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Im Schatten der Mauer
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eBook293 Seiten2 Stunden

Im Schatten der Mauer

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Über dieses E-Book

"Wahnsinn! Das kann doch nicht wahr sein!" riefen die Menschen euphorisch in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 und fielen sich vor Freude über den Mauerfall in die Arme.
Auch am 13. August 1961 wollte niemand glauben, dass es wahr sein kann: "Eine Mauer durch Berlin! Niemals! Das ist doch Wahnsinn! In ein paar Tagen ist sie wieder weg."
Damals wurden Familien innerhalb weniger Stunden auseinandergerissen; Menschen, die versuchten, in den Westen zu kommen, erschossen; unzählige verhaftet; Lebensläufe mit Macht verändert. . .
Der Wahnsinn sollte achtundzwanzig Jahre dauern.

Es sind bereits über zwanzig Jahre vergangen, seit die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland gefallen ist.
Weil ich befürchtete, dass sich vielleicht bald niemand mehr an die Tage des Mauerbaues und des Mauerfalls erinnern würde, habe ich dieses Buch geschrieben. Bei meinen Gesprächen dafür stellte ich jedoch fest, dass der 13. August 1961 und der 9. November 1989 im Gedächtnis sehr vieler Menschen unauslöschlich sind.
Die bewegende persönlichen Erlebnisberichte der unterschiedlichsten Zeitzeugen aus Ost und West (wie z.B. Regine Hildebrandt, Jo Brauner, Angelika Unterlauf, Götz Friedrich, Herbert Otto, Dagmar Berghoff, Manfred Stolpe oder Arno Surminski) vermitteln vielleicht mehr Geschichte als manches Geschichtsbuch es könnte.
SpracheDeutsch
HerausgeberVirulent
Erscheinungsdatum25. Mai 2012
ISBN9783864740541
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    Buchvorschau

    Im Schatten der Mauer - Anke Gebert

    [Endnoten]

    VORWOR T

    «Wahnsinn! Das kann doch nicht wahr sein!» riefen die Menschen euphorisch in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 und fielen sich vor Freude über den Mauerfall in die Arme.

    Auch am 13. August 1961 wollte niemand glauben, dass es wahr sein kann: «Eine Mauer durch Berlin! Niemals! Das ist doch Wahnsinn! In ein paar Tagen ist sie wieder weg.»

    Damals wurden Familien innerhalb weniger Stunden auseinandergerissen; Menschen, die versuchten, in den Westen zu kommen, erschossen; unzählige verhaftet; Lebensläufe mit Macht verändert…

    Der Wahnsinn sollte achtundzwanzig Jahre dauern.

    Es sind bereits über zwanzig Jahre vergangen, seit die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland gefallen ist.

    Weil ich befürchtete, dass sich vielleicht bald niemand mehr an die Tage des Mauerbaues und des Mauerfalls erinnern würde, habe ich dieses Buch geschrieben. Bei meinen Gesprächen dafür stellte ich jedoch fest, dass der 13. August 1961 und der 9. November 1989 im Gedächtnis sehr vieler Menschen unauslöschlich sind.

    Die bewegenden persönlichen Erlebnisberichte der unterschiedlichsten Zeitzeugen aus Ost und West .(wie z.B. Regine Hildebrandt, Jo Brauner, Angelika Unterlauf, Götz Friedrich, Herbert Otto, Dagmar Berghoff, Manfred Stolpe oder Arno Surminski) vermitteln vielleicht mehr Geschichte als manches Geschichtsbuch es könnte.

    Anke Gebert, April 2012

    HENRYK BERESKA :

    «Wo Sprachakrobatik und Vermummung herrschten»

    Anfang November 1989 war ich zu einem internationalen Poetentreffen in Posen. Die Poeten lasen in den Schulen der Umgebung, redeten sich die Köpfe heiß. Die Berliner Mauer haben die Polen nie verstanden. Daß man so etwas hinnimmt, blieb ihnen unbegreiflich. An ihre Ewigkeit glaubten sie schon gar nicht. Ein bärtiger Literaturkritiker aus Warschau wollte mir einreden, sie würde noch dieses Jahr fallen. Das hielt ich nach all den Demonstrationen der Macht, die ich im Oktober erlebt hatte, für illusionär. Die Präsenz der Kampfgruppen und der bewaffneten «Organe» überall, wo sich die leiseste Opposition regte, ihr martialisches, drohendes Gehabe ließen eher darauf schließen, daß am Status quo nicht zu rütteln war. Reagans «Reißen Sie die Mauer nieder, Mister Gorbatschow» wurde allerorten als dreiste irreale Herausforderung empfunden. Da war Honeckers Verkündung, die Mauer würde noch hundert Jahre stehen, glaubwürdiger. Ich kannte niemanden in Deutschland, der ihren Sturz für möglich hielt. Die Polen besaßen offenbar ein größeres Vorstellungsvermögen und mehr Übung im Aufbegehren. Und sie deuteten die Flüchtlingsströme im Sommer und Herbst richtig als sicheres Endzeichen. Wir wetteten um Sekt. Der bärtige Pole tat mir leid, Romantiker.

    Meine Frau Gilda und ich waren im Oktober 1989 in der Sächsischen Schweiz im Urlaub gewesen, dicht an der tschechischen Grenze. Hier herrschte eine merkwürdig gespannte, gedrückte Atmosphäre. Wenige Urlauber. Die Grenzübergänge für den Tagesverkehr geschlossen, viele Kneipen zu. «Die sind rüber», hieß es. Wir rechneten damit, daß der Zugverkehr nach der Tschechoslowakei und nach Ungarn bald gestoppt werden würde. Das geschah aber nicht. Die Regierung gab sich erstaunlich gelassen, redete die Dinge klein. Unter den Genossen wurden die Fluchtströme bagatellisiert. Wunschdenken.

    Eines Abends saß ich in einem Gartenlokal in der Wilhelm-Pieck-Straße, in Berlin-Mitte, am Nebentisch ein paar fröhliche Zecher, Jura-Absolventen, auf dem Sprung zur Karriere im «Apparat». Auch sie von oben herab: «Das Ding haben wir im Griff.» Verblüffende Blindheit bei den geschulten Dialektikern. Aber sie hielten sich nur an die vorgegebene Interpretationslinie. So tönte es in den Medien, also war alles in Ordnung.

    Anders die Rüster in meiner Stammkneipe in der Novalisstraße, die sahen schwarz: «Da passiert was, das Ding läuft schief.» Und sie sahen Blut fließen. In diesem Jahrhundert nahm die Geschichte stets die negative Variante des Verlaufs. 1914, 1933, 1939, 1953, 1956, 1961, 1968, 1981. Fast alle Monate im Jahresverlauf waren negativ besetzt. Und nun plötzlich im November 1989 die optimale Lösung? Zweifel waren angebracht. Immerhin gab es im Lande riesige, hochgerüstete Armeen, ein Heer von Spitzeln, jede Menge Vernichtungswaffen, schwerbewaffnete, paramilitärische Verbände. Militärs sind dazu da loszuschlagen. Generäle gieren nach Schlachten und Verdienstorden. Würden sie Gewehr bei Fuß bleiben? Oh, Gorbatschow, Zauberkünstler, sie blieben Gewehr bei Fuß! Wie leicht hätte das ins Auge gehen können.

    Mein bärtiger Literaturkritiker hatte recht behalten, und ich war sehr froh, diese Wette verloren zu haben. Als uns die Nachricht per Rundfunk in Polen erreichte, waren wir fassungslos: Das kann nicht wahr sein, da ist was faul. Die Mauer war ja eigentlich noch nicht gefallen, sondern erst einen Spaltbreit geöffnet. Wir dachten, sicher machen die Bonzen kleine Reisezugeständnisse, um das Volk zu beruhigen. Die Polen aber ahnten, daß da eine Epoche zu Ende ging. Und freuten sich. Auch die Kommunisten unter ihnen. Auch ihnen war die Teilung Deutschlands, die Mauer, die Berlin teilte, stets makaber vorgekommen. Sie hatten die Erfahrung der Ghettos hinter sich.

