Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Der Tod im Flakon: 4. Fall für Dick und Bresniak

Der Tod im Flakon: 4. Fall für Dick und Bresniak

Vorschau lesen

Der Tod im Flakon: 4. Fall für Dick und Bresniak

Länge:
311 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 28, 2017
ISBN:
9783958131057
Format:
Buch

Beschreibung

Das neue Parfüm mit dem ungewöhnlichen Namen "Frühlingsopfer" wird mit großem Aufwand präsentiert und in den Markt eingeführt. Kurz darauf heißt es, der Duft stinke in der Nachnote. Die Schauspielerin, die für die Promotion akquiriert wurde, verbreitet in der Presse, es löse bei ihr Allergien aus. Der Parfümeur und Entwickler des Bouquets tobt. Dann wird der neue Liebhaber der Firmenchefin tot aufgefunden. Wusste er zu viel? Welche Rolle spielt der vorherige Lover, der immer noch in der Firma arbeitet? Ist Rache der schwangeren Zweitfrau des momentanen Liebhabers im Spiel, die sich hintergangen fühlt? Warum war die letzte Mahlzeit des Opfers ein Kugelfisch?
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 28, 2017
ISBN:
9783958131057
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Der Tod im Flakon

Titel in dieser Serie (34)

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Verwandte Kategorien

Buchvorschau

Der Tod im Flakon - Sibyl Quinke

Chr.

1

»Frau Bucha, Frau Bucha«, klopfte es heftig an die Tür. »Frau Bucha, entschuldigen Sie, dass ich Sie störe, bitte, wachen Sie auf! Es ist etwas Schreckliches passiert!«, hörte Paula Bucha ihre Zugehfrau Emily an der Tür poltern. Es musste ernst sein, sehr ernst, denn die Morgenstunde war ihr heilig, und sie verbat sich, früh gestört zu werden. Vor 8:00 Uhr mochte sie niemanden, auch nicht Emily, in ihrem Schlaftrakt haben und schon gar nicht nach besonderen Anlässen. Und heute – das war der Tag danach, der sie immer noch gefangen hielt – erst recht nicht.

Gestern – es hatte gut angefangen. Der Wettergott war ihnen wohlgesonnen. Es war ein Frühlingstag, wie er nicht schöner hätte sein können. Der Himmel war blau, die Sonne streichelte alle, die den Weg ins Freie fanden, sowie die Gäste, die ihr Auto abgestellt hatten und zur Stadthalle strömten. Sie genossen die Luft, während sie vom Parkhaus über den Vorplatz schritten. Der ausgewählte Kreis kannte sich, man begrüßte sich. Spannung lag in der Luft. Neugierde begleitete die Gäste, die man im Majolika-Saal erwartete.

Paula war zufrieden. Die Agentur Wymers & Co hatte gut gearbeitet und alles für den großen Auftritt perfekt vorbereitet. Wenn es jemand schaffte, dann Wymers. Er, mit seinen Ideen und seinen Leuten, er war ein Garant für exzellente Ergebnisse. Seine Mitarbeiter mischten sich unauffällig unter die Gäste. Sie sollten dafür sorgen, dass keine falschen Zwischentöne aufkamen. Paula selbst hatte sich für ihren Auftritt, obwohl die Zeit knapp war, von ihrer Kosmetikerin schminken lassen. Für ihre grünschimmernden Augen bekam sie regelmäßig Komplimente. Deshalb wollte sie diese besonders betont wissen. Die Wimpern unterstrichen ihre Farbe und ihre ovale Form. Ihr Teint war sanft modelliert. Die schmalen Lippen hatte sie sich mit einem zarten und dennoch nicht zu übersehenden Rosé zeichnen lassen. Sie sollten voller erscheinen und sich farblich im Braun ihrer Haare widerspiegeln. Natürlich trug sie zum heutigen Anlass passend ein kaffeebraunes, figurbetontes Seidenkleid – ein einfacher Schnitt, doch maßgeschneidert. Das unterstrich ihren Auftritt. Die Schultern hatte sie mit dem Seidentuch aus Lyon bedeckt, dessen Kreation auch für die Gäste als Überraschung vorgesehen war. Paula schritt durch den Eingang, durch die modernen Glastüren, die in das altehrwürdige Portal der Stadthalle eingelassen waren. Im Foyer versprach das Ambiente, dass ihre Präsentation den richtigen Rahmen haben würde. In der Mitte der geschwungenen Decken, deren Bögen gelbgoldverziert eingefasst waren und die von schwarzen Granitsäulen getragen wurden, befanden sich Spitzsterne, in deren Zentrum moderne Lampen hingen. Ja, das war die Atmosphäre, die Paula gefiel. Das war der richtige Hintergrund, vor dem sie ihre neue Kreation, den neuen Duft, offiziell der Öffentlichkeit präsentieren wollte. Keine Pressekonferenz im üblichen Sinne, nein, neben den Medienvertretern hatte Paula Leute eingeladen, die sich wie das Who’s who lasen.

