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Maria Callas: Musik ist, was ich am meisten liebe
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Maria Callas: Musik ist, was ich am meisten liebe
eBook294 Seiten3 Stunden

Maria Callas: Musik ist, was ich am meisten liebe

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Über dieses E-Book

Keine Sängerin der Musikgeschichte hat die Menschen so bewegt wie Maria Callas. Ihr Gesang zog das Publikum in den Bann und übte eine fast magische Wirkung aus. Doch wer war Maria Callas jenseits der Bühne? Gunna Wendt gelingt es, hinter der großen Bühnengöttin das Mädchen Maria zu entdecken und ihre Entwicklung vom unglücklichen Emigrantenkind bis zur umjubelten Operndiva darzustellen.
SpracheDeutsch
HerausgeberVerlag Herder
Erscheinungsdatum17. März 2017
ISBN9783451806544
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    Buchvorschau

    Maria Callas - Gunna Wendt

    Gunna Wendt

    Maria Callas

    Musik ist, was ich am meisten liebe

    Romanbiografie

    Impressum

    Titel der Originalausgabe: Maria Callas. Musik ist, was ich am meisten liebe. Romanbiografie

    © Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

    Alle Rechte vorbehalten

    www.herder.de

    Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

    Umschlagmotiv: © bpk – Victoria and Albert

    Museum, London – Houston Rogers

    E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

    ISBN (E-Book): 978-3-451-80654-4

    ISBN (Buch): 978-3-451-06824-9

    «Je ähnlicher wir dem Traum werden, den wir von

    uns selbst haben, umso authentischer sind wir.»

    Pedro Almodóvar, Alles über meine Mutter

    Inhalt

    VORSPIEL

    1. AKT

    Marys Kindheit in New York

    Aufbruch in die alte Welt

    Ein Wunderkind und seine Mütter

    Suche nach dem Vater

    INTERMEZZO

    Es ist nicht genug, eine schöne Stimme zu haben

    2. AKT

    Väter der Karriere

    Violetta, Tosca, Norma

    INTERMEZZO

    Die Oper ist Frauensache

    3. AKT

    New Look – ein anderer Blick

    J’aime l’art – pas le métier

    Griechische Dramen

    Paris ist eine Frau

    ANHANG

    Lebensdaten

    Empfehlenswerte CDs, DVDs und Filme

    Ausgewählte Literatur

    Dank

    Bildnachweis

    VORSPIEL

    Sirmione, Lago di Garda, Juni 2003. Im Palazzo Civico, seit kurzem Palazzo Callas genannt, ist die Ausstellung «Callas sempre Callas!» zu sehen. Damit ehrt die Stadt ihre berühmte Bewohnerin – sie besaß dort zusammen mit ihrem Ehemann Giovanni Battista Meneghini ein Haus – zu ihrem achtzigsten Geburtstag. Das Haus an der Piazza Carducci in der Altstadt leuchtet in sattem Türkis, der Lieblingsfarbe der Sängerin.

    Vereinzelte Touristen schlendern durch die Ausstellungsräume, bleiben vor den Vitrinen stehen, betrachten die Exponate: eindrucksvolle Spuren einer beispiellosen Karriere – Plakate, Programmzettel, Fotografien und als Talisman eine Schatulle mit dem Bild der Heiligen Familie. Mir fällt ein großer Fächer aus himbeerroten Straußenfedern ins Auge. Überdimensional, flirrend – sogar hinter Glas scheint er zu vibrieren –, versehen mit dem Hinweis: «‹La Traviata›, Rio de Janeiro, 28. September 1951.»

    Von weither ertönt ihre Stimme. Aus der Höhe. Ich folge ihrem Klang. Im dritten Stock ist ein provisorisches Kino eingerichtet. Auf der Leinwand Maria Callas und Tito Gobbi in der berühmten «Tosca»-Inszenierung von Franco Zeffirelli, Covent Garden, London 1964. Der zweite Akt: Toscas Aufschrei der Verzweiflung. Nur für die Kunst habe sie gelebt. Nur für die Liebe. Warum wird das nicht belohnt? Warum drohen ihr nun Erniedrigung, Verrat und Vergewaltigung? Gibt es denn keine Hilfe, keine Rettung? Nicht nur ihrem Peiniger Scarpia scheint ihre Anklage zu gelten, sondern der ganzen Welt.

    Ich setze mich in die letzte Reihe. Ein Paar betritt den Raum, seriös gekleidet, Einkaufstaschen mit sich tragend, so als hätten sie nach der Arbeit noch gemeinsam Besorgungen gemacht. Plötzlich löst sich der Mann von seiner Begleiterin und lässt sich in einer der vorderen Reihen nieder. Sie ist überrascht, will ihn zurückhalten, aber er reagiert nicht. Sein Blick ist auf die Leinwand fixiert. Nichts anderes scheint ihn mehr zu erreichen. Und dann beginnt er plötzlich zu schluchzen. Die Frau drängt sich neben ihn, aber er wehrt sie mit entschlossener Geste ab, ohne seine Augen von der Leinwand zu lösen. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich in einiger Entfernung von ihm hinzusetzen und zu warten.

    «Es werden so viele unsinnig geweint, aber die Tränen, die der Callas gegolten – sie waren so sinnlos nicht. Sie war das letzte Märchen, die letzte Wirklichkeit, deren ein Zuhörer hofft teilhaftig zu werden.» Das schrieb Ingeborg Bachmann in ihrer berühmten Hommage an Maria Callas. Darin versucht sie, das Unbegreifliche in Worte zu fassen: Die Erfahrung, dass die Zuhörer mit allen Sinnen in das Ereignis hineingezogen werden, das die Sängerin ihrem Publikum schenkte. Nicht nur die Zuschauer waren überwältigt, sondern auch ihre Kollegen. Der 2005 verstorbene Dirigent Carlo Maria Giulini berichtete von der Zusammenarbeit mit der Callas bei «La Traviata» an der Mailänder Scala im Mai 1955: «Mich überfiel, wann immer ich diese Produktion dirigierte, stets dieselbe Empfindung – über zwanzigmal in zwei Spielzeiten. Für mich begab sich die Wirklichkeit auf die Bühne. Was hinter mir war, das Publikum, das Auditorium, die Scala selbst, all das schien mir künstlich. Nur das, was auf der Bühne atmete, war Wahrheit – war das Leben selbst.»

    Drei Jahre vorher hatte der amerikanische Kritiker Newell Jenkins über die Geschehnisse während und nach der Aufführung von «I Puritani» in Florenz gestaunt: «Am Ende jedes Aktes begab sich etwas ganz und gar Außergewöhnliches. Das Publikum rief, trampelte mit den Füßen oder stürmte nach vorn, um für Miss Callas Vorhang um Vorhang zu erzwingen. Das Orchester stand im Graben und applaudierte nicht weniger stürmisch als das Publikum.»

    Maria Callas feierte ihre größten Triumphe in den 1950er-Jahren an den großen Opernhäusern der Welt, allen voran an der Mailänder Scala. Sie wurde Diva divina und Diva assoluta genannt. Eine Zeit lang galt sie sogar als berühmteste Frau der Welt. Die Medien berichteten allerdings nicht nur über ihre künstlerische Arbeit, sondern vor allem über die Begleitumstände ihrer Auftritte – spektakuläre Absagen, Prozesse, Rivalitäten – und über ihr Privatleben. Schon lange bevor ihre Beziehung zu dem griechischen Reeder Onassis die Klatschspalten füllte, war sie als erfolgreiche und selbstbewusste Künstlerin zunächst misstrauisch beäugt und dann regelrecht niedergeschrieben worden. Kein anderer egozentrischer Bühnen- oder Filmstar dieser Epoche – weder Marilyn Monroe noch Elizabeth Taylor – zog in solch infamer Weise die Ablehnung einer großen Öffentlichkeit auf sich. Noch heute ist das unverständlich. Warum sollte das Unbegreifliche mit aller Macht entzaubert werden? Warum war die Vollkommenheit so unerträglich, dass sie demaskiert werden musste?

    Vielleicht ist die Antwort ganz einfach: Man wollte einer Frau nicht zugestehen, dass sie unbeirrbar ihren eigenen Weg ging und sich zu einer der größten Künstlerinnen aller Zeiten entwickelte, die Kunst und Leben identisch werden ließ. So etwas durfte es nicht geben. Jedenfalls nicht ungestraft. Die Frage nach dem Preis dieser Karriere wurde von der Presse aggressiv in den Vordergrund gerückt. Erst nach ihrem Tod änderte sich der Ton: Nun versuchte man Maria Callas rückblickend als Opfer zu sehen, stilisierte sie bis ins letzte Klischee zur tragischen Diva, die sich für die Kunst geopfert hatte und darüber hinaus von den ihr nahestehenden Menschen ausgebeutet wurde.

    Gab es ihn wirklich bei Maria Callas, den unlösbaren Konflikt zwischen der Künstlerin und der Privatperson, der Frau? Oder bestand das Außerordentliche ihrer Existenz gerade darin, dass sie einen Weg für sich erfand, diese beiden Aspekte miteinander zu versöhnen?

    Maria Callas hat von sich gesagt, sie empfinde sich als zwei Personen, als Maria und die Callas. Maria – ganz am Anfang in Amerika hieß sie Mary – war zuerst da: munter, pummelig und neugierig auf das Leben. Ein junges Mädchen, das irgendwann merkte, dass es singen konnte. Mit dieser Entdeckung wurde die Callas geboren. Nachdem sie die ersten Töne angeschlagen hatte, war sie untrennbar mit der Musik verbunden – eine Liaison, die sie nie enttäuscht und nie gelangweilt hat, die allerdings auch keine Nebenbuhler duldete. Der Musik wurde von Anfang an alles andere untergeordnet, sogar die Liebe. Oder anders gesagt: Die Musik war ihre einzige große Liebe. Sie erforderte eine extreme Disziplin, in persönlicher und auch körperlicher Hinsicht. Ein neuer Typus wurde kreiert: die Neuschöpfung als schlanke, dreißig Kilo leichtere, elegante Primadonna, die sich wie Audrey Hepburn kleidete und frisierte. Das gab ihr Sicherheit und ermöglichte ihr endlich, die Opern, die ihr am Herzen lagen, noch authentischer zu gestalten. Der Abstand zwischen Maria und der Callas hatte sich dadurch verringert, es blieb jedoch eine der Hauptanstrengungen ihres Lebens, diese beiden Teile ihrer Persönlichkeit zusammenzuhalten – oder zumindest darauf zu achten, dass sie sich nicht zu weit voneinander entfernten. Bühnenrollen wurden zu Hilfsmitteln: So konnten sich Maria und die Callas zum Beispiel in den Rollen der Norma, Tosca, Violetta und der Medea nahe kommen. In ganz besonderen Momenten waren sie deckungsgleich. So entstanden die großen Opernereignisse, die ihr den legendären Ruf einer Bühnengöttin einbrachten. Denn sie war wohl die erste große Sängerin, die ihre Rollen nicht nur mit stimmlichen Mitteln, sondern auch mit ihrem Körper darstellte. Und so gibt es diese unglaublich intensiven Momente, in denen sie, noch bevor der erste Ton erklingt, in ihrer Mimik und Gestik bereits alles vorwegnimmt, was sich in den nächsten Minuten und Stunden auf der Bühne ereignen wird. Alles ist längst in ihr und drängt nach seiner Entfaltung.

    Viele Jahre ihres Lebens war die Musik, der Gesang, die Kunst ihre große Liebe. Die Männer, mit denen sie enge – erotische und kreative – Beziehungen einging, akzeptierten diese Tatsache bereitwillig. Ihr Ehemann Giovanni Battista Meneghini bot ihr den notwendigen Rückhalt, um ihre Karriere auf- und auszubauen. Die Regisseure Franco Zeffirelli, Luchino Visconti, Pier Paolo Pasolini, die Dirigenten Tullio Serafin, Carlo Maria Giulini und der Gesangspartner Giuseppe di Stefano gingen vor allem eine künstlerische Verbindung mit ihr ein. Gemeinsam mit ihr schufen sie Werke für die Bühne oder die Leinwand.

    Maria Callas hat ihr Leben mit unvorstellbarem Perfektionsdrang selbst gestaltet und inszeniert. Im Vordergrund standen die beiden Protagonistinnen Maria und die Callas, begleitet von männlichen Nebenfiguren. Diese Anordnung blieb in ihrer Struktur und Dramaturgie immer ähnlich – bis schließlich einer kam, der sich nicht mit einer Nebenrolle begnügte und für den die Kunst niemals Liebesobjekt sein konnte: Aristoteles Onassis. Er verliebte sich in die Callas und nahm Maria in Kauf. Für ihn war die Callas eine Berühmtheit, die ihn faszinierte und mit der er sich schmücken konnte. Als notorischer Eroberer ging es ihm vor allem um attraktive Besitztümer. Das war Maria Callas zweifellos. Von seiner Fähigkeit, sie anzubeten, war sie geblendet. Und da er nichts von der Oper verstand, glaubte sie, es ginge ihm bei seiner Werbung um sie selbst, um Maria. Sie fühlte sich als Frau begehrt und entwickelte daraus für ihre Arbeit eine neue künstlerische Qualität. Die Aufnahmen aus der ersten Zeit ihrer Liebe zu Onassis strahlen eine fast übernatürliche erotische Energie aus. Ihr Gesicht, ihr Körper, ihre Stimme vibrieren in ungeschützter Leidenschaft. Hier scheint sich nun die Geschichte Medeas zu wiederholen: Medea, die Zauberin, deren magische Kräfte am Anfang ihrer Liebe zu Jason ins Unendliche wachsen. Sie geht verschwenderisch mit ihnen um. Die Liebe macht sie mutig. Aus Mut wird Übermut. Der lässt sie beinahe vergessen, dass jede Begabung und jedes Talent der Pflege und Fürsorge bedarf. Vor allem der eigenen. Die disziplinierte und achtsame Sängerin Maria Callas entzieht ihrer Stimme einen Teil ihrer Aufmerksamkeit und riskiert, dass ihr deren Zauberkraft entgleitet. Wie lange wird sie es aushalten, so über ihre Verhältnisse zu leben? Oder hatten sich die Prioritäten für sie längst verschoben? War sie bereits an einem Punkt angelangt, an dem die Off-Stage-Inszenierung ihres Lebens für sie viel wichtiger geworden war als jegliches Bühnengeschehen? Ging es inzwischen darum, ihr gesamtes Leben als Kunstwerk zu gestalten?

    Ihre Rolle als große Tragödin verlagerte Maria Callas von der Bühne in den Alltag. Die berühmteste griechische Frau des zwanzigsten Jahrhunderts ging eine Liebesbeziehung ein mit dem berühmtesten griechischen Mann. Eine antike Tragödie der Neuzeit schien unaufhaltsam vorprogrammiert. Alle Augen waren gespannt darauf gerichtet, und dabei bemerkte niemand, dass dieses Stück zumindest teilweise von seiner Protagonistin selbst erfunden und inszeniert worden war. Das Publikum und die Medien waren wieder einmal ihrer Verführung erlegen, oder anders gesagt: Sie waren ebenso Maria als auch der Callas auf den Leim gegangen.

    1. AKT

    MARYS KINDHEIT IN NEW YORK

    Anfang Dezember 1923 setzten bei Evangelia Kalogeropoulos die Wehen ein. Sie wurde ins New Yorker Flower Hospital gebracht. Die Geburt verlief ohne Komplikationen, und so hielt sie bald ein gesundes, schwarzhaariges, großes, ungewöhnlich schweres Baby im Arm, das nur einen einzigen Fehler hatte: Es war ein Mädchen. Damit hatte Evangelia nicht gerechnet und reagierte mit Enttäuschung und Ablehnung. Erst nach vier Tagen, so berichtet sie selbst in ihrem Buch My Daughter Maria Callas, habe sie sich dazu durchringen können, das Kind überhaupt anzuschauen. Doch die großen dunklen Augen des Babys, die sie um Liebe zu bitten schienen, hätten dann den Bann gebrochen, und sie habe sich ihrer Tochter Maria zuwenden können.

    Maria Callas wurde am 3. Dezember 1923 als drittes Kind von Evangelia und Georges Kalogeropoulos in New York geboren. Der genaue Geburtstermin sorgte später für Verwirrung, denn es waren verschiedene Daten im Umlauf: Die Mutter gab den 4. Dezember an, in der Schule wurde der 3. Dezember eingetragen. Maria selbst feierte ihren Geburtstag immer am 2. Dezember. Auch ihr Taufpate, Leonidas Lantzounis, der bei ihrer Geburt im Krankenhaus anwesend war, nannte dieses Datum. Evangelia sagte, Maria sei während eines heftigen Sturms geboren – eine Tatsache, der sie im Nachhinein Symbolkraft zugeschrieben habe, schließlich sei ihre Tochter mit ihrem Gesang und ihrer Persönlichkeit ihr Leben lang eine Quelle von Stürmen gewesen.

