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Conny Cöll - König der Spieler

Conny Cöll - König der Spieler

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Conny Cöll - König der Spieler

Länge:
279 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Jun 13, 2017
ISBN:
9783874116053
Format:
Buch

Beschreibung

Er war der Sohn eines einfachen Gießereiarbeiters, dem Mutter Natur eine seltsame Gabe in die Wiege gelegt hat: die Fingerfertigkeit beim Kartenspiel – eine Gabe, die der Vater nicht fördern konnte. Ein anderer war für diese Aufgabe bestimmt, der selber ein Meister dieses Faches war: Old Finely, ein prachtvoller Alter, der dem heranwachsenden Neff Cilimm zum Vorbild, zum väterlichen Freund und zum Lehrer wurde.
Einen harten, dornenvollen Weg hat der junge Neff Cilimm zu gehen, bis er schließlich in der kleinen Mormonensiedlung Las Vegas auf Conny Cöll stößt, mit dem ihn mehr als nur gemeinsame Ziele verbinden. Unvergesslich die Geschehnisse in der Wüstenstadt Goldfield, unübertroffen die Gestalten der großen Pokerkönige, die uns in einer turbulenten und an Spannung kaum zu überbietenden Handlung vor Augen geführt werden – bis am Ende Neff Cilimm, der "Gentleman", zur "Nummer Drei" der G-Männer Oberst Sinclars wird.
Es ist eine ungewöhnliche, eine grandiose Zeit, die in diesem Band erzählt wird!
Freigegeben:
Jun 13, 2017
ISBN:
9783874116053
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Conny Cöll - König der Spieler

Buchvorschau

Conny Cöll - König der Spieler - Konrad Kölbl

Conny Cöll – König der Spieler

von Konrad Kölbl

Inhalt

1. Ein harmloser Junge

2. Kentucky

3. „Blitz-Sunny"

4. Trixi

5. Die „Nummer Drei"

1. Ein harmloser Junge

„Old Finely" liebte zwei Dinge über alles auf der Welt: seine wirklich robuste Gesundheit und das Pokerspiel. Seine Gesundheit galt es lediglich zu erhalten, und da organische Einflüsse kaum in der Lage waren, sie von innen heraus anzunagen oder gar auszuhöhlen, blieb nur die Gefahr von außen.

