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Juli-Killer 2017: 8 Krimis für die Ferien: Alfred Bekker präsentiert, #25

Juli-Killer 2017: 8 Krimis für die Ferien: Alfred Bekker präsentiert, #25

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Juli-Killer 2017: 8 Krimis für die Ferien: Alfred Bekker präsentiert, #25

Länge:
951 Seiten
10 Stunden
Freigegeben:
Jul 14, 2018
ISBN:
9781386964407
Format:
Buch

Beschreibung

Juli-Killer 2017: 8 Krimis für die Ferien

von Alfred Bekker, Uwe Erichsen, Pete Hackett, Cedric Balmore & A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 600 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Uwe Erichsen: Ein Mann kommt raus

Alfred Bekker: Mörder mit Hut

A. F. Morland: FBI: Fünf

Alfred Bekker: Der Leibwächter

Pete Hackett Die kein Gewissen haben 1 und 2

Alfred Bekker: Ein Ermordeter taucht unter

Cedric Balmore: Programmiert auf Mord

Cedric Balmore: Robert Tardelli und der Drogenkrieg

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Jack Raymond, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Freigegeben:
Jul 14, 2018
ISBN:
9781386964407
Format:
Buch

Über den Autor

Über Alfred Bekker: Wenn ein Junge den Namen „Der die Elben versteht“ (Alfred) erhält und in einem Jahr des Drachen (1964) an einem Sonntag geboren wird, ist sein Schicksal vorherbestimmt: Er muss Fantasy-Autor werden!  Dass er später ein bislang über 30 Bücher umfassendes Fantasy-Universum um  “Das Reich der Elben” schuf, erscheint da nur logisch. Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und wurde Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen.   Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', ‘Ragnar der Wikinger’,  'Da Vincis Fälle - die mysteriösen Abenteuer des jungen Leonardo’', 'Elbenkinder', 'Die wilden Orks', ‘Zwergenkinder’, ‘Elvany’, ‘Fußball-Internat’, ‘Mein Freund Tutenchamun’, ‘Drachenkinder’ und andere mehr  entwickelte. Seine Fantasy-Zyklen um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' ,die 'Gorian'-Trilogie, und die Halblinge-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt.  Alfred Bekker benutzte auch die Pseudonyme Neal Chadwick,  Henry Rohmer, Adrian Leschek, Brian Carisi, Leslie Garber, Robert Gruber, Chris Heller und Jack Raymond. Als Janet Farell verfasste er die meisten Romane der romantischen Gruselserie Jessica Bannister. Historische Romane schrieb er unter den Namen Jonas Herlin und Conny Walden.  Einige Gruselromane für Teenager verfasste er als John Devlin. Seine Romane erschienen u.a. bei Lyx, Blanvalet, BVK, Goldmann,, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt., darunter Englisch, Niederländisch, Dänisch, Türkisch, Indonesisch, Polnisch, Vietnamesisch, Finnisch, Bulgarisch und Polnisch.


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Juli-Killer 2017 - Alfred Bekker

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Juli-Killer 2017: 8 Krimis für die Ferien

von Alfred Bekker, Uwe Erichsen, Pete Hackett, Cedric Balmore  & A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 600 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Uwe Erichsen: Ein Mann kommt raus

Alfred Bekker: Mörder mit Hut

A. F. Morland: FBI: Fünf

Alfred Bekker: Der Leibwächter

Pete Hackett Die kein Gewissen haben 1 und 2

Alfred Bekker: Ein Ermordeter taucht unter

Cedric Balmore: Programmiert auf Mord

Cedric Balmore: Robert Tardelli und der Drogenkrieg

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Jack Raymond, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Ein Mann kommt raus

Krimi von Uwe Erichsen

Das Tor der Strafvollzugsanstalt fiel hinter Ernst Schalow ins Schloss. Gierig sog er die Luft ein. Hinter ihm lagen drei endlose, verlorene Jahre. Sühne für ein Verbrechen, das er nie begangen hatte. Suchend glitt sein Blick über den Besucherparkplatz. Monika war nicht gekommen. Schalow unterdrückte das Gefühl der Enttäuschung. Was hatte er erwartet? Sie war die Frau eines andern. Leises Motorgeräusch drang an sein Ohr. Eine dunkelbraune Limousine rollte langsam an ihm vorbei. Keiner der beiden Insassen blickte sich nach ihm um. Dennoch wusste Schalow: Das Kesseltreiben begann aufs Neue ...

1

»Ich wünsche Ihnen alles Gute, Herr Schalow«, sagte der stellvertretende Anstaltsleiter. Er hieß Effertz und war Regierungsrat.

Herr Schalow!

Schalow atmete langsam. Wie lange hatte niemand mehr Herr Schalow zu ihm gesagt! Er starrte auf die schlaffen Lippen des Mannes hinter dem zerkratzten Schreibtisch.

Der linke Mundwinkel hing ein wenig herab und zuckte hin und wieder.

»Ich hoffe, Sie nutzen Ihre Chance, Herr Schalow. Zwei Jahre hat das Gericht Ihnen erlassen. Ich will nicht sagen, geschenkt.« Effertz blickte an Schalow vorbei.

»Zu einer solchen Wortwahl bestünde auch keine Veranlassung«, sagte Schalow. Er wartete auf das Gefühl der Unsicherheit, auf den Ring, der seine Brust immer dann zusammenpresste, wenn er den Aufstand probte. Auf seine Weise. Mit ganz feinen Bemerkungen, die er sich hin und wieder leistete. Spitze, ironische Antworten, von denen er im stillen hoffte, dass die Aufseher sie nicht verstanden. Er war ein guter Gefangener gewesen. Er hatte so schnell wie möglich wieder herausgewollt.

Doch es hatte sich kaum gelohnt, dass er die Faust in der Tasche geballt hatte. Anderen Gefangenen, die sich nicht besser geführt hatten als er, hatte das Gericht sogar die Hälfte der zu bemessenen Strafzeit zur Bewährung ausgesetzt.

Ihm, Ernst Schalow, hatte man nur zwei von fünf Jahren erlassen.

Effertz' Blick wurde stechend. Der stellvertretende Anstaltsleiter hatte verstanden, was Schalow sagen wollte. Das Gefühl der Furcht blieb aus.

»Sie wissen Bescheid«, sagte der Regierungsrat unwirsch. »Ihr Anwalt hat Ihnen ja alles erklärt. Die Bedeutung der Bewährungsauflagen und so weiter.«

»Ja.«

Effertz wollte ihn los werden. Er unterschrieb einige verschiedenfarbige Formulare, die er Schalow anschließend in die Hand drückte.

Das eine musste er bei der Kleiderkammer vorlegen, das andere an der Kasse. Sechshundertvierzig Mark betrug sein Guthaben, ein Drittel dessen, was er während seiner Haftzeit verdient hatte und als Überbrückungsgeld zurücklegen musste.

Mit dem dritten Zettel konnte er seinen Anspruch auf eine Fahrkarte geltend machen. Bundesbahn oder ein vergleichbares öffentliches Verkehrsmittel, keine Barablösung.

Rot war der Wisch, den er am Tor abgeben musste. Der öffnete ihm die Tür in die Freiheit. Blieb noch der Entlassungsschein, den er dem Bewährungshelfer vorlegen musste.

»Sie sind noch jung, Herr Schalow, aber schon alt genug, um die Chance zu erkennen, die man Ihnen gibt.«

Schalow hörte nicht zu. Effertz spulte jetzt sein Programm ab. Es klang nicht sehr überzeugend, was er dem ehemaligen Strafgefangenen mit auf den Weg gab.

Schalow hatte mehrere ähnliche Instruktionen hinter sich. Erbauungsstunden nannten die anderen Gefangenen Vorträge dieser Art. Schalow hatte bald mit ihnen gefühlt, nachdem er erkannte, dass sie genauso litten wie er. Es spielte keine Rolle, ob einer zu Recht hinter Gittern saß oder nicht. Das Leiden einte sie. Dieses Gefühl der Solidarität hatte ihn die schreckliche Zeit leichter überstehen lassen.

Jetzt kam er endlich raus. Das erwartete Gefühl der Freude, diese Erregung, die er sich tausendmal in den letzten Tagen vorgestellt hatte, wollte sich jedoch nicht einstellen. Noch nicht.

Effertz stand auf. Mit den Händen schob er die Papiere auf seinem Schreibtisch hin und her. Erbringt es nicht fertig, dir die Hand zu geben, dachte Schalow.

»War's das?«, frage er.

»Ja, ja. Also noch einmal, alles Gute, Herr Schalow.« Effertz streckte die Hand aus. Schalow ergriff sie und drückte sie flüchtig.

SCHALOW SAH SICH UM, als er die Justizvollzugsanstalt durch die eiserne Tür des Torhauses verließ. Er musterte die Fahrzeuge, die auf dem Besucherparkplatz standen. Ein roter Audi war nicht dabei. Seine Mutter hatte ihm bei ihrem letzten Besuch erzählt, dass sie immer noch den Audi führen.

Schalow ignorierte das Gefühl der Enttäuschung. Er hatte nicht wirklich erwartet, dass sein Vater ihn hier mit dem Wagen abholte. Der alte Herr konnte eben nicht aus seiner Haut. Vielleicht wartete er in Bonn am Bahnhof.

Mit dem kleinen Koffer in der Hand schlenderte er zur Bushaltestelle. Der Bus nach Bonn sollte in wenigen Minuten eintreffen. Die Entlassungsprozedur lief mit dem Fahrplan der Postbusse synchron.

Schalow sah an sich hinab. Der Anzug passte ihm noch genauso gut wie vor drei Jahren. Er war immer schlank und drahtig gewesen, und er hatte dafür gesorgt, dass er in der Haft weder seine Form noch seine Figur verlor.

Als er wieder aufsah, bemerkte er den dunkelbraunen Ford Granada mit dem Kölner Kennzeichen.

Der Wagen hatte eben noch auf dem Parkplatz vor der Anstalt gestanden. Jetzt rollte er langsam an Schalow vorbei. Keiner der beiden Insassen sah zu ihm her.

Schalow konnte den Mann am Steuer erkennen. Der Kerl hatte kurzgeschnittene Haare, ein nichtssagendes Gesicht und große Ohren.

Der Knilch im Fond sah ebenfalls starr geradeaus. Von ihm konnte Schalow kaum mehr als den Kopf und die Schultern erkennen. Das Haar war dünn, die Backen voll und rund, der kleine Mund wirkte verkniffen.

Hinter einer Biegung weiter unten entschwand der Wagen Schalows Blicken.

Er hinterließ ein Gefühl der Bedrohung.

SEIN VATER STAND NICHT in Bonn am Bahnhof.

Schalow rief zu Hause an. Seine Mutter kam an den Apparat. Sie freute sich, jedenfalls hörte es sich ehrlich an, als sie immer wieder mit tränenerstickter Stimme seinen Namen stammelte.

»Mein Junge, ach Ernst, Junge ...«

»Ich hatte doch geschrieben«, sagte Schalow.

»Ach, Ernst! Vater konnte sich nicht losmachen, das musst du verstehen. Da ist irgendetwas mit den Tiefpumpen, er hat in der letzten Zeit viele Überstunden machen müssen.«

Er hat es nicht fertiggebracht, zu seinem Schichtmeister zu gehen und zu sagen, hören Sie, ich muss heute freinehmen, mein Sohn kommt aus dem Gefängnis. »Ja, ja, schon gut«, sagte er, weil seine Mutter sich bemühte, das Verhalten seines Vaters zu entschuldigen.

»Aber heute Abend essen wir schön zusammen. Ich habe dein Zimmer fertiggemacht. Vater hat es vorige Woche noch schnell neu tapeziert. Es ist hübsch geworden, Ernst.«

»Ich werde nicht bei euch wohnen«, sagte Schalow. Er sah auf den Münzschacht, durch den die Münzen klirrten. War das Telefonieren etwa schon wieder teurer geworden?

»Ernst!«

»Ich erkläre es euch nachher.« Viel zu erklären gab es nicht. Er wollte allein bleiben. Er wollte sich nach der sachlichen Fürsorge der Aufseher, die sich um alles kümmerten, was er tat, nicht der gefühlvollen Fürsorge seiner Mutter aussetzen. Und seinem Vater wollte er unnötige Peinlichkeiten ersparen. »Ich komme irgendwann am Abend. Vielleicht um sieben, spätestens halb acht. Ich muss erst nach Hürth zum Bewährungshelfer. Das will ich hinter mir haben.«

Und er wollte Monika sehen.

Oder doch wenigstens ihre Stimme hören.

»Ja, Ernst, das verstehe ich. Aber du schläfst doch wenigstens diese Nacht ...«

Die Verbindung riss ab, nachdem die letzte Münze verbraucht war.

DER BEWÄHRUNGSHELFER, dem er zugeteilt war, hätte ein Bruder des stellvertretenden Anstaltsleiters von Malldorf sein können. Ein mürrischer Behördenangestellter, um die fünfzig, mit ergrautem Haar, überarbeitet, unbeteiligt. Draußen an der Tür hing eine Karte mit seinem Namen und einem Kürzel, das den Dienstgrad angeben sollte. Schalow verstand die Bedeutung dieser Abkürzung nicht. Es war ihm auch vollkommen gleichgültig, ob der Mann nun Ober- oder sonst ein Inspektor oder Amtmann oder was auch immer war. Velten war ein berufsmäßiger Bewährungshelfer, ein Sozialarbeiter, Angestellter des Kreises.

Schalows Mitgefangene, die bereits über Erfahrungen mit Bewährungshelfern verfügten, bevorzugten die Berufsmäßigen. Die hatten, so lautete ihre einhellige Meinung, so viel zu tun, dass sie sich um einen einzelnen Schützling nicht übermäßig viel kümmern konnten.

Auch Ernst Schalow legte keinen gesteigerten Wert auf eine intensive Betreuung.

»Warten Sie draußen!«, sagte Velten etwas schärfer, als es nötig gewesen wäre.

Schalow zog seinen Kopf wieder aus dem Türspalt und schloss die Tür. Leise und behutsam. Er ärgerte sich im nächsten Moment darüber. An der Tür klebte ein rotes Stoppschild mit einer durchgestrichenen Zigarette.

Im Knast hatte er das Rauchen wieder angefangen, aber er hatte gelernt, die Sucht zu zähmen. Heute würde er erst nach dem Abendessen rauchen. Oder auch vorher, wenn er mit seinem Vater das erste Bier trank.

Wenn er Zigaretten bei sich gehabt hätte, hätte er sich jetzt jedoch eine angesteckt, um Velten die Bude zu verqualmen.

Velten holte ihn nach vier Minuten herein. Schalow gab ihm den Entlassungsschein. Der Bewährungshelfer deutete auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches, und Schalow nahm Platz. Velten ließ sich in einen bequemen Drehstuhl fallen, der leise quietschte, als er seinen Hintern hin und her bewegte.

Velten trug eine dicke Brille. Seine Lippen bewegten sich beim Lesen. Schließlich hob er den Kopf und äugte sein Gegenüber an.

»Ja, ich habe Ihre Akte gelesen, Schalow ...«

»Herr Schalow«, sagte Schalow. Sein flaches Gesicht mit der kleinen Nase und den geraden Lippen war hart und angespannt. Drei Jahre hatte er die Faust in der Tasche gelassen. Jetzt war er draußen. Wenn er hier auf seinem Recht bestand, konnten sie ihn deshalb nicht gleich wieder einlochen.

»Wie Sie wollen, Herr Schalow.« Velten bemühte sich, das Wort Herr nicht zu sehr zu betonen. Er lächelte dünn, aber seine Augen glitzerten. »Ich denke, wir werden miteinander auskommen. Ich betreue mehrere entlassene Gefangene, und den meisten habe ich ganz gut helfen können. Es liegt aber an Ihnen.«

»Natürlich.«

Immer lag es nur an ihm selbst. Er hätte nur die Namen seiner Komplizen zu nennen brauchen, dann hätte man über Hafterleichterungen reden können. Er sollte sich bescheiden aufführen, dann würde er während seines Aufenthalts in der JVA keine Schwierigkeiten bekommen. Immer lag es an ihm.

An wem sonst?

Sie hatten ihn verhaftet und auf die Rolle genommen. Aber es lag an ihm.

»Ja, da brauchen Sie gar nicht so ironisch zu reagieren. Ich habe auch Erfahrung mit Intelligenztätern, wie Sie einer sind.« Velten lehnte sich zurück. Sein beachtlicher Bauch stieß gegen die Schreibtischkante. Er rückte an seiner Brille.

»Ich bin weder ein Täter noch bin ich sonderlich intelligent«, sagte Schalow.

»Sie sind Ingenieur. Das ist doch was.«

»Einseitige Begabung. Dafür kann ich nicht einmal einen vernünftigen Brief schreiben oder eine formell richtige Eingabe an eine Behörde verfassen.«

Velten nickte jovial. Schalow gab eine Schwäche zu, das gefiel dem Beamten. Er klappte eine Mappe auf. Sie enthielt Schalows Akten. Das Urteil, die Beurteilung durch das Justizvollzugsamt über sein Verhalten während der Haft und das Protokoll des Gerichts über die Maßnahmen, die zu seiner vorzeitigen Entlassung geführt hatten. Und eine Aufzählung der Auflagen.

»Sie haben Ihre Täterschaft ja stets geleugnet«, bemerkte der Bewährungshelfer sinnend.

»Nein«, sagte Schalow.

»Was, nein?«

»Ich habe meine Täterschaft nie geleugnet.«

Veltens Kopf ruckte in die Höhe. Missbilligend starrte er Schalow an. Sein Hals rötete sich. »Aber hier steht ...«

»Ich konnte die Täterschaft oder Mittäterschaft, wenn sie sich schon auf die Protokolle in meiner Akte beziehen, weder leugnen noch zugeben. Ich hatte mit der Sache nichts zu tun.«

»Noch ein Justizirrtum«, seufzte der Bewährungshelfer.

»Ja, noch einer.«

»Was werden Sie jetzt tun? Auf die Barrikaden steigen? Ihre Unschuld beweisen?«

»Nichts dergleichen. Ich suche mir einen Job.«

»Das nenne ich vernünftig, Herr Schalow.« Eifrig wippte Velten nach vorn und durchstöberte den Inhalt eines Briefkorbes. »Ich habe mit dem Personalchef des Kraftwerkes Weilersdorf gesprochen. Er hat schon manchen meiner Schützlinge genommen. In Ihrem Fall hatte ich einige Schwierigkeiten, aber die konnte ich ausräumen.«

»Schwierigkeiten? Wieso? Ich habe auf Weilersdorf meine Lehre gemacht und dort als Elektriker gearbeitet.«

»Eben, das ist es ja. Sie haben auf Weilersdorf gelernt, dann haben Sie dort ein Jahr als Elektriker gearbeitet, ehe sie kündigten, um die Ingenieurschule zu besuchen. Sie haben das Examen mit gut bestanden, aber Sie haben keine Berufserfahrung als Ingenieur. Sie sind jetzt mit ...« Papier raschelte, »sechsundzwanzig auch schon recht alt für einen Berufsanfänger. Leider haben Sie ja auch ein Jahr ...« Velten suchte nach dem richtigen Wort, wobei er sichtlich Schwierigkeiten hatte.

»Herumgegammelt«, half ihm Schalow.

»Das haben Sie gesagt. Aber es trifft den Kern.«

In der Tat traf es den Kern. Er hatte dreieinhalb Jahre studiert. Geschuftet. Sich nichts gegönnt. Bevor der Ernst des Lebens begann und der Trott ihn gefangen nahm, hatte er sich noch einmal umsehen wollen. Er war durch England getrampt, hatte in Südfrankreich als Pferdebursche und Fremdenführer gearbeitet und schließlich einen halben Winter in der Türkei und die andere Hälfte in Griechenland verbracht. Er wollte keinen Tag dieses vergammelten Jahres missen.

»Also, Herr Schalow, Sie können auf Weilersdorf wieder als Elektriker anfangen. Mehr war für den Anfang nicht drin. Sie können den Job ablehnen, und ich würde Ihnen sogar helfen, eine passendere Stelle zu finden, aber wenn ich Ihnen raten darf, fangen Sie erst mal an. Sie können bei Ihren Eltern wohnen. Und zusehen, dass Sie Boden unter die Füße bekommen. Und dann bewerben Sie sich als Ingenieur. Ich werde für Sie bürgen. Nun, wie ist es?«

Die vergrößerten Augen hinter den Brillengläsern glotzten fragend. Schalow überlegte. Das kam alles so plötzlich. Er hatte sich erst einmal umsehen wollen. Ein paar Tage vielleicht. Monika treffen.

Monika.

Sein Herz zog sich zusammen.

»Nun?«, mahnte Velten.

»Wann soll ich anfangen?«

»Ich sagte es doch schon, möglichst bald. Ich habe dem Personalleiter gesagt, dass Sie am Mittwoch anfangen können. Er heißt Siebert. Ich glaube, Sie kennen ihn noch.«

Mittwoch. Das war übermorgen. Nun gut. Welche Rolle spielte es schon!

»In Ordnung«, sagte er.

Und dann: »Danke.«

»Nichts zu danken, Herr Schalow.« Velten wirkte erleichtert. Wahrscheinlich hatte er größere Schwierigkeiten erwartet. Schalow fragte sich, ob er nicht viel zu bescheiden und unterwürfig auftrat. Wahrscheinlich brauchte er längst nicht alles hinzunehmen.

Er würde dran denken.

Als er das Kreisgebäude verließ, war der braune Granada wieder da.

SCHALOW FUHR NACH KÖLN. Der Koffer wurde ihm langsam lästig, aber er wusste nicht, wo er ihn lassen sollte.

Er stieg einmal falsch um und kam am Rudolfplatz raus. Er nahm die erste Straßenbahn, die zum Ebertplatz fuhr. An der Christophstraße stieg er aus und ging das Stück bis zur Einmündung der Von-Werth-Straße in den Hansaring zu Fuß.

Die Ecke hatte sich seit damals nur wenig verändert. Gerts Kneipe war noch da. Schalow sah an der schmutzig grauen Fassade eines älteren Mietshauses hinauf.

Im vierten Stock wohnte Monika.

Monika.

Er hatte sie kennengelernt, nachdem er aus Griechenland zurückgekommen war. Er sollte in zwei Monaten eine gute Stellung in Deutz antreten, und so hatte er für sein letztes Geld, das er zusammenkratzen konnte, einen Wagen gekauft. Autos waren seine Leidenschaft. Er war auf einen gebrauchten, aber sehr gut erhaltenen BMW 2002 ti verfallen, der billig war, weil er gut einhundertfünfzigtausend Kilometer auf dem Tacho hatte. Schalow hatte ihn selbst ein wenig aufgemotzt. In der Werkstatt des Händlers, der ihm dafür sogar Werkzeug und eine Bühne überlassen hatte.

Bei ihm hatte es sofort eingeschlagen, bei Monika nur etwas später. Sie waren sich sehr schnell sehr nahegekommen, und sie hatten eine sehr schöne Zeit miteinander verlebt.

Drei Jahre hatte er von seiner Zeit mit Monika zehren müssen.

In den drei Jahren war Monikas Bild immer blasser geworden, bis er sich nur noch an ihr volles schwarzes Haar, die grün schillernden Augen und die kleinen Brüste erinnern konnte. Doch an die Stelle der bildhaften Erinnerung war etwas anderes getreten. Das schmerzende Wissen um leidenschaftliche Umarmungen, an eine bedingungslose Hingabe, wie er sie vorher noch nie erlebt hatte. Sie hatten viel Zeit füreinander gehabt, weil er noch nicht arbeitete und Monika manchmal ganze Tage und Nächte bei ihm verbringen konnte. Ihr Mann war viel verreist.

Schalow betrat Gerts Kneipe. Er bewegte sich unsicher. Gesichter wandten sich ihm zu. Damals hatte er hier manchmal auf Monika gewartet. Darauf, dass sie aus dem Eingang gegenüber trat und rechts in den Ring einbog. Dann war sie am Hansaplatz in seinen Wagen gestiegen und hatte gewartet, bis er kam.

Schalow kannte keins der Gesichter. Nur der Mann hinter der Theke war damals schon dort gewesen. Seinen Namen hatte er vergessen.

Er drängte sich hinter das kurze Ende der Theke, stellte den Koffer an die Wand und setzte sich auf einen freien Hocker.

Er bestellte Mineralwasser und sah nach draußen. Die zurückgezogene Haustür lag in seinem Blickfeld. Er würde Monika sofort erkennen. Nachmittags bummelte sie gern herum.

Als er nach links sah, zuckte er zusammen.

Gerade rumpelte der braune Granada auf den Gehsteig vor einem Hotel. Hastig trank Schalow, ohne den Wagen aus den Augen zu lassen.

Die hintere rechte Tür sprang auf, und zwei kurze Beine schwangen heraus, hingen einen Moment in der Luft, ehe die kleinen Füße das Pflaster berührten.

Der Mann, der sich jetzt aus dem Wagen schob, war klein und dick. Das schüttere Haar bedeckte die rosige Kopfhaut nur unzureichend. Der Mann sagte etwas zu dem Burschen am Steuer, ehe er die Tür zuwarf und sich umwandte.

Mit eiligen kurzen Schritten kam er auf die Tür der Kneipe zu. Für einen Moment entschwand er Schalows Blicken, dann betrat er das Lokal.

Er sah sich rasch um, streifte Schalow mit einem schnellen, abschätzenden Blick, ehe er seine Augen weiterwandern ließ und das andere Ende des Tresens ansteuerte. Dort stellte er einen seiner kleinen Füße auf die Trittstange und hielt sich am Handlauf fest, als ob er befürchtete, nach hinten überzuschlagen.

Er hatte runde Augen, die seltsam nackt wirkten und dunkel glänzten wie nasse Steine. Der hellgraue Anzug saß etwas knapp. Das Jackett war über dem kugelrunden Bauch zugeknöpft. Schalow konnte nicht ausmachen, ob der Dicke eine Pistole am Gürtel trug. Unter der Achsel bestimmt nicht, dafür spannte das Jackett zu sehr.

Der Dicke bestellte ein kleines Kölsch. Als der Barmann das Glas vor ihn hinstellte, rührte er es nicht an. Schalow kam es so vor, als musterte er jeden einzelnen Anwesenden. Als ob er sich die Gesichter ins Hirn brennen wollte, um sie später mit Fotos vergleichen zu können.

Schalows Herz pochte hart. Er kaufte eine Packung Zigaretten und zündete eine an. Das Herzklopfen blieb.

Monika kam nicht. Und wenn sie kam, würde er sie nicht ansprechen. Nicht, solange er den Dicken im Nacken hatte. Monika hatte mit der Sache nichts zu tun. Sie hätte ihm nicht einmal ein Alibi geben können. Deshalb hatte er sie damals nicht mit hineingezogen, und er würde auch nicht nachträglich die Geier auf sie loslassen. Es würde niemandem nützen und ihr nur schaden. Ihr Mann war zumindest wohlhabend, und er, Schalow, konnte ihr nichts bieten. Damals nicht, und heute schon gar nicht.

Es war jetzt halb sechs. Wenn er rechtzeitig bei seinen Eltern in Huckerath sein wollte, musste er spätestens gegen sechs hier raus.

Der kleine Dicke leerte sein Glas, bezahlte und verließ die Kneipe. Schalow sah ihm nach, bis er wieder in den Granada stieg. Der Wagen blieb vor dem Hotel stehen. Als stumme Drohung.

Um Viertel vor sechs bezahlte Schalow ebenfalls. Er ging zum Ring, wo er eine Telefonzelle betrat. Er suchte die Nummer heraus und steckte zwei Groschen in den Apparat. Der braune Granada glitt vorbei. Schalow stellte sich so, dass von außen nicht zu erkennen war, welche Nummer er wählte. Das Telefonverzeichnis klappte er wieder zu.

Nach dem zweiten Aufläuten wurde abgehoben.

»Ja, Heikaus!«, meldete sich eine barsche Stimme.

Monikas Mann!

Hastig legte Schalow den Hörer zurück. Er nahm seinen Koffer und verließ die Kabine. Der Granada wartete ein Stück weiter im Halteverbot. Schalow konnte das Gesicht des kleinen Dicken erkennen, der aus dem Rückfenster blickte.

Schalow ging zu Fuß zum Hauptbahnhof, wobei er Einbahnstraßen benutzte. In der verkehrten Richtung.

Den Granada sah er nicht mehr.

SEIN VATER VERMOCHTE so etwas wie Wiedersehensfreude nicht einmal zu heucheln.

Steif saß er am Esstisch und aß sein Brot, wie er es immer tat. Seinen Sohn hatte er zweimal im Jahr besucht, insgesamt also sechsmal. Und das vermutlich auch nur, weil Ernsts Mutter darauf bestanden hatte.

»Du willst also wieder auf Weilersdorf anfangen«, sagte er endlich. Er öffnete eine Flasche Bier und goss die Gläser voll, wodurch er es vermeiden konnte, seinen Sohn anzusehen.

»Ja. Als Elektriker. Vorübergehend«, antwortete Ernst, dem die zähen Wortwechsel auf die Nerven gingen. Seine Mutter eilte emsig hin und her, lächelte ihrem Sohn zu, drückte seine Schulter.

»Die brauchen keine Ingenieure«, stellte Wilhelm Schalow fest. »Jedenfalls keine, wie du einer bist. Keine Schmalspuringenieure. Jünkerath, das ist der Betriebsratsvorsitzende in der Grube, weißt du, der sagt, dass die auf dem Kraftwerk nur noch Diplomierte einstellen. Die treten sich schon gegenseitig auf die Füße und nehmen sogar schon den Meistern die Arbeit weg.«

»Da sind die selbst schuld. Ich bleibe auch nicht auf dem Kraftwerk. Ich versuche es in Köln. Im Schaltschrankbau, oder in der Klimatechnik. Mal sehen.«

»In Köln? Ja, willst du denn jeden Tag nach Köln fahren?«

»Nein.« Jetzt war es Ernst, der nach dem Glas griff, um seine Verlegenheit und Unsicherheit zu überspielen.

Seine Mutter schwirrte umher. Warnend sah sie Ernst an, dann lachte sie nervös. »Er will nicht bei uns bleiben«, sagte sie.

»Warum nicht? Was gefällt dir hier nicht? Ich kann ja verstehen, dass du nicht jeden Tag nach Köln fahren willst. Aber hier draußen kannst du billiger leben. Und außerdem ... darfst du denn überhaupt nach Köln ziehen? Ich meine ...«Er verstummte und sah hilfesuchend seine Frau an.

»Ich darf, Vater. Ich darf mich nur nicht mit meinen ehemaligen Komplizen treffen.«

Ernst leerte sein Bierglas. Er ignorierte die beunruhigten Blicke seiner Mutter. Sie tat ihm leid. Sie würde es ausbaden müssen, wenn er seinen aufgestauten Aggressionen nachgab.

Das Gesicht seines Vaters lief rot an. »Du hast es gerade nötig, dich über uns lustig zu machen! Ein wenig Bescheidenheit stünde dir gut an!«

»Wieso? Jetzt sag bloß, nach allem, was du für mich getan hast!« Ernst spürte, wie sich die Wut in seinem Magen zu einem Klumpen verdichtete. Er wusste, dass er jetzt ungerecht sein würde. Sein Vater trug genauso wenig Schuld an dem Geschehen wie er, Ernst Schalow, selbst. Aber drei Jahre lang hatte er dem Zorn keine Chance geben dürfen.

»Ja, nach allem, was wir für dich getan haben ...«

»Vom ersten Lehrjahr an habe ich Geld abgegeben. Danach habe ich ein Jahr lang gut verdient, ehe ich zum Bund musste. Mein Studium habe ich mit BAföG und Ferienarbeit finanziert. Davon habe ich sogar noch sparen können. Seit ich siebzehn war, habe ich dich keinen Pfennig mehr gekostet.«

»Du darfst das alles nicht so materiell sehen.«

»Wie denn?«

»Du musst wissen, dass wir viel durchgemacht haben deinetwegen. Wir leben nun einmal auf dem Dorf. Du warst das Tagesgespräch. Ein Terrorist in Huckerath ...«

Ernst wurde blass. »Da hatte ich doch schon 'ne Ewigkeit in Köln gelebt«, stieß er gepresst hervor.

»Aber hier haben die Reporter herumgelungert! Die Polizei hat mein Haus durchsucht!« Wilhelm Schalow richtete sich kerzengerade auf. Seine Augen blickten starr.

»Ich habe euch immer gesagt, ich habe ...«

»Kein Rauch ohne Feuer«, unterbrach Wilhelm Schalow bedächtig seinen Sohn. »So denken die Leute hier eben. Und ich kann's ihnen nicht einmal verübeln.«

»Du bist wie sie. Du glaubst mir nicht.«

»Die Polizei hat eine Pistole bei dir gefunden. Wieso hattest du eine Pistole, wenn du nichts mit diesen Verbrechern zu tun hattest?«

Der Klumpen in Ernsts Magen löste sich langsam auf und machte einem Gefühl hilfloser Bitterkeit Platz.

»Die habe ich in Griechenland gekauft. Für wenig Geld. Ich konnte eben nicht widerstehen. Das habe ich alles erklärt.«

»Ja, du hast so vieles zu erklären gewusst, aber längst nicht alles. Auch dieser ... dieser Wissmeyer ...«

»Gerd.«

»Wie bitte?«

»Er heißt Gerd. Du hast ihn immer Gerd genannt.«

»Also, auch dieser ... Gerd war ein paarmal hier und hat versucht, gut Wetter für dich zu machen. Er war dein Freund. Nun schön, sein Verhalten spricht für ihn. Aber woher sollen wir, deine Mutter und ich, wissen, was wahr ist? Die Zeitungen schrieben über dich. Es waren schlimme Sachen. Weiß Gott, sehr schlimme waren dabei. Ich hatte eine verdammt schwere Zeit auch in der Kolonne.« Wilhelm Schalow nickte bekräftigend.

»Die Berichte in den Zeitungen waren gelogen. Jedenfalls die, auf die du jetzt anspielst.«

»Aber es stand da. Es hieß, du seist in einem Palästinenserlager gewesen, wo man dich zum Guerilla ausgebildet habe.« Wilhelm Schalow sah seinen Sohn an. »Den Bericht hat mir der Meister unter die Nase gerieben, und ich habe gesagt, das ist nicht wahr, das kann nicht wahr sein.«

»Ich konnte nachweisen, dass ich nie im Libanon war oder wo immer sich das Lager befunden haben soll«, entgegnete Ernst müde. »Das haben sogar die vom Verfassungsschutz zugeben müssen. Auch in Jugoslawien habe ich mich nicht mit internationalen Terroristen getroffen, wie es einmal hieß. Ich bin nur durchgefahren. Aber lassen wir das, es ist vergangen.«

Es war nicht vergangen.

Der braune Granada bewies, dass die drei Jahre nichts bedeuteten für sie. Und andere würden sich vielleicht auch an seine Fersen heften. Sein Anwalt hatte ihn gewarnt. Von der Beute war bisher keine Mark wieder aufgetaucht.

Auch sein Vater gab noch nicht auf.

»Das Gericht hat dich für schuldig befunden«, sagte er störrisch.

»Das Gericht! Das Gericht! Vater, die Justiz ist Bestandteil dieses Systems! Sie bedeutet eine ständige Drohung, sie ist ein Mittel der Repression ...« Mein Gott, dachte er betroffen, jetzt rede ich wie sie, wie einer von denen, für die ich gehalten werde. Am nachdenklichen Blick in den Augen seines Vaters erkannte er, dass er dasselbe dachte.

Steif sagte Wilhelm Schalow: »Als du schon längst verurteilt warst, kamen diese Männer immer noch. Ich weiß nicht, wer sie waren.«

»Verfassungsschutz, Vater. Sie waren auch ein paarmal bei mir. Haben versucht, mich umzudrehen. Ich sollte meine Komplizen nennen. Sie würden mich schon vor deren Rache schützen und dafür sorgen, dass ich ein neues Leben irgendwo anders anfangen könnte. Sie wollten mir sogar Geld geben.«

»Und? Hast du ihnen ...«

Ernst sprang auf. Die Bierflasche kippte um.

»Ja, verstehst du mich denn nie, Vater? Rede ich denn immer an dir vorbei? Ich habe gesagt, dass ich mit der Sache nichts zu tun hatte! Ich weiß nicht, wie ich da hineingeraten bin! Es war blinder Zufall! Gottverdammter blinder Zufall!«

Ernst wandte sich um und stürmte hinaus. Er war dabei, seine Fassung zu verlieren.

Er ging durch den Garten. Allein. Der Rasen war sauber geschnitten. Die beiden Apfelbäume und die Kirschbäume hingen voller kleiner grüner Früchte.

Er drehte sich nicht um, als er die Schritte seines Vaters hörte. Schweigend gingen sie nebeneinanderher.

»Entschuldige«, sagte Wilhelm Schalow endlich. »Ich werde nicht mehr darüber sprechen. Aber du musst wissen, dass ich dich den Nachbarn und meinen Kollegen gegenüber immer in Schutz genommen habe.«

»Ja, ja.« Du kannst nichts dafür, du bist nun mal so, dachte er. Laut fuhr er fort: »Du hast eben von Gerd gesprochen. Weißt du, wo er jetzt wohnt?«

Gerd Wissmeyer und Beate Duven hatten ihn am Anfang zweimal in der JVA besucht. Da hatten sie dann über Verschiedenes gesprochen. Über Heuchelei und darüber, dass der Kontakt mit Freunden ihm manches noch schwerer machte. Sie hatten versprochen, Freunde zu bleiben, bedingungslos, aber sie wollten einander nicht sehen und sich auch nicht schreiben. Sie hatten sich daran gehalten.

»In Köln wohnt er, nehme ich an.«

»Nein.«

»Weißt du denn, ob sie verheiratet sind? Gerd und Beate, meine ich.«

»Die heiraten doch nicht! Das sind doch so welche, die ...« Wilhelm Schalow bemerkte gerade noch rechtzeitig den Blick seines Sohnes, um den Satz abzubrechen. »Deine Mutter hat dein Zimmer in Ordnung gebracht. Sie hat sich so auf deine Rückkehr gefreut.«

»Ich weiß. Aber morgen suche ich mir ein Zimmer.«

»Morgen schon? Aber ich dachte, du wolltest erst ausziehen, wenn du die Stelle in Köln gefunden hast.«

»Ich suche mir ein Zimmer in der Nähe. Vielleicht in Oberaußem. Dann habe ich es näher zur Arbeit.«

»Ist es wegen eben? Wegen mir, meine ich?«

»Nein. Jedenfalls nicht nur. Ich muss mein Leben endlich selbst bestimmen können.«

»Du musst es wissen, Junge. Nur ...« Er sah zu Boden und suchte nach Worten.

»Ja? Was denn?«

»Mach keine Dummheiten mehr, verstehst du?«

»Keine Sorge, Vater. Kann ich morgen deinen Wagen haben? Ich bringe dich zur Schicht und hole dich wieder ab.«

»Nicht nötig. Ich kann mit einem Kollegen fahren. Du kannst ihn gern haben, bestimmt.«

Ernst sah seinen Vater an. Stumm betrachtete er das Gesicht. Es war faltig und streng. Er ist alt geworden, dachte Ernst. Er sah es an den müden Augen. Oder er sah es deshalb, weil sein Vater ein Fremder für ihn war.

2

Schalow vermisste den braunen Granada, als er am nächsten Morgen nach Köln fuhr. Er sah in den Rückspiegel, bis er auf der Autobahn war, aber er konnte keinen Verfolger ausmachen.

Der Audi seines Vaters war jetzt fünf Jahre alt und sauber gepflegt wie alles, was sein Vater besaß. Aber die Maschine war ziemlich lahm, was kein Wunder war. Sein Vater benutzte den Wagen fast nur, um damit zur Arbeit zu fahren. Drei Kilometer hin, drei Kilometer zurück. Der Motor war kaum einmal richtig warm geworden.

Schalow schaltete in den dritten Gang zurück und jubelte die Maschine ein paarmal richtig hoch, bis er die schwarze Abgaswolke durch den Rückspiegel sah.

Die Autobahn war um diese Zeit ziemlich leer. Er konnte also mit der Geschwindigkeit rauf und runter gehen, um das Triebwerk wieder auf Leistung zu trimmen.

Allerdings fragte er sich, warum er das tat. Wenn er Zeit hatte, würde er heute Nachmittag noch ein Zimmer suchen. An einen eigenen Wagen konnte er nicht denken. Mit dem Entlassungsgeld und dem Guthaben auf dem Sparkonto kam er gerade auf tausend Mark. Die würde er brauchen, um sich neu einzukleiden und sich bis zur ersten Lohnzahlung über Wasser zu halten.

Aber umsehen konnte er sich trotzdem. Vielleicht konnte er samstags auf einer Tankstelle aushelfen und dort während seiner Freizeit irgendeine abgewrackte Kiste wieder aufmöbeln. Das hatte er schon einmal so gemacht.

In Lövenich fuhr Schalow von der Autobahn und fuhr über die Aachener Straße stadteinwärts. Bereits in Höhe des neuen Sparkassenbaus fiel ihm der blaue Opel auf, der ebenfalls von der Autobahn gekommen war und jetzt näher aufschloss. Schalow sah einen hageren Mann am Steuer und einen zweiten im Fond.

Der Mann im Fond war der kleine Dicke.

Schalows Hände umklammerten das Lenkrad, bis sich die Haut über den Knöcheln weiß spannte.

Der Opel fuhr jetzt fast gleichauf in der Nebenspur. Der Dicke befürchtete wohl, Schalow könnte ihn im Stadtverkehr abhängen.

Ernst Schalow schob grimmig das Kinn vor. Natürlich konnte er die Knilche im Opel abhängen, selbst mit dem lahmen Audi seines Vaters, da würde den Kerlen nicht einmal das Autotelefon etwas nützen. Aber zuerst musste er herausfinden, ob sie ihn reinzulegen versuchten. Während der blaue Opel auffällig an seiner Stelle klebte, schwamm vielleicht weiter hinten ein unauffälliger Volkswagen im Strom.

Der Verdacht blieb gegenstandslos, oder sie stellten es sehr raffiniert an. Aber Schalow wollte nicht länger warten.

Er fuhr auf den Parkplatz in der Nähe der Radrennbahn und hielt unmittelbar vor einer Telefonzelle. Der Fahrer des Opel musste hart auf die Bremse steigen und die Fahrzeuge in der rechten Spur schneiden. Er fegte über den Platz und hielt dann an. Die Gesichter der Insassen konnte Schalow hinter der spiegelnden Frontscheibe nicht ausmachen. Sie gaben sich jedoch keine sonderliche Mühe, ihn unauffällig zu beschatten. Was bezweckten sie damit, fragte sich Schalow unbehaglich. Wenn sie ihn nervös machen wollten, so hatten sie sogar Erfolg damit.

Er betrat die Zelle, und wieder rief er den Anschluss Heikaus an. Er hatte die Nummer jetzt im Kopf und brauchte sie nicht noch einmal nachzuschlagen. Sein Mund war trocken, und sein Herz hämmerte wieder.

Monika, dachte er. Monika. Wie würde sie reagieren, wenn sie seine Stimme hörte? Sie war etwas älter als er, zwei Jahre. Sie hatten eine schöne Zeit miteinander gehabt. Aber sicher hatte sie ihn längst vergessen.

Aber er wollte sie wiedersehen. Sie war die letzte Frau, mit der er zusammen gewesen war. Sie war so schön und so leidenschaftlich. Sie vermochte sich ganz zu geben. Er spürte, wie er erregt wurde.

Das Rufzeichen schnarrte endlos. Er wollte schon auflegen, als am anderen Ende doch noch abgehoben wurde. Schalow hörte ein Grunzen, dann eine verschlafene männliche Stimme.

»Hallo? Wie spät ist es, verdammt?«

Heikaus!

