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MATTHEW CORBETT und die Hexe von Fount Royal (Band 2): Roman

MATTHEW CORBETT und die Hexe von Fount Royal (Band 2): Roman

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MATTHEW CORBETT und die Hexe von Fount Royal (Band 2): Roman

Länge:
507 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 4, 2017
ISBN:
9783958352315
Format:
Buch

Beschreibung

"… eine herausragende Geschichte, fesselnd und voller Spannung …" [Stephen King]

Inhalt:

Geht eine Hexe in Carolina um? Das zumindest glauben die Bewohner der kleinen Stadt Fount Royal. Ihr Name ist Rachel Howarth, eine Fremde - wunderschön und mutig. Kein Wunder, dass sie von manchen Einwohnern gehasst wird und den meisten zumindest suspekt vorkommt.

Der fahrende Friedensrichter Isaac Woodward und sein scharfsinniger Gerichtsdiener Matthew Corbett sollen ihr den Hexenprozess machen. Die Beweise sind erdrückend: In ihrem Haus finden sich okkulte Hinweise, sie weigert sich, die Worte des Herrn zu sprechen, und Zeugen berichten von unaussprechlichen Dingen, die sie mit dem Leibhaftigen selbst begangen haben soll.

Aber Matthew zweifelt an den Anschuldigungen. Gibt es so etwas wie Hexerei wirklich? Und wenn Rachel tatsächlich wie ein Dämon durch die Nacht fliegen kann, wieso hat sie sich dann nicht längst selbst aus dem Gefängnis befreit?

In Fount Royal gehen noch weitaus rätselhaftere Dinge vor. Wer ermordete Rachels Ehemann? Wer wäre imstande, eine ganze Stadt zu paralysieren? Und wer würde davon profitieren, wenn die Hexe verbrannt würde?

Es tobt tatsächlich ein Kampf zwischen Gott und Teufel, zwischen Gut und Böse in dieser Stadt, und selbst die Unschuldigen sind nicht länger sicher. Schon bald muss sich Matthew Corbett mit Herz und Hirn dem wahrhaftigen Bösen stellen, das in Fount Royal umgeht ...
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 4, 2017
ISBN:
9783958352315
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

MATTHEW CORBETT und die Hexe von Fount Royal (Band 2) - Robert McCammon

Autor

Kapitel 1


Matthew konnte das stürmische Meer tosen hören. Wellen schlugen gegen Inseln oder brachen sich auf Sandbänken vor dem Sumpf, durch den er sich jetzt mit großen Schwierigkeiten kämpfte. Vor ihm, fast schon außer Sichtweite, ging der mitternächtliche Herumschleicher: ein dunkler, sich bewegender Fleck in der Finsternis. Wäre da nicht der schwache orangefarbene Mond gewesen, dessen kümmerliches Licht eifersüchtig von den dahinjagenden Wolken gehortet wurde, hätte er ihn schon längst aus den Augen verloren.

Es war offensichtlich, dass der Mann nicht zum ersten Mal hier war, sondern vermutlich öfter herkam. Obwohl ihm keine Laterne den Weg leuchtete, ging er schnell und sicheren Fußes. Wegen des hüfthohen Sumpfgrases und Schlamms, der an den Schuhen saugte, war es schwierig und mühsam – aber Matthew schaffte es, ihm auf den Fersen zu bleiben.

Fount Royal hatten sie schon weit hinter sich gelassen. Matthew schätzte, dass sie sich mindestens eine Viertelmeile vom Wachturm entfernt hatten, an dem er dank einer Abkürzung durch das Kiefernwäldchen unbemerkt vorbeigekommen war. Falls der Wachmann nicht geschlafen hatte – was Matthew stark bezweifelte –, musste er zum Meer hinausgeschaut haben. Wer erwartete auch schon, dass sich mitten in der Nacht jemand aus der Stadt in diesen Morast wagen würde?

Der mitternächtliche Wanderer hatte ein klares Ziel vor Augen; eines, das seinen Füßen Flügel verlieh. Matthew hörte rechts von sich etwas im Gras rascheln. Es klang nach etwas Großem und Unheimlichem, sodass sich auch seine Schritte plötzlich beschleunigten. Im nächsten Moment jedoch erkannte er, dass der Sumpf sein schlimmster Feind war: Er marschierte in einen seichten Tümpel hinein, der seine Knie umfing und ihm fast die Beine unterm Leib wegzog. Seine Schuhe blieben auf dem Grund des Tümpels im Schlamm stecken, und es gelang Matthew nur mit äußerster Mühe, sich wieder zu befreien. Als er sich aus dem Wasser herausgekämpft hatte, bemerkte er, dass er die Gestalt, die er verfolgte, nicht mehr sehen konnte. Er ließ den Blick von rechts nach links und wieder zurück schweifen, doch inzwischen war es stockfinster geworden.

Immerhin wusste er, dass der Mann in ungefähr diese Richtung gegangen war. Er setzte sich wieder in Bewegung und passte besser auf, wohin er trat. Der Sumpf war wirklich ein tückischer Ort. Der mitternächtliche Herumschleicher musste schon oft hier gewesen sein, dass er so problemlos an all den Gefahren vorbeiging. Matthew nahm an, dass sich der Mann die sicherste Route aufgezeichnet und auswendig gelernt haben musste.

Nach drei oder vier weiteren Minuten konnte Matthew noch immer keine Bewegung in der Dunkelheit entdecken. Er warf einen Blick zurück und sah, dass sein Weg ihn um eine Landspitze herumgeführt hatte. Zwischen ihm und dem Wachturm, der jetzt wohl mehr als eine Meile entfernt war, lag ein schwarzer Waldstreifen aus Kiefern und Sumpfeichen. Vor ihm erstreckte sich nur noch mehr Sumpf. Er versuchte sich zu entscheiden, ob er umdrehen oder weitergehen sollte. Hier draußen war alles undurchdringlich schwarz und finster – was konnte er schon erreichen? Ein paar Schritte ging er trotzdem noch, und hielt dann an, um den Horizont zu betrachten. Mücken tanzten ihm um die Ohren, waren auf der Suche nach Blut. Im Schilf quakten Frösche. Von einem anderen Menschen war keine Spur zu sehen.