Er war Texaner und natürlich hatte die gütige Schöpfung auch ihm jene Eigenschaften in die Wiege gelegt, die notwendig waren, mit diesen Gefahren fertig zu werden. Er lebte ein gefährliches Leben, das mit tückischen Zufälligkeiten, mit verfänglichen Situationen und ständig drohenden Abgründen gespickt war. Noch immer aber hatte ihn bis heute seine blitzschnelle Hand, sein exakt funktionierendes Reaktionsvermögen und seine überdurchschnittlich rasche Auffassungsgabe davor bewahrt, in jene nachtschwarze Schlucht zu stürzen, aus der es keine Wiederkehr gab. „Old Finely war ein verdammt guter Schütze, ein Coltmann, der mit dem Teufel einen Pakt geschlossen haben musste. Auch die Hölle brauchte Opfer und Tom Finely war Hoflieferant seiner dunklen Majestät des Fürsten der Verdammnis. Es verging fast kein Tag, dass der verwegene Mann sich nicht gegen Angriffe zu verteidigen hatte, und diese ständige Todesbereitschaft hing mit dem zweiten Ding zusammen, das er so sehr liebte: mit dem Pokerspiel. Wer „Old Finely bei harter Kartenarbeit zusah, glaubte einen Mann vor sich zu haben, der dem Spielerwahnsinn verfallen war. Wenn der hochgewachsene, zaunlattendürre Geselle über dem abgewetzten Tisch gebeugt saß, mit eingefallenen Schulterknochen, hohlen Wangen, tief in den Nacken gezogenem Schädel, der wohl schon seit Jahren weder mit Kamm noch Bürste Bekanntschaft gemacht hatte, musste er jedem Unbefangenen als Prototyp eines durch und durch verkommenen Falschspielers erscheinen. Sein Anzug schien aus weggeworfenen Scheuerlappen zusammengeflickt zu sein, er hing wie eine bunte, schmutzige Fahne von der hautumspannten Stange, mit der sein Körper eine merkwürdige Ähnlichkeit hatte. Aber wer nur auf diesen Eindruck ging, täuschte sich. „Old Finely hatte gütige, weise Augen und über sein stoppelbedecktes Gesicht lag ständig ein freundliches, alles verstehendes Lächeln gebreitet. Diese Augen flößten Vertrauen ein. Ihr Ausdruck stand im krassen Widerspruch zu seinem Äußeren, und da es Männer und noch viel mehr Frauen gab, die in ihnen den Spiegel der menschlichen Seele sahen, hatte „Old Finely viele Freunde. Zudem war er seiner sagenhaften Schießkunst und seines waghalsigen Spieles wegen eine Persönlichkeit von Ruhm. Man konnte über ihn spotten, ihn mit üblen, beleidigenden Ausdrücken belegen, ja selbst ihm die Tür weisen, „Old Finely nahm das kein einziges Mal krumm und fing nie einen Streit an. Das lag ihm nicht. Er war ein friedlicher Geselle, fern von Provokation und zänkischer Angriffslust. „Take it easy, pflegte er in solchen Fällen lächelnd in seinen Stoppelbart zu murmeln. Nimm’s leicht und ärgere dich nicht. Ärger zerrt nur an den Nerven, ruiniert Galle und Leber und macht die Hand unsicher und zitternd. Er trug ständig ein Vermögen bei sich. Wie hätte er sonst als Partner in den verschiedenen Spielkneipen Anerkennung finden können? Er war Gast in feudalen Clubs so gut wie in verrufenen Kneipen von Dallas; doch dass er sich von seinen Gewinnen, die meist recht beachtlich waren, gelegentlich eine neue Hose gekauft hätte, das war ihm jahrelang nicht im geringsten in den Sinn gekommen.

Erst gestern hatte „Old Finely in der „Bahia-Bar in der Whitness Street zwölftausend Dollar gewonnen. Leider hatte das Spiel üble Folgen gehabt. Pit Förster, ein übler Karten-Hai aus dem Spielerparadies Nevada, hatte in Dallas ein Gastspiel gegeben, da er in seiner Heimat keine Partner mehr fand, die es mit seinen Künsten aufnehmen wollten. Man hatte ihn in Dallas nicht gleich erkannt. Erst als seine Siegesserie nicht abriss, war man auf ihn neugierig geworden. Der Sheriff hatte ihn schließlich erkannt, und natürlich wollte von dieser Stunde an keiner mehr mit diesem gerissenen Falschspieler zu tun haben.