Es war halb zehn. Wieso war Heikaus zu Hause? Schalow wollte einfach abhängen, aber dann überlegte er es sich anders.

»Wer ist da? Herr Schulz?«

»Nein, verdammt!«, sagte Heikaus ärgerlich. »Passen Sie doch auf, welche Nummer Sie wählen!« Es klickte.

Schalow stieg in den Audi. Er fuhr zur Aachener Straße zurück, wartete auf eine passende Lücke, wobei er die Linksabbieger-Ampel vor der Hubertus Brauerei beobachtete. Der Opel stand genau hinter ihm.

Die Ampel sprang auf Grün. Schalow wartete noch. Die Ampel für den Geradeaus-Verkehr stand auf Rot, der Rückstau baute sich schnell auf.

Schalow trat das Gas durch. Vor der Schnauze eines Mercedes her wischte er auf die linke Straßenseite hinüber. Bei Gelb rutschte er um die Ecke in den Lövenicher Weg.

Hinter ihm gellten Hupen. Der Opel konnte nicht an dem Mercedes vorbei.

Schalow grinste.

Er kam glatt über den Militärring, und als er die Vitalisstraße erreichte und keine Spur vom blauen Opel sah, war er ziemlich sicher, dass er den kleinen Dicken abgehängt hatte.

Mit überhöhter Geschwindigkeit jagte er die Widdersdorfer Straße hinunter. Würde es Auswirkungen auf seine Bewährung haben, wenn er bei einer Übertretung im Straßenverkehr erwischt wurde? Er glaubte es nicht.

Er bog in den Melatengürtel ein und dann in die Vogelsanger Straße. Am Fröbelplatz fand er eine Parklücke.

Er ging durch die Rothehausstraße zur Venloer Straße.

In der Imbissstube eines Kaufhauses aß er ein zähes Brötchen und trank Kaffee dazu, der noch schlechter schmeckte als das Zeug, das man im Knast als Kaffee bezeichnete.

Dabei schielte er dauernd zum Telefon an der Wand.

Konnte er es noch einmal riskieren, Monikas Nummer zu wählen?

Warum ging sie nicht an den Apparat? Und wieso war Heikaus in der Wohnung? Die meisten Menschen arbeiteten um diese Zeit.

Heikaus war nicht wie die meisten, das wusste Schalow. Aber was wusste er konkret von Monikas Mann? Er hatte sie nie gefragt, er hatte versucht, ihn aus seinen Gedanken zu verbannen; so hatte ihn das wenige, das Monika ihm erzählte, nicht interessiert.

Heikaus war älter als sie. Wesentlich älter sogar. Und er hatte Geld. Einmal hatte Monika gesagt, er kassiere Mieten. Er besaß auch ein Haus in der Eifel, in dem er sich gelegentlich mit Geschäftsfreunden traf.

Schalow spülte den Rest des Brötchens mit dem schlammigen Kaffee hinunter, dann steckte er seinen Kopf unter die schallschluckende Telefonhaube und blätterte das Verzeichnis durch.

Heikaus, Hans J., Straße und Telefonnummer, aber keine Berufsbezeichnung.

Schalow schlenderte über die Venloer Straße. Wie oft hatte er sich vorzustellen versucht, wie es sein würde, an den Schaufenstern vorbeizuschlendern, in eine Kneipe zu gehen, zu trödeln.

Jetzt fühlte er sich viel zu gespannt, um Zerstreuungen solcher Art genießen zu können.

Weil die Kerle in dem braunen Granada oder dem blauen Opel hinter ihm her waren? Damit hatte er rechnen müssen.

Unwillkürlich sah er sich um und musterte die Wagen, die langsam vorbeirollten. Er blieb stehen, und als er angerempelt wurde, trat er in den zurückliegenden Eingang eines Ladens. Er blickte die Straße hinunter.

Irgendwo da unten an der Inneren Kanalstraße hatten die doch ihr Hauptquartier. Was würde geschehen, wenn er einfach zu denen hineinmarschierte und ihnen die Meinung sagte?

»Lasst mich in Ruhe, ich habe nichts mit euren verdammten Staatsfeinden zu tun. Wenn ich einer werden sollte, seid ihr selber schuld.«

Er wollte nur leben und so bald wie möglich vergessen, was ihm widerfahren war.

Sie würden ihn nicht einmal anhören. Sie würden so tun, als hätten sie seinen Namen nie gehört. Verdammter Mist.

Wenn er doch wenigstens Monika sehen könnte.

Monika. Sein Herz krampfte sich zusammen, und er fühlte sich krank vor Sehnsucht und Verlangen nach ihrem biegsamen Körper.

Er sah den Mädchen entgegen. Sie trugen leichte, frühlingshafte Kleider. Büstenhalter schienen in den letzten drei Jahren ganz aus der Mode gekommen zu sein. Ein junges Ding bemerkte sein Interesse, und er wich ihrem Blick aus, als hätte sie ihn bei etwas Verbotenem ertappt. Doch sie lächelte keck, als sie vorbeiging. Schalow sah ihr nach, und er wurde mit einem aufregenden Blick auf ihr straffes Hinterteil belohnt.

Langsam ging er zum Fröbelplatz zurück. Hier hatte er gewohnt, bevor er verhaftet wurde. Er sah zu den Fenstern im dritten Stock hinauf. Die Gardinen schienen noch dieselben zu sein, nur waren sie jetzt grau. Als er da oben wohnte, hatte Monika die Gardinen einmal für ihn gewaschen.

Monika, Monika.

Eine ganze Woche hatten sie zusammen in der Wohnung verbracht, während ihr Mann verreist gewesen war.

Ein paar Tage später kam der Schock der Verhaftung. Er hatte Monika nie wiedergesehen. Einmal hatte sein Anwalt einen Brief von ihr mitgebracht. Sie schrieb, sie werde ihn nie vergessen und sie wünschte, etwas für ihn tun zu können. Statt einer Unterschrift hatte sie ihre Lippen unter den Brief gedrückt.

Sie hatte nichts für ihn tun können. Sie konnte ihm kein Alibi geben, weil sie um die fragliche Zeit nicht zusammen gewesen waren. Ihr Mann war seit zwei Tagen wieder zu Hause gewesen, und sie musste die treue und fürsorgliche Ehefrau spielen. Und die liebende Gattin.

O Gott!

Er setzte sich auf eine Bank.

Ob Gerd wusste, wo sie jetzt war?

Er musste sich unbedingt bei Gerd melden. Eigentlich hatte er ihn gestern schon anrufen wollen, aber da hatte er sich nach dem Gespräch mit seinem Vater so deprimiert gefühlt, dass er bald zu Bett gegangen war.

In der Telefonzelle am Fröbelplatz fand Schalow ein Telefonbuch, das ziemlich zerfleddert war, aber die Seiten mit den Namen, die mit W begannen, waren noch vorhanden und sogar lesbar.

Wissmeyer, Gerhard, Ing., Huhnsgasse.

Gerd war also umgezogen. Natürlich hatte er seine Studentenbude am Ubierring längst aufgegeben, aber er war der Gegend um den Barbarossaplatz und die Zülpicher Straße treu geblieben. Dort hatten sie sich immer wohl gefühlt. Gerd und er, Ernst Schalow. Und die Mädchen, die sie gekannt hatten. Sogar mit Monika war er durch die Studentenkneipen gezogen. Hier brauchte sie nicht zu fürchten, erkannt zu werden.

Schalow wählte die angegebene Nummer, aber niemand hob ab.

Er holte den Wagen und fuhr zum Ring. In Gerds Kneipe trank er zwei Kölsch, während er das Haus beobachtete, in dem Monika wohnte.

Aber er sah sie auch heute nicht.

Um zwei Uhr ging er in ein Kino. Schalow war immer ein Kinofan gewesen. Während der Haft hatte er die gewohnten Kinobesuche sehr vermisst. Er sah einen harten amerikanischen Film, in dem Charles Bronson einen Rächer spielte. Der Film gefiel Schalow, und für zwei Stunden vergaß er die Männer, die ihn verfolgten, und er vergaß sogar Monika.

Anschließend hatte er Hunger, und weil Gerd sich noch immer nicht meldete, als Schalow anrief, aß er etwas in einem griechischen Restaurant, das billig war und in dem es ihm ausgezeichnet schmeckte.

Als er dann kurz vor fünf erneut Gerds Nummer wählte, meldete sich der Freund sofort.

BEINAHE VERMISSTE ER jetzt seine Beschatter, als er durch den dichten Verkehr zum Barbarossaplatz fuhr. Den Audi stellte er auf dem Parkdeck von Touring Sport ab, wie Gerd es ihm geraten hatte. Zu Fuß ging er über den Ring zur Huhnsgasse.

Das Haus, in dem Gerd jetzt wohnte, war neu und ziemlich schmal. Die Fenster reichten bis zum Boden. Vor dem unteren Drittel waren Eisengitter angebracht. Im Nachbarhaus gab es eine Stehbierkneipe. Die Tür stand offen, und Schalow konnte ein paar Männer an der Theke erkennen. Wie praktisch für Gerd, dachte er.

Die Haustür war nicht verschlossen. Schalow stieß sie auf und betrat den langen Flur. Die Treppe lag im Halbdunkel. Linker Hand befand sich die graulackierte Tür des Lifts. Auf der Anzeigetafel leuchtete das rote Licht. Schalow drückte den Rufknopf und wartete.

Die Haustür wurde erneut aufgestoßen, und ein Mann betrat den Flur. Schalow sah ihm ohne Interesse entgegen. Mechanisch registrierte er, dass der andere mittelgroß und dünn war. Er trug eine schäbige Jacke und ausgebeulte Hosen.

Der Mann baute sich neben Schalow auf und wippte auf den Fußballen. Das rote Licht auf der Anzeigetafel erlosch. Die Lifttüren schnarrten zur Seite. Die Kabine war leer. Schalow machte einen Schritt vor, als er einen heftigen Stoß in den Rücken bekam.

Er stolperte und krachte mit der Schulter gegen die Rückwand der Kabine. Der dünne Kerl kam hinter ihm her. Er hatte kleine Augen. Sein Mund war zu einem dünnen Strich zusammengepresst.

Schalow wirbelte herum. Seine geballten Fäuste kamen hoch.

Der Dünne reagierte gelassen. Er schlug Schalows Rechte herab und packte dessen linken Arm. Mit einem brutalen Ruck zwang er den Arm auf den Rücken und bog ihn nach oben.

Der Schmerz in der Schulter zwang Schalow in die Knie. Schweiß bedeckte seine Stirn. Der Kerl drückte auf irgendeinen Knopf, und der Lift schwebte nach oben.

Schalow kam wieder auf die Füße. »Was soll das?«, fauchte er. Das Gesicht des Dürren tanzte vor seinen Augen. Schalow war fast einsneunzig groß. Er überragte den anderen um Kopfeslänge, aber der schien dennoch nicht den geringsten Respekt vor ihm zu haben.

»Können Sie sich das nicht denken, Schalow?« Eine Bierfahne wehte in Schalows Nase. Der Lift stoppte. Der Dünne drückte die Eins. »Haben Sie die Knaben vom Verfassungsschutz abgehängt? Oder stehen die Jungs draußen?«

»Was wollen Sie?«, knirschte Schalow.

Schon wieder wurde er herumgestoßen.

»Nicht so hastig, Freundchen. Ihr Freund da oben kann warten. Er hat lange genug auf Sie gewartet.«

»Lassen Sie meinen Freund aus dem Spiel, wenn Sie was von mir wollen!«

»Hat er das Geld für Sie verwahrt?«

Der Lift hielt im ersten Stock. Der Fremde drückte wieder einen der oberen Knöpfe.

»Welches Geld?«

Der Dünne hieb Schalow eine harte Faust in den Magen. Der Schlag kam ohne jeden Ansatz. Schalow krümmte sich zusammen. Er bekam keine Luft mehr. Keuchend und nach Atem ringend lehnte er an der Kabinenwand.

Das Gesicht des gemeinen Schlägers blähte sich auf, es wurde rot, die blassen Augen bohrten sich mitleidlos in Schalows Augen.

»Zweihundertsiebenundneunzigtausend. So viel betrug die Beute, die ihr erwischt habt. Einhunderttausend waren Tausender-Scheine. Von denen ist bisher kein einziger aufgetaucht. Die Scheine waren euch zu heiß, weil ihr einen umgelegt habt. Ich will die hundert großen Scheine, Schalow, und Sie werden sie mir besorgen.« Die Stimme klang kehlig, das Lächeln auf den dünnen Lippen war grausam und gefühllos.

Schalow schüttelte hilflos den Kopf. In seinen Eingeweiden loderte ein Feuer. »Wer sind Sie?«, fragte er dumpf. Er musste Zeit gewinnen.

»Oh, habe ich mich nicht vorgestellt? Verzeihung. Ich heiße Kucharz. Klaus Kucharz. Ich bin so etwas wie Privatdetektiv.« Der Kerl grinste verschlagen. »Leider habe ich gerade keine Besuchskarte bei mir, aber ich stehe im Telefonbuch. Mit den großen Scheinen könnt ihr gar nichts anfangen. Ich bekomme zehn Prozent Finderlohn von der Versicherung. Vielleicht gebe ich Ihnen sogar einen Tausender ab, das kommt ganz darauf an, wie schnell wir uns einig werden. Und wie viel Arbeit ich noch mit Ihnen habe.«

»Ich habe das Geld nicht«, sagte Schalow leise. Er hatte die Lider halb über die Augen fallen lassen, um seinen Hass und seinen Zorn nicht zu zeigen.

Er beobachtete die Hände des angeblichen Privatdetektivs. Noch einmal würde er sich nicht schlagen lassen.

Die Fahrt ging wieder abwärts. Schalows Gedanken rasten. Der Kerl war einer der Leichenfledderer, vor denen sein Anwalt ihn gewarnt hatte. Kucharz hatte über irgendeinen Kanal gehört, dass er, Schalow, entlassen werden sollte.

Vermutlich war er schon früher in die Sache eingestiegen. Vielleicht hatte er bereits den Prozess verfolgt. Daher wusste er auch von Gerd Wissmeyer. Der Rest war einfach. Kucharz brauchte von da an nur noch in der Kneipe nebenan zu warten, bis der angebliche Bankräuber auftauchte. Genauer gesagt, der Mann, der die Gangster gefahren haben sollte. Mit dem schnellen, hochgetrimmten BMW 2002 ti.

»Schalow, das glauben Ihnen nicht einmal die Heinis vom Verfassungsschutz, und das sind ganz ausgebuffte Jungs ...«

Das war eine Ansicht, die Schalow in keiner Weise teilte.

»Und auch mir, Klaus Kucharz, können Sie das nicht auf die Nase binden. Mich werden Sie nicht wieder los. Eines Tages werden Sie vernünftig, Schalow. Sie werden einsehen, dass Sie mit den Tausendern doch nichts anfangen können. Dann werden Sie sie mir geben.« Kucharz hob die Hand, um die Kabine wieder nach oben zu schicken.

Schalow kam ihm zuvor. Er packte die Hand und presste das Gelenk zusammen. Kucharz' Gesicht verzerrte sich. Er wollte Schalow sein Knie zwischen die Beine stoßen, aber Schalow drehte sich ab, und der Stoß ging daneben.

In diesem Moment fuhren die Türen auseinander. Im Flur warteten zwei Frauen. Schalow ließ die Hand des anderen los.

Kucharz grinste böse. »Rufen Sie mich an«, sagte er, dann verließ er den Lift.

GERD RISS DIE TÜR AUF, als Schalow klingelte.

Er machte ein betroffenes Gesicht, als er den verstörten Ausdruck in Schalows Augen bemerkte.

»Komm rein, Enno!«, sagte er herzlich.

Enno.

Sein alter Spitzname gehörte in eine andere Zeit.

Gerd nahm Schalows Hand, drückte sie. Dann legte er dem Freund einen Arm um die Schultern. Er zog ihn in die Wohnung und schloss die Tür.

»Was ist denn los? Mann, Enno, ich freue mich, dass du wieder draußen bist! Aber irgendetwas stimmt doch nicht!«

»Da war einer, der hat mir aufgelauert. Hier unten im Haus.«

»Verfassungsschutz? Das war doch zu erwarten.«

Schalow schüttelte den Kopf. »Nein. Einer, der einen Anteil von der Beute haben will. Hunderttausend.«

»Der ist ja verrückt!«, stieß Gerd hervor.

»Vielleicht. Aber ganz bestimmt ist er brutal. Ich hätte nicht herkommen dürfen.«

»Red keinen Unsinn!«, sagte Gerd scharf. »Soll ich die Polizei anrufen?«

»Was willst du denen erzählen? Der Kerl hat mir sogar seinen Namen genannt. Er steht im Telefonbuch! Ich bin überzeugt, er will die Tausender tatsächlich abgeben und zehn Prozent kassieren. Als Finderlohn oder was weiß ich.«

»Komm erst mal rein, Enno. Komm.« Gerd schob ihn in den Wohnraum.

Gerds Zwei-Zimmer-Apartment lag unter dem Dach. Die drei französischen Fenster gingen auf einen schmalen Dachgarten hinaus. Der Wohnraum war sehr individuell eingerichtet. Und sehr männlich. Offene Regale aus einfachem Kiefernholz, Felle an den Wänden, ein paar Poster. Riesige Lautsprecherboxen standen in den Ecken. Der Hi-Fi-Turm mit einer verwirrenden Anzahl von Schaltern und Instrumenten stand mitten im Raum. Auf dem Boden stapelten sich Zeitschriften.

»Setz dich erst mal. Willst du was trinken? Oder essen?«

»Ich habe gerade gegessen. Aber ein Bier trinke ich.«

Gerd holte zwei Flaschen aus der kleinen Küche. Die Gläser standen bereits auf dem Beistelltisch. Die Sessel waren mit grobem hellem Leinen bezogen und sehr bequem. Schalow seufzte, als er in einem versank.

»Zum Wohl, Enno! Und herzlich willkommen!« Gerd hob sein Glas.

Sie tranken einander zu, lächelten, schwiegen. Sie kannten sich so gut, dass es keiner geschwätzigen Konversation bedurfte, um die vergangenen Jahre zu überbrücken.

Gerd sah gut aus. Er war schlank geblieben. Seine Gesichtszüge hatten sich verändert, waren markanter geworden. Die schmale Nase wirkte kühn wie das vorspringende Kinn. Nur das blonde Haar war dünner, als er es in Erinnerung hatte. Die Wangenknochen spannten die Haut des Gesichts.

»Wann bist du rausgekommen?«, fragte Gerd nach dem zweiten Glas.

»Gestern.«

»Ich hätte dich gern abgeholt.«

»Ich weiß.«

»Wo hast du geschlafen?«

»Zu Hause«, antwortete Ernst knapper, als er es beabsichtigt hatte.

»Du kannst hier schlafen. Fühl dich wie zu Hause, auch wenn es etwas eng werden sollte. Das meine ich so, wie ich es sage.«

»Ich weiß, Gerd, danke. Aber ich werde zunächst wieder auf Weilersdorf arbeiten, bis ich einen Job als Ingenieur in Köln finde. Da ist es schon besser, wenn ich so lange in Huckerath wohne. Vielleicht nehme ich mir auch ein Zimmer in Oberaußem oder Bergheim.«

»Mein Angebot gilt auch für später.«

»Klar. Wie geht es Beate?«

Gerd lächelte. »Du kannst sie nachher selbst fragen. Es geht ihr gut, das hoffe ich jedenfalls. Ich tue, was ich kann. Wir sind immer noch zusammen. Und wir werden es wohl auch bleiben.«

»Warum heiratet ihr nicht?«

Gerd verzog das Gesicht. »Beate will nicht. Sie hat da ihre eigenen Ansichten, wie du sicher weißt.«

Ja, die kannte er. Ein halbes Jahr war er mit Beate gegangen. Zuerst hatte ihn ihre spröde, selbstbewusste Art ungemein angezogen, und er war überzeugt gewesen, dass er sie liebte. Doch dann hatte es irgendwann einen Bruch gegeben. Er konnte nicht sagen, wann er ihn bemerkt hatte, aber der Bruch war da gewesen, und beide hatten gespürt, dass etwas nicht stimmte, dass sie nicht auf derselben Wellenlänge funkten. So waren sie auseinandergegangen. Ohne Bitterkeit oder Groll.

Sie hatten sich in der anschließenden Zeit sogar oft gesehen. Im Podium oder in der Filmdose, manchmal auch bei gemeinsamen Freunden. Natürlich hatten Gerd und Beate sich gekannt, aber zuerst hatte nichts darauf hingedeutet, dass die beiden füreinander bestimmt sein könnten. Dann war Ernst Schalow auf seinen Zwölf-Monats-Trip gegangen, und als er nach Köln zurückkam, waren die beiden ein Paar gewesen. Das ideale Paar, wie es schien. Gerd hatte nur lakonisch erklärt, es habe sich eben so ergeben. Jetzt hielt die Verbindung also schon an die vier Jahre.

»Beate ist jetzt an der Realschule in Niehl«, sagte Gerd. »Im Herbst macht sie ihr Zweites Staatsexamen.«

Ernst lächelte. Beate war zäh. Sie schaffte alles, was sie wollte. Ernst nahm eine Zigarette und zündete sie an.

Gerd erzählte von seiner Arbeit.

Er arbeitete in einem Ingenieurbüro. »Wir sind vier Mann. Ich bin der Junior. Wir verkaufen elektronische Durchflussmessgeräte und Regler. Die Arbeit ist sehr interessant, in jeder Hinsicht. Ich bekomme außer dem Fixgehalt eine Provision. Ich entwickle vollkommen selbständig Problemlösungen für meine Kunden, und wenn es zum Abschluss kommt, bekomme ich einen Provisionsanteil für die Geräte, die der Kunde kauft. In ein paar Jahren mache ich mich vielleicht selbständig.« Gerd lächelte. »Ich kenne eine Menge Leute«, sagte er dann vorsichtig. »Soll ich mich mal umhören?«

Ernst hob die Schultern. Seine Miene verdüsterte sich. Er dachte an den kleinen Dicken und an den gemeinen Schweinehund, der einen Packen Tausendmarkscheine von ihm haben wollte.

»Ich weiß noch nicht, was ich machen soll. Ich hänge in der Luft.« Warum fragt er nicht nach Monika?

Gerd stand auf. »Ich ziehe mir eben etwas anderes an, dann gehen wir rüber ins Tinnef. Einverstanden? Beate kommt auch hin.«

»Ich will euch nicht stören ...«

»Enno! Red keinen Unsinn! Ich weiß nicht, wie dir zumute ist, aber ich kann mir vorstellen, dass du dich scheußlich fühlst. Du glaubst vielleicht, du gehörst nicht mehr dazu. Zur Szene, zu unserer Clique.«

»In drei Jahren verändert sich manches.«

»Ja, eine Menge. Du hast dich verändert, ich habe mich verändert. Wir sind alle nicht mehr die Alten. Die unbeschwerte Zeit ist auch für mich vorbei. Und für Beate. Aber zwischen uns beiden, Enno, hat sich doch nichts geändert.«

Schalow sah vor sich hin. Monika, dachte er.

Warum konnte er nicht einfach zu ihr gehen und sagen, hier bin ich wieder.

Gerd stand in der Tür zum Schlafraum. Er hatte sein Hemd ausgezogen.

»Ich will es mal ganz hart ausdrücken, Enno«, sagte er. »Es liegt an dir.«

Ja, es lag an ihm. Es stimmte in diesem Fall sogar. Er durfte nicht zu empfindlich sein. Davor hatte ihn der Anstaltspsychologe schon gewarnt.

»Okay«, sagte Schalow und lächelte schwach.

Gerd grinste.

3

Im Tinnef war es sehr voll, aber nicht zu laut. Sie stellten sich an die Theke und tranken langsam. Schalows Blicke wanderten immer wieder zur Tür, aber weder Kucharz noch der kleine Dicke noch sonst jemand, der verdächtig aussah, betrat den Raum.

Beate kam erst um sieben.

Sie ging auf Gerd zu, aber ihre leuchtenden Augen waren unverwandt auf Ernst gerichtet. Sie erkannte ihn sofort.

Sie drückte Gerd einen Kuss auf die Lippen, ehe sie sich Ernst zuwandte.

»Enno«, sagte sie mit einer Stimme, die leicht belegt klang. Mit den Fingerspitzen strich sie über seine Wange, ehe sie sich auf die Zehenspitzen stellte und mit den Lippen seinen Mundwinkel berührte.

Ein heißer Strom rann durch Schalows Körper bis in die Zehenspitzen, und er blieb steif stehen.

»Enno, mein Gott! Wir hatten ja keine Ahnung!«

Sie ist schön, dachte er betroffen. Schöner als damals. Ihr Gesicht war ausdrucksvoller geworden. Das aschblonde Haar trug sie im Nacken zusammengebunden. Ein rotes Band hielt die hohe klare Stirn frei und betonte den Ausdruck der Augen. Sie waren hellblau und unglaublich klar.

Sie trug khakifarbene Hosen, die um die Hüften viel zu weit waren. Gatsbyhosen nennt man die wohl, dachte Schalow. Er fand sie scheußlich, aber die locker fallende Bluse aus hellblauem Seidenstoff und die ärmellose Weste waren hübsch. Sehr hübsch und sexy. Beate trug keinen Büstenhalter. Natürlich nicht. Ernst Schalow schluckte. An Beates Hals tickte blau eine Ader.

Ihre Augen tauchten in seine. »War es schlimm?« Ihre Stimme klang immer noch belegt.

»Ja«, antwortete er.

»Wenn ihr euch genug angestarrt habt, könnt ihr mich ruhig auch wieder beachten«, meldete sich Gerd.

Sie setzten sich in eine freie Ecke. Sie unterhielten sich leise über alles Mögliche. Nur nicht über Monika.

Schließlich hielt Ernst es nicht mehr aus, und er fragte nach ihr.

»Ich habe sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen«, sagte Beate. »Du, Gerd? Hast du sie einmal getroffen?«

Gerd runzelte die Stirn, und als er antwortete, sah er Schalow an. »Ich kann mich nicht erinnern. Ich glaube nicht, dass ich sie noch einmal gesehen habe, nachdem du verhaftet wurdest. Hierher kam sie ja nur wegen dir.«

»Ich habe sie noch einmal am Neumarkt getroffen«, sagte Beate lebhaft. »Aber wann war das? Mein Gott, mein Gedächtnis! Ich besuchte das

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