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Workers of the World: Eine Globalgeschichte der Arbeit

Workers of the World: Eine Globalgeschichte der Arbeit

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Workers of the World: Eine Globalgeschichte der Arbeit

Länge:
883 Seiten
9 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Jan. 2017
ISBN:
9783593435480
Format:
Buch

Beschreibung

Die historische Forschung, die sich mit arbeitenden Menschen beschäftigt, nahm zuletzt eine völlig neue Wendung: Die Geschichte der Arbeit verließ die ausgetretenen eurozentristischen Pfade und wurde "globalisiert". Historiker befassen sich seither, umfassend und systematisch, auch mit den Arbeitsverhältnissen in Asien, Afrika und Lateinamerika und gewinnen dadurch einen neuen Blick auf die europäische Sozialgeschichte. "Workers of the World", Marcel van der Lindens bahnbrechendes Standardwerk zur neuen "Global Labor History", liegt mit diesem Band erstmals vollständig in deutscher Sprache vor.
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Jan. 2017
ISBN:
9783593435480
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Workers