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Der Duftende Hafen

Der Duftende Hafen

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Der Duftende Hafen

Länge:
327 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 9, 2017
ISBN:
9783744879392
Format:
Buch

Beschreibung

Die anständige Klavierlehrerin Chloe hat Urlaub. Nur wohin soll es gehen? Als introvertierter Dauersingle sind ihre Möglichkeiten begrenzt. Sie widmet sich lieber dem Staub hinter ihrem Schrank als verliebte Pärchen beim Strandspaziergang zu beobachten.
Da kommt ihre beste Freundin Ginger mit der Lösung: Hongkong!
Die zwei machen sich auf den Weg in die Stadt des duftenden Hafens - und werden schnell in kriminelle Machenschaften verwickelt.
Entführung, Erpressung, eine Schatzkarte ... Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Nur ein jahrhundertealtes Artefakt kann Ginger jetzt noch retten. Mit Hilfe des attraktiven Lee begibt Chloe sich in das Abenteuer ihres Lebens.
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 9, 2017
ISBN:
9783744879392
Format:
Buch

Über den Autor

Linda ist Hobbyautorin und hat bis vor Kurzem an einem kleinen Flughafen in einem kleinen Ort namens Düsseldorf gearbeitet. Nun möchte sie sich auf das Schreiben konzentrieren. Linda liebt es zu Reisen und hört gerne Musik. Am liebsten verbindet sie Städtetrips mit einem Konzert ihrer Lieblingsband. Dies ist ihr vierter Roman.


Buchvorschau

Der Duftende Hafen - Linda Biedlinski

24

Kapitel 1

Chloe Carmichael brauchte dringend Urlaub.

Sie bemerkte es an der Ungeduld und der unterschwelligen Gereiztheit, die sie bei ihrem Klavierunterricht begleiteten. Dabei war die neunjährige Hannah beinahe ein Naturtalent. Ihre kleinen Finger drückten die Elfenbeintasten des schwarzen Steinway in einem fließenden Rhythmus nieder, während sie vom Notenblatt ablas ohne auch nur eine Sekunde hinab auf ihre Hände zu schauen. Wenn sie sich verspielte, dann nur weil sie das Stück noch nicht kannte. Aber selbst da fluchte sie nur kurz, korrigierte sich sofort und spielte den Part noch einmal der ihr Schwierigkeiten bereitet hatte. Chloe war sehr zufrieden mit ihrer Leistung und immer wieder erstaunt wie schnell Hannah sich in den letzten Jahren verbessert hatte. Das Mädchen spielte seit drei Jahren, und das einzige, das sie noch nicht perfekt beherrschte war das richtige Tempo einzuhalten. Es war nicht so, dass sie nicht zählen konnte; sie war schlicht und ergreifend zu ungeduldig.

So wie Chloe in den letzten Tagen.