Warum trieb sich jemand hier herum? Zwischen Matthews Fußabdrücken und der Stadt Charles Town ließ sich in dieser trostlosen Wildnis kaum eine einzige zivilisierte Menschenseele finden. Was also wollte diese geheimnisvolle Gestalt hier?

Matthew schaute zu den Sternen empor. Der Himmel war so endlos und der Horizont so weit, dass man sich fürchten konnte. Das Meer war wie ein eigener, finsterer Kontinent. Als er so an diesem Küstenstreifen stand, die unerforschte Welt in seinem Rücken, wurde Matthew bange. Es war, als würden sein inneres Gleichgewicht und sein Platz auf dieser Erde von der endlosen Weite herausgefordert. Plötzlich verstand er, warum Menschen das Bedürfnis hatten, Dörfer und Städte zu bauen und sie mit Palisaden zu umringen: Es war nicht nur, um sich vor den Indianern und wilden Tieren zu schützen, sondern auch, um sich die Illusion von Kontrolle in einer Welt zu erhalten, die zu groß war, um gezähmt zu werden.

Dann wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Auf dem Meer blinkten zweimal zwei Lichter auf.

Matthew hatte gerade wieder nach Fount Royal zurückgehen wollen, aber jetzt blieb er wie angewurzelt stehen. Ein paar Sekunden verstrichen. Dann blinkten die beiden Lichter erneut.

Was als Nächstes passierte, brachte Matthews Herz fast zum Stocken. Keine fünfzig Meter von ihm entfernt tauchte eine helle Laterne auf, die in die Luft gehoben wurde. Die Laterne schwankte hin und her, und verschwand mit einem Mal. Matthew vermutete, dass der rätselhafte Mann sie unter seinem Mantel verbarg, und dass er sich zuvor hingekauert haben musste, um ein Streichholz und dann die Kerze anzuzünden. Oder dass er das unter seinem Mantel gemacht hatte. Wie auch immer – er hatte damit auf das Lichtsignal vom Meer geantwortet.

Vorsichtig duckte Matthew sich ins Sumpfgras, bis er gerade noch etwas sehen konnte. Er wollte näher ans Geschehen heran und begann, sich leise und wachsam auf die Stelle zuzubewegen, an der die Laterne aufgeleuchtet hatte. Ihm schoss der Gedanke durch den Kopf, dass er, falls er in dieser geduckten Stellung auf eine Giftschlange treten sollte, in eine äußerst sensible Stelle gebissen werden würde. Er konnte sich dem Mann im dunklen Mantel bis auf dreißig Fuß nähern. Dann war er gezwungen anzuhalten, weil das hohe Gras dort aufhörte. Der Mann stand auf festem Sand, nur ein paar Meter von den schäumenden Wellen des Atlantiks entfernt. Er wartete auf irgendetwas. Sein Gesicht war dem Meer zugewandt, seine Laterne unter dem Mantel versteckt.

Auch Matthew wartete. Nach ungefähr zehn Minuten, während derer der Mann ungeduldig hin und her ging, ohne sich weit von seinem Standposten zu entfernen, konnte Matthew einen schemenhaften Umriss auf dem dunklen Meer ausmachen. Erst kurz bevor es das Ufer erreichte, erkannte Matthew, dass es sich um ein schwarz oder dunkelblau gestrichenes Ruderboot handelte. Drei Männer waren an Bord, alle in dunkle Sachen gekleidet. Zwei von ihnen sprangen in die Brandung und zogen das Boot an den Strand.

Matthew wurde klar, dass das Ruderboot von einem größeren Schiff weiter draußen auf dem Meer gekommen sein musste. Ich habe den Spitzel der Spanier gefunden, dachte er.

»Seid gegrüßt!«, rief der Mann, der im Ruderboot geblieben war – und der sich alles andere als spanisch anhörte, sondern vielmehr so, als stammte er aus Gravesend, England. Er kletterte aus dem Boot auf den Sandstrand. »Wie geht's?«

Der nächtliche Wanderer aus Fount Royal antwortete mit so leiser Stimme, dass Matthew kein einziges Worte ausmachen konnte.

»Sieben diesmal«, meinte der Ruderbootpassagier. »Das sollte Euch reichen. Schafft sie raus!« Der Befehl richtete sich an die beiden anderen Männer, die nun etwas, das wie Holzeimer aussah, aus dem Boot zutage förderten. »Gleiche Stelle?«, fragte er den Mann aus Fount Royal, der daraufhin nickte. »Ihr seid ein richtiges Gewohnheitstier, was?«

Der Mann holte die Laterne aus seinem Mantel, und im gelben Kerzenschein konnte Matthew sein Profil erkennen. »Ich bin ein Mann mit guten Gewohnheiten«, erwiderte der Stadtverwalter Edward Winston streng. »Hört auf zu schwätzen – vergrabt das, und fertig!« Er senkte die Laterne, mit der er dem anderen Mann zu verstehen gegeben hatte, dass ihm nicht nach trödeln zumute war.

»Gemach, gemach!« Der Mann langte ins Boot und holte zwei Schaufeln heraus, mit denen er bis zu der Stelle den Strand überquerte, an der das hohe Sumpfgras begann. Kaum fünfzehn Fuß von Matthew entfernt, an einer Stelle, an der stachelige Sägepalmen wuchsen, blieb er stehen. »Hier wollt Ihr sie haben?«

»Das passt schon«, sagte Winston, der ihm gefolgt war.

»Bringt sie rüber!«, befahl der andere seinen Männern. »Und zwar flott, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit!« Die anscheinend versiegelten Eimer wurden an die Stelle bei den Palmen gebracht. Der Ruderbootpassagier gab den Männern die Schaufeln, die auch sogleich zum Einsatz kamen.

