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Biologismus und Kulturkritik: Eugenische Diskurse der Moderne

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Biologismus und Kulturkritik: Eugenische Diskurse der Moderne

Länge:
827 Seiten
9 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 30, 2014
ISBN:
9783826080227
Format:
Buch

Beschreibung

Die Monographie zeichnet die Entwicklung und Ausbreitung der Eugenik als einer szientifisch geprägten Ideologie nach, die in unterschiedlichen politischen und ideologischen Kontexten der Moderne wirksam wurde und dort zeitweise den Charakter einer kulturellen Leitvorstellung annahm. Am Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Eugenik nicht nur als eine auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen fußende Sozialtechnik, sondern auch als ein Instrument zur Krisenbewältigung mit bisweilen pseudoreligiösem Geltungsanspruch propagiert. Im biologischen, philosophischen, politischen und literarischen Schrifttum des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde sie von einigen Autoren als Bestandteil eines neuen Wertesystems empfohlen, das an die Stelle traditioneller ethisch-moralischer Orientierungen treten sollte. Hieraus erklären sich ihre engen Beziehungen zu unterschiedlichen Formen zeitgenössischer Kulturkritik. Im Rahmen eines utilitaristisch geprägten Denkens, mit dem sich eine Ablehnung des Menschenrechtsgedankens der Aufklärung und des christlichen Ideals der Nächstenliebe verband, wurde ein lediglich relativer „Wert“ des menschlichen Lebens postuliert.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 30, 2014
ISBN:
9783826080227
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Buch

Über den Autor


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Biologismus und Kulturkritik - Richard Nate

Einleitung

Das Bild, welches Historiker von der Geschichte der Eugenik zeichnen, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. Wurde die Eugenik aufgrund ihrer Inanspruchnahme durch die Nationalsozialisten zunächst vornehmlich mit politisch rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht, so wird sie mittlerweile hauptsächlich als eine Erscheinung der europäischen und amerikanischen Moderne angesehen.1 Die Eugenik war eine internationale Bewegung mit vielen Facetten, deren Vertreter unterschiedlichen politischen Lagern angehörten. Zu ihren Befürwortern zählten nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Künstler und Intellektuelle. Was alle Anhänger miteinander verband, war der Glaube an die weltverbessernde Kraft einer biologisch begründeten Sozialtheorie.

Am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts empfahl sich die Eugenik als eine moderne, auf naturwissenschaftlicher Grundlage basierende Gesellschaftslehre. Die Sozialpolitik der Zukunft, so wurde gefordert, sollte nicht mehr an vorwissenschaftliche Prinzipien geknüpft sein, sondern an Erkenntnisse, die sich aus der Evolutionstheorie ableiten ließen. Die Annahme, das Zusammenleben der Menschen sei mit biologischen Begriffen erklärbar, führte zu einer allgemeinen „Biologisierung des Sozialen".2 Trotz der allgemeinen Berufung auf wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse waren die gesellschaftspolitischen Vorschläge, die dieser Orientierung entsprangen, aber keineswegs einheitlich. Angesichts der Vielzahl der an der Diskussion beteiligten politischen, sozialen und weltanschaulichen Strömungen sollte man, wenn von „der Eugenik" die Rede ist, deshalb die Existenz unterschiedlicher eugenischer Diskurse nicht aus dem Blick verlieren. Neben völkisch-nationalen existierten sozialistisch und marxistisch inspirierte Programme; Anhängerinnen der Frauenbewegung ließen sich vom vorherrschenden Biologismus ebenso faszinieren wie Vertreter der christlichen Kirchen.

Dass eugenische Ideen über eine lange Zeit hinweg vornehmlich mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wurden, hat seinen Grund in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die besonders rigide Umsetzung eugenischer Ideen im nationalsozialistischen Deutschland hatte bereits nach 1933 zu Abgrenzungsbewegungen in den angelsächsischen Ländern geführt. Als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Verbrechen der Nationalsozialisten, die im Rahmen einer biologistischen Bevölkerungspolitik verübt worden waren, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden, geriet die Eugenik in Misskredit. Da die Entwicklung, die in Deutschland vom 1933 verabschiedeten Gesetz zur „Verhinderung erbkranken Nachwuchses hin zu den während des Zweiten Weltkriegs verübten Massenmorden verlief, ohne die totalitäre Struktur des NS-Staates kaum vorstellbar erscheint, trägt die deutsche Eugenikgeschichte besondere Züge. Zwar war der Mord an Menschen, die man aufgrund biologischer Kriterien als „unerwünscht betrachtete, bereits am Beginn des Jahrhunderts von einzelnen Autoren in Erwägung gezogen worden, doch blieb seine Durchführung auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs beschränkt. Nivellierungen gilt es deshalb zu vermeiden. Wenngleich die Morde an Behinderten und als „minderwertig" erachteten ethnischen Gruppen ihre ideengeschichtlichen Wurzeln im biologistischen Denken des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts besitzen,3 führte, wie Klaus-Dietmar Henke es ausdrückt, von der Eugenik zu den Massenmorden „kein gerader Weg".4

Es wäre zweifellos eine Verkürzung, die Eugenik ausschließlich im Kontext rechten politischen Gedankenguts zu betrachten, denn tatsächlich gestalteten sich die eugenischen Diskurse des frühen zwanzigsten Jahrhunderts sehr viel komplexer. Eugenisches Gedankengut war nicht nur bei nationalistischen oder „völkisch" gesinnten Autoren verbreitet, sondern auch bei erklärten Sozialisten. Die Tatsache, dass die ersten eugenischen Gesetze in den Vereinigten Staaten verabschiedet wurden, zeigt zudem, dass auch demokratisch verfasste Gesellschaften leicht den Verlockungen einer angeblich naturwissenschaftlich fundierten Sozialpolitik erliegen konnten.

Erst in jüngeren Publikationen ist die am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auch von europäischen Sozialdemokraten und Labour-Abgeordneten propagierte Eugenik deutlich herausgearbeitet worden.5 Eine solche „sozialistische Eugenik6 war verantwortlich für die Verabschiedung von Gesetzen in skandinavischen Ländern wie Dänemark oder Schweden.7 Doch nicht nur in der gemäßigten, sondern auch in der marxistischen Linken, etwa bei Politikern und Wissenschaftlern der frühen Sowjetzeit, fand die Eugenik Befürworter.8 Der „sozialistische Mensch, wie er von Leo Trotskij und anderen Intellektuellen propagiert wurde, definierte sich nicht nur sozial, sondern auch biologisch.9

Noch komplexer gestaltet sich das Bild, wenn man berücksichtigt, dass auch christlich orientierte Autoren der Eugenik positive Seiten abgewannen. Tatsächlich hat es den Anschein, als konnten sich manche Autoren der Anziehungskraft einer mit der Aura des Modernen ausgestatteten Sozialanthropologie auch dann nicht entziehen, wenn diese ihrer eigenen anthropologischen Grundhaltung eigentlich zuwiderlaufen musste. Auch wenn sich christliche Eugeniker in aller Regel für sehr moderate Umsetzungen eugenischer Ideen aussprachen, waren sie doch bereit, den Wert eines Kollektivs über den des einzelnen Lebens zu stellen. Im Interesse der Gesamtbevölkerung, so argumentierten manche amerikanische und britische Kleriker, sei es geradezu ein Gebot der Nächstenliebe, die Entstehung „minderwertigen" Lebens zu verhindern. Aufgrund ihrer altruistischen Ausrichtung seien Maßnahmen wie Eheverbote oder Sterilisationsgesetze mit einer christlichen Sozialpolitik durchaus vereinbar.10

In ihrer Auslegung biologischer Theorien setzten die Vertreter der unterschiedlichen Richtungen jeweils eigene Akzente. Während sozialistische Autoren eher einem progressiven Geschichtsbild anhingen, nach dem der derzeitige Mensch lediglich die Übergangsstufe zu einer neueren und besseren biologischen Existenz bildete, vertraten konservative Autoren die Ansicht, die moderne Gesellschaft habe eine Degeneration des Menschen in Gang gesetzt, die durch eugenische Manipulationen wieder rückgängig gemacht werden müsse. Entsprechend lag das Ideal hier weniger in der Zukunft als in der Vergangenheit. Ging es den Progressivisten meist um die Vorbereitung einer neuen evolutionären Stufe, für die es in der geschichtlichen Entwicklung des Menschen prinzipiell kein Vorbild gab, so propagierten Konservative die Sicherung bzw. Wiederherstellung eines angeblich bedrohten oder verlorenen Menschentyps.

Vertreter der progressiven Variante waren europäische Sozialisten und frühe Bolschewisten, die einen neuen „sowjetischen Menschen proklamierten. Die restaurative Variante zeigt sich in den Warnungen amerikanischer, britischer und deutscher Nationalisten vor einer zivilisatorischen „Gegenauslese oder einer „rassischen Überfremdung. Hier ging es zumeist weniger um die Entwicklung eines „neuen Menschen als vielmehr um die Erhaltung bzw. Wiederherstellung eines nicht selten rassisch definierten Idealzustands.

