Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit: Eine Reise durch die Ursprungsländer der Bibel

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit: Eine Reise durch die Ursprungsländer der Bibel

Vorschau lesen

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit: Eine Reise durch die Ursprungsländer der Bibel

Länge:
726 Seiten
19 Stunden
Freigegeben:
Jun 30, 2011
ISBN:
9783864740879
Format:
Buch

Beschreibung

Das Verständnis der Bibel erfordert neben zeitgemäßer, verständlicher Sprache auch Wissen zu ihrem Hintergrund: Wer waren die Menschen, von denen die Bibel berichtet? Wie waren die Verhältnisse, unter denen die Erzähltradition der Christen entstand?

Jörg Zink erklärt in diesem 1988 erstmals veröffentlichten Buch die Entwicklung der heutigen Gottesvorstellung von ihren vielfältigen Quellen bis zur Ausprägung im christlichen Glauben und verbindet sie mit lebendigen Schilderungen seiner Erlebnisse und Begegnungen im Nahen Osten der 1970er Jahre.

– neu bearbeitete E-Book-Ausgabe
– 255 Fotos historischer und aktueller Motive
– 5 Landkarten zur biblischen Geografie
– Zeittafel zum geschichtlichen Hintergrund


"Ich war über zehn Jahre immer wieder dort, wo die Menschen gelebt haben, von denen die Bibel spricht, und ich habe, so meine ich, erst auf der Suche nach den Wegen, die jene frühen Menschen gegangen sind, nach den Städten, in denen sie gewohnt, nach den Brunnen, aus denen sie getrunken haben, wirklich verstanden, was uns die Geschichten der Bibel sagen wollen." Jörg Zink
Freigegeben:
Jun 30, 2011
ISBN:
9783864740879
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Tief ist der Brunnen der Vergangenheit

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Buchvorschau

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit - Jörg Zink

Edition Jörg Zink

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit

Eine Reise durch die Ursprungsländer der Bibel

Für die elektronische Ausgabe neu bearbeitet

mit Christoph Zink

Der Hafen von Sidon im Libanon

mit den Ruinen einer Kreuzfahrerburg [1]

www.joergzink.de

>>

Hafen von Sidon. Foto Manoug Alemian (Beirut). /. Archiv Zink

Inhaltsübersicht

Hinweise für das Lesen mit E-Book-Readern

Die »Edition Jörg Zink«

Vorwort

1. Schau mit mir in den Brunnen

Die Urkultur Mesopotamiens

2. Wanderer Abraham

Nomadenwege in Syrien

3. Ausbruch in die Freiheit

Ägypten und die Wüste Sinai

4. Ein Traum wird Wirklichkeit

David, Salomo und die Phönizier

5. Die Königin von Saba und die Weihrauchstraße

Der Jemen und der Süden Arabiens

6. Tausend Jahre Israel

Assur, Babylon und die Perser

7. Spuren einer Kindheit

Nazareth und Bethlehem

8. Gesegnetes Land

Jesus in Galiläa

9. Das Mysterium von Tod und Leben

Jesus in Jerusalem

10. Vom Geist getrieben

Die erste Kirche in Syrien

11. Eine mühsame Reise

Kleinasien – Griechenland – Rom

12. Schreibe dem Engel der Gemeinde

Die Orte der Apokalypse des Johannes

Zeittafel

Dieses Buch und sein Autor

Bildnachweis

Impressum

>>

Hinweise für das Lesen mit E-Book-Readern

Das E-Book ist für eine Wiedergabe in mittlerer bis kleiner Schriftgröße optimiert.

Es wird empfohlen, eine linksbündige Wiedergabe einzustellen und bei Wahl größerer Schriften im Querformat zu lesen.

Die Bearbeitenden sind dankbar für Hinweise auf Mängel und Fehler in dieser Ausgabe. Sie erreichen uns unter nachricht@joergzink.de.

>>

Die »Edition Jörg Zink«

Die Edition versammelt durchgesehene, in enger Abstimmung mit dem Autor entstandene Ausgaben zentraler Bücher und Bilder aus dem Lebenswerk des Pfarrers und Publizisten Jörg Zink.

Ihr Schwerpunkt liegt in der sorgfältigen Anpassung der Buchausgaben an die veränderten Möglichkeiten des elektronischen Lesens. Sie hat das Ziel, bleibend bedeutsame Beiträge des Autors zu Grundfragen des christlichen Glaubens in seinem Sinn zugänglich zu halten und weiter zu verbreiten.

Eine kurze Biographie des Autors und Angaben zu Hintergrund und Entstehung der vorliegenden Ausgabe sind im Abschnitt Dieses Buch und sein Autor zu finden.

Die Schreibung von Eigennamen und Orten der Bibel erlebte im christlichen Schrifttum manches Experiment, um sie zu vereinheitlichen. Die Edition verwendet hier alltagssprachlich übliche Schreibweisen.

Christoph Zink

Zur Internetseite von Jörg Zink mit weiteren Links:

> www.joergzink.de

>>

Vorwort

Europa – Tochter des Ostens

Die griechische Sage erzählt von einer jungen Prinzessin mit Namen Europa. Sie war die Tochter des Königs von Tyros, der alten Stadt an der Küste des Libanon. Der König hieß Phönix und galt der Sage nach als Ahnherr der Phönizier.

Als Europa eines Tages mit ihren Freundinnen am Meerufer spielte, erschien ein herrlicher weißer Stier. Das Mädchen begeisterte sich an ihm, und da es ihr an Mut nicht fehlte, schwang sie sich auf seinen Rücken. Aber da stürmte der Stier, in dem sich der Gott Baal verbarg, plötzlich ins Meer und schwamm, Europa auf dem Rücken, durch die Wellen nach Westen an die Küste von Kreta, setzte Europa dort ab und stieg, verwandelt in den Zeus von Kreta, ans Land.

Bild 002 >

Phönizische Prinzessin

Das Elfenbeinköpfchen entstand um 1200 v. ‍Chr.

In dieser Zeit, so erzählt die Sage, wurde das Mädchen Europa von einem Stier nach Westen entführt [2]

Bei den alten Völkern des östlichen Mittelmeers stand dieser Ritt auf dem Stier als Symbol für die große Kulturbewegung, die während fast 2000 Jahren von Syrien aus nach Zypern und Kreta drängte, von Ägypten in die mykenische und ionische Inselwelt und von Anatolien über die kleinasiatische Westküste nach Griechenland. Durch das ganze 2. ‍Jahrtausend vor Christus und bis tief ins erste war östliche Kultur in die westliche Welt des Mittelmeers eingeströmt: östliche Weisheit und Frömmigkeit, auch östliche Technik, Kunst des Ackerbaus und der Seefahrt. Europa, so wollten die alten Völker in dieser Geschichte sagen, ist eine Tochter des Nahen Ostens.

Bild 003 >

Elfenbeinskulptur. Foto Mouslimanni, Damaskus. /. Archiv Zink

Europa auf dem Stier

Das Mosaik aus dem 2. ‍Jahrhundert v. ‍Chr. wird heute im Archäologischen Museum in Beirut ausgestellt [3]

Und wirklich: Europa ist nicht aus sich selbst heraus geworden, was es heute ist. Auf den Karawanenpisten Arabiens und den Seewegen der Phönizier, auf den Straßen der Perser und der Römer und zuletzt den Wanderpfaden christlicher Prediger kamen Gedanken in das entstehende Europa, die im Osten erdacht worden waren,. Unsere Kultur wurzelt tief im Land von Euphrat und Tigris, in den arabischen Steppengebieten und im Land der Pharaonen am Nil.

Das gilt selbstverständlich auch vom Christentum. Wenn wir heute vieles nicht mehr verstehen, das die Bibel uns sagen will, dann liegt es auch daran, dass sie in einer Welt entstand, die uns Heutigen fremd ist. Es kann deshalb nützlich sein, eine Reise dorthin zu unternehmen, wo die Menschen gelebt haben, von denen die Bibel erzählt: Die Urväter Abraham und Mose, die Urmütter Sara und Rebekka, die Könige David und Salomo, die Propheten Elija und Jesaja, die Dichter der Psalmen und schließlich Jesus, der Mann aus Nazareth in Galiläa, und nach ihm die Begründer der frühen christlichen Kirchen.

Es ist nicht nötig, alle historischen Einzelheiten zu kennen, aber vieles tritt klarer hervor, wenn wir diese fernen Länder durchwandern und nach den Wegen suchen, die jene frühen Menschen gegangen sind, nach den Städten, in denen sie gewohnt, nach den Brunnen, aus denen sie getrunken haben. Ich selbst bin mehr als ein Jahrzehnt lang immer wieder dort gewesen und habe, so meine ich, dabei erst wirklich verstanden, was die Geschichten der Bibel uns sagen wollen.

Unsere Reise führt weit zurück in die frühe Geschichte der Menschheit. Über Jahrtausende sehen wir die Völker des südwestlichen Asien in endlosen Wellen ziehen von Land zu Land, von Weideplatz zu Weideplatz. Sie erdenken ihre ersten großen Gedanken: Sie erfinden Werkzeuge, bauen ersten Siedlungen, säen und ernten das erste Getreide, graben Kanäle in die trockene Erde der breiten Täler von Euphrat und Nil, sie gründen die ersten Städte, errichten Heiligtümer auf Terrassen und Stufentürmen, sie bilden erste Erfahrungen mit Gott ab in den Gestalten ihrer Götter und Göttinnen, sie überliefern Geschichten ihrer Helden und ihrer Ahnfrauen an ihre Kinder und gewinnen die Höhe erster großer Kulturen.

Wir Heutigen, die wir in die Vergangenheit reisen, werden reicher dabei, denn wir entdecken, dass wir nicht in den wenigen Jahrzehnten zu Hause sind, die unsere eigene Lebenszeit hat, sondern in einer langen Geschichte der Menschen und einer ebenso langen Geschichte, die sich zwischen den Menschen und Gott abgespielt hat. Gehen wir also auf die Reise und hören die alten Worte, die zu uns herüberdringen. Persien und Mesopotamien, das heute Irak heißt, Syrien und die arabische Wüste, Libanon und Israel, das Land der Palästinenser und Jordanien, Ägypten, Jemen, Türkei und Griechenland sind die Landschaften, die wir durchstreifen, um der eigenen Herkunft näher zu kommen. Der »Brunnen der Vergangenheit« ist tief und geheimnisvoll und hat noch immer Wasser auch für uns.

Jörg Zink

**

Mosaik »Europa«. Foto Zink. /. Archiv Zink

1. SCHAU MIT MIR IN DEN BRUNNEN – DIE URKULTUR MESOPOTAMIENS

1.1

Auf dem Weg zum Fest

1.2

Angedeutete Herkunft

1.3

Was hat das mit uns zu tun?

1.4

Die Welt der Schafe und der Wölfe

1.5

Ackerbau und Lehmhütte

1.6

Ziegelofen und Monumentalbau

1.7

Die Lagunenlandschaft des Hor al-Hammar

1.8

Die mesopotamische Urkultur

1.9

Die Epoche der Mütter

1.10

Von den Müttern zu den Vätern

1.11

Adam, Eva und das Paradies

1.12

Gilgamesch und die Erfahrung des Todes

1.13

Die große Flut und ihre Deutung

1.14

Die Geschichte vom Turm zu Babel

1.15

Der Traum von der Himmelstreppe

>>

1.1 Auf dem Weg zum Fest

Aus den Reisenotizen um 1970

Der Tag ist glühend heiß. Ich stelle den Jeep ab und gehe auf das schwarze Zelt zu, einen Steinwurf abseits der Sandpiste. Kamele weiden die spärlichen Grasbüschel ab. Mit zusammengebundenen Beinen hoppeln sie mühsam von einem zum anderen. Vor dem Zelt breitet ein Vordach sich über einen Kreis von wohl zehn oder zwölf sitzenden Männern. Frauen und Kinder sind nicht zu sehen. Wir sind im Südirak, wenige Kilometer von Ur entfernt, der alten Stadt, die uns als die Heimat Abrahams genannt wird.

Ich gehe mit den landesüblichen Gesten der Höflichkeit und Begrüßung auf die Männer zu und lasse mich einladen. Sie trinken Kaffee aus kleinen Tassen, einer röstet die grünen Bohnen in einem Tiegel und zerreibt sie in einem Mörser. An der Stirnseite gegen das Zelt hin sitzt unbeweglich und wohl auch unbeteiligt ein sehr alter Mann, offenbar nicht mehr fähig, dem Gespräch zu folgen. Aber immer, wenn einer der Männer das Wort ergreift, blickt er zuerst nach dem in sich versunkenen Patriarchen, wie um sich die Erlaubnis zu sprechen zu erbitten. Dann spricht er.

Bild 004 >

Männerrunde in der Wüste bei Ur

Die vor etwa 6000 Jahren gegründete Stadt liegt im südlichen Irak in der Nähe des heutigen Nasiriya und war im 3. ‍Jahrtausend v. ‍Chr. ein Zentrum der sumerischen Hochkultur [4] – siehe auch Karte 1

So ergibt sich eine gute Stunde zuerst befangenen, dann zunehmend entspannten Gesprächs. »Ihr seid auf einer langen Reise«, sage ich. »Woher kommt ihr?« »Aus dem Jemen«, antwortet einer. Ich rechnete nach: Das sind rund 2500 ‍km Wegstrecke. »Und wohin geht die Reise?« »Erst nach Persien hinüber und dann nach Afghanistan.« Das sind noch einmal 2000 Kilometer. »Ihr habt keine Last auf euren Kamelen. Warum geht ihr den weiten Weg? Was werdet ihr in Afghanistan tun?«

Wir sind in den frühen 1970er Jahren, Afghanistan lebt im Frieden, und so erzählt einer, der in der Mitte des Halbkreises sitzt, wohl der älteste der Brüder: »In Afghanistan lebt ein Bruderstamm von uns, den haben wir seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen. Inzwischen sind dort junge Männer und junge Frauen herangewachsen. Auch wir haben junge Frauen und junge Männer. Nun besuchen wir unseren Bruderstamm. Wir nehmen die jungen Frauen von dort in unsere Familie auf und geben unserem Bruderstamm unsere Töchter. Dann feiern wir Hochzeit. Lange. Lange. Vielleicht drei Monate lang, vielleicht auch länger.« Und sie lachen breit und laut und freuen sich auf das Fest. »Habt ihr noch mehr Bruderstämme?«, frage ich. »Ja, einer wandert zur Zeit im Sudan und einer in Marokko.« »Werdet ihr sie auch besuchen?«

Aber da kommt keine Antwort. Stattdessen verwandeln sich die Gesichter. Finster schauen sie einander an, und finster fallen ihre Blicke auf mich. Hatte ich etwas Unpassendes, vielleicht etwas Beleidigendes gefragt? Ich muss sie an einer Stelle berührt haben, an der sie verletzlich sind. »Wir können nicht«, stößt der Älteste schließlich heraus. »Warum nicht?« »Wir können nicht über den Sinai wandern. Am Golf von Akaba ist die Grenze geschlossen. Da sitzen sie und sperren die Straße.« »Wer sitzt da?« »Die Juden.« Und wieder finsteres Schweigen.

Nach einer langen Pause: »Unsere Väter haben, solange man zurückdenken kann, immer ihre Wegerechte gehabt. Ihre Weiderechte zwischen Marokko und Afghanistan und ihre Wege für die Karawanen.« Und wieder nach einem Schweigen: »Heute sitzen da Fremde und schließen die Grenzen. Bei uns hat es niemals Grenzen gegeben.« Und wieder nach einer Zeit verbissenen Brütens: »Es ist uns gleich, wer in Palästina wohnt, aber die Grenzen müssen offen sein.«

Während eines langen Schweigens, das ich nicht unterbrechen will, spüre ich, wie fremd ein Staat wie Israel sich in jener Gegend der Erde ausnimmt Nicht nur, weil die Menschen in Israel anders sind, sondern weil sie einen Geist mitbringen, der nach zwei Jahrtausenden des Aufenthalts im Westen nun zurückkommt in das Land seines Ursprungs, aber geprägt wurde in Europa und Amerika – einen Geist, den diese wandernden Menschen nicht verstehen und mit ihrer Tradition und dem Stil ihres Lebens nicht verbinden können. Es geht nicht um territoriale Fragen, es geht nicht um nationale oder religiöse Abneigungen. Es geht um die offenen Grenzen, um die freie Beweglichkeit der Nomaden und ihr uraltes und seit Jahrtausenden eingespieltes Zusammenwirken mit den sesshaften Bauern. Und das muss auch im Blick auf die arabischen Staaten gelten, die ihre Grenzen schließen.

Wie im Land Ur, im Land am unteren Euphrat, lebten auf der trockenen Erde Mesopotamiens seit zehn Jahrtausenden die Bauernvölker, in Lehmhäusern wohnend, unter drei oder vier Palmen und führten das Wasser aus dem Strom auf ihre Felder. Und seit noch längerer Zeit wanderten die Nomadenfamilien mit ihren Eseln und später mit ihren Kamelen vorbei auf der Suche nach Wasser und Gras, ihre Tiere fraßen die abgeernteten Felder ab und düngten sie. Jahrtausendelang war das eingespielt. Die Nomaden brachten Nachrichten aus der großen Welt mit, erzählten von fremden Ländern und Kulturen, von neuen Ereignissen und neuen wandernden Völkern.

Bild 005 >

Nomaden, Irak. Foto Zink. /. Archiv EMH

Kamelführer in der syrischen Wüste

Wie dieser junge Mann ziehen in den Weiten des Nahen Ostens noch immer Nomaden mit ihren Tieren auf uralten Wegen [5]

Nur wenig hätte sich in diesen Jahrtausenden bewegt durch die Bauernfamilien, die an der immer gleichen Wasserstelle saßen, sondern alles bewegte sich durch die Wanderungen der Nomaden. Der Ackerbau war das konservative Element: In seinem Umkreis gibt es keine Zeit, keine Geschichte, keine Entwicklung, sondern Saat und Ernte, Geburt und Tod und den immer gleichen Kreislauf des Jahres und des Menschenlebens.

Bewegung kam in dieses Land durch den wiederholten Einbruch fremder Völker, den Durchzug wandernder Sippen und durch den Austausch mit ihnen. Nomaden waren Pendler zwischen den Staaten und den Kulturen, die Schmuggler und die Spione, Ideenträger, Berichterstatter. Sie trugen Erfindungen und neue Lebensweisen von Land zu Land.

Die Kultur im mesopotamischen Raum entwickelte sich so ungewöhnlich dynamisch, weil das fruchtbare, an Wasser reiche Land zwischen Gebirgen und Wüsten von immer neuen land- und wassersuchenden Völkern durchzogen wurde. In geschichtlicher Zeit drängte rund alle hundert Jahre ein neues Volk in diesen Raum, brachte eine eigene Lebensweise mit und verband sie mit der bodenständigen Kultur, und jedes Mal kamen neue Impulse in die staatlichen und kulturellen Verhältnisse. Schon vom 3. ‍Jahrtausend an verband sich das Leben der wandernden Stämme auf ihren Wüstenpisten mit den Häfen am Mittelmeer und am Persischen Golf, und mit Hilfe von Schilfbooten erreichten seefahrende Händler Indien und das halbe Afrika.

Die neuen Herrscher übernahmen immer auch Teile der Kultur ihrer Vorgänger, und immer brachten sie ihre Kenntnis fremder Kulturen in die Entwicklung ein. So wurde das Land der Sumerer und der Babylonier zur Keimzelle der ersten Hochkultur.

Aus den Reisenotizen um 1970

Nach einer Pause, in der die ganze Runde schweigend an den Kaffeetassen herumschlürft, fange ich wieder an zu fragen: »Ihr habt keine Last auf euren Kamelen. Gibt es nichts zu transportieren zwischen dem Jemen und Afghanistan?« »Nein, es gibt nichts«, antwortet einer, »unsere Väter haben Seide transportiert und Weihrauch und Salz und Lebensmittel, immer auf den Kamelen. Wir haben nur noch unsere Kamele, aber es gibt nichts mehr zu transportieren. Wo früher die Karawanen waren, sind heute die Autostraßen. Die Autos sind schneller. Unsere Kamele können wir nur noch verkaufen, aber wer kauft heute Kamele?«

Ich weiß, wovon er redet. »Achtzigtausend Lastkraftwagen haben wir aus Deutschland bezogen«, hat mir ein Beamter in Bagdad erzählt. Der Irak gehört zu den Ländern, die darauf hoffen, den Anschluss an die moderne Zeit mit Hilfe von Straßen und Autos zu schaffen. Wenn die arabischen Länder sich aber einmal gegen die Überfremdung wehren, dann werden die nomadischen Sippen längst zerstreut sein und ihre Kinder werden die Slums der Großstädte bewohnen.

Eine uralte Lebensform, aus der unsere Kultur kommt, endet in diesen Tagen, und was an die Stelle tritt, ist bis zur Stunde nur unaufhaltsame Zerstörung. Eine millionenfache Tragödie spielt sich ab, und nur die wenigen Mächtigen der neuen Oberschicht gehören zu den Gewinnern. Am Elend verdienen vor allem die Industrienationen, während die Zeit der Nomaden, die Zeit der großen Urfigur des wandernden Menschen, die Zeit Abrahams, für immer vorbei sein wird.

Bild 006 >

Kamelkarawane, Syrien. Foto Zink. /. Archiv Zink

Die junge Generation der Nomaden

hat keine Zukunft mehr auf den Wegen der Karawanen. Autos haben Kamele weithin entbehrlich gemacht [6]

*

Nomaden, Irak. Foto Zink. /. Archiv EMH

1.2 Angedeutete Herkunft

Es begann nicht weit von dem Weideplatz, an dem wir unter dem schwarzen Vordach über eine Hochzeit in Afghanistan gesprochen hatten: in Ur am unteren Euphrat. Damals lag die Stadt noch am Meer. In den 4000 Jahren seither schuf der Euphrat mit seinem unendlichen Schlamm neues Land bis hinaus an den Persischen Golf bei Basra. Ur war zur Zeit der Sumerer noch Hafenstadt und Metropole des Handels bis hinüber nach Indien.

Bild 007 >

Der Stufenturm von Ur

hatte vier Stufen und war dem Stadtgott gewidmet, dem Gott des Mondes. Die Grundterrasse wurde nach alten Spuren rekonstruiert, die Treppe führte von einem Tempel am Fuß des Turms geradlinig bis zur Spitze, wo sich ein weiterer kleiner Tempel befand [7]

Die Bibel erzählt kurz und nur andeutend:

»Terach, der Vater Abrahams, Nahors und Harans, wohnte zu Ur. Als nun Haran vor seinem Vater Terach in Ur starb, verließ Terach seine Heimat Ur mit Abraham, seinem Sohn, und Lot, dem Sohn Harans, um ins Land Kanaan« – das heutige Palästina – »zu ziehen. Sie gelangten (aber nur) bis Harran und ließen sich dort nieder.«

(1. Mose 11,27– ‍31)

Aus den Reisenotizen um 1970

Wanderungsbewegungen von einer Stadt in die Wüste und von der Wüste in eine Stadt sind im Zusammenhang beduinischer Lebensweise nicht ungewöhnlich. Dass Terach die Hafenstadt Ur verließ und sich in die Steppe begab, kann auch bedeuten, dass er einen bestimmten Grund hatte, wegzugehen. Wenn heute ein Städter in Syrien oder im Irak Schwierigkeiten mit seiner Regierung bekommt – was leicht geschieht – und sei er ein Lehrer, ein Arzt oder ein Geschäftsmann, dann verkauft er sein Haus, schafft sich ein Zelt und eine Herde Schafe an und verschwindet mit ihnen in der Steppe. Man sagt: »Er geht nach links.« »Links« ist die Seite der Gefahr, der Entbehrung, auch des Unheils, jedenfalls die Seite eines nicht kalkulierbaren Risikos. Im Steppengebiet zwischen Syrien und dem Irak traf ich an einem Brunnen einen Anwalt aus einer syrischen Stadt mit seinen Schafen. Er war in Sicherheit. Denn sobald er sich im Bereich beduinischer Lebensordnungen befand, am Rand des Kulturlands oder gar in der Wüste, war er für seine Regierung unerreichbar. Ging Terach aus der Großstadt Ur »nach links«?

Karte 1 >

Zikkurat des Nanna, Ur. Foto Zink. /. Archiv EMH

Die Welt der Bibel zwischen 2000 und 1600 v. ‍Chr.

Die frühen Kulturen im »fruchtbaren Halbmond« des Nahen Ostens und die Wanderungsbewegungen Abrahams und der Urväter Israels

Die Bibel sagt nicht, wann das geschah. Sie sagt nur, Abraham sei ein wandernder Aramäer gewesen. Von den Aramäern wissen wir, dass sie zwischen dem 19. und dem 14. ‍Jahrhundert v. ‍Chr. in mehreren Wellen aus der arabischen Wüste in den babylonischen und syrischen Raum einwanderten und dort sesshaft wurden. Die Familie des Terach hatte wohl schon einige Zeit in Ur gelebt, als sie weiterzog nach Syrien und Palästina. Das war nicht ungewöhnlich, denn soweit die Wüstenbewohner nicht den Ackerbau wählten, zogen sie mit ihren Schaf- und Ziegenherden quer durch das Land, friedlich oder auch als bewaffnete Gruppe. Es ist durchaus glaubhaft, wenn es später von Abraham heißt, er sei ein Krieger gewesen. Alle Nomaden sind bis zum heutigen Tag bewaffnet und notfalls zu kämpfen bereit, wenn anders ein Weideplatz oder ein Brunnen nicht zu erreichen ist.

Bild 008 >

Wasserstelle bei einer Quelle an einem Berghang

Brunnen und Wasserstellen waren seit jeher die Zentren, um die sich Menschen, Familien und Völker sammelten, Mittelpunkte der alten Welt auch für geistigen Austausch und Rechtsprechung. Hier entschied sich jahrtausendelang, ob ein Mensch den anderen neben sich trinken und damit leben ließ. Am Brunnen lag die »Quelle der Gerechtigkeit«, dort entstand die Tugend der Gastfreundschaft, und so wurde schließlich der Brunnen zum Symbol für das Leben, das der Mensch aus Gott hat [8]

Terach also, nach dem Bericht der Bibel der Scheich einer Großfamilie, zog am Euphrat aufwärts, vorbei an Babylon bis dorthin, wo heute die Türkei den Strom in die baumlose, trockene Ackerbauzone der Syrer entlässt, bis zum uralten Ort Harran und ließ sich dort nieder.

Erzählungen dieser Art, die uns aus der alten Welt erreichen, haben häufig zwei Ebenen: Sie erzählen einerseits von bestimmten Personen, die Abraham oder Terach hießen, und andererseits von Völkerbewegungen, von Großfamilien und Sippen, die sich nach einem Ahnherrn nannten. Sie sagen nicht, wie wir sagen würden: »Ein Nomadenvolk, das sich nach Terach nannte, wanderte nach Harran.« Sondern: »Terach, der Urvater, wanderte.« Dieser Terach konnte eine historische Gestalt sein, aber Nomaden unterscheiden in ihren Geschichten nicht unbedingt zwischen Einzelpersonen und der ganzen Familie.

Von Harran aus folgte ein zweiter Teil des Wanderwegs:

»Gott sprach zu Abraham: Geh aus deinem Land. Verlass deine Sippe und deines Vaters Familie und zieh in ein Land, das ich dir zeigen will. Da zog Abraham aus mit seiner Frau Sara und seinem Neffen Lot, mit all seinem Besitz und all seinen Leuten und wanderte nach Kanaan.«

(1. Mose 12,1– ‍6)

Dies klingt, als sei unter dem Namen Terach ein größerer Stämmeverband von Ur nach Harran gezogen und Abraham habe sich später aus ihm gelöst.

Die Israeliten späterer Jahrhunderte erinnerten sich mit dieser Geschichte daran, dass zu Beginn ihres Volkes und ihrer Religion ein Urvater aus der Sesshaftigkeit aufbrach und auf Weisung eines geheimnisvollen Gottes in ein fremdes Land zog. In kriegerischen Zeiten, in der Unruhe hin- und herwogenden Gedränges großer und kleiner Völker, löste er sich aus der kaum gewonnenen Heimat und wanderte mehr als 1000 Kilometer von Harran in der südlichen Türkei in den Süden von Kanaan und bis an die Grenze Ägyptens.

Abraham ist nicht nur als der Stammvater eine Urgestalt Israels, sondern vor allem deshalb, weil das Schicksal dieses Volks seitdem – nur selten von kurzen Zeiten der Sesshaftigkeit unterbrochen – das des Abraham war: eine stete Wanderschaft. Und wenn die christlichen Kirchen sich noch heute als »wanderndes Gottesvolk« sehen, nehmen sie das Bild Abrahams auf, des Nomaden.

*

Kamele an einer Wasserstelle. Foto Manoug Alemian, Beirut. /. Archiv Zink

1.3 Was hat das mit uns zu tun?

»Tief ist der Brunnen der Vergangenheit«, sagt Thomas Mann in seinem Roman über Joseph und seine Brüder. Wir leben aus ihm. Wir schöpfen unsere Kräfte aus ihm, auch wenn wir ihm nie wirklich auf den Grund sehen. Was aus der fernen Vergangenheit der biblischen Urgeschichte zu uns heraufkam, hat unsere europäische Gedankenwelt, unser Empfinden und unsere Weltsicht so nachhaltig bestimmt, dass ein Gutteil der frühen Ereignisse zu Beginn unserer Kultur auch unsere eigene Seelengeschichte ist.

Was im Laufe von Jahrtausenden geschah, was da geschaut und gedacht wurde, gelangt aber auf zwei Wegen zu uns, einem gleichsam oberirdischen und einem unterirdischen:

Der oberirdische Weg trägt die Erfahrung der Menschheit in Form von Bauwerken, Kunstwerken, Dichtungen, Werkzeugen, Bildern, Dokumenten oder Ritualen aus der Vergangenheit in die Zukunft. Stein, Papyrus, Gold oder Bronze, Elfenbein, Keramik oder Marmor sind die Materialien, die uns erlauben, greifbar und sichtbar mit der Vergangenheit zu kommunizieren. Diese breit gefächerte Überlieferung, die aus den Anfängen der Menschheitsgeschichte strömt bis zu uns und über unsere Zeit hinaus, prägt und formt uns und ist das Element, in dem etwas wie Kultur, Gemeinwesen, Recht und Sitte von Völkern, etwas wie Religion, Kunst und Sprache gedeihen.

Die Erfahrung, die die Menschheit in den Jahrtausenden ihrer Wege über die Erde gewonnen hat, senkt sich aber auch in die Seelen von Einzelnen oder von Völkern ein – das ist der gleichsam unterirdische Weg. Die Bilder, in denen Menschen ihr Dasein gedeutet haben, die Bilder, die ihnen von außen entgegentraten und ihnen zum Schicksal wurden, formten die Gestalten und Kräfte eines gemeinsamen Unbewussten – auch jene Bilder, in denen sich Gott ihnen seit den ersten Anfängen menschlichen Verstehens zeigte: Schlange und Baum, Berg und Grotte, Brunnen und Wasser, Stier und Vogel, Sturm und Reiter, und die Tiefenpsychologie hat entdeckt, dass zwischen den Träumen heutiger Menschen und den Mythen und Märchen der alten Welt Ähnlichkeiten bestehen – oder besser: dass beide demselben Grund entstammen, den Erinnerungen, die seit uralter Vorzeit in den Seelen der Menschen bewahrt worden sind.

Menschen sind ja, was sie sind, nicht nur durch die Kultur und Umwelt, die sie prägen, sondern mehr noch durch das unbewusste Erbe aus Jahrtausenden menschheitlicher Erfahrung. Aus ihm rührt ihre eigene schöpferische Kraft, aus ihm erwachsen ihre Träume, Ängste und Hoffnungen. Wer die Bilder betrachtet, in denen wir träumen, begegnet auch bei dem religiösen Denken gänzlich entfremdeten Menschen immer wieder den uralten Vorstellungen, die uns alle leiten und uns bestimmen, ohne dass wir davon zu wissen brauchen. In Jahrtausenden wurden Bildmuster in uns eingewebt, die wir heute bewusster zu sehen lernen, und ebenso lange formten sich die Überlieferungen zu den komplizierten Gedankenbildern, in denen wir zu beschreiben suchen, was wir meinen, wenn wir »Gott« sagen. Nach wie vor wirken aus unserem eigenen Unbewussten die mythischen Bilder längst vergangener Zeiten auf unsere Gedanken und Entscheidungen ein. Nach wie vor träumen wir Bilder, die aus den Erfahrungen von zehntausend Jahren menschlicher Geschichte in uns erwachen, und finden auf diesen Wegen uns selbst.

Bild 009 >

Priester aus einer sumerischen Stadt

Er lebte einige Jahrhunderte vor Abraham, vor 4000 Jahren, und kniet vor dem Bild seines Gottes, vor sich ein Gefäß, das wohl eine Opfergabe enthält. Wir können in solchen Kunstwerken mit der Vergangenheit Verbindung aufnehmen, können sie uns vorstellen und werden feststellen, wie das, was der unbekannte Priester geschaut hat, noch immer auch in uns selbst weiterlebt [9]

Aus was für einem Land aber kamen die Menschen der Bibel? Das zu bedenken ist wichtig, weil schon die Erzähler des Alten Testaments bewusst und unbewusst geprägt waren von einem Erbe, das aus Jahrtausenden zu ihnen kam – aus dem Land, das Abraham einst verließ und das wir bis heute auf der Suche nach Spuren der alten Völker durchwandern können. Was also haben sie von dort mitgenommen?

Bild 010 >

Statuette eines Priesters. Musée du Louvre (Paris). /. Archiv Zink

Der syrische Himmelsgott El

Diese vergoldete Figur eines thronenden Gottes entspricht der Vorstellung in der ersten Hälfte des 2. ‍Jahrtausends. Dieses Bild war den Zeitgenossen Abrahams vertraut und den Menschen im Raum um Harran selbstverständlich. Wenn wir verstehen möchten, was denn Abraham sich unter »Gott« vorgestellt hat, werden wir es am ehesten im Bild dieser Figur finden, wie auch der Gott, den sich viele Christen bis heute vorstellen, von diesem im Himmel thronenden El nicht grundlegend verschieden ist. Wie stark dieses Bild in Israel auch in viel späteren Zeiten gewirkt hat, zeigt sich in der Erzählung, Mose habe nach seiner Begegnung mit Gott »Hörner« getragen, er habe also – wie in vorisraelitischen Zeiten – als Priester eine Maske mit Hörnern getragen, um seinen Gott abzuspiegeln [10]

*

Goldener El. Foto Zink. /. Archiv Zink

1.4 Die Welt der Schafe und der Wölfe

Aus den Reisenotizen um 1970

Auf der Suche nach dem Lebensumkreis der Nomaden

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Tief ist der Brunnen der Vergangenheit denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen