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Dr. Norden – Das Buch – Arztroman: Ein Arzt auf Kreuzfahrt

Dr. Norden – Das Buch – Arztroman: Ein Arzt auf Kreuzfahrt

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Dr. Norden – Das Buch – Arztroman: Ein Arzt auf Kreuzfahrt

Länge:
286 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 28, 2017
ISBN:
9783740916145
Format:
Buch

Beschreibung

In dieser neuartigen Romanausgabe beweisen die Autoren erfolgreicher Serien ihr großes Talent. Geschichten von wirklicher Buch-Romanlänge lassen die illustren Welten ihrer Serienhelden zum Leben erwachen. Es sind die Stories, die diese erfahrenen Schriftsteller schon immer erzählen wollten.

Spannung garantiert!

Titel: Ein Arzt auf Kreuzfahrt

Das haben sie sich redlich verdient: Nach arbeitsreicher, turbulenter Zeit wollen Dr. Norden und seine geliebte Frau Fee neue Kraft auf einer Kreuzfahrt schöpfen. Doch ausgerechnet der Schiffsarzt verletzt sich in einer wüsten Sturmnacht, so dass Daniel Norden eingreifen und ihn vertreten muss. Fee macht sich so ihre Gedanken über gewisse Verletzungen und Blutergüsse bei der Frau des Schiffsarztes, und Daniel hat einen schlimmen Verdacht. Als sich dieser bestätigt, droht die Kreuzfahrt für einige Reisende zum Fiasko zu werden. Die Hoffnung auf einen unbeschwerten Urlaub hat Dr. Norden längst aufgegeben. Er muss einem jähzornigen, brutalen Menschen das Handwerk legen!
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 28, 2017
ISBN:
9783740916145
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Dr. Norden – Das Buch – Arztroman

Buchvorschau

Dr. Norden – Das Buch – Arztroman - Patricia Vandenberg

Das Buch –1–

Dr. Norden

Ein Arzt auf Kreuzfahrt

Patricia Vandenberg

»It’s up to you, New York, New York«, summte Dr. Daniel Norden die Hymne von Frank Sinatra, während er in einem bequemen Sessel saß – eine Tasse Kaffee in der Hand, die ihm eine freundliche Verkäuferin serviert hatte – und darauf wartete, dass seine Frau aus der Umkleide trat.

Endlich schob sich der Vorhang zur Seite, und Felicitas kam schüchtern wie ein Mädchen heraus. Dabei hätte sie das gar nicht nötig gehabt. Wie ein Hauch umspielte das Sommerkleid ihre Figur, das Flair einer Dame von Welt umwehte sie. Es changierte in Blauviolett und spiegelte die Farbe ihrer Augen wider. Die Strass-Steine an den dünnen Trägern und dem Dekolleté glitzerten bei jeder Bewegung, während sie sich vor dem Spiegel drehte. Im Gegensatz zu ihrem Mann, der vor Bewunderung erstarrt war, stand ihr die Skepsis ins Gesicht geschrieben.

»Wie findest du es?«, fragte sie, ohne den kritischen Blick von ihrem Spiegelbild zu nehmen.

Daniel suchte nach Worten, die ihres Anblicks würdig waren.

»Felix würde sagen, du siehst rattenscharf aus.« Der Schalk blitzte in seinen Augen. »Aber so ein Wort würde ich natürlich niemals in den Mund nehmen.«

Fee rollte mit den Augen.

»Und welches Wort würdest du in den Mund nehmen?« Sie versuchte erst gar nicht, ihr angegriffenes Nervenkostüm zu verbergen.

Seit ihr Mann sie mit der Jungfernkreuzfahrt in die Dominikanische Republik überrascht hatte, stand ihre Welt kopf. Schon in ein paar Tagen sollte ihr Flug nach New York gehen, von wo aus die ›Caribbean Pearl‹ in See stechen würde.

Inzwischen hatte Daniel Zeit gehabt nachzudenken.

»Du siehst absolut umwerfend aus. Fantastisch. Göttlich!«, zählte er einen Superlativ nach dem anderen auf.

Wenn er gehofft hatte, seine Frau damit zufriedenzustellen, musste er bald einsehen, dass ihm dieses Vorhaben nicht gelungen war.

Felicitas stand aufrecht vor dem Spiegel und drehte sich mal nach rechts und dann wieder nach links. Ihre Skepsis schien eher noch größer geworden zu sein.

»Ist es nicht zu kurz?«

»Nein, mein Schatz«, versicherte Dr. Norden.

»Glitzert es nicht zu viel?«

»Mit deinem Strahlen kann es ohnehin nicht mithalten.«

Fee schien ihn gar nicht gehört zu haben. Sie nahm den Stoff in die rechte Hand und hob ihn ein Stück hoch.

»Sehe ich darin nicht dick aus?«

Allmählich wurde der Arzt ungeduldig.

»Wie solltest du denn dick aussehen, wenn du es gar nicht bist?« Er trank seinen Kaffee aus. Keine Minute später war eine Verkäuferin zur Stelle, um ihm die leere Tasse abzunehmen. Sie kam ihm gerade recht. »Finden Sie, dass meine Frau in diesem Kleid irgendwie unförmig aussieht?«, gab er Fees Frage an die Fachfrau weiter.

Sie drehte sich zu der Kundin um und musterte sie eingehend.

»Dieses Kleid ist wie gemacht für Sie!«, erklärte sie und wollte eben fortfahren, als Fee abwinkte.

»Vielen Dank. Ich komm allein zurecht.« Ihre Abfuhr garnierte die Ärztin mit einem liebenswürdigen Lächeln.

»Selbstverständlich. Falls Sie doch Hilfe benötigen, finden Sie mich dort drüben.« Unverdrossen deutete die Verkäuferin auf eine Theke aus Nussbaumholz und ging davon.

Auf diesen Moment hatte Fee nur gewartet.

»Dan, wie kannst du nur?«, fauchte sie ihren Mann an.

Er kannte diesen Tonfall. Wie um sich zu ergeben, hob er die Hände hoch.

»Was habe ich verbrochen, Eure Majestät?«, fragte er und konnte nicht verhindern, dass seine Mundwinkel zuckten.

Darüber ärgerte sich Felicitas noch mehr.

»Du kannst doch nicht eine wildfremde Frau und obendrein auch noch eine Verkäuferin fragen, wie ich aussehe«, schimpfte sie wie ein Rohrspatz.

»Aber warum denn nicht? Sie ist wenigstens objektiv«, wunderte sich Daniel.

»Ist sie eben nicht. Sie will mir dieses Kleid nur aufschwatzen, um möglichst viel Provision zu kassieren.«

»Wenn dir hier einer das Kleid aufschwatzen will, dann bin ich das. Du siehst wirklich zum Anbeißen aus darin«, versicherte Daniel noch einmal.

»Ich könnte einen Kartoffelsack tragen, und du fändest mich immer noch toll.«

Allmählich konnte der Arzt dieser Argumentation nicht mehr folgen.

»Aber das ist doch ein Kompliment«, verteidigte er sich. »Ich liebe dich, egal, wie du aussiehst.«

»Und deshalb ist es völlig sinnlos, mit dir zum Einkaufen zu gehen«, seufzte Felicitas und wandte sich wieder ihrem Spiegelbild zu. »Was mache ich denn jetzt nur?«

In diesem Moment traf Daniel eine Entscheidung. Er stand auf und ging hinüber zur Verkäuferin, die an der Nussbaumtheke Blusen zusammenlegte.

»Entschuldigen Sie bitte, ich fürchte, meine Frau braucht doch professionelle Hilfe.« Er beugte sich zu ihr hinüber. »Aber nur, wenn Sie ihr versprechen, dass Sie keine Verkaufsprovision bekommen. Sonst glaubt sie Ihnen nicht, dass sie wirklich gut aussieht«, raunte er ihr zu.

Als die Verkäuferin das hörte, begann sie herzlich zu lachen.

»Diese Sorge ist völlig unberechtigt«, versicherte sie, während sie Seite an Seite mit Dr. Norden zu Fee hinüberging. »Wir beraten unsere Besucher nach dem Nachhaltigkeitsprinzip: Nur ein zufriedener Kunde ist ein treuer Kunde. Sie können mir also ruhigen Gewissens vertrauen. Wenn Sie mir noch verraten, für welche Gelegenheit Sie Kleidung suchen, helfe ich Ihnen völlig unvoreingenommen und vorurteilsfrei weiter«, versicherte sie so gut gelaunt, dass Felicitas nicht anders konnte, als ihr zu glauben. »Und wenn Sie nicht fündig werden, freue ich mich darüber, die Bekanntschaft eines sympathischen Paares gemacht zu haben.« Ihr Gesicht war offen und freundlich und wischte auch noch den letzten Rest Zweifel aus dem Gesicht der Ärztin.

»Mein Mann hat mich mit einer Reise überrascht. Wir fliegen übermorgen nach New York, um von dort aus eine Jungfernkreuzfahrt in die Dominikanische Republik zu machen«, beantwortete sie die Frage ihrer Beraterin.

»Und natürlich hat meine Frau nichts zum Anziehen«, entfuhr es Daniel.

»Oh, Sie Glückliche!«, rief die Verkäuferin entzückt. »So einen Mann hätte ich auch gern.«

»Das sagen Sie!« Dans letzte Bemerkung verlangte Rache. »Mein Göttergatte würde mich auch in einem Kartoffelsack auf die Reise schicken.«

»Es gibt Menschen, die entstellt nichts«, gab die Verkäuferin diplomatisch zurück und zwinkerte Daniel zu. »Aber besonders fürs Captain’s Dinner halte ich dieses Kleid für die bessere Wahl.«

Felicitas Norden lachte.

»Siehst du, diese Frau versteht mich einfach«, beschied sie voll weiblicher Logik, die bei ihr glücklicherweise lediglich beim Einkaufen zum Vorschein kam. »Was hältst du davon, wenn du uns eine Stunde hier allein lässt? Du kannst dich ja inzwischen in der Herrenabteilung umsehen. Vielleicht brauchst du ja auch noch ein gutes Stück fürs Captain’s Dinner.«

»Gute Idee!« Um sich weiteren Auswüchsen weiblicher Logik zu entziehen, stimmte Dr. Norden diesem Vorschlag zu. Er küsste seine Frau auf die Wange, verabschiedete sich von der Verkäuferin und nahm die Rolltreppe nach unten. Allerdings machte er nicht wie von Fee vorgeschlagen in der Herrenabteilung Halt, sondern verließ das exklusive Bekleidungsgeschäft und steuerte den nächstbesten Elektroladen an. Dort würde er alles finden, was er für die Kreuzfahrt brauchte.

*

»Nein! Halt! Nicht Elisa!« Panik lag in Rebecca Salomons Stimme, als sie schweißgebadet hochfuhr und die Arme ausstreckte. »Finger weg. Sie bleibt bei mir. Elisaaaaaa!!!« Ihr gellender Schrei hallte durch den kargen Raum und echote von den Wänden wider.

Es dauerte einen Moment, bis Ayana Traum und Realität voneinander unterscheiden konnte. Doch dann ging es ganz schnell. Sie sprang aus dem Bett und eilte hinüber zu ihrer Chefin, die über die Jahre zu ihrer besten Freundin geworden war.

»Wach auf, Becky! Das war nur ein Traum.« Sie packte Rebecca an den Schultern und schüttelte sie. »Los, wach endlich auf!«

Endlich tat ihr ihre Chefin den Gefallen und blinzelte in das graue Licht des noch jungen Morgens.

»Was ist? Wo bin ich? Wo ist Elisa?«, stellte sie ihm Halbschlaf eine Frage nach der anderen.

Ihr verständnisloser Blick irrte durch das Zimmer.

»Du hattest einen Albtraum. Wir sind in unserer Wohnung in Addis. In einer halben Stunde müssen wir aufstehen und zurArbeit fahren«, beantwortete Ayana die ersten beiden Fragen. Auf die letzte hatte sie keine Antwort. Bis heute wusste sie nicht, wer Elisa war. Nachfragen wich Rebecca aus oder reagierte mit stoischem Schweigen.

So auch an diesem Morgen. Inzwischen war die Sozialpädagogin wach und lauschte dem Regen, der an die Scheiben prasselte. Er lenkte sie zumindest kurz von den Schmerzen und der Übelkeit ab, die sie schon seit so vielen Jahren begleiteten und die sie klaglos als Strafe für das hinnahm, was sie getan hatte.

»Alles in Ordnung?« Ayanas besorgte Stimme ließ Rebecca in die Wirklichkeit zurückkehren. »Geht’s dir schlechter als sonst?«

Sie zwang sich ein Lächeln auf die Lippen.

»Ach was. Du weißt doch, schlechten Menschen geht es immer gut«, versuchte Becky zu scherzen und schlug die Bettdecke zurück. Höchste Zeit aufzustehen und sich an die Arbeit zu machen. Doch ihr Plan misslang gründlich. Sie hatte sich kaum aufgerichtet, als sie fühlte, wie ihr das Blut in die Beine sackte. Ehe sie etwas dagegen unternehmen konnte, wurde ihr schwarz vor Augen. Ihr lebloser Körper sank aufs Bett zurück.

Diesmal war es Ayana, die aufschrie und gleich losstürzte, um Hilfe zu holen.

Als Becky die Augen das nächste Mal öffnete, sah sie in ein ernstes Gesicht.

»Willkommen zurück!«, begrüßte Frau Dr. Johansson ihre Patientin. Sie saß am Bett der Leiterin des Waisenhauses. Das Stethoskop hing um ihren Hals, eine Falte grub sich zwischen ihre hellen Augen. »Geht’s jetzt besser?«

Rebeccas Kehle war trocken, und die Schmerzen waren immer noch da.

»Ich bin mir nicht sicher. Es muss an diesem blöden Albtraum liegen«, suchte sie nach einer plausiblen Erklärung dafür, warum es ihr in letzter Zeit so schlecht ging.

Sigrid Johansson lachte und machte sich gar nicht erst die Mühe, den Spott zu verbergen.

»Seit wann ist ein Albtraum für Schwindel, Herzrhythmusstörungen und was weiß ich noch alles verantwortlich?«

»Warum nicht? In letzter Zeit hab ich mich eh nie besonders gut gefühlt. Da reicht so ein schlechter Traum vielleicht«, gab Rebecca zu bedenken.

Doch davon wollte die Ärztin nichts wissen.

»In letzter Zeit?« Sie schüttelte den Kopf. »Seit ich Sie kenne – und das sind jetzt auch schon fast fünfzehn Jahre – kämpfen Sie mit Schmerzen unterschiedlichster Art. Dazu die Depressionen …, mal abgesehen von Ihrem schlechten Aussehen …«

»Vielen Dank für die Blumen«, versuchte die Sozialpädagogin, die Stimmung wenigstens ein bisschen aufzulockern. »Ihre Komplimente sind wirklich die besten.«

»Ich weiß«, erwiderte Dr. Johansson ohne einen Anflug von Lachen. »Und nachdem Sie genug davon bekommen haben, bin ich dafür, dass Sie sich nach einem neuen Charmeur umsehen.« Sie bückte sich nach ihrer Arzttasche, zog das Stethoskop vom Hals und verstaute es in dem dafür vorgesehenen Fach.

Sie wirkte so entschlossen, dass Rebecca es nun doch mit der Angst zu tun bekam.

»Wie meinen Sie das?«

Sigrid Johansson klappte den Deckel der Tasche zu.

»Ich meine, dass Sie sich so schnell wie möglich in einem Krankenhaus durchchecken lassen sollen.«

»Aber das habe ich doch auch schon …«, wollte Becky widersprechen. Doch die Ärztin schnitt ihr das Wort ab.

»Das haben Sie hier schon ein paar Mal gemacht, ich weiß. Aber hier fehlen die Geräte, um sämtliche diagnostischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Deshalb lege ich Ihnen ans Herz, so bald wie möglich nach Deutschland zu gehen. Sonst kann ich für nichts mehr garantieren.«

Diese drastischen Worte waren es, die Rebecca Salomon alarmierten. Ihr ohnehin strapaziertes Herz schlug hart in ihrer Brust, und ihre Kehle schnürte sich zu vor Angst.

»Sind Sie sicher?«, fragte sie, obwohl sie die Antwort kannte.

»Ganz sicher. Haben Sie einen Arzt in Deutschland, an den Sie sich wenden können?« Dr. Johansson war aufgestanden und zum Aufbruch bereit.

Normalerweise in der norwegischen Klinik der Stadt tätig, war sie nebenbei die Hausärztin des Waisenhauses. Einmal pro Woche kam sie vorbei, wenn Not am Mann war, auch öfter. Ihre kleinen Patienten warteten schon auf sie und sie sah streng auf Rebecca hinunter.

Die dachte noch über die Frage der Ärztin nach.

»Es ist schon mehr als fünfzehn Jahre her, dass ich Deutschland den Rücken gekehrt habe«, murmelte sie vor sich hin. Ihr Blick fiel durch das Fenster hinaus in den Himmel. Unheil verkündende Wolken hingen tief, und der Wind zerrte an den Ästen der Bäume. Es war Regenzeit in Äthiopien, und sintflutartige Regenfälle konnten sich im Halb-Stunden-Takt mit Sonnenschein abwechseln. »Keine Ahnung, ob Dr. Norden noch praktiziert.«

Sigrid Johanssons Miene entspannte sich.

»Das herauszufinden, ist meine leichteste Übung. Dr. Norden also. Hat er auch einen Vornamen?«

»Hmm, lassen Sie mich nachdenken.« Wenn Becky ehrlich gewesen wäre, hätte sie zugeben müssen, dass sie den Namen sofort parat hatte. In all den Jahren war kein Tag vergangen, an dem sie nicht an ihn gedacht hätte. »Ich glaub, es war irgendwas mit D … David, Daniel … so was in der Art«, schützte sie dennoch Unwissenheit vor.

Niemand bemerkte es.

»Gut.« Die Zeit drängte. Die Ärztin verabschiedete sich und ging zur Tür. Die Hand auf der Klinke drehte sie sich noch einmal zu ihrer Patientin um. »Ich finde heraus, ob es diesen Norden noch gibt. Sie buchen inzwischen einen Flug. Je eher, desto besser.« Ihr Ton ließ keinen Widerspruch zu.

Becky nickte ergeben und sah ihr dabei zu, wie sie das Zimmer verließ.

»München …« Bisher hatte sie nie einen Gedanken daran verschwendet, in die alte Heimat zurückzukehren. Das hatte seine Gründe. »Vielleicht ist das ein Zeichen, dass ich mich endlich der Vergangenheit stellen sollte«, murmelte sie vor sich hin.

»Aber was wird aus dem Waisenhaus?«, stellte Ayana die Frage, die ihr auf der Seele brannte.

Unsicherheit und Angst standen ihr ins nicht mehr ganz junge Gesicht geschrieben.

Über diese Frage konnte Rebecca ausnahmsweise einmal lächeln. Sie strecke die Hand aus und winkte ihre Freundin zu sich.

»Gib doch zu, dass du nur auf diese Gelegenheit gewartet hast.« Das Lächeln auf ihrem Gesicht war warm und voller Freundschaft. »Jetzt kannst du endlich all das anders machen, was dich schon so lange stört.«

Ayana verstand sofort. Trotz ihrer dunklen Hautfarbe war die Röte zu erkennen, die ihr ins Gesicht schoss.

»Ich werde Chefin sein?«, fragte sie atemlos, als könnte sie ihr Glück nicht fassen.

»Und eine gute obendrein«, erklärte Becky.

Niemandem hätte sie diesen Erfolg mehr gegönnt als ihrer langjährigen Freundin und Stellvertreterin. Trotzdem fühlte sie sich schlecht. Es war die Vorahnung, dass sie nie wieder nach Äthiopien zurückkehren würde, die ihr das Herz schwer machte.

*

Felix, zweitältester Sohn der Familie Norden, ließ zum wiederholten Male das Kofferschloss auf der einen Seite zuschnappen und sah genervt dabei zu, wie es auf der anderen Seite wieder aufsprang.

Seine große Schwester Anneka lümmelte auf seinem Bett und sah ihm dabei zu.

»Sieh’s doch endlich ein, dass du zu viel mitnehmen willst«, kommentierte sie seinen dritten, vergeblichen Versuch.

»Das siehst du falsch.« In seiner Verzweiflung setzte er sich kurzerhand auf das Gepäckstück. »Der Koffer ist einfach zu klein.«

»Dieses Monster? Zu klein?« Anneka lachte laut auf. »Und so was will ein Mann sein!« Sie dachte nicht im Traum daran, Mitgefühl mit ihrem geplagten Bruder zu haben. »Normalerweise sind es doch die Frauen, die viel zu viel Gepäck haben.«

Unter Felix’ Gewicht ächzte und stöhnte der Koffer, gab aber schließlich seinen Widerstand auf.

Endlich ließen sich beide Schlösser schließen. Wie ein König thronte Felix auf seinem Gepäck und reckte den Daumen der rechten Hand in die Höhe.

»Diese Zeiten sind längst vorbei«, versicherte er. Er kämpfte sich hoch und ließ sich neben Anneka aufs Bett fallen. »Mal abgesehen davon, dass meine Sachen viel größer sind als eure. Allein meine Schuhe.« Zum Beweis hielt er seinen Fuß neben den seiner Schwester. »Tststs. Richtige Puppenfüße. Dass man auf so was überhaupt stehen kann.«

»Besser als solche Quadratlatschen«, konterte Anneka. »Gibt’s eigentlich auf einem Kreuzfahrtschiff auch so was wie eine Gewichtsbegrenzung beim Gepäck? Nicht, dass Mum und Dad am Ende noch Übergepäck für dich bezahlen müssen.«

»Nicht, dass ich wüsste. Aber wenn, dann tun sie das sicher gern. Meine Gesellschaft ist schließlich unbezahlbar«, grinste Felix.

Diese Überheblichkeit verlangte von Anneka ein Augenrollen erster Güte.

»Du hast wirklich einen Knall«, seufzte sie.

»Ich weiß. Ich bin eben ein Sondermodell. Reklamation und Umtausch ausgeschlossen. Und nur für starke Nerven geeignet«, teilte Felix seiner Schwester mit.

Lächelnd wuschelte sie ihm durchs Haar.

»Ich kann in keinem einzigen Punkt widersprechen. Blöd ist nur, dass du mir wahrscheinlich gerade deshalb fehlen wirst.«

Bis jetzt war Felix’ Gesicht ein einziges Grinsen gewesen. Bei Annekas Worten verschwand es aber wie die Sonne hinter Unheil verkündenden Wolken.

»Am liebsten würde ich euch alle mitnehmen«, gestand er.

»Geht leider nicht.« Anfangs war Anneka traurig gewesen, dieses Abenteuer nicht miterleben zu können. Aber es hatte nur noch drei freie Plätze auf der ›Caribbean Pearl‹ gegeben. »Janni und Dési haben noch Schule, ich bekomme mein Abi-Zeugnis und hab Abschlussfeier, und Danny darf Dad in der Praxis vertreten«, zählte sie die Gründe auf, warum die Wahl ihrer Eltern auf Felix gefallen war.

»Gutes Timing ist eben alles.« Schon hatten sich die Wolken wieder von seinem Gesicht verzogen, und er strahlte wieder mit der Sonne um die Wette, die draußen von einem perfekten Sommerhimmel lachte. »Ein Glück, dass mein FSJ rechtzeitig zu Ende ist. Mal abgesehen davon, dass ich es keinen Tag länger bei meiner miesepetrigen Chefin ausgehal… Aua!« Ein Knall, gefolgt von einem scharfen Schmerz ließ ihn aufschreien. Ein scharfes Geschoss hatte ihn am Bein getroffen, und wie von der Tarantel gestochen fuhr er hoch. »Deshalb musst du nicht gleich rabiat werden.«

»Ich hab gar nichts gemacht!«, verteidigte sich Anneka und richtete sich auf. Ein Blick genügte, und sie prustete los. »Das war die Rache des teuflischen Koffers.« Es dauerte eine Weile, bis sie sich beruhigen konnte. Atemlos wischte sie sich schließlich die Lachtränen von den Wangen. »Sieht ganz danach aus, als ob du doch ein Paar Schuhe zu Hause lassen müsstest.« Immer noch kichernd deutete sie auf den Berg Kleider, der aus dem aufgeplatzten Koffer quoll.

»Oder mir einen neuen Koffer besorgen«, seufzte Felix lakonisch und rieb sich den blauen Fleck am Schienbein, der sich in Sekundenschnelle bildete.

»Ich würde dir ja meinen leihen«, bot Anneka großzügig an. »Aber der ist leider nur für Puppenschuhe und -kleider.«

Das Letzte, was sie sah, war der Blitz in Felix’ Augen, ehe er sich auf sie stürzte und sie kitzelte, bis ihr der Bauch wehtat. Erst als sie um Gnade flehte, hörte er auf, nahm ihr aber das Versprechen ab, ihn zumindest bis zur Abreise nicht mehr auf den Arm zu nehmen.

*

Nele Forberg seufzte und steckte das Handy ein. Die Nachricht, die sie eben von ihrem Mann bekommen hatte, weckte ambivalente Gefühle in ihr. Zum einen freute sie sich, dass der sehnlichste Wunsch ihrer Tochter Lilli in Erfüllung gehen sollte. Andererseits fragte sie sich, wie sie diese vierzehn Tage an Bord der ›Caribbean Pearl‹ überstehen sollte.

»Später ist auch noch Zeit, darüber nachzudenken«, beschloss sie und sah auf die Uhr.

Ihre Tochter würde erst in über zwei Stunden nach Hause kommen. Zeit genug, um sich bei diesem herrlichen Wetter in den Garten zu legen und ein bisschen zu lesen. Abzutauchen in ein Paralleluniversum, in dem das Leben leicht und unbeschwert war.

Das Zuschlagen der Haustür ließ Neles Träume platzen wie eine Seifenblase.

»Hi, Mum, alles fit?« Dieser Frage folgte ein Rummsen, das davon zeugte, dass ein Rucksack in der Ecke gelandet war.

Nele verdrehte die Augen. Es gab Dinge, die änderten sich offenbar nie. Ganz egal, wie oft sie schimpfte, was sie aber kaum mehr wagte, seit alles ans Licht gekommen war.

Um eine unschöne Diskussion zu vermeiden, die ja doch immer wieder mit den gleichen Vorwürfen endete, entschloss sie sich zu einer Gegenfrage.

»Hallo, mein Schatz. Was machst du denn schon hier? Ich dachte, du hast heute Nachmittagsunterricht.« Nele bemühte sich, ihre Stimme leicht und unbeschwert klingen zu lassen.

Lilli schlüpfte aus ihren Flipflops und ließ sie der Einfachheit halber neben dem Rucksack liegen. Irgendwann würde ihre Mutter schon verstehen, dass es keinen Sinn hatte, Dinge aufzuräumen, die man ohnehin ständig brauchte. Gleich darauf bog sie um die Ecke. Mit ihren siebzehn Jahren war sie größer als Nele. Die langen Beine steckten in verboten kurzen Shorts, und das moderne T-Shirt bedeckte gerade mal den Bauch. Im Gegensatz zu ihrer Mutter hatte sie blondes Haar, das glatt auf ihren Rücken fiel. Nele amüsierte sich jeden Morgen wieder darüber, dass dieser natürliche Look eine Stunde Arbeit erforderte.

Lilli bemerkte den Blick ihrer Mutter. Sie schickte ihr eine Kusshand und ging hinüber zum Herd, um nachzusehen, was es zu Essen gab.

»Brokkoliauflauf?

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