Das Beispiel einer konservativen Eugenik zeigt, dass die Berufung auf die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft auch zur Formulierung restaurativer Ansprüche führen konnte. In dieser Sichtweise erklärte sich die moderne Zivilisation zwar aus der Überlegenheit des Menschen über alle anderen Lebewesen, doch zeigte sich in ihr paradoxerweise auch die Außerkraftsetzung jenes Ausleseprinzips, welches nach sozialdarwinistischer Auffassung erst zu ihrer Herausbildung geführt hatte. Gemäß den zur Jahrhundertwende an Popularität gewinnenden Degenerationstheorien galt die gegenwärtige Zivilisation als ein „entarteter" Zustand, der gerade durch eine Wiederbelebung traditioneller Werte wie Heroismus und einen Kult des Starken und Schönen bekämpft werden sollte.

Die Kritik an der modernen Zivilisation als einer den Gesetzen der Natur zuwiderlaufenden Erscheinung teilte die Eugenik mit kulturkritischen Strömungen, die weniger von der Evolutionsbiologie als vielmehr von den Ideen der europäischen Klassik und Romantik inspiriert worden waren. Die Krise der Gegenwart, so meinte man, sei vor allem durch eine Rückbesinnung auf verlorene Ideale zu bewältigen. Eine Orientierungsfunktion konnte dabei unterschiedlichen geschichtlichen Epochen zugesprochen werden. Während die einen in der körperbetonten Kultur des klassischen Griechenland das Heilmittel für den modernen Menschen vermuteten, diente anderen das Menschenbild der mittelalterlichen Epik als Leitbild.

Interessant ist, dass der sich auf die Evolutionslehre berufende Biologismus und die aus idealistischen Traditionen stammende Kulturkritik keinen Gegensatz bildeten, sondern sich oftmals wechselseitig verstärkten.11 Da die Darwin’sche Evolutionslehre selbst keine konkreten Zielvorstellungen hinsichtlich der künftigen Entwicklung des Menschen bereitstellte, bedienten sich die an praktischen Reformen interessierten Eugeniker gern im Repertoire tradierter kultureller Leitvorstellungen. Gleichzeitig konnten Kulturkritiker die Wirksamkeit ihrer Argumente erhöhen, indem sie sie mit der Aura der Wissenschaftlichkeit versahen. Unter Berufung auf einen angeblich in der Natur waltenden, ewigen Existenzkampf etwa ließen sich aus Antike und Mittelalter abgeleitete heroische Ideale leicht im Sinne einer naturgemäßen Lebensweise umdeuten und rechtfertigen.

Um die Popularität, die eugenische Ideen am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts genossen, verstehen zu können, sollte man sich vergegenwärtigen, mit welchen Argumenten für sie geworben wurde. Unabhängig davon, mit welchen politischen Zielsetzungen sie sich verband, trug die Eugenik die Züge einer innerweltlichen Utopie. Nicht die wissenschaftliche Beschreibung und Erklärung der Natur des Menschen war ihr Ziel, sondern dessen biologische Manipulation. Dabei nahmen die Vertreter der Eugenik interessanterweise Attribute für ihren Bereich in Anspruch, die auch gegenwärtig noch als positiv angesehen werden. Indem die Eugenik für eine enge Verzahnung von Naturwissenschaft und Sozialtheorie plädierte, folgte sie dem Prinzip der Interdisziplinarität; indem sie aus biologischen Theorien soziale Praktiken abzuleiten versuchte, ließ sie sich als anwendungsbezogene Wissenschaft charakterisieren; indem ihre Ergebnisse auf internationalen Kongressen präsentiert wurden, sprengte sie den Rahmen einer vornehmlich national organisierten Forschung.12 Am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts umgab die Eugenik eine Aura der Modernität. Dass sie außer in Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten in einer Vielzahl weiterer Staaten ihre Anhänger fand, wird hierdurch verständlich.13

Die gleichen Eigenschaften, die sie zu einer modernen Wissenschaft werden ließen, machten die Eugenik aber auch empfänglich für Zielsetzungen, die über den Anspruch eines wissenschaftlichen Erkenntniszuwachses weit hinausgingen. Ihr interdisziplinärer Charakter sorgte dafür, dass viele Zeitgenossen in ihr ein Heilmittel für nahezu sämtliche Probleme des menschlichen Daseins erblickten; ihre Praxisbezogenheit begünstigte eine Inanspruchnahme durch politische Ideologien aller Art; ihr supranationaler Charakter trug dazu bei, dass Vertreter sowohl der sozialistischen wie auch der rassistischen Internationale sie für ihre Zwecke in Anspruch nahmen.

Insgesamt betrachtet ist die Eugenik ein Beispiel für die Wissenschaftsgläubigkeit der Moderne.14 Bereits in der frühen Neuzeit war die naturwissenschaftliche Forschung nicht nur als ein Instrument der Wahrheitsfindung beschrieben worden, sondern auch als eine neue Sinngebungsinstanz. Spätestens mit Francis Bacons Formel von der „Großen Erneuerung" (Instauratio Magna) hatte sich die Naturwissenschaft als eine innerweltliche Heilslehre präsentiert und war in einen Wettstreit mit religiösen Orientierungen getreten. Wie die Glorifizierung des Wissenschaftlers als Heilsbringer in der frühen Neuzeit deutlich macht, wurde der von Max Weber beschriebene Prozess der „Entzauberung der Welt durch die Bildung neuer Mythen kompensiert, mit denen sich gleichsam eine erneute „Verzauberung bewerkstelligen ließ.15 Die Aufdeckung einer jenseits aller Mythen angesiedelten Wahrheit im Dienste einer Verbesserung der menschlichen Verhältnisse konnte zu einem heroischen Akt des Wissenschaftlers stilisiert werden, der damit auch die Funktion eines Heilsbringers übernahm. In den eugenischen Pamphleten der Moderne lassen sich ähnliche Tendenzen beobachten. Gerade der nüchterne Verweis auf die Gesetzmäßigkeiten der Evolution bot Autoren die Möglichkeit, ihren Lesern anthropologische Vorstellungen zu präsentieren, die oftmals mehr einem romantischen als einem naturwissenschaftlichen Weltbild entsprangen.16

Dass die Eugenik vielfach einen pseudoreligiösen Status besaß, zeigt sich in der Rhetorik, mit der für sie geworben wurde. Die „neue Religion", als welche die Eugenik am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts propagiert wurde, grenzte sich zumeist scharf gegenüber einem traditionellen Religionsverständnis ab. Die Eugenik verstand sich nicht als eine wertfreie Wissenschaft, sondern suchte den aus Christentum, Humanismus und Aufklärung tradierten Werten ein alternatives Wertesystem entgegenzusetzen, welches sich an den Bedürfnissen der biologischen Gattung orientieren sollte.17 Diese standen, wie man befand, in einem Gegensatz zum Ideal der Nächstenliebe. Das religiöse Prinzip einer Unantastbarkeit des von Gott geschenkten Lebens suchte man als vorwissenschaftlichen Aberglauben zu disqualifizieren.18

Die Gründe, die zu einer Relativierung des Gebots der Nächstenliebe führten, waren vielfältig. Mehrere gesellschaftliche und außenpolitische Entwicklungen lassen sich anführen, die dazu beitrugen, dass die prinzipiell universelle Kategorie des „Nächsten sozial, ethnisch oder „rassisch definierten Kategorien wich. Eine im Bürgertum verbreitete Angst vor einem quantitativen Wachstum der unteren Bevölkerungsschichten ist hier ebenso zu nennen wie die verbreitete Furcht vor einer Überfremdung durch Zuwanderung fremder „Rassen. Hinzu kam eine dem Utilitarismus geschuldete Tendenz, das menschliche Leben vor allem nach seinem Nutzwert für die Gemeinschaft zu bemessen. Unter Eugenikern war schließlich auch das sozialdarwinistische Argument ausschlaggebend, die Nächstenliebe setze durch eine unbotmäßige Förderung der Schwachen jenen natürlichen Ausleseprozess außer Kraft, der angeblich erst den evolutionären Aufstieg des Menschen begründet hatte. Indem man den Schwachen half, so lautete die Argumentation, bot man ihnen eine Chance, sich zu vermehren und ihr „minderwertiges Erbgut an die nächsten Generationen weiterzugeben.