»Ich weiß, wo noch eine dritte Schaufel ist«, sagte Winston. »Ihr könntet sie benutzen, Mr. Rawlings.«

»Ich bin doch keine verdammte Rothaut!«, gab Rawlings scharf zurück. »Sondern ein Dieb!«

»Dem möchte ich widersprechen. Ihr seid ein Indianer, und Mr. Danforth ist Euer Häuptling. Ich würde Euch vorschlagen, dass Ihr für das Geld von ihm auch einen Handschlag leistet.«

»Die paar Münzen, Sir! Für diese Arbeit heute Nacht ist das äußerst wenig!«

»Je schneller alles vergraben ist, desto schneller könnt Ihr wieder gehen.«

»Wozu überhaupt was vergraben? Wer soll denn schon herkommen und das finden?«

»Sicher ist sicher. Stellt einen Eimer beiseite und vergrabt die anderen. Und zwar ohne Widerworte.«

Rawlings brummelte leise vor sich hin, griff in das Palmengestrüpp und zog eine Schaufel mit kurzem Stiel heraus, die dort versteckt gewesen war. Matthew sah, wie Rawlings im gleichen Rhythmus wie seine Männer zu graben begann. »Und wie ist das jetzt mit der Hexe?«, fragte er Winston während des Schaufelns. »Wann wird sie gehängt?«

»Gehängt wird sie nicht. Sie kommt auf den Scheiterhaufen. Ich denke, in den nächsten Tagen.«

»Damit seid Ihr dann auch fertig, was? Ihr und Danforth!«

»Kümmert Euch besser ums Schaufeln«, fuhr Winston ihn an. »Allzu tief muss es nicht sein, aber es muss gut zugeschüttet werden.«

»Ist ja gut! Macht weiter, Jungs! Wir wollen ja nicht mehr Zeit als nötig in diesem Teufelsland verbringen.«

Winston grunzte. »Ob hüben oder drüben – es ist doch alles Teufelsland, oder?« Er klatschte sich auf die linke Seite seines Halses und erschlug damit einen kleinen Blutsauger.

Es dauerte nicht lange, bis im Sand ein Loch entstand, in welches sechs der Eimer versenkt und gleich darauf zugeschaufelt wurden. Rawlings verstand sich gut darauf, so zu tun, als würde er schwer arbeiten: Sein Gesicht verzerrte sich, sein Atem ging in Stößen – aber angesichts der kleinen Menge Sand, die von seiner Schaufel bewegt wurde, hätte er genauso gut einen Löffel in der Hand halten können. Als die Eimer vergraben waren, trat Rawlings einen Schritt zurück, wischte sich mit dem Arm übers Gesicht und sagte: »Wunderbar, wunderbar!«, als würde er sich selbst zum vollendeten Werk beglückwünschen. Er stellte seine Schaufel zurück ins Versteck in den Palmen und grinste Winston breit an, der schweigend zugeschaut hatte. »Das war dann wohl die letzte Fuhre!«

»Ich denke, dass wir noch einen Monat lang weitermachen sollten«, sagte Winston.

Rawlings verging das Grinsen. »Wozu braucht Ihr denn noch mehr, wenn sie verbrannt wird?«

»Da wird es schon noch Gründe geben. Sagt Mr. Danforth, dass ich zur verabredeten Stunde hier sein werde.«

»Wie Ihr wünscht, Majestät!« Rawlings verbeugte sich übertrieben und die beiden anderen Männer lachten. »Sonst noch irgendwelche Botschaften, die wir dem Königreich übermitteln sollen?«

»Unsere Zusammenarbeit ist hiermit beendet«, sagte Winston kalt. Er hob den siebten Eimer am Drahtgriff an, der beiseitegestellt worden war, und drehte sich abrupt in Matthews Richtung um. Matthew duckte sich sofort und drückte sich ins Gras.

»Ich hab noch nie 'ne Hexenverbrennung gesehen!«, rief Rawlings Winston hinterher. »Seht zu, dass Ihr hingeht, damit Ihr mir alles erzählen könnt!«

Winston antwortete nicht. Er marschierte weiter. Erleichtert stellte Matthew fest, dass sich Winston zehn oder zwölf Fuß von ihm entfernt in westlicher Richtung davon bewegte. Schließlich war er mit seiner tiefgehaltenen Laterne an Matthew vorbei. Die Kerze würde er vermutlich schon lange löschen, bevor er sich dem Wachturm näherte, vermutete Matthew.

»Das arrogante Arschloch! Den kann ich mit dem kleinen Finger umlegen!«, prahlte Rawlings, nachdem Winston außer Hörweite war.

»Den kannst du mit deinem gottverdammten Atem umlegen!«, sagte einer der Männer. Der andere lachte.

»Da hast du recht! Also dann, lasst uns die elendige Nussschale wieder ins Wasser schieben! Gott sei Dank haben wir heute Nacht wenigstens den richtigen Wind!«

Matthew hob den Kopf und sah, wie die Männer zu ihrem Ruderboot gingen. Sie schoben es ins Wasser. Rawlings kletterte als erster an Bord, gefolgt von den beiden anderen. Dann wurden die Ruder angepackt – allerdings nicht von Rawlings – und das Boot bewegte sich durch die Brandung, bis es bald darauf von der Dunkelheit verschluckt wurde.

Matthew wusste, dass er vielleicht ein Anzeichen für ein größeres, vor Anker liegendes Schiff sehen würde, wenn er lange genug wartete. Vielleicht das Aufblitzen eines Streichholzes, mit dem eine Pfeife angesteckt wurde, oder ein vom Mondschein erfasstes Segel. Aber ihm fehlten sowohl die Zeit als auch die Motivation, um so lange zu warten. Ihm reichte das Wissen, dass ein Ruderboot für die Seefahrt ungeeignet war.

Er schaute in die Richtung, in die Winston verschwunden war: nach Fount Royal. Kaum, dass er sich versichert hatte, nun tatsächlich allein am Strand zu sein, ging Matthew aus der Defensive in die Offensive über. Er suchte die frisch umgegrabene Stelle, an der die Eimer verscharrt worden waren, und packte die versteckte Schaufel am Stiel – jedoch nicht, ohne sich erst an den Stechpalmen zu verletzen.