Er wurde gemieden. Man wollte sich nicht von berüchtigten Gangstern die Dollars aus den Taschen stehlen lassen. Bis dann „Old Finely aufgetaucht war. Böse Zungen behaupteten, der Sheriff habe ihn verständigt, aus ganz bestimmten Gründen. Sheriff Daxton gehörte nämlich zu den Freunden „Lumpen-Toms, wie er in „Fachkreisen genannt wurde. Er bediente sich manchmal seiner Mithilfe, einen raffinierten Pokerfuchs zur Strecke zu bringen. So murmelte man wenigstens, ohne allerdings schlüssige Beweise dafür zu haben. In der „Bahia-Bar hatte dann das große Treffen stattgefunden. Pit Förster schien nicht viel von „Old Finely gehalten zu haben, bis sich dann während des erregendsten Spiels das Blatt sprichwörtlich zu wenden begann. Pit Förster verlor plötzlich mit einer Gesetzmäßigkeit, die ans Unheimliche grenzte. Ein Tausend-Dollar-Schein nach dem andern wanderte in die Taschen des schmunzelnden Strolches, und als der Mann aus Nevada den letzten Cent an ihn verloren hatte, beschuldigte er mit sich vor Wut überschlagender Stimme „Old Finely des Falschspiels und verlangte sein Geld zurück. Aber „Old Finely, der Gewinner, meinte dazu nur: „Take it easy. Da hatte Pit Förster nach den Waffen gegriffen und – es gab einen Toten. Anerkennend hatte Sheriff Daxton „Lumpen-Tom auf die Schulter geklopft und seine Genugtuung über den Ausgang des Treffens zu verstehen gegeben. Das dramatische Ende in der „Bahia-Bar hatte ihm eine Menge Arbeit erspart. Einem gerissenen Falschspieler – und Pit Förster war einer der geschicktesten in den gesamten Unions-Staaten gewesen – war kaum etwas zu beweisen. Ohne Beweise jedoch war eine Überführung dieser gefährlichen Verbrecher nicht möglich. „Old Finely" war der Angegriffene, er hatte in Notwehr gehandelt und er hatte richtig getan, denn von diesem verdammten Gelichter konnte nach der Meinung des Sheriffs – es war nicht nur die seine – nicht genug von der Erde getilgt werden. In den schurkischen Kategorien gehört der Falschspieler mit zu den übelsten. Er vernichtet Existenzen, kann ganze Generationen ins Unglück stürzen, und harmlose Menschen, die dem Zauber eines zweifelhaften Vergnügens für eine kurze Stunde erliegen, gehen oft durch ihn in den Selbstmord.

Sheriff Daxton wusste nicht, ob das sagenhafte Spielerglück „Old Finelys mit rechten Dingen zuging. Er hatte den alten „Hobo, wie der Yankee den Tramp nennt, viele Monate lang beobachtet und dabei die Feststellung gemacht, dass „Old Finely nicht immer gewann. Er verlor oft beträchtliche Summen, ohne Revanche zu verlangen. Immer aber hatte es sich in diesen Fällen um Partner gehandelt, die nicht mit Glücksgütern gesegnet waren, wie zum Beispiel Harold Mines. Infolge einer ununterbrochenen Kette von Schicksalsschlägen vor dem Ruin stehend, hatte Farmer Mines im Spiel seine letzte Chance gesehen. Über zwanzigtausend Dollar hatte „Old Finely an ihn verloren, und das war genau die Summe, die Mines brauchte, um wieder frei atmen zu können. Gerne hätte sich der Farmer noch einige Scheinchen hinzuverdient, aber da war auf einmal seine Glücksserie wie abgeschnitten. Die Göttin Fortuna hatte sich jäh von ihm gewandt, Sheriff Daxton war Zeuge dieser dramatischen Szene gewesen. Er hatte um Harold Mines gebangt, hatte vergeblich versucht, den verzweifelten Mann vom Spieltisch fernzuhalten. Nutzloses Bemühen. Und nun diese Wende! Würde er jetzt vernünftig sein und sich mit dem Gewonnenen zufriedengeben? Sheriff Daxton dachte oft in seinem Leben an diese entscheidenden Augenblicke, wo die gütigen Augen „Old Finelys mit durchdringenden, fast eisigen Pupillen auf den Partner gerichtet waren. Die Freundlichkeit war plötzlich aus seinen Zügen verschwunden gewesen. „Take it easy, hatte er gemurmelt, „wollen doch mal sehen, wer das längere Ende hat –"

„Aufhören! Derb waren die Fäuste des Sheriffs gegen die Rippen Harold Mines gestoßen, „aufhören…, verdammt!

„Jetzt bin ich am Zuge, hatte „Old Finely gesagt und über seine Züge war wieder jenes geheimnisvolle, unergründliche Lächeln gehuscht, das genauso gut triefenden Hohn wie noch ein verstecktes Wohlwollen enthalten konnte, „jetzt gehört mir das Spiel …"

Eine volle Minute hatte Harold Mines auf die Tischplatte gestarrt – dann war die Entscheidung in seinem aufgewühlten Inneren gefallen. Mit hastig-nervösen Bewegungen hatte er die Dollarnoten aufgerafft, sie beinahe wahllos in seiner Tasche verstaut, und war, ohne noch ein Wort zu verlieren, aus der Kneipe gerannt.

