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Titanic: Das Vermächtnis

Titanic: Das Vermächtnis

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Titanic: Das Vermächtnis

Länge:
644 Seiten
10 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
13. Juni 2017
ISBN:
9783744878449
Format:
Buch

Beschreibung

In seinem Roman "Titanic - Das Vermächtnis" vereint der Autor drei Genres: Fiktion, Sachbuch und Lovestory. Hintergrund ist der gravierende Fehler in James Camerons Spielfilm von 1997, wie der Schiffsrumpf der Titanic auseinander brach. Der Autor geht dem auf den Grund und lässt zugleich das legendäre Wrack bergen. Neue Erkenntnisse zum Untergang sorgen dabei für Furore, starke Gefühle und erotische Finessen hingegen in der Liebe. Das Bild für die Buchumhüllung (Cover) steuerte Rudnicks Tochter Susanne bei.
Altersempfehlung: 18+
Herausgeber:
Freigegeben:
13. Juni 2017
ISBN:
9783744878449
Format:
Buch

Über den Autor

"Schreib' doch mal ein Buch!" So oder so ähnlich gingen dem Autor Dank und Anerkennung zu, wenn er den einen oder anderen Text mit seinem eigenen rhetorischen Schliff versah. Sei es, einem Amtsschreiben die biedere Note zu nehmen oder einer unvergesslichen Anekdote Leben einzuhauchen. Natürlich reichen derart kleine Textpassagen nicht aus, um sich tatsächlich an einem Buch zu vergehen und das war auch der Grund, warum er die Worte lange Zeit nicht ernst nahm. Das Schreiben war auch nicht sein eigentliches Ziel im Leben. Erst mit 60 wurde er sich der Bedeutung bewusst und wagte den Sprung in die Welt des Buchautors. Detlef Rudnick wurde am 31. Mai 1957 in Ostberlin geboren und ist dort aufgewachsen. Seine stark konservativ geprägte und kritische Haltung zum Weltgeschehen brachte ihn oft den Spitznamen "Querulant" ein. Mit seiner Haltung gegenüber dem kommunistischen Regime der DDR, schaffte er es im Sommer 1988 nach vier Jahren in den Westen auszureisen und lernte noch so den Westteil seiner Heimatstadt vor der Wende kennen. Die Erfahrungen seines Lebens lässt er in seinem ersten Roman zum Teil wieder aufleben. Dem Protagonisten seiner Handlung verpasste er einige der düsteren Kapitel. Dinge die nicht erst recherchiert werden mussten, weil die eigene Erfahrung sich generell als beste Recherche erweist. Er lebt heute zurückgezogen am Stadtrand südwestlich von Berlin.


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Buchvorschau

Titanic - Detlef Rudnick

Es muss schon ein sehr unangenehmes Gefühl sein, wenn man in der Mitte seines Lebens steht und feststellt, dass man alles falsch gemacht hat. Mit ungeheurer Wucht schlägt das Sündenbarometer zu Buche und führt einem haargenau die eigenen Fehler und Schwächen vor Augen. Man fängt an zu vergleichen, zu grübeln, mitunter auch an sich selbst zu zweifeln und kommt doch nicht auf einen Nenner. Man fühlt sich als Versager, als Taugenichts, der es eh zu nichts bringt im Leben. Zu sehen, dass es nicht das eigene Zutun sondern meist äußere Einflüsse waren, die einen ins kalte Wasser geschubst haben, das gelingt so gut wie gar nicht.

So geht es vielen Menschen. Auch in einer kritischen Zeit der Globalisierung, des Euro-Wahns und der von Inflation zerrütteten Wirtschaft war das so. Wer einen Job hatte, konnte sich glücklich schätzen. Egal, wo immer er auch arbeitete. Die Frage nach Überqualifizierung oder ob der Job einem überhaupt liegt, stellte sich erst gar nicht. „Tz, sonst noch Wünsche? Sei froh, dass du Arbeit hast.", lautete die gängige Abfuhr der Allgemeinheit.

Die wenigen Nutznießer in Ausübung eines echten Berufes sind immer die Gewinner, egal in welcher Zeit. Sie verdienen eben nicht nur Geld sondern gehen in dem, was sie tun auch vollkommen auf. Beruf kommt ja von Berufung. Sich zu etwas berufen fühlen oder seiner Berufung nachgehen und damit Geld verdienen bedeutet: gesellschaftliches Ansehen, mitreden und mitbestimmen und das wichtigste, nach der Arbeit seinen Kopf frei zu haben für die Frau, die Kinder, die Familie. Ja, solche Menschen sind wirklich zu beneiden. Auch Alexander gehörte dazu, hatte eine kleine, junge Familie und einen echten Beruf, der ihn erfüllte. Doch er wurde in einer Zeit ausgeübt, als Deutschland geteilt war und prekäre politische Verhältnisse seine Arbeit überschatteten. Immer wieder blies ihn der eiskalte Wind politischen Ursprungs ins Gesicht und stellte seinen gesellschaftlichen Standpunkt in Frage. Tag für Tag wurde er daran erinnert, dass eine Mauer das Land teilte und an eine Überwindung nicht zu denken war.

Im Alter von vier schenkte ihm sein Vater eine elektrische Eisenbahn. Sie war der Beginn einer Leidenschaft. Die Bahn als Hobby, als Berufung, ja als ganzer Lebensinhalt. Die Bahn hatte etwas Mythisches. Sie war technisch und sie war interessant. Vor allem aber war sie alt. Alexander hatte ein Faible für alte Schienenfahrzeuge, vor allem für Dampflokomotiven. Für ihn war es faszinierend zu beobachten, wie die schwarzen Kolosse ihre Kräfte umsetzten. Die Bahn als Leidenschaft weckte auch seinen Erfindergeist, der ihm bei Tüfteleien so mancher technischer Knowhows zur Seite stand. Eine seiner größten Herausforderungen war eine Spezialkonstruktion, fähig, den Abstand zweier Schienenfahrzeuge in den Kurven soweit zu vergrößern, dass sie sich nicht verkanten konnten. Besonders für Freunde von Miniaturbahnen hätte es äußerst vielversprechend sein können. Seine Idee erwies sich allerdings als unausgereift. Die Kräfteverteilung war nicht stabil genug, für die Praxis folglich ungeeignet, so dass Alexander die Idee zunächst für sich behielt. Erst Jahrzehnte später sollte sie der Schlüssel für eine ganz andere Inspiration sein.

Auch von der S-Bahn in Berlin war Alexander fasziniert. Für ihn war sie so etwas, wie Geschichte zum Anfassen und für ihn stand sehr bald fest, S-Bahn-Züge würde er gern fahren wollen und so geschah es. Die Leidenschaft wurde sein Beruf. Tag und Nacht kurvte er die Veteranen durch die geteilte Stadt. Gemäß dem Wohlwollen machtbesessener natürlich nur durch einen Teil. Es gab kaum eine Situation, in der die Teilung so unmissverständlich vor Augen geführt wurde, wie in seinem Beruf. Spätestens im Bahnhof Friedrichstraße, der Endstation aller stadteinwärts Fahrten wurde er daran erinnert. Dieser Bahnhof war selbst im Kreise renommierter Fachleute ein absolutes Paradoxon. Die Station beherbergte, trotz ihrer bescheidenen Ausmaße, zwei separate Kopfbahnhöfe und einen Durchgangsbahnhof. Auf Grund politisch bedingter Tabus über eine mögliche Verflechtung blieb Friedrichstraße bis zum Fall der Mauer ein bahnbetrieblicher Sonderfall. Und davon hatte diese Stadt einige zu bieten, wenn auch sehr viel unspektakulärer. Der S-Bahnhof Wollankstraße, der komplett zu Ostberlin gehörte, von dort aber nie zu erreichen war, gehörte dazu. Wie auch brisante Fahrten durch das Grenzgebiet zwischen den S-Bahn-Stationen Pankow und Schönhauser Allee. Schnurstracks unter der Böse-Brücke hindurch, die als einzige das Privileg besaß, beide S-Bahn-Netze, das Ost- und das Westnetz sinnbildlich zu vereinigen. S-Bahnzüge beider Teilnetze durchfuhren gemeinsam dieses Brückenwerk, ohne Chance, die Seiten wechseln zu können. Auch das war paradox und die Brücke müsste in Erinnerung daran eigentlich Brücke der Einheit heißen.

