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Schmucklos

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Schmucklos

Länge:
68 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
4. Okt. 2007
ISBN:
9783864740206
Format:
Buch

Beschreibung

Helens Liebe gilt dem Klavierspiel. Fast vollkommen erblindet, kann sie nur noch hell und dunkel unterscheiden. Schwarze und weiße Tasten.

Das Unterrichten musste sie schon vor langer Zeit aufgeben. Als sie bei einer Hausratsversteigerung in einer Villa im noblen Hamburger Stadtteil Winterhude auf einem "Blüthner"-Flügel spielen darf, steht für sie eines fest: Sie muss dieses Instrument besitzen!

Glücklicherweise kann Helen durch eine Sonderzahlung der GEMA, die sie für ihre alten Kompositionen erhalten hat, auf den Flügel bieten. Doch sie ist nicht allein bei der Versteigerung: Jemand anderes hat ebenfalls ein großes Interesse an dem "Blüthner" - jedoch nicht aus musikalischen Gründen...
Herausgeber:
Freigegeben:
4. Okt. 2007
ISBN:
9783864740206
Format:
Buch

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Schmucklos - Anke Gebert

Inhalt

Schmucklos

Impressum

Leseprobe

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Schmucklos

Manchmal hasst sie ihr Leben. Zum Beispiel in einem Augenblick wie diesem, wenn sie genau spürt, dass sie in Hundekot getreten ist. Wenn sie es spürt, ohne es zu sehen. Wenn sie sich einreden könnte, dass es nur ein Haufen des feuchten Laubes sei, von dem es in diesem Spätherbst so viel gibt, und doch genau weiß, dass es kein Laub ist. Helen kratzt den Schuh über die Gehwegplatten, um den Dreck loszuwerden und sich von dem Gestank zu befreien, der zu ihr aufsteigt. Widerlich. Der einzige Trost: Auch Sehende treten in so etwas hinein und ärgern sich darüber nicht mehr und nicht weniger als Helen.

Diese Stadt ist schön, doch diese Massen an Hunden und dessen, was sie hinterlassen, verderben jeden Spaziergang, lassen einen ständig auf der Hut sein, zwingen einen, statt den Anblick der vielen besonderen Bäume oder der prachtvollen Villen zu genießen, ständig nach unten zu sehen, vor seine Füße. Wenn man denn noch sehen kann. Helen geht seit vielen Jahren täglich diese Runde. Willistraße, Klärchenstraße, Leinpfadkanal, Heilwigstraße und über die Goernebrücke zurück. Jeden Morgen diese eine Runde, um sich mit Tageslicht und Sauerstoff zu versorgen, bevor sie an die Arbeit, an ihr Klavier geht. Jeden Morgen nach dem Aufstehen und Duschen dieselbe Runde, »einmal um den Pudding«, nennt sie es scherzhaft. Einmal um den Pudding dauerte früher immer genau eine halbe Stunde. Helen ging auch dann, wenn es regnete, denn ging sie direkt nach dem Frühstück ans Klavier, konnte sie sich nicht gut genug konzentrieren und brauchte lange, zu lange, um kreativ zu werden. Es war dann, als wären die Gedanken vom Tag zuvor oder von der Nacht noch überlagert. Wenn Helen spazieren ging, dann dauerte es keine zehn Minuten, bis sich das Durcheinander in ihrem Kopf zu klären begann. Wenn sie zurückkam, konnte sie sofort arbeiten. Immer dieselbe Runde. Die gleiche Anzahl von Schritten, die gleichen Ausblicke. Nur der Wechsel der Jahreszeiten und manchmal eine Veränderung, weil hier oder dort eine Villa am Leinpfadkanal renoviert wurde, hatten Helen gelegentlich von ihren Gedanken abgelenkt.

So war es lange gewesen. Jahr für Jahr. Tag für Tag. Auch noch, als ihre Sehkraft begonnen hatte nachzulassen. Auch noch, als ihre Sehkraft stark nachgelassen hatte. Wenn es keine Brille mehr gibt, die einem beim Sehen hilft, ist man sehbehindert, hatte ihr der Arzt gesagt und sich angehört, als meinte er, Helen wäre bereits blind. Aber Helen ist noch nicht blind. Sie hat noch einen Sehrest. Sie weigert sich, das Zeichen zu tragen, das sie eigentlich tragen sollte. Und sie trainiert die wichtigsten Abläufe ihres Lebens, um sie beibehalten zu können, wie diese Runde, ihre Runde: Willistraße, Leinpfadkanal, Heilwigstraße, Goernebrücke. Die Goernebrücke ist ihre Lieblingsbrücke in Hamburg. Dass Helen in deren Nähe wohnt, scheint ihr immer noch ein Privileg. Da Helen nie aufhörte, die Runde zu gehen, braucht sie nun kaum mehr Zeit für ihren Spaziergang als sie als Sehende benötigte. Inzwischen kann sie den Weg aber nicht mehr ohne Stock gehen. Zu häufig unverhoffte Baustellen, gefährliche Baugruben. Doch meist sind ein paar nette Bauarbeiter in der Nähe, die Helen kommen sehen und sie warnen.

Vor Jahren, als Helen in diese Gegend gezogen war, pfiff ihr der eine oder andere noch nach. Das hatte bereits aufgehört, bevor sie begann, schlecht zu sehen. Das hörte wohl bei jeder Frau Mitte vierzig auf, egal wie gut ihre Augen sind. Gleichgültig, was eine Frau wie Helen mit Ende Vierzig noch alles sieht, von den meisten Männern nicht mehr wahrgenommen.

Helen hat einen Sehrest. Sie kann noch Hell und Dunkel unterscheiden. Der Fußweg ist ein breiter grauer Streifen, auf dem sie sich orientieren kann. Wenn Helen gar nichts mehr sehen könnte, würde es ihr häufiger passieren, dass sie schräg läuft. Unvorstellbar, dass sie mal bis zum Horizont sehen konnte. Unvorstellbar, dass sie Menschen sah, die ihr von weitem entgegen kamen. Unvorstellbar ist eigentlich nicht das richtige Wort. Vorbei ist das richtige Wort. Vorstellen kann sich Helen noch alles. Sie hat sich die Ansichten und Aussichten so gut wie möglich eingeprägt, damit sie sie nie vergessen wird, damit sie weiß, worüber sie spricht, worüber andere sprechen. Damit für sie die Welt nicht noch schmuckloser wird, als sie bereits geworden ist.

Helen geht die Klärchenstraße entlang, Schritt für Schritt, und müsste nun auf der Höhe der kleinen Brücke über dem verwunschen aussehenden Kanal sein. Eines der Häuser am Kanal ist eine große weiße Villa. Eine der schönsten, wie Helen findet. Vier Etagen mit Terrasse, Dachtürmchen, Garten und Bootsanleger. Alles wirkt etwas ungenutzt, weil das Anwesen nur von einer

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