Nein, Sheriff Daxton konnte aus „Old Finely nicht klug werden. Der alte Vagabund verlor ständig gegen anständige Spieler, und wenn er gewann, hatte es der Lauf der Dinge eben so gewollt. Gegen notorische Falschspieler, anrüchige Existenzen, protzende Neureiche, verlor er selten. In der Tat, eine mysteriöse Persönlichkeit, die ihm Rätsel aufgab, die er in seinem einfachen Denken nicht zu lösen vermochte. Fast deuchte ihm, „Old Finely spiele Vorsehung. Er nahm den Gaunern das mühelos erbeutete Geld ab, um es auf eine genial zu nennende Art und Weise den Bedürftigen, durch missliche Umstände im Leben Gescheiterten, zufließen zu lassen. Keiner der auf diese ungewöhnliche Methode „Beschenkten hatte das Gefühl, aus der Hand eines stadtbekannten Strolches eigentlich ein Almosen bekommen zu haben. Es war Gewinn im Spiel, nichts anderes. Erst der Fall des Farmers Harry Stones hatte Sheriff Daxton die Augen geöffnet. Sein Schicksal war weit bekannt und erweckte das Mitgefühl der Bürger von Dallas. Stones war ein Farmer, der aus kleinsten Anfängen begonnen und in jahrelanger schwerster Arbeit Wohlstand und Besitz errungen hatte. Er war Pferdezüchter und es war ihm gelungen, eine besonders wertvolle Rasse heranzuzüchten, die einen hohen Vermögenswert darstellte. Aber eines Tages hatten Banditen die Tiere geraubt. Dieser Überfall kostete seinen ältesten Sohn das Leben, ein anderer wurde schwer verletzt. Wenige Tage später wurde ihm nahezu seine gesamte Viehherde weggetrieben, ein Schlag, der seine Frau aufs Krankenlager warf. Hoffnungslos verschuldet, von den Gläubigern bedrängt, die bereits ihre Hypotheken gekündigt hatten, und zu guter Letzt heimgesucht von einem Brand, den fremde Hand an einen Teil seiner Scheunen gelegt hatte: so stand Harry Stones da, gleich dem „Dulder Job, arm und entblößt von Habe und Besitz.

Eines Tages war er im „Hotel Houston aufgetaucht, um bei einer Flasche Whisky Vergessen zu suchen. Er saß nicht lange allein. „Old Finely hatte an seiner Seite Platz genommen. Kurze Zeit später waren die beiden in ein Kartenspiel vertieft. Stones konnte gar nicht pokern, Finely lernte es ihm, nur so zum Zeitvertreib, wie er sagte. Erst gestern hatte „Lumpen-Tom in der „Tornado-Bar achtundzwanzigtausend Dollar gewonnen. Ein berüchtigter Falschspieler aus Chicago, der seinen „Urlaub in Texas verleben wollte, war sein Opfer gewesen. Und genau diesen Betrag verlor Finely nun an den Farmer Harry Stones. Das musste auffallen. Die Bürger von Dallas aber schüttelten nur die Köpfe über den verdammten Narren, wie sie Finely schimpften, der bei Kartenkünstlern sagenhaftes Glück hatte, bei Greenhörnern aber vollkommen versagte. Stones hätte weiterspielen wollen, immer weiterspielen. Da aber hatte „Old Finely sich für pleite erklärt, mit einem resignierten Lächeln. „Take it easy, waren seine Worte gewesen. Und ein hilfloses Achselzucken war alles, was er noch hinzufügen konnte. Harry Stones konnte seine Gläubiger bezahlen, seine Farm erneuern und wieder ein neues Leben beginnen. „Tom, hatte Sheriff Daxton gesagt, als er den Spieler einmal auf der Straße traf, „wenn du ein paar gute Tipps benötigst –, ich stehe dir zur Verfügung …

„Welche Tipps?"