Im Vorfeld hatte die Agentur die Frauenzeitschriften entsprechend informiert. Wymers hatte den Namen so präsentiert, dass sichergestellt war, dass ihre Post und Hochglanzbroschüren nicht im Papierkorb landeten. Das, was Wymers betreute, wurde regelmäßig ein Artikel mit Top-Verkaufszahlen. Sie schafften es, das Produkt so zu platzieren, als wenn der Markt schon fiebernd darauf gewartet hätte. Repräsentanten der Parfümerieketten gehörten genauso zu den geladenen Gästen wie Vertreter der Internet-Plattform Parfumo, die mit ihren Nasen den Riecher hatten, was die nächste Messe in Florenz oder Mailand dominieren würde. Auch Vertreter des Spiegels und der Süddeutschen waren vor Ort. Der neue Duft musste seinen Platz unter den 20 besten finden. Angelegt war er als Konkurrenz für Chanel Nº 5 in Duft, Qualität und seiner Langlebigkeit auf dem Markt. Zu viel Energie hatte Paula Bucha in dieses Projekt gesteckt, als dass sie einen Rückschlag ertragen würde. Frühlingsopfer, so der Name auf der einen Seite des Flakons, Sacrifice du Printemps auf der anderen. Passend hierzu wurden die Gäste in die Wuppertaler Oper eingeladen, der gleichnamigen Tanztheateraufführung von Pina Bausch beizuwohnen. Nicht nur die Nase sollte verwöhnt werden. Der Duft sollte verzaubern; selbst noch nicht wahrnehmbar, dennoch wirken. In einer Konzentration, in der der Körper bereits auf den Duft reagiert, ohne sich dessen bewusst zu werden, dass das Wohlgefühl von einem Parfum herrührt; der erste Schritt der Verführung. Und dann der zweite: Der Begleiter oder der zufällige Passant schnuppert die Essenzen, ohne sie zuordnen zu können. Auf dieser Ebene sollte das Frühlingsopfer bereits betören.

Alle Versuche und Tests, die die Firma dahingehend durchgeführt hatten – im Geheimen, versteht sich – waren optimal verlaufen.

Das Tuch aus der Seidenstadt Lyon – passend angefertigt, um das Parfum zu ergänzen. Schon von Weitem signalisierte die Farbe, wer sich zu diesem neuen Duft zugehörig fühlte. Im Theater sollten es die Gäste um die Schultern tragen, sodass sie hier als Gruppe eindeutig wahrzunehmen waren, damit das Rosé das Event optisch unterstrich. Es hatte ein Stück Arbeit und Kontakte gekostet, damit Kameras, zumindest am Anfang, das Zusammenströmen der Besucher in der Oper filmen durften. Da das Fernsehen oder der Film immer noch keinen Duft transportieren konnte, hatte das Tuch das Seinige erfüllt: Dieses feine Gewebe, eine Sonderedition Frühlingsopfer in limitierter Auflage und aus allerfeinster Seide, eben mit passender Zartheit, hergestellt in der Stadt, in der auch Hermes produzieren ließ – es verzauberte. Es war als Zugabe nur für ein ausgewähltes Publikum vorgesehen. Später sollte es auch für den Handel gewebt werden. Ja, Jost Kalmach, ihr ständiger Begleiter, hatte da einen guten Griff getan. Er war manchmal etwas langsam in seinen Ideen und deren Umsetzung, doch wenn Paula es schaffte, ihm die nötige Zeit zu lassen, dann kamen außergewöhnliche Ergebnisse zustande. Die letzten Tage war es sehr hektisch zugegangen, sodass sie kaum Zeit füreinander hatten, und manchmal hatte er ihr wieder in den Füßen gestanden. Diese an den Tag gelegte Unbeholfenheit konnte sie kaum ertragen, schon gar nicht, wenn sie unter Strom stand. Jetzt im Endspurt musste jeder seinen Teil dazu beitragen, damit die Präsentation gelang. Aber so manche hilflose Bewegung hatte sie wieder auf die Palme gebracht. Daran musste sie grundsätzlich etwas ändern. Sie waren seit zwei Jahren ein Paar, doch sich auch offiziell zusammen zu zeigen, nein, da hielt sie sich lieber bedeckt, obwohl es inzwischen alle wussten. Zu oft hatte sie das ein oder andere Mal die Situation wieder retten müssen, wenn Jost sich zu ungeschickt benommen hatte oder sie wieder warten musste. Oh, wie hasste Paula Unpünktlichkeit. Noch schlimmer war das Gefühl, wenn man sie am langen Arm verhungern ließ. Doch Paula war professionell und ließ sich nichts anmerken. Sie war die Chefin, sie hatte das Sagen – und Sagen hieß »einmal sagen« und nicht sich ständig wiederholen müssen. Da war kein Platz für Extratouren; wie sollte sie sonst das Konsortium und alle anderen Fäden in der Hand behalten?

Paula schritt durch die Schwingtür, und Harry Hirsch sprang ihr zur Seite, um ihr die Tür aufzuhalten, genauer: Es war nur eine Geste, denn die Türen standen offen. Harry war ihr Ex-Lover. Er störte manchmal. Sie hatte ihn damals in die Firma geholt. Und jetzt konnte sie ihn schlecht hinauswerfen; er wusste einfach zu viel und würde das ausnutzen. »Paula, meine Liebe«, hatte er gesagt, »du weißt, wie sehr ich über Firmeninterna informiert bin. Wie viel ist es dir wert, dass es vertraulich bleibt?« Das hatte er sie in seiner schmierigen Art gefragt. Sein welliges, aber dünnes Haar hatte er gegelt und nach hinten gestrichen. Seine viel zu schmale Nase hielt er gerne hoch erhoben, obwohl er sich bei seiner Körpergröße nicht anstrengen musste, über andere hinwegzuschauen, aber diese Haltung schien zu seiner zweiten Natur geworden zu sein. Seinen Mund verzog er immer noch zu einer Hasenschnute. In guten Zeiten hatte Paula ihn deshalb Schnüti genannt, aber das war lange vorbei. So manches Mal war Paula dennoch froh, ihn in der Firma zu haben. Harry war der Mann fürs Grobe; wenn zu unangenehme Dinge zu regeln waren, die das Licht scheuten, dann schickte sie Schnüti vor – er hatte eine gewisse Freude daran, in Dreck zu greifen und darin zu wühlen.

»Na, wo ist denn dein Jost? Hat er dich heute wieder einmal versetzt?«

»Harry, was ist? Hast du nichts Besseres zu tun als dämliche Fragen zu stellen?«

»Entschuldige, so war es nicht gemeint.«

»Sondern wie sonst?«

»Ich wollte dir nur meine Seite, meine Begleitung anbieten, wenn du denn willst.« Harry hatte mit sicherem Instinkt gespürt, dass er damit richtiglag. Paula antwortete nicht, schickte ihn aber auch nicht weg.

