann, und Maarit Linsbauer, unserer in Sydney lebenden Tochter, für die immerwährende Unterstützung meiner Schreiblust.

    ERWACHSEN

    Ich wollte durchaus nicht immer etwas Besonderes sein, als ich größer wurde. Ich wollte einfach nur nicht erwachsen werden.

    Wenn Erwachsene auf die Frage nach dem Sein nicht sofort eine Antwort parat hatten, warfen sie eben die Frage nach dem Tun auf.

    »Ich möchte einmal fliegen. Wie Peter Pan.«

    »Du willst sein wie Peter Pan?«

    »Nein. Ich möchte nur so fliegen können wie er.«

    Als man mir sagte, dass Peter Pan nie erwachsen wurde, entgegnete ich: »Ich möchte auch nicht erwachsen werden.«

    »Aber Pamela, du musst erwachsen werden. Jeder Mensch wird einmal erwachsen.«

    »Warum? Wenn ich nun einfach nicht erwachsen werden möchte?«

    »Das ist in der Natur nun einmal so, mein Liebling«, sprach meine ­Mutter.

    Meine Mutter war erwachsen. Trotzdem konnte ich aber noch mit ihr reden. In gewisser Weise hatte sie ja recht. In der Natur entstehen Dinge, die auch ich nicht aufhalten kann.

    »Pamela ist aber groß geworden, Mrs. Thomson«, sagte ein Nachbar eines Tages zu Mutter.

    Wirklich? Ich wurde größer. Wahrscheinlich brauche ich neue Schuhe, bevor die alten abgetragen sind. Ich dachte bei mir, dass ich mit dem Erwachsenwerden gut zurechtkomme, wenn es darauf hinausläuft, dass ich immerzu neue Schuhe bekomme. Das würde aber auch bedeuten, dass man sie einlaufen müsse und dass man sich dabei Blasen über Blasen holen kann. Vielleicht sollten meine Füße eine Weile aufhören zu wachsen. Wenn mir die Blasen wehtaten, sagte ich zu Mutter: »Mama, ich möchte nicht groß werden.«

    »Das ist nun mal so, mein Liebling«, pflegte sie dann zu antworten. Es war wohl das geringere Übel.

    Ich wuchs weiter, meine Brüste bildeten sich heraus und ich bekam meine erste Periode.

    »Pamela wird groß«, konnte ich hören, als Mutter mit jemandem am Telefon sprach.

    Man wurde also erwachsen. Ich würde jedoch auch ohne das auskommen. Beim Rennen könnte ich darauf verzichten, dass an mir etwas auf und nieder wippt, ich könnte darauf verzichten, zu einer bestimmten Zeit im Monat nicht in meinem Wasserloch baden zu können, und ich könnte auch darauf verzichten, dass mir irgendwann Pickel aus dem Gesicht wachsen. Ich würde heulen, bevor ich wüsste, warum ich eigentlich heule. Erwachsen werden war wirklich das Allerletzte.

    Wenn ich im Klassenzimmer meine Zunge herausstreckte, sagte der Lehrer zu mir: »Pamela, werde endlich erwachsen.«

    Auch wenn ich schmollte, wurde mir gesagt, dass ich erwachsen werden solle. Erwachsen sein war etwas, das meine Freundinnen kaum erwarten konnten. Dabei sagten sie, dass sie dann Schuhe mit hohen Absätzen und Strümpfe anziehen könnten und allein in die Stadt gehen dürften. Das war doch was! Ich würde lieber fliegen wollen.

    Daher erklomm ich einmal einen Felsen und versuchte es. Gott sei Dank tat ich dies am Wasserloch. Danach begann ich zu überlegen, ob die Erwachsenen vielleicht doch recht hatten. Und dass mir gar nichts anderes übrig bliebe, als erwachsen zu werden. Oder blieb mir eine andere Wahl?

    Was war nur dran am Erwachsenwerden? Die Erwachsenen, die ich kannte, schienen gar nicht so begeistert darüber zu sein. Meistens kamen sie mir fürchterlich ernst vor. Dinge, die sie nicht wahrnahmen, Dinge wie furzen, brachten mich zum Lachen, wobei sie nur tief Luft holten.

    Schließlich war ich sechzehn geworden. Zwar wurde ich äußerlich erwachsen, aber innerlich schwebte ich durch die Lüfte. Ich glaube, meine Mutter verstand mich. Sie lächelte und schüttelte den Kopf, wenn sie mich meilenweit weg wieder auflas.

    Und dann verliebte ich mich. Ich dachte mir, dass ich jetzt auch im Innern erwachsen würde. Dass ich herumsitzen und den ganzen lieben langen Tag träumen würde. Ich liebte alle Menschen und lächelte bei jeder Gelegenheit.

    Sie nannten es Träumereien und sprachen zu mir: »Werde endlich erwachsen.«

    Ich heiratete meine Liebe. Und die Leute sagten, dass ich nun endlich erwachsen werden würde. Ich konnte die Erwartungen an mich körperlich spüren. So begann ich, das Erwachsenenspiel mitzuspielen. Mit einer Ausnahme: Am Telefon meldete ich mir immer mit »Niemandsland hier. Wollen Sie mit einem der verlorenen Buben sprechen?«

    Lange dauerte es nicht, bis mein Mann zu mir sagte: »Werde erwachsen.«

    Dann wurde meine Tochter geboren. Ein Teil von mir wurde erwachsen. Der größere Teil von mir verbrachte die Zeit damit, mit ihr zu spielen.

    »Wer ist Peter Pan, Mama?«

    Ich erzählte ihr die Geschichte.

    »Aber Mama, wir müssen doch alle groß werden. Ich kann nicht damit warten, bis ich neunzehn bin.«

    »Das ist keine Frage des Alters, mein Liebling«, entgegnete ich. »Das findet im Kopf statt.«

    Sie warf mir einen fragenden Blick zu, und ich bat den Himmel darum, dass sie eines Tages verstehen möge.

    Möglicherweise verließ mich mein Mann, weil ich nie erwachsen wurde.

    »Weißt du, Mama, du bist wirklich etwas seltsam«, sagte meine Tochter eines Tages zu mir mit der Klugheit eines ausgehenden Teenagers.

    Während der aufkommenden Wechseljahre sagten meine Freundinnen zu mir: »Pamela, jetzt ist es aber wirklich an der Zeit, erwachsen zu werden. Du kannst doch nicht einfach reden und tun, wie es dir gefällt.«

    »Aber ich tue doch damit niemandem weh.«

    Jetzt bin ich Großmutter. Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen erzähle, dass ich mich verliebt habe? Ich reite auf Regenbögen, auf denen Trolle herumtanzen, und ich trage lila Unterwäsche. Irgendwie scheint dies niemanden mehr zu stören. Das kommt mir sehr entgegen. Ich mache Seifenblasen und kann mich über alles lustig machen, und meine Welt ist angefüllt mit Indigo und Alpenveilchen. Und meine Enkelkinder können mich verstehen.

    VERWIRRUNG DER GEDANKEN

    »Du weißt, dass du uns alles fragen kannst.« Wie oft hatte Hans dies zu Anna gesagt. Es gehörte zu den Dingen, die er mit Stolz von sich gab. Stolz auf das Risiko, das sich hinter diesem Versprechen verbergen könnte, und bereit, sich diesem Risiko zu stellen, sobald es sich konkret zeigte. Hans war schon immer Risiken eingegangen, für sein Land und für sich selbst. In unserem neuen Leben, in unserem neuen Land schien es leicht, einem Kind solche Versprechen zu machen. Oder hatte er auch hier das Risiko erkannt und erneut beschlossen, sich ihm zu stellen?

    Anna muss um die sechs Jahre gewesen sein, als sie fragte: »Warum ist der Himmel blau?«

    »Er ist die Widerspiegelung des Meeres«, antwortete Hans, ohne von seiner Zeitung hochzublicken.

    »Aber das Meer kann man doch von hier überhaupt nicht sehen, Liebling«, hatte ich damals eingeworfen.

    Anna schaute sich im Zimmer um und ging dann zum Küchenfenster. Hans schaute mich an und zog die Augenbrauen hoch, als sie an ihm vorbei zum vorderen Fenster rannte.

    »Man kann es nicht sehen, stimmt’s?«, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf und kam in meine Arme. »Das soll aber nicht heißen, dass es nicht richtig ist«, flüsterte ich und schaute auf Hans, der langsam nickte.

    Ich erinnere mich noch gut. Als Anna sieben war, fragte sie uns, warum man die Blue Mountains »Blaue Berge« nennt.

    Ich blickte zu Hans und gab zur Antwort, dass sie vom Tal aus durch den Dunst der Eukalyptusbäume blau aussehen.

    An einem Sonntag verließen wir unser Haus zu früher Stunde und fuhren nach Katoomba. Wir standen am Aussichtspunkt hinter den Three Sisters und sahen die Felsen aus dem Busch hervorragen, von dem aus sich meilenweit ein intensives Graublau erstreckte. Der leichte, frische Geruch machte das Blau so fassbar, dass es schon gar nichts mehr ausmachte, dass die Three Sisters in Wirklichkeit rot gefärbt waren.

    Erst als wir Anna zu den Snowies mitnahmen, bemerkte ich, dass die Blue Mountains eigentlich keine Berge waren. Dagegen war Mount Kosciuszko, ein Zweitausender, ein richtiger Berg, schneebedeckt wie fast alle österreichischen Gipfel, die ich aus eigenem Erleben kannte. Man konnte meinen, der Geruch des Eukalyptus sei in den harzroten Aufklebern eingefroren, die die verkümmerten Schnee Eukalyptus mit so viel Stolz auf ihrer weißen Rinde zu tragen schienen.

    Anna stellte keine weiteren Fragen und ich dachte, sie habe die Berge, das Meer und das Blau bereits vergessen. An einem Samstag jedoch fuhren wir sehr schnell über Tumble-Down-Dick Hill zum Strand, auf der Straße, die steil abfiel und dann wieder abrupt nach oben führte, wobei es schien, als würde sich mein Magen und sicherlich auch Annas bis zum Verdeck des Wagens heben. Als wir am halbmondförmig verlaufenden Teil der Straße ankamen, schrie Anna plötzlich auf: »Ich sehe das Wasser! Es ist blau, wie der Himmel.«

    Ganz sicher haben wir immer versucht, stets eine Antwort zu geben, selbst wenn Annas Fragen ab und an zu früh kamen oder wir schon die Antwort parat hatten, bevor sie überhaupt gefragt hatte. Ich versuchte, sie auf Kommendes vorzubereiten, wobei mir klar war, dass ich flinker sein musste als die Natur – und die Zeit.

    Wie das eine Mal, als ich versuchte, ihr ein Bild zu erklären, das ich in ihrem Zoologie-Schulbuch gesehen hatte. Doch durch ihren Gesichtsausdruck wurden mir mit einem Schlag die schulterförmigen Ungetüme von Eierstöcken klar, die sie betrachtete, wobei mir ihre Worte in den Kopf drangen: »Das kann ich doch nicht in mir haben!«

    Ich glaube, dies war das erste Mal, dass ich bei ihr Zweifel an unseren Antworten spürte. Trotzdem stellte sie weiter Fragen, bei Tisch.

    In unserer kleinen Familie wurde bei Tisch stets gesprochen. »Es ist ganz wichtig, miteinander zu reden«, pflegte Hans zu sagen. Seit seinem Herzanfall, den er einen Monat früher erlitten hatte, als ihm schwindelig wurde und er sich hinlegen musste, wobei er sich nichts anmerken lassen wollte, aß er maßvoller, kaute mit Methode, wobei sich seine Antworten nur noch auf ein Kopfschütteln, ein Grunzen oder ein Nicken beschränkten. Und ich merkte, dass leere Teller eine gute Möglichkeit boten, das Gespräch zu beenden.

    Einmal platzte Anna beim Abendessen heraus: »Wer ist Hitler? Was ist ein Nazi?«

    In meinem Gedächtnis haftet noch das unüberhörbare Schweigen, als Hans Messer und Gabel an beiden Seiten des halb geleerten Tellers an sich zog und mit der Spitze

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