    In Berlin spät abends angekommen, sahen wir auf den S-Bahnhöfen unglaublich viel Volk. Vor dem «Tränenbunker» an der S-Bahn Friedrichstraße standen endlose Schlangen Wartender – keine Rentner, junges Volk ohne Gepäck. Und rückflutende Ströme aufgeregter, strahlender Menschen, beladen.

    In den nächsten Wochen das Wunder. Ich notiere: «Im November ’89 zum erstenmal über die Sandkrugbrücke rüber. Die Grenzbeamten prüfen das Dokument/ die Grenzbeamten werfen einen flüchtigen Blick auf das Dokument/ die Grenzbeamten werfen keinen Blick auf das Dokument; die Grenzbeamten verschwinden/ die Mauern verschwinden/ ich gehe auf dem Todesstreifen spazieren/ die wilden Kaninchen aus der Grenzzone verschwinden/ die Leute vergessen langsam, daß es Grenzzonen gab in Berlin.»

    Ein Vierteljahrhundert wohnten wir in der Scharnhorststraße, den Blick vom vierten Stock über die Mauer auf Moabit, nach Wedding, fremde Planeten. Eine Ewigkeit. Wir sahen Mauern, Stacheldraht, Wachtürme, Hunde am Leitseil, dahinter, unsichtbar, der Spandauer Schiffahrtskanal, die Grenzlinie in der Mitte. Unüberwindlich. Nun mit einemmal die Öffnung. Die Hunde, als liebe treue Tierchen deklariert, wurden an Liebhaber verkauft, die Mauerstücke verscherbelt. Und ich lief täglich auf dem Todesstreifen hin und her, lief am Kanal bis zum Westhafen, an der Spree bis nach Charlottenburg. Als ich zu einem Aufenthalt ins Europäische Übersetzer-Kollegium nach Straelen eingeladen wurde, zögerte ich die Abreise um Tage hinaus, konnte mich von dem Todesstreifen nicht trennen.

    Ein unglaublicher Zustand. Euphorie wochenlang. Die Trabanten füllten West-Berlin, aber bald schon blockierten sie die Straßen Ost-Berlins. Die Besitzer ließen die einst so kostbaren Vehikel einfach stehen, besorgten sich rasch Westautos, gebrauchte zuerst, bald neue. Die große Reisewelle westwärts begann. Zugemauerte Eingänge von S- und U-Bahnen wurden geöffnet, in die 28 Jahre lang versperrte düstere Unterwelt kam Leben. Friedrichstraße, Scharnhorststraße, Chausseestraße – soeben noch das Ende der Welt. Nun das Ende des Endes der Welt.

    Die einzelnen Stufen des Mauerbaus habe ich verspätet mitbekommen. Im August 1961 war ich auf einem Universitätskurs in Warschau. Hier staunte man allgemein, wie es möglich sein konnte, die Vorbereitungen für eine solche Staatsaktion geheimzuhalten. Totale Geheimhaltung. Dabei war immerhin eine unter normalen Verhältnissen unnütze Umgehungsbahn nach Potsdam gebaut worden. Tausende Eingeweihte hatten dichtgehalten. Glanzleistung der DDR. Auch in den ersten Tagen der Absperrung hatte man «die Sache im Griff». Nur wenigen gelang die Flucht. Mein Freund Werner Kilz ist noch durch die Kanäle abgehauen. Ein anderer Freund, Norbert Randow, mußte als «Mitwisser» und «Boykotthetzer» drei Jahre in den Knast, während Unterschriftenaktionen einsetzten, die den «Antifaschistischen Schutzwall» begrüßten. Ein Kursteilnehmer, Assistent an der Humboldt-Universität, der sich geweigert hatte, seine Unterschrift «zu leisten», weil er Verwandte in Westberlin hatte, wurde durch die DDR-Botschaft nach Ostberlin zurückbeordert.

