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Conny Cöll - Iximaya

Conny Cöll - Iximaya

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Conny Cöll - Iximaya

Länge:
259 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Jun 21, 2017
ISBN:
9783874116046
Format:
Buch

Beschreibung

Iximaya – Traumstadt oder Wirklichkeit?
Forscher sollen sie gesehen haben, die heilige Stadt der Mayas, von keinem Weißen vorher betreten. Wo lag sie? Jenseits von Santa Cruz del Quieche, vier Quadratmeilen groß, reich an Tempeln, Pyramiden und Altären, von einer breiten Stadtmauer umgeben, inmitten der Unergründlichkeit des unerforschten Urwaldes von Guatemala.
Iximaya – letztes Bollwerk des uralten Mayareiches – hat es seine Geheimnisse preisgegeben?
Atemberaubend und unvergesslich das Geschehen, das ins Reich Saticas, der Cura von Yukatan, führt. Was mussten Conny Cöll und Rhett Steve in der heiligen Stadt erleben? Satica war in Gefahr, und sie rief nach ihren Freunden ... Schon nach wenigen Seiten ist der Leser von einer fremden, längst versunkenen Welt eingefangen, lebt in ihr, leidet mit ihren Gestalten, freut sich mit ihnen und bangt um sie –
Freigegeben:
Jun 21, 2017
ISBN:
9783874116046
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Conny Cöll - Iximaya

Buchvorschau

Conny Cöll - Iximaya - Konrad Kölbl

KONRAD KÖLBL – Iximaya

von Konrad Kölbl

Inhalt

1. Die Botschaft

2. Die Sprache der Tamborcitos

3. Nummer 713 erzählt

4. Die verbotene Stadt

5. In Chichen Itza

6. Iximaya

1. Die Botschaft

Einem uralten Häuptling der Santa-Cruz-Indios war es zu danken, dass die aufhorchende Welt davon erfuhr. Er hatte die unglaubliche Sensation auf Agavenpapier niedergeschrieben, um sie seinen Nachkommen zu übermitteln; in Puerto Mexiko, dem wohl elendesten und erbärmlichsten Nest am großen Golf, hatten Altertumsforscher, die nach Yukatan unterwegs waren, die Botschaft in einer von Moskitos verseuchten Höhle aufgefunden, in der sie nach Überresten der alten mixtekischen Kunst gegraben hatten. Die Mixteken waren Künstler, denen kein Stein, kein Fels zu hart war, um darin ihre kühnen Ornamente und Götterbilder zu verewigen; sie schufen Jadefiguren in edelster Vollendung.

Ein ganzer Kontinent blickte auf Puerto Mexiko am schmutziggelben Coatzacoalcos-Strom, an dessen Ufern Kokospalmen und blaugrüne Bananendickichte stehen, begrenzt vom tiefen, unergründlichen Urwald.

Die Welt erhielt Kunde von einer geheimnisvollen Stadt inmitten des ewig rauschenden Dschungels, inmitten der Urwaldriesen und Mahagonibäume, wo Orchideen und Pochote blühen. Ein Name tauchte auf, der rasch über den Erdball ging: Iximaya –

Die Botschaft auf dem Agavenpapier war der Beweis. Was mehrere Dutzend Forscher schon angedeutet und zu beweisen versucht hatten, ohne den lächelnden Unglauben der Welt zu besiegen, was als Ausbund krankhafter Fantasie gegolten hatte, fand seine Bestätigung: Iximaya existierte.

Die geheimnisvolle Stadt im Urwald schien Wirklichkeit zu sein. Wo lag das Heiligtum der Mayas? In Yukatan, dem geistigen Sitz dieses ehedem so hoch entwickelten Volkes? Die aufgefundene Schrift wollte es besser wissen. Iximaya, die rätselhafte Dschungelstadt, die noch keines Weißen Fuß betreten hatte, die als letztes Bollwerk des Mayatums bezeichnet wurde, die kein Unbefugter, kein Forscher, kein abenteuerlustiger Schatzgräber, sofern er das Glück hatte auf sie zu stoßen, wieder lebend verlassen hatte, sollte jenseits von Santa Cruz del Quieche in Guatemala nahe der mexikanischen Grenze liegen. Von den waldbestandenen Hängen der Sierra herab sollte man die breite Mauer sehen können, von der die Stadt umgeben ist, die Großstadt im Urwald; die Stadt der märchenhaften Tempel und Paläste, über siebzig an der Zahl, inmitten der gepflegten Wohnstätten der Indios, die schon bestanden haben sollen, als noch die barbarischen Azteken das große Reich terrorisierten und versklavten. Die Straßen sollten mit Gold und Silber gepflastert sein. Das war es, was die Welt aufhorchen ließ. Gold! Silber! Ungeheure Schätze!

Ein kleines Heer von Forschern, Weltenbummlern und schatzsuchenden Abenteurern machte sich auf, Iximaya zu suchen. Nun wusste man ungefähr, wo die sagenhafte Goldstadt zu finden war: in Guatemala, zwischen den ungeheuren Urwäldern von Britisch-Honduras und dem Pazifischen Ozean. Aber die Wochen vergingen …, die  Monate …, die – Jahre –

Keine Meldung drang in die Öffentlichkeit, die von der tatsächlichen Entdeckung Iximayas kündete. Man war einer Fata Morgana, einer trügerischen Vision nachgerannt, die in ausweglose Irre führte. Man hatte endlose Ruinenfelder gefunden, längst schon in Staub zerfallene, versunkene Bauwerke inmitten der Wildnis. Der üppig blühende Urwald hatte die Mauern umrankt und erstickt, Wände und eingestürzte Dächer, uralte Treppen und Pyramiden überwuchert. Von einer lebendurchpulsten Großstadt, die eine Ausdehnung von nahezu vier Quadratmeilen haben sollte, keine Spur.

Schon begann die Öffentlichkeit über die Fabelstadt zu lächeln, zu spotten, denn die täglichen Berichte, maßlos aufgebauscht, widersprachen sich in sinnloser Folge. Wo lag die Wahrheit –, die Wirklichkeit? Unentwegte Forscher wurden nicht müde, die „Goldene Stadt" zu suchen, und ihr Aufbruch in die Dschungel Guatemalas wurde mit großem Pomp bekannt gegeben – von ihrer Wiederkehr hat man nichts mehr gehört.

Die Urwälder Guatemalas waren voll Tücke und Gefahr, sie waren ohne Anfang und Ende. Sie gaben ihre Geheimnisse nicht preis …

Schon war die Botschaft des alten Santa-Cruz-Indios vergessen. Niemand sprach mehr von Puerto Mexiko, dem armseligsten Nest an der Küste des riesigen Golfes, von den Unermüdlichen, die sich anheischig machten, dem Dschungel seine Geheimnisse abzutrotzen, als eine neue Zeitungsmeldung die Gemüter einer sensationshungrigen Leserschaft aufwühlte –

Ein gewisser Joe Johnson, Archäologe, der mit einer kleinen, gut ausgerüsteten Expedition vom südlich gelegenen La Comera aus ins Innere von Guatemala vorgestoßen war, war in völlig erschöpftem Zustand in Punta Gorda von britischen Soldaten aufgefunden worden. Er hatte nur noch wenige Stunden gelebt, nachdem er in wirren, zusammenhanglosen Worten von der „Goldenen Stadt" erzählte, die er gefunden haben wollte. Er schilderte, bereits im Fieberwahn, die unbeschreibliche Herrlichkeit des Geschauten und fantasierte von modernen Straßenanlagen, die genau im maßgerechten Quadrat angelegt waren, von Häusern aus schimmerndem Marmor, von riesigen Standbildern aus Granit, von himmelaufstrebenden Pyramiden, endlosen Treppengängen, kunstvoll gewundenen Säulen und goldenen Altären, von Glanz und Pracht. Die Expedition war von Indios überfallen und niedergemacht worden. Nur ihm war es gelungen, sich zu retten. Man hatte ihn durch den Dschungel verfolgt, er hatte Jaguaren, Panthern, Pumas und sogar Alligatoren ausweichen müssen und mehr als einmal sollte er nahe am Rande des Todes vorbeigegangen sein. Sollte –, sollte …

Mister Joe Johnson hatte sein fragwürdiges Erlebnis nicht mehr zu Ende erzählen können. Sein ausgemergelter Körper war den unmenschlichen Strapazen nicht gewachsen gewesen –, er starb, während sein wirrer Geist von den Schönheiten einer sicherlich gar nicht existierenden Stadt faselte. Fieberfantasien mussten dem Armen schillernde Luftschlösser vorgegaukelt haben, das war die Meinung der Fachwelt. Iximaya existierte nur in den Gehirnen einiger Verrückter, die einem Phantom nachjagten, und so wurde Mister Joe Johnson der Grad eines ernsthaften Wissenschaftlers aberkannt. Die gelehrten Herren an den amerikanischen Universitäten hatten für Kollegen kein Verständnis, deren Lebensinhalt nur darin bestand, zweifelhafte Berichte für eine noch zweifelhaftere Sensationspresse zu liefern –; und doch hatte das aufsehenerregende Geschehen in Punta Gorda eine kleine Schar Männer aufhorchen lassen, denn Colonel Yorkshire hatte zu Protokoll gegeben, dass der sterbende Archäologe Johnson im letzten Fieberdelirium immer wieder einen Namen ausgestoßen hatte, dessen Bedeutung nur ganz wenigen bekannt und vertraut war.

„Die Hexe …, die verdammte Hexe …, hatte er mit angstverzerrtem Gesicht geschrien, „das satanische Weib, Satica –, sie ist der Dämon …, sie will mich vernichten …, mich und meine Leute –

Satica?

Die Hexe von Yukatan?

Wie kam die oberste Priesterin des Mayavolkes in Yukatan, die doch in Chichen Itza ihren Stammsitz hatte, nach Guatemala? Diesen geheimnisvollen Namen konnte Joe Johnson doch nicht fantasiert haben! Satica war alles andere als ein Trugbild. Sie war dämonische Wirklichkeit, sie lebte. Also lebte und existierte auch Iximaya?

Das Rätsel begann noch rätselhafter zu werden, als wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine Depesche im Hauptquartier der kleinen Westreiter-Schar in Prescott eintraf. Eine Depesche, die großes Erstaunen hervorrief – –

– – –

Iximaya? Traumbild oder Wirklichkeit?

Conny Cöll interessierte sich nicht für untergegangene Städte, für unentdeckte Landstriche, für Mayatempel und jahrhundertealte Kulturen. Eine unter Farnen liegende Gesteinsplatte interessierte ihn nur, wenn sie ihm Hinweise oder Aufschlüsse über ein von ihm verfolgtes Opfer, auf dessen Fährte er sich befand, geben konnte. Er kannte Mexiko, vor allem Yukatan. Die Sensationsmache der Tageszeitungen ließ ihn kalt. Er wusste, dass es noch unentdeckte, versunkene Ruinenstädte gab, deren Lage von den Mayas streng geheim gehalten wurde. Aber lebende Städte? Nein, das hielt der Westmann für unmöglich, und er wäre mit einem Achselzucken über die sich täglich widersprechenden Meldungen hinweggegangen, hätte er nicht eines schönen Morgens ein merkwürdiges Erlebnis gehabt. Er befand sich gerade auf der Farm eines Bekannten, die zwischen Tombstone und Bisbee nahe der mexikanischen Grenze lag.

Es war früher Morgen. Das unwillige Knurren Schwarzwolfs riss ihn aus dem Schlummer. Conny Cöll gehörte keineswegs zu den Frühaufstehern, er schlief oft bis zur Mittagsstunde, um sich dann, wenn es seine Zeit erlaubte, nach einem ergiebigen „Frühstück wieder hinzulegen, um nochmals „auf Vorrat in Morpheus Armen zu bleiben. Der geringste Laut aus dem Rachen seines treuen Vierbeiners aber ließ ihn hellwach werden, und da dieser eben knurrte, sprang er aus den Federn und eilte zum Fenster. Sein Zimmer lag ebenerdig, und nun sah er durch die Ritzen der Fensterläden einen Mexikaner stehen. Oder war es ein Indio? Die Kleidung jedenfalls war mexikanisch.

Die Häuser an der Grenze nach Mexiko hatten sich bereits der altspanischen Sitte angepasst, sie waren vergittert. Conny Cöll stieß die Läden zurück. Der Mann vor dem Fenster bewegte sich nicht. Er stand wie eine gemeißelte Statue, die traurigen, rätselhaften Augen, in denen die ganze Tragik eines unglücklichen Volkes lag, starr auf einen Punkt gerichtet. Eine unheimliche Erscheinung. Schwarzwolf bekundete jedoch nur Neugierde. Er hatte es für notwendig erachtet, seinem Herrn Meldung zu machen. Dann aber rollte er seinen mächtigen Körper wieder zu einer struppigen Kugel zusammen und legte den mächtigen Schädel auf seine beiden Vorderpranken – wie man seine Läufe wohl bezeichnen durfte –, um die unterbrochene Siesta fortzusetzen.

Der Westmann blinzelte in die Morgensonne, die durch die Gitter funkelte und betrachtete den Mann, der wie ein Wächter vor seiner Kemenate stand. Cowboys der Ranch machten grinsend einen Bogen um die offenbar zur Statue erstarrten Gestalt. Sie kannten die indianischen Sitten. Der braunhäutige Boy wollte den Gast des Farmers sprechen, und er würde Stunde um Stunde bewegungslos vor dem Fenster stehenbleiben, bis sein Anliegen Gehör fand.

Als Conny Cöll das Fenster öffnete –, sie waren wegen der Moskitoplage geschlossen worden –, verneigte sich der Fremde tief. Nun sah der Westmann, dass er es mit einem Maya zu tun hatte, dessen hageres, ausdrucksloses Gesicht die typischen Merkmale dieses Volkes aufwies. Er musste den oberen Mayakasten angehören, wie seine farbenfrohe, bunte Kleidung bewies, die nicht aus der Henequenfaser, die aus den Blättern einer Agavenart gewonnen wurde, bestand, sondern aus starken Baumwollstoffen mit reichen Verzierungen.

„Señor, begann er und fuhr in reinstem Englisch fort, „ich bin glücklich, ,Blitzende Hand’, den großen Freund unseres Volkes gefunden zu haben. Er stockte, sein Blick überflog die Umgebung, als befürchte er unerwünschte Lauscher. Er zog die grellfarbene Decke seines Tilmàtli enger an der Brust zusammen, als fröstele ihn, „sie schickt mich, Señor, sie …, seine Stimme wurde geheimnisvoll, „die Herrin ruft nach ihrem jungen Bruder, sie ist ratlos, sie ist in Gefahr. Sie bedarf seiner. Wir haben bereits den singenden Draht befragt, der auf Anweisung der Herrin das gesprochene Wort nach dem Wohnsitz unseres großen Bruders trug. Aber ich bin glücklich, hier stehen zu dürfen. Wird ,Blitzende Hand’ dem Ruf aus Iximaya folgen?

„Aus Iximaya?", entfuhr es Conny Cöll verblüfft.

„Die Herrin befindet sich im Heiligtum unseres Volkes, das kein Weißer kennt, das kein Weißer je kennenlernen wird …"

„Bin ich vielleicht ein Neger?"

„,Blitzende Hand’ ist tabu, fuhr der Maya, nach seinem Federschmuck zu urteilen, ein Jefe, ein Häuptling, fort, „er ist ein Freund unseres Volkes. Vor ihm gibt es keine Geheimnisse. Vichica, unsere Priesterin, bürgt mit ihrem Leben, mit ihrem Seelenheil im Reiche Kukulkans, der ,Gefiederten Schlange’, für seine Sicherheit. Wird er das Flehen der Herrin erhören?

„Wo treffe ich sie?"

Des Indios Hand vollführte einen unbestimmten Bogen.

„Überall …, sagte er flüsternd, „sie ist überall und doch nirgends –

„Mach es nicht unnötig spannend und geheimnisvoll, Rothaut!", Conny Cöll kannte den Hang der Mayas zur Mystik, den man nur mit brutalen Worten zerstören konnte. Der Indio besann sich rasch.

„,Blitzende Hand’ wird unsichtbare Führer haben, die ihn leiten und sicher zu Vichica bringen."

„Das genügt mir nicht, brummte der Westmann unwillig, „was nützen mir unsichtbare Führer. Du scheinst ein gebildeter Maya zu sein, also sind dir Städtenamen und Staatsgrenzen geläufig. Wo liegt Iximaya?

Der Jefe erschrak. Es wetterleuchtete in seinem Gesicht, die tiefschwarzen Augen rollten, als hinge die ewige Verdammnis von seiner Entscheidung ab. Abermals schweiften seine Blicke über die Umgebung, aber weit und breit war kein lebendes Wesen zu sehen. Die schmutzig braune Hand wölbte sich vor seine Lippen; kein Wort, nicht eine einzige Silbe durfte verloren gehen, an unrechte Ohren dringen.

„Sie liegt am Rio de los Lagartos, Señor, der sich wie die ,Gefiederte Schlange’ schützend um die heilige Stadt legt –, als lebender Wall, in dem das Verderben ruht. Du wirst zwei kleine Dörfer passieren: San Christobal und Chicamon. Du erreichst den Rio Chixay, die von uns angelegte Hängebrücke aus unzerreißbaren Fasern der Liane –, dann siehst du das ,Tal der Götter’ –: San Miguel Usponton –", die Stimme des Maya war kaum noch zu verstehen, „ich habe mehr gesagt, als ich durfte … ,Blitzende Hand’ aber ist unser Freund, unser Bruder. Vichica nennt ihn ihren Sohn. Er hat Juan de Landa, den Dämon unseres Stammes, vernichtet. Er hat Tschuni, die unglückliche Blume der Chiapas, vor dem Brunnen des zürnenden Gottes retten wollen[1], er hat den bösen Geist aus Jefe Clarisso vertrieben, er hat den Häuptling wieder froh und glücklich gemacht.[2] Das Volk der Maya ruft nach ihm –, die Herrin ist in Gefahr …, sie ist ratlos und bedarf seiner …"

Conny Cöll trat vom Fenster zurück, ohne Antwort und zustimmende Geste. Aber seine Ruhe war nur scheinbar, das Gehörte hatte ihn mächtig gepackt. Satica in Gefahr? Sie, die sich doch alle Mühe gab, als allwissend und unfehlbar zu gelten, ratlos? Was war geschehen? Ο verdammtes, geheimnisvolles Yukatan! Rätselhaftes Mayareich, das nie zu Ruhe kam, Land der Götter, der Geister und Dämonen einer längst vergangenen Zeit. In Sekundenschnelle war der Westmann angekleidet; als er aber wieder ans Fenster trat, war der Maya verschwunden.

Lange stand Conny Cöll. Er blickte in den jungen Morgen, der mit überschäumender Gewalt heraufzog. Cowboys, die das Vieh zu versorgen hatten, stolzierten verschlafen über den geräumigen Hof. Zwischen den Gattern brüllten die Rinder, aus den Korrals drang das Wiehern der Pferde, die auf die Weide drängten. Der Tag erwachte. Immer noch aber warfen die nachtschwarzen Schatten des fernen Waldes silhouettenhaft ihre dunklen Umrisse auf das fein gesponnene Moskitonetz, das zwischen den Gittern des Fensters hing –

Ein merkwürdiges Gefühl beschlich den Westmann. Er blickte in die Ferne über die düstere Gebirgskette im Süden, hinter der Mexiko lag, Yukatan, das Land der Mayas, das keinen mehr aus seinem Bann entlässt, der es einmal mit wachen Sinnen erlebt …

Es war das Reich Saticas, der zwielichtigen Alten, zu der sich Conny Cöll so unwiderstehlich hingezogen fühlte, obwohl er sie im Grunde seiner Seele eigentlich hätte hassen und verabscheuen müssen. Das „Mütterlein sollte nicht vergeblich nach ihm verlangt haben, es sollte sich auf das „geliebte Söhnchen verlassen können, wie schon so oft in den vergangenen Jahren –

– – –

Einen Tag später bereits erreichte Conny Cöll das etwa fünfundsiebzig Meilen südöstlich von El Paso gelegene Städtchen Banderas. Er war über die schmale Brücke des wildromantisch dahinfließenden Rio Grande geritten. Als die Hufe Satans wieder festen Grund spürten, war Mexiko erreicht. Die Landschaft veränderte sich, denn wenn man den nordamerikanischen Staat verlässt, tritt man in eine andere, in eine neue Welt: ins tiefste Mexiko.

Conny Cöll zog mit sanftem Ruck die Zügel straff. Der Rappe verhielt seinen Trab, tänzelte einmal im Kreise, als wolle er von der alten Heimat Abschied nehmen. Drüben, auf der nördlichen Seite des großen Stromes lagen weite, blühende Mais- und Weizenfelder, von fleißigen Händen bearbeitet, unübersehbare Weideflächen, auf denen sich stattliche Rinder- und Pferdeherden tummelten. Auf der mexikanischen Seite dagegen glich die Landschaft einer wasserlosen Steppe, einem unwirtlichen, verwahrlosten Garten. Man sah keine fleißigen Arbeiter, die Ordnung in das Chaos bringen wollten, und doch liebte Conny Cöll diesen Landstrich ganz besonders. Die „Wüste, wie sie von den Yankees genannt wurde, gehörte bereits zum Reich der Señora Carmen Granados, der ungekrönten Kaiserin von Chihuahua, der in der Nähe von Las Mestemmas ergiebige Ölquellen und bei Buenaventura riesige Tabak-, Sesam- und Kaffeeplantagen gehörten. Südlich von Banderas, hinter der „Wüste, dem Vorgarten ihres unübersehbaren Besitztums, lagen ihre Gummiplantagen, Wollfelder und weite Wälder kostbarer Mahagonibäume, in denen Hunderte von Arbeitern beschäftigt waren. Auch Erzvorkommen in den Ausläufern der Eagle Mountains nannte sie ihr eigen. Wahrhaftig – eine steinreiche Frau! Der Reichtum dieser Frau aber war nicht der Anziehungspunkt und nicht der Grund, warum Conny Cöll den kleinen Umweg über die Steinbrücke von Ciudad Juarez wählte. Señora Carmen Granados hatte ihrem hoch achtbaren Namen einen weiteren angefügt. Sie war die Frau Rhett Steves[3] geworden, dem Vater seines Freundes und Kampfgefährten Hal; er hoffte ihn in der Hazienda der Señora anzutreffen.

Bald schon verlor die Gegend ihren trostlosen Charakter. Es begannen die ausgedehnten Koniferenwälder nördlich von Bonito, die sich bis Lucero zogen. Conny Cöll war erstaunt, hier blitzsaubere Bauten, Arbeitersiedlungen und Erholungsheime vorzufinden, die alle den Namen „Señora Carmen trugen. Besonders eine in Stein gehauene Inschrift fesselte den Westmann. „Er wollte verzagen, dann aber fand er in den Werken der Nächstenliebe seine Lebenserfüllung

Conny Cöll glaubte diese Worte zu verstehen. Er kannte das wild bewegte Leben Rhett Steves, des letzten Großen der vergangenen Epoche Mexikos. Ihm waren diese Worte einer liebenden Frau gewidmet, in deren Nähe er endlich Ruhe und Frieden gefunden hatte. Sogar ein Friedhof war angelegt worden. Malerisch standen die Kreuze aus Marmor zwischen künstlich gepflanzten Orchideen. Der unwirklich gleißende Schein der Sonne ließ sie noch weißer, noch leuchtender erscheinen. An der Eingangspforte war gleichfalls eine Tafel angebracht, obwohl die Inschrift kaum einem Mexikaner verständlich war. Dort stand im Dialekt der Mayas, kunstvoll aus hartem Granit herausgehauen: „Hier ruht die Seele von ,Old Death’, des Freundes von Mexiko, in glücklicher Unvergänglichkeit."

Conny Cöll ritt weiter. Es hatte geregnet. Die Feuchtigkeit des Himmels hatte die Natur verzaubert, hatte in die dürren Blätter, in die trockenen Stämme den Saft jungen Lebens geträufelt. Der Waldboden hauchte feuchte Schwüle über die gepflegten Wege, die zum „Kastell der Señora führten. Bunt gefiederte Kolibris, halb Vogel halb Schmetterling, die die Indios besonders lieben, da von ihnen die Sage geht, dass sie die Gedanken der Menschen zueinander tragen und Glück und Unglück übermitteln, flatterten über ein Meer von Blüten, die plötzlich ihre Kelche weit offen hatten. Conny war versucht, eines dieser putzigen Tierchen zu fangen, doch er setzte seine Anwandlung nicht in die Tat um; das kleine Herz des Kolibris hört auf zu schlagen, wenn eine Menschenhand ihn festhält. Schwarzwolf tummelte sich sorglos im nass glänzenden Gebüsch. Er scheuchte in übermütigem Spiel Wildenten, Flamingos und Reiher auf, ohne sie jedoch erbeuten zu können. Bald nahm sie der sorgsam gepflegte Mahagoniwald auf. Conny Cöll erstaunte erneut, inmitten dieser duftenden Umgebung, auf einer kleinen Anhöhe gelegen, ein modernst eingerichtetes Hospital vorzufinden, das unverkennbar den Stempel amerikanischer Architektur trug. Große, luftige Fenster, weite Gärten, Terrassen, Balkone, bildeten einen imposanten Komplex. In den Grünanlagen saßen kranke Indios in sauberen, einheitlichen Kleidern, betreut von fürsorglichen Schwestern. Am prunklosen Portal fand der Westmann wieder eine Steintafel, auf der zu lesen war: „Er hat sich gewandelt zur Vollkommenheit.

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