Der Gedanke, dass die körperlichen und intellektuellen Eigenschaften des Menschen im Wesentlichen der Vererbung geschuldet waren, bildete die Grundlage der Eugenik. Anders als im europäischen Humanismus, der sich – mit den Worten des tschechischen Reformers Jan Amos Comenius – das Ziel einer „Verbesserung der menschlichen Dinge"19 durch Bildung und Erziehung gesetzt hatte, suchten Eugeniker das Heil in einer Verbesserung des biologischen Erbgutes. In der Biologie hoffte man zudem eine Antwort auf die sozialen Fragen zu finden, welche die Industrielle Revolution aufgeworfen hatte. Durch eine Manipulation des Erbguts, so glaubte man, ließen sich die bestehenden sozialen Spannungen im Rahmen einer wissenschaftlich begründeten Methodik lösen.20 Für die Soziallehre hatte dies weitreichende Konsequenzen. Im Denken der Eugeniker wurde der Mensch seiner Eigenverantwortung tendenziell beraubt. Während in der christlichen Moraltheologie die Idee des freien Willens eine zentrale Rolle gespielt hatte und die Aufklärung mit ihrer Forderung nach dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant) die Eigenständigkeit des Individuums betont hatte, wurde der Mensch nun als unveränderliches Resultat seiner Erbanlagen sowie als ein Objekt sozialpolitischer Maßnahmen betrachtet, dessen Wert sich vor allem nach dem Grad seiner Nützlichkeit für die ihn umgebende Gemeinschaft bemaß. In ihrer Geschichte der deutschen Eugenik und Rassenhygiene charakterisieren Peter Weingart, Jürgen Kroll und Kurt Bayertz diese Entwicklung deshalb als einen doppelten Reduktionismus. Biologisch wurde der Mensch auf sein Erbgut reduziert, ökonomisch auf seinen volkswirtschaftlichen Nutzen.21

Die eugenische Anthropologie beruhte auf der Annahme, dass die menschliche Gattung zwar durch die bisherige Evolution geprägt, aber prinzipiell auch unvollendet war. Hatte der Humanismus dem Menschen eine zeitlose Sonderstellung als animal rationale zuerkannt, so relativierte der Darwinismus die Grenzen zwischen den Bereichen des Animalischen und des Humanen. Wenn der Mensch jedoch, wie alle Lebewesen, evolutionären Veränderungsprozessen unterworfen war, so glaubte man schließen zu können, dann konnte man auch versuchen, seine weitere Entwicklung zu antizipieren, um diese entweder zu beschleunigen oder aber ihr entgegenzuwirken. Dass die Ansichten darüber, welche physiologischen und psychischen Eigenschaften als „wünschenswert bzw. „nicht wünschenswert einzustufen waren, nicht evolutionstheoretischen Überlegungen entsprangen, sondern kulturell geprägt waren, bedarf dabei kaum einer Erläuterung.

Welche biologischen Eigenschaften für eine Gattung vorteilhaft sein konnten, hatte die Evolutionslehre allenfalls implizit formuliert. Nicht die stärksten, sondern diejenigen Organismen, die ihrer Umgebung am besten angepasst waren, besaßen nach Darwin die besten Aussichten auf Sicherung ihrer Nachkommenschaft. So zeigte etwa H. G. Wells in seiner Erzählung The War of the Worlds (1898) mit einem satirischen Seitenhieb auf die Selbstzufriedenheit der viktorianischen Gesellschaft, dass sich im Zweifelsfalle durchaus auch ein Bakterium als der „stärkere" Organismus erweisen konnte. Dennoch gingen Eugeniker in aller Regel davon aus, dass diejenigen Eigenschaften, welche bereits in der Antike propagiert wurden, auch im biologischen Sinne die erstrebenswerten seien.

Maßgeblich für die Propagierung eugenischer Ideen waren damit weniger evolutionstheoretische Aspekte als vielmehr tradierte Vorstellungen, die sich für die Formulierung von Zielvorstellungen anboten. Antike Schönheitsideale kamen dafür ebenso in Frage wie Jean-Jacques Rousseaus Ideal des „natürlichen Menschen oder Thomas Carlyles Idealbild des mittelalterlichen Helden. Auch das aus dem Sturm und Drang geläufige Bild des künstlerischen oder intellektuellen „Genies diente als Leitbild. Unter dem Einfluss der Schriften Friedrich Nietzsches verband sich dieses schließlich mit der Vorstellung eines „Übermenschen. Der „neue Mensch, der in unterschiedlichen philosophischen und politischen Kontexten propagiert wurde, repräsentierte damit nicht nur die Idee des Neuen, sondern auch die der Erneuerung.22

Die Rede von einer „neuen Zeit, die auch einen „Neuen Menschen mit sich bringen werde, befand sich wiederum im Einklang mit Forderungen nach einer Rückkehr des Mythos, wie sie seit der Romantik immer wieder erhoben worden waren. Entsprechend zeichneten den „Neuen Menschen manchmal sehr traditionell anmutende Tugenden aus. Gerade bei politisch konservativen Eugenikern war das, was als „Neuer Mensch proklamiert wurde, oftmals nichts anderes als der wiederzubelebende „alte Mensch. Die ideologische Motivation der Eugenik zeigt sich dort, wo Autoren solche kulturell vermittelten Werte mit einer naturwissenschaftlichen Begründung auszustatten versuchten. Tatsächlich war der „neue Mensch mehr als ein biologisch definiertes Ziel. Als heroische Idealvorstellung konnte er auch die Züge eines keltischen König Artus, eines angelsächsischen König Alfred oder eines germanischen Siegfried annehmen.

Neben dem Prinzip der Nächstenliebe waren die demokratischen Ideen und der Menschenrechtsgedanke der europäischen Aufklärung ein weiteres Angriffsziel für eugenische Autoren. Politische Entscheidungen sollten nach Meinung führender Eugeniker nicht demokratisch herbeigeführt werden, sondern einer intellektuellen Elite vorbehalten bleiben. Der platonische Gedanke einer Philosophenherrschaft, der im frühen neunzehnten Jahrhundert unter anderem durch Thomas Carlyles Forderung nach einer „neuen Aristokratie wiederbelebt worden war, zeigt sich in eugenischen Schriften immer wieder. Und ebenso wie das demokratische Ideal wurde auch der Menschenrechtsgedanke von vielen Eugenikern als eine ideologische Fixierung hingestellt. Nicht die von Thomas Jefferson propagierten „gleichen, unveräußerlichen Rechte zeichneten demnach den Menschen aus. Sein „Wert" sollte sich vielmehr nach der Qualität seiner Erbanlagen bemessen. Wurden diese als schlecht erachtet, so sollte ihm das Recht auf Nachkommenschaft verweigert werden.

Die Geschichte eugenischer Vereinigungen und Gesetzgebungen ist in den letzten Jahrzehnten vielfach aufgearbeitet worden. Nicht nur für den deutschsprachigen Raum, sondern auch für Großbritannien und die Vereinigten Staaten gibt es mittlerweile eine Reihe umfangreicher und informativer Darstellungen.23 Weniger Aufmerksamkeit wurde jedoch dem Schrifttum geschenkt, in welchem eugenische Ideen propagiert wurden. Eugenische Argumentationen finden sich nicht nur in wissenschaftlichen Publikationen, sondern auch in Alltagstexten, in politischen Reden und in fiktionalen Erzählungen. Eine Analyse dieser Quellen kann, über die Institutionengeschichte hinausgehend, Aufschluss darüber geben, welche Eigenschaften den eugenischen Diskurs der Moderne auszeichneten und auf welche Weise er in der Kultur der europäischen Moderne verankert war.

Aufgrund ihrer programmatischen Ausrichtung sind die mit der Eugenik verbundenen Schriften durch einen hohen Grad an Rhetorizität gekennzeichnet. Für die suggestive Funktion, die diese Schriften im Hinblick auf ihre zeitgenössischen Rezipienten erfüllten, spielen wiederkehrende Metaphern und narrative Muster eine zentrale Rolle. Obwohl sie den Eindruck erwecken sollten, als Bestandteile einer in sich geschlossenen Theorie zu fungieren, erweisen sie sich oftmals als publikumswirksame Topoi, die durch beständige Wiederholung eine suggestive Kraft entfalten. Zu den immer wieder anzutreffenden Metaphern gehören die Rede vom staatlichen oder sozialen „Organismus bzw. vom „Volkskörper und dessen Bedrohung durch „Geschwüre, „Schädlinge oder „Parasiten. Im Lichte der Organismus-Metapher verliert die Gesundheit des Individuums zunehmend an Bedeutung gegenüber dem Gedanken der Gesundheit eines Kollektivs, das je nach ideologischer Ausrichtung als „Gemeinschaft, „Gesellschaft, „Volk, „Staat, „Nation oder auch „Rasse konzeptualisiert werden kann. Analog dazu tritt an die Stelle des Gedankens persönlicher Gesundheitsvorsorge die Idee einer „Volks- oder „Rassenhygiene".

Neben solchen Metaphern boten sich narrative Erklärungsmuster an, die mit dem dynamisierten Diskurs des Darwinismus, mit seiner Akzentuierung des „Überlebenskampfes und der „natürlichen Auslese zu korrespondieren schienen. Dazu gehörten Vorstellungen vom „Aufstieg oder „Niedergang einer Kultur, wie sie seit Jahrhunderten im europäischen Denken verankert waren.

Zugleich wird dabei eine eigentümliche Dialektik erkennbar. Je stärker das biologische Erklärungsmodell sich ausbreitete, desto deutlicher zeigte sich das Bedürfnis, rhetorische Anleihen gerade bei solchen Diskursen vorzunehmen, die doch eigentlich als vorwissenschaftlich disqualifiziert worden waren. In Verklärungen der Eugenik zu einer „neuen Religion" wird erkennbar, wie tradierte heilsgeschichtliche Vorstellungen gerade für eine sich eigentlich als areligiös verstehende Wissenschaftslehre instrumentalisiert werden konnten.24 Bekanntlich zehrten von solchen Transferprozessen auch die totalitären Heilslehren des zwanzigsten Jahrhunderts.25 In diesem Zusammenhang erscheint es weniger ausschlaggebend, ob der durch die Eugenik herbeizuführende „neue Mensch als „arisch-nordisch oder aber als „sowjetisch definiert wurde; entscheidend war, dass er in einer Weise beschrieben wurde, die eher an tradierte Vorstellungen wie das „goldene Zeitalter oder das „neue Jerusalem" anknüpfte als an evolutionstheoretische Konzepte im engeren Sinne.

Der Appell an bereits geläufige Vorstellungen gestattete zugleich die Inkorporation romantischer Topoi in den eugenischen Diskurs. Wie bereits erläutert, wurden utopische Zukunftsorientierungen oftmals von einem Kult um die Vergangenheit begleitet. Ebenso wie in der heilsgeschichtlichen Abfolge von anfänglicher Vollkommenheit, Sündenfall und neuer Gnade verkörperte das Ideal des „Neuen Menschen auch die Wiederkehr eines verlorenen Zustandes. Der unverdorbene, durch die Zivilisation noch nicht geschädigte „Naturmensch konnte dabei – je nach politischem Standpunkt und nationaler Zugehörigkeit – auch als urtümlicher „Germane oder „Angelsachse vorgestellt werden. Dort, wo eine zivilisationskritische Haltung die Argumentation eines Autors bestimmte, waren die Berührungen zwischen Eugenik und romantisch inspirierter Kulturkritik am deutlichsten.

Entgegen den wiederholten Beteuerungen, sich allein an wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen auszurichten, zeichnete sich die eugenische Rhetorik vielfach durch eine gewisse Willkürlichkeit aus. Dass der Appell an die Wissenschaftlichkeit mitunter nur topischen Charakter besaß, zeigt sich in der Tatsache, dass die Übertragung darwinistischer Erklärungsmuster auf gesellschaftliche Zusammenhänge auch zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen führen konnte. Zeitgenössische Bewertungen des Krieges liefern hierfür ein anschauliches Beispiel. Je nach wechselnden politischen und gesellschaftlichen Konstellationen konnte dieser im biologischen Sinne als Segen oder auch als Fluch gewertet werden. Wurden kriegerische Auseinandersetzungen vor dem Ersten Weltkrieg oftmals als Instrumente der natürlichen Auslese und damit als Mittel zur Stärkung der „Volkskraft" begrüßt, so änderte sich dies angesichts der Menschenund Materialschlachten, in denen die individuelle Konstitution nur selten über Leben und Tod entschied.26 Das Sterben der Soldaten, das man zuvor als einen notwendigen „Reinigungsprozess des „Volkskörpers metaphorisiert hatte, erschien nun plötzlich als eine Bedrohung der „Volkskraft. Schließlich seien es ja immer die besten Männer eines Jahrgangs, so argumentierte man, die dem Krieg zum Opfer fielen, während die Untauglichen zuhause blieben und für den nationalen Nachwuchs sorgen konnten. Die angeblich „biologisch-wissenschaftliche Bewertung des Krieges erwies sich damit als äußerst flexibel.27

Die nachfolgenden Kapitel zeichnen die Entwicklung eugenischer Diskurse in drei Gesellschaften nach, deren Vertreter maßgeblich an der Durchsetzung des biologistischen Paradigmas beteiligt waren: Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Deutschland.28 Da die Grenze zwischen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Schriften im Falle der Eugenik nicht immer leicht zu ziehen ist,29 richtet sich der Blick nicht nur auf die Publikationsorgane einschlägiger Gesellschaften und aufschlussreiche Einzeldarstellungen, sondern auch auf politische Pamphlete und literarische Fiktionen. Im Zentrum steht die Analyse wiederkehrender Metaphern und Argumentationsmuster.30 Ähnlich wie Donald J. Childs es für seine Geschichte der Verbindung von Modernismus und Eugenik formuliert hat,31 wird es auch hier nicht darum gehen, einzelne Autoren einer moralischen Beurteilung zu unterziehen. Im Zentrum steht vielmehr die Rekonstruktion eines biologistischen Diskurses. Dass viele der aus heutiger Sicht fragwürdig erscheinenden Positionen einmal das Prädikat „wissenschaftlich" für sich beanspruchen konnten, könnte aber durchaus Anlass dazu geben, die Allgemeingültigkeit auch solcher wissenschaftlichen Paradigmen kritisch zu reflektieren, die sich gegenwärtig großer Beliebtheit erfreuen.32

Im Folgenden werden zunächst jene historischen Faktoren in den Blick genommen, welche die Ausbreitung biologistischer Anschauungen im späten neunzehnten Jahrhundert begünstigten. Dabei spielen zum einen Krisenwahrnehmungen des neunzehnten Jahrhunderts und Versuche, eine Antwort auf diese zu geben, eine Rolle, zum anderen traditionelle Konzepte der europäischen Geschichte, die in dieser Zeit einer neuen Deutung zugeführt wurden. Auch das komplexe Verhältnis der Eugenik zu zeitgenössischen Rassentheorien wird in den Blick genommen. Im Anschluss daran wird die Entwicklung der britischen Eugenik nachgezeichnet. Ausgehend von einer Analyse der Schriften Francis Galtons kommen unterschiedliche Ausprägungen der britischen Eugenik zur Sprache. Die Geschichte des eugenischen Denkens in den Vereinigten Staaten, wo eugenische Gesetze erstmals verabschiedet wurden, steht im Zentrum des dritten Teils. Nach einem Exkurs zur Rolle der Eugenik in englischsprachigen Utopien und Erzählungen widmen sich drei weitere Kapitel der Entwicklung eugenischer Ideen im deutschen Kaiserreich, in der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus. Sowohl für den britischen und amerikanischen wie auch für den deutschen Kontext wurden einschlägige Zeitschriften – das Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie, das Journal of Heredity und die Eugenics Review – ausgewertet, deren Debatten am Ende der jeweiligen Kapitel nachgezeichnet werden. Diese Darstellungen bieten keine inhaltlich neuen Positionen, sondern dienen vor allem dokumentarischen Zwecken. Um dem Gang der Argumentation folgen zu können, ist ihre Lektüre nicht unbedingt erforderlich. Sie dienen dazu, deutlich zu machen, wie verbreitet eugenisches Denken in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und politischen Lagern war. Der letzte Teil befasst sich mit kritischen Positionen zur Eugenik, wie sie seit dem späten neunzehnten Jahrhundert formuliert wurden, sowie mit dem Weiterleben bzw. dem Wiederaufgriff eugenischer Ideen nach 1945. Dabei kommen auch Veränderungen in der Einstellung gegenüber der Eugenik bei einzelnen Autoren, wie etwa H. G. Wells und Aldous Huxley, zur Sprache. Die Tatsache, dass die Darstellung kritischer Positionen zur Eugenik im Vergleich zu den Referaten der vorangegangenen Kapitel eher knapp ausfällt, mindert nicht die historische Bedeutung der Kritik an der Eugenik. Im Zentrum der nachfolgenden Untersuchung stehen nicht diejenigen Schriften, in denen berechtigte Kritik an einem fragwürdigen Menschenbild geäußert wurde; vielmehr geht es um die Dokumentation der Tatsache, dass ein von utilitaristischen Prinzipien geleitetes, biologistisches Denken sich in weite Bereiche der europäischen Moderne hinein erstreckte. Dieser Befund lässt die im letzten Kapitel referierten kritischen Positionen umso wertvoller erscheinen.

___________________

1Vgl. zum Beispiel Schwartz (1995), Richardson (2003), McEwen (2010).

2So Lipphardt (2008: 39).

3Siehe hierzu Schmuhl (1987: 23 ff.) und Bauman (1989: 61 ff.).

4Henke (2008: 13).

5Vgl. für den deutschen Kontext Schwartz (1995), für den britischen Stack (2003), für den schwedischen Broberg / Roll-Hansen (1996).

6Begriff nach Schwartz (1995).

7Vgl. hierzu die Beiträge in Broberg / Roll-Hansen (1996) sowie Lucassen (2010).

8Vgl. hierzu Hagemeister (2005).

9Eine ausführliche Quellensammlung findet sich in Groys / Hagemeister (2005).

10 Zu den Beziehungen zwischen der Eugenik und Vertretern christlicher Kirchen in den Vereinigten Staaten siehe Rosen (2004). In Großbritannien zählte vor allem William Ralph Inge zu den christlichen Befürwortern einer eugenischen Sozialpolitik, vgl. hierzu Teil II, Kapitel 4.

11 In ähnlicher Weise schreibt Schmuhl (1987: 49), die deutsche Rassenhygiene habe „dynamisierende Impulse aus der Dichotomie von Degenerationstheorien und Züchtungsutopien" empfangen.

12 Auch Geulen (2007: 93) hebt diesen Punkt hervor.

13 Zur Rolle der Eugenik in den Staaten Südosteuropas siehe die Beiträge in Turda / Weindling (2007); die Aufsätze in Adams (1990) behandeln neben Deutschland und Russland auch Brasilien und Frankreich. Siehe auch den Überblick in Turda (2010).

14 Auch Schmuhl (1987: 70) sieht in der wissenschaftlichen Aura, welche die Eugenik umgab, einen wesentlichen Grund für ihre zeitgenössische Breitenwirkung.

15 Zum Verhältnis von Wissenschaft und Mythos in der frühen Neuzeit vgl. Nate (2009: 151 ff.).

16 Ähnlich Schwartz (2008: 65). Auch Turda (2010: 14) weist auf die Ähnlichkeit hin, die zwischen dem Glauben an die Eugenik und älteren Formen religiöser Hingabe bestand.

17 Vgl. hierzu die ausführliche Darstellung in Weikart (2004: 73 ff.).

18 Weikart (2004: 16).

19 Vgl. Comenius’ im zwanzigsten Jahrhundert wiederentdecktes Werk De rerum humanarum emendatione consultatio catholica (1970).

20 Farrall (1985: 6).

21 Weingart et al. (1992: 254).

22 Zur Geschichte der Idee des „Neuen Menschen" vgl. Küenzlen (1994) und Nate (2011a) sowie die Beiträge in Gerstner et al. (2006).

23 Für Deutschland siehe u.a. Schmuhl (1987), Weindling (1989), Weingart et al. (1992), Weikart (2004), Schmuhl (2005) und Eckart (2012), für Großbritannien Farrall (1985) und Stone (2002), für die Vereinigten Staaten Kevles (1985), Carlson (2001) und Black (2003). Kühl (1997) widmet sich den internationalen Beziehungen zwischen rassenanthropologisch orientierten Eugenikern.

24 Schnackertz (1992: 12) stellt Ähnliches für die Metaphorik des darwinistischen Diskurses fest.

25 Zu totalitären Heilslehren als „politischen Religionen vgl. schon Voegelins Schrift von 1938 (1993); Lübbe (2003: 141) spricht von „Anti-Religionen.

26 Siehe hierzu auch Kühl (1997: 41 ff.).

27 Zu den willkürlich anmutenden Bewertungen politischer Entwicklungen durch führende Rassenhygieniker vgl. auch Weingart et al. (1988: 230 ff.).

28 Auch Turda (2010: 38) weist diesen drei Staaten eine besondere Rolle zu.

29 Vgl. Lipphardt (2008: 26).

30 Die Notwendigkeit rhetorischer Analysen des eugenischen Diskurses betont auch Hasian (1996: 23).

31 Childs (2001: 18 f.).

32 Childs (2001: 19) warnt davor, dass auch moderne Gesellschaften einer Wissenschaftsgläubigkeit erliegen könnten, die sich unter Umständen erst im Rückblick als problematisch herausstellen könnte.

I.

Hintergründe

1.   Krisenerfahrungen

In einer Publikation, die noch unter dem unmittelbaren Eindruck des Zweiten Weltkriegs entstand, untersuchte Hedwig Conrad-Martius 1955 die Schriften von fünf Eugenikern bzw. Rassenhygienikern der Jahrhundertwende und charakterisierte sie als „Utopien der Menschenzüchtung".1 Wenngleich viele Eugeniker des frühen zwanzigsten Jahrhunderts sich gegen eine solche Bezeichnung wohl verwahrt hätten, bezeichnet der Titel doch ein wesentliches Merkmal eugenischer Diskurse. Tatsächlich lässt sich der Gedanke einer biologischen Manipulation der menschlichen Spezies durchaus in die Tradition utopischen Denkens einreihen. Ein Modell schien die Tierzucht bereitzustellen. So wie der Züchter sich um eine stetige Verbesserung seines Nutztierbestandes bemühte, so sollte sich der Mensch nun um eine „Hebung" seiner eigenen Gattung bemühen. Immerhin hatte schon Charles Darwin am Ende seines Buches The Descent of Man (1871) den Umstand beklagt, dass der Mensch sich mehr um die Gesundheit seiner Pferde, seiner Hunde und seines Viehbestands kümmere als um die seiner eigenen Nachkommenschaft.2

Mit den zukunftsorientierten Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts schien sich das Programm einer biologischen Verbesserung des Menschen im Einklang zu befinden. Da man es gewohnt war, die Evolution des Menschen mit dessen kulturellem und intellektuellem Fortschritt gleichzusetzen, konnte die Eugenik im Sinne einer Beschleunigung dieses Prozesses verstanden werden. Durch eine Steuerung der Fortpflanzung sollten vornehmlich die „hochwertigen Anlagen des Menschen eine Chance zur Weitervererbung erhalten, um hierdurch den Prozess der biologischen Höherentwicklung des Lebens weiter voranzutreiben. Schaut man sich die eugenische Literatur jedoch etwas genauer an, dann zeigt sich schnell, dass diese fortschrittsorientierte Richtung nur eine von zwei komplementär angelegten Strömungen darstellte. So finden sich bereits bei Francis Galton, dem Begründer der Eugenik, Warnungen vor einer Verschlechterung der menschlichen Erbsubstanz. Mit der Eugenik verbanden sich also nicht nur offensive, sondern auch defensive Strategien. Wichtiger als eine Verbesserung der menschlichen Erbanlagen erschien vielen Zeitgenossen das Aufhalten eines Verfallsprozesses, den sie unter den europäischen Kulturvölkern meinten beobachten zu können. So wie in den Bereichen des Gartenbaus und der Tierzucht, aus denen Eugeniker ihre Anregungen bezogen, koppelte man den Gedanken einer Züchtung wünschenswerter Typen an den einer Ausmerzung nicht wünschenswerter Lebensformen. Mit dem Ziel einer möglichst großen Verbreitung „hochwertigen Erbguts verband sich so von Anfang an ein zweites, weniger utopisch anmutendes Ziel, nämlich die Reduktion so genannten „minderwertigen Erbgutes. Weil eine „Höherzüchtung des Menschen ohne eine Verminderung nicht wünschenswerter Eigenschaften nicht vorstellbar erschien, wurden negative Verfahren, wenngleich sie mit einer Einschränkung der Lebensqualität für die Betroffenen einhergingen, damit gerechtfertigt, dass sie letztlich der Verbesserung des Erbmaterials und damit auch der Weiterentwicklung des Menschengeschlechts dienten. 1910 charakterisierte der Engländer Caleb W. Saleeby diese beiden Strategien als „positive bzw. „negative Eugenik.3

Die in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts häufig formulierte Diagnose eines Verfalls der europäischen Zivilisationen deutet auf einen kulturkritischen Zug, der die Eugenik von Beginn an auszeichnete. Obwohl die Eugeniker ihre Theorien und Programme mit einer wissenschaftlichen Aura auszustatten versuchten, zeigen sich in ihren Schriften immer wieder gängige Topoi der Kulturkritik, zu deren Formulierung es einer biologischen Fundierung eigentlich kaum bedurfte. Tatsächlich lässt ein Studium der einschlägigen Schriften erkennen, dass die Eugenik auch einen Versuch der Krisenbewältigung darstellte. Das utopische Ziel einer „Höherzüchtung" des Menschen stand nahezu immer in Verbindung mit der Diagnose, dass die Menschheit durch eine mögliche Rückentwicklung bedroht sei. Die biologistisch inspirierte Kulturkritik der Moderne lässt sich damit auch als eine Krisenrhetorik auffassen.4

Die Diagnose eines möglichen Kulturverfalls speiste sich aus dem Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren. Hierzu gehörten zum einen die Erschütterungen des tradierten Menschenbildes infolge der Evolutionsbiologie, zum anderen Ängste, die durch die sozialen Umwälzungen infolge der Industriellen Revolution ausgelöst worden waren, sowie schließlich auch die verbreitete Furcht vor einem Verlust der weltweiten europäischen Vormachtstellung angesichts des Endes eines seit Jahrhunderten sich vollziehenden Expansionsprozesses.