Die Eimer waren Winstons Anweisungen gemäß nicht tief vergraben. Matthew wollte lediglich einen einzigen haben. Der Eimer, den er auswählte, sah ganz normal aus. Der Deckel war mit Teer versiegelt, und Matthew schätzte, dass der Eimer um die sieben oder acht Pfund wog. Er buddelte das Loch wieder zu, stellte die Schaufel zurück in die Stechpalmen, und machte sich mit dem Eimer in der Hand auf den Weg zurück nach Fount Royal.

Der Rückweg gestaltete sich nicht leichter als der Hinweg. Matthew schoss plötzlich der Gedanke durch den Kopf, dass die Türen von Bidwells Herrenhaus höchstwahrscheinlich verriegelt waren. Er würde klopfen müssen, um von seinem Gastgeber hereingelassen zu werden – aber wollte er, dass ihn dort jemand mit dem Eimer in der Hand sah? Was auch immer Winston vorhaben mochte, Matthew wollte ihm keinerlei Hinweise dafür geben, dass sein Spielchen aufgeflogen war. Bidwells Haushälterin vertraute er zwar bis zu einem gewissen Grad, aber auf wen außer Mrs. Nettles konnte er sich in dieser verdammten Stadt sonst noch verlassen?

Er hatte eine Idee; allerdings würde das bedeuten, einer Person ganz und gar zu vertrauen – oder vielmehr zwei Personen, wenn man die Frau des Sklaven Goode dazuzählte. Matthew wollte unbedingt wissen, was in dem Eimer war, und Goode hatte in seiner Sklavenhütte vermutlich irgendeinen Gegenstand, mit dem sich der Eimer öffnen lassen würde.

Erleichtert kehrte Matthew dem Sumpf den Rücken zu, schlich durch das Kiefernwäldchen am Wachturm vorbei, und stand bald darauf vor John Goodes Tür. Er klopfte so leise wie möglich an, doch das Geräusch kam ihm so laut vor, dass er meinte, das gesamte Sklavenquartier aufgeweckt zu haben. Zu seinem Verdruss musste er noch ein zweites Mal und lauter klopfen, bis endlich ein Licht hinter dem über die Fensteröffnung gespannten Öltuch zu sehen war.

Die Tür wurde geöffnet. Eine Kerze, über der Goodes verschlafenes Gesicht erschien, wurde hinausgestreckt. Er hatte für den nächtlichen Störenfried unfreundliche Worte parat gehabt, aber als er sah, dass ein Weißer geklopft hatte und dann erkannte, wer es war, nahm er sich zusammen. »Oh … ja, Sir?«

»Ich habe etwas, das ich mir anschauen muss.« Matthew hielt den Eimer hoch. »Darf ich hereinkommen?«

Natürlich wurde ihm der Eintritt nicht verwehrt. »Was ist los?«, fragte May von der Schlafstelle, als Goode mit Matthew in die Hütte zurückkehrte und die Tür schloss.

»Geht dich nichts an, Weib«, sagte ihr Mann, der am brennenden Docht seiner Kerze eine zweite ansteckte. »Schlaf weiter.« Sie rollte sich auf die andere Seite und zog die verschlissene Decke bis unters Kinn hoch.

Goode stellte die beiden Kerzen auf den Tisch, und Matthew den Eimer dazwischen. »Ich bin gerade einem Gentleman in den Sumpf hinaus gefolgt«, erklärte Matthew. »Ich will dazu nicht allzu viel sagen, nur, dass er dort noch mehr von diesen Eimern vergraben hat. Ich will wissen, was drin ist.«

Goode fuhr mit den Fingern über den versiegelten Deckel. Er hob den Eimer an, sodass das Kerzenlicht auf den Boden des Behälters fiel: Der Buchstabe K, und darunter die Buchstaben CT, waren in das Holz gebrannt.

»Die Brandzeichen des Handwerkers«, sagte er. »Muss wohl von einem Fassbinder in Charles Town kommen.« Er sah sich suchend nach Werkzeug um und nahm ein stabiles Messer in die Hand. Während Matthew gespannt zuschaute, begann er, den Teer vom Deckelrand abzulösen. Als er die Versiegelung ausreichend gebrochen hatte, steckte Goode die Messerschneide unter den Deckel und drückte ihn hoch. Der Deckel bewegte sich, Goode nahm ihn ab.

Noch bevor die Männer einen Blick in den Eimer werfen konnten, machte sich ein starker Gestank bemerkbar.

»Puh«, stieß Goode aus und rümpfte die Nase. Matthew erinnerte der scharfe Geruch an Schwefel mit einer Mischung aus Kiefernöl und frischem Teer. Der Inhalt des Eimers sah wie dickflüssige schwarze Farbe aus.

»Wenn ich mir kurz mal das Messer borgen kann?«, fragte Matthew und rührte damit in der stinkenden Brühe herum. Gelbe Schwefelstreifen trieben empor. Er begann zu ahnen, was er da vor sich hatte – etwas äußerst Unschönes. »Hast du einen Topf, in den wir etwas davon füllen können? Und auch einen Löffel?«

Goode brachte ihm eine eiserne Pfanne und einen Holzlöffel. Matthew gab einen einzigen Löffel voll des Zeugs in die Pfanne, gerade genug, um den Boden zu bedecken. »Na dann«, sagte er. »Jetzt wollen wir doch mal sehen, was wir hier haben.« Er nahm eine der Kerzen und senkte die Flamme in die Pfanne hinunter.

Als der Docht die schwarze Flüssigkeit berührte, fing sie Feuer. Die Flamme brannte mit bläulichem Licht und so heiß, dass Matthew und Goode einen Schritt zurücktreten mussten. Es zischte und knackte, als sich die verschiedenen Zutaten der Brühe entzündeten. Matthew nahm die Pfanne und stellte sie auf die Feuerstelle, damit der Qualm hinausziehen konnte. Obwohl sie nur eine so geringe Menge angezündet hatten, wurde seine Hand sehr heiß.

»Das hat der Teufel selbst gebraut, was?«, fragte Goode.

»Nein, das wird von Menschen hergestellt«, gab Matthew zurück. »Vielleicht von teuflisch veranlagten Chemikern. Es heißt Griechisches Feuer und wird schon seit vielen Jahrhunderten im Seekrieg benutzt. Die Griechen haben daraus Brandbomben gemacht, die sie mit Katapulten verschossen haben.«

»Die Griechen? Was erzählt Ihr da? Äh – Verzeihung, Sir.«

»Schon gut. Ich denke, es ist offensichtlich, wofür das hier benutzt wird. Unser Sumpfwanderer begeistert sich für Feuer.«

»Sir?«

»Unser Gentleman«, sagte Matthew und betrachtete die Flammen, die immer noch hell in der Pfanne loderten, »sieht gern Häuser brennen. Mit diesen Chemikalien kann er selbst nasses Holz anstecken. Ich schätze, dass er die Wände und den Boden damit anstreicht und es an mehreren Punkten in Brand steckt. Die Feuerwehr kommt dann unvermeidlich zu spät.«

»Ihr wollt damit sagen …« Goode erkannte, wovon Matthew redete. »Der Mann hat damit Häuser angesteckt?«

»Genau. Zuletzt die Schule.« Matthew stellte die Pfanne in die Asche der Feuerstelle. »Warum er das tut, weiß ich nicht. Aber die Tatsache, dass dieser Eimer in Charles Town hergestellt wurde und auf dem Seeweg hierhergelangte, wirft kein gutes Licht auf seine Loyalität.«

»Auf dem Seeweg?« Goode starrte Matthew an. »Ihr wisst, wer der Mann ist, nicht wahr?«

»Ja, aber ich bin nicht bereit, seinen Namen zu verraten.« Matthew ging an den Tisch zurück und drückte den Deckel wieder fest auf den Eimer. »Ich habe eine Bitte. Kannst du das für ein paar Tage hier verstecken?«

Ängstlich betrachtete Goode den Eimer. »Der wird uns doch nicht in die Luft jagen, oder?«

»Nein, ohne den Kontakt mit einer Flamme brennt das nicht. Lass einfach den Deckel drauf und halte den Eimer vom Feuer fern. Wickle ihn vielleicht in ein Tuch ein und behandle ihn mit genauso viel Vorsicht wie deine Geige.«

»Ja, Sir«, sagte Goode unsicher. »Nur ist noch nie wer von Geigenmusik in die Luft geflogen, glaube ich.«

Matthew ging zur Tür. »Und erzähle niemandem davon. Ich bin nie hier gewesen, verstehst du?«

Goode hatte beide Kerzen in der Hand, um sie so weit wie möglich von dem Eimer zu entfernen. »Ja, Sir. Ähm … Ihr werdet aber wiederkommen, um das abzuholen, oder?«

»Das werde ich. Ich nehme an, dass ich den Eimer schon sehr bald brauchen werde.« Aber nicht, bevor er herausfand, warum genau Edward Winston die Stadt, die sein Arbeitgeber gegründet hatte, niederbrennen wollte, hätte er hinzufügen können.

»Je eher, desto besser«, sagte Goode, der schon nach einem Stück Sackleinen suchte, das er um den unliebsamen Eimer wickeln konnte.

Matthew verließ Goodes Hütte und marschierte zum Herrenhaus, das nicht weit vom Sklavenquartier entfernt aber dennoch eine ganz andere Welt war. Er war sich bewusst, dass er so schnell wie möglich Schlafen gehen sollte, da es am Morgen viel zu tun geben würde. Aber er wusste auch, dass es schwierig sein würde, in den paar verbleibenden Stunden Dunkelheit noch zu schlafen – denn sein Kopf würde in dem Bemühen, diese neuesten Enthüllungen zu verstehen, unermüdlich arbeiten. Die Gelüste des Schmiedes Seth Hamilton für seine Stute waren vergessen. Die Verbrechen von Edward Winston waren wesentlich ernster, denn der hatte mehrfache Brandstiftung begangen und Bidwell und allen anderen gegenüber die in Flammen aufgegangenen Häuser Rachels Pakt mit dem Teufel zugeschrieben.

Matthew hatte vor, notfalls die Türglocke zu läuten, um ins Haus gelassen zu werden. Aber noch bevor er in Reichweite des Glockenstrangs kam, änderte er seinen Kurs und stand schon bald wieder am grasbewachsenen Ufer des Quellsees. Er setzte sich hin, zog die Knie ans Kinn, und starrte auf das stille Wasser. Seine Gedanken überschlugen sich mit Fragen nach dem, was vor sich ging, und dem, was sich zutragen mochte.

Schließlich streckte er sich lang aus. Auf dem Rücken im Gras liegend sah er zu den Sternen auf, die zwischen den dahinjagenden Wolken zu sehen waren. Sein letzter Gedanke, bevor er einschlief, galt Rachel in ihrer dunklen Zelle. Rachel, deren Leben von dem abhing, was er in den nächsten Stunden tat.

Rachel.

Kapitel 2


Der Chor krähender Hähne klang wie Triumphgeschrei. Matthew schlug die Augen auf und sah rosiges Licht. Der Himmel über ihm war hellrosa gefärbt und mit Wolken getüpfelt, deren Ränder lilafarben strahlten. Er setzte sich auf und atmete tief die süße Luft ein. Endlich war ein Morgen angebrochen, der sich tatsächlich wie ein Tag im Mai anfühlte.

Jemand läutete eine Glocke. Eine zweite, heller klingende Glocke stimmte in das Geläut ein. Matthew stand auf. Er hörte weiter unten an der Harmoniestraße einen Mann freudig rufen, und dann sah Matthew den vielleicht schönsten Anblick seines Lebens: Die Sonne, ein goldener Feuerball, ging über dem Meer auf. Die Sonne schien wie am ersten Tag der Schöpfung, und ihr bloßes Licht hatte die Macht, die Erde zu erwecken. Matthew wandte sein Gesicht dem Sonnenschein zu, und eine dritte Glocke begann zu läuten. In einer der Eichen, die an der Quelle wuchsen, fingen zwei Vögel an zu singen. Über dem Gras hingen noch Nebelschwaden, aber im Vergleich zu den riesigen Gewitterwolken, die so lange den Himmel beherrscht hatten, waren sie geradezu bedauernswert und vor allem kurzlebig. Matthew atmete tief ein, als hätte er vergessen, wie Frühlingsluft roch – und das hatte er auch. Dies war nicht der nasse, abgestandene Gestank der Sümpfe, sondern eine frische, laue Brise, die einen Neuanfang versprach.

Wenn es jemals einen Morgen gegeben hatte, an dem Satan in die Flucht geschlagen werden konnte, dann war es dieser. Matthew reckte die Arme in die Höhe, um seine verkrampften Rückenmuskeln zu lockern. Draußen im Gras zu schlummern war trotzdem schöner als im Gefängnis zu schlafen. Er sah, wie das Sonnenlicht über Fount Royals Dächern, Höfen und Feldern stärker wurde und der Nebel sich verzog. Es konnte natürlich gut sein, dass das schöne Wetter nur diesen Tag anhalten und danach wieder Regen kommen würde, aber er wagte zu glauben, dass zumindest die Naturelemente Fount Royal endlich freundlich gesinnt waren.

Er hatte an diesem Morgen mit dem Gründer und Herrscher der Stadt zu reden. Matthew kehrte dem Quellsee den Rücken zu und ging zum Herrenhaus zurück, dessen Fensterläden bereits geöffnet waren, um die frische Luft hereinzulassen. Er merkte, dass die Haustür nicht verriegelt war, und da er sich nicht als bloßen Besucher sah, trat er ohne zu läuten ein und lief die Treppe hoch, um nach dem Richter zu schauen.

Obwohl entweder Mrs. Nettles oder eines der Sklavenmädchen bereits die Fensterläden seines Zimmers geöffnet hatte, schlief Woodward noch. Matthew trat ans Bett und betrachtete den Richter. Woodwards Mund stand halb offen; seine Atemzüge klangen wie das Rasseln eines verrosteten Mechanismus, der kurz vor dem Stillstand war. Auf dem Kopfkissen waren braune Blutflecken zu sehen – Dr. Shields Lanzette hatte letzte Nacht wieder zugestochen. Der Aderlass war inzwischen zu einem allabendlichen Ritual geworden. Woodwards nackte Brust war mit einer scharf riechenden Kompresse bedeckt, die Oberlippe und grün verkrusteten Nasenlöcher glänzten fettig. Auf dem Nachttisch zeugten drei niedergebrannte Kerzen davon, dass Woodward letzte Nacht versucht hatte, die Protokolle des Hexenprozesses durchzulesen. Die Papiere waren vom Bett gefallen und lagen auf dem Boden.

Matthew machte sich daran, die Papiere aufzuheben. Er legte sie in der richtigen Reihenfolge zusammen und packte den Stapel dann wieder in das Holzkästchen. Leider hatten die Seiten, die Matthew zuvor mit in sein Zimmer genommen und dort gelesen hatte, keine neuen Erkenntnisse gebracht. Er starrte Woodwards Gesicht an, die gelbliche Haut, die sich über den Schädel spannte, die violetten Augenlider, unter denen die Rundungen der Augäpfel zu sehen waren. Zu beiden Seiten von Woodwards Nase lag ein zartes Netz winziger roter Äderchen. Der Richter schien dünner geworden zu sein, seit Matthew ihn am Abend zuvor das letzte Mal gesehen hatte; wobei das auch am Licht liegen konnte. Er wirkte stark gealtert, die Falten in seinem Gesicht durch seine Leiden tiefer. Die Haut war blasser, und die Altersflecken auf seinem Schädel wirkten dunkler als zuvor. Er sah jetzt äußerst gebrechlich aus. Es machte Matthew Angst, den Richter in diesem Zustand zu sehen, aber er konnte den Blick nicht von ihm abwenden.

Es war nicht das erste Mal, dass er ein vom Tod gezeichnetes Gesicht sah. Er erkannte, wie es um den Richter stand. Woodwards Haut hatte sich zusammengezogen, der Totenkopf darunter lag wie zum Durchbruch bereit. Panische Angst durchfuhr Matthew und drehte ihm den Magen um. Er hätte Woodward am liebsten wachgerüttelt, ihn aus dem Bett und auf die Beine gezerrt, ihn zum Sprechen und Tanzen gebracht – alles, ihn nur nicht dieser Krankheit erliegen lassen. Aber der Richter brauchte Ruhe. Er musste lange und tief schlafen, die Heilsalben und den Aderlass wirken lassen. Und die frische Luft und der Sonnenschein gaben ja Anlass zur Hoffnung! Ja, das Beste war, den Richter schlafen zu lassen, bis er aufwachte, egal wie lange das sein mochte, und auf die Heilkräfte der Natur zu vertrauen.

Sanft berührte Matthew Woodwards Hand – und sprang sofort einen Schritt zurück. Denn obwohl die Hand des Richters warm war, fühlte sich die Haut beunruhigend feucht und wächsern an. Woodward stöhnte leise, seine Augenlider zuckten, aber er wachte nicht auf. Matthew ging rückwärts zur Tür. Die Angst wollte ihn nicht loslassen. Leise verließ er das Zimmer und schlich in den Flur hinaus.

Er folgte dem Geräusch von auf Teller kratzendem Besteck nach unten und fand Bidwell am gedeckten Esstisch vor. Der Herrscher der Stadt machte sich über ein aus Maisfladen, Bratkartoffeln und Knochengelee bestehendes Frühstück her. »Aha, hier ist ja unser Gerichtsdiener an diesem wunderschönen Morgen Gottes!«, sagte Bidwell und stopfte sich mehr Essen in den Mund. Er trug einen pfaublauen Anzug, ein mit Rüschen besetztes Hemd, und eine seiner am üppigsten frisierten, lockigsten Perücken.

Mit einem Becher Apfelbier spülte er das Essen die Kehle hinunter und deutete mit dem Kopf auf den Platz am Tisch, der für Matthew gedeckt worden war. »Setzt Euch und esst!«

Matthew nahm die Einladung an. Bidwell schob ihm einen Teller mit Maisfladen hin, von denen Matthew zwei mit dem Messer aufspießte. Der Teller mit dem Knochengelee folgte.

»Mrs. Nettles hat mir gesagt, dass Ihr nicht in Eurem Zimmer wart, als sie klopfte.« Bidwell aß, während er sprach, und verlor dabei ein paar halbgekaute Brösel aus dem Mund. »Wo seid Ihr denn gewesen?«

»Draußen«, antwortete Matthew.

»Draußen«, sagte Bidwell sarkastisch. »Dass Ihr draußen wart, weiß ich wohl. Aber wo und warum?«

»Ich bin hinausgegangen, als ich sah, dass die Schule brannte. Und dann bin ich den Rest der Nacht draußen geblieben.«

»Aha. Drum seht Ihr so schlecht aus!« Bidwell wollte gerade eine Kartoffel mit dem Messer aufspießen, hielt aber mitten in der Luft inne. »Moment mal.« Er verengte die Augen. »Was für einen Unfug habt Ihr getrieben?«

»Unfug? Ihr vermutet gleich das Schlimmste, wie mir scheint.«

»Das mag Euch so scheinen, aber ich weiß es. In wessen Stall habt Ihr Euch dieses Mal herumgetrieben?«

Matthew schaute ihm in die Augen. »Ich bin natürlich wieder in den Stall des Schmieds gegangen.«

Ein tödliches Schweigen entstand. Dann lachte Bidwell auf. Sein Messer versenkte sich in der Kartoffel. Er nahm sie vom Teller und schob Matthew den Rest der gebratenen Erdäpfel hin. »Na, Ihr seid heute aber voller Witze, was? Ich weiß ja, dass Ihr jung und ein Narr seid, aber närrisch genug, um wieder in Hazeltons Stall zu gehen, seid Ihr nicht! Nein, Sir! Der Mann würde sich Euch vorknöpfen!«

»Nur, wenn ich eine Stute wäre«, sagte Matthew leise und biss in einen Maisfladen.

»Was?«

»Ich sagte … dass ich mich besser in Acht nehme. Vor Hazelton, meine ich.«

»Jawohl. Das ist das Klügste, das Ihr bisher von Euch gegeben habt!« Bidwell aß weiter, als würde es am nächsten Tag nichts mehr geben. »Und Euer Rücken. Wie geht es dem?«

»Tut noch etwas weh. Aber es geht.«

»Na dann, esst auf. Ein voller Bauch lässt alle Schmerzen verschwinden. Das hat mein Vater immer gesagt, als ich so alt war wie Ihr. Allerdings habe ich in Eurem Alter schon längst vierzehn Stunden am Tag im Hafen gearbeitet, und wenn ich mir eine Birne klauen konnte, war ich glücklich wie ein Lord.« Er verstummte, um einen Schluck zu trinken. »Habt Ihr jemals in Eurem Leben einen ganzen Tag lang gearbeitet?«

»Körperlich gearbeitet, meint Ihr?«

»Was für Arbeit gibt es denn sonst für einen jungen Mann? Natürlich körperlich! Habt Ihr jemals schweißgebadet versucht, einen Stapel schwere Kisten um zwanzig Fuß zu versetzen, weil der Bastard, der das Sagen hat, damit droht, dass es sonst was setzt? Habt Ihr schon mal an einem Seil gezogen, bis Euch die Hände geblutet und die Schultern geknackt haben, bis Ihr wie ein Säugling geheult habt – aber wusstet, dass Ihr weiter ziehen müsst? Habt Ihr jemals auf den Knien ein Schiffsdeck mit der Scheuerbürste geschrubbt und es gleich darauf noch mal geschrubbt, weil dieser Bastard, der das Sagen hat, draufgespuckt hat? Na? Habt Ihr das?«

»Nein«, entgegnete Matthew.

»Tja!« Bidwell nickte grinsend. »Ich aber. Und zwar oft! Und ich bin verdammt stolz darauf! Wisst Ihr, warum? Weil es mich zum Mann gemacht hat. Und wisst Ihr, wer der Bastard gewesen ist, der das Sagen hatte? Mein Vater. Jawohl, mein Vater; Gott hab ihn selig.« Er spießte mit solcher Wucht eine Kartoffel auf, dass Matthew für einen Moment dachte, das Messer würde auch den Teller und den Tisch durchstechen. Bidwells Zähne knirschten, als er kaute.

»Euer Vater klingt sehr streng«, sagte Matthew.

»Mein Vater«, gab Bidwell zurück, »hat sich genau wie ich aus dem Straßenschmutz Londons hochgearbeitet. Meine erste Erinnerung an ihn ist der Geruch des Flusses. Und er hat alle Docks und alle Schiffe gekannt. Er hat als Schauermann angefangen, aber er besaß ein Talent für die Holzarbeit und konnte Schiffsrümpfe so gut wie die besten Schiffsbauer flicken. So hat alles angefangen: hier ein Schiff, da ein Schiff. Dann immer mehr, bis er sein eigenes Trockendock besaß. Ja, er ist streng gewesen – aber er war sich selbst gegenüber genauso hart.«

»Dann habt Ihr Euer Unternehmen also von ihm geerbt?«

»Geerbt?« Bidwell warf ihm einen verächtlichen Blick zu. »Ich habe von ihm nichts als Elend geerbt! Als mein Vater sich ein Wrack zum Ausschlachten ansah – etwas, das er bestimmt schon ein dutzend Mal getan hatte –, sind ein paar verrottete Bretter unter seinen Füßen weggebrochen und er ist in die Tiefe gestürzt. Das hat ihm die Knie zertrümmert. Dann hat der Wundbrand eingesetzt, und um ihn nicht daran sterben zu lassen, hat der Arzt beide Beine amputiert. Ich war damals neunzehn Jahre alt und auf einmal nicht nur für meinen invaliden Vater verantwortlich, sondern auch für meine Mutter und meine beiden jüngeren Schwestern, von denen eine so kränklich war, dass sie wie ein Skelett aussah. Tja, und dann habe ich schnell gemerkt, dass mein Vater ein sehr schlechter Buchhalter war. Die Unterlagen über das Einkommen und die Schulden waren ein einziges Durcheinander, soweit sie überhaupt zu finden waren. Dann kamen die Gläubiger. Die nahmen an, dass die Werft nun verkauft werden würde, weil mein Vater ja bettlägerig geworden war.«

»Aber Ihr habt sie nicht verkauft?«, fragte Matthew.

»Oh, ich habe sie verkauft. An den Meistbietenden. Mir blieb ja keine Wahl, so wie die Geschäftsunterlagen aussahen. Mein Vater hat wie ein Tiger gewütet. Er hat mich einen Idioten und einen Schwächling genannt, und geschworen, dass er mich bis an sein Lebensende und in den Tod hinein hassen würde, weil ich sein Unternehmen zerstört hatte.« Bidwell verstummte kurz, um einen Schluck zu trinken. »Aber ich habe alle Schulden bezahlt und die Rechnungen beglichen. Ich habe dafür gesorgt, dass wir was zu Essen und meine Schwester Arzneimittel hatte. Und dann habe ich gesehen, dass noch ein bisschen Geld übrig war. Ein kleines Schiffszimmermannunternehmen suchte nach Investoren, um zu expandieren. Ich beschloss, jeden Shilling, den ich besaß, zu investieren, damit ich Einfluss auf die geschäftlichen Entscheidungen haben konnte. Unser Name war natürlich schon bekannt. Die größte Schwierigkeit, vor der ich zuerst stand, war, noch mehr Geld aufzutreiben. Das habe ich dann besorgt, indem ich alles Mögliche gearbeitet und auch mal beim Kartenspiel geblufft habe. Als Nächstes musste ich die Geschäftspartner loswerden, die keine Zukunftsvision hatten. Jene, die sich von Vorsicht leiten ließen und nie wagten, zu gewinnen, weil sie Angst vor dem Verlieren hatten.«

Bidwell kaute mit halbgeschlossenen Augen das Knochengelee. »Leider stand der Name einer dieser Männer über der Tür angeschlagen. Er sah immer nur die kleinen Details, während ich ein Bild vom Ganzen hatte. Er dachte an Schiffsschreinerei, während ich Schiffbau vor Augen hatte. Und so wusste ich, dass er zwar noch das Ruder in den Händen hielt, die Zukunft aber mir gehörte. Er war dreißig Jahre älter als ich und hatte das Unternehmen gegründet und aufgebaut. Ich habe mich dann darauf konzentriert, Aufträge einzuholen, von denen ich wusste, dass er sie nicht billigte. Ich habe Gewinn- und Verlustrechnungen aufgestellt, sowie Kostenvoranschläge, in die ich das letzte Brett und den letzten Nagel einkalkuliert hatte. Die habe ich bei einer Versammlung mit unseren Handwerkern vorgelegt. Ich habe die Männer gefragt, ob sie unter meiner Führung den Sprung in eine großartige Zukunft wagen oder sich lieber wie gehabt unter Mr. Kellingworth abmühen wollten. Zwei waren dafür, mich rauszuwerfen. Die andern vier – darunter der Bauzeichner – entschieden sich, die neuen Aufträge anzunehmen.«

»Und Mr. Kellingworth?«, fragte Matthew mit hochgezogenen Augenbrauen. »Der hatte doch sicher auch etwas dazu zu sagen?«

»Der war zuerst so wütend, dass er kein Wort herausbrachte. Und dann … ich glaube, dass er erleichtert war, weil er die Verantwortung nicht tragen wollte. Er sehnte sich nach einem ruhigen Leben, in dem er sich keine Sorgen um geschäftliches Versagen machen musste.« Bidwell nickte. »Ja, ich glaube, dass er schon lange nach einem Ausweg aus dem Unternehmen gesucht hatte und nur auf einen Schubs wartete. Den habe ich ihm gegeben – und dazu eine sehr anständige Abfindung und prozentuale Beteiligung an späteren Gewinnen, die sich natürlich im Laufe der Zeit senkte. Aber jetzt stand mein Name über der Tür – mein Name und sonst keiner. Damit hat für mich alles angefangen.«

»Ich nehme an, dass Euer Vater stolz auf Euch war.«

Bidwell sagte eine Weile nichts, sondern starrte verbissen ins Leere. »Eines der ersten Dinge, die ich von meinen Gewinnen kaufte, waren zwei Prothesen«, sagte er. »Die besten Holzbeine, die es in England zu kaufen gab. Ich hab sie ihm gebracht. Er hat sie sich angeschaut. Ich habe ihm gesagt, dass er damit wieder laufen lernen konnte. Ich habe gesagt, dass ich jemanden einstellen würde, der es ihm beibringt.« Langsam leckte sich Bidwell über die Oberlippe. »Er hat gesagt … dass er sie sich nicht anschnallen würde, selbst wenn es ein Paar echte Beine wäre, die wieder anwachsen würden. Er hat gesagt, dass ich damit zur Hölle gehen sollte, denn dort werden alle Verräter eines Tages brennen.« Bidwell atmete tief ein und langsam wieder aus. »Das waren die letzten Worte, die er zu mir gesagt hat.«

Obwohl Matthew Bidwell nicht sonderlich mochte, fühlte er doch etwas mit ihm. »Das tut mir leid.«

»Leid?«, fuhr Bidwell ihn an. »Warum?« Er reckte sein mit Essen bekleckertes Kinn. »Es tut Euch leid, dass ich es zu etwas gebracht habe? Dass ich etwas aus mir gemacht habe? Leid, dass ich reich bin und dieses Haus und diese Stadt gebaut habe, und dass noch mehr gebaut werden wird? Dass Fount Royal ein Handelszentrum werden wird? Oder tut es Euch leid, dass endlich das Wetter umgeschlagen ist und

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