    Kein Mensch hatte 1961 geglaubt, die Absperrung würde lange bestehen .(ebenso wie 28 Jahre später keiner glaubte, die Mauer könnte in absehbarer Zeit fallen). «Das kann nicht lange dauern», hieß es damals, «man kann eine Stadt nicht teilen.» Aber man kann. Und nach und nach kann man sich auch daran gewöhnen.

    In der Kulturszene wurde gestreut, daß es nun, da der Feind ausgesperrt sei, liberaler zugehen würde. «Jetzt sind wir unter uns, können uns mehr Offenheit erlauben», wurde frohlockt. Aber das Klima verschärfte sich. Ein Beweis der Offenheit: Im Berliner Schriftstellerverband stimmten über hundert Kollegen mit läppischer ideologischer Begründung für den Ausschluß von Heiner Müller .(dabei gab es eine Stimmenthaltung, und zwei Kollegen, Martin Remane und ich, verließen kurz vor der Abstimmung den Saal). Die ersten Jahre nach dem Mauerbau waren nicht amüsant: keine Besuche aus Westberlin, nicht einmal Familienbesuch, kein Telefonieren mit Westberlin, aber immerhin Kerzen in den Fenstern zu Weihnachten hüben und drüben in der Grenzregion, das Betreten den linken Seite der Scharnhorststraße war untersagt, Besucher mußten sich vorher anmelden, unangemeldete wurden gelegentlich denunziert. Frostzeit in der Kulturpolitik.

    Mich rettete mein Übersetzerberuf, der frei ausgeübte, also eine Art Nischendasein. Ich pendelte zwischen meiner Holzhütte in Kolberg am Wolziger See, wo ich viele Monate im Jahr verbrachte, und der Scharnhorststraße. Die polnische Literatur, die ich ins Deutsche übersetzte, und meine Polenaufenthalte waren Rettungsanker. Polen war seit Oktober 1956 kulturell weltoffen. Alles in der DDR als reaktionär, formalistisch, objektivistisch, revisionistisch etc. Verpönte war in Polen möglich. Eine in der DDR stark beargwöhnte Kunst und Literatur .(besonders Malerei, Plakatgrafik und Film), von den engen Fesseln der Bevormundung weitgehend befreit .(wenngleich nicht ganz frei von Tabuzonen), gedieh in Polen. Hier konnte ich die Kunst sehen und die Bücher und Zeitungen lesen, die mir zu Hause verwehrt waren. Polen galt .(neben Ungarn) als die lustigste Baracke im Lager. Polnische Kunst und Literatur sowie polnisches Theater übten auf DDR-Deutsche eine starke Anziehung aus. Es war wohl der unverfälschte Alltag und die ins Satirische, mitunter ins Groteske gebrochene Sicht, was den Leuten gefiel. Denn hier ging es eher schöngefärbt und heuchlerisch zu. Schon Schulkinder beherrschten in hohem Maße die Kunst der Heuchelei. Sie wußten, was von ihnen erwartet wurde, und schüttelten die Wunschantworten aus dem Ärmel. Wir fürchteten schon, die Heuchelei könnte unserer Tochter zur zweiten Natur werden. Aber nein, sie schüttelte sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt, und die Heuchelei war weg. Es war ein gelerntes und gut gehandhabtes Spiel. Gottlob. Aber zu der Zeit, als sie sich noch im Zustand der Gläubigkeit befand – immerhin besuchte sie eine Bonzenschule, an der alle im Elternaktiv bis auf uns Genossen waren –, fiel es uns schwer, ihr die Kluft zwischen der Schulweisheit und der Wirklichkeit zu erklären, ohne sie in Gewissensnöte zu stürzen.

    Diese Kluft zu überwinden fiel selbst ausgewachsenen westlichen Linken schwer, die uns gelegentlich aufsuchten, um uns zu versichern, daß wir in dem besseren Deutschland lebten, bereits eine Epoche weiter als sie, die durch Kapitalismus und Konsumterror Geschlagenen. Sie waren völlig außerstande, den banalen Alltag der DDR wahrzunehmen und waren Experten im Wegschauen und Wegdenken. Der Mauerfall, von uns bejubelt, hat ihnen schwer zu schaffen gemacht. Nun müssen sie sich auf die Socken machen – auf die mühsame Suche nach einer neuen Utopie. Während unsereiner all das tut, was er vorher nicht hat tun dürfen: die Gedichte und galligen Aphorismen aus Schubladen und Tüten veröffentlichen, die verfemten polnischen Autoren übersetzen, die unerreichbar gewesenen Autoren lesen und reisen – reisen ins Westliche, aber öfter noch ins Östliche, nach Polen, das Nachbarland, das es ökonomisch weit schwerer hat, das aber sein Los mit Gelassenheit und Phantasie trägt, statt zu murren.

    Drei-Vier-Länderec k

    Vom Dreiländereck zwischen Myslowitz –

    Kattowitz, Sosnowiec –

    Preußen, Österreich, Rußland –

    hier wurde ich 8 Jahre nach Ende des Ersten

    und 13 Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs

    geboren von Maria und Josef, meinen Eltern –

    verschlug es mich in das Berliner Vierländereck –

    amerikanischer, englischer, französischer, sowjetischer Sektor –,

    und es verschlug mich in den sowjetischen,

    später demokratischer und Hauptstadt der DDR genannt.

    Wo Sprachakrobatik und Vermummung herrschten –

    zwecks Vermummung der Realität.

    Antifaschistischer Schutzwall –

    28 Jahre hatte ich ihn vor der Nase.

    Von meinem Balkon aus, vierter Stock,

    ging der Blick über die Mauer

    hin zum Tiergarten

    nach Moabit, Wedding – fremden Planeten.

    Tauben, Krähen, Enten, Spatzen und Insekten

    .(ja auch Fischen im Spandauer Schiffahrtskanal)

    neidete ich das lockere Hin und Her.

    Nun aber begreife ich sie, da auch ich locker hin- und herüber kann,

    mit neidlosem Gruß der Hin- und Herschwirrer,

    Schwimmer, Stromer oder schlicht Flanierer.

    .(aus altem Notizbuch, beendet kurz nach dem Mauerfall)

    Blick aus der Scharnhorststraß e

    Mein Blick vom Balkon, vierter Stock

    der Scharnhorststraße: Mauer, Drahtverhau,

    Hundeleitseil: geahnt und im alten Stadtplan

    aufgelesen: Spandauer Schiffahrtskanal, Grenzlinie

    in der Mitte, scharf bewacht die gedachte Linie.

    Jenseits Gütergelände, Betonmischer, Lagerhallen –

    dahinter die Heidestraße, Fernstraße 96, den Süden

    mit dem Norden verbindend, uns auslassend.

    Mein Blick verweilt auf den 6 Häusern drüben.

    Könnten hier stehen. Derselbe Baustil – um 1900,

    ähnliche Bewohner vermutlich.

    Kerzen in den Fenstern zu Weihnachten.

    Mein Blick zu den Häusern über 28 Jahre –

    wehmütig. Halber Kilometer Luftlinie.

    Unüberwindlich.

    1989 fiel die Unbezwingliche, von Flüchtlingen

    in Ungarn bezwungen.

    Die schändlich Gewordene ward stückchenweise

    an Raritätensammler verhökert, mitsamt Blutspuren.

    Hin lief ich tags nach dem Mauerfall in die fremde,

    vertraute, von rasenden Autos Beherrschte.

    Felsen in der Brandung die 6 Häuser. Fernfahrerkneipe.

    Darin Männer, Pfeile werfend und trudelnd.

    Chicago. Die gleichen Sprüche wie hüben.

    Berlinisches Geflachse, knapp, kein Wort schweift um.

    Doch nicht der Becher kreiste, jeder hat hier seinen eigenen.

    Die Sprüche der letzten 28 Jahre hätt ich gern gehört.

    Henryk Bereska .(Jahrgang 1926), Übersetzer und Autor

    SABINE ZACHE :

    «Na, bist du aus dem Osten oder aus dem Westen?»

    Am 13. August 1961 war ich mit meiner zwei Jahre jüngeren Schwester in der Wohnung meiner Mutter in Berlin-Karlshorst. Meine Mutter und mein jüngerer Bruder waren in West-Berlin in der noch nicht ganz vollständig eingerichteten Wohnung meines Vaters. Der wiederum war als sogenannter «Altakademiker» .(Jahrgang 1900) 1957 aus politischen Gründen in den Westen geflohen und fand erst 1960 eine Anstellung in West-Berlin. Wir planten unsere Familienzusammenführung und wollten alle im September 1961 rübergehen. Ich habe damals in West-Berlin an der Hochschule für Bildende Künste studiert und hatte eine Mansardenwohnung in Köpenick in Ost-Berlin, eine richtige Studentenbude, war aber an dem Sonnabend zu meiner jüngeren Schwester nach Karlshorst gefahren und hatte dort auch übernachtet. Zusammen wollten wir dann am Sonntag in diese West-Berliner Wohnung zu meinen Eltern und meinem Bruder zum Kaffeetrinken fahren …

    Am Sonntag hatten wir vormittags kein Radio angestellt. Um zwölf Uhr klingelte es plötzlich, und mein Schwager, der Mann meiner älteren Schwester aus Dresden, stand überraschend vor der Tür und fragte sofort nach meiner Mutter. Wir erzählten ihm, daß die schon nach drüben gefahren wäre und wir wenig später auch nach West-Berlin wollten. Da sagte er, daß wir das nicht mehr könnten: «Berlin ist zu.» Er fragte uns, ob wir denn nichts wüßten, kein Radio hörten. Ich habe nur gelacht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß man von einer Nacht zur anderen Berlin dichtmachen könnte.

    Mein Schwager fand das gar nicht lustig und erzählte, daß er auf seiner Fahrt von Dresden nach Berlin lauter Panzer gesehen hätte, die auf Berlin zurollten. Alles an Streitkräften wurde in Berlin zusammengezogen, falls es zu Schießereien kommen sollte. Mein Schwager wollte mich dann unbedingt davon überzeugen, was er uns da erzählte. Gemeinsam fuhren wir zum Brandenburger Tor. Dort sahen wir lauter ausgerollten Stacheldraht. Ich sagte zu meinem Schwager: «Mein Gott, machen die sich lächerlich. Diesen ganzen Draht rollen die doch am Montag wieder zusammen. So kann man doch keine Stadt trennen. Das ist ja albern!» Da sprangen auch immer noch ein paar Leute hin und her über den Draht. Aber es standen auch schon Grenzer dort, Kampfgruppenleute.

    Ich machte mir immer noch keine Sorgen, daß die Grenze wirklich bleiben könnte. Einen Tag vorher hatte ich nämlich noch meinen Wintermantel nach West-Berlin in die Reinigung gebracht. Das zeigt auch, daß ich absolut ahnungslos war, nie damit gerechnet hatte, daß uns Berlinern so etwas passieren könnte. Berlin hatte immer einen Sonderstatus. Das Viermächteabkommen beinhaltete damals auch, daß Berliner innerhalb Berlins ihre Bildungsstätten frei wählen konnten.