Ihr Urlaub rückte immer näher, und noch immer hatte sie nicht den blassesten Schimmer wohin ihre Reise gehen sollte. Die Auswahl war groß. Sie wäre liebend gerne mit ihrem Auto hinunter nach Cornwall oder gar hinauf zum Lake District gefahren, einfach quer durch England ohne zu wissen wo sie am Abend übernachten sollte. Aber ihre alte Ente brachte sie gerade mal zum Supermarkt und wieder zurück. Demnach fiel auch der Familienbesuch in Rye flach. Das malerische Dörfchen in Devon war ein ganzes Stück von Winchester entfernt und zu weit für Chloe um die Strecke mit dem Bus zurück zu legen. Sie spielte auch mit dem Gedanken alleine nach Amerika zu fliegen. Sie wollte sich gerne San Francisco ansehen, und ihrer Meinung nach konnte man eine Stadt nicht besser erkunden als mit einem selbst als Gesellschaft. Auf der anderen Seite war es nicht die richtige Reisezeit. Im Winter konnte man Städtetrips gut alleine machen, vor allem wenn es um Weihnachtseinkäufe ging, aber im Frühling oder gar im Sommer gab es zu viele Freizeitmöglichkeiten, und Chloe war niemand der mit einer Gruppe von Pärchen auf eine Bootstour ging oder allein durch die Straßen radelte. Der Frühling war zwar noch nicht ganz da, aber auf dem besten Weg. Die Vögel zwitscherten schon fleißig in den Bäumen im Park und die Blätter begannen auch allmählich wieder zu blühen. Also wohl eher kein Solotrip in eine Großstadt. Chloe überlegte kurz, ob sie sich einfach für zwei Wochen in einen Robinson Crusoe Club auf den Kanaren einnisten sollte, fand die Vorstellung aber eher langweilig. Etwas, das für sie noch schlimmer war als ein Städtetrip im Frühjahr, war der pure Gedanke an einen Strandurlaub. Alleine am Pool zu liegen, einsam eine Mai Tai nach der anderen trinken und auf alle anderen Urlauber wie eine Alkoholikerin wirken, abends für sich im Restaurant oder in einer Bar sitzen, während Pärchen Arm in Arm durch den Hafen schlenderten und Freunde im Pulk in die Clubs strömten... Nein, das war nichts für sie. Dann blieb sie lieber zwei Wochen zu Hause. Sie hätte Zeit sich endlich mal wieder dem Staub hinter ihrem Kleiderschrank zu widmen... oder dem von den Jahreszeiten leicht grün verfärbten Steinplatten auf ihrer Terrasse...

„Miss Chloe!"

Eine Mädchenstimme holte Chloe zurück in die Gegenwart. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Blick aus dem Fenster geschweift war. Hinaus in die Abenddämmerung. Hinaus auf die Straßen von Winchester. Hinaus in die Urlaubswelt.

„Ja?"

„Sie hören gar nicht mehr zu!"

So süß das Mädchen auch war mit ihren geflochtenen Zöpfen und den riesigen Rehaugen, umso zickiger wurde sie wenn man ihr nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte.

„Tut mir leid, sagte Chloe mit einem entschuldigenden Lächeln und ermahnte sich zur Gelassenheit. Sie liebte Kinder und hatte normalerweise eine Engelsgeduld mit ihnen, und schon im Teenageralter hatte sie sich für eine Lehrlaufbahn im Bereich Musik entschieden. Aber hin und wieder konnten die Kleinen ganz schön anstrengend sein. „Du spielst so schön, da bin ich wohl abgeschweift.

Das war genau das, was Hannah hören wollte, und ein stolzes Lächeln breitete sich auf ihrem runden Gesicht aus. „Finden Sie?"

„Hm-m. Nur du musst mitzählen, Hannah. Sieh mal, das Stück geht eigentlich so... Chloe beugte sich vor und trommelte einen langsamen Rhythmus auf das Holz des Klaviers, anschließend änderte sie den Takt und wurde ein wenig schneller und unregelmäßiger. „Und so machst du es. Du musst zählen. Oder soll ich den Metronom einschalten?

„Nein, dieses blöde tickende Ding macht mich ganz verrückt." Hannah schniefte leicht pikiert und rutschte zurück in Position. Das tannengrüne Viskosekleid knisterte leicht auf der weißen Wollstrumpfhose, und ohne das Mädchen anzufassen wusste Chloe, dass sie vermutlich der Schlag traf, würde sie sie anfassen. In was für Stoffkombinationen die Mütter ihre Kinder heutzutage aber auch kleideten! Ginger wäre bei dem Anblick ausgeflippt.

Als hätten ihre Gedanken sie herbeigezaubert, erschien plötzlich ein Frauenkopf am Fenster. Von der Straßenlaterne erleuchtet, schimmerte Gingers langes Haar wie Onyx, die braunen Mandelaugen glänzten aufgeregt, als sie winkend versuchte auf sich aufmerksam zu machen. Aber Chloe hatte ihre beste Freundin ohnehin schon gesehen.

„Ich bin sofort zurück, sagte sie zu Hannah. „Fang schon mal von vorne an.

