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Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn: Mit einer Einleitung von Kurt Oesterle sowie zusätzlichen Quellen und Materialien

Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn: Mit einer Einleitung von Kurt Oesterle sowie zusätzlichen Quellen und Materialien

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Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn: Mit einer Einleitung von Kurt Oesterle sowie zusätzlichen Quellen und Materialien

Länge:
90 Seiten
53 Minuten
Freigegeben:
Feb 20, 2017
ISBN:
9783863512781
Format:
Buch

Beschreibung

Wilhelm Waiblingers Porträt von Hölderlin ist und bleibt das bedeutendste Dokument zu diesem Dichter in seiner zweiten Lebenshälfte. Das wird umso deutlicher, wenn man noch andere Äußerungen Waiblingers zu Hölderlin – vor allem seine Tagebuchaufzeichnungen – hinzuzieht, was in diesem Buch in großem Umfang erstmals geschieht.
Dabei entsteht ein Zeitpanorama des schwäbischen Biedermeier, in dem sich die menschliche Dynamik zwischen dem alternden Dichter im Turm und dem antibürgerlichen Rebellen Waiblinger auf überraschende Weise frisch entdecken lässt.
Wilhelm Friedrich Waiblinger wurde am 21. November 1804 in Heilbronn geboren. Er studierte (eher nominell) Theologie im Tübinger Stift und war befreundet mit Ludwig Uhland, Friedrich von Matthisson, Eduard Mörike und eben auch Friedrich Hölderlin, dessen erster Biograf er wurde.
Freigegeben:
Feb 20, 2017
ISBN:
9783863512781
Format:
Buch

Über den Autor


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Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn - Wilhelm Waiblinger

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des Radikalromantikers Wilhelm Waiblinger

Arm wie eine Kirchenmaus zu St. Peter, so zeigt das Spottbild des Zeichners Bonaventura Genelli den Schwaben Wilhelm Waiblinger in Rom. Modisch um mindestens anderthalb Jahrhunderte seiner Zeit voraus, steht er da: in längsgestreiften Clownshosen, einem zweischwänzigen Rock mit weit offenem Kragen samt Piratenhalstuch, einem Hut, der aussieht wie ein umgestülpter Blumentopf und, ja, sogar einer lächerlich großen und runden Sonnenbrille auf der Nase; das Handwerkszeug des Dichters, Schreibheft und Feder, hat er lässig unter die linke Achsel geklemmt. Diese Karikatur soll noch lange nach Waiblingers Tod in römischen Kneipen gehangen haben, als Steckbrief eines literarischen Provokateurs, der das europäische Kulturbestiarium der heiligen Stadt um eine besonders delikate Variante bereichert hatte.

Man wagt es kaum, sich diesen arg verfrühten Vorläufer der Beatniks auf den Straßen des damaligen Tübingen vorzustellen!

Doch genau von dort kam er – aus jener anderen heiligen Stadt im Norden, aus deren erhabenster Bildungseinrichtung Waiblinger als gescheiterter Student einst ausgezogen war mit der Parole: »Mein Reich ist nicht von diesem Stift!« Wegen fortgesetzter Faulenzerei, schweren Verstößen gegen die Hausordnung sowie einem in der ganzen Stadt ruchbar gewordenen Liebesskandal hatte man ihm im Herbst 1826 »Dismission« aus dem Theologen-Paradies erteilt, was nicht gleichbedeutend war mit einem Hochschulverweis. Dennoch hatte er daraufhin Universität und Stadt für immer verlassen, war als freier Kulturkorrespondent nach Rom übergesiedelt, um dort am 17. Januar 1830, mit kaum 26 Jahren, zu sterben, vermutlich vor allem an den Folgen einer Syphilis. In Rom liegt er auch begraben, auf dem dortigen Protestantenfriedhof, nahe bei Keats und Shelley, aber noch näher beim einzigen Sohn eines Hochberühmten aus deutschen Landen, auf dessen Grabstein nicht einmal sein eigener Name steht, sondern nur: »Goethe filius«. Anders jedoch als jener August hatte Waiblinger nicht an den Folgen einer Wohlstandsverwahrlosung gelitten, sondern war seinem unbedingten Willen zur Freiheit gefolgt, ein Aussteiger oder besser noch Abspringer von schwäbisch-ehrbaren Karrierebahnen, der ein hartes, aufreibendes Leben in Unabhängigkeit sämtlichen goldenen Käfigen Württembergs vorgezogen hatte und gescheitert – nein, nicht gescheitert, sondern nur allzu rasch an sein Ende gekommen war.

Hat einer wie er sich nicht in unausweichlicher Notwendigkeit für das Schicksal des Dichters Hölderlin interessieren müssen?

Für jenen gebrochenen Mann aus dem Tübinger Neckarturm, der einst selbst vor einer vergleichbaren Wahl gestanden und sich für den freien Dichterberuf entschieden hatte, zur damaligen Zeit eine mögliche Lebensform nur, falls Gönner einem das Dasein finanzierten (Goethe) oder man gut dotiert an einer Universität lehren konnte (Schiller). Waiblinger – höchst originell für einen jungen Mann aus der Provinz – wählte den noch recht neuen Weg Heinrich Heines und brachte sich auf dem stetig wachsenden publizistischen Markt in Stellung, indem er für die Cottaschen Bildungsblätter sowie andere deutsche Zeitungen Reiseberichte und -feuilletons schrieb, die heute noch erhellend und witzig zu lesen sind. Hätte er nicht so zeitig abtreten müssen – ich bin überzeugt, sein im Kern journalistisches Naturell wäre voll und ganz aufgeblüht in der Ära des Vormärz, die liberale Einzelgänger und Selbstdenker wie ihn bitter benötigte.

Denn seine besten Stücke, sei es Prosa, Lyrik oder dramatische Szene, schrieb Waiblinger immer dann, wenn er von den Alltagswirklichkeiten ausging und sein überschießendes, jungwildes Pathos in den Schwitzkasten nahm. Jenen mentalen Überhang des demokratischen Außenseiters, der noch unverkennbar in einem Feudalsystem erzogen worden war: einerseits zum Beherrschtwerden, andererseits zum Mitherrschen (als Auftrag an die gebildete Oberschicht, der er zugehörte). Eduard Mörikes Urteil, die Gedichte seines Freundes seien zum einen voller »Trotz« und »Selbsttäuschung«, zum anderen »superlativisch«, suchten stets das »Grandiose« und gelangten selten zu »einfacher Selbstanschauung«, bezeugt diesen Überhang treffend. Für Waiblingers Modernität indes, seine literarisch pointierten Tagebücher, die hochartistische Mischform der Reisebilder sowie die teils bissig-schlüpfrigen Satiren besaß der kulturkonservative Mörike kein Gespür. Nie hätte er selbst sich getraut, nicht einmal im intimsten Tagebuch, so wie Waiblinger den giftigen Wunsch zu äußern: »Man sollte Goethen aus der Welt schaffen.« Eine Tat von »großartiger Verzweiflung«, wie der erst Siebzehnjährige glaubt, weil Goethe schließlich die deutsche Literatur »verhunzt« habe. Was den jungen Mann einzig davon abhielt, Cottas wichtigstes Zugpferd zu schlachten, ist die Überzeugung, »ich könnte einmal etwas leisten«.

Immerhin, es war zu jener Zeit noch keine zwei Jahre her, daß der ehemalige Tübinger Corpsstudent Ludwig Sand den Erfolgsschriftsteller Kotzebue ermordet hatte. Eine gewisse Aggressivität gegen das Kulturestablishment lag in der Luft, eine Luft, die auch Wilhelm Waiblinger atmete, dessen spätjakobinische oder bereits frühanarchistische Wut und Respektlosigkeit unzählige Male in seinen Schriften aufblitzt wie Solinger Stahl. Eigenschaften, die ihm beim Verfassen seines bis heute wichtigsten und meistgelesenen Textes, dem Porträt des kranken Friedrich Hölderlin, jedoch zugute kamen, zumal sie ihm jenen unvoreingenommenen, furchtlosen Blick ermöglichten, der für dieses Meisterstück der Außenseiter-Biographik unabdingbar nötig war.

Mit Waiblingers Porträt nimmt eine literarische Spur ihren Anfang, die über Georg Büchners »Lenz«-Novelle in die Moderne weiterläuft und auch bei Carl Seeligs »Wanderungen mit Robert Walser« nur vorläufig endet. Immer schärfer wurde seit jener Zeit das Bewußtsein für die Gefährdungen der Phantasie. Einer der ersten Sätze von Büchners knapp zehn Jahre nach Waiblingers Hölderlin-Porträt verfaßter Erzählung über den in den Wahnsinn abgleitenden Dichter Johann Michael Reinhold Lenz lautet: »Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte.« Ein prekäres Gefühl, das bereits dem sechzehnjährigen Waiblinger vertraut war, so daß er in seinen ersten Tagebüchern festgehalten hatte: »Ich will mich umbringen, wenn die rechte Zeit naht. Ich will solange auf dem Kopf stehen, bis ich wieder auf die Füße zu stehen komme.«

Das Bild vom Auf-dem-Kopf-Stehen drückte in der zerrissenen, gewalttätigen und revolutionsschwangeren Epoche vor 1848 offenbar ein verbreitetes Zeitgefühl aus – das einer verkehrten Welt, die erst noch zu sich selbst kommen müsse. Wollte nicht auch Karl Marx zu diesem Zweck Hegels Geistphilosophie vom Kopf auf die Füße stellen?

Übrigens, seine Tötungsphantasien konnten Wilhelm Waiblinger keineswegs davon abhalten, rund zwei Jahre später ein Bündel seiner Gedichte an »Goethen« zu senden und untertänig um

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