    Ich war in Ost-Berlin aus politischen Gründen aus einer Fachschule rausgeflogen und konnte mich dann Gott sei Dank in West-Berlin, dem amerikanischen Sektor, neu bewerben und eine Aufnahmeprüfung machen. Im russischen Sektor konnte ich nämlich keinen Blumentopf mehr gewinnen, weil ich dort exmatrikuliert worden war. Ich war total sicher, daß das Viermächteabkommen uns Berliner schützen würde. Ich war dreiundzwanzig Jahre alt und habe mir das in meinem jugendlichen Leichtsinn eben so vorgestellt. Auch in diesem Sommer 1961 war ich jeden Tag mit der S-Bahn von Köpenick über die Friedrichstraße .(Grenzbahnhof) nach Bahnhof Zoo zum Studium in einem durchgefahren. Im Bahnhof Friedrichstraße kamen die Grenzer der DDR. in die Züge und guckten alles genau durch und holten auch Leute heraus. Ab Bellevue gab es dann Westzeitungen, und darin stand jeden Tag in großen Lettern, wie viele Menschen gerade wieder abgehauen wären. Jeden Tag war die Ziffer höher. Trotzdem habe ich mit einer Mauer nicht gerechnet.

    Ich habe mich aber damals auch gar nicht ernsthaft um solche Fragen gekümmert. Ich war froh, daß ich diesem politischen Streß im Osten – an dieser Fachschule – entronnen war. Ich hatte dort Mode studiert, doch was uns niemand vorher gesagt hatte, war, daß wir gleichzeitig eine vormilitärische Ausbildung zu absolvieren hatten. Wir mußten also an einer Modefachschule auf den Schießplatz, mußten im Keller Schießen üben und auf dem Schulhof exerzieren. Ständig «rechts marsch, links marsch» – das fand ich so fürchterlich, daß ich mit ein paar anderen Studenten permanent protestierte. Zur Strafe sollte ich mich in der Produktion bewähren, das hieß, ich sollte in einem Betrieb als Bandnäherin arbeiten. Und wenn die FDJ und die Parteiorganisation dieses Betriebes irgendwann befürwortet hätten, daß ich mein Studium an der Modefachschule fortsetzte, hätten sie mich zurückdelegiert, und ich hätte vielleicht meinen Abschluß machen können. Das war aber ausgeschlossen, weil die an der Schule froh waren, daß sie Leute wie mich los waren. Das war 1958. Da paßte mich ein Professor aus der Schule auf dem Flur ab, einer, der ein paar Wochen später in den Westen ging, und fragte mich, was ich denn nun machen wollte. Ich wußte es nicht. Ich war todunglücklich. Der Professor sagte etwas ganz Tolles: «Kommen Sie nachher zu mir, wir suchen Ihre Zeichnungen aus, und dann gehen Sie damit nach West-Berlin.» Das habe ich gemacht und die Aufnahmeprüfung bestanden und fing dann das Studium im Westteil Berlins an. Ich bin währenddessen ohne Probleme im Osten wohnen geblieben.

    Mit der Mauer war es aus mit meinem Studium. Ich hätte noch zwei Semester machen müssen. Das zweite Studium, das vorzeitig zu Ende war. Zweimal war es aus für mich. Jetzt bei der Rentenbeantragung und diesem ganzen Kram mußte ich das alles ganz genau vortragen, um eine bestimmte Anerkennung meines Studiums zu bekommen. Ein Rehabilitierungsverfahren mußte ich durchmachen – für SED-Unrecht oder so ähnlich oder besser: für Opfer des SED-Regimes.

    Meine Mutter hockte also am 13. August mit meinem Bruder im Westen und ich mit meiner Schwester im Osten. Wir haben erst einmal abgewartet, was passiert. Wir haben nicht geglaubt, daß die Mauer bleiben könnte. Dummerweise sagte dann mein Schwager:

    «Ich nehme euch erst einmal vierzehn Tage mit nach Dresden. Das ist besser, denn wenn hier in Berlin vielleicht noch Schießereien losgehen, dann seid ihr nicht sicher.»

    Es war dumm, daß wir damals mit nach Dresden gefahren sind,

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