Obwohl die Evolutionslehre des späten neunzehnten Jahrhunderts keineswegs eine in sich geschlossene Theorie darstellte, sondern sehr unterschiedliche Deutungen der Entwicklung des Lebens zuließ, waren ihre Folgen weitreichend. Eine dieser Folgen war eine Relativierung von Bezugsgrößen, die lange Zeit als unverrückbar gegolten hatten. Während sich Charles Darwin in The Origin of Species (1859) mit Überlegungen zu den möglichen Konsequenzen seiner Lehre für die Anthropologie noch zurückgehalten hatte, griffen Autoren wie Herbert Spencer und Thomas Henry Huxley in Großbritannien sowie Ernst Haeckel in Deutschland die humanwissenschaftlichen Implikationen der Evolutionslehre schnell auf. Die statische Definition des animal rationale, die in der europäischen Ideengeschichte, angefangen vom arbor porphyriana bis hin zu den Klassifikationssystemen Carl von Linnés, fest verankert gewesen war, wurde durch die Lehre von der Veränderbarkeit der Arten radikal in Frage gestellt. Hatte der Mensch aufgrund seiner Vernunft zuvor eine eindeutige Sonderstellung im Universum für sich reklamieren können, so erschien er im Lichte der Evolutionslehre lediglich als eine Übergangserscheinung in einem biologischen Entwicklungsprozess.5 Für die religiöse Orthodoxie bedeuteten solche Perspektivverschiebungen, wie Hermann J. Schnackertz feststellte, nicht nur einen „unerträgliche[n] Affront, sondern auch eine „fortdauernde Bedrohung.6

Mentalitätsgeschichtlich sind die Auswirkungen, die das evolutionstheoretische Paradigma mit sich brachte, nicht zu unterschätzen. Wenn der Mensch sich im achtzehnten Jahrhundert noch als die „Krone der Schöpfung hatte wähnen können, so lag das an der verbreiteten Vorstellung einer „großen Kette des Seins, in der er einen für alle Zeiten unveränderlichen Platz einnahm.7 Die Herrschaft der Vernunft, die in der Wissenschaftlichen Revolution der frühen Neuzeit ebenso propagiert worden war wie in den Staatstheorien der Aufklärung, basierte auf der Vorstellung, dass der Mensch sich die Natur nur deshalb unterwerfen konnte, weil er von Gott dazu bestimmt worden war. Es ist offensichtlich, dass die Evolutionslehre diese Gewissheit erschütterte und Anlass zu neuen anthropologischen Bestimmungen gab.

Genauer betrachtet, war die Lehre von der Entwicklung der Arten nur eine von vielen Theorien, die aus der statischen Welt des achtzehnten Jahrhunderts eine historische und damit unbeständige Wirklichkeit gemacht hatten.8 Dasjenige, was zuvor noch als unverrückbar angesehen worden war, wurde nun zum Spielball geschichtlicher Prozesse. Wenn die Menschenrechte im achtzehnten Jahrhundert noch als zeitlos geltende Prinzipien verkündet worden waren, so konnten sie im neunzehnten als Ausdruck einer historischen Entwicklung wahrgenommen werden, die im Prinzip auch anders hätte verlaufen können.9 Spätestens seit dem Erscheinen von Thomas Henry Huxleys Man’s Place in Nature (1863) stellte der Mensch keine fixe Größe mehr dar, sondern war dem Prinzip der Wandelbarkeit überantwortet.10 So wie sich der Mensch aus anderen Formen des Seins herausgebildet hatte, so würde er sich von seinem jetzigen Zustand auch wieder entfernen. Im Hinblick auf die Anthropologie barg diese Erkenntnis eine gewisse Ambivalenz. So kritisierte Darwin in The Descent of Man (1871) zwar die aufkommende Rassenanthropologie, indem er auf die Unmöglichkeit statischer Typologien hinwies, doch gestand er ebenso ein, dass man in der Entwicklung vom Tier zum Menschen eigentlich keine feste Grenze ziehen könne. Ob man den prähistorischen Menschen beispielsweise schon als Menschen bezeichnen wolle, sei letztlich eine Frage der Definition:

Whether primeval man, when he possessed but few arts, and those of the rudest kind, and when his power of language was extremely imperfect, would have deserved to be called man, must depend on the definition which we employ. In a series of forms graduating insensibly from some ape-like creature to man as he now exists, it would be impossible to fix on any definite point when the terms [!] man ought to be used.11

In seinem Buch Die Lebenswunder (1905) spitzte Ernst Haeckel diesen Gedanken auf die Formulierung zu: „Jede besondere Lebensform, ebenso jedes Individuum wie jede Species, ist […] nur eine biologische Episode, eine vorübergehende Erscheinungsform im Wechsel des Lebens."12

Noch weitere Aspekte der Evolutionslehre waren dazu angetan, tradierte Vorstellungen vom Platz des Menschen in der Welt zu erschüttern. Aufgrund des als Naturgesetz postulierten Existenzkampfes erschienen Vorstellungen von einem ewigen Frieden, wie sie im utopischen Schrifttum seit Thomas Morus immer wieder formuliert worden waren, nicht mehr haltbar. Wenn das eigentliche Prinzip, welches der belebten Welt zugrunde lag, nicht die Harmonie, sondern der Konflikt war, dann konnten utopische Idealvorstellungen allenfalls noch eine ästhetische Bedeutung besitzen. Angesichts der Dynamisierung, die das darwinistische Modell mit sich brachte, wurde nicht nur der Gedanke einer statisch verstandenen great chain of being als fragwürdig empfunden,13 sondern auch die Idee eines Gesellschaftsvertrags, der nach der Ansicht aufgeklärter Philosophen die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben der Menschen hatte bilden sollen.14 Hierin mag einer der Gründe dafür liegen, dass, wie bereits angeführt, auch das Ideal der Menschenrechte eine Relativierung oder gar Ablehnung erfuhr. In einer ganzen Reihe eugenischer Schriften wurde die Idee unveräußerlicher Menschenrechte als vorwissenschaftlicher Aberglaube abqualifiziert, der den Erkenntnissen der modernen Evolutionsbiologie nicht mehr standhielt.

Auch die im Bürgertum bestehenden Ängste vor einer ungebremsten Vermehrung des Industrieproletariats erhielten durch die Verbreitung der Evolutionstheorie eine neue Qualität. Obwohl der Darwinismus sich weniger auf die qualitativen Merkmale einzelner Gattungen konzentrierte als vielmehr auf das Wechselspiel zwischen Organismus und Umwelt, wurde die zeitgenössische Bevölkerungsentwicklung, in der sich das Proletariat trotz der ihm unterstellten biologischen „Minderwertigkeit ungehindert fortpflanzte, im Sinne einer „Gegenauslese („counter selection) interpretiert, die der „natürlichen Evolution zuwiderlief. Die Ursache für diese „Gegenauslese glaubte man in karitativen Einrichtungen zu finden, die angeblich dafür sorgten, dass „minderwertige Individuen nicht mehr dem natürlichen Existenzkampf erlagen, sondern eine Chance zur Vermehrung erhielten.

Dass man den oberen Schichten der Gesellschaft eine biologische Höherwertigkeit von vornherein zuschrieb, erklärte sich aus der eigentümlichen Logik des Sozialdarwinismus. Wer die gesellschaftlich bessere Position innehatte, so wurde geschlussfolgert, der hatte sich im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf als der Stärkere erwiesen. Je nach politischer Gesinnung ließ sich das Verhältnis allerdings auch umkehren. Während konservative Eugeniker dazu neigten, den Angehörigen der oberen Gesellschaftsschichten eine höhere biologische Qualität zuzugestehen, tendierte man im sozialistischen Lager dazu, den Degenerationsprozess gerade in der gesellschaftlichen Führungsschicht zu verorten. Gerade hier, so wurde argumentiert, befänden sich jene Teile der Gesellschaft, die sich aufgrund ihres ererbten Reichtums einem natürlichen Existenzkampf nicht mehr zu stellen brauchten.

Wenngleich die Evolutionstheorie zunächst umstritten blieb, war der Rückzug des Kreationismus am Ende des Jahrhunderts doch offenkundig. Die Infragestellung von Glaubensgrundsätzen, die schon im Jahrhundert zuvor eingesetzt hatte, erhielt durch den Darwinismus einen neuen Schub. Die Überwindung tradierter Formen der Welterklärung wurde dabei jedoch nicht nur als ein wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt begrüßt, sondern auch als krisenhaft erfahren. Hierin mag ein Grund dafür liegen, dass mit dem Verlust herkömmlicher Sinnorientierungen zugleich ein verstärktes Bedürfnis nach neuen Möglichkeiten der Sinnfindung einherging. Die Stilisierung der Eugenik zu einer „neuen Religion" ist hierfür ein bereits genanntes Beispiel.15

Zu einem steigenden Krisenbewusstsein führten im späten neunzehnten Jahrhundert nicht nur neue Theorien über den Platz des Menschen in der Natur, sondern auch die drastische Veränderung der Lebensbedingungen infolge der Industriellen Revolution. In Großbritannien machten sich die negativen Seiten der Industriegesellschaft besonders früh bemerkbar; in den neu entstandenen Industriezentren des Nordens drohten weite Teile der Bevölkerung zu verelenden. Angehörige der höheren Schichten fühlten sich durch das rasch anwachsende Industrieproletariat zunehmend bedroht. Die drastische Bevölkerungszunahme, die das Land während des neunzehnten Jahrhunderts zu verzeichnen hatte, schien die Theorie Thomas Malthus’ zu bestätigen, der in seinem Essay on the Principle of Population (1798) geschrieben hatte, die Überproduktion von Nachkommen müsse bei gleichbleibenden Nahrungsressourcen unweigerlich in einen Zustand der Krise führen. Nur durch das Unterliegen schwächerer Individuen im Existenzkampf oder durch kriegerische Auseinandersetzungen werde ein Äquilibrium hergestellt, das der Menschheit insgesamt eine Weiterexistenz sichere.