Auch die anderen Gäste strömten herein. Die Geladenen bewegten sich zur Treppe, die sie in das Obergeschoss in den Majolika-Saal führten. Jetzt war keine Zeit für weitere Gedankenspiele. Als Paula den Saal betrat, begann der erste Gast zu applaudieren, die anderen fielen ein. Stolz, mit aufrechtem Gang und erhobenen Hauptes schritt sie an die Front des Raumes. Alles war vorbereitet. Dort stand auch Mara Diva, die Schauspielerin, die sie als Werbeikone für den neuen Duft hatten gewinnen können – was für ein Vermögen hatte sie für dieses Gesicht hinblättern müssen! – aber an dieser Schauspielerin, extra aus Hollywood eingeflogen, kam heute niemand vorbei, wenn er oder sie die Garantie der Scheinwerfer haben wollte. Und das Seidentuch, das musste Paula unumwunden zugeben, das stand ihr so fantastisch, als sei es nur für dieses puppige Gesicht gemacht. Was fanden die Leute an so einem Antlitz, dem jede Mimik fehlte? Schon früh hatte die Hollywoodschönheit angefangen, winzigste Fältchen mit Botox zu unterspritzen, mit dem Erfolg, dass sie nun Barbie Konkurrenz machte und ein Gesicht hatte, das kein Leben erzählte. Aber was sollte es – hier ging es nicht um persönlichen Geschmack, hier ging es darum, dass sich jeder nach ihr umdrehte, auch das Tuch sah und sich sofort an den neuen Duft erinnern würde, den eine Frau heute haben musste, wenn sie etwas auf sich hielt. Unter weiter anhaltendem Applaus betrat Paula das Rednerpult. Sie erzählte den Anwesenden ihre Geschichte und die des neuen Parfums, welche Klimmzüge sie unternommen hatte, um die richtigen Öle in der Qualität zu bekommen, die für das Frühlingsopfer gerade gut genug waren. Nur bestimmte Areale von Rosenpflanzungen in speziellen Lagen sorgten für die Blütenblätter, die diese besondere Nuance mitbrachten. Ja, man hatte sie erst belächelt, denn was haben Rosen mit Weinanbau zu tun, wo Böden und Klima ihren besonderen Geschmack einbringen? Auch Rosen mögen Erden und Gegenden, wo die Feuchtigkeit und die Sonneneinstrahlung optimal stimmen, und es musste die richtige Züchtung sein. So brachte die korrekte Rosensorte den Hauch der Extravaganz ein, womit sich der Duft der Spitzenklasse abhebt. Sie hatten lange gesucht, bis sie alles für gut genug befanden, und Paula verriet, dass ihnen in dieser Entwicklung sogar eine Patentanmeldung gelungen war, was ihre Konkurrenz auf Abstand halten sollte.

Die Präsentation war gelungen. Paula stand im Mittelpunkt und nahm befriedigt die Glückwünsche entgegen. Es wurde Fingerfood gereicht, bevor sich die Gesellschaft zurückzog, um sich für den Besuch in der Oper umzuziehen. Am Abend wunderte es den ein oder anderen, dass das bei den Aufführungen der Kompanie Pina Bausch übliche Theateroutfit heute von der Normalität abwich. In der Regel traf man im Foyer und den Stuhlreihen eher Künstler und deren Anhänger, die sich auch in ihrer Kleidung entsprechend hervortaten. Nach einem Smoking suchte man vergebens. Heute am Abend dominierte der Seidenschal. Einerseits war dieser dezent in seinem Muster, andererseits war diese Rosenholzfarbe nicht zu übersehen. So war Paula Buchas Frühlingsopfer sichtbar, auch auf Celluloid beziehungsweise heute eher digital. Die Kosmetikerin hatte noch einmal kommen müssen, damit bei dem Kameraschwenk keine Unreinheiten oder Fältchen mitgefilmt werden konnten. Die Frisur musste sitzen, wobei dieser asymmetrische Haarschnitt, für den sie extra einen Friseur aus Düsseldorf hatte kommen lassen, immer perfekt saß, selbst wenn sie sich gerade morgens aus dem Bett schälte.

