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Wenn die alten Eltern sterben: Das endgültige Ende der Kindheit

Wenn die alten Eltern sterben: Das endgültige Ende der Kindheit

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Wenn die alten Eltern sterben: Das endgültige Ende der Kindheit

Länge:
336 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 12, 2017
ISBN:
9783451810596
Format:
Buch

Beschreibung

Mit den eigenen Eltern wird die eigene Kindheit endgültig zu Grabe getragen und gleichzeitig in der Erinnerung belebt, mit allem Schönen und Schrecklichen. Noch einmal wird spürbar, wie bedeutungsvoll, wie bestimmend die Beziehungen zu ihnen waren und bleiben. Barbara Dobrick zeigt anhand zahlreicher Gespräche mit Frauen und Männern, welche Gefühle, welche Erlebnisse mit dem Tod der Eltern verbunden sein können. Die Autorin hilft Trauernden, ihr Erleben besser zu verstehen und bereitet diejenigen, deren Eltern krank sind oder im Sterben liegen, auf das vor, was auf sie zukommen kann.
Durchgehend überarbeitete und umfassend erweiterte Neuausgabe des Standardwerks.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 12, 2017
ISBN:
9783451810596
Format:
Buch

Über den Autor


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Wenn die alten Eltern sterben - Barbara Dobrick

Barbara Dobrick

Wenn die alten Eltern sterben

Das endgültige Ende der Kindheit

HV-Signet_sw_Mac.eps

Titel der Originalausgabe: Wenn die alten Eltern sterben

© Verlag Kreuz GmbH, Stuttgart 1989

ISBN 3-7831-0986-8

Durchgehend überarbeitete und erweiterte Neuausgabe der überarbeiteten Ausgabe 2007

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv: © Ipatov – shutterstock

E-Book-Konvertierung: de·te·pe, Aalen

Printed in Germany

ISBN (E-Book):  978-3-451-81059-6

ISBN (Buch):      978-3-451-61405-7

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Alles ist ganz anders

Alte, kranke und sterbende Eltern

Die alten Eltern brauchen Hilfe

Ist ein gutes Ende möglich?

Das Sterben der Eltern

Abschiedsrituale

Trauergefühle

Die allererste Reaktion

Allein und verlassen

Trauer um uns selbst – Trauer für die Toten

Ohnmacht, Verzweiflung, Angst

Erleichterung

Wut, Hass, Schuldgefühle, Scham

Idealisierung

Liebe, Sehnsucht, Dankbarkeit

Rückzug und Isolation

Geschwister ohne Elternhaus

Erbe und Vermächtnis

Das endgültige Ende der Kindheit

Nachwort

Personenregister

Anmerkungen

Quellen

[Über die Autorin]

Gewidmet C. M.

In dankbarer Erinnerung

an Ute Bromberger und an meine Eltern

Vorwort

Mit den Eltern wird die eigene Kindheit endgültig zu Grabe getragen und gleichzeitig in der Erinnerung belebt, mit allem Schönen und Schrecklichen. Noch einmal wird spürbar, wie bedeutungsvoll, wie bestimmend die Beziehungen zu Vater und Mutter waren und bleiben. Und beim Abschied werden Söhne und Töchter konfrontiert mit grundsätzlichen Fragen des eigenen Werdens, eigenen Könnens und Unvermögens.

Traurigkeit ist ein wesentliches, aber keineswegs das einzige Gefühl, mit dem Söhne und Töchter auf das Ende dieser Beziehungen antworten. Ohnmacht, Verzweiflung, Scham und Angst, Wut, Hass und Schuldgefühle, Liebe und Sehnsucht, Erleichterung und größere Lebensfreude können sie ergreifen, manche in ein schwer erträgliches oder kaum verständliches Gefühlschaos stürzen.

So wie jeder Mensch einzigartig ist, ist auch jede unserer Beziehungen einzigartig und damit auch jeder Abschied. Diese Individualität anzuerkennen steht nicht im Widerspruch zu dem Bemühen, in diesem Buch Befindlichkeiten und Entwicklungen zu beschreiben, die denen anderer ähneln. Der Wunsch, Gesetzmäßigkeiten zu entdecken und sich bewusst zu machen, steht seit Sigmund Freud für eine neue Dimension der Aufklärung, ein tief gehendes Erkenntnisinteresse. Das war auch mein Ausgangspunkt bei der Arbeit an diesem Thema: Ich wollte wissen, was Söhne und Töchter beim Sterben ihrer Eltern und nach deren Tod bewegt, und verstehen, welche Zusammenhänge es zwischen ihrem Erleben und ihren Beziehungen zu den Eltern gibt.

Dieser Ansatz bezog mich selbst mit ein. Der Wunsch nach Klarheit in meinen Familienbeziehungen hat mich selbst intensiv beschäftigt. Und immer interessierte ich mich brennend für Familiengeschichten, für die private und gesellschaftliche Bedingtheit persönlicher Entwicklungen, zeigen sie doch, dass unsere inneren Koordinaten, unsere Grundkonflikte, ob sie sich zuspitzen oder entspannen, ihre Bedeutung nie verlieren.

Ich hatte das große Glück, Männer und Frauen zu finden, die mir vertrauensvoll und offen von ihren Erfahrungen erzählt haben. Bruno, Gustav, Joachim, Michael und Siegfried, Alexandra, Beate, Erika, Eva, Franziska, Katharina, Sabine und Sandra (sehen Sie hier kurze biografische Angaben zu ihnen) haben sich nicht gescheut, sich an aufwühlende Ereignisse zu erinnern und sie zu beschreiben. Die Gespräche mit ihnen waren von großer Intensität. Sie sind mir nahegegangen und haben das Gefühl dankbarer Verbundenheit geschaffen.

Mir waren die möglichen Erfahrungen beim Tod der Eltern durch die Arbeit an diesem Buch so vertraut geworden, dass ich mich gut vorbereitet fühlte auf den Tod meiner eigenen Eltern. Als er tatsächlich näher rückte, war aber auch für mich manches überraschend, sehr überraschend sogar. Mein Vater starb vor fünf Jahren, meine Mutter vor einem halben Jahr. In dieser Neuausgabe werde ich deshalb auch selbst Auskunft geben.

Für alle Männer und Frauen, die zu Wort kommen werden, war der endgültige Abschied von ihrem Vater und ihrer Mutter mit unerwarteten und starken Gefühlen verbunden, auch wenn ihr Erleben sehr unterschiedlich war.

Ich habe versucht, die Bandbreite der Erfahrungsmöglichkeiten zu schildern. Das bedeutet, dass Leser und Leserinnen sich nicht in allen Punkten wiederfinden können. Die Unterteilung der Trauergefühle geschah aus pragmatischen Gründen und sollte nicht verdecken, wie vielschichtig unser Erleben zu jeder Zeit ist; Trauer kann gerade dadurch gekennzeichnet sein, dass uns sehr unterschiedliche Gefühle nahezu gleichzeitig bewegen.

Die Komplexität der Eltern-Kind-Beziehungen konnte ich nur in einigen Aspekten berühren. So habe ich mich beispielsweise oft darauf beschränkt, von den Eltern allgemein zu sprechen, obwohl wir wissen, dass Mutter und Vater, je nach ihrer Präsenz und der Art des Zusammenlebens, sehr unterschiedliche Bedeutung zukommt.

Ich möchte zeigen, welche Gefühle, welche Entwicklungen am Lebensende der Eltern und durch ihren Tod ausgelöst werden können (aber nicht müssen). Ich hoffe, dass das diejenigen, deren Eltern hilfsbedürftig sind oder im Sterben liegen, dabei unterstützt, diese schwere Zeit durchzustehen, und Trauernden hilft, sich selbst besser zu verstehen. Schließlich hoffe ich, dass es andere dazu anregt, sich in die Situation trauernder Söhne und Töchter einzufühlen. Das Lesen eines Buches kann natürlich weder den Prozess des Trauerns ersparen noch chronische Trauer auflösen. Aber vielleicht kann es sensibilisieren für oft unerkannte Symptome der Trauer und ermutigen, sie ernst zu nehmen. Schön wäre auch, wenn es den Blick schärfen würde für Glück und Unglück des Familienlebens, das uns alle prägt.

Alles ist ganz anders

Ich verstand nicht, daß man allen Ernstes um einen Angehörigen, einen alten Verwandten weinen kann, der über 70 Jahre alt ist.

Wenn ich einer 50jährigen Frau begegnete, die verzweifelt war, weil sie eben ihre Mutter verloren hatte, hielt ich sie für neurotisch.

Simone de Beauvoir¹

Allen Männern und Frauen, mit denen ich über den Tod ihrer Eltern gesprochen habe, tat sich eine tiefe Kluft auf zwischen ihren Erwartungen und der Wirklichkeit. Sie stellten sich ähnliche Fragen wie Simone de Beauvoir: »Warum hat der Tod meiner Mutter (meines Vaters) mich so heftig erschüttert?«² Oder sie waren überrascht, dass das Ereignis, vor dem sie sich ihr Leben lang gefürchtet hatten, weit leichter zu verarbeiten war als gedacht.

Unsere so überaus komplexe psychische Entwicklung war aufs Engste mit dem Dasein der Eltern verbunden – mit dem, was wir tatsächlich mit ihnen erlebt haben, aber auch mit dem, was wir in ihnen gesehen, und dem, was sie in uns gesehen haben. Unsere Entwicklung ist auch eine Geschichte der Trennungen gewesen. Mit jedem Schritt hin zu neuen Fähigkeiten hat sich unsere innere Realität verändert und auch der Blick auf die äußere Wirklichkeit; wir haben vorhergehende Entwicklungsstadien hinter uns gelassen. Die damit in den ersten Lebensjahren verbundenen inneren Konflikte erinnern wir höchstens zu einem kleinen Teil. Aus der Erforschung der kindlichen Psyche wissen wir jedoch, dass sich unsere Phantasien mit dem Verlust von Mutter und Vater beschäftigt haben. Kleine Kinder können die Abwesenheit der Eltern mit deren Tod gleichsetzen und dadurch existenzielle Ängste entwickeln.

Wenn Kinder sich unverstanden, schlecht behandelt, vereinnahmt oder ungeliebt fühlen, sind sie traurig, unglücklich. Oder sie werden wütend; dann wünschen sie ihre Eltern »weg«, das heißt tot, um frei zu sein und endlich wie die Kinder in den Märchen allein in die Welt ziehen zu können; vielleicht ließen sich dort ja bessere, »richtige« Eltern finden. An solche Gedanken erinnern sich viele Erwachsene: Sie wollten ohne die Eltern auskommen, groß und unabhängig sein von deren Unverständnis, Ansprüchen, Übergriffen, deren Macht. Aber dann auf einmal tauchte die Furcht auf, dass solche Wünsche wahr werden könnten, dass man tatsächlich allein und plötzlich gar nicht stark und groß, sondern völlig hilflos und unbeschützt wäre. Das waren Phantasien, die zum seelischen Wachsen gehören.

Entsetzlich ist es, wenn die Angst vor dauerhafter Trennung den Realitäten entspricht, wenn die Beziehung nicht nur durch die Phantasie des Kindes infrage gestellt ist, sondern durch Vernachlässigung, Drohungen, körperliche oder seelische Krankheit der Eltern oder von außen, durch Krieg oder andere Gewalt tatsächlich gefährdet. Wenn man bedenkt, dass die heute 75- bis 100-Jährigen zwischen 1917 und 1942 geboren wurden und auch viele ihrer Kinder Krieg und Flucht oder deren Auswirkungen in der Familie erlebt haben, dann ist klar, wie fragil das Vertrauen in eine sichere Umwelt, in die Belastbarkeit der Eltern für sie oft gewesen sein muss.

Aber auch wenn die frühen Bindungen zu den Eltern tragfähig genug waren, um seelisches Wachstum einigermaßen ungestört zu ermöglichen, bleibt die Angst vor Trennungen bei vielen Menschen groß. Das spüren sie in ihren Beziehungen zu ihren Lebensgefährten, ihren Kindern und Freunden.

Viele erwarten jedoch nicht, dass der Tod ihrer alten Eltern sie in Angst und tiefe Trauer versetzen kann. Die Eltern haben ihr Leben gelebt, Söhne und Töchter sind lange schon erwachsen, unabhängig von der Lebensgemeinschaft mit ihnen, haben meist selbst Kinder, womöglich Enkelkinder. Der Tod der Eltern gilt dann als gewiss trauriges, aber nicht sonderlich belastendes Ereignis. So haben Söhne und Töchter selbst gedacht, wenn auch nicht unbedingt so ausdrücklich wie Simone de Beauvoir: »›Er ist in dem Alter, wo man stirbt.‹ Das ist die traurige Wahrheit der alten Leute … Auch ich habe in dieser Schablone gedacht, sogar, als es um meine Mutter ging.«³

Franziska war nicht beunruhigt gewesen von der Vorstellung, dass ihre Eltern irgendwann nicht mehr leben würden. Tatsächlich aber hat deren Tod sie in eine Lebenskrise geworfen. Zuvor waren ihre Gedanken in eine andere Richtung gegangen: »Mich hat die Frage beschäftigt, was ist, wenn meine Eltern pflegebedürftig werden. Ich hatte ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu ihnen, besonders zu meiner Mutter. Für mich stand deshalb immer die Frage im Vordergrund: Um wen mag ich mich kümmern, mag ich mich überhaupt um sie kümmern; würde ich sie zu mir holen? Ich habe immer gemeint, bevor jemand stirbt, ist er alleine nicht mehr lebensfähig, und ich als Tochter müsste mich entscheiden, ob ich sie als Greise um mich haben will oder nicht.«

Brunos Vater war längere Zeit krank, bevor er mit 78 Jahren starb. Bruno ist Arzt und hat die schwere Krankheit seines Vaters genau gekannt. »Ich habe mir häufiger überlegt, wie er wohl sterben würde, und auch versucht, mir vorzustellen, wie ich damit fertig würde. Ich hatte mir die Umstände seines Todes ähnlich vorgestellt, wie sie dann auch waren, nämlich als akutes Ereignis. Ich dachte, ich würde am ehesten mit einer gewissen Erleichterung darauf reagieren, weil es das Ende seiner Krankheit und seines Leidens sein würde. In Wirklichkeit war es ganz anders. Ich war völlig fassungslos und sehr traurig.«

Trauer kann nicht vorweggenommen, ein schmerzliches Erlebnis nicht wirklich antizipiert werden. Aber es ist ein großer Unterschied, ob jemand sagt: Es ist schlimmer, als ich gedacht hatte, oder ob es heißt: Ich hätte nicht gedacht, dass es schlimm sein würde. Die meisten sind schlecht, gar nicht oder falsch vorbereitet auf den Abschied von den Eltern. Auch deshalb ist die Gefahr groß, dass sich Söhne und Töchter ihre Gefühle nicht zugestehen oder ihnen nicht trauen. Wer sich seiner Trauergefühle schämt, weil er eben nicht als »neurotisch« gelten möchte, läuft Gefahr, sie verleugnen, verdrängen, bagatellisieren und so konservieren zu müssen.

Trauernde haben es immer noch schwer in unserer Gesellschaft, die die Trauer lange verpönt hat, zu reglementieren oder auszuschließen versuchte. Inzwischen gibt es auf vielen Ebenen Bemühungen, dies zu ändern. Ein neues Bewusstsein ist entstanden, vor allem durch die Hospizbewegung, deren Hilfe Sterbende und ihre Angehörigen überall in Deutschland in Anspruch nehmen können.⁴ In Krankenhäusern sind Palliativstationen entstanden und Sterbenden steht auch zu Hause palliative Versorgung zu. Veröffentlichungen und Debatten haben zu einer größeren Offenheit geführt. Dennoch bleibt auch der Wunsch wirksam, Krankheit und Sterben mögen unauffällig und abgeschirmt bleiben, und Angehörige erleben, dass sie gemieden werden, weil andere sich durch ihre Trauer verunsichert fühlen, nichts hören wollen von Siechtum, Tod und Kummer. Tabuisierungen der Trauer haben zwar nachgelassen, aber weiterhin existieren unrealistische Erwartungen über deren Gewicht, Tiefe und Dauer – gerade was den Tod alter Eltern anlangt.

Joachim hat seine Eltern vor 15 Jahren verloren. Sie starben beide innerhalb eines Vierteljahres. Er war damals 45 Jahre alt. »Ich habe zwar gewusst, dass das ein Schmerz ist, aber dass es so viel Zeit braucht, bis er abklingt, habe ich nicht für möglich gehalten.«

Intensität und Dauer ihrer Trauer waren für Franziska, Bruno und Joachim völlig überraschend. Gustav hat eine ähnliche Erfahrung gemacht. Seine Mutter war sehr lange krank gewesen, und er hatte sich allmählich auf ihren Tod eingestellt. »Die Vorstellung, ich könnte den Tod meiner Mutter einfach so verschmerzen, auch weil ich durch diese Krankheitsperiode darauf vorbereitet war, stimmte nicht. Es hat sich gezeigt, dass es etwas völlig anderes ist, sich gedanklich darauf vorzubereiten, als die Tatsache des eingetretenen Todes zu verarbeiten. Dieser Unterschied hat mich in meinem Verständnis von mir selbst voll getroffen.«

Sabine war 40 Jahre alt, als erst ihr Vater, bald darauf auch ihre Mutter starb. »Für mich als reflektierender Mensch war dann die enge Verbindung, die Liebe zwischen Eltern und Kind, besonders zwischen Mutter und Kindern, plötzlich fragwürdig geworden, weil sie zu solchen Schmerzen führt. Ich habe mich gefragt: Was bringt mir die Liebe einer Mutter, wenn ich hinterher so leiden muss? Das hat mich aus der Bahn geworfen und zweifeln lassen an diesem Konstrukt Mutter-Kind.«

Was viele am wenigsten erwarten, ist: Der Tod der Eltern kann das Selbstverständnis erschüttern, die Person verändern. Es ist nicht nur möglich, dass Söhne und Töchter ratlos und bedrückt erkennen, wie sehr sie noch an die Eltern gebunden waren, wie heftig ihre Trauergefühle sind. Es kann auch so sein, dass der Tod der Eltern in der Vorstellung nur Schrecken und Entsetzen auslöste, in Wirklichkeit aber zu mehr Unabhängigkeit und größerem Lebensmut führt.

Beate, die allein lebt und sich ganz auf ihren Beruf konzentriert – sie ist Kauffrau –, hatte eine sehr enge Bindung an ihre Mutter, die vor sechs Jahren völlig unerwartet starb. Beate war damals 32 Jahre alt. »Ich wusste zwar, irgendwann wird das mal kommen. Ich habe gedacht, ich wäre todunglücklich und könnte das Leben gar nicht mehr meistern, oder ich würde mich irgendwo wie ein hässliches Entlein in einer Ecke verstecken und nur in Trauer an meine Mutter denken. Dass ich so eine Wahnsinnsentwicklung durchmachen und mich jemals so frei fühlen würde wie jetzt, das hätte ich mir nie vorstellen können.«

Eva war 40 Jahre alt, als ihre Mutter starb. Sie ist eine besonders schöne, sehr lebhafte Frau. Ihre strahlende Erscheinung und ihr Beruf als Ingenieurin erwecken den Anschein von innerer Freiheit und Souveränität. Doch gleich zu Beginn unseres Gesprächs sagt Eva etwas Merkwürdiges: »Ich hab mir immer gedacht, wenn meine Mutter nicht mal stirbt, dann verändert sich mein ganzes Leben. Ich werde wahrscheinlich ganz traurig werden, nicht mehr so lustig sein und so viel lachen.«

Nachdem ich mehr über Eva und ihre ungeklärte Beziehung zu ihrer Mutter erfahren hatte, konnte ich diesen Versprecher nicht als Zufall verstehen, sondern dachte, er weise womöglich auf eine tiefer liegende Wahrheit hin. Denn auch für Eva hat sich nach dem Tod ihrer Mutter vieles zum Besseren gewendet.

Alte, kranke und sterbende Eltern

Ich war immer überzeugt, dass die Art, wie man dem Tod begegnet, weitgehend vom Beispiel der Eltern bestimmt wird. Das letzte Geschenk, das Eltern ihren Kindern machen können, ist, ihnen zu zeigen, wie man dem Tod mit Gleichmut und Würde entgegentritt.

Irvin D. Yalom¹

Das Lebensende der Eltern führt zu Rückblicken: Am Anfang waren die Eltern aus Sicht ihrer Kinder groß und mächtig. Sie verkörperten Befriedigung und Hunger, Liebe und Strafe, Schutz und Verlassenheit, Freude und Angst. Ihre Befindlichkeit, ihr Verhalten, ihre Haltungen grundierten unsere Welt. Und zunächst waren sie die ganzeWelt für uns. Einen Teil dieses Gefühls tragen wir auch als Erwachsene noch in uns und mit ihm die Furcht, die Liebe oder die Aufmerksamkeit der Eltern zu verlieren.

In der Kindheit hat das Wort Liebe viele Bedeutungen: Geborgenheit und Wohlbehagen – aber auch Gehorsamszwang; Nähe, Wärme, Glück – aber auch Versagungen und Verletzungen; Pflicht. Elternpflicht gegen Kindespflicht. Bindung. Identifikation. Abhängigkeit. Zuneigung und Ablehnung. Ein Kind braucht die Bindung – ob sie nun liebevoll ist oder nicht. Es hat keine Wahl. Am Lebensende der Eltern fühlen wir, was von all dem, was wir durch unsere Eltern erfahren haben, besonderes Gewicht hatte, was unverwüstlich ist. Wir fühlen es an unserer Bereitschaft, den Eltern beizustehen, an unseren guten Wünschen für sie, an Freude beim Zusammensein, an zärtlichen Gefühlen, Blicken und Berührungen. Wir fühlen es aber auch an unserem Widerwillen, unserer Abwehr gegen Vereinnahmungen und körperliche Nähe, an Empörung, Überdruss, Groll. Meist gibt es von allem etwas, denn unsere wesentlichen Beziehungen sind ambivalent.

Viele von uns haben gelernt, dass der Liebe nicht zu trauen war, dass sie flankiert wurde durch Vorschriften, Gebote, Strafen. Das war für alle, die vor 1968 aufwuchsen, normal, in unserer Gesellschaft selbstverständlich. Und auch außerhalb der Familie wurde gedroht, bestraft, gezüchtigt. Wer christlich erzogen wurde, bekam zu hören, dass die Eltern gleich nach Gott kommen, der auch Vater genannt wird, und dass es ein Gottesgesetz gibt, das fordert: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.« Es hieß, wir schuldenunseren Eltern Liebe und Gehorsam, und wir wurden zwangsläufig schuldig, weil wir sie nicht immer lieben konnten. Unsere Wut über Versagungen der Eltern führte in Angst. Weil kleine Kinder ihren Phantasien die Kraft von Taten zumessen, fürchteten wir womöglich, unsere Wut könne den Eltern Schaden zufügen. Das war umso schwerer zu verkraften, je weniger wir in unserer Not verstanden, je härter wir bestraft wurden. Aus der Ehrfurcht musste so Furcht werden. Von Ehrfurcht der Erwachsenen Kindern gegenüber, von Achtung vor deren Bedürfnissen, deren Würde, war früher kaum etwas zu hören, oft auch wenig – und das ist wichtiger – zu spüren. Es war also nur konsequent, Kinder in die Pflicht zu nehmen. Das hatte Tradition und blieb unheilvoll wirksam. Alexander und Margarete Mitscherlich sprachen von »einer deutschen Art zu lieben«, die Gehorsam als Liebe ausgibt.²

Die christlich geprägten Erziehungspraktiken waren für jene, die heute ihre alten Eltern verabschieden, nicht nur oft durch Gewalttätigkeit gekennzeichnet, sondern zementierten die Macht der Eltern auf perfide Weise.³ Zum einen, weil Liebe und Leid zu einer »frohen Botschaft« verknüpft wurden, zum anderen, weil sie von Gegensätzen wie Sünde oder Gutsein, richtig oder falsch ausgingen, also keine Zwischentöne und Widersprüche akzeptierten. Die für die kindliche Entwicklung charakteristischen Konflikte wurden negiert. Wer an der Macht der Eltern rüttelte, stellte Gott gleich mit infrage.⁴ Oder doch zumindest die allgemein anerkannte Ordnung. Wie viel Mut und Kraft es bedarf, ideologisch unterfütterte Bindungen zu lockern, können wir heute an jenen islamischen Frauen und Männern erkennen, die sich aus ähnlich rigiden Familien- und Gesellschaftsnormen befreien wollen. Wie starr auch unsere eigenen lange waren, scheint in Vergessenheit geraten zu sein.

Erst nach 1968 wurden Autoritäten und Autoritätsgläubigkeit infrage gestellt – im Westen. In der DDR blieb es lange darüber hinaus bei den alten Maximen, die Hans-Joachim Maaz so beschreibt: »Man kann das Ziel staatlicher Erziehung auf einen Punkt bringen: Die Individualität hemmen und den eigenen Willen brechen! Dieses Prinzip wurde rücksichtslos auf allen Stufen der staatlichen Erziehung durchgesetzt.«⁵ Die vom Staat propagierte »gereifte sozialistische Persönlichkeit« pervertierte den Begriff »reife Persönlichkeit«, kehrte ihn regelrecht um. DDR-Kinder sollten sich – ideologisch sattelfest – ins Kollektiv einordnen, anstatt psychisch und intellektuell selbstbewusst zu werden. Das konservierte auch in vielen DDR-Familien die in Ost und West zunächst gleichermaßen selbstverständliche autoritäre Erziehung. »Die meisten Eltern waren selbst Opfer repressiver Erziehung, und sie waren in einer Gesellschaft zu leben genötigt, die nur Anpassung und Unterwerfung belohnte.«⁶

Kinder sind um einen guten Start ins Leben betrogen worden, wenn ihre Eltern sie nicht lieben und verstehen konnten, wenn es ihnen – mehr oder weniger bewusst – um sich selbst ging statt um Anleitung zu gerechtem und respektvollem Zusammenleben. Kann ein Kind Vater und Mutter lieben und achten, wenn es auf seine Würde verzichten soll? In eklatanten Fällen ist die Antwort ein klares Nein. Monika Jetter hat es ausgesprochen. Wer liest, wie sie von ihrem »Kriegsvater« gedemütigt und misshandelt wurde, versteht, warum es da nur Angst und Ablehnung geben konnte. In ihrem Buch zitiert sie eine Leidensgenossin, die erzählt, ihr Vater habe sie wie einen Rekruten in schlimmsten Kommisszeiten drangsaliert: »Wenn er mich herumkommandierte und ich anfing zu weinen, musste ich vor ihm wie eine kleine Ente herumwatscheln. … Das Schlimmste für mich bis heute ist, dass ich immer noch hoffte, er würde mich, wenn ich herumwatschelte wie eine Ente, doch noch lieb haben.«

All die Jahre ihres Erwachsenenlebens haben sich viele nur notdürftig eingerichtet mit dem, was sie durch ihre Eltern einst lernten, haben ihr Unwohlsein zur Seite geschoben, andere Beziehungen gesucht und gefunden, zu einem Mann, einer Frau, zu ihren Kindern, zu Freunden. Bei anderen Menschen suchten sie auch Erholung von der Kindheit, nach Heilung früher Verstörungen.

Trotz gravierender Verletzungen, die nicht ausreichend geklärt wurden, haben sie akzeptiert, dass ihre Eltern weiterhin Zuwendung von ihnen erwarteten, oft regelrecht einklagten. Sie haben regelmäßig Weihnachtstage mit ihnen verbracht, Geburtstagsgeschenke gekauft und entgegengenommen. Aber sie haben sich nicht immer wohlgefühlt dabei, haben Kopfschmerzen bekommen, sind plötzlich in Tränen ausgebrochen, ohne zu wissen, warum, oder haben sich betrunken. Sie haben ihre Abneigung hinuntergeschluckt, zu schlechter Laune gezähmt, anderen ihr Leid geklagt und die Strapazen von Familientreffen als unveränderbar angesehen. Oder sie sind die Kinder geworden, die sich ihre Eltern gewünscht hatten: Sie haben sich um Mutter und Vater mehr gesorgt als um sich selbst, haben sie täglich angerufen. Kurz, sie sind eng an sie gebunden geblieben. Äußerlich ist das nicht zu sehen. Die erwachsenen Kinder gehen ihrer Arbeit nach, haben meist selbst eine Familie, Freunde, machen Reisen. Aber im Verhältnis zu den Eltern stimmte etwas nicht. Das spürten sie selbst dann, wenn sie es nicht genau benennen konnten. Sie wollten sich jedoch auf das Positive konzentrieren. Das gab es ja auch.

Dass es anders sein könnte, darauf hat es kaum Hinweise gegeben, im Gegenteil. Auch Freunde berichteten von Spannungen und Enttäuschungen, von Ärger und Unmut, von skurrilen Verhaltensweisen, wenn sie von ihren Eltern erzählten. Ihnen gelang es ebenso wenig, die Beziehungen souverän und angenehm zu gestalten. Alle scheinen in eine Familienideologie verstrickt zu sein, die den Zustand lebenslanger Abhängigkeit zur Normalität erklärt. Und unsere Sprache spiegelt es wider: Es gibt kein Wort für den erwachsenen Sohn, die volljährige Tochter; wir bleiben Kinder im Verhältnis zu den Eltern, selbst wenn wir längst Männer und Frauen geworden sind – selbst im Alter noch.

Manchen Söhnen und Töchtern kommen ihre Eltern vor wie Leimruten. Selbstschutz gebietet ihnen, sich möglichst fernzuhalten. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen schreibt, er habe die Gefühle seiner Mutter abweisen müssen, »Gefühle, die ich für sie erst haben konnte, als sie tot war.« Aber er spürte sie schon zuvor: »Am Ende ihres Lebens, als sie ein Jahr lang Chemotherapie und Bestrahlung über sich ergehen ließ und allein lebte, hatte ich endlich angefangen, sie zu lieben. … Das letzte Jahrzehnt ihres Lebens … war ein mieses Blatt, und sie spielte es wie eine Siegerin. Doch selbst zum Ende hin ertrug ich es nicht, länger als drei Tage am Stück mit ihr zusammen zu sein.«

Wir möchten Teil einer liebevollen, einer guten Familie sein. Aber was ist das? Eine gute Familie ist veränderungsfähig, kann den sich wandelnden Bedürfnissenall ihrer Mitglieder gerecht werden. Sie ist offen für Kritik, kann sich korrigieren. Kinder dürfen sich ihren Fähigkeiten entsprechend entwickeln, weil ihre Eltern die dafür notwendigen Voraussetzungen schaffen und sie dabei unterstützen, sie lieben und ihnen Halt geben können, ohne sie auf Dauer festzuhalten. Aus Kindern werden selbstverantwortliche Erwachsene, die sich abgrenzen können, und Eltern nehmen ihre Großelternrolle an, ohne in die Familien ihrer Kinder hineinzuregieren. Theoretisch klingt das einfach; in der Praxis ist es das aber keineswegs.

Die innere Ablösung von den Eltern fällt jeder Generation schwer, obwohl sie heute seltener zu Brüchen führt als direkt nach der Zeitenwende von 1968. Sie wird aber immer noch eher als Lieblosigkeit empfunden, als Verrat interpretiert denn als gesunde und notwendige Entwicklung. Die Männer und Frauen, die jetzt mit dem Abschied von ihren alten Eltern beschäftigt sind, konnten oft gar kein Verständnis für ihre Autonomiebestrebungen finden. So blieben viele Familienbeziehungen ungeklärt, ungemütlich, spannungsgeladen. Enkel wirkten dann oft entlastend. Sie sorgten für neues Leben in der Bude und für Gemeinsamkeiten zwischen jungen Eltern und Großeltern. Sohn und Tochter freuten sich über die Freude ihrer Eltern an den Kindern, waren ihnen dankbar für ihre Unterstützung, erlebten nicht selten, dass ihre Eltern mit den Enkelkindern großzügiger und unbeschwerter sein konnten als mit ihnen. Sie sind froh darüber, dass ihre Kinder Großeltern haben, die sie lieb haben können. Und sie erlebten selbst, wie schwer und anstrengend es ist, eine gute Mutter, ein guter Vater zu sein,

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