Einen ersten Versuch, auf die soziale Krise mit neuen Sinnangeboten zu reagieren, hatte Thomas Carlyle in den frühen vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts unternommen. Die Wirkung dieses Autors auf eugenische Diskurse des späten neunzehnten Jahrhunderts ist nicht zu unterschätzen. Obwohl er nicht biologisch argumentierte, formulierte er in seinen Schriften On Heroes, Hero Worship and the Heroic in History (1841) und Past and Present (1843) kulturelle Wertvorstellungen, die in den nachfolgenden hundert Jahren vielfach aufgegriffen wurden.16 Überzeugt davon, dass eine vornehmlich merkantilistische Orientierung der Gesellschaft in den nationalen Untergang führen müsse, glaubte er Halt in einem mittelalterlichen Heroismus finden zu können, in dem Treue und Aufopferungsbereitschaft die zentralen Tugenden bildeten. Mit seinem Versuch, den Missständen der Gegenwart durch einen Rückgriff auf eine idealisierte Vergangenheit zu begegnen, repräsentierte Carlyle eine von zwei gegensätzlichen Tendenzen des Viktorianismus. Von Beginn an war dieser nicht nur durch einen optimistischen Fortschrittsglauben geprägt, sondern auch durch eine Skepsis gegenüber den Entwicklungen der Moderne. Repräsentierte der für die Londoner Weltausstellung von 1851 errichtete, aus Stahl und Glas konstruierte „Crystal Palace die eine Seite, so stand eine verklärende Sicht auf das Mittelalter, die sich nicht nur im kulturkritischen Schrifttum und in der Dichtung niederschlug, sondern auch die Architektur und Malerei beeinflusste, für die andere. Diese Rückwärtsorientierungen besaßen nicht notwendigerweise einen eskapistischen Charakter, sondern konnten auch zur Stärkung bestehender politischer Tendenzen beitragen. So ließ sich etwa das zeitgenössische Ideal der „muscular Christianity mit einem mittelalterlichen Heroismus ohne weiteres in Verbindung bringen.17

In der Mitte des Jahrhunderts wurden die sozialen Spannungen der modernen Industriegesellschaft zu einem zentralen Thema der Kulturkritik. In seinem Roman Sybil, or The Two Nations (1845) verglich Benjamin Disraeli die sich zunehmend fremder werdenden sozialen Schichten bereits mit den im Titel seines Buches genannten zwei „Nationen". In Charles Dickens’ Roman Hard Times (1854), der am Beispiel der fiktiven Industriestadt „Coketown die negativen Auswirkungen eines ausschließlich auf materielle Aspekte ausgerichteten Utilitarismus aufzeigt, berichtet der Erzähler über die hartherzige Haltung der Oberschicht gegenüber dem Industrieproletariat. Dabei nennt er sprachliche Verhaltensweisen, die auch für den Sozialdarwinismus der nachfolgenden Jahrzehnte typisch bleiben sollten. Die Reduktion des Menschen auf seine gesellschaftliche Verwertbarkeit, so wird kritisch angemerkt, zeige sich bereits in der Tendenz, Arbeiter als „hands zu bezeichnen.18

Wenn zeitgenössische Autoren in diesem Zusammenhang auch von unterschiedlichen „Rassen sprachen, so ist dabei jedoch zu berücksichtigen, dass der Begriff „race im neunzehnten Jahrhunderts semantisch noch sehr weit gefasst war und nicht mit rassenanthropologischen Kategorien späterer Jahrzehnte gleichgesetzt werden kann.19 Andererseits wurde der Gegensatz zwischen den sozialen Klassen in der Mitte des Jahrhunderts bereits zunehmend im Sinne eines „Existenzkampfes" gedeutet, in dem sich die auseinanderdriftenden Schichten als unerbittliche Gegner gegenüberstanden. Dass die Lehre des Klassenkampfes, die Karl Marx und Friedrich Engels in den vierziger Jahren entwickelten, zu einem großen Teil auf den Eindrücken basierte, die sie während ihres Aufenthalts in Großbritannien gesammelt hatten, dürfte kaum ein Zufall sein.

Da der Begriff „race" unter dem Einfluss des Darwinismus und der an Popularität gewinnenden Rassenanthropologie erst allmählich eine Biologisierung erfuhr, zeichnen sich zeitgenössische sozialkritische Schriften oft durch eine semantische Unbestimmtheit aus.20 Mit seiner Dokumentation über das soziale Elend im Londoner Eastend, The People of the Abyss (1903), beschrieb auch Jack London das Lumpenproletariat als eine eigene „Rasse". In der Schrift heißt es:

They are a new species, a breed of city savages. The streets and houses, alleys and courts, are their hunting grounds. As valley and mountain are to the natural savage, street and building are valley and mountain to them. The slum is their jungle, and they live and prey in the jungle.21

Allerdings verrät der Text auch, dass sein Autor das soziale Elend nicht auf eine angeborene Minderwertigkeit der Betroffenen zurückführte, sondern diese eher als Opfer der herrschenden Verhältnisse sah. Über die Kinder der Londoner Elendsviertel heißt es, sie seien so intelligent wie andere Kinder auch und diesen bisweilen sogar überlegen. Obwohl sie am Beginn sehr lebhaft seien und über eine große Phantasie verfügten, verfielen sie mit der Zeit alle dem lähmenden Einfluss ihrer Umgebung: „Here you will find stunted forms, ugly faces, and blunt and stolid minds. Grace, beauty, imagination, all the resiliency of mind and muscle, are gone."22

Die zum Teil sehr drastische Wortwahl, die Jack London zur Darstellung des sozialen Elends in der britischen Hauptstadt verwendete, entsprang kaum einem rigiden Biologismus. Wenn er die Verelendeten dennoch als „beasts" titulierte und ihnen die Existenz eines Gewissens absprach,23 so befand er sich aber auch im Einklang mit jenen Zeitgenossen, die in der Verelendung der Arbeiterschaft weniger einen sozialen als vielmehr einen biologischen Missstand zu erkennen glaubten. Während London mit seinen Formulierungen immerhin noch eine Anklage gegen eine Gesellschaft verband, die bereit war, die geschilderte Verelendung als naturgegebenen Prozess in Kauf zu nehmen, richteten andere ihre Aufmerksamkeit bereits darauf, wie man sich der Gruppe der Armen durch biopolitische Maßnahmen am besten entledigen könne. Führte man, wie etwa William C. D. Whetham dies in seiner Introduction to Eugenics (1912) tat,24 das Elend nicht auf schlechte Umweltbedingungen, sondern auf schlechtes Erbmaterial zurück, dann konnten karitative Maßnahmen nicht nur als verfehlt, sondern sogar als kontraproduktiv erscheinen.

Je mehr die biologische Deutung sozialer Phänomene an Einfluss gewann, desto mehr wuchs die Bereitschaft, auch das Heilmittel für die sozialen Missstände in einer Veränderung der biologischen Bedingungen zu suchen. Die unteren Schichten, so wurde argumentiert, hätten sich nur deshalb so stark vermehren können, weil im Zuge der fortschreitenden Zivilisation die ursprünglich wirkenden Auslesefaktoren entfallen seien. Dieses bezeichnete man als „differential birthrate. So erhielten auch diejenigen Individuen, die im natürlichen Existenzkampf unweigerlich dem Tode geweiht seien, eine Chance zum Weiterleben und sorgten durch ihre hohen Vermehrungsraten nun für eine überproportionale Ausbreitung „minderwertiger Erbanlagen.

Sah man bereits in der Zunahme „minderen Erbgutes eine Gefahr, die aus der eigenen Gesellschaft erwuchs, so gesellten sich am Ende des Jahrhunderts zu dieser Befürchtung noch Ängste vor einer möglichen „Überfremdung hinzu. Einen Anlass bildete die Krise des British Empire, die zugleich das Ende eines Jahrhunderte währenden, von Europa ausgehenden Expansionsprozesses markierte. In den letzten zwei Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts mehrten sich die Zeichen dafür, dass dieser Prozess unweigerlich an sein Ende gelangt war. Die letzten Territorien des afrikanischen Kontinents waren unter großer Anteilnahme der öffentlichen Medien erschlossen und unter den europäischen Großmächten verteilt worden. So wurde die Begegnung zwischen dem Entdecker und Missionar David Livingston und dem Journalisten Henry Morton Stanley am Tanganjika-See im Jahre 1871 als Medienereignis inszeniert; auf der Berliner Kongo-Konferenz von 1884 wurde der afrikanische Kontinent zur Verfügungsmasse der europäischen Mächte erklärt. Der britische Schriftsteller H. G. Wells bemerkte im Kriegsjahr 1916 schließlich:

The age of expansion, the age of European empires is near its end. No one who can read the signs of the times in Japan, in India, in China, can doubt it. It ended in America a hundred years ago; it is ending now in Asia; it will end last in Africa, and even in Africa the end draws near.25

Mochte das Bild des heroischen Eroberers in der Öffentlichkeit auch weiterhin präsent sein, so war der Alltag der überseeischen Territorien doch längst durch die nüchterne Verwaltungstätigkeit von Kolonialbeamten geprägt. Hinzu kam, dass sich seit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts bereits krisenhafte Zuspitzungen in einigen Gebieten abzeichneten. Für Großbritannien bildeten vor allem die militärischen Rückschläge im zweiten Burenkrieg 1899-1902 einen Einschnitt; für Deutschland, das seit den achtziger Jahren am europäischen Imperialismus zu partizipieren suchte, steht der Herero-Aufstand in Südwest-Afrika als Beispiel.