Die Idee mit dem Ballettensemble Pina Bausch hatte Paula gehabt. Die Agentur Wymers und Co hatte sie gewarnt. Wenn die Geladenen ihre Präsente und ihre Pressemappe einschließlich Fotos in der Hand hielten, hätte es vielleicht einige nach Hause getrieben. Die Idee, das Parkett in eine einheitliche Farbe zu tauchen, hätte nicht funktioniert, und Paulas Erwartungen wären unerfüllt geblieben. Doch sie war von ihrer Vorstellung nicht abzubringen, und Wymers setzte die Wünsche seiner Auftraggeberin um. Nun, was man ihr verschwieg, war, dass Wymers etwas nachgeholfen hatte. Das Tuch war bereits in der Stadthalle übergeben worden, doch das Parfum, die Pressetexte und die CDs mit den entsprechenden Bildern wurden erst nach der Aufführung ausgehändigt, und es ging das Gerücht um, dass jede Mappe einen Scheck enthielt, der das Ausharren bis zum Schluss der Veranstaltung erleichtern sollte.

Der Abend ging zu Ende, ganz im Sinne von Paula. Im Foyer des Theaters hatte sie sich zentriert und verabschiedete die Gäste persönlich. Für jeden hatte sie ein besonderes Wort, um eine gute Stimmung zu garantieren. Neben ihr stand Mara Diva. Zwar hatte Paula sich überlegt, dass das speziell für sie ein wenig vorteilhafter Platz war, denn die Schauspielerin entsprach dem heutigen Schönheitsideal, das Paula nicht vollends erfüllen konnte oder wollte, denn sie lehnte die Behandlungen mit Botox ab. Lediglich die hyaluronsäurehaltigen Seren durfte ihre Kosmetikerin bei ihr anwenden. Doch sie wollte Mara unter Kontrolle halten, dass sie sich nur in ihrem Sinne über das Frühlingsopfer äußerte, oder besser gar nicht. Da hatten sie noch ein Stück Arbeit vor sich, die Hollywoodschöne zu briefen, damit sie, was den Duft betraf, immer dieselben und insbesondere korrekten Floskeln von sich gab. Harry hatte sich an Paulas Seite gestellt. Die Gelegenheit war günstig. Sie brauchte ihn für Eventualitäten. Sie bemerkte nicht, wie er die Momente wahrnahm, bei den vielen Fotografen, die ihre Bilder schossen, dass er jeweils an ihrer Seite zu stehen kam. Er wusste um die Macht der Bilder und konnte mit passenden Gesten unsichtbar einen entsprechenden Eindruck auf den Fotos hinterlassen. Da hielt er seinen Arm an ihren Rücken, ohne sie zu berühren. Da verkleinerte er den Abstand zwischen ihr und ihm, sodass so etwas wie Vertrautheit erschien. Paula war mental so eingespannt, dass sie das in diesem Augenblick nicht wahrnahm, und Harry kostete es aus. Er hatte immer noch seine Stellung, und er war nicht gewillt, sie aufzugeben. Seine Zeit würde wiederkommen. Zu viel gab es, was er ihr aus dem Weg räumte oder für sie erledigte, sodass sie sich in seine Schuld manövrierte. Wenn sie das, wie so gerne, mit einer Handbewegung wegfegen würde, ja dann musste er nach härteren Mitteln greifen und sie daran erinnern, was er alles über sie und die Firma wusste – und manchmal half auch ein Foto.

Der Abend war zu Ende, Paula war geschafft und glücklich. Sie bedankte sich bei Wymers und seinen Mitarbeitern, die gute Arbeit geleistet hatten. Auch ihnen überreichte sie persönlich ein Flakon des Frühlingsopfers – wobei, sie kriegten auch gutes Geld für ihre Kampagne, ging es Paula durch den Kopf. Da mussten sie auch freundlich sein. Sie ließ ihren Wagen vorfahren. Nein, Harry sollte sie nicht nach Hause bringen. Beleidigt reckte er seine Nase noch ein wenig höher und zog seine Oberlippe noch weiter nach oben, sodass sein Mund in seinem Gesicht dominierte. Doch Paula lehnte ab und stieg in ihr Auto. Der Chauffeur wusste, dass sie nach so einem Tag keine Worte wechseln wollte, und fuhr sie schweigend durch die inzwischen dunklen Straßen Wuppertals in Richtung Toelleturm, wo er bald die Einfahrt ihrer Villa hinauffuhr. Dunkel lag das Haus da. Paula zog es nur noch in ihr Bett.

Und nun polterte es an ihrer Schlafzimmertür. Sie blinzelte. Die Sonne schien zwischen den Ritzen der Jalousie hindurch. Paula musste angestrengt nachdenken, wo sie war und was anlag. Wer oder was störte sie in ihrem Refugium? So langsam kam die Erinnerung wieder. Gestern Abend hatte sie sich, nachdem die Einführung ihres neuen Duftes so gelungen und mit dem Ballettabend perfekt abgerundet war, ein Glas Champagner zu viel gegönnt, und das spürte sie jetzt. Bevor sie sich jedoch überlegen konnte, ob sie sich noch einmal umdrehen und dieses Gepolter ignorieren sollte – sie freute sich darauf, ihren Triumph noch ein wenig in der Firma nachzuschmecken –, trommelte es weiter an ihrer Schlafzimmertür. Was sollte das in drei Teufels Namen? Es konnte nur die Haushälterin sein, und die wusste, dass sie morgens nichts, aber auch gar nichts in oder an ihrem Schlafzimmer zu suchen hatte. Paula drehte sich um. Morgens vertrug sie so ein Donnern überhaupt nicht. Um diese Zeit war sie geräuschempfindlich, selbst der Staubsauger im Untergeschoss war absolut verboten. Eine Störung morgens in ihren Räumen konnte eine fristlose Kündigung nach sich ziehen, so etwas hielt Paula nicht aus.

Aber Emily, ihre Haushaltshilfe, ließ nicht locker, sie klopfte nicht, sie bollerte an ihrer Tür. Unwirsch rief Paula: »Was ist denn um Gottes willen los, dass Sie so einen Terror veranstalten?«

»Frau Bucha«, das Klopfen hörte nicht auf, »Frau Bucha, sind Sie schon wach? Bitte, bitte, es ist etwas Furchtbares passiert! – Frau Bucha, der Herr Kalmach …«

Paula hatte jetzt keine Lust, sich zu ärgern, zu schön war gestern alles gelaufen.

»Frau Bucha, der Herr Kalmach, der liegt reglos in seiner Wohnung.«

»Dann hat er gestern einen über den Durst getrunken, das kommt schon mal vor.«

»Nein, Frau Bucha, so kommen sie doch, er ist auch ganz kalt.«

Diese Unterhaltung fand bisher mit lauter Stimme durch die geschlossene Tür hindurch statt. Aber nun hatte sich Paula doch aus dem Bett geschält. An ein weiteres Entspannen war nicht mehr zu denken. Sie zog sich ihren seidenen Morgenmantel über, der an der Türe hing, und öffnete dieselbe.

»Emily, was sind Sie so weiß, was ist los?«

»Aber Frau Bucha, ich habe es Ihnen doch schon gesagt, der Herr Kalmach …«

Paula band sich den Gürtel ihres Morgenmantels etwas fester um die Taille und begab sich ins Souterrain, wo Jost ganz offiziell die Einliegerwohnung angemietet hatte. Meist schlief Jost Kalmach bei und mit ihr in ihrem Schlafzimmer. Aber bei großen Ereignissen oder wichtigen Terminen von Paula Bucha ertrug sie keine Nähe. Bei diesen Gelegenheiten zog sich ihr Lover in seine eigenen Räume zurück. Aber auch umgekehrt: Wenn ihm alles zu eng wurde, wenn er das Gefühl bekam, nicht mehr er selbst sein zu dürfen, nicht mehr atmen zu können, weil ihm jedes und alles die Luft abzuschnüren schien, dann musste er allem entfliehen. Dann verließ er das Haus und lief durch die Barmer Anlagen und versuchte so, einen freien Kopf zu bekommen. Das, was sich in ihm aufgestaut hatte, versuchte er wegzulaufen und wegzuatmen – und er übernachtete eben auch in seinem Apartment. Das waren die Momente, wo Paula ihn in Ruhe lassen musste, was sie allerdings ungern tat, denn damit entzog er sich ihr. Sie wusste eben gerne, woran sie war, und fragte manchmal zu viel nach, was er in diesem oder jenem Moment dachte. Dennoch: So viel hatte sie inzwischen gelernt, dass das Einzige, was dann noch funktionierte, war: Ruhe bewahren, den Mund halten und zu warten, bis er von selbst wiederkam. Aber nach dem Spektakel, das ihre Emily gerade veranstaltete, blieb ihr nichts anderes übrig, als nachzusehen.

»Was ist mit Herrn Kalmach? Wo haben Sie ihn gefunden?«

»Frau Bucha, er liegt in seinem Bett und ist ganz kalt.«

Paula stieg die Treppen hinunter und betrat das kleine Zimmer, das er manchmal als sein Schlafzimmer benutzte, eben dann, wenn sie eine zu heftige Auseinandersetzung gehabt hatten, zu viel Spannung herrschte oder in seinem Kopf wieder zu viele Dinge herumschwirrten, die er nicht sortiert bekam. Dann war er außerstande, neben Paula im Bett zu liegen. Sie hatte ihn gut im Griff, aber das hatte sie ihm nicht austreiben können. Nun lag er da. Etwas gekrümmt, als wenn er Bauchschmerzen hätte, aber so eiskalt, wie er war, konnte er keine haben, und es müffelte. Paula riss das Fenster auf. Nach dem gestrigen Tag, an dem sie nur von Wohlgerüchen umgeben war – sie trug den Duft des Frühlingsopfers noch in ihrer Nase –, empfand sie diesen säuerlichen Geruch, der die abgestandene Atmosphäre schwängerte, als eine Zumutung.

Bevor sie einen nächsten Gedanken fassen konnte, klingelte es. Was wollen sie in aller Herrgottsfrühe von mir? Nach diesen anstrengenden Tagen hätte sie der Erholung bedurft. Doch bevor Emily die Stufen zur Eingangstüre hinaufgehen konnte, hörte sie einen Schlüssel im Schloss. Harry stand in der Tür.

»Herr Harry, Sie hier? Sie haben noch einen Schlüssel? Weiß Frau Bucha das?«

»Sie sind ein bisschen zu neugierig. Halten Sie den ­Schnabel.«

Freundlich war Harry Hirsch zu Emily nie gewesen. Es schien, als wenn es ihm immer wieder ein besonderes Vergnügen bereitete, wenn er jemanden gefunden hatte, dem er arrogant begegnen konnte.

Harry ging die Treppen hinunter ins Souterrain. Die Räumlichkeiten kannte er gut, hatte er sie vor einiger Zeit doch selbst bewohnt.

Sein Gesicht zeigte Genugtuung, als er die Spannung bemerkte, die ihn hier im Untergeschoss erwartete.

»Wo kommst du denn her? Und wie kommst du überhaupt hier herein?«

»Paula, Liebes, ich

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Der Tod im Flakon denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen