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wagnerspectrum: Heft 1 / 2011 / 7. Jahrgang. Schwerpunkt: Wagner und Liszt

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wagnerspectrum: Heft 1 / 2011 / 7. Jahrgang. Schwerpunkt: Wagner und Liszt

Länge:
365 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
30. Sept. 2014
ISBN:
9783826080067
Format:
Buch

Beschreibung

D. Redepenning: Liszt, Wagner und der deutsch-französische Krieg – E. Voss: „approprier à ma façon“ - Liszts Bearbeitungen Wagner’scher Opernmusik – K. Döge: „mich einmal recht bestimmt und besonnen über Liszt urteilen zu hören“ - Schriftstellerisches aus der Feder Wagners über einen geliebten Freund – D. Borchmeyer: Liszt und Wagner - Allianz in Goethes und Schillers Spuren - Aufsätze – D. von Westernhagen: „Und was haben Sie vor 1945 gemacht?“ - Der Wagner-Forscher Curt von Westernhagen – J. Karlsson: Ein Affront gegen das Kaiserhaus? - Wagners Reaktion auf Angelo Neumanns Berliner Ring 1881: Widerlegung einer Legende – E. Vomberg: Wagnerianer heute - Eine Rezipientenstudie an der Kölner Oper – G. Föttinger: Neues aus dem Richard-Wagner-Archiv Bayreuth „Ich bin zu wechselnd in meinem Ausdrucke“ - Neuere Anmerkungen zur Wagner-Ikonografi e – Plädoyer – E. Voss: „. Eine Art von Tagebuch über alle meine Arbeiten“ - Gedanken zu einer Kritischen Ausgabe der Schriften Richard Wagners – Besprechungen / Bücher – CDs / DVDs
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30. Sept. 2014
ISBN:
9783826080067
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wagnerspectrum - Königshausen u. Neumann

Autoren

Aufsätze zum Schwerpunkt

Liszt, Wagner und der deutsch-französische Krieg

Dorothea Redepenning

Der deutsch-französische Krieg – La guerre franco-allemande (1870/71)1 – griff tief in die persönlichen Verhältnisse und das künstlerische Schaffen Franz Liszts und Richard Wagners ein. Während Wagner mit patriotischen Werken zur deutschen Siegeseuphorie beitrug und seinem Lebensziel, dem „Nibelungen-Theater" in Bayreuth, einen großen Schritt näherkam,2 zog sich Liszt, der aus seiner Verehrung für Napoleon III. nie einen Hehl gemacht hatte, soweit es ihm möglich war, aus der Öffentlichkeit zurück und verzichtete fortan auf lautstarke Apotheosen. Zu Wagners kompositorischen Antworten auf diesen Krieg liegen mehrere Studien vor;3 wie Liszt als Künstler auf diesen Krieg reagierte, wurde bislang nicht untersucht. Das soll hier nachgeholt werden. Nach einer Einführung über den Krieg und die Kriegsbegeisterung in Deutschland, wird in drei Hauptabschnitten untersucht, was dieser Krieg für Liszt bedeutete, wie er im Hause Wagner bewertet wurde und wie sich die unterschiedlichen Wahrnehmungen im öffentlichen Auftreten und in den Werken der beiden Komponisten widerspiegeln, wobei das Ineinandergreifen von persönlicher Welt, großer Politik und Kunst anschaulich wird. Die These lautet, dass für Liszt ein Zusammenhang besteht zwischen der Erfahrung dieses Krieges und einer ästhetischen Neuausrichtung, die die Stilideale der Jahrhundertmitte, aber auch den pathetischen Optimismus der Gründerjahre als falsch begreift.

I. Der Krieg

Die deutsche und die französische Geschichtswissenschaft sind sich traditionell einig in der Feststellung, dass dieser Krieg für Deutschland in den Nationalstaat unter preußischer Führung mündete, wobei er als dritter der sogenannten „Einigungskriege" gezählt wird – nach dem deutschdänischen Krieg (1864) und dem deutschen Krieg (1866), alle drei mit großen Gebietsgewinnen –, während er für Frankreich das Ende des Second Empire, den Beginn der Troisième République und hohe Reparationszahlungen bedeutete. Konkreter Auslöser war die Emser Depesche vom 13. Juli 1870: Die Kandidatur des Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen für den spanischen Thron wurde von Frankreich als preußische Provokation aufgefasst; der Prinz zog seine Kandidatur am 12. Juli 1870 zurück, was König Wilhelm I. dem französischen Botschafter Vincent Graf Benedetti tags darauf in Bad Ems bestätigte. Aus dem Wortlaut dieses Gesprächs, der nach Berlin telegrafiert wurde, machte Otto von Bismarck eine Fassung, die an die internationale Presse ging und die die französische Seite so gezielt brüskierte, dass es zur Kriegserklärung kam. Bis heute differieren französische und deutsche Lesart dazu erheblich: „Habilement trompée par la Dépêche d'Ems, la France déclare la guerre à la Prusse, prenant la responsabilité des hostilités."4 – „Vorsicht ist sicher davor angebracht, in Bismarcks Darstellung und insbesondere ihrer Form den einzigen Kriegsauslöser auszumachen, etwa dahingehend, dass Frankreich ‚nach den damaligen Ehrenvorstellungen‘ nicht anders als durch Kriegserklärung hätte antworten können, um sein Gesicht nicht zu verlieren oder dergleichen."5

Der Krieg nahm für Frankreich einen desaströsen Verlauf von verlorenen Schlachten und Belagerung der Städte Metz und Straßburg bis hin zur Gefangennahme des Kaisers bei der Schlacht von Sedan (31. August / 1. September 1870) und bis zur Deutschen Reichsgründung und der Proklamation des preußischen Königs Wilhelms I. zum deutschen Kaiser, die man am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles als Provokation und Demütigung Frankreichs inszenierte.6 Die deutsche Annexion französischer Gebiete führte konkret zum Niedergang des kulturellen Lebens, was für die Musik am Beispiel der Konservatorien Metz und Straßburg untersucht worden ist.7

In beiden Ländern löste der Krieg eine breite Welle an Nationalismus, Patriotismus und Chauvinismus aus, an dem Künstler maßgeblich Anteil hatten. Sie engagierten sich als Sprachrohre der Propaganda, wie Flugblätter, Karikaturen, Pamphlete aller Art8 und vor allem Kampflieder auf beiden Seiten gehörten.9 Auf deutscher Seite zeugen davon an erster Stelle die Lieder zu Schutz und Trutz, die Franz Joseph Lipperheide zwischen August 1870 und Juli 1871 in vier Sammlungen herausgab.10 Hier sind alte und neue Liedtexte zusammengestellt, viele wurden für den Moment geschaffen und viele sind als faksimilierte Handschrift aufgenommen, was die Spontaneität der patriotischen Äußerungen unterstreichen sollte. Bei manchen Liedern ist vermerkt, nach welcher Melodie sie zu singen sind. Besonderer Beliebtheit erfreute sich etwa eine von Emanuel Geibel verfasste Gedichtsequenz Heroldsrufe,11 darunter ein Kriegslied 1870, dessen erste Strophe den viel zitierten „Erbfeind" benennt:

Empor, mein Volk! Das Schwert zur Hand! / Und brich hervor in Haufen! /Vom heil’gen Zorn ums Vaterland / Mit Feuer laß dich taufen! / Der Erbfeind beut dir Schmach und Spott, / Das Maß ist voll, zur Schlacht mit Gott! /Vorwärts!

Ein anderes, Am dritten September betitelt, nimmt die Schlacht bei Sedan, die Gefangennahme des französischen Kaisers und tausender Soldaten zum Anlass für eine religiöse Symbole pervertierende Darstellung, die in die wechselnden Refrains: „Ehre sei Gott in der Höhe! für die Deutschen und „Furchtbar dräute der Erbfeind für die Franzosen mündet.

Ingeborg Stark, verheiratete von Bronsart, Pianistin, Komponistin und eine Schülerin Liszts, verfasste eine Reihe patriotischer Lieder und Chöre, darunter Ferdinand Freiligraths auf den 25. Juli 1870 datiertes Gedicht Hurrah Germania! als Männerchor, während ihr Mann, Hans von Bronsart, auch er ein Schüler Liszts und seit 1867 Direktor des Königlichen Theaters Hannover, als Freiwilliger in den Krieg zog.12 Freiligraths Text beschwört in acht Strophen den Rhein als deutsches Symbol und die nationalstaatliche Einheit als Ziel, wobei – natürlich – die Deutschen als friedliebend, die Franzosen als Aggressoren gezeichnet werden. Die fünfte und sechste Strophe lauten:

Schwaben und Preußen Hand in Hand; / Der Nord, der Süd ein Heer! / Was ist des Deutschen Vaterland – / Wir fragen’s heut nicht mehr! / Ein Geist, ein Arm, ein einz’ger Leib, / Ein Wille sind wir heut! / Hurra, Germania, stolzes Weib! / Hurra, du große Zeit! / Hurra, hurra, hurra! / Hurra, Germania!

Mag kommen nun, was kommen mag: /Fest steht Germania! / Dies ist All-Deutschlands Ehrentag: / Nun weh dir, Gallia! / Weh, daß ein Räuber dir das Schwert / Frech in die Hand gedrückt! / Fluch ihm! Und nun für Heim und Herd / Das deutsche Schwert gezückt! / Hurra, hurra, hurra! / Hurra, Germania!13

In welchem Maße ein irrationaler aggressiver Patriotismus ganz Deutschland erfasst hatte, zeigt ein Bericht Liszts, der bei Kriegsbeginn den Maler Wilhelm von Kaulbach in München besuchte. Kaulbach hatte Liszt 1856 porträtiert; die Symphonische Dichtung Hunnenschlacht (1857–1860, LW C 21) ist vom dem gleichnamigen Gemälde Kaulbachs inspiriert und dem Maler gewidmet.

„Ses opinions politiques ne sont pas des plus modérées. Napoléon est pour lui le prototype de la scélératesse et de l’infamie – et les Français un peuple de misérables. Je l’ai laissé dégoiser à son aise, en lui observant cependant en toute politesse que je me permettrai de demeurer d’un autre avis que le sein tant en religion qu’en politique, et même en musique."14 „Les préoccupations politiques lui [Kaulbach] donnent la fièvre. Il serait maintenant plus disposé à saisir un fusil qu’à manier la palette! Je suis encore allé prendre congé de lui, Lundi – et malgré nos dissentiments religieux et politiques, nous nous sommes amicalement quittés."15

Die Feindschaft, die Politiker, Demagogen und Propagandisten, auch mit Unterstützung der Künste, zwischen beiden Ländern entfesselten, griffen auf alle Lebensbereiche, die materiellen wie die geistigen, über. Wie die deutschen Militärs französische Kriegsgefangene hungern ließen, wie die französische Zivilbevölkerung unter dem Krieg zu leiden hatte,16 so wurden konfessionelle Zugehörigkeiten, politische Überzeugungen, ästhetische Vorlieben und die gesamte Kultur im Licht der Feindschaft instrumentalisiert, indem aus allen diesen Bereichen einander unversöhnlich gegenüberstehende Weltanschauungen konstruiert und diese Konstruktion mit ethischen Wertungen gekoppelt wurde. Diese diffuse, auf unterschiedlichste Zusammenhänge applizierbare Opposition beherrschte nicht nur die Medien, sondern reichte tief in die Lebensläufe zumal solcher Personen hinein, die wie Liszt und die Seinen zwischen diesen Welten angesiedelt waren. Ihre Briefe und Tagebücher geben einen Einblick, wie die Auswirkungen des Krieges reflektiert wurden, wobei sich Liszt auf der einen, Cosima und Richard Wagner auf der anderen Seite dazu positionierten.

II. Liszts Haltung zum Krieg

Es gibt zahlreiche Zeugnisse dafür, dass Liszt Napoleon III. aufrichtig und bedingungslos verehrt hat. Er achtete ihn für seine Verdienste als Staatsmann, für den Aufschwung, den Frankreich unter seiner Herrschaft genommen hatte, sowohl während der autoritären als auch während der liberaleren Phase, während derer Liszts Schwiegersohn Émile Ollivier zum führenden Politiker aufstieg. Äußere Zeichen der französischen Prosperität waren die Weltausstellungen 1855 und 1867, der Bau des Suezkanals (Eröffnung am 17. November 1869), auch die Erweiterung der Kolonialherrschaft. Als Napoleon III. am 9. Januar 1873 im Londoner Exil starb, schrieb Liszt einen Nachruf, in dem er den französischen Kaiser als zentrale Figur des Jahrhunderts rühmt und die Verdienste als Förderer von Kultur, Kunst und Wissenschaft hervorhebt.17 Liszt verklärte Napoleon III.; für seine Fehlentscheidungen, für allen Schaden, der von ihm ausging, war Liszt blind. In diesem Licht kommentierte er den Krieg, wobei er sich als scharfsinniger und toleranter Beobachter, schließlich als Pazifist zu erkennen gibt. Je weiter die Feindseligkeiten fortschritten, je aussichtsloser Frankreichs Position wurde, desto mehr verzweifelte Liszt, was er der Fürstin Carolyne Sayn-Wittgenstein in aller Offenheit darlegte. Gleich nach dem Weimarer Beethoven-Fest war er nach München gereist, um dort die Uraufführung der Walküre mitzuerleben. Alan Walker betont zu Recht, dass Liszt es eilig hatte, Weimar zu verlassen; denn auch dort rüstete man zum Krieg.18 Aus München berichtete Liszt bei Kriegsbeginn:

„Ici, comme partout en Allemagne, grand enthousiasme pour la guerre. On prétend que l’Empereur a été très mal renseigné sur la disposition des populations allemandes. Elles seront unanimes avec la Prusse et nul souverain n’oserait tenter de nager contre ce courant. Il n’est pourtant pas supposable que Napoléon se soit décidé à l’improviste, sans tenir compte de la devise: Erst wäg’s, dann wag’s!"19

Er reiste weiter nach Ungarn, wo er von Anfang August bis Mitte November 1870 bei Baron Anton Augusz in Szekszárd zu Gast war; von dort zog er weiter zu den Beethoven-Feiern nach Pest, wo er noch bis April 1871 blieb. Liszt hat sich also fast während des gesamten Kriegs in Ungarn aufgehalten, was auch heißen mag: Er vermied die Rückkehr nach Deutschland. In der dortigen Kriegseuphorie, in der sich viele seiner Freunde und Kollegen lautstark engagierten, wäre Liszt isoliert gewesen. „Tomber en plaines fêtes de Germanisme ne me sourit point",20 sagte er im März 1871.

Am 20. August 1870, als die Belagerung von Metz21 begann, schrieb er, noch für Frankreich hoffend:

„Augusz […] a été singulièrement troublé par les nouvelles des victoires prussiennes. Ses sympathies sont toutes françaises. Je le rassure en prédisant une prochaine revanche, et plus que cela – pour la France. Il paraît impossible que cette guerre n’ait pas au moins des alternatives, et ce qui importera plus que la première victoire, ce sera la dernière. En attendant, il est déplorable de voir l’inconsistance et la déraison de bon nombre de Français!"22

Am 23. August 1870, als die Belagerung von Straßburg begann, war Liszt äußerst alarmiert, sah die Belagerung von Paris klar voraus und machte sich bewusst, dass Frankreich keine Verbündeten haben werde.

„Les nouvelles que les journaux nous apportent sont consternantes pour ceux qui sauraient se faire à l’idée d’une France diminuée, atrophiée. Jusqu’au dernier moment je veux croire que l’Empereur ne succombera point. Cependant le danger grossit, le carnage est épouvantable – et la victoire semble pencher du côté de l’aigle prussienne. On ne s’explique point que la prudence et la sûreté de calcul de Napoléon se trouvent tellement en défaut. C’est lui qui a décidé du moment de la guerre – et en s’y résolvent, il n’a certainement pas agi à l’improviste. S’il perd la prochaine bataille, son désastre devient irréparable – et les Prussiens camperont à Paris, malgré la bravoure héroïque de milliers et milliers de soldats français, qui s’immoleront en vain. D’autres gouvernements n’interviendront que diplomatiquement. Les 100,000 hommes déjà tués sont un terrible avertissement contre une guerre générale. Aujourd’hui, en Hongrie par exemple, il y a sans doute beaucoup de sympathie pour la France. Néanmoins, la Prusse y a des intelligences, principalement avec le parti de l’extrême gauche. Le gouvernement réfléchira à 2 foi avant de se lancer dans une guerre aussi hasardeuse."23

Am 4. September 1870, zwei Tage, nachdem Napoleon III. in Kriegsgefangenschaft geraten war, kommentierte Liszt das im Licht der politischen Konsequenzen:

Après le coup terrifiant de la reddition de l’armée française et de l’Empereur – il faut renoncer pour en assez long temps aux espérances […]. La Providence a prononcé son arrêt contre le souverain que j’admirais comme le plus sage, plus habile et le meilleur de notre époque. Selon la prédiction de Voltaire – le siècle des Prussiens est à la fin venu! Attendre maintenant une victoire décisive pour les Français, sous les murs de Paris, semble bien téméraire. Sans doute, on se battra avec héroïsme et fureur – mais à côté de cela, on se disputera et s’injuriera à la Chambre. […] Fasse le Ciel que me craintes soient démenties par les événements!24

Liszt war sich mit der Fürstin und einigen wenigen Freunden wie Anton Augusz oder Marie Mouchanoff-Kalergis in der pro-französischen Haltung einig. Die Bewunderung für Napoleon III. hielt auch nach seinem Sturz noch an.25 „La constance de votre admiration pour l’Emp. Napoléon me fait extrêmement plaisir", schrieb Liszt am 4. März 1871 an seine Freundin. Dann folgt eine Einschätzung der französischen Lage, die Liszt – nach der Reichsgründung und dem Vorfrieden von Versailles, nach den großen Gebietsverlusten und der fortwährenden deutschen Präsenz in Frankreich – als Untergang nicht der französischen, sondern insgesamt der europäischen Kultur erschienen sein muss:

„Depuis 6 semaines, l’opinion que j’exprime très humblement à mes amis est que, dans l’état actuel des choses politiques, la forme du gouvernement républicain me paraît le seul possible en France. Ni Henri V ni les Orléans, ne sauraient maintenant monter sur un trône – moins encore s’y tenir! Quant aux Napoléons, leurs chances, quoique vivace encore – reculent avec les cessions de territoire stipulées par le traité de paix. Le nom de Napoléon signifia victoire et agrandissement de la France – non défaite et reddition des provinces!

Quelle terrible et navrante pensée que 18 siècles de christianisme, quelques siècles déjà de philosophie, de culture intellectuelle et morale, n’aient pas délivré l’Europe du fléau de la guerre! Combien de temps faudra-t-il encore s’entr’égorger? Quand les préceptes de la religion et les songes d’humanité parviendront-ils à s’effectuer? Le décalogue ordonne de ne point tuer – les philosophes chrétiens et autres prêchent constamment la douceur des mœurs, la bonté, la charité. Néanmoins les hommes se tuent sans cesse par rage et nécessité! Suicides, duels, batailles, ensanglantent le monde – même la justice réclame du bourreau sa plus haute sanction! Ah! que Dieu prenne pitié des générations futures – et que la peine de mort, les duels et les guerres soient à jamais abolis! Les hommes d’État persiflent ces rêveries pastorales, on le sait – mais ils se sont si souvent trompés dans leur fallacieuse sagesse, qu’il n’est pas absolument déraisonnable d’aspirer contre leurs oracles! Pardonnez-moi ces fatrasies humanitaires – auxquels je ne renoncerai qu’avec peine, tout en ne cherchant guère à les imposer à qui que ce soit."26

Die Resignation, die Liszt im Verlauf der sechs Kriegsmonate erfasste, verband sich mit einer Bewertung der politischen Lage27 und – wie in der zitierten Passage besonders deutlich wird – mit einem Bekenntnis zum Pazifismus, das sich für Liszt aus der Jahrhunderte alten christlicheuropäischen Kultur legitimierte. Ihm war klar, dass ein solcher Pazifismus seinen Zeitgenossen, zumal 1870/71, naiv erschienen sein musste, deshalb griff er zu Selbstironie.

In die Zeit des Krieges fiel das Erste Vatikanische Konzil. Hier wurde unter anderem mit dem Dekret Pastor aeternus das Dogma der Unfehlbarkeit festgestellt, das bei vielen Gläubigen auf Widerspruch stieß. Liszt nahm darauf im selben Brief Bezug, indem er, die Exkommunizierung einiger deutscher Theologen erwähnend, postulierte: „Qui se dit catholique doit obéir – ‚in articulo mortis’ à tout le moins. C’est claire et irrécusable!"28

Der Krieg brachte es auch mit sich, dass Napoleon III. seine Schutztruppen aus dem Vatikan zurückziehen musste. So besetzte italienisches Militär unter Viktor Emanuel II. den Kirchenstaat und leitete damit die letzte Phase des Risorgimento ein, das mit der Vereinigung Italiens am 6. Oktober 1870 abgeschlossen war. Die Entwicklung im Vatikan wurde von Liszt und der in Rom lebenden Fürstin mit Besorgnis beobachtet.29

Aus diesen Briefen wird deutlich, was der deutsch-französische Krieg für Liszt bedeutete: Seine Werte, seine geistige Identität – Katholizismus und französische Kultur –, wurden in diesem Krieg in ihren Grundfesten erschüttert. Katholizismus und französische Kultur verstand er in einem viel breiteren Zusammenhang als die Säulen des christlichen, romanisch geprägten Europas. Aus seinen Äußerungen kann man, auch wenn er das an keiner Stelle explizit sagt, schließen: Sein Ideal ist eine europäische humanistische Gesellschaft, sie definiert sich durch das Christentum in seiner ursprünglichen, d.h. katholischen Gestalt, und durch eine aufgeklärte, weltbürgerliche Kultur, die vor allem französisch konnotiert ist. Diese Werte wurden mit Preußens Sieg über Frankreich hinweggefegt.30 Liszts Spätwerk ist vor allem auch im Lichte dieser Erfahrung und dieser Weltwahrnehmung zu sehen.

Einer der großen öffentlichen Wortführer gegen das romanischkatholisch-französisch-rationalistische Wertesystem war Liszts Freund Wagner; im Hause der Familie Wagner stand Häme gegen den Katholizismus und gegen Frankreich auf der Tagesordnung. Hier huldigte man einem während der Kriegsmonate manifest werdenden germanisch-protestantisch-deutsch-mystizistischen Wertesystem, das man als fortschrittlich und ethisch höher stehend deklarierte.

III. Die Bewertung des Krieges im Hause Wagner

Bevor diese Tagebücher im Hinblick auf den Krieg und das Verhältnis des Ehepaars Wagner zu Liszt ausgewertet werden, seien die familiären Beziehungen in Erinnerung gerufen: Liszts älteste Tochter, Blandine, hatte 1857 Émile Ollivier geheiratet, einen Juristen und Politiker, der über die konstitutionelle Opposition kam und sich ab Mitte der 1860er-Jahre für ein „Empire libéral" stark machte. Blandine starb 1862 bei der Geburt ihres ersten Kindes. Liszts Mutter lebte seit 1860 im Hause der Familie Ollivier und blieb dort auch nach dem Tod ihrer Enkelin bis zu ihrem eigenen Tod (am 6. Januar 1866). Im Zusammenhang mit dem Totenschein, der 1873 gebraucht wurde, sagte Liszt über seinen französischen Schwiegersohn:

„Meine herzensgute Mutter ist in seinem Hause (rue St. Guillaume, Faubourg, St. Germain) Anfangs Januar 1866 gestorben. Er hat sie liebevoll während längerer Jahre bei sich gehegt und gepflegt; endlich ihre Leiche zu dem Traueramt in der Kirche von St. Thomas d’Aquin und bis zur letzten Stätte, im Friedhof von Montparnasse geführt. Sein edles Verhalten und seine Leichenrede verbleiben im Innersten meines Herzens aufbewahrt […] Seit dem Winter 1866 bin ich nicht mehr nach Paris zurückgekehrt, und meine dortigen Beziehungen mit zuverlässigen Personen sind wie abgebrochen."31

Émile Ollivier, Liszts Schwiegersohn und Cosima von Bülows bzw. Cosima Wagners Schwager, wurde am 2. Januar 1870 unter Napoleon III. französischer Ministerpräsident. Er, der für eine liberale Politik stand, sah sich „unter dem Druck der öffentlichen Meinung gezwungen, am 15. Juli 1870 vor dem Corps législatif Preußen den Krieg zu erklären, „wobei er unpassend sagte, er akzeptiere den Krieg ‚leichten Herzens‘. […] Die ersten Rückschläge gaben der Kammer die Gelegenheit, ihn am 9. August 1870 mit überwältigender Mehrheit zu stürzen.32 Ollivier floh nach Italien, kehrte 1873 nach Frankreich zurück und wurde politischer Schriftsteller.

Liszts zweite Tochter, Cosima von Bülow, hatte 1863 eine Beziehung mit Wagner angefangen. Am 18. Juli 1870 wurde die Scheidung zwischen Cosima und Hans von Bülow vollzogen; am 19. Juli 1870 trat die von Émile Ollivier ausgerufene Kriegserklärung in Kraft; am 25. August 1870 heirateten Cosima und Richard Wagner in Luzern. Aus Liszts Perspektive heißt das: Im Laufe eines Monats nahmen, verquickt mit der großen Politik, seine persönlichen Verhältnisse eine traurige Wendung: Der französische Schwiegersohn stand an der Spitze seines Staates, der sich leichtfertig in einen Krieg gestürzt hatte. Aus Wagner, dessen Musik er von Anfang an systematisch und unbeirrbar gefördert hatte und der nun öffentlich gegen Frankreich hetzte, wurde sein anderer Schwiegersohn; durch den Ehebruch, den Liszt nicht gutheißen konnte, kam es auch zum Bruch zwischen ihm und den Wagners, der bis in den Mai 1872 aufrecht erhalten wurde.33 Erschwerend für Liszt kam noch hinzu, dass er nun auch von seinen Enkeln, Blandine und Émile Olliviers Sohn Daniel, Cosima und Hans von Bülows Töchter Daniela und Blandine – Kinder, in deren Namen seine toten Kinder weiterlebten – getrennt und dass das Band zwischen diesen Familien zerrissen war. Von der Eheschließung erfuhr Liszt aus der Presse.

„Avez-vous su le mariage de Cosima? Je ne l’ai appris que 8 jours après, par les journaux – Cosima ne m’écrivant plus depuis un an. C’est à l’église protestante de Lucerne que la bénédiction nuptiale a été donnée le 25 Août."34

Solche Ignoranz bedeutet eine zusätzliche Kränkung und einen doppelten Verlust der Tochter: Die in Italien geborene, französisch erzogene Cosima heiratete protestantisch. Sie konvertierte erst 1872 zum Protestantismus, am 31. Oktober, dem Reformationstag, sicher um damit ein Zeichen zu setzen, das die Distanz zu ihrem Vater und ihrer Herkunft deutlich machen sollte. Die Konfessionsfrage, die nach der Reichsgründung zu einem Politikum in Deutschland wurde,35 muss im Hause Wagner ausführlich diskutiert worden sein. Aus den Tagebüchern geht hervor, dass Cosima den Übertritt zum Protestantismus sorgsam erwogen und mit aller Konsequenz durchgeführt hat. Unter dem 10. Juni 1871 finden sich zwei Passagen, die ahnen lassen, wie tief die Kluft zwischen den Konfessionen geworden war und wie weit diese Kluft in die familiären Verhältnisse hineinreichte:

„Immer fester wird in mir der Entschluß, die Kinder protestantisch werden zu lassen. – Die Reformation hat den deutschen Geist gerettet, und meine Kinder sollen ächte Deutsche werden. […] Wir sprechen vom Vater, was kann das für ein Wiedersehen geben, er in seinem geistlichen Gewande, ich, die ich Protestantin werden will, schon deshalb, um mit R. in einem Grabe zu ruhen!"36

In einer Atmosphäre, die durch den Krieg und die Folgen giftig aufgeheizt war, verlor Liszt – der 1865 die niederen Weihen angenommen hatte und Abbé geworden war – seine Tochter und deren Kinder an den Protestantismus. Da der Kontakt zwischen Liszt und Ehepaar Wagner abgebrochen war, fungierte Hans von Bülow als Mittelsmann. Durch ihn erfuhr Cosima im Dezember 1871, „daß der Vater meinen Entschluß, mit den Kindern zum Protestantismus überzugehen, billige."37 Sicher hat von Bülow diese Botschaft in Liszts Auftrag bzw. mit Liszts Einverständnis überbracht. Damit erteilte er seiner Tochter quasi Absolution für einen Schritt, der ihm zutiefst widerstrebt haben muss. Dass Liszt damit auch menschlich Größe und Souveränität zeigte, ist im Hause Wagner offenkundig nicht gewürdigt worden. Zumal in der Zeit, als der Krieg tobte, muss hier geradezu abfällig über „den Vater" gesprochen worden sein, was zahllose Eintragungen in Cosima Wagners Tagebüchern belegen. Dabei gründet sich die Verachtung der Wagners offen oder verdeckt auf Liszts Katholizismus und sein Französisch-Sein.

Unter dem 15. Juli 1870, dem Tag, an dem ihr Schwager in Paris die Kriegserklärung verkündete, notierte Cosima,

„daß der Vater mit einem Troß von Bekannten zu der Aufführung der Walküre reist und dann nach dem Oberammergauer Passionsspiel. Wie verschieden dieses Leben von dem unsrigen, wie nach außen gekehrt, zerstreuungsbedürftig, wie groß die Kluft zwischen uns!"38

Die Tagebücher referieren verstreut und umfänglich, wie die deutsche Presse das Kriegsgeschehen kommentierte und stimmen in den hetzerischen Ton mit ein. Zu

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