„Es gibt noch manche unverschuldete Not in unserer Stadt … und es gibt eine ganze Menge Kerle, die mit einer blitzsauberen Weste herumlaufen, und darunter ist weiter nichts als eine schmutzige Seele …"

„Old Finely" hatte zuerst etwas betroffen aus seinen Bartstoppeln geblinzelt, dann aber war es verschmitzt über seine ungewaschenen Züge geglitten.

„Der Doc hat mir viel frische Luft verordnet, Sheriff, hatte er geantwortet, „ich komme viel herum und sehe viel. Es macht Freude, die Menschen zu studieren. Ich brauche keine Tipps –

„Bist ein feiner Boy, Finely."

„Sie verkennen mich, Sheriff – ich bin ein nichtsnutziges Luder, das sicher noch einmal mit Ihrem Gefängnis Bekanntschaft machen wird …"

„Ich glaube nicht. Aber was immer kommen mag, du hast einen aufrichtigen Freund – mich!"

Daran musste Sheriff Daxton nun denken, als er Tom Finely soeben durch die Pendeltür der „Digger-Bar in die verrufene Spielerkneipe treten sah. Sein Gehilfe hatte ihm gemeldet, wer heute Gast in diesem berüchtigten Lokal war, nämlich „Spieler-Joe, einer der erfolgreichsten Falschspieler des Staates Texas, von dem das Gerücht im Umlauf war, er habe noch kein entscheidendes Pokerspiel verloren: Er war – um es mit einem Wort zu sagen – unschlagbar.

Das Auftauchen des Spielers war eine Sensation für Dallas, fast die gleiche, als wenn Chris Loone, der Pokerkönig von Nevada, in der Hauptstadt von Texas aufgetaucht wäre. Chris Loone – oh, das wäre eine feine Sache gewesen. Und ein Treffen dieser beiden Kartengenies … „Spieler-Joe – Chris Loone …, nein, nicht auszudenken! Die ganze Stadt wäre auf den Beinen gewesen. – Vorerst aber war es Sensation genug, dass sich wenigstens der eine der beiden in der „Digger-Bar befand. Nur wenige hatten „Old Finely die Kneipe betreten sehen. Bahnte sich eine neue Überraschung an? Würde es „Lumpen-Tom wagen, „Spieler-Joe zum entscheidenden Gang herauszufordern? Die Kneipe füllte sich. Wie ein Lauffeuer durcheilte die Kunde von dem bevorstehenden Treffen die Virginia Street, wälzte sich über die breite Central Avenue und lockte immer mehr Neugierige, immer mehr Gaffer. „Old Finely war in der „Digger-Bar" verschwunden, und es konnte kein Zweifel bestehen, warum …

Aufregende Stunden standen bevor. –

– – –

Der runde Spieltisch der „Digger-Bar stand nahe am Fenster an der nach Süden gelegenen Wand. Strahlender Sonnenschein überflutete die vom ständigen Gebrauch abgewetzte Holzplatte und warf spiegelnde Reflexe über Gesichter und Gestalten der im großen Rund sitzenden Männer. Nur wenige Spieler saßen einander gegenüber. In ihrer Mitte „Spieler-Joe, ein klein gewachsener, nervöser Mann, dessen Augen wie flackernde Kerzenlichter ständig in Bewegung waren, dessen Hände nicht ruhig liegen oder die Karten halten konnten, und der unruhig auf dem schmalen Hocker hin- und herrutschte, als ob es Methode sei, mit dem Hosenboden die Sitzflächen zu polieren. Ein Nervenbündel, so schien es wahrhaftig. Nur seine engsten Freunde wussten, was Joe damit bezwecken wollte. Auch die aufgebrachten Wellen einer stürmischen See sind nur eine Oberflächenerscheinung, darunter verbirgt sich die tiefe Stille des Unheimlichen. Pokerspielen heißt Bluffen können, und ein nervöser Mann ist dazu kaum in der Lage. Niemand suchte hinter diesem ständig zappelnden Gesellen Konzentration, noch die Gabe zum geschickten Kombinieren. Ein zerstreuter Spieler ist kein Gegner, mit dem man zu rechnen hat. Fürwahr, eine großartige Tour, fette Fliegen ins ausgelegte Netz zu holen. Drüben in Nevada kannte ihn jedes Kind und es war ihm immer schwerer und schwerer geworden, dort noch Opfer zu finden. Vielleicht war es nun seine Absicht in Texas sein Domizil aufzuschlagen?

„Spiele nur mit Cents, brummte Duc Kennedy, „wer spielt schon gegen ‚Spieler-Joe‘ mit Dollars? Nur ein Greenhorn.

Joe gähnte.

„Langweilige Brut, stöhnte er müde, „ein Glück, dass sich mein Pech noch nicht herumgesprochen hat …

„Dein Pech?" Ted Lake machte ein Gesicht, als habe er in eine faule Zitrone gebissen. Hatte er richtig gehört?

„Ich kann schon seit Wochen kein Spiel mehr gewinnen."

„Seit Wochen?"

„Well –, seit Wochen. Joe riss erneut seine Kinnlade auf, eine kleinere Kokosnuss hätte womöglich darin Platz gehabt. Er fand es nicht der Mühe wert, den Mund hinter seinen schmalen Händen zu verbergen. „Habe mir das Gespött der Boys drüben in Nevada lang genug mit angehört, ist mir jetzt zu viel geworden … Klimawechsel –, verstehst du. Okay Duc, spielen wir um Cents …

Das Spiel begann. „Spieler-Joe" schien wirklich eine Pechsträhne zu haben, er verlor und verlor. Unbedeutende Erfolge konnten die Verluste nicht mehr ausgleichen. Man ging zu Dollars über. Joe verlor weiter, bis er schließlich müde abwinkte.

„Genug, Boys, sagte er, „genug für heute. Ich bin kein reicher Mann mehr. Hundert Dollar ist das höchste, was ich pro Tag riskieren kann. Vielleicht …, vielleicht wendet sich mein Glücksstern wieder …

Die Worte des berüchtigten Spielers stießen auf Misstrauen, es handelte sich bestimmt nur um einen geschickten Trick, um ein Einschläferungsmanöver, auf das kein erfahrener Mann hereinfallen durfte. Mit aufmerksamen Blicken beobachtete „Spieler-Joe" seine neuen Freunde. Würden sie ihm glauben? Würde er sie überzeugen können? Es hing verdammt viel für seine zukünftigen Pläne vom Erfolg seiner Worte ab. Wie sollte er je wieder Beute finden, wenn ihm der Ruf der Unbesiegbarkeit vorauseilte? Er musste tage-, wenn es nicht anders ging, wochenlang den Pechvogel spielen, um das misstrauische Interesse gewisser Kreise an seiner Person einzuschläfern. Bis dann seine Stunde kam …, seine große Stunde.

Er blickte zum Fenster. Kopf neben Kopf standen die Gaffer, glotzten durch die halbmatten Scheiben ins Innere der Kneipe, starrten mit großen, neugierig-bewundernden Augen auf ihn. Zum Henker, es war überall und an allen Orten das gleiche Bild. Sein Ruf war ihm also auch nach Dallas vorausgeeilt. Große Spieler und brutale Revolvermänner, sie waren nun einmal die ungekrönten Könige des Landes, die Volkshelden, denen nachzueifern ein nicht unerheblicher Teil der nachwachsenden Jugend als ihre Lebensaufgabe ansah. Im Grunde sonnte sich „Spieler-Joe" in seinem Ruhm wie die Schlange im Wüstensand, aber verdammt, jetzt musste er für eine Weile diesen Nimbus zerstören, musste seinen glänzenden Stern mit hässlichen Flecken verunzieren, er würde dann zu seiner Zeit umso heller erstrahlen. Wie dämlich die Kerle durch die Scheiben starrten, wie Schafe, die nach scharfen Hunden Ausschau hielten. Und erst der Junge! Der Bengel stand in der vordersten Reihe, hatte die Nase platt gegen die Scheiben gedrückt, seine großen fragenden Augen waren unentwegt auf ihn gerichtet. Erwartete dieser Knirps etwa – er mochte höchstens dreizehn Jahre zählen – eines seiner Bravourstücke? Wohl möglich, er sah klug und aufgeweckt aus, und seine flinken Blicke schienen bisweilen wie eine Sonde in Menschen und Dinge einzudringen. Ein interessanter kleiner Kerl, sauber gekleidet, mit einem Gesicht, das schmal und blass von weißblonden Haaren eingerahmt war. Joe ertappte sich dabei, längere Zeit in den offenen Zügen des Jungen zu forschen, obgleich ihn Kinder sonst nicht im Geringsten interessierten. Aber diese dunklen, fast etwas schwermütigen Augen, deren Pupillen schon halb eine Welt spiegelten, die seinem kindlichen Erkennen noch völlig verschlossen sein mochte, ließen ihn nicht mehr los. Sie sahen ihn an und sahen auch wieder an ihm vorbei, und dann richteten sie sich plötzlich in die Höhe, als ob etwas Fremdes, Geisterhaftes hinter dem Rücken des Spielers aufgetaucht sei. Joe blickte sich um. In der Tat – eine höchst merkwürdige Erscheinung, eine verwahrloste Gestalt, ein Individuum in Lumpen gehüllt, war lautlos an den Tisch getreten. Von seinem Gesicht war kaum etwas zu sehen, verwilderte, schmutzüberkrustete Bartstoppeln verdeckten es.

„Ist es einem Gentleman erlaubt, Platz am Kartentisch zu nehmen?", näselte der Zerlumpte. Die Runde rückte mit verstecktem Grinsen etwas zusammen.

„Das ist ,Old Finely‘", stellte Duc Kennedy den Alten vor.

„Old Finely"? Aha. Ein Lächeln flog über die Züge Joes. Er hatte von ihm gehört.

„Der Lokalmatador, gähnte der Spieler. „Wollen wir ein Spielchen wagen? Ich opfere noch fünf Dollar – keinen Cent mehr. Mein Pensum ist bereits erfüllt.

„Fünf Dollar?"

„Old Finely" bewegte ungläubig das Stoppelkinn.

„Joe hat ’ne Pechsträhne im Genick –, er macht es billig", grinste Ted Lake.

„Fünf Dollar? „Lumpen-Tom konnte es nicht fassen. „Ich habe Tausend Dollar dabei."

„Spieler-Joe" lächelte mitleidig. Tausend Dollar? Sie konnten ihn nicht reizen. Er dachte an sein Ziel und an seinen Plan, der ihm bald ganz andere Summen in die Taschen fließen lassen würde.

„Trag sie wieder fort, ‚Old Finely‘. Ich halte nur bis fünf Dollar …"

„Meinetwegen."

„Du willst trotzdem spielen?"

„Trotzdem …"

„Wie viele Teilnehmer?"

Ted Lake und Duc Kennedy meldeten sich, sonst hatte niemand Lust. Sie würden für alle Fälle ihr Geld verlieren, wenn nicht an „Spieler-Joe, an „Old Finely bestimmt. Ted Lake mischte, warf die Karten aus. Duc Kennedy zog die Karo-As. Er musste geben.

„Welches Spiel?", fragte Joe.

„Natürlich Poker."

„Texas- oder den üblichen Poker?"

„Texas-Poker – mein Vorschlag. Nach dieser Spielart war Herz und nicht Karo die höchste Trumpfkarte. „Spieler-Joe verlor weiter, ohne Unterlass. Nur einmal spielte ihm Fortuna ein Straight Flush mit Kreuzen in die Hand, ein reiner Zufall. Es brachte ihm nur einen Dollar. „Old Finely" stöhnte. Mit dieser Karte hätte er bis Tausend Dollar gereizt. Was war bloß

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