Hatten die demographischen und sozialen Veränderungen in den europäischen Ländern Ängste vor einer biologischen „Degeneration der Bevölkerung ausgelöst, so verbanden sich mit dem wachsenden Bewusstsein über das unvermeidliche Ende der Expansionsbewegung Ängste vor einem ethnischen bzw. „rassischen Statusverlust.26 „Je mehr der Imperialismus seinem Höhepunkt zustrebte, so schreibt Christian Geulen in seiner Geschichte des europäischen Rassismus, „desto deutlicher wurden auch seine globalisierenden Effekte und desto vielfältiger die Räume der Vermischung von europäischen und außereuropäischen Kulturen.27 Unter dem Eindruck einer fortschreitenden Globalisierung, die der europäische Imperialismus unweigerlich mit sich brachte,28 wurde das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Ethnien und Kulturen, das zuvor noch im Rahmen eines kolonialistischen bzw. imperialistischen Weltbildes gedeutet worden war, zunehmend als krisenhaft erfahren. So überrascht es nicht, dass auch der Publizist Max Nordau in seinem Buch Entartung (1892) vor allem auf die negativen Folgen der zunehmend kleiner werdenden Welt zu sprechen kam:

Der letzte Dorfbewohner hat heute einen weitern geographischen Gesichtskreis, zahlreichere und verwickeltere geistige Interessen als vor einem Jahrhundert der erste Minister eines kleinen und selbst mittlern Staates; wenn er blos seine Zeitung, und wäre es das harmloseste Kreisblättchen, liest, nimmt er, zwar nicht thätig eingreifend und entscheidend, aber doch neugierig verfolgend und empfangend, an tausend Ereignissen theil, die sich auf allen Punkten der Erde zutragen, und er kümmert sich gleichzeitig um den Verlauf einer Umwälzung in Chile, eines Busch-Krieges in Deutsch-Ostafrika, eines Gemetzels in Nord-China, einer Hungersnoth in Rußland, eines Straßenputsches in Südspanien und einer Weltausstellung in Nordamerika.29

Ebenso wie in der Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse griff man auch in der Bewertung der außenpolitischen Situation auf biologische Erklärungsmuster zurück. Nicht nur Individuen, sondern auch Gemeinschaften, so wurde erklärt, befänden sich in einem permanenten Existenzkampf.30 Wenn sich die biologische Qualität der europäischen Gesellschaften angesichts der diagnostizierten „differential birthrate tatsächlich verringerte, dann schienen die Ängste vor einem Erstarken außereuropäischer Kulturen eine Berechtigung zu besitzen. In Warnungen vor einer „gelben Gefahr (Deutschland) bzw. einer „yellow peril" (Großbritannien / Vereinigte Staaten) zeigt sich die Virulenz solcher Ängste.

Die Erkenntnis, dass man Menschen, die außereuropäischen Kulturen entstammten, nicht unbedingt als Gegner oder Eindringlinge betrachten musste, sondern sie auch als Angehörige einer größeren, humanen Gemeinschaft wahrnehmen konnte, setzte sich in Europa nicht allgemein durch. Autoren wie H. G. Wells, die an die Stelle des permanenten Kampfes zwischen den „Kulturen, „Nationen, „Völkern oder „Rassen die Idee einer internationalen Kooperation zu setzen suchten, blieben lange in der Minderheit. In seinem Buch The Outline of History (1920) wählte Wells bewusst keine nationalhistorische Perspektive. Im Gegenteil, für ihn offenbarte die Geschichte der Menschheit eine zunehmende Vermischung der „Rassen und „Völker, eine Instabilität aller menschlicher Kategorisierungen und eine „swirling variety of human groups and human ideas of association".31 Allerdings hinderten solche Einsichten, wie sich noch herausstellen wird, auch den erklärten Universalisten Wells nicht daran, ebenfalls Grenzen zwischen unterschiedlichen Formen menschlicher Existenz zu ziehen und diesen einen unterschiedlichen „Lebenswert" zuzumessen.

2.   Untergangsszenarien und Heilsversprechen

2.1. Degenerationsängste

Ängste vor einer möglichen Rückentwicklung der Menschheit wurden verstärkt in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts formuliert.32 Bereits 1869 war im Frazer’s Magazine ein Artikel mit dem Titel „On the Failure of ‚Natural Selection‘ in Man" erschienen, der das Ausbleiben des natürlichen Ausleseprozesses in hoch entwickelten Gesellschaften aufgezeigt hatte.33 Elf Jahre später hatte Ray Lankester in seinem Buch Degeneration: A Chapter in Darwinism darauf hingewiesen, der moderne Mensch werde sich zurückentwickeln, sobald er sich dem natürlichen Überlebenskampf nicht mehr stelle. In der Natur gäbe es prinzipiell drei Möglichkeiten der Entwicklung: die Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts (balance), eine Höherentwicklung (elaboration) oder eine Rückentwicklung (degeneration). Die letzte sei typisch für alle parasitären Organismen.34 Im Untergang des Römischen Reiches sah Lankester das Wirken eines biologischen Verfallsprozesses infolge einer materiellen Überversorgung der Führungsschicht. Auch die gegenwärtige europäische Zivilisation sei vor einer kulturellen und biologischen Degeneration nicht gefeit.35 Unter dem Einfluss des sozialdarwinistischen Erklärungsmodells, nach dem jedes Ausruhen fatale Konsequenzen nach sich zog, lautete die Alternative nicht „Fortschritt oder Stillstand, sondern „Fortschritt oder Degeneration. Anders ausgedrückt: da sich dem Überlebenskampf ohnehin niemand entziehen konnte, wurden alle, die nicht siegreich daraus hervorgingen, unwillkürlich zu Verlierern.

Freilich war die Angst vor einem kulturellen Niedergang keine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, sondern besaß ihre Vorläufer in der abendländischen Ideengeschichte. Mit seiner Abfolge von Weltaltern, die einen fortschreitenden Abstieg repräsentierten, hatte der griechische Schriftsteller Hesiod das Muster für spätere Theorien vorgegeben. Auch aus Deutungen der christlichen Heilsgeschichte ließ sich der Gedanke einer zunehmenden Dekadenz der Menschheit ableiten.36 In seinen Anniversaries hatte der englische Dichter John Donne am Beginn des siebzehnten Jahrhunderts eine sehr pessimistische Ansicht formuliert. Während sein Zeitgenosse Francis Bacon davon träumte, das gesamte menschliche Wissen auf eine neue Grundlage zu stellen und dadurch sogar die Folgen des Sündenfalls beseitigen zu können, diagnostizierte Donne einen stetigen Verfallsprozess, der mit der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies seinen Anfang genommen habe und nicht umkehrbar sei.37 Angaben, die man im Buch Genesis über die ersten Menschen finden konnte, wurden als Belege für solche Auffassungen angeführt. Nahm man die biblischen Angaben in 1 Mose 5-6 wörtlich, dann musste man davon ausgehen, dass Adam und Noah es noch auf mehrere hundert Jahre Lebenszeit gebracht hatten. Für John Donne waren die zunehmenden Krankheiten seiner Zeit ein Zeichen dafür, dass es mit der Menschheit unaufhörlich bergab ging.

Im aufgeklärten achtzehnten Jahrhundert diskutierte man über das Phänomen der Degeneration unter anderen Vorzeichen. So beschrieb Georges Buffon in seiner Histoire naturelle (1766) dunkelhäutige Menschen als eine zeitlich entstandene Abweichung vom „normalen" Typus des Weißen,38 und Jean-Jacques Rousseau deutete in seinem Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes (1755) den Zivilisationsmenschen als eine degenerierte Erscheinung gegenüber dem Naturmenschen.39 In der Nachfolge Rousseaus entwickelten sich unterschiedliche Formen der Kulturkritik, deren gemeinsames Element darin bestand, dass man der verkommenen Zivilisation so genannte „natürliche Lebensformen als positives Beispiel entgegenstellte. Das Stereotyp des „edlen Wilden bildete dabei den Ausgangspunkt für

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