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Der neue Landdoktor – Das Buch – Arztroman: Einer von uns

Der neue Landdoktor – Das Buch – Arztroman: Einer von uns

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Der neue Landdoktor – Das Buch – Arztroman: Einer von uns

Länge:
391 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 14, 2017
ISBN:
9783740915582
Format:
Buch

Beschreibung

In dieser neuartigen Romanausgabe beweisen die Autoren erfolgreicher Serien ihr großes Talent. Geschichten von wirklicher Buch-Romanlänge lassen die illustren Welten ihrer Serienhelden zum Leben erwachen. Es sind die Stories, die diese erfahrenen Schriftsteller schon immer erzählen wollten.

Spannung garantiert!

Titel: Einer von uns

"Emilia, bitte, komm da raus", bat Sebastian Seefeld seine Tochter. Er stand bereits seit zehn Minuten vor ihrem Zimmer, aber sie weigerte sich nach wie vor, es zu verlassen.
"Ich komme nicht mit, vergiss es", erklärte sie ihm erneut. "Ich bleibe in meinem Zimmer, bis du mir zwei Oneway-Tickets nach Toronto unter der Tür durchschiebst."
"Was soll das, Emilia? Wir waren uns doch einig, dass wir nach Bergmoosbach ziehen."
"So öde habe ich es mir aber nicht vorgestellt."
"Du kanntest Bergmoosbach."
"Das letzte Mal war ich vor zwei Jahren hier, da war ich noch ein Kind."
"Du warst zwölf."
"Noch ein Kind, sage ich doch."
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 14, 2017
ISBN:
9783740915582
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Der neue Landdoktor – Das Buch – Arztroman - Tessa Hofreiter

Das Buch –1–

Der neue Landdoktor

Einer von uns

Roman von Tessa Hofreiter

»Emilia, bitte, komm da raus«, bat Sebastian Seefeld seine Tochter. Er stand bereits seit zehn Minuten vor ihrem Zimmer, aber sie weigerte sich nach wie vor, es zu verlassen.

»Ich komme nicht mit, vergiss es«, erklärte sie ihm erneut. »Ich bleibe in meinem Zimmer, bis du mir zwei Oneway-Tickets nach Toronto unter der Tür durchschiebst.«

»Was soll das, Emilia? Wir waren uns doch einig, dass wir nach Bergmoosbach ziehen.«

»So öde habe ich es mir aber nicht vorgestellt.«

»Du kanntest Bergmoosbach.«

»Das letzte Mal war ich vor zwei Jahren hier, da war ich noch ein Kind.«

»Du warst zwölf.«

»Noch ein Kind, sage ich doch.«

»Können wir vielleicht ohne diese Tür zwischen uns darüber reden?«

»Du willst mich doch nur überreden, mit dir zu Leonhard zu gehen.«

»Richtig, das will ich, weil ich ihn gern besuchen möchte und zwar mit dir.«

»Warum? Ihr Erwachsenen stört euch doch nur an Kindern.«

»Das ist nicht wahr, außerdem hast du mir gerade erklärt, dass du kein Kind mehr bist.«

»Habe ich?«

»Ja, hast du.«

»Ich komme aber trotzdem nicht mit.«

»Emilia, bitte.« Sebastian schüttelte entnervt den Kopf, setzte sich auf die honigfarbene Holztreppe und schaute in die Diele hinunter. Er zuckte zusammen, als ein Schatten über den hellen Parkettboden streifte, bis ihm klar wurde, dass es die Äste der Ulme waren, die im Hof stand und sich im sanften Abendwind wiegte.

Er wusste allmählich keinen Rat mehr. Emilia und er waren seit beinahe drei Wochen in Bergmoosbach, und seitdem lehnte sie alles ab, was er ihr vorschlug. Sie hatte das Grundstück noch kein einziges Mal verlassen, sie wollte niemanden in ihrem Alter kennenlernen, sie wollte einfach nur in ihrem Zimmer sitzen. In ein paar Tagen waren die Schulferien vorbei, auch für Emilia. Bis dahin musste sie sich beruhigt haben.

Dass sie Toronto verlassen hatten, war auch ihm nicht leichtgefallen. Als sein Vater ihm vorschlug, noch einmal neu anzufangen, und ihm die Landarztpraxis anbot, die er schon von seinem Vater übernommen hatte, hatte er zuerst gezögert. Auch wegen Emilia, die in Kanada geboren und aufgewachsen war. Sie war dort zu Hause, es war die Heimat ihre Mutter.

»Was soll ich nur machen, Helene?«, flüsterte Sebastian. Er beugte sich nach vorn, verschränkte die Arme auf den Knien und ließ seinen Kopf sinken.

Der Unfall, der sie das Leben kostete, war inzwischen ein Jahr her, aber weder Emilia noch er hatten sich bisher damit abgefunden. Er hatte gehofft, dass es für sie beide besser würde, dass sie wieder nach vorn schauen konnten, wenn sie nicht mehr jeden Tag an das Zusammensein mit ihr erinnert wurden. Er hatte geglaubt, dass eine andere Umgebung das alles bewirken konnte. Nur deshalb hatte er seine gut bezahlte Oberarztstelle an einer renommierten Klinik in Toronto gekündigt und hatte sich auf eine Zukunft als Landarzt eingelassen. Auch wenn sich die Praxisübernahme nicht so leicht gestaltete, wie sein Vater es angenommen hatte. Die jüngeren Bergmoosbacher, mit denen er aufgewachsen war, kamen bereits zu ihm. Die älteren aber waren noch skeptisch, fragten sich, ob der »Bub vom Benedikt«, wie sie ihn nannten, überhaupt so viel Erfahrung hatte, dass sie ihm vertrauen konnten.

Er hatte nicht bedacht, dass dieser Wechsel für Emilia noch weitaus schwieriger war als für ihn. Er kehrte in seine alte Heimat zu seinen Freunden von früher zurück, für Emilia aber war alles fremd. Angefangen von der ländlichen Umgebung bis hin zu den Menschen, die ihr in allem fremd erschienen, obwohl sie ihre Sprache perfekt beherrschte.

»Lass uns reden, mein Schatz.« Erleichtert schaute er auf, als er eine schmale zarte Hand auf seiner Schulter spürte.

»Tut mir leid, Papa, ich weiß, dass du es nur gut gemeint hast«, sagte Emilia. Sie warf das lange kastanienfarbene Haar zurück, schob die Ärmel des weißen Sweatshirts hoch, das sie über ihrer Jeans trug, und setzte sich neben ihren Vater auf die Treppenstufe.

»Wir können jetzt nicht mehr zurück, Spatz, das weißt du. Es würde deinem Großvater das Herz brechen.«

»Ich weiß, Papa, aber ich habe solches Heimweh. Ich vermisse meine Freunde und ich vermisse Mama. Ich vermisse sie so schrecklich, dass ich es gar nicht beschreiben kann. Ich will doch gar nicht so ein Biest sein, aber wenn ich daran denke, dass Mama nie wiederkommt und dass ich meine Freunde nicht mehr sehe, dann tut es so fürchterlich weh, dass ich nur noch schreien möchte. Verstehst du das, Papa?«

»Ja, meine Kleine, das verstehe ich.« Sebastian legte seinen Arm um sie und küsste sie auf ihr Haar. »Wir schaffen das, Emilia, es wird alles besser werden«, versicherte er ihr.

»Versprochen?«

»Ja, versprochen«, sagte er, als sie ihn mit ihren hellen grauen Augen anschaute.

»Okay, dann gehen wir zu Leonhard. Wenigstens muss ich mich bei ihm nicht verstellen, weil er Mama gekannt hat.«

»Nein, mein Schatz, vor Leonhard musst du dich nicht verstellen«, stimmte Sebastian ihr zu. Mit Leonhard Schwartz, dem Eigentümer der Bergmoosbacher Brauerei, war er schon seit seiner Kindheit befreundet. Die Brauerei belieferte auch Kunden in Kanada, und Leonhard hatte seine Geschäftsreisen immer mit einem Besuch bei seinem alten Freund verbunden. Sie waren sich nie fremd geworden. Mit Leonhard konnte er über alles reden.

»Wo sind eigentlich Opa und Traudel?«, fragte Emilia, als sie die Treppe hinuntergingen.

»Sie besuchen Traudels Cousine im Nachbartal.«

»Ich habe übrigens meinen Freunden in Toronto erzählt, dass Traudel meine adoptierte Omi ist. Ich meine, Mamas Eltern und deine Mutter leben nicht mehr, dann ist es doch gerecht, wenn ich mir eine Oma adoptiere. Außerdem hat sie dich großgezogen, dann passt es sowieso.«

»Ja, es passt gut«, sagte Sebastian und drückte seine Tochter liebevoll an sich. Traudel war die Cousine seiner Mutter. Benedikt hatte sie ins Haus geholt, als Sebastians Mutter bei der Geburt starb. Sie war die gute Seele der Seefelds und weitaus mehr als eine Haushälterin. Traudel gehörte zur Familie.

»Wow, ganz schön sonnig.« Emilia zog die Sonnenbrille mit dem pinkfarbenen Rahmen aus der Jeanstasche und setzte sie auf, als sie gleich darauf das Haus verließen.

»Ja, enorm hell, diese Abendsonne in den Bergen«, antwortete Sebastian lächelnd. Er wusste, dass die Brille auch ein Schutz für Emilia war, um sich gegen die noch fremde Umgebung abzugrenzen. Aber das war in Ordnung. Sie hatte sich dazu entschlossen, ihn zu begleiten. Das war für sie der erste große Schritt in ihr neues Leben.

Sebastian wandte sich noch einmal um, nachdem sie den asphaltierten Weg hinuntergegangen waren, der den Hof ihres Grundstückes mit der Straße verband. Sein Elternhaus, in das er mit Emilia zurückgekehrt war, lag auf einem sanft ansteigenden begrünten Hügel am Ende des Dorfes. Eine Treppe führte durch den blühenden Steingarten zum Wintergarten, einem mit roten Schindeln überdachten Glasbau. Er war die Verbindung zwischen dem Garten und dem Haus mit seinen lindgrünen Fensterläden. In dem flachen Backsteinanbau zwischen Haus und Garage war die Praxis untergebracht. Im Hof davor stand die mächtige alte Ulme. Die weiße Holzbank, die ihren Stamm umspannte, nutzten Patienten, die zu früh zur Sprechstunde kamen, gern als Wartebank.

»Ich werde mich schon eingewöhnen.« Emilia war dem Blick ihres Vaters gefolgt und gab sich tapfer. Sie wollte sich doch gern hier zu Hause fühlen, aber es gelang ihr einfach noch nicht.

»Wir werden dir alle dabei helfen«, versicherte ihr Sebastian und nahm sie an die Hand.

In Toronto hatte er fast jeden Weg mit dem Auto zurückgelegt. Außer zum Joggen ging dort kaum jemand mehr als ein paar Meter zu Fuß. In Bergmoosbach waren die meisten Wege kurz, und er ließ das Auto nun oft in der Garage stehen. Auch zur Brauerei war es nur gut eine Viertelstunde Fußweg.

»Schau, dieser Anblick bietet sich dir nun jeden Abend, vorausgesetzt, der Himmel ist nicht bewölkt.« Sebastian deutete auf die Allgäuer Alpen, die das Dorf von allen Seiten umschlossen. Die Sonne stand schon tief im Westen, und die Gipfel glühten im rotgoldenen Licht.

»Die Rocky Mountains sind beeindruckender«, antwortete Emilia und wandte sich von den Bergen ab.

»Ja, das mag sein«, sagte Sebastian. Die Rocky Mountains waren die Berge, die sie in ihrer Kindheit oft besucht hatten. Sie durfte sie schöner finden. Irgendwann würde sie auch die Berge seiner Kindheit lieben, davon war er fest überzeugt.

Erst weiter unten im Dorf standen die Häuser auf beiden Seiten der Straße. Die Ortsdurchfahrt von Bergmoosbach war glücklicherweise kaum befahren. Dank der Umgehungsstraße, die bereits vor Jahrzehnten fertiggestellt wurde, gehörte Bergmoosbach allein den Einheimischen und den Besuchern des Dorfes.

Sebastian fühlte sich in seine Kindheit zurückversetzt, als er mit Emilia an den Häusern vorbeilief, die ihm auf einmal wieder so vertraut erschienen. Der Duft frisch gemähter Wiesen, das Läuten der Kuhglocken draußen auf den Weiden, das Gluckern des Baches, der durch das Dorf floss. An dieser Idylle hatte sich bis heute nichts verändert. Er konnte sich auch noch an die Zeit erinnern, als Bergmoosbach zum ersten Mal als das schönste Dorf des Allgäus ausgezeichnet wurde. Er war gerade in die Schule gekommen, aber diese Aufregung, die damals herrschte, hatte er nie vergessen.

»Du träumst vor dich her, Papa«, sagte Emilia und stupste ihn in die Seite.

»Das wird wohl noch öfter passieren, Schatz. Es gibt so vieles, woran ich mich gerade erinnere und noch erinnern werde. Weißt du, ein paar Tage zu Besuch hier zu sein, ist etwas ganz anderes, als nach Hause zurückzukehren.«

»Mein Zuhause ist Toronto, und ich werde eines Tages dorthin zurückkehren.«

»Gib Bergmoosbach eine Chance, Emilia«, bat Sebastian und drückte die Hand seiner Tochter, ganz sanft und liebevoll.

»Dazu muss ich erst einmal wissen, was Bergmoosbach zu bieten hat.«

»Dann nimm das Abenteuer an, es herauszufinden.«

»Wenn es ein Abenteuer wird, dann wäre ja wenigstens Spannung angesagt.«

»Glaube mir, als ich in deinem Alter war, hatten wir viel Spaß in Bergmoosbach.«

»Mit was? Hier gibt es doch nichts. Ein paar Geschäfte, ein altes Kino, sonst nichts, absolut nichts«, stellte Emilia gelangweilt fest, als sie wenig später über den Marktplatz liefen.

»Warte es ab, Schatz, es wird besser, als du es dir vorstellst.«

»Hm«, murmelte Emilia. Das, was sie da gerade sah, überzeugte sie nicht.

Das alte Kopfsteinpflaster, die Häuser mit den Lüftlmalereien, die kleinen Läden in den Erdgeschossen, das Café, das einige Tische unter der großen Kastanie aufgestellt hatte. Alles erschien ihr so winzig. Nicht einml das Rathaus, das nur durch eine schmale Straße vom Marktplatz getrennt war, beeindruckte sie. Weder die ausladende Steintreppe noch das prächtige Eingangsportal und auch nicht der Turm, auf dem sich ein vergoldeter Wetterhahn drehte. Wie immer in den Abendstunden, sobald das Licht der untergehenden Sonne auf ihn fiel, schien er rote Funken zu versprühen, aber auch das nahm Emilia nur im Vorbeigehen zur Kenntnis.

»Provinz ist eben Provinz«, murrte sie.

Nur der Brunnen auf dem Marktplatz weckte ihr Interesse. Sie betrachtete den Bären, der aus Stein gehauen auf einem Podest im Brunnen stand. Gestiftet von Johannes Schwartz – 1759, stand auf dem Messingschild, das an dem Bären befestigt war.

»Hat dieser Herr Schwartz etwas mit Leonhard zu tun?«, wollte sie wissen.

»Ja, er war einer seiner Vorfahren.«

»Weiß er noch etwas über diesen Vorfahren, außer, dass er einen Brunnen gestiftet hat?«

»Keine Ahnung, aber das kannst du ihn gleich fragen. Der alte Johannes Schwartz hat also dein Interesse geweckt«, stellte Sebastian fest.

»Und der junge Doktor Seefeld hat auch Interesse geweckt. Unfassbar, wie sie dich wieder alle anstarren.« Emilia hatte sich auf den Brunnenrand gesetzt und beobachtete die Touristinnen, die mit Landkarten und Fotoapparaten bewaffnet über den Marktplatz flanierten.

»Ich glaube, in Bergmoosbach gibt es mehr zu besichtigen als nur schöne Häuser«, hörte sie eine pummelige Brünette sagen.

»Ich verstehe es ja«, flüsterte Emilia und schaute auf ihren Vater, der an diesem Abend eine dunkle Jeans und ein schmal geschnittenes weißes Hemd trug.

Sebastian war groß und schlank, hatte hohe Wangenknochen, dunkles Haar, geheimnisvolle graue Augen und ein Lächeln, das Frauen den Verstand raubte.

»Was verstehst du?«, fragte Sebastian.

»Dass sie dich so anstarren. Aber es ist mir trotzdem peinlich. Schließlich bist du mein Vater, und ich will lieber gar nicht wissen, was den Frauen durch den Kopf geht, wenn sie dich so ansehen.« Obwohl sie erst vierzehn Jahre alt war und Sebastian ihr Vater, konnte auch sie sehen, was die anderen Frauen sahen, nämlich dass er atemberaubend gut aussah.

»Dann denke nicht darüber nach, was in ihren Köpfen vor sich geht«, entgegnete er lächelnd. Ihn kümmerten diese Blicke schon lange nicht mehr. Sie bedeuteten nicht mehr als der Blick in ein Schaufenster. Die Auslage wurde kurz betrachtet und schnell wieder vergessen.

»Komm, gehen wir weiter, Spatz.« Sebastian hob Emilia vom Brunnenrand herunter und nahm sie an die Hand.

»Wow, Papa, jetzt fahren ihre Gedanken aber Achterbahn, das kann ich richtig sehen«, kicherte Emilia, als die Bewunderinnen ihres Vaters ihnen verblüfft nachschauten.

»Sie ist doch viel zu jung für ihn«, hörte sie die pummelige Brünette sagen.

»Es besteht kein Grund, wild zu spekulieren. Sie ist seine Tochter«, klärte sie die junge Frau auf, die mit einem Stapel weißer Schürzen auf dem Arm aus dem Café kam.

»Woher wissen Sie das denn so genau?«

»Das ist Corinna Höfner, ihrer Familie gehören das ­Café und die Bäckerei. Sie wird schon wissen, wer hier wohnt«, sagte eine große dünne Frau in Kniebundhosen.

»War das gerad der junge Seefeld?«, wollte die hagere Frau in dem grauen Dirndl wissen, die mit einem schwarzen Pudel an der Leine aus dem Haus gegenüber der Bäckerei kam.

»Ja, Elvira, er war es«, antwortete Corinna lächelnd und dabei leuchteten ihre hellen Augen.

»Seefeld? Etwa Doktor Seefeld?«, erkundigte sich die Pummelige, und auch die anderen Touristinnen schauten Corinna und Elvira abwartend an.

»Was interessiert Sie denn an unserem Doktor? Ist jemand krank?« Elvira Draxler, die zweite Vorsitzende des Bergmoosbacher Landfrauenvereins, blieb vor den Urlauberinnen stehen und taxierte sie mit ihrem Blick. »Bist du still, Ludwig, du aufgeregtes Bubl!«, rief sie den wild kläffenden Pudel zur Ordnung.

»Kommt weiter, Mädels«, forderte die dünne Frau in der Kniebundhose ihre Begleiterinnen auf und marschierte auch gleich voraus.

»Eingebildetes Stadtvolk, eingebildetes«, murmelte Elvira und nickte Corinna zu, bevor sie mit Ludwig an der Leine davonging.

»Sebastian Seefeld, ich glaube, du wirst noch für einige Aufregung sorgen«, flüsterte Corinna. Manche Dinge ändern sich eben nie, dachte sie. Sebastian hatte schon damals, als sie noch Teenager waren, für ähnliches Aufsehen gesorgt. Sie musste noch immer über den kleinen Zwischenfall lächeln, als sie die Bäckerei betrat, um die sauberen Schürzen, die sie aus der Waschküche im Keller des Cafés geholt hatte, in den Schrank zu legen.

»Hallo, Sebastian!«, rief die schlanke Blondine, die die Rathaustreppe herunterkam, als er und Emilia gerade den Marktplatz verließen. Sie war bildschön, trug ein kurzes weißes Kleid, und ihre schmalen Füße steckten in cognacfarbenen Pumps.

»Die schon wieder«, murmelte Emilia. Sie konnte sich noch gut an ihr erstes Zusammentreffen mit Miriam Holzer, der Erbin des Bergmoosbacher Sägewerks, erinnern. Sie waren gerade zwei Stunden in Bergmoosbach, da stand sie schon vor der Tür und führte sich auf, als wäre ihr lieber Sebastian, wie sie ihn ständig nannte, von einem anderen Planeten zurückgekehrt. Dass du vor ewigen Zeiten mal mit Papa zusammen warst, bedeutet nicht, dass du ihn nun ständig bekletten kannst, dachte sie.

»Kommt, ihr beiden, ich lade euch auf einen Kaffee ein«, sagte Miriam, als sie gleich darauf bei ihnen war. »Wir hatten gerade eine anstrengende Sitzung im Gemeinderat. Ich kann ein bisschen Entspannung gut gebrauchen.«

»Ich trinke keinen Kaffee«, entgegnete Emilia mürrisch.

»Tut mir leid, ich habe keine große Erfahrung mit Kindern«, entschuldigte sich Miriam und lächelte in sich hinein, als sie Emilia anschaute.

»Kindern?«, tönte es auch gleich empört zurück, was Miriam sichtlich amüsierte.

»Nun, erwachsen bist du ja noch nicht. Ich denke, Kakao wäre richtig für dich. Oder vielleicht eine heiße Schokolade?«

»Du hast wirklich keine Ahnung«, sagte Emilia, und in ihren grauen Augen blitzte es gefährlich auf.

»Miri, wir haben keine Zeit, wir sind schon eingeladen«, mischte sich Sebastian in die kleine Auseinandersetzung ein.

»Schade, wir haben uns doch so viel zu erzählen.«

»Emilia und ich wohnen jetzt in Bergmoosbach. Wir werden uns mit Sicherheit wieder begegnen, Miri. Einen schönen Abend noch.«

»Sorry, heute wirst du wohl auf deinen Sebastian verzichten müssen. Also dann, mach’s gut«, verabschiedete sich Emilia mit einem triumphierenden Lächeln.

»Freche Göre«, murmelte Miriam und schaute auf den rothaarigen Mann in dem dunklen Anzug, der nach ihr aus dem Rathaus gekommen war.

»Du machst einen großen Fehler, Miriam«, sagte er, während er Sebastian und Emilia nachschaute.

»Was meinst du mit Fehler, Harald?«

»Wenn du Sebastian haben willst, dann musst du dich mit seiner Tochter gut stellen«, antwortete Harald Baumann. Er war Miriams Assistent im Sägewerk, ihr Vertrauter und Geliebter. Auf mehr durfte er nicht hoffen. Das hatte sie ihm klargemacht. Er hatte sich damit abgefunden. Solange sie ihn nicht aus ihrem Leben warf, war alles gut für ihn. Er liebte sie bis zur Selbstaufgabe und würde bei ihr bleiben, solange sie es ihm gestattete.

»Kannst du mir verraten, wie ich mich mit ihr gut stellen soll? Sie stemmt sich wie ein Bollwerk zwischen Sebastian und mich.«

»Sie trauert noch um ihre Mutter. Das solltest du berücksichtigen.«

»Wir werden sehen, was ich berücksichtigen muss. Ich werde mir auf keinen Fall von diesem hormongesteuerten Teenager in die Parade fahren lassen.«

»Vielleicht solltest du dich mal wieder beruhigen.«

»Sebastian wird mir gehören. Niemand soll es wagen, sich zwischen uns zu stellen. Er verdient schließlich das Beste vom Besten.«

»Komm runter, Miriam. Du kannst nicht jedes Mal durchdrehen, sobald du ihn siehst.«

»Kann ich helfen?«, erkundigte sich die Radfahrerin, die auf einem pinkfarbenen Rad auf den Marktplatz einbog. Sie hielt vor Miriam an und nahm den rosa Helm ab, unter dem ihre langen braunen Locken hervorquollen.

»Du? Mir? Wobei denn? Sehe ich aus, als stünde ich kurz vor einer Geburt?« Miriam schaute Anna Bergmann, die junge Hebamme aus Bergmoosbach, ungläubig an.

»Nicht vor einer Geburt, aber vor einer Explosion«, erwiderte Anna lächelnd. »Wer hat den Sprengsatz denn gelegt?«

»Sebastian Seefeld«, antwortete Harald, bevor Miriam Luft geholt hatte.

»Wirklich? Was hat er denn getan?«

»Gott, Anna, du kannst Fragen stellen. Er muss einfach nur auftauchen. Er und ich waren schließlich mal zusammen, und wenn er sich nicht entschlossen hätte, in Kanada zu studieren, dann wäre ich längst mit ihm verheiratet«, erklärte Miriam selbstbewusst.

»Ich nehme an, das willst du nun nachholen.«

»So dicke sind wir nicht miteinander, dass ich das mit dir besprechen würde.«

»Stimmt, wir sind keine Freundinnen, die sich alles erzählen. Trotzdem viel Glück und noch einen schönen Abend«, verabschiedete sich Anna von Miriam und Harald. So wie Miriam sich gerade aufführte, musste Sebastian Seefeld wirklich außergewöhnlich anziehend sein. Miriam konnte sich über Bewunderer wirklich nicht beklagen.

Anna fragte sich, was wohl so besonders an diesem jungen Arzt war, dass selbst Miriam sich nicht mehr in der Gewalt hatte. Sie war ihm bisher noch nicht persönlich begegnet, weil sie erst vor zwei Tagen aus ihrem Urlaub zurückgekehrt war. Da sie aber eng mit der Praxis Seefeld zusammenarbeitete, wenn es um ihre werdenden Mütter ging, würde diese Begegnung nicht mehr lange auf sich warten lassen. Auf dem Hochzeitsfoto von ihm und seiner Frau, das in der Diele bei den Seefelds hing, war er nur im Profil zu sehen, und das Foto war auch schon fünfzehn Jahre alt. Sie konnte zwar darauf erkennen, dass er ziemlich gut aussah, aber wenn er ihr zufällig auf der Straße begegnete, würde sie ihn wahrscheinlich gar nicht erkennen.

Sie glaubte nicht daran, dass Miriam mit ihrem geplanten Eroberungsversuch schnell Erfolg haben würde. Eine neue Liebe hatte in Sebastians Leben vermutlich noch keinen Platz. Sie konnte sich noch gut an den Tag im letzten Frühjahr erinnern, als Benedikt Seefeld die Nachricht vom Tod seiner Schwiegertochter erhielt. Sie war damals gerade bei Traudel in der Küche gewesen und hatte Kräuter für einen Magentee abgeholt, als der Anruf kam. Die Stille, die im Haus plötzlich herrschte, war gespenstisch und war auch ihr nahegegangen. Sebastian Seefeld hatte seine Frau sehr geliebt. Er würde Zeit brauchen, um sich mit diesem Verlust abzufinden.

Egal, das ist nicht mein Problem, dachte Anna und schaute auf das helle Gebäude mit den grau weißen Fensterläden und dem Walmdach. Dort war seit drei Jahren ihr Zuhause. Über der Apotheke im Erdgeschoss war ihre Praxis, und in dem gemütlichen Appartement unter dem Dach hatte sie ihre Wohnung.

»Wollen wir noch etwas trinken gehen?«, fragte Harald, nachdem Anna außer Hörweite war.

»Wo?«

»Vielleicht bei dir?«, schlug Harald vor und betrachtete Miriam voller Sehnsucht.

»Nein, lieber im Biergarten«, sagte Miriam, als sie sah, dass Sebastian und Emilia genau diese Richtung einschlugen.

»Wie du möchtest«, seufzte Harald und nahm ihr den schwarzen Aktenkoffer ab, den sie bei sich hatte.

*

Die Brauerei Schwartz lag am Ende des Dorfes. Es war das erste Mal seit seiner Rückkehr nach Bergmoosbach, dass Sebastian den Biergarten besuchte. Wie jeden Abend herrschte dort viel Trubel, und es war kaum noch ein Platz frei. Die Tische und Bänke standen im Hof des roten Backsteingebäudes direkt neben dem Bach, in dem sich schon so mancher nach einem langen Abend abgekühlt hatte. Die alten Laternen, die bereits vor hundert Jahren den Hof beleuchteten, verbreiteten noch immer ihr warmes gemütliches Licht. Auf den Tischen standen ihre kleinen Konkurrenten, flackernde Windlichter, deren Flammen tanzende Schatten auf den hell gepflasterten Boden warfen.

»Grüß Gott, Doktor Seefeld, mei, ich freu mich so, dass Sie wieder da sind.«

»Hallo, Irmi«, begrüßte Sebastian die Kellnerin mit einem freundlichen Lächeln, die mit den Armen voller Bierkrüge den Hof durchquerte, als er und Emilia den Biergarten betraten.

Irmi bediente schon seit über dreißig Jahren im Sommer im Biergarten und im Winter im Bräustübel. Wie immer trug sie ein dunkelrotes Dirndl, hatte ein dunkelrotes Samtband um den Hals gebunden und ihr inzwischen ergrautes Haar zu einem Kränzchen hochgesteckt.

»Du bist sicher die Emilia. Wie ähnlich du deiner Großmutter Carla siehst. Es ist gerad so, als stünd sie wieder vor mir, als ein ganz ein junges Madl. Das gleiche Haar und das zarte Gesichtchen. So ein hübsches Madl bist du.« Irmi betrachtete Emilia mit einem liebevollen Blick.

»Hallo.« Emilia senkte den Kopf, bis ihr Gesicht zum größten Teil von ihrem Haar verdeckt war. Immerzu sehe ich irgendjemanden ähnlich, nur nicht Mama, dachte sie. Sie hatte nichts dagegen, ihrem Vater oder Großmutter Seefeld zu ähneln, aber warum sagte nicht wenigstens einmal jemand, dass sie aussah wie Helene.

»Leonhard wartet schon auf euch, hinten im Separee«, erklärte Irmi augenzwinkernd und trug ihre Maßkrüge ins Bierstübel im Erdgeschoss der Brauerei.

»Auf dieses Separee bin ich aber mal gespannt«, flüsterte Emilia, als ihr Vater sich bei ihr unterhakte und sie zwischen den Tischen hindurch ans Ende des Biergartens geleitete.

»Es ist nur ein versteckter Platz hinter der Hecke, an dem Leonhard ein wenig Privatsphäre genießt«, raunte Sebastian ihr zu.

»Die kannst du auch gut gebrauchen, Papa. Ich komme mir gerade vor wie auf einem Laufsteg.« Sie schalten schon wieder auf Flirtmodus, dachte sie, als sie die Blicke sah, die ihrem Vater folgten. Und dann dieses ständige Händeschütteln, weil an jedem Tisch jemand aufsprang, um ihn zu begrüßen und sich auch riesig freute, die Tochter vom lieben Doktor Seefeld oder vom lang vermissten Sebastian kennenzulernen. »Warst du früher auch schon so eine Art Superstar? Oder was hat das zu bedeuten?«, fragte sie leise, als sie endlich die Hecke erreichten hatten, hinter der Leonhard auf sie wartete.

»Ja, war er, Emilia«, beantwortete der große dunkelhaarige Mann, der ihnen entgegenkam, ihre Frage.

»Hallo, Leonhard.« Emilia war erleichtert, endlich ein vertrautes Gesicht zu sehen.

»Ich freue mich, dass du hier bist. Aus der Ferne beobachtet, dachte ich gerade, ich würde Helene sehen. Du bewegst dich ebenso elegant wie sie«, sagte er leise und nahm das Mädchen zur Begrüßung in seine Arme. »Schön, dass du sie überreden konntest mitzukommen«, wandte er sich an Sebastian.

»Danke«, sagte Emilia.

»Danke für was?«, fragte Leonhard, als er sie wieder losließ.

»Dass wenigstens einer in diesem Dorf irgendetwas von Mama in mir erkennt.«

»Du darfst Ihnen nicht böse sein, wenn sie dich mit deiner Großmutter vergleichen. Carla Seefeld muss eine wundervolle Frau gewesen sein, an die sie sich gern erinnern. Sie wollen diese Ähnlichkeit in dir sehen«, sagte ­Leonhard und tauschte einen schnellen Blick mit Sebastian.

»Also gut, dann nehme ich es einfach hin. Ich habe ja auch gar nichts dagegen, Oma Carla ähnlich zu sehen, aber eben nicht nur ihr.«

»Das ist auch nicht so. Die Augen hast du eindeutig von deinem Vater.«

»Leonhard, du bist zu gütig«, entgegnete Emilia lachend.

»Ich weiß«, antwortete er schmunzelnd. »Kommt, setzen wir uns«, bat er und führte die beiden an einen runden Tisch, der durch die dicht gewachsene Hecke vor neugierigen Blicken geschützt war und Platz für vier Personen bot. »Was möchtet ihr essen?«, fragte er.

»Forelle mit Kartoffeln und Salat. Oder habt ihr das nicht mehr auf der Speisekarte?«

»Doch, haben wir. Für dich auch, Emilia?«

»Ja, bitte«, schloss sich Emilia ihrem Vater an. Es war ein Gericht, das sie auch in Kanada oft gegessen hatten.

»Du nimmst ein Honigbier, Sebastian?«

»Auf jeden Fall, es gehört zu einem Besuch in deinem Biergarten.«

»Ich möchte auch ein Bier. Ein Malzbier«, erklärte Emilia lächelnd, als ihr Vater und Leonhard sie überrascht ansahen.

»Dreimal das Tagesmenü, zwei Honigbier und ein Malzbier«, gab Leonhard seine Bestellung an Irmi weiter, die kurz darauf zu ihnen kam.

»Ist recht.«

»Wie weit seid ihr mit meinem anderen Auftrag?«

»Er ist ausgeführt, Chef«, antwortete Irmi und rauschte lächelnd davon.

»Das klingt nach einem Geheimauftrag«, stellte Emilia kichernd fest.

»Vielleicht ist es einer«, sagte Leonhard und tippte auf ihre Nasenspitze.

»Na klar, und dort drüben finden die Agententreffen statt.« Emilia deutete auf das ebenerdige Gebäude, das auf der anderen Seite des Baches inmitten der Rapsfelder stand.

»Nein, das ist unsere Imkerei.«

»Kommt der Honig für euer Honigbier ausschließlich aus eurer eigenen Imkerei?«

»Ja, ausschließlich. Wir haben einen fest angestellten Imker, der sich um die Bienenstöcke auf den Rapsfeldern kümmert und auch den Honig verarbeitet, den uns ein Bergbauer von unseren Bienenstöcken auf der Schwartz Alm bringt.«

»Die Bienenstöcke auf der Alm würde ich mir gern mal ansehen und auch eure Imkerei und wie der Honig in das Bier kommt. Könnte ich bei euch vielleicht ein Praktikum machen? Hier beginnen sie das Schuljahr nämlich mit einer Projektwoche, habe ich gehört.«

»Sag mir einfach Bescheid, wann du zu uns kommen willst. Ich freue mich darauf, dir alles zu zeigen.«

»Ich dachte, du wolltest dir nicht einmal den Namen deiner neuen Schule merken. Woher weißt du denn das mit der Projektwoche?«, wunderte sich Sebastian.

»Es bleibt mir ja wohl nichts anderes übrig, als mich doch mit dieser Schule irgendwie anzufreunden. Ich habe ein bisschen im Internet recherchiert und bin zufällig auf Facebook auf die Seite meiner zukünftigen Klasse geraten.«

»Und?«, fragte Sebastian, und er konnte seine Erleichterung über dieses Geständnis seiner Tochter kaum verbergen. Offensichtlich war sie nicht ganz so desinteressiert an ihrer Zukunft, wie sie vorgab.

»Ich habe mich als neue Schülerin geoutet, und sie haben mir meine Fragen beantwortet.«

»Das heißt, du hast schon erste Kontakte geknüpft?«

»Zumindest reden sie mit mir.«

»Das ist gut, Schatz, dann wird der erste

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