Für Alex waren all diese Eindrücke natürlich Selbstverständlichkeiten. Er ist damit aufgewachsen. Die Frage nach dem „Warum? beschäftigte ihn viel mehr und führte ihn automatisch in die Vergangenheit zurück. In eine Zeit, als an Mauer und Netzteilung noch nicht zu denken war. Jede Entdeckung, jedes Aneinanderfügen von Mosaiksteinchen aus der Geschichte wurden Teil seines wachsenden inneren Widerspruchs. Immer öfter durchlebte er virtuell die S-Bahn, so lebendig, wie sie wohl einst gewesen sein muss. Der Beruf machte ihm Spaß aber er schwebte mit ihm mehr und mehr in der Zeitebene Null". So definierte er die Situation, wenn er einen betagten Zug übers Netz kurvte und sich ausmalte, mit demselben Zug 30, 40 oder auch 50 Jahre zuvor an gleicher Stelle zu sein. Das gelang natürlich ganz hervorragend an den noch unversehrten Abschnitten des alten Schienennetzes. Wie zum Beispiel den Weichen vor dem Bahnhof Ostkreuz. Besonders im Sommer, wenn die gleißende Sonne die Führerstände aufheizte und zum Herablassen der Seitenfenster zwang, ergab sich eine eindrucksvolle Geräuschkulisse. Das Poltern der Schienenstöße, das angrenzende Wohnhäuser beim Passieren dieser Weichen zurückwarfen, beflügelte geradezu seine Phantasie. Adrenalin und Gänsehaut pur waren garantiert, wenn der Widerhall vom gesamten Zug seine Ohren erreichte und er sich wieder in der Vergangenheit wähnte.

Die Vergangenheit: mehr und mehr wurde sie zum Meilenstein einer weitreichenden Entscheidung. Er hatte die Absicht, mit Kind und Kegel in den Westen zu entrinnen. Ein Entschluss, der, soweit in die Wege geleitet, kein Zurück mehr zuließ. Nicht allein die Neugier war es, die ihn natürlich auch piesackte, erleben zu können, wie es sich wohl über das tabuisierte Westnetz fahren würde. Nein, er sah vor allem das gebrochene Herz dieser einst so triumphalen S-Bahn und die Schuld daran allein im Osten verankert. Mit Hilfe der Betriebsrechte, gerade auch über die S-Bahn in Westberlin Macht zu demonstrieren. Längst war sie zur politischen Waffe verkommen. Ein Aufhänger zänkischer Steinzeitkommunisten. Der kalte Krieg war voll im Gange. Alex konnte und wollte sich mit so einer Situation nicht mehr abfinden. Der Grund seiner Abkehr hatte Gestalt angenommen. Zudem stärkten andere Unzulänglichkeiten, Mangelwirtschaft und ein ewiges finanzielles Knapsen seinen Entschluss. Nach jahrelanger Tortur durch Staatsdiener der DDR kam der erlösende Moment. Alex siedelte in den Westen über, wie es so schön hieß. Allerdings ohne Kind und Kegel. Seine Lebenspartnerin zog sich aus dem Ausreisebegehren zurück. Sie wollte im Osten bleiben. Nebst der kleinen Janine, ihrer Tochter, die an ihm hing und ihn als Papa sah. Sie durfte nicht, denn Alexander galt als Deserteur. Ein Bruch, wie es schien, für immer. Denn Frau Mama setzte alles daran, das Kind von ihm zu entwöhnen.

Beruflich musste Alex sich nun völlig neu orientieren. Das störte ihn nicht, solange er sich mit einem neuen Job arrangieren konnte. Nach einigen anfänglichen Schlappen wurde er bei der Post sesshaft. Die erste Wohnung ließ nicht mehr lange auf sich warten und auch sein allererstes Auto war bald in Sicht. Nur eine kleine Hürde machte ihn zu schaffen. Ihm fehlte definitiv die Fahrpraxis. Die letzte Fahrt war auf einem Armee-LKW der NVA. Genau dort, wo er den Führerschein gemacht hatte. Das war schon eine halbe Ewigkeit her. Alex überlegte, ob er vielleicht ein paar Fahrstunden nehmen sollte. Als es soweit war, konnte er Karin, eine seiner Kolleginnen für den Nachhilfeunterricht gewinnen und natürlich blieb es nicht nur dabei. Die beiden wurden bald ein Paar.

Arbeitsmäßig durchlief Alex so einige Bereiche der Post. Besonders als die Mauer überraschend fiel und Deutschland wieder vereinigt war, ging es Schlag auf Schlag. Vom Innendienst bis zum Versandfahrer war so ziemlich alles dabei. Nun sollte er ausgerechnet in den Zustelldienst. Das war sein allergrößter Alptraum. Ohne berufliche Rehabilitierung – die blieb ihm dank deutscher Amtsarroganz verwehrt – konnte er nicht viel ausrichten. Mit der Krise im Job bröckelte auch bald die Liebe. Karin trennte sich von ihm und Alex sah die Trümmer seines Lebens. Ein kleiner Wiederbelebungsversuch war TITANIC. Der Film lief gerade in den Kinos und Alex hoffte auf ein Comeback. Leider hatte es nicht funktioniert und es blieb beim letzten gemeinsamen Kinobesuch. Der Film aber hatte es in sich und so war Alexander dennoch dankbar, dass der Vorschlag von ihr kam. War es Schicksal oder doch nur Zufall, dass Karin ging und der Film quasi einen Quantensprung in seinem Kopf auslöste? Wie dem auch gewesen sei, Alex ging ein zweites und auch ein drittes Mal zu diesem Film ins Kino. Aufmachung und Story überzeugten schlichtweg und für ihn war es Anbeginn einer neuen Leidenschaft. Die Titanic vereinnahmte ihn total. Zunächst unmerklich. Doch im Laufe der Zeit wurde sie wie einst die Bahn sein Lebenselixier. Dem stand nur der Zeitfaktor störend gegenüber. Der Job als Postbote oder Zusteller, wie er eigentlich richtig heißt, ließ ihm viel zu wenig Kraft und Zeit. Er war zermürbend, so wie es Alex bisher noch nicht erlebte. Nur blieb ihm keine andere Wahl. Er hatte ja die Wünsch-dir-was-Altersschwelle schon lange überschritten und auf dem Arbeitsmarkt sah es mehr als nur düster aus.

Der neue Arbeitsbereich wurde genau, wie das armselige Dahinvegetieren vor seiner Ausreise sein nächster großer Lebenseinschnitt. Er hasste diese Art von Arbeit. Die Bewältigung chaotischer Zustände, die abverlangt wurde, war nichts für ihn. Das ständige Improvisieren, sich sprunghaft auf Überraschungen einzustellen und trotzdem das gut gelaunte Grinsebäckchen zu spielen, war für ihn der Nerventod auf Raten. Täglich neue Erfahrungen unangenehmer Natur: fortwährend unüberschaubares Schwanken von Sendungsmengen, die Launen so mancher Kunden und vor allem Klabautermann in Hülle und Fülle. Manchmal sogar zwei oder drei parallel. Klabautermann war die abwertende Bezeichnung Alexanders gegen jede Art von Werbung, die über die Post vertrieben wurde. Die Artikulierung entsprach seinem sonderbaren Humor. Ein recht bissiger Sarkasmus, mit dem nicht jeder klar zu kommen vermochte.

Eine leichte Beschwichtigung in seinem ungeliebten Job stellte sich erst nach vielen unerträglichen Jahren ein, nachdem er „die Karriereleiter eine halbe Sprosse aufwärts erklommen hatte, wie er es so schön formulierte. „Vom Springer zum Stammzusteller hochgeschossen, der helle Wahnsinn. Alexander parodierte zu gern künstlich überbewertete Zustände. Auch wenn er eigentlich hätte zufrieden sein müssen, im Vergleich zu seinem gediegenen Bahnberuf, dem er wehmütig nachtrauerte, konnte der gegenwärtige nicht annähernd mithalten! Immerhin kehrte mehr Gelassenheit in sein Leben zurück. Endlich vermochte die Zeit wieder für ihn zu arbeiten und er konnte sich mehr denn je seiner gewonnenen Leidenschaft, der Titanic widmen. Längst stolzer Besitzer mehrerer Lektüren, hatte er endlich wieder Gelegenheit seinem Hobby nachzugehen. Wann immer es die Zeit erlaubte, befasste er sich damit. Neben einigen kostbaren Büchern eröffnete ihm auch das Internet einen schier unbegrenzten Zugang zu zahlreichen Informationen und das nicht allein in Form lesenswerter Inhalte. Auch Unmengen von Bildern konnte er ordern und das ganz ohne Extra-Kosten. Alex war mitunter so vertieft, dass es ihm schwer fiel, sich abends rechtzeitig davon zu lösen.

Irgendwann in dieser beflissenen Zeit begann er sich intensiver für das Wrack zu interessieren. Nicht ohne Grund, versteht sich. In Alex schlummerte eine Vision. Zunächst nur als Spinnerei. Nach und nach wurde daraus aber ein hartnäckiger Wunsch und er begann diesen zu relativieren. Seine Vision war, das Wrack bergen zu können. Ideen hatte er einige. Die Frage war nur, welche unter ihnen Bestand haben könnte. Immer wieder betrachtete er die Bilder vom Wrack, die sich im Laufe der Jahre auf vielfache Weise manifestiert hatten. Die wohl größte Herausforderung schien das Heckteil zu sein und der Anblick ließ ihn zweifeln. Es machte einen äußerst instabilen Eindruck. Von der weit verbreiteten Theorie, dass beim Untergang des Hecks noch jede Menge Luft eingeschlossen war, die letztlich zur Implosion geführt haben muss, war auch Alex überzeugt. Die enormen Zerstörungen an dem nicht gerade kleinen Heckteil ließen keine andere Argumentation zu. Er stellte die Bergung des Hecks ganz nach hinten an. Wahrscheinlich müsste es als letzte Option übrig bleiben, oder tatsächlich von einer möglichen Bergung ganz zurück gestellt werden. Viel aussichtsreicher sah das Vorschiff aus, das abgesehen vom Bereich der Bruchstelle einen relativ stabilen Eindruck machte. Alex war überzeugt, dass Bug- und Rudersteven beider Wrackteile die stabilsten Segmente an sich seien und fasste die ersten Gedankengänge in eine Art Bestandsaufnahme zusammen. Jeder gegebene Faktor entschied schon im Vorfeld über einen gewissen Grad an Möglichkeiten, ohne dass sich bereits Fehler einschlichen.

Tagein, tagaus vergingen so die Jahre. Ausgefüllt vom ungeliebten Job einerseits und seiner wahren Bestimmung, an der Alexander stetig wuchs andererseits. Liebe – was hätte er mal alles dafür gegeben – die gab es nicht mehr. War er früher an den Körben fast zerbrochen, die er oft genug einstecken musste, so verschwendete er keinen Gedanken mehr an unerfüllbare Sehnsüchte. Zu sehr war er vertieft in der Titanic, die ihn regelrecht beherrschte. Bis zu jenen Tagen im Sommer 2016, an denen seine Gewohnheiten auf ungeahnte Pfade gerieten. Dabei deutete zunächst nichts auf eine Veränderung hin. Alex hatte sein langes freies Wochenende. Es war eine der wenigen Annehmlichkeiten in seinem Job, an drei aufeinanderfolgenden Tagen nicht arbeiten zu müssen. Nur alle sechs Wochen kam man in den Genuss. Seit jenem Wochenende erblühte die Nachbarschaft zu neuem Leben. Frau Schulz, eine betagte Dame von nebenan war Anfang vergangenen Jahres verstorben und die Wohnung seither unbewohnt. Sie gehörte zu den sanierungsbedürftigen Leerständen, die keiner haben wollte, bis sie von Seiten des Vermieters auf Vordermann gebracht wurde. An diesem Samstag war es soweit. Interessenten versammelten sich zur Besichtigung. Auf dem Weg zum Supermarkt passierte Alexander die Traube an Menschen, die unten vor der Haustür auf ihren Ansprechpartner warteten. Darunter Familien, junge Paare, Senioren aber auch recht schrill wirkende Leute aus der Punkszene. Nur eine einzige Persönlichkeit fiel äußerst angenehm aus dem Rahmen. Eine adrette junge Frau, von der Alexanders Augen nicht mehr weichen wollten. Wie unter der Autorität eines Tribunals erlag er der fesselnden Ausstrahlung und dachte: „Gott! Was für eine Augenweide! Und die Haare, wie schön die in der Sonne glänzen! Traumhaft, dieses satte kastanienbraun und die Fülle erst! Wie sehr hatte er sich immer so eine Frau gewünscht. „Man, dachte er, „so eine an der Hand zu haben, muss der absolute Wahnsinn sein." Und mit einmal sah er all die Kandidatinnen aus längst vergangenen Tagen vor sich, wie sie ihn abblitzen ließen, ja mitunter sogar lächerlich machten, sobald er sich für sie interessierte. Der Vergleich reichte, um sofort zu resignieren. Keine Frau konnte sich mit ihr messen. Sie war einfach überwältigend und er wusste, dass er keinerlei Chance hätte. Plötzlich erblickte sie ihn und Alex wich ihren Augen sofort aus. Er fühlte sich ertappt und bemerkte nicht, wie sie versuchte ihn anzulächeln. Seine Schwäche für rassige Frauen war ungetrübt und nichts wünschte er sich mehr, als so ein Exemplar an der Hand zu wissen. Doch die Angst vor einer Abfuhr war um ein Vielfaches größer, so dass es stets nur ein Traumzustand blieb. Leichteren Mutes, sich im Schutz der gewonnenen Distanz sicherer bewegen zu können, spielte sich bis zum Erreichen des Marktes die kurze Begegnung wieder und wieder im Kopf ab und auch wenn er eine scheißende Angst davor hatte, erneut in ihrem Bann zu geraten, so hoffte er doch, dass genau diese Frau den Zuschlag für die Wohnung bekäme. Auf dem Weg zurück, mit den Einkäufen in der Hand, bemerkte er, dass sich die Traube in Luft aufgelöst hatte. Teils erleichtert aber auch betrübt erreichte er sein Stockwerk und sah die offene Tür der Nachbarwohnung. Sehnsuchtsvoll schielten seine Augen nach ihr, dieser umwerfenden Erscheinung und da war sie wieder. Erneut kam es zu einem Flash von Blicken, denen Alex wieder blitzartig auswich. Ihm schlotterten nur so die Knie und flink wie ein Eichhörnchen war er in seine rettende Wohnung geflüchtet. Tief Luft holen musste er und die Faszination an diesem Prachtweib erst mal sacken lassen. Am liebsten hätte er sich in seinen Allerwertesten beißen können. Seine eigene Feigheit und seine Lähmung, auf Frauen, die seinen Vorstellungen entsprachen, nicht zugehen zu können, machte ihn total zu schaffen und es kam auch nach dem Zuzug dieser agilen Schönheit lange Zeit nicht zu einem einzigen Wortwechsel. Immer wieder suchte die schlanke Frau den Kontakt zu ihrem Nachbarn. Es half nichts. Seine Hemmungen waren zu groß und es vergingen weitere Wochen, ohne dass sich das Geringste änderte.

Alex hatte sie bald aus dem Gedächtnis verdrängt. Viel zu spät kam er täglich von Arbeit nach Hause, um ihr noch über den Weg zu laufen. Öde wie an jedem Morgen vor Arbeit, schrillte auch am letzten Tag vor seinem Urlaub ein beißender Weckton durchs Gehör. Und wie immer versuchte Alex den Störenfried zu greifen, um ihn zum Schweigen zu bringen.

„Oh Gott, ist es schon wieder soweit?" Morgen für Morgen durchsetzte der gleiche Seufzer die wohltuende Stille. Die Antipathie gegen den Job, insbesondere die lähmende Machtlosigkeit, etwas dagegen auszurichten, war frustrierend. Immerhin, das letzte Mal! Dann endlich drei Wochen nichts hören und sehen von Arbeit!

Ein kurzer Blick zur Uhr: „Jetzt aber raus, sonst komm ich noch zu spät. Der Tag fiel auf einen Sonnabend, den ersten im Oktober. Wie immer war das einer zum Würgen und wie immer war der mit Klabautermann. Ein Scheiß aktuell", diese Werbung gehörte zu den Errungenschaften der Post, den Leuten am Fuße ihres Imperiums den Feierabend gehörig zu versauen! Hunz und Kunz erhielten den Mist und die bissige Bezeichnung passte, wie die Faust aufs Auge. Ein Sammelkomplex mehrerer Ladenketten und eine lächerliche Zettellage vom Fernsehprogramm der kommenden Woche. Alles fein säuberlich in einer Folie eingeschweißt und immer zum Wochenende zu verteilen. Selten mal die Chance vor 18 Uhr zu Hause zu sein. Eher später. Zu müde und ausgepowert, um noch was zu erleben, geschweige den Fernseher anzumachen oder ein Video zu gucken.

Die Schwarzmalerei trügt fast nie. Ein grässlicher Tag war geschafft. Auf dem Nachhauseweg fielen mir die Augen zu. Sollte ich vielleicht mal kurz rechts ran, nur ein paar Minuten an die frische Luft? Ach Quatsch, die paar Meter nicht mehr. Einkaufen musste ich ja schließlich auch noch.

Gegen 19 Uhr 30 war ich endlich zu Hause. Der gleiche Trott wie jeden Tag nach Feierabend: abgespannt aber erleichtert leerte ich den Briefkasten und sortierte Klabautermann noch unten aus. Ein Scheiß aktuell hatte ich natürlich auch bei mir im Kasten, nur in diesem Fall als Kunde. Dazu die vielen bunten Zetteleien und Werbeprospekte von Teppich-, Möbel- und sonst welchen Schnick-Schnack-Märkten. „Den Quatsch brauch ich nicht. Auch das regionale Wurschtblatt nicht und ebenso wenig Bettelbriefe von den Banken wegen verheißungsvoller Wucherkredite. Der absolute Reißer jedoch war ein origineller Flyer im aparten Popelgrün: „Austausch für Menschen in psychischen Krisen, Angehörige und Professionelle, war darauf zu lesen. „Nein was für ein Mist., dachte ich. „Womit sich manche Geld machen, ist unglaublich!, und schüttelte nur den Kopf. „Oh, was ist denn das? Behutsam zog ich einen Brief aus dem Werbemüll, betrachtete ihn skeptisch von beiden Seiten und wunderte mich über den Absender einer Mediengruppe. Man muss aufpassen, dass einem das wichtige nicht versehentlich mit der Werbung in den Müll entwischt! An der Frankierung ließ sich ablesen, dass der Brief nicht von uns, also der Post sondern von der Konkurrenz zugestellt wurde und er genoss als einziger die Priorität, in meine Wohnung zu gelangen! „Na Klasse, dachte ich, „die Konkurrenz stellt die richtige Post zu und wir die Abfalleimerreste." Meine innere Stimme zwickte mich unversehens, doch endlich erhört zu werden. Seit ewigen Zeiten nahm ich mir vor, den Briefkasten mit dem freundlich drohenden Werbetabuaufkleber zu spicken, um der schier unermesslichen Werbeflut tagtäglich einen Riegel vorzuschieben. Ich weiß nicht warum aber irgendwie hab ich es nie in den Griff bekommen, mir so einen Fummel mal zu besorgen. Ich versprach meiner inneren Stimme, mich darum zu kümmern.

Oben in der Wohnung brauchte ich erst mal einen schönen heißen Kaffee. Während der durchlief, ließ ich mich in dem Drehstuhl vor meinem Laptop nieder und öffnete den Brief von der Media Trallala. Er enthielt die Kartenreservierung für das Fernsehquiz Joker-Joker am nächsten Sonnabend, um die ich mich nach der vergangenen Show bemüht hatte. „Perfekt.", dachte ich und meine Laune war wieder ganz oben angelangt. Allein, weil nach Zeiten ständiger Niederlagen auch mal wieder etwas Positives ins Leben schwappte. Hatte ich doch nicht ernsthaft daran geglaubt. Flüchtig überflog ich das beigefügte Schreiben. Für mich war nur Veranstaltungsort und Zeit von Bedeutung und natürlich bis wann die Reservierung zu bezahlen war. Alles andere war mehr allgemeines Bla-Bla, das mich nicht interessierte.

Aufgewühlt von der angenehmen Überraschung beschloss ich den Laptop nicht mehr zu fordern, ließ meine Augen vom Hintergrundbild ab. Das System fuhr ich nie runter. Das taten die zwangsläufigen Updates von Zeit zu Zeit schon ganz allein. Ich ließ den Lappi immer laufen. Der war so eingestellt, dass nach gewisser Zeit das System in den Ruhezustand versetzt wurde. Das fand ich besser, weil einerseits die Lüftung noch arbeiten und die CPU im Leerlauf kühlen konnte und andererseits das System schneller wieder betriebsbereit war, wenn ich es mal rasch brauchte.

„Also Schluss für heute, dachte ich, nahm mir einen Kaffee und ließ mich von meiner Mukke berieseln. Jean-Michel Jarre" erwog ich als goldrichtige Entscheidung, um mich von den Strapazen des Tages zu erholen. Wunschentsprechend schob ich die CD in den Player, setzte mir die Kopfhörer auf und schloss die Augen. Das tat gut. Ich konnte die Seele baumeln lassen und vollkommen aufgehen in der Musik. Ich war schon weg, als mich innerlich etwas aufrüttelte. Ich hatte geträumt, von einem Sandsturm und einer Frau, die ich schon lange zu kennen schien. Ein Stadttor und eine alte Stadt kamen auch noch darin vor. Aber ich bekam den Traum nicht mehr in allen Einzelheiten hin. Die Kopfhörer hingen noch halb über meinem Kopf und die Anlage war noch immer an aber stumm. Ich war, wie so oft, unter der Müdigkeit, die der Arbeitstag stets forderte, eingenickt.

Im Zimmer war es stockdunkel. Mein Blick schweifte zur Uhr im Display meiner Anlage. Oh Gott, halb drei, mitten in der Nacht! Matt sackte ich in die Waagerechte zurück. Nach Aufstehen stand mir nicht der Sinn. Nicht um diese Zeit. Der Traum beschäftigte mich. Weshalb ich mir – halb im Tran – vornahm, am Tage mein schlaues Büchlein der Traumdeutung zur Hand zu nehmen. Vielleicht ließe sich das eine oder andere heraus kitzeln? Aber das hatte Zeit.

Per Fernbedienung machte ich die Anlage aus, entledigte mich der Kopfhörer, drehte mich zur Seite und sackte nochmal weg. Erst als es hell war, war ich fit wie ein Baby. Au man, noch immer steckte ich im Strampelanzug – diese alberne Postkluft. Dass ich entsprechend meinem Musikgenuss wegnicken würde, war eigentlich auch nicht gedacht. Egal. Niemand war da, der das auswerten würde und es stand auch nichts Außergewöhnliches an, so dass mir diese kleine Nachlässigkeit ziemlich schnuppe sein konnte. Es war Sonntag und mein Adlerauge erspähte auf dem Zeitgeber, dass es kurz nach neun war. Gemütlich latschte ich in die Küche und setzte neuen Kaffee an. Dann ab unter die Dusche. Endlich raus aus den widerlichen Klamotten und vom milden Duschstrahl berieseln lassen. Ich war guter Dinge und begrüßte diesen herrlichen, garantiert stressfreien Tag in meinen Gedanken. Frische Socken und Slip hatte ich schon im Bad parat. „Was ist mit rasieren? Hm. Kritisch glitt meine Hand über beide Wangen. „Ach Quatsch, heute nicht. Geistesgegenwärtig summte ganz kleinlaut: „Was ist mit ‘ner Frau?, wie ein Einwand über meine Lippen und schon hatte ich den auch wieder beiseitegeschoben: „Mit ‘ner Frau ist wohl heute kaum zu rechnen. Und selbst wenn, Dreitagebärte sind bei Frauen absolut in. So viel wusste ich wohl, wie sie ticken. Da! Plötzlich sah ich sie wieder vor mir, diese göttliche Pracht mit ihrer Wahnsinnsausstrahlung. Längst war sie nebenan eingezogen. Doch der Mut, es einfach mal drauf ankommen zu lassen und ihr nicht wieder auszuweichen, fehlte mir noch immer. „Einfach mal bei ihr klingeln! Nein auf keinen Fall! Vielleicht würde sie mir gerade heute nochmal zufällig vor die Flinte hoppeln. Das wäre ja..., so feuerte es durch meinen Kopf, ohne auch nur annähernd zu wagen, die ersehnte Chance auf so eine Frau zu Ende zu denken. Mein Verstand signalisierte nur, dass sie wegen mir garantiert nicht mehr daher gehoppelt käme und so etwas auch nicht nötig hätte. „Oh, ja. Ich musste mir wieder ganz klein eingestehen, ihrem Erscheinungsbild nicht annähernd gewachsen zu sein und verdrängte sie, unter dem Schutz meines Panzers auch gleich wieder aus den Gedanken.

Beim Frühstück ließ ich mich noch einmal von Jean-Michel Jarre berieseln. Ich mochte seine Musik sehr. Besonders Oxygene II. Der Song ging mir total unter die Haut. Während er über die Lautsprecher lief und ein Schauer meine Haut entlang huschte, entsann ich mich meines nächtlichen Traums. Halbkauend mit einem Happen im Mund schwang ich mich zum Schrank, wo das Buch lag. Schwupp. Ein kurzer Griff – die Neugier hatte mich einfach gepackt. So versuchte ich schon beim Frühstück einen Teil deuten zu können. Aber ich musste passen. Der Traum war undefinierbar. Ein Sandsturm tauchte in der Stichwortsuche gar nicht erst auf. Die Stadt sollte eine Frau symbolisieren und das Stadttor ihre Scheide. „Was für ein Quatsch!, dachte ich und schüttelte den Kopf. Ich war hinterher genauso schlau wie vorher, runzelte nur die Stirn und beschloss nicht weiter darüber zu rätseln. Aber die Erklärung hatte in mir etwas ausgelöst. Die Scheide! Allein dieses Wort hämmerte ein paar Mal durch meinen Kopf und ich malte mir zwei schöne volle Schamlippen aus. Ja, ich steigerte mich regelrecht hinein, bekam automatisch einen Ständer und sehnte mich nach einer Frau. Plötzlich klingelte es an der Wohnungstür. Erschrocken fuhr ich zusammen. Hatte ich doch damit nicht gerechnet. Ein kurzer Blick durch den Türspion ließ mich auf der Stelle erstarren und ein ehrfurchtsvoller Schauer überzog meinen ganzen Körper: „Mein Gott, das ist sie! Meine neue Nachbarin! Au man, was mach ich bloß? Sollte ich einfach die Tür öffnen? Noch zögerte ich. Mir schwante, sie hätte mich längst bemerkt und richtig: schon klingelte es zum zweitem Mal. „Ich k…, komme schon!, rief ich zitterig und unter Herzrasen öffnete ich zaghaft die Tür. „Oh, Sie müssen nicht gleich kommen. Es reicht, wenn Sie erscheinen., entgegnete sie pfiffig und fuhr genauso rasant fort: „Guten Morgen. Endlich erwisch‘ ich Sie mal. Ich fühlte mich ertappt, zitterte am ganzen Körper und versuchte meine Unsicherheit zu verbergen. Aber meine Rechnung ging wohl ohne sie auf. Einer Frau ihres Kalibers kostet es gerade mal ein Lächeln, die männliche Schwäche zu durchschauen und sie ließ es mich auch prompt spüren! Mit einem demonstrativen Aufschütteln ihrer offenen Haare verdrehte sie mir keck die Augen und machte aus dem Gefallen, um den sie mich bitten wollte, kurzer Hand ein Katz-und-Maus-Spiel: „Sagen Sie, Sie haben nicht zufällig ein paar Eier für mich? Frech genoss sie den Nervenkitzel und ließ unmissverständlich ihre Zungenspitze gucken. An meiner immens gestiegenen Nervosität und meinem roten Kopf bemerkte sie das unterschwellige Knistern ihrer Äußerung. Verschmitzt lächelte sie und korrigierte dann: „also ganz normale Eier, mein‘ ich. Meine eigene Verunsicherung war mir total peinlich und ich wäre in dem Moment am liebsten im Boden versunken! Souverän hatte sie das Ganze abgefangen, fuhr fort, dass sie am Nachmittag Geburtstagsgäste erwarte und Kuchen backen wolle aber beim Einkauf dummer Weise vergaß, Eier zu holen. „Na warte!, dachte ich hohen Rosses, wollt‘s ihr nachmachen und den Ball genauso gekonnt zurückspielen: „Na, wa…, was für a…, ein Glück, dass Ih…, Ih…, Ihr Nachbar hier schnell mal so mit a…, a…, ein paar Eiern aushelfen kann, nicht wahr? So purzelte mein Kauderwelsch über die Lippen, während ich mit aufgeweichten Knien in die Küche stolperte, um sie zu holen. „Drei bitte, wenn es möglich wäre!, rief sie mir kichernd hinterher und blieb dabei ganz cool. Längst hatte sie mein schwaches Selbstwertgefühl erkannt und ist auf den Versuch meiner Posse gar nicht weiter eingegangen. Geschickt vermied sie, die Situation wieder anzuheizen. Ich konnte es natürlich nicht lassen, versuchte nochmal zu imponieren und stotterte gleichsam armselig heraus: „O-oh, oh, drei? Der a…, a…, arme Mann!, während ich ihr zitternd die gewünschte Anzahl übergab. Taktvoll lenkte sie schließlich ab davon, schmiedete ein neues Eisen und ließ flüchtig durchblicken, keinen Mann zu haben. Meine Stimmung wurde feiner, sachlicher und tief in mir drin breitete sich Genugtuung aus. Zweifellos suchte sie Anschluss in ihrer neuen Umgebung, soweit glaubte ich mich nicht zu täuschen. Ihr Gesicht wurde ernster, tiefgründiger. Ja, es wirkte mithin sogar ein wenig traurig. Dank ihrer Mimik verriet sie viel mehr, als ihr lieb sein konnte und mir schien, als sei ihr die Situation inzwischen unangenehm. Aber den kleinen Triumph, nicht ganz ohne Chance bei ihr zu sein, genoss ich innerlich. Unsere Blicke trafen unversehens aufeinander und für einen Augenblick verfielen wir in eine Art Rausch des Eins-Seins, bis eine höhere Macht den Bann wieder löste. Zurück im eigenen Ego bedankte sie sich für meine kleine Spende und bemerkte abschließend: „Ähm, wenn Sie möchten, können Sie nachher mal kurz klingeln und von meinem Kuchen probieren, als Dankeschön. „Oh, sehr gern., erwiderte ich beruhigt. „Wann? „Na 15, 16 oder auch 17 Uhr. Wie Sie möchten, bleibt ganz Ihnen überlassen. Ach und bitte nichts Falsches von mir denken, ich bin nicht immer so übermütig., entschuldigte sie sich. „Ist doch okay., meinte ich genügsam. „Die kleine Neckerei passte doch und ich komme nachher gerne mal zu Ihnen, um Ihren Kuchen zu probieren." Dann trennten sich unsere Wege. Zumindest vorerst. Während ich die Tür schloss, fiel mir ein Stein vom Herzen. Die Begegnung ging mir nicht mehr aus dem Kopf und ich war mehr als froh, den Kontakt nicht verschmäht zu haben. Die Frau strahlte eine Aura aus, die mich förmlich hypnotisierte und ich wäre ein schlechter Lügner, wenn ich mir nicht eingestanden hätte, wie gehörig sie mir den Kopf verdrehte. Unentwegt geiferte ich nach einem schnellen Passé der Zeit, um schon bald den mit Abstand leckersten Kuchen, der jemals gebacken wurde, probieren zu können.

Ich überlegte kurz: „Moment! Sie sprach doch von Geburtstagsgästen und ich Tollpatsch hatte ihr nicht mal den Ansatz eines Glückwunsches vermittelt. Das musste sich auf jeden Fall ändern. Irgendwie musste ich auf die Schnelle noch Blumen herzaubern. Kleiner Streifzug durchs Revier: „Hm. Da fiel mir nur die Tankstelle ein, wo man welche her bekäme. „Aber Tankstellenblumen sind auch nicht gerade der Kracher. Na egal, sie würde sicher verstehen, dass es am Sonntag kaum anders ginge und ganz sicher angenehm überrascht sein. Allein der Wille zählt und bei einer Frau könnte man so eigentlich immer punkten."

Am Bahnhof machte ich einen unvorhergesehenen Zwischenstopp. Ein Händler hatte seinen Stand dort aufgebaut und bot Blumen an. Aber von dem, was ich sah, waren rote Rosen das einzige, was man einer Frau hätte mitbringen können. Die anderen Sträuße waren durch die Bank weg hässlich. Nur Rosen passten einfach nicht. Die Zeit war dafür nicht reif und ich wäre ganz sicher ins Fettnäpfchen getreten. Die Tanke blieb also die bessere Wahl und ich ersehnte regelrecht die Begegnung mit ihr aufs Neue, dieser einzigartigen neuen Nachbarin.

Zurück in der Wohnung, konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, versuchte mich abzulenken. Vergeblich. Alles drehte sich nur noch um diese Frau. Ein Blick zur Uhr: 14:30 Uhr erst! „Mein Gott, die Zeit will ja heute gar nicht vergehen. Ich war aufgewühlt, wie schon lange nicht mehr. Wieder schaute ich auf die Uhr: 14:31 Uhr. Plötzlich klingelte es erneut und ich erschrak zum zweiten Mal. Sie war es wieder, meine neue Nachbarin: „Wollten Sie nicht rüber kommen und meinen Kuchen probieren? Dabei zierten kleine kecke Grübchen ihre Mundwinkel. Zum ersten Mal fielen mir die auf. Echt niedlich. Die Frau war einfach hinreißend und mein Herz raste schon wieder. „K…, k…, kleinen Mo…, Moment bitte, k…, komme gleich., stotterte ich. „Kein Problem, Herr Wolff, ich mach uns schon mal Kaffee und warte auf Sie. Ich zog mir auf die Schnelle etwas Passenderes an, denn ich wusste ja nicht, wie ihre anderen Gäste mich aufnehmen würden und ging dann zu ihr rüber. Sie entschuldigte sich, dass noch einige Umzugskartons unausgepackt im Korridor herum standen. Ich winkte nur ab, als Zeichen, dass es schlimmeres gäbe, ein Umzug nun mal nicht von Knall auf Fall perfekt verliefe und gratulierte ihr erst mal. Sie war noch allein, was mich sehr verunsicherte. Meine innewohnende Verängstigung entging ihr natürlich nicht und sie versuchte mir diese ein wenig zu nehmen: „Sie müssen keine Angst haben, Herr Wolff, ich bin eine ganz normale Frau. Soll ich ein bisschen Musik anmachen? Zustimmend nickte ich. Sie wandte sich ihrer Musikanlage zu und bemerkte nicht, wie meine Augen jede ihrer Bewegung registrierte. Als sie wie eine Grazie vor ihrer Anlage kauerte, hatte ich reichlich Gelegenheit ihre makellose Silhouette zu mustern. Es war ein atemberaubender Anblick. Aus den Lautsprechern ertönte die Stimme von Juliane Werding. „Das hier ist meine Lieblingssängerin., meinte sie. Dann übersprang sie ein paar Lieder, so als wolle sie mir ein ganz bestimmtes vorführen. Nachdem es anfing zu spielen, schwang sie sich elegant durch die Stube, als würde sie jemand führen und ihre Augen wichen nicht mehr von mir. So als würde sie mir zuflüstern: „Wollen wir nicht tanzen? „Alex!, rief mein innerstes Ich, „worauf wartest du? Hoch mit dir! Kaum, dass ich darüber nachdenken konnte, hatte ich sie auch schon in den Armen und tanzte mit ihr nach diesem Lied. Sie genoss es, ließ sich wie eine Feder führen, war grenzenlos glücklich und bedankte sich mit einem sachten Küsschen auf meine Wange. „Voilà! Träume ich? Noch bevor ich die Begeisterung richtig fassen konnte, war sie wie ein Wiesel in ihre Küche entwischt und kam mit dem selbstgebackenen Kuchen wieder. „Oh Shit! Ihre Blumen! Mir fiel ein, die lagen noch in meiner Wohnung. Vollkommen vergessen hatte ich die in der Eile. Ich gab ihr zu verstehen, dass ich dringend nochmal zurück in meine Wohnung müsse, weil ich etwas für sie hätte, was ich schnell holen wolle. „Was, für mich?, erwiderte sie erstaunt. Dabei überfuhr mich erneut ihre unsägliche Aura. „Bin gleich wieder da., sagte ich selbstbeherrscht zu ihr. Sie lächelte. Kurz darauf fuhr sie wie vom Blitz getroffen zusammen und meinte: „Oh, Moment! Der Kuchen! Sie hatte mir ein Stück abgeschnitten, gab mir zu verstehen, mich nochmal kurz zu ihr zu setzen und führte mir das Stück zum Mund, als wolle sie mich füttern. Ihre andere Hand hielt sie geistesgegenwärtig drunter, damit keine Krümel auf den Boden fallen. Es war ein so vertrautes Gefühl. So, als würden wir uns schon ewig kennen. Dabei lagen die ersten Worte gerademal ein paar Stunden zurück. Ihre Gesten, ihre Mimik waren unbeschreiblich. Sie war so ungezwungen, so natürlich und dabei auch so hübsch. Eine vollkommen ungewohnte Situation für mich. Bisher hatte ich hübsche, attraktive Frauen immer nur unnahbar und überheblich kennengelernt. Sie dagegen nicht! Sie wirkte auf mich ganz anders. Ihr Vorzug, sich wie ein ganz normaler Mensch zu geben, hatte mich total imponiert und die Angst ihr gegenüber schwand allmählich.

„Und?", kam demonstrativ ihre Frage nach meinem Urteil über den Kuchen. Ach, wie ich solche Fragen liebte und mir ausmalte, die Sympathie zu einer gerade lodernden Flamme schnell wieder zu verlieren. Es gibt auf jede Frage, die eine Frau stellt, sowieso nur eine Antwort. Ein wahrer Gentleman umgarnt sie natürlich ganz geschickt. Davon sind Angebetete immer sehr angetan und man bekommt vielleicht eine Einladung zum nächsten Test. Ja, so ist das halt mit den Ladys und den Gentlemen. Es ist die Sprache zweier Herzen, die eigentlich immer das gleiche Ziel anvisieren und doch nur dann zusammen ankommen, wenn der Weg gemeinsam, ganz ohne Vorbehalte gepflastert wird. Oh ja, ich mochte diese kleinen versteckten Botschaften, das sachte aneinander Tangieren.

Der Kuchen war ihr wirklich toll gelungen. So musste ich nicht flunkern, als ich ihr mein Lob aussprach. Sie strahlte über beide Wangen. Ihre Augen funkelten dabei und hielten mich einen Moment lang fest. Kaum nahm ich dabei das Fuchteln ihrer Hand wahr. Erst ein Schnippen mit den Fingern holte mich zurück. Hatte sie mich doch beim Träumen erwischt? Souverän lächelte sie und ich entschuldigte mich salopp und drängte darauf, das versäumte nachzuholen. So huschte ich rüber in mein eigenes Reich, um die Blumen zu holen. Ein kleiner Selbstzweifel überfuhr mich dann aber doch: „Ist der etwas hager wirkende Strauß wirklich ausreichend? Ich hatte weder eine Glückwunschkarte, noch etwas, das ich kurzerhand überreichen könnte. Dann entsann ich mich der Flasche Rotwein, die schon mehr als ein Jahr bei mir lagerte. Von einem Postkunden hatte ich die mal geschenkt bekommen. Allerdings gehörte Wein nicht unbedingt zu meinen Begehrlichkeiten, so dass ich derartige Gaben meistens weiterreichte. Kurzum: Der Wein wäre eine gute Idee, ganz gleich, wie sie darauf reagieren würde. Sie wusste ja nicht, dass ich den selbst auch nur geschenkt bekommen hatte. Zudem war es keine 0815-Auslese aus dem Supermarkt. Das Etikett war jedenfalls auffällig und trug auch einen extravaganten Namen. Darüber hinaus war die Flasche in einem Kasten aus Holz verpackt. Also das wirkte schon insgesamt ansprechend. Soweit so gut, der Entschluss stand fest. Der Rotwein gehöre ihr. Punkt, aus. Irgendwo hatte ich auch Geschenkpapier. Nur wo? „Puh, das sieht alles so weihnachtlich aus., stellte ich beim Durchwühlen des Hängebodens fest. „Ah! Da ist ja noch was – ein Glück. So konnte das Provisorium doch ein wenig passender und geschmackvoller verpackt werden. Das machte einen besseren Eindruck und gerade bei ihr, dieser tollen Frau, war es mir wichtig, dass ein halbwegs ansprechendes Geschenk zustande käme. Kurzerhand war das Kästchen mit dem Wein verpackt. Zu guter Letzt sorgte noch eine farblich passende Schleife für den allerletzten Schliff. „Und? Voilà! So konnte ich ruhigen Gewissens wieder zu ihr rüber.

Nochmal schnell zur Toilette. Kaffee treibt bekanntermaßen und ich wollte auch nicht den heiligen Ort meiner Gastgeberin in Beschlag nehmen. Kaum fertig, ein letzter Check: „Hände sauber, Haare sitzen und im Gesicht schnuppert ‘s nach Aftershave. Super. Plötzlich Lärm im Hausflur. „Ja natürlich, das werden ihre ersten Gäste sein. Hm, ist wohl besser, wenn ich noch ein paar Minuten warte, bis sich der Tumult gelegt hat. Oh Gott, nun fangen sie auch noch Happy Birthday zu singen an. Das hörte sich wie gewollt und nicht gekonnt an. „Entsetzlich!, dachte ich und rollte mit den Augen. Immerhin ließ sich auch ihr Kosename heraushören. „Aha! Moni heißt sie also. Ist ja süß. Moni Krüger, geboren am 2. Oktober! Nur welches Jahr? Oh, Moment. Vielleicht hat sie gar nicht heute Geburtstag sondern feiert womöglich nur, weil gerade Wochenende ist. Na egal. Das kriege ich noch raus und hinter ihren richtigen Namen komme ich auch noch.

Ruhiger wurde es. Der kleine Aufruhr ihrer Gäste hatte sich gelegt. Zeit für mich, das Terrain zu stürmen. Nur so viel wusste ich genau: ein Ständchen würde ich nicht zum Besten geben. „Um Gottes Willen, bekräftigte ich mich in Gedanken, „ich mach mich nicht zum Fallobst. Mein Herz fing wieder an zu rasen, nachdem ich an ihrer Türe klingelte und wartete, dass sie mir öffnete. Mir kam es vor, wie bei meinem allerersten Date. Umso mehr war ich erleichtert, dass sie mich längst erwartete. Sie empfing mich in einem völlig neuen Outfit, einem vornehmen langen Abendkleid im weinroten Satin. Trägerlos zog es alle Blicke auf ihr sündhaft schönes Dekolleté und ihre grazilen Schultern. Dem Zauber nicht entrinnend, trug sie ihr schönes langes Haar hochgesteckt. Ihr süßer Hals frohlockte mit verspielt glitzernden Ohrhängern und einem schillernd funkelnden Collier. Summa Summarum passte eins zum anderen und machte aus ihr eine wahre Prinzessin. Ich war total überwältigt und mir blieben fast die Worte im Munde stecken, als ich ihr nochmal eingehender gratulierte und meine kleine Geburtstagskreation überreichte. Dominierend belächelte sie mein leichtes Schwächeln und genoss es gleichermaßen. Sie umarmte und drückte mich, wie es eigentlich nur enge Freunde tun und ein verführerischer Duft ihres Parfüms stieg mir in die Nase. Wie verhext spürte ich etwas angenehm Wohltuendes, was von ihr ausging: eine wahrhafte Herzlichkeit. „Kommen Sie doch erst mal rein in die gute Stube, Herr Wolff und machen es sich richtig bequem., entgegnete sie, nachdem wir wieder voneinander wichen. Von meiner kleinen Überraschungsgabe ganz angetan, fuhr sie fort: „Och, für mich? Herr Wolff, Dankeschön! Das ist wirklich sehr nett von Ihnen., führte mich ins Zimmer zu den schon anwesenden Gästen und machte mich mit ihnen erst mal bekannt. Das übliche Techtelmechtel, wie es immer ist, wenn man auf fremden Partys eingeladen ist. Solche Situationen mochte ich eigentlich gar nicht. Das Getue um Höflichkeit und gestelltem Lächeln ohne zu wissen, wer und wie die anderen wohl sein mögen. Ich gehörte ja zum Fußvolk, zog den einfachen Umgang immer vor. Der war unkompliziert und entsprach eher meiner inneren Verfassung. Aber was soll‘s? Manche Situationen sind eben nicht zu vermeiden. So machte ich auf gut gelaunt, trotz innerer Abkehr. Wer kennt das nicht? Lange würde ich mich ohnehin nicht aufhalten. Es sollte ja nur ein kleines Dankeschön ihrerseits sein. Das hieße also, spätestens nach dem Kaffee würden sich die Wege wieder trennen.

Die anfänglichen Hemmungen legten sich rasch. Ihre Gäste waren zwei ihrer Arbeitskolleginnen sowie der Mann einer der beiden Frauen. An den Unterhaltungen ließ sich heraushören, dass die Frauen zusammen in einer Anwaltskanzlei arbeiteten. „Och, Herr Wolff, ich werd‘ verrückt! Wo haben Sie denn den her?, platzte es plötzlich aus dem Munde meiner Nachbarin, woraufhin wir alle erschrocken zusammenfuhren. Der Wein schien es ihr angetan zu haben. Den hatte sie soeben ausgepackt und sie stieß ihre Begeisterung darüber unüberhörbar aus. Etwas verunsichert erwiderte ich, ihr bei Gelegenheit unter vier Augen das kleine Geheimnis um die Herkunft zu verraten. Ich wollte mich nicht vor allen anwesenden zum Deppen machen, weil ich mir doch etwas schäbig vorkam, den Wein auch nur geschenkt bekommen zu haben. „Das ist ein echter französischer, mein Lieblings-Rotwein!, bekräftigte sie nochmal nachhaltig. „Das hätten Sie doch nicht tun müssen, Tausend Dank., ergänzte sie in latenter Ahnung, den Hintergründen auf der Spur zu sein, während ihre Blicke mich regelrecht auszehrten. „Bitteschön, er gehört Ihnen., entgegnete ich, eine gewisse Souveränität vorgaukelnd und den Blicken gleichermaßen ausweichend, nur um das Geheimnis um Gottes Willen nicht preisgeben zu müssen.

Losgelöst von dem kleinen angenehmen Schrecken wurden wir alle redseliger und sehr bald warm untereinander. Besonders mit dem Mann hatte ich eine unerschöpfliche Gesprächsebene finden können. Wir laberten über typische Männerthemen. Nein, Frauen kamen nicht darin vor. Das wäre doch etwas zu unpassend gewesen. Besonders meiner Nachbarin gegenüber, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Nichts hätte ich riskiert, was meine ganze Hoffnung auf diese Frau gleich wieder zerstört hätte. Nein, es waren Gespräche aus dem technischen Bereich. Besonders der neue 3D-Fernseher, ganz ohne Brille und mit einer bestechenden Tiefenwirkung hat es uns angetan. Er war schon auf der Funkausstellung die Sensation schlechthin. Nun hatten auch einige Elektronikmärkte die ersten Geräte ausgestellt und zum Kauf angeboten, für schlappe 60.000 Euro. „Geradezu ein Schnäppchen., stellten wir lästernd fest. Während wir uns weiter in das Fachgebiet vertieften, bemerkten wir nicht, dass uns die Frauen allein gelassen hatten. Sie tuschelten auf dem Balkon auf eine Zigarettenlänge. Nein, war das ein Bild. Zum piepen und ich musste unweigerlich schmunzeln, als ich sie so stehen sah. Alle drei in typischer Körperhaltung frierender Frauen, dicht an dicht und irgendwie glaubte ich, dass auch über mich gesprochen wurde. Bruchstücke, wie: „… frag ihn doch einfach …, oder: „… ach ich weiß nicht, das sieht so doof aus…, vernahm ich jedenfalls recht deutlich. Dabei schielte meine Nachbarin zaghaft durch den Türspalt, ob ich auch ja nichts mitbekommen hätte. Irgendwie faszinierte mich das natürlich und erwiderte als Zeichen, sie ertappt zu haben, ein kurzes unmissverständliches Lächeln. Unsere Blicke verfingen sich erneut. Genau, wie bei unserer Begegnung im Hausflur. Inzwischen gingen sie jedoch merklich tiefer und in meinem Bauch kribbelte es andächtig. Eine gesteigerte Sympathie machte sich breit und ich fühlte, dass sich langsam etwas anbahnte zwischen uns. Für mich war es geradezu phänomenal, meiner Gefühle auf einmal so sicher sein zu können. Ohne erklären zu können, warum, hatte ich trotzdem keinen Zweifel. Vereinnahmt von der Zuversicht bekam ich von dem, was mir mein Gesprächspartner mitteilte, nur noch die Hälfte mit. Derweil war der Kaffee fertig. Zurückgekehrt in nüchterner Besinnung ließen wir uns den leckeren, selbst gebackenen Kuchen schmecken. Nur meine Nachbarin schien noch etwas verträumt zu sein und starrte abwesend in die Runde. „Moni, alles in Ordnung mit dir?, fragte leicht besorgt eine der beiden Frauen. Es dauerte einen Moment, bis sie antwortete: „Ja natürlich. Sie war in Gedanken, ließ sich aber nicht in die Karten sehen. Etwas schien sie zu bedrücken. Ob es damit zu tun hatte, dass ich nur kurz zum Kaffee bleiben würde, wusste ich nicht. Eins wusste ich zumindest genau: ich wollte sie auf alle Fälle wiedersehen. Nicht nur einmal. Mehrmals. Am besten täglich! Das gab ich ihr auch so zu verstehen, als ich mich zum Abschied erhob. Mühsam quälte sie sich ein Lächeln ab, zögerte mich gehen zu lassen und versuchte mir noch einen Kaffee schmackhaft zu machen. Ich lehnte aber ab und sagte, dass es doch nur ein kleines Dankeschön ihrerseits gewesen sein sollte. Schließlich gab sie nach und begleitete mich zur Tür, nachdem ich mich auch von ihren Gästen verabschiedet hatte. Am Ort der unvermeidbaren Trennung angekommen, sah sie mich herzerweichend an: „Müssen Sie wirklich schon gehen? Ich hätte Sie so gerne noch länger bei mir gehabt. Gerührt und doch verunsichert von ihrer Geste fragte ich: „Warum? Sie zog mich zu sich heran und flüsterte mir ins Ohr: „Weil Sie mir sehr sympathisch sind, Sie so toll tanzen können, ach und weil Sie meinen Geburtstag gerettet haben. Sie wissen schon. Ach, ich hätte so gern nochmal ein Tänzchen mit Ihnen gemacht. Ich fühlte mich wie auf Wolken und schon deshalb bat ich sie zum zweiten Mal, sie öfter sehen zu können und sei es eben nur auf einen Kaffee. Und da waren sie wieder, diese süßen kecken Grübchen, dank ihres zurückgekehrten Lächelns. Sie drückte mich so, wie sie mich empfing und voller Genuss schnüffelte ich ihr hinreißendes Parfüm am Hals.

Zurück in meinem eigenen Reich, arbeiteten meine kleinen grauen Zellen auf Hochtouren. Ich musste die Eindrücke, die auf mich prasselten, erst mal verarbeiten. Ehrlich gesagt, wäre ich wirklich gerne länger geblieben. Ich fühlte mich pudelwohl bei ihr. Allerdings hatte ich auch Angst vor meinen eigenen Gefühlen. Das brachte die Zeit mit sich und die früheren Erfahrungen mit Frauen. Ich wollte nicht schon wieder unter meiner eigenen Schwäche leiden. Deshalb fiel es mir zusehends schwerer, Nähe zuzulassen und deshalb zog ich den Entschluss, mich erst mal wieder zurückzuziehen vor. Bei meinen Gedanken um diese Frau kam aber noch eine andere Angst hinzu, die noch gewichtiger war. Die Angst ihren Ansprüchen nicht gerecht zu werden, falls sich einmal mehr als bloße Sympathie ergäbe. Frauen können nämlich sehr sprunghaft sein, wenn sich ihre Erwartungen nicht erfüllen ließen. Das habe ich mehr als einmal zu spüren bekommen.

Solange ich von der Titanic vereinnahmt war, spielten solche Ängste keine Rolle. Ich war ja vollkommen ausgefüllt mit meinem Hobby. Aber mit einmal schneite so ein exotischer Engel unmittelbar in meine Nachbarschaft und signalisierte: Sympathie. Ich versuchte mich zu fassen und dachte: „Erst mal abwarten, vielleicht ergibt sich ja auch nichts weiter und es wird nur eine Freundschaft ohne weitere Belange. Das wäre mir ehrlich gesagt am liebsten. Sie öfter mal zum Tanzen auszuführen und als Dankeschön so einen lieben sanften Schmatzer auf die Wange zu bekommen. Das würde mich schon endlos glücklich machen. „Man stelle sich das mal bildlich vor: Stolz führe ich diese Augenweide aus, ins Kino, in eine Bar oder auch zum Tanzen und all die Widersacher aus meiner Vergangenheit, immer darauf bedacht, mir das Leben schwer zu machen, würden uns über den Weg laufen. Hoho, was wäre ich denen überlegen und sie würden vor Neid gelbgrün schillernd anlaufen, wenn ich meine Begleitung stolz, wie eine Trophäe vorzeige.

Natürlich fragte ich mich, warum eine so feine Frau, die noch dazu so natürlich und vorbehaltlos war, ohne Partner lebte. Ich dachte, im Laufe der Zeit würde man sich bestimmt besser kennenlernen und die eine oder andere Frage in Luft auflösen.

Den ausklingenden Tag ließ ich die Eindrücke langsam sacken und versuchte so etwas wie eine Symbiose zu schaffen, zwischen meiner Vision und meinem jüngsten Schwarm, dieser phänomenalen Frau. TITANIC, den Film, welchen ich zum allerersten Mal mit Karin, meiner verflossenen Liebe im Kino sah, hatte ich inzwischen in einer 3D-Version zu Hause und dachte, dass er bestens zu den aktuellen Geschehnissen passt. Ich schwelgte währenddessen in phantastischer Spinnerei, malte mir aus, meine Nachbarin an der Hand zu wissen und nach Belfast ins Titanic-Museum zu entführen. Dort in einer riesigen neuen Halle, wo das geborgene Wrack der Titanic stünde, würde ich sie auf die Bugreling heben und mit ihr den legendären Vogelflug inszenieren. „WOW! Das wär’s. Die Bilder würden einschlagen und um die Welt gehen. Für einen Augenblick wäre ich tatsächlich „der König der Welt, um einen Monolog aus diesem Film so treffend zu interpretieren. Aber wie war das doch gleich? Ich wollte keinerlei Geschäftesudelei mit der Bergung des Wracks herauf beschwören. Das müsste auch gar nicht so weit kommen. Allein die tiefere Botschaft, die ich damit vermitteln würde, wäre mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. Im gleichen Atemzug, holte ich den jüngsten Gedankengang um meine Widersacher erneut hervor und steigerte mich regelrecht in diesen phänomenalen Triumph hinein. Denn all diese Feinde meines Lebens würden auf einmal von dieser Sensation erschlagen werden. Bedauerlicher Weise waren das alles nur Hirngespinste. Keine Spur von Aussicht auf Erfüllung. Genossen habe ich diese Vorstellung dennoch ausgiebig und wer weiß, vielleicht ließe sich doch mal ein Hauch von Wunscherfüllung erkennen.

Den nächsten Morgen erwachte ich relativ früh, was ich von mir gar nicht gewohnt war und ich musste wohl wieder geträumt haben. Auch das passierte eher selten und ich hatte wie zuvor nur vage Bruchstücke mit ins Erwachen geschleust. Eine mir vollkommen fremde Frau, sehr hübsch, kam darin vor. Ich erinnerte mich nur daran, dass ich sie innig küsste und sie es sich gefallen ließ. Mit meiner Traumdeuter-Lektüre konnte ich ausfindig machen, dass ich eine nur flüchtige Bekanntschaft gerne näher kennenlernen wolle. „WOW!, dachte ich. „Das passt ja diesmal wie die Faust aufs Auge. Ich war doch echt überrascht, über die Seelenbotschaft meines Traumes. „Oh, ja.", pflichtete ich gedanklich bei, wie Recht doch mein Traum hatte.

Meine Nachbarin hatte es tatsächlich schon geschafft, Besitz von meinem Leben zu ergreifen, ohne dass es ihr wahrscheinlich bewusst war und ich hoffte immer mehr, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhe. Einzig doof war, dass ich mit meinem ganzen Handeln immer seltener auf den Punkt kam. Ständig schwirrte sie mir im Kopf herum und ließ mich Dinge erledigen, die überhaupt nicht passten. Nebensächlichkeiten oder völlig irre Sachen wurden in Angriff genommen. So landeten auch mal der Zahnputzbecher im Kühlschrank oder ein Löffel im Kleiderschrank, wo Socken und Unterwäsche verstaut waren. Ich war so durcheinander, dass es schon fast peinlich war.

Natürlich versuchte ich immer wieder runter zu kommen und sie aus meiner wirren Gedankenwelt zu verbannen. Das war nicht einfach. Es gelang mir aber nach dem Frühstück dieses Montagmorgens relativ gut. Ich musste nochmal los, auf die Schnelle etwas einholen. Im täglichen Gang zum Supermarkt fand ich mich gut zurecht. So ein Einkauf ist im Gegensatz zu Großeinkäufen immer stressfrei. Gewöhnlich kam ich auf dem Weg von Arbeit sowieso am Supermarkt vorbei und das war dann schon fast mein Ritual. Auch im Urlaub hielt ich daran fest. So musste ich nicht mit dem Auto hin gondeln sondern konnte es sogar mit einem Spaziergang verbinden. Der Supermarkt lag nicht weit entfernt und den Rückweg bewältigte man ohne größere Anstrengung.

Ohne nennenswerte Verzögerung begab ich mich auf den Weg, nahm noch ein paar leere Flaschen mit, um sie im gleichen Atemzug zurückzugeben. Die gediegene Ruhe auf der Straße verwunderte mich. Ich machte mir aber keine ernsthaften Gedanken. Erst am verschlossenen Markteingang kam ich ins Grübeln und überlegte, ob ich mich nicht im Wochentag vertan hätte. „Hm, gestern war doch Sonntag, der Geburtstag meiner Nachbarin. Richtig. Der 2. Oktober. – Ach, ja!", schoss es mir wie eine Erleuchtung durch den Kopf. „Heute ist ja der ach

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