    Wenige Monate vor Marias Geburt waren ihre Eltern mit ihrer ältesten Tochter Iacinthy, genannt Jackie, von Griechenland nach Amerika ausgewandert. Kurz davor war ihr zweijähriger Sohn Vasily gestorben – eine schreckliche Tragödie für die Familie. Die Mutter wünschte sich nun nichts sehnlicher als einen neuen Sohn und zog ein anderes Geschlecht des Kindes, das sie erwartete, gar nicht erst in Erwägung. Sie hatte ihren Mann extra zu einem Astrologen gesandt, um die günstigste Sternenkonstellation für die Zeugung eines Jungen zu berechnen. In der Schwangerschaft nähte sie in freudiger Erwartung schon lauter blaue Wäsche und Kleidung. Sogar das Kinderzimmer strich sie blau an.

    Auf den Namen der Tochter konnten sich die Eltern zunächst nicht einigen: Evangelia lehnte Cecilia, den Vorschlag ihres Mannes, sofort ab und plädierte für Sophia. Maria war schließlich der Kompromiss, aber es sollte nicht wie üblich ein halbes, sondern drei Jahre dauern, bis das Kind in der griechisch-orthodoxen Kirche von Manhattan getauft wurde: auf den Namen Cecilia Sophia Anna Maria. In der Familie wurde sie Mary gerufen. Den Familiennamen Callas hatte Georges Kalogeropoulos aus praktischen Gründen gewählt. Verkürzungen des komplizierten ursprünglichen Namens waren damals nach amerikanischem Recht unproblematisch.

    Offensichtlich hat die Trauer der Mutter um den verstorbenen Sohn die ersten Jahre von Marys Kindheit bestimmt. Das Thema war in der Familie zwar tabu, dadurch jedoch unterschwellig umso mächtiger wirksam. Die Legende des klugen, schönen Bruders, auf den die Mutter alle Hoffnungen gesetzt hatte, schwebte immer über Mary. Irgendwann erzählte ihr ihre Schwester Jackie von der Tragödie um Vasily, diesem Menschen, mit dem sie nur durch einen ständigen Vergleich verbunden war, den sie automatisch immer verlieren musste. Auch den Vergleich mit der Schwester verlor sie, aber das war etwas anderes: Jackie war sechs Jahre älter als sie und daher naturgemäß klüger, vernünftiger und somit überlegen.

    Anders war es mit der Schönheit. Maria Callas schilderte ihre Schwester rückblickend als ein sehr hübsches Mädchen, wohingegen sie selbst unansehnlich und dick gewesen sei. Das Gesicht voller Pickel – und kurzsichtig obendrein. Sie musste sich wie ein hässliches Entlein vorgekommen sein. Und sie war nie ein richtiges Kind, sondern schon immer ernst, früh erwachsen und von Natur aus unglücklich. Auch einsam, denn sie hatte keine gleichaltrigen Freunde in New York. Die wenigen Bilder aus Marys Kindheit und früher Jugend bestätigen diese Einschätzung jedoch nicht. Als Kleinkind wirkt Mary niedlich und eigenwillig, mit acht, neun Jahren aufgeschossen, schlank, mit markanten Zügen. Jackie sieht zwar auf allen Bildern lieblicher und feiner aus, aber Mary strahlt Energie und Eigensinn aus. Vielleicht gehört die nachträgliche eigene Herabsetzung also bereits zur Stilisierung ihrer Person.

    Natürlich ist die Selbsteinschätzung eines Kindes auch stark von der Reaktion der anderen abhängig. Von ihrer Mutter erfuhr Mary kaum Anerkennung, schon deshalb, weil diese mit ganz anderen Dingen beschäftigt war: dem Tod ihres Sohnes, dem Heimweh nach Griechenland, dem Neuanfang in Amerika. Und über allem schwebte die bittere Erkenntnis, dass es ein großer Fehler gewesen war, Georges zu heiraten.

    Marys Eltern waren in ihrer Ehe nicht sehr lange glücklich gewesen. Sie hatten im August 1916 geheiratet, ein Jahr nachdem sie sich in Athen kennen gelernt hatten. Evangelia, geborene Dimitroadou, war zu diesem Zeitpunkt siebzehn Jahre alt, ein hübsches blondes Mädchen. Georges war fast fünfzehn Jahre älter, ein besonders gut aussehender Mann, der sich seiner Wirkung auf Frauen bewusst war. Nicht nur Evangelias Attraktivität hatte ihn angezogen, sondern auch die Tatsache, dass sie aus einer angesehenen und wohlhabenden Familie stammte. Ihr Vater war Armeeoffizier. Musik und Literatur spielten eine wichtige Rolle in dem großen Haushalt. Evangelia hatte zehn Geschwister, die alle gern sangen und musizierten. In ihren Schilderungen hat Evangelia das später immer wieder stark betont, in der Absicht, Marias Talent auf ihre eigene Familie zurückzuführen.

    Georges Kalogeropoulos war zum Zeitpunkt der Hochzeit knapp über dreißig. Er kam aus bäuerlichen Verhältnissen, hatte aber an der Universität von Athen Pharmazie studiert. Das war der einzige Grund für Evangelias Vater, dem die Herkunft seines Schwiegersohns zunächst nicht standesgemäß erschien, schließlich doch der Hochzeit zuzustimmen. Widerwillig und nicht ohne seiner Tochter zu prophezeien, sie werde mit diesem Mann niemals glücklich werden. Die sture Evangelia bestärkte dies jedoch nur noch in ihrer Entscheidung. Der Vater erlebte die Hochzeit allerdings nicht mehr – er starb zwei Wochen vorher an einem Schlaganfall.

    Wahrscheinlich stammte aus dieser Zeit Evangelias permanentes Überlegenheitsgefühl. Später würde sie Georges seine bäuerliche Herkunft immer wieder vorwerfen und gleichzeitig auf ihren eigenen kultivierten familiären Hintergrund verweisen. Nach der Hochzeit ließ sich das junge Paar erst einmal in Meligala nieder, einer lebendigen Kleinstadt auf dem Peloponnes. Georges eröffnete eine Apotheke und begann schon bald, sein eigenes Leben zu führen. Er war viel unterwegs, umgab sich gern mit anderen Frauen und kam oft spät nach Hause. Schon nach einem halben Jahr, so gestand Evangelia später ihren Töchtern, habe sie erkannt, dass ihr Vater damals Recht gehabt hatte mit seiner pessimistischen Prophezeiung. Georges war ein Schürzenjäger par excellence. Trotzdem wollte Evangelia durchhalten und eine gute Ehefrau und Mutter sein. Die äußeren Bedingungen stimmten, das war nicht unwichtig für sie. Sie lebten in einem großen Haus mit Koch, Hausmädchen und diversen Bediensteten. 1917 wurde Iacinthy geboren, 1920 kam Vasily zur Welt, der 1922 an einer Gehirnhautentzündung starb. Von diesem furchtbaren Schlag erholten sich die Eltern nie mehr richtig. Jeder flüchtete sich in eine Rolle, die Trost und Sicherheit versprach. Georges ging in seinem Berufsleben auf, und Evangelia entwickelte sich zur herrschsüchtigen Hausfrau.

    Eines Tages entschloss sich Georges zu einem Schritt, der allen unverständlich erscheinen musste: Er entschied, das Geschäft aufzugeben und nach Amerika auszuwandern. Angeblich – so seine Frau später – eine völlig willkürliche Entscheidung, ohne Diskussionen und Vorgespräche. Er stellte seine Familie vor vollendete Tatsachen, nachdem er sein Geschäft schon verkauft und die Fahrkarten für die Überfahrt bereits gebucht hatte. Das war im Juni 1923, und die Reise sollte Mitte Juli stattfinden. Dieser Willkürakt löste bei seiner überrumpelten Frau einen hysterischen Anfall aus. Sie warf ihm vor, nur ein Mensch ohne Kultur und Erziehung könne sich so verhalten, denn für sein Vorgehen war überhaupt kein nachvollziehbarer Grund erkennbar. Das Geschäft florierte, zumindest finanziell ging es der Familie gut.

    Warum plante er gerade jetzt einen Neuanfang in der Neuen Welt? Der Tod seines kleinen Sohnes hatte ihn zweifellos

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