„Wieso?"

Aber Chloe war schon aufgestanden und in den Hausflur gegangen. Sie wartete, bis im Wohnzimmer das Klavierspiel begann und zog dann die Haustüre auf. Ihre beste Freundin Ginger Baker stand wie erwartet auf der Türschwelle, wie immer toll aussehend in hautengen Jeans und einem beigen Trenchcoat, die langen Haare in perfekten Wellen über die Schultern fließend. Sie war klein, zierlich, wie immer modebewusst gekleidet und total aus dem Häuschen.

„Hey, C., du wirst nicht-"

„Sssh!" Chloe legte den Finger auf die Lippen und winkte ihre aufgeregte Freundin herein.

„Wie lange noch?" flüsterte Ginger als sie das Klavier hörte.

„Zehn Minuten."

„Ich bin so lange in der Küche. Oh, Chloe, das wird toll!"

Ihre Wege trennten sich an der Wohnzimmertüre, und Chloe fragte sich was es wohl war, das Ginger so begeistert hatte. Ihre Freundin hatte manchmal die verrücktesten Ideen, die aber nicht immer unbedingt die besten waren.

Sie saßen während ihrer Einschulung nebeneinander und hatten schnell herausgefunden, dass sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Wo Ginger gerne unter Menschen ging, liebte Chloe die Einsamkeit. Ginger konnte schnell Entscheidungen treffen und gab niemals auf, während Chloe sich oft nicht sicher war und jede Anstrengung ihrerseits meist in einem peinlichen Desaster endete. Ginger war offen und stets fröhlich. Chloe war auch meist gut gelaunt, aber eher auf eine subtilere, introvertierte Art und Weise. Und während Ginger ihren Charme aufdrehen konnte wie eine Gasflamme und alle Männer dazu veranlasste, sich die Köpfe nach ihr zu verdrehen, war Chloe eher schüchtern und wartete auf den Richtigen, der für sie bestimmt war. Dabei war sie nicht weniger hübsch. Sie war schon immer die Vernünftigere der beiden gewesen obwohl Ginger ein Jahr älter war. Sie waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht, aber sie ergänzten sich hervorragend. Wo es der einen an etwas mangelte, glich die andere es wieder aus. Ihre Freundschaft funktionierte seit diesem ersten Tag in der Schule.

„Sie sehen glücklich aus, Miss Chloe."

„Wirklich?" Sie hatte es nicht bemerkt, aber bei dem Gedanken an Ginger musste sie wohl gelächelt haben, während Hannah ihr Stück zu Ende spielte.

„Es ist einfach schön dir zuzuhören, denke ich. Ich weiß nicht, was ich dir noch beibringen könnte außer die Geduld, die Stücke im richtigen Takt zu spielen."

Mit all der Weisheit ihrer neun Jahre antwortete das Mädchen: „Wenn ich das tun würde, bräuchte ich ja nicht mehr kommen."

Chloe hatte die unangenehme Befürchtung, dass Hannah mit Absicht nicht mitzählte, als es an der Tür klingelte. „Das wird deine Mutter sein."

„Schon? Die Zöpfe flogen zur Wanduhr herum. Es war kurz vor sechs Uhr am Abend. „Ich habe noch zwei Minuten!

Chloe lächelte nur und stand auf um zu öffnen. In der Küche hörte sie wie der Mixer anging. Mit gerunzelter Stirn fragte sie sich was Ginger da schon wieder trieb. Scheinbar gab es etwas zu Feiern. Auf einmal wollte sie nur noch ihre Schülerin hinauswerfen und mit Ginger anstoßen – auf was auch immer.

Ihr zahnpastaweißes Lächeln war perfekt als sie dann einer gertenschlanken Rothaarigen die Tür öffnete. „Ihre Tochter ist gleich soweit, Mrs. Jennings. Kommen Sie doch herein."

Es dauerte weitere zehn Minuten bis sie Mutter und Tochter endlich los war, und mit einem Seufzen lehnte sie sich mit geschlossenen Augen gegen die Haustür. Einen Tag noch und sie hatte endlich Urlaub. Noch einmal sechs Stunden lehren und sie war frei für die nächsten zwei Wochen. Diese Erkenntnis zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht.

Sie schrak auf als in der Küche etwas herunterfiel, und plötzlich fiel ihr Ginger wieder ein, die dort scheinbar ihre eigene kleine Party feierte.

Sie stieß sich von der Haustür ab und ging den Flur hinunter, wo die Schwingtür zur Küche geschlossen war. Sie schob sie auf und konnte nur starren.

Ginger stand inmitten einer Lache aus weißer Flüssigkeit, die Arme erhoben und auf ihre durchtränke Bluse hinunter schauend. Dem explodierten Standmixer, den überall verstreuten Eiswürfeln, der Zitrone und den Flaschen weißen Tequilas und Curacao Triple Sec auf der Arbeitsplatte nach zu urteilen, konnte Chloe nur vermuten, dass Ginger Margaritas komplett mit Salzrand und Zitronenschale hatte mixen wollen.

„Oh. Mein. Gott."

Ginger schreckte aus ihrem Schock, von oben bis unten mit Margarita besudelt zu sein, und sah zur Tür, wo Chloe stand, mit einer Hand die Schwingtür offen haltend. Über den Raum hinweg sahen sie sich an. Aber schon in der nächsten Sekunde prusteten beide vor Lachen. Chloe schickte ihre Freundin ins Bad um sich zu säubern und holte dann den Wischer um den Boden zu putzen.

„Was gibt es denn zu feiern? erkundigte sie sich, als Ginger zurückkehrte. Ihre hautenge Jeans wies noch nasse Flecken auf, und auch ihre Bluse war halb durchsichtig. Chloe musste bei ihrem Anblick lachen. „Ich hoffe, es ist das ganze Drama wert! Ist es ein Mann?

„Ein Mann? blaffte die quirlige Brünette lachend und kam gutgelaunt auf ihre Freundin zu. Sie nahm ihr den Wischmopp ab, stellte ihn beiseite und fasste dann nach ihren Händen - schöne Hände mit langen Fingern, die vom Klavierspielen elegant und schlank geformt waren. „C, halt dich fest. Wir beide... Sie machte eine dramatische Pause, nur um dann aufgeregt zu rufen: „...fliegen nach Hongkong! Ist das nicht der Wahnsinn? Nach Hongkong!!!"

„Nach China? echote Chloe nicht ganz so euphorisch wie ihre beste Freundin. Der Gedanke, was sie dort wohl außer Reis essen sollte, kam ihr sofort. Sie war kein sonderlicher Freund von exotischem Essen. Ganz im Gegensatz zu Ginger. „Wieso?

„Wieso??? Ginger lachte sie aus und machte sich an den zweiten Versuch eine Margarita zu mischen. Sie kippte etwas weißen Tequila und einen Schluck Curacao Triple Sec in den Mixer und erzählte: „Ich muss für meinen Chef ein paar Textilmuster zum Hauptsitz nach Kowloon bringen, das ist alles. Und ich handelte mit ihm aus, dass ich jemanden mitnehmen darf und mir ein paar Tage Zeit lassen kann. Das hieß für mich: Urlaub mit Chloe! Die braune Haarflut flog ihr um den Kopf als sie über die Schulter hinweg ihrer Freundin ein umwerfendes Lächeln schenkte. „Du hast doch ab morgen Urlaub und keine Ahnung wo es hingehen soll. Also. Jetzt weißt du es. Mit mir nach Hongkong."

Chloe knirschte mit den Zähnen und setzte sich auf einen der Küchenstühle. „Du meinst Mr. Zhang? Du weißt, ich kann den Kerl nicht leiden..."

„Ach, so schlimm ist er gar nicht wenn man ihn besser kennt."

„Du willst mir doch nicht etwa weismachen, dass du ihn gut kennst?" Sie hatte Gingers chinesischen Chef schon einmal auf einer Firmenveranstaltung getroffen und er war ihr vom ersten Augenblick an merkwürdig vorgekommen. Es war nicht so sehr sein kantiges Aussehen sondern eher der finstere Blick und die Abwesenheit jeglicher Regung in seinem Gesicht. Irgendetwas an ihm ließ Chloes Nackenhaare zu Berge stehen. Er war ihr einfach nicht geheuer.

„Oh, C, jetzt freu dich doch mal! Ginger füllte zwei mit Salzrand verzierte Gläser und kam zu ihrer Freundin an den Küchentisch. „Wir fliegen nach Hongkong und du kannst an nichts anderes denken als an den finsteren Mr. Zhang? Du kommst doch mit, oder?

„Aber warum sollst ausgerechnet du fliegen? Verstehe mich nicht falsch, aber du bist Assistant Store Manager in einer Tuji Filiale. Da geht man normalerweise nicht auf Geschäftsreise."

„Ist mir doch egal! Ich finde es jedenfalls nett von ihm an mich gedacht zu haben. Wahrscheinlich denkt er sich, dass ich auch mal die Chance auf ein bisschen Abwechslung und Aufregung verdient habe. Und ich muss ja nur die Muster da abgeben, das ist alles. Was kann daran schon so schwierig sein?"

Hin und wieder wünschte Chloe sich, ebenso sorglos und naiv sein zu können wie ihre Freundin. Das Leben musste dann wohl aus lauter rosaroten Wolken aus Zuckerwatte bestehen. Aber Chloe hatte Mr. Zhang anders in Erinnerung. Er war einfach ein eiskalter Geschäftsmann, der bei allem was er tat, einen Hintergedanken hegte. So schätzte Chloe ihn jedenfalls ein, aber vielleicht kannte sie ihn dann doch nicht gut genug. „Trotzdem... Ich bin auch gar nicht geimpft. Du etwa?"

„Geimpft? Wieso?"

„Schon mal was von SARS gehört? Oder Hepatitis A wird zum Beispiel schon durch dreckiges Wasser übertragen."

Missmutig sah Ginger ihre Freundin an, die zögernd ihren Cocktail inspizierte. Warum musste Chloe eigentlich immer so erwachsen sein und ständig Recht behalten? Denn das hatte sie natürlich, das wusste Ginger. Es war manchmal einfach zum Verzweifeln. Wie konnte jemand, der so hübsch war wie Chloe, so intelligent und auf der anderen Seite so verschlossen und schüchtern sein? Denn hübsch war sie, wenn nicht sogar schön. Mit den großen, sommerblauen Augen und dem herzförmigen Gesicht erinnerte sie Ginger immer an ein Model. Und das hatte sie ihr auch schon mehrmals gesagt. Aber Chloe tat sie stets mit einem Winken ab und versteckte sich wieder hinter ihrem Klavier. Sie trug das glänzende, hellblonde Haar meist in einem hohen Dutt auf dem Kopf, und in den seltenen Fällen wo es ihr offen fast bis zur Taille fiel, war abends zu Hause oder wenn sie gemeinsam ausgingen. Auch jetzt noch war der Dutt am Hinterkopf so groß wie eine Grapefruit, das liebliche Gesicht frei von jeglichem Make-up. Ginger wünschte sich manchmal den Mut, sich ohne Schminke aus dem Haus zu trauen und beneidete ihre beste Freundin um ihre natürliche Schönheit.

„Was ist?" Chloe hatte bemerkt, dass Ginger sie anstarrte und hob nun skeptisch eine Augenbraue.

„Habe ich dir schon mal gesagt, dass du glatt als Model durchgehen könntest?"

Sofort stöhnte sie auf, ignorierte diese ohnehin rhetorische Frage und kehrte zum eigentlichen Thema zurück. „Also Hongkong? Und die Firma bezahlt alles? Bist du sicher, Gin?"

„Heißt das, du kommst mit?"

„Habe ich eine Wahl?" seufzte Chloe.

„Jedenfalls hast du keinen anderen Urlaub geplant!"

Chloe versuchte sich dem Enthusiasmus ihrer Freundin anzuschließen und dies als eine Möglichkeit zu sehen, ferne Länder und fremde Kulturen kennen zu lernen. Also hob sie ihre Margarita und stieß mit ihrer Freundin an.

Auf ihren gemeinsamen Urlaub.

Auf Hongkong.

Auf die Stadt des duftenden Hafens.

Kapitel 2

Der Flug ans andere Ende der Welt dauerte knapp zwölf Stunden, und in weiser Voraussicht hatte Chloe ihnen zwei Plätze mit Beinfreiheit gekauft. An ihrem Notausgangplatz jedoch funktionierte der Bildschirm nicht, und obwohl sie der Flugbegleiterin Bescheid gab, blieb der Monitor für den Rest der Reise schwarz. Und während Ginger ein Film nach dem anderen schaute, versuchte Chloe ruhig zu bleiben und setzte ihre Ohrstöpsel ein, mit der Hoffnung ein wenig Schlaf zu finden.

Vergeblich.

Sie döste hin und wieder, wurde aber bei jedem Stoß gegen ihren Sitz vom Passagier hinter ihr wieder wach. Dann spürte sie, wie eine Socke sich über die Armlehne hinweg durch die Sitze schob, und als sie sich umdrehte und sah, dass der Mann hinter ihr seine Füße aufgestellt hatte, rammte sie die Ellbogen in die Seiten und blieb stur so sitzen bis er es endlich verstand.

Aber wie alles andere hatte auch dieser Flug irgendwann sein Ende, und Chloe strömte der Freiheit entgegen als ginge es um ihr Leben. Glücklicherweise dauerte die Einreise nicht allzu lange und die chinesische Beamtin ließ sie nach einem Blick in ihren Reisepass kommentarlos passieren. Chloe hatte stets das Gefühl salutieren zu müssen und auch dieses Mal war es nicht anders. Aber sie zwang sich zu einem einfachen Nicken und machte sich so schnell wie möglich aus dem Staub, bevor sie dann stehen blieb und auf ihre Freundin wartete.

Ginger kam ihr kopfschüttelnd entgegen. „Dass die immer so grimmig gucken müssen! Ist es zu viel verlangt, einfach mal Hallo und auf Wiedersehen zu sagen?"

„Ich kam mir fast vor wie in Nordkorea."

Die Gepäckausgabe hatte gerade angefangen, und die zwei Freundinnen stellten sich an das rotierende Band, während sie ihre ersten Eindrücke austauschten. Bis auf ein paar chinesische Schriftzeichen und ein paar Flughafenmitarbeiter mit Mundschutz gab es jedoch bisher nichts Aufregendes zu erzählen.

„Wieso, meinst du, tragen manche einen Mundschutz und andere nicht?"

Chloe hob die Schultern. „Ich weiß nicht. Vielleicht sind sie dann selbst krank oder hatten gerade eine Krankheit und haben nun Angst sich anzustecken. Müsste man mal googlen. Ah, das ist mein Koffer."

Gingers ihrer dauerte weitere zehn Minuten, aber auch der kam schließlich, und mit beiden Händen hievte sie ihren Trolley vom Band. Ein gelbes Zolletikett besagte, dass man ihn geöffnet hatte.

„Na toll, ich wette die haben wieder alles durcheinander gebracht. Wehe, meine Kleider sind zerknittert!"

Chloe lachte. „Das passiert dir ständig. Wonach die wohl immer bei dir suchen, was meinst du?"

„Keine Ahnung. Na ja, Hauptsache die Muster sind noch drin. Ginger schnaufte missmutig, aber ihr Gesicht erhellte sich augenblicklich als ihr etwas einfiel. „Hey, habe ich dir eigentlich gezeigt was mein Chef mir als Glücksbringer mitgegeben hat? Sieh mal!

Chloe versuchte gerade noch Mr. Zhang und Glücksbringer unter einen Hut zu bekommen, als Ginger auch schon eine Keramikkatze aus der Schultertasche produzierte. Es war eine dieser typischen, chinesischen Lucky Cats mit dem winkenden Arm, die laut Aberglaube viel Glück im Geschäftsbereich brachte. Sie fand es merkwürdig, weshalb Gingers Chef ihr etwas mitgab, das es in Hongkong vermutlich an jeder Straßenecke zu kaufen gab. Und ein wirklich kleiner Talisman war es ebenso wenig. Die Katze saß auf einem Solarpodest und maß bestimmt an die zehn Zentimeter.

„Ihr Winken wird durch Solar angetrieben. Ist sie nicht cool? Ich glaube, ich stelle sie mir ins Auto sobald wir zurück sind."

„Mach das. Ich komm dich dann in der Gummizelle besuchen."

Ginger lachte. „Immerhin besser als dein Wackelelvis."

„Der ist Kult."

„Die Lucky Cat auch!"

Kichernd machten sie sich auf den Weg hinaus, nicht bemerkend, dass ihnen ein finster dreinblickender Asiat in maßgeschneidertem Anzug folgte, der schon im Flugzeug drei Reihen hinter ihnen gesessen hatte.

Chloe und Ginger versuchten sich gerade zu entscheiden, auf welchem Weg sie zu ihrem Hotel in Kowloon kommen sollten, als sie an einem Touristenstand vorbeikamen, an dem eine hübsche Philippinerin Auskunft gab. Chloe nahm sich eine Straßenkarte von der Auslage und studierte mit Ginger die Bahnverbindungen als sich die Frau mit gutem Englisch an sie wandte.

„Kann ich Ihnen dabei helfen in die Stadt zu kommen?"

Die beiden Freundinnen ließen sich ein paar Minuten beraten und entschlossen dann, den Bus zu nehmen, während ihr Verfolger sich die Ausgabe ansah. Als sie fröhlich quasselnd weiterliefen und sich die Dame von der Touristeninformation an ihn wandte, ignorierte er sie und folgte ihnen zum Busbahnhof.

Sie erwischten den nächsten Bus nach Kowloon, bezahlten beim Fahrer und gaben ein utopisches Trinkgeld da sie kein Kleingeld hatten. Mit ihren zwei Koffern schoben sie sich dann durch den Gang und hievten sie nacheinander auf die dafür vorgesehene Ablage, bevor sie dann nach hinten durchgingen und sich in die letzte Reihe setzten. Ein Asiat stieg kurz nach ihnen ein und setzte sich in die Nähe des Ausgangs.

Chloe fand noch, dass er in seinem eleganten Anzug irgendwie fehl am Platz wirkte, vergaß ihn aber als der Bus sich dann in Bewegung setzte und sah aus dem Fenster, in der Hoffnung, etwas Interessantes zu sehen.

Sie wurde nicht enttäuscht.

Sie fuhren von Lantau aus über eine lange Zugbrücke, hinweg über grünblaues Wasser eines Frachthafens und hinüber nach Kowloon. Sie erreichten die Nathan Road, die bis hinunter zur Südspitze nach Tsim Sha Tsui führte – dem Viertel in dem sich ihr Hotel befand. Im Bus wurden sie über den nächsten Stopp auf einer fortlaufenden Anzeige informiert, ebenso kam stets eine zweisprachige Ansage. Chloe war froh, dass Hongkong sich so modern und kosmopolitisch zeigte; ihre Muttersprache war demnach völlig ausreichend. Ginger und sie wären verloren gewesen, hätten sie sich in einem Wald von chinesischen Schriftzeichen zurechtfinden müssen.

Die Nathan Road identifizierte sich für die beiden Freundinnen schnell als Einkaufsstraße. Je weiter sie gen Süden fuhren, desto dichter wurde der Verkehr und die Menschenmassen auf den Bordsteinen. Es reihte sich ein Geschäft nach dem anderen, während kunterbunte Werbereklamen und blinkende Neonschilder für Atmosphäre sorgten. Bambusgerüste an heruntergekommenen Hauswänden waren keine Seltenheit. An allen Häusern befand sich in jedem zweiten Fenster eine Klimaanlage; in den anderen ragten Wäscheständer mit Kleidung hinaus, die gut und gerne ein paar Meter lang sein konnten – und das bist in den letzten Stock. Vereinzelt tauchten Wolkenkratzer auf, die so neu und glänzend vollkommen fehl am Platz wirkten.

Der Kontrast faszinierte sie. Hier standen moderne Hochhäuser neben alten Plattengebäuden, rostige Gestelle alter Werbereklamen zerbröselten neben überdimensionalen Neonschildern. Sie waren in einer anderen Welt und sogen die neuen Bilder auf wie ein Schwamm.

Beinahe überhörten sie die Durchsage ihres Stopps.

„Oh, hier müssen wir aussteigen!" rief Ginger aufgeregt und eilte nach vorne zur Kofferablage. Chloe folgte ihr, darauf bedacht niemanden mit ihrer Kameratasche anzurempeln.

Gingers Koffer war so schwer, dass sie beinahe hinten überkippte, als der Bus abbremste und zum Stehen kam. Chloe stützte sie im letzten Augenblick. Dabei stieß sie dann doch jemanden mit ihrer Kameratasche an.

Mit einer Entschuldigung auf den Lippen drehte sie sich um.

Es war der streng wirkende Asiat im schwarzen Maßanzug.

„Sorry", sagte sie nur mit einem schüchternen Lächeln, aber der Mann nickte nur knapp und erwiderte nichts weiter. Als er aufstand, befürchtete Chloe schon er wollte seinen Unmut auf andere Weise kundtun - und war demnach doppelt so überrascht als er ihr mit dem Gepäck half.

Ginger hatten ihren Koffer schon auf dem Bordstein gehievt und war ebenso erstaunt über die Hilfe des Mannes. „Oh, das ist aber freundlich!"

„Vielen Dank", sagte auch Chloe als sie auf der Straße standen, war aber noch immer vorsichtig. Er wirkte genauso finster wie Gingers Chef, und sie kam nicht umhin eine gewisse, kantige Ähnlichkeit zu erkennen. Zudem hatte er bis zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Silbe von sich gegeben, und dass er in diesem teuren Anzug in einem Linienbus gefahren war, erschien ihr noch immer merkwürdig. Das alles passte nicht zusammen.

„Oh, der Bus fährt ohne Sie weiter!" Ginger blickte dem knatternden Auspuff hinterher, als der Doppeldecker sich wieder in Bewegung setzte, aber der Chinese blieb ruhig und zündete gemächlich eine Zigarette an.

„Dies ist auch mein Stopp", sagte er nur.

„Oh, okay, flötete Ginger und umfasste den Griff ihres Koffers. „Komm, Chloe! Wir brauchen hier nur die Straße runter. Ich kann das Sheraton schon sehen!

Sie lief schon los, unbekümmert und heiter wie eh und je. Chloe beeilte sich sie einzuholen. Als sie sich noch einmal umdrehte, stand der Mann noch immer da und sah ihnen rauchend nach.

„Komischer Kerl", kommentierte sie nur und folgte ihrer Freundin die Straße hinunter zu ihrem Hotel.

Kapitel 3

Alan Lee stand am Fenster seines Büros und starrte die dreiundzwanzig Etagen hinunter auf die Straßen Hongkongs. Die Menschen sahen von hier oben aus wie eine Armeisenschar, die Skyline des Victoria Harbour vor ihm hatte für ihn jeglichen Reiz verloren.

Wann war es passiert, dass er seinen Job begann zu verabscheuen? Dass er sich nach freien Tagen sehnte, die ihm

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