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Wir im All - das All in uns: Ken Wilbers Vision eines ungeteilten Daseins

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Wir im All - das All in uns: Ken Wilbers Vision eines ungeteilten Daseins

Länge:
388 Seiten
12 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 24, 2017
ISBN:
9783744859080
Format:
Buch

Beschreibung

Das Buch ist ein neuartiger Versuch, zentrale psychologische, philosophische und religiöse Aspekte der vermutlich noch etwa 100jährigen Wendeepoche auf dem Weg zu einem neuen globalen Gleichgewicht zu benennen. Am Ende des Buches werden Hypothesen zu weiteren kritischen Aspekten dieser globalen Transformation aus den Bereichen Politik, Ökonomie und Ökologie, sowie aus der Klima-, Raum- und Sexualforschung aufgestellt. Diese Hypothesen sollen in später folgenden Büchern des Gesamtprojekts ausgearbeitet und schließlich zu einer umfassenden These verdichtet werden. Dabei bildet dieses erste Buch eine Art Kopfstein im Bogen der gesamten Thematik und zieht den weitesten aller denkbaren Rahmen zur Einordnung unserer persönlichen Probleme, innerhalb dieser spannenden Epoche.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 24, 2017
ISBN:
9783744859080
Format:
Buch

Über den Autor

Detlef Georg Siebert ist Jahrgang 1958 und seit jeher fasziniert von der Vorstellung, dass alles, was geschieht, letztlich doch einer inneren Logik folgt, die - auch wenn sie zum Teil "nur" intuitiv erfassbar ist - doch beschreibbar sein sollte. Seine ursprüngliche Motivation ergab sich aus den radikalen Idealen der Kulturrevolte der 1960er Jahre. Er erforschte sich als Individuum und gesellschaftliches Wesen im Kontext der vorstellbaren konstruktiven und schließlich vielleicht realisierbaren Visionen unserer langfristigen Zukunft. Nach Studien in Philosophie, Ökonomie und Politologie widmete sich Detlef Georg Siebert von 1986 bis 1994 Forschungstätigkeiten im Bereich der sozialwissenschaftlichen Computersimulation. Seit 1995 arbeitet er in unterschiedlichsten Projekten und Bereichen, aus denen sich eine Verschiebung zu neuen Themen bezüglich der Praxis menschlicher Kommunikation - vor allem im Hinblick auf aktuelle Fragen der Geschlechterbeziehungen und der spirituellen Entwicklungspotenziale - ergab.


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Buchvorschau

Wir im All - das All in uns - Detlef Georg Siebert

Wir im All – das All in uns

ist ein neuartiger Versuch, zentrale psychologische, philosophische und religiöse Aspekte der vermutlich noch etwa 100jährigen Wendeepoche auf dem Weg zu einem neuen globalen Gleichgewicht zu benennen. Am Ende des Buches werden Hypothesen zu weiteren kritischen Aspekten dieser globalen Transformation aus den Bereichen Politik, Ökonomie, Ökologie, Klimatologie, Raumfahrt und aus den Sexualwissenschaften aufgestellt. Diese Hypothesen sollen in später folgenden Büchern des Gesamtprojekts ausgearbeitet und schließlich zu einer umfassenden These verdichtet werden. Dabei bildet dieses erste vorliegende Buch eine Art Kopfstein des Bogens der gesamten Thematik und zieht den weitesten aller denkbaren Rahmen zur Einordnung unserer persönlichen Probleme innerhalb dieser spannenden Epoche.

Die seriöse Bewältigung der umfassenden Gesamtthematik ist eine Herausforderung; ihre Lösung erfolgt durch einen Kunstgriff in der Quellenauswahl: Jedes der sieben Themen der sieben Bücher konzentriert sich in seinem Bezug auf das – intuitiv ausgewählte – Beste des jeweiligen Themenbereichs. Es ist eine „Minimal art" ganzheitlicher Zukunftsforschung, deren Anfang mit einer komprimierten Darstellung des Ansatzes von Ken Wilber, dem vermutlich tiefsinnigsten Theoretiker unserer Zeit, gemacht wird.

Detlef Georg Siebert

ist Jahrgang 1958 und seit jeher fasziniert von der Vorstellung, dass alles, was geschieht, letztlich doch einer inneren Logik folgt, die – auch wenn sie zum Teil „nur" intuitiv erfassbar ist – doch beschreibbar sein sollte.

Seine ursprüngliche Motivation ergab sich aus den radikalen Idealen der Kulturrevolte der 1960er Jahre. Er erforschte sich als Individuum und gesellschaftliches Wesen im Kontext der vorstellbaren konstruktiven und schließlich vielleicht realisierbaren Visionen unserer langfristigen Zukunft.

Nach Studien in Philosophie, Ökonomie und Politologie widmete sich Detlef Georg Siebert von 1986 bis 1994 Forschungstätigkeiten im Bereich der sozialwissenschaftlichen Computersimulation. Seit 1995 arbeitet er in unterschiedlichsten Projekten und Bereichen, aus denen sich eine Verschiebung zu neuen Themen bezüglich der Praxis menschlicher Kommunikation – vor allem im Hinblick auf aktuelle Fragen der Geschlechterbeziehungen und der spirituellen Entwicklungspotenziale – ergab.

Inhalt

Vorwort

Teil I

Ken Wilbers Vision eines ungeteilten Daseins

Von der Schatten-Ebene zur Ego-Ebene

Projektion von Gefühlen / Projektion von Eigenschaften / Philosophische Bänder / Hilfen zur Re-Integration

Von der Ego-Ebene zur Existenziellen Ebene

Willkürliches und Unwillkürliches / Biosoziale Bänder / Konkurrenzspiele / Hilfen zur Re-Integration II/ Soziale Halluzination / Entkoppelte Rationalität / Aufstieg und Abstieg I / Unbewusstes der verschiedenen Ebenen

Von der Existenziellen Ebene zur Ebene des GEISTES

Sexualisierung und Triebverdrängung / Ich im All – das All in mir? / Aufstieg und Abstieg II / Flachland / DER GEIST / Hilfen zur Re-Integration III / Gefahren im Übergang zum Transpersonalen / „Die Prä/trans-Verwechslung" / Transpersonale Bänder / Stufen, Drehpunkte und Pathologien des Bewusstseins

Wege der Erkenntnis

Relative und absolute Erkenntnis / Primärer und sekundärer Dualismus / Zeitillusion / Tertiärer Dualismus / Quartärer Dualismus / „Augen der Erkenntnis" / Wissenschaftlichkeit / Kritik

Modell der kósmischen Evolution und Re-Integration

„I holarchy / „WE holarchy / „ITS holarchy / „IT holarchy / Viereinigkeit/ Verständnishürden / Holons / Pyramidale Grobstruktur / „Haarspalterei / Pyramidale Feinstruktur / Teilmengen-These und pyramidale „Ausbeulung / Holarchien / Politische Schlüsse 1 / DER GEIST in der Evolution / Historische Schwerpunkte im Bewusstseinsspektrum / Gattungsgeschichtliches bis zur Persona-Identität / Nachhaltiger Wechsel zur Re-Integration? / Aufstieg und Abstieg III

Telos einer integralen Co-Evolution (These 1)

Teil II

Wissenschaftliches Visionieren?

7 Hypothesen zum Jahrtausendwechsel: Konzepte für eine Zukunft der menschlichen Evolution

Ratio und Religio (1)

Humane Weltordnung (2)

Krisenfreie Marktwirtschaft (3)

Wirksame Ökologisierung (4)

Umsichtige Klimakontrolle (5)

Ambitionierte Raumfahrt (6)

Liebeszuwachs (7)

Anmerkungen

Namensverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Quellen

Verzeichnis der Abbildungen

Vorwort

Wertvolle Diskussionen zum Verständnis des Ansatzes von Ken Wilber und viele nützliche Hinweise zu den Vorarbeiten – wie schließlich zu den Feinheiten – der Darstellung seines Ansatzes, im ersten Teil dieses Buches, verdanke ich Rose Littmann, Tomislav Ninković und Achim Kriechel. Dabei kommt Rose das besondere Verdienst zu, mich überhaupt erst auf Wilber aufmerksam gemacht zu haben. Tomislav verdanke ich vor allem erste Gehversuche einer spirituellen Praxis, die ich als sehr förderlich empfinde. Achim Kriechel fand mich – mehr oder weniger zufällig – über das Internet und unterzog sich der Mühe, das Manuskript des ersten Teils dieses Buches detailliert inhaltlich zu überprüfen, was neben einigen interessanten Begriffspräzisierungen vor allem wichtige Optimierungen verschiedener Grafiken zur Folge hatte. Allen dreien bin ich zu tiefem Dank verpflichtet! Auch das abschließende, sehr gründliche Lektorat von Petra Wilgenbus führte noch zu einigen inhaltlichen Verbesserungen und machte vor allem aus dem Manuskript ein hoffentlich gut lesbares Buch.

Die „7 Hypothesen zum Jahrtausendwechsel", im zweiten Teil, basieren auf langjährigen Vorarbeiten. All die dabei für mich wichtig und anregend gewesenen Menschen zu nennen, würde an dieser Stelle zu weit führen. Zu besonderem Dank verpflichtet fühle ich mich aber natürlich vor allem meinen Eltern, meinen Geschwistern, meiner geschiedenen Frau Cirstin, einigen sehr treuen und immer hilfsbereiten Freunden und Freundinnen, sowie meinen Lehrern und Lehrerinnen! Von ganz besonderer Bedeutung war schließlich auch die langjährige Behandlung durch Frau Dr. Našincovä, die mir die Chance gab, mich körperlich wieder aufzurichten.

Dieses Buch ist als das erste einer siebenteiligen Reihe gedacht, durch die ich die, meiner Ansicht nach, wichtigsten Aspekte unserer langfristigen Zukunft umreißen möchte. Ich hoffe stark, dass es mir gelingt, in den nächsten Jahren ausreichend Zeit für die Ausarbeitung der übrigen sechs Bücher zu finden. Es kann gut sein, dass sich dieses Projekt insgesamt über eine Phase von zehn oder mehr Jahren erstreckt.

Detlef Georg Siebert

Berlin, Oktober 2000

Teil I


Ken Wilbers Vision eines ungeteilten Daseins

Unsere Welt erweckt immer mehr – nicht zuletzt auf Grund der rasenden technologischen Entwicklungen – den Eindruck eines unüberschaubaren Gebildes von unendlicher Vielfalt, bestehend aus einer ständig weiter wachsenden Fülle fragmentierter Elemente, deren Zusammenhalt weitgehend unverständlich bleibt. Welchen Bereich, welche Ebene oder welches Detail des Daseins ich auch betrachte: Immer zerrinnt mir die Einheit der Phänomene, fast augenblicklich, zu Gedanken über die Beschaffenheit, den inneren Aufbau oder die übergeordnete Funktion des Wahrgenommenen.

Ohne Zweifel ergibt sich dieses Problem aus der Art der beschriebenen Wahrnehmung selbst, denn wäre die Welt wirklich fragmentiert und in diskrete Phänomene oder Elemente unterteilt, anstatt ein inneres ununterbrochenes und kontinuierliches Ganzes zu bilden, so könnte sie gar nicht existieren: Sie würde augenblicklich innerhalb der realen Lücken ihrer rein abstrakten Beziehungen im Nichts verschwinden!

Wollen wir die Welt re-integrieren, ihre Zersplitterungen heilen, um uns wieder stärker an den wunderbaren Manifestationen ihrer Schönheit zu erfreuen, so kommen wir also nicht umhin, bei uns selbst und unserer gebrochenen Wahrnehmung anzusetzen. Die Erkenntnis, dass unser – immer mehr oder weniger – lineares Denken, das unsere Wahrnehmung vorstrukturiert, nicht wirklich „der Stein der Weisen" sein kann, hat sich in den letzten Jahrzehnten verstärkt herumgesprochen. Andererseits vermuten die meisten Skeptiker zurecht, dass ein Rückfall auf vorrationale Erfahrungs- und Erkenntnismodi auch keine überzeugenden Antworten auf die drängenden Fragen unseres heutigen, rationalistisch strukturierten Lebens zu bieten hat. Die Integration einer entwickelten und kritischen Rationalität in ein umfassendes – seelisches, körperliches und geistiges – Gewahrsein wirkt immer noch schwierig, obwohl die Grundlagen eines entsprechenden Ansatzes, der sowohl theoretisch wie praktisch überzeugt, bereits in den frühen 1970er Jahren von dem amerikanischen Allroundgenie Ken Wilber gelegt wurden.

Ich möchte zunächst bei der eher persönlichen und psychologischen Ebene ansetzen, die Wilber in seinem 1972 geschriebenen Erstlingswerk „Das Spektrum des Bewusstseins" (SdB) beleuchtet, um dann den Bogen zu einer philosophisch ausdifferenzierten Perspektive zu schlagen, die sich auf die aktuellen Werke von Wilber bezieht.

Der Hintergrund von Wilbers Werk besteht, neben seiner vitalen Körperlichkeit und seiner angloamerikanischen Mittelschichtssozialisation, aus seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung, sowie seinen jahrezehntelangen intensiven Meditationserfahrungen mit einem Schwerpunkt auf buddhistischen Praktiken (vgl. v. a. Wilber TzG 1997: 9ff).¹ Bereits mit seinem Erstlingswerk (vgl. die Auflage: Wilber SdB 1998), das er im Alter von 23 Jahren schrieb, legte er einen ersten geschlossenen und konsistenten Modellansatz einer integralen Psychologie vor, der moderne europäisch-amerikanische Ansätze und traditionelle asiatische Ansätze überzeugend synthetisiert. Dieses „Spektralmodell" unseres Bewusstseins bildet den Kern oder die Knospe seines inzwischen weitgehend entfalteten Ansatzes, an dessen Grundzügen Wilber bis heute festhalten konnte.

Die Basis von Wilbers Werk besteht aus einer tiefen geistigen Einsicht und der persönlichen Erfahrung der Ur-Identität alles Seienden, wie dies für die in der Regel monistischen Religionen des Ostens typisch ist, die von einer alles durchdringenden Göttlichkeit ausgehen. Diesen spirituellen Horizont vermittelt Wilber anschaulich durch eine exzellente Rationalisierung, der neben einer Aktualisierung der Kernaussagen der alten asiatischen Weisheitslehren auch die Integration der wesentlichen modernen Psychologie-Ansätze des Westens gelingt. Der entfaltete philosophische Ansatz von Wilbers aktuellen Hauptarbeiten weist umfangreiche Analogien zum Denken der großen idealistischen Philosophien des 18ten und 19ten Jahrhunderts auf. Im Unterschied zu diesen rein intellektuellen Ansätzen bildet aber bei Wilber die persönliche psychische Erfahrung – die psychologisch verallgemeinert werden kann – den Ausgangs-, Ruhe- und Endpunkt seines enorm produktiven geistigen Stroms.

Springen wir nach diesem Prolog also einfach rein ins Thema unserer gebrochenen Wahrnehmungen und Selbsteinschätzungen! Wer sind Sie? Sind Sie eine zu logischem Denken und Handeln befähigte Kohlenstoffeinheit? Sind Sie ein komplexer und hochintegrierter Organismus oder definieren Sie sich eher über Ihr Ego, das diesen Organismus nur – mehr oder weniger zutreffend – mental abbildet? Oder haben Sie gar wesentliche, zumeist negativ besetzte Momente Ihrer persönlichen Biografie verdrängt und identifizieren sich nur noch mit den übrig gebliebenen, derzeit bewussten Ego-Resten, die Ihnen besser gefallen? Für die meisten von uns dürfte der letzte Fall der zutreffende sein: Aus irgendwelchen Gründen haben wir Potenziale unserer Persönlichkeit – negative oder positive – verdrängt und vergessen „und dann vergessen ..., dass wir sie vergessen haben" (Wilber SdB 1998: 208).

Von der Schatten-Ebene zur Ego-Ebene

Wir befinden uns hiermit zunächst auf der Ebene, mit der sich die klassische Psychoanalyse befasst: Unser Ego leidet unter einer Spaltung in bewusste Anteile einerseits und in verdrängte, unbewusste Anteile andererseits. – Wilber bezeichnet die verbliebenen Ego-Reste, die auf dieser Ebene das Identifikationsmuster unseres Ich-Bildes darstellen, als Persona. Die ausgeklammerten Anteile unseres ehemals geschlossenen Egos, von denen wir uns entfremdet haben und die wir in die Außenwelt projizieren, nennt er, in Anlehnung an C. G. Jung, den Schatten.

Die Lebenssituationen der einzelnen Menschen auf dieser Identifikationsstufe sind recht unbefriedigend und können sich leicht gefährlich zuspitzen: Die Ausklammerung und Projektion ungelebter Potenziale unserer Persönlichkeit auf die Außenwelt bedeutet auf jeden Fall eine Verarmung. Denn obwohl alle Aspekte unserer Persönlichkeit weiterhin vorhanden sind, egal ob sie uns bewusst sind oder nicht, haben wir keine bewusste Verbindung mehr zu unserem ausgeklammerten Schatten, den wir zwangsläufig als etwas Äußeres und zumeist Bedrohliches oder zumindest Bedrückendes empfinden. Die Verdrängung der Schattenaspekte ins Unbewusste bedeutet nämlich keineswegs ihre Auflösung: Alles bleibt in WIRKLICHKEIT wie es ist, nur unsere Wahrnehmung und Selbsteinschätzung sind jetzt extrem verengt und damit verarmt.

Unbewusstes ist also nicht einfach verschwunden; es ist weiterhin präsent und wirkt jetzt als scheinbar äußere Kraft auf uns ein. Diese oberste Ebene des mental unbewussten Schattens ist aber nur die Spitze des Eisbergs unseres Unterbewusstseins: Wir werden auf jeder Ebene des Bewusstseinsspektrums einen ähnlichen Prozess der Spaltung in bewusste und unbewusste Potenziale vorfinden und deshalb den Begriff des Unbewussten später noch einmal aufgreifen.

Projektion von Gefühlen

Auffällig für die Prozesse der Schatten-Ebene, für die Projektionen unserer unterdrückten Potenziale auf das Außen, das angebliche Nicht-Selbst und Fremde sind in der Regel auftretende typische Gefühlsumkehrungen:

„Wie projizierte Erregung als Angst und projizierter Antrieb als Druck erlebt wird, so erfahren wir projizierte Aggression als Furcht.

... Wo projizierte Aggression als Furcht erlebt wird, empfinden wir projizierten Zorn als Depression." (Wilber SdB 1998: 216)

Abbildung 1: Von der Schatten-Ebene zur Ego-Ebene

Abbildung entsprechend Diagramm 3 aus: Ken Wilber: Das Spektrum des Bewußtseins. Reinbek bei Hamburg 1998: 151 (Original 1977) © Detlef Georg Siebert 1999

Wie aber lassen sich Projektionen erkennen? Wie ist eine Abgrenzung von der übrigen, durchaus realen Außenwelt möglich? Es gibt ein allgemeines, recht einfaches Indiz für Projektionen: Den Grad unserer emotionalen Betroffenheit, unserer Aufgeregtheiten: Geraten wir immer wieder bei bestimmten Themen oder sich ähnelnden Situationen plötzlich in Wallung, so versteckt sich hier mit ziemlicher Sicherheit eine Projektion, mit der wir versuchen sollten, etwas unvoreingenommener Kontakt aufzunehmen. Bleibt dagegen eine Außenwelt-Information gefühlsmäßig relativ neutral und ungefärbt, ist sie eben eher schlichte Information, die uns die Möglichkeit gibt, unser Verhalten nach Gutdünken etwas zu justieren oder einfach beizubehalten, so sind wir offenbar weniger verhaftet oder in Projektionen verfangen. Wir sind freier, autonomer, selbstständiger und weniger vorprogrammiert in unserem Verhaltensmuster. Hierzu Wilber selbst:

„Wenn etwas an einer Person oder in unserer Umgebung uns lediglich informiert, projizieren wir wahrscheinlich nicht; wenn es uns aber affiziert, besteht der Verdacht, dass wir ein Opfer unserer Projektionen sind." (Wilber SdB 1998: 219)

Die bereits erwähnten Gefühlsumkehrungen können sowohl bei sozial als positiv empfundenen Emotionen, wie „etwa Interesse, Verlangen, Antrieb, Motivation, Eifer, Angeregtsein (Wilber SdB 1998: 208), als auch bei sozial als negativ abgestempelten Emotionen wie „etwa Aggression, Zorn, Hass, Zurückweisung und Groll (Wilber SdB 1998: 212) auftreten. Zitieren wir ein einfaches, alltägliches Beispiel einer situativ projizierten Emotion:

„John hat ein Rendezvous mit Mary. Er ist furchtbar aufgeregt und kann es kaum erwarten, sie endlich zu Hause abzuholen. Als er läutet, zittert er vor lauter Aufregung ein bisschen, aber dann öffnet Marys Vater, und John gerät fast in Panik, wird sehr nervös. Er vergisst seine ganze Begeisterung über das Treffen mit Mary, und während er eben noch hellwaches Interesse für seine Umwelt war, empfindet er jetzt, dass diese Umwelt – nämlich Marys Vater – sich für ihn interessiert. Anstatt zu schauen, fühlt er sich angeschaut und auf eine Weise exponiert, die ihm die Kehle zuschnürt. John schlägt mit seiner eigenen Energie auf sich selbst ein, wird aber alle Schuld an dieser unangenehmen Situation der Umwelt zuschieben, in diesem Fall dem ‘unguten Blick’ von Marys Vater.

Zudem wird John auch noch in einen Teufelskreis geraten, denn für Projektionen ... gilt: Je mehr man projiziert, desto mehr neigt man zum Projizieren. Je mehr John seine Erregung vergisst, desto mehr projiziert er und desto mehr glaubt er sich von der Umwelt in die Zange genommen, was wiederum zu noch mehr projizierter Erregung führt und so weiter. Der einzige Ausweg aus dieser misslichen Lage wäre für John, sich mit seiner Erregung zu re-identifizieren und sie dann zu leben, anstatt von ihr gebeutelt zu werden. Das wird im Normalfall geschehen, sobald Mary das Zimmer betritt: John findet sofort zu seinem Interesse zurück und handelt entsprechend, geht also auf sie zu und begrüßt sie. Jetzt hat er sein entfremdetes Interesse zurückgewonnen, denn nun schaut er wieder die Umwelt an, anstatt sich von ihr angestarrt zu fühlen.

In dem Augenblick, als Panik und Angst in John aufstiegen, trennte er sich von seinem biologischen (nicht unbedingt sexuellen) Grund-Erregungszustand – er blockierte ihn, sagte sich los von ihm und projizierte ihn. Erregung wird unter diesen Umständen als Angst erlebt. Oder anders herum betrachtet: Wenn wir Angst empfinden, versagen wir uns ganz einfach, erregt, energiegeladen und lebendig zu sein. Der einzige Ausweg aus dieser Situation besteht darin, unser Interesse und unsere Erregung für uns zurückzugewinnen – die Erregung auf den Körper übergreifen zu lassen und tief durchzuatmen, anstatt die Brust zu verkrampfen und den Atem einzuschnüren; vor Energie zu vibrieren, anstatt sich gelassen zu geben, die Erregung zu unterdrücken und stocksteif zu werden.

Wenn wir Angst empfinden, brauchen wir uns nur zu fragen: Worüber bin ich so erregt?’ oder Was tue ich gerade, um meine Erregung zu unterdrücken?’ Ein Kind lässt sich von seiner Aufregung begeistert mitreißen, ein Erwachsener fühlt sich unbehaglich, weil er die aufwallende Energie aufhält und projiziert, während Kinder sie einfach fließen lassen." (Wilber SdB 1998: 208ff)

Hinsichtlich der so genannten negativen Emotionen ist es besonders wichtig, ihre enorme Selbstverstärkung zu erkennen, die sie durch die Projektion erleben:

„Tatsächlich werden Hass und Aggression nur dann wirklich böse und destruktiv, wenn wir sie zu verdrängen versuchen, wenn wir sie von den ausgleichenden positiven Tendenzen wie Liebe und Bejahungsbereitschaft abtrennen und in die Umwelt schleudern. Wenn wir dann annehmen, dass diese dämonischen Aspekte nur noch in der Umwelt existieren, empfinden wir sie natürlich als Bedrohung und reagieren heftig, notfalls auch gewalttätig und heimtückisch auf diese eingebildete Bedrohung; dann kommt es zu blindwütigen und häufig blutigen Kreuzzügen, da verbrennen wir ‘Hexen’, zu ihrem eigenen Wohl natürlich, da führen wir Krieg, ‘um den Frieden zu erhalten’, und veranstalten Inquisitionstribunale, um ‘Seelen zu retten’. Kurzum, verdrängte und projizierte negative Tendenzen können ein wirklich sehr gefährliches Eigenleben entwickeln, während sie, in den Gesamtzusammenhang des Lebens eingebunden, also nicht verdrängt, sondern neben und mit den entsprechenden positiven Tendenzen existierend, von eher harmloser Natur sind, ein unverzichtbarer Anteil im Spiel der Kräfte." (Wilber SdB 1998: 212f)

Projektion von Eigenschaften

Unser Schatten braucht sich aber nicht unbedingt um eine der bisher besprochenen Projektionen von Gefühlen zu drehen, auch das vermeintliche Auslagern von Eigenschaften ist möglich: Diese projizierten Eigenschaften lassen sich natürlich wiederum in „positive, wie „Güte, Stärke, Weisheit, Schönheit (Wilber SdB 1998: 217) einerseits und „negative, also „etwa Voreingenommenheit, Versnobtheit, Heimtücke, Prüderie, Gemeinheit und dergleichen (Wilber SdB 1998: 218) aufspalten. Auch dieser Prozess der Auslagerung entfremdeter Potenziale unserer Persönlichkeit verrät sich durch übermäßige Gefühlsaufladung: Das ausgelagerte Gute führt zur Vergötterung anderer Menschen, wohingegen das externalisierte Böse ihre Verteufelung nach sich zieht. Bei den projizierten Eigenschaften selbst erfolgt dabei keine Umkehrung, so wie wir dies bei den projizierten Emotionen beobachten können; hier kommt es vielmehr einfach zu einer Übersteigerung der Gefühlsbindung an das scheinbar verloren gegangene eigene Potenzial. Zitieren wir wieder ein einfaches Beispiel:

„In einer Clique von zehn Mädchen sind neun, die Jill mögen, aber die Zehnte, Betty, kann Jill nicht ausstehen, weil sie, wie Betty findet, prüde ist. Und Betty hasst Prüderie. Sie gibt sich alle Mühe, ihre Freundinnen von Jills Prüderie zu überzeugen, aber es gelingt ihr nicht, und das bringt sie nur noch mehr auf. Es springt wohl ins Auge, dass Betty Jill nur deshalb hasst, weil sie sich ihrer eigenen versteckten Prüderie nicht bewusst ist; und indem sie diese Tendenzen auf Jill projiziert, wird der Konflikt zwischen Betty und Betty ein Konflikt zwischen Betty und Jill." (Wilber SdB 1998: 218)

Philosophische Bänder

Betrachten wir nach diesem kurzen Überblick über die Prozesse der Schatten-Ebene noch einmal die einfache Darstellung der Abbildung 1 (oben: 10), so fehlt uns noch eine Erläuterung des Begriffs der Philosophischen Bänder, die zwischen der in Persona und Schatten gespaltenen Ebene und dem re-integrierten Ego platziert sind. Allgemein bilden diese Bänder, die wir auch bei den Übergängen zu den nächsten Ebenen des Spektrums finden werden, jeweils eine Art Zwischenebene. Mit den Philosophischen Bändern dieser Ebene sind vor allem spezifische, persönlich oder familiär errichtete Moralvorstellungen oder Ethiken gemeint, die durchaus erheblich von dem allgemeinen, sozialen ethischen Konsens einer Gesellschaft abweichen können. Auch voneinander sind diese Systeme sehr verschieden, zumeist sind sie noch durch die Glaubenssätze der großen prämodernen Religionen beeinflusst; sie können auch durch spezifische nationale Mythen gefärbt sein, oder stattdessen pubertäre Negationen familiär vorgefundener Erziehungsmaßstäbe verkörpern (vgl. Wilber SdB 1998: 158). Letztlich konstituieren diese Philosophischen Bänder den jeweils persönlichen Filter, der die erwünschten Ego-Anteile passieren lässt und die unerwünschten ausgrenzt, diese Ausgrenzung dann verdrängt und so den entstehenden Schatten vorstrukturiert. Übersetzt in das klassische Freud’sche Modell entsprechen die Philosophischen Bänder also in etwa dem Begriff des „Über-Ich", während die Persona mit dem Freud’schen „Ich" und der Schatten mit dem „Es" korrespondieren.

Eine Verbesserung der Lebenssituation auf dieser Identifikationsstufe der Persona wird folglich kaum zu erreichen sein ohne eine Vergegenwärtigung der eingefleischten persönlichen Glaubensgrundsätze und ihrer konkreten biografischen Verankerungen, um dann eine Überprüfung und gegebenenfalls eine Korrektur zu ermöglichen. Hierdurch mag eine freiere und unvoreingenommenere Kontaktaufnahme mit den eigenen Schattenaspekten gelingen, was schließlich ihre Re-Integration vorbereitet, die zur Auflösung einer Vielzahl verfestigter persönlicher Problemkonstellationen führen kann.

Hilfen zur Re-Integration I

Kommen wir zum Abschluss dieser Betrachtung der Schatten-Ebene noch zu einer Zuordnung der auf dieser Ebene des Bewusstseinsspektrums angezeigten Therapieformen:

„Sobald sich eine ausreichend starke Selbststruktur gebildet hat (aber nicht früher), kann diese Struktur Aspekte ihrer eigenen Natur verdrängen, dissoziieren oder sich entfremden. Dieser gesamte Vorgang führt zu einer dreiteiligen Struktur des Selbst: Es, Ich und Über-Ich. Und es kann zum Krieg kommen: Über-Ich gegen Es (Hemmung), Es gegen Ich (Angst, Besessenheit), Über-Ich gegen Ich (Schuld, Depression). Kohut nennt dies den ‘schuldigen Menschen’.

Die aufdeckenden Techniken sind dazu entwickelt worden, die unbewussten und verdrängten Aspekte der Psyche wieder ins Bewusstsein zu bringen, wo sie in das zentrale Selbst re-integriert werden können. Zu diesen Techniken gehört die Psychoanalyse, ein großer Teil der Gestalttherapie und der ‘den Schatten integrierende’ Aspekt der jungianischen Therapie." (Wilber TzG 1997: 73f)

„Wenn wir so allmählich lernen, den Schatten immer mehr zuzulassen, weiten wir unsere Identität und damit unsere Verantwortung Schritt für Schritt über den eng umgrenzten Bereich der Persona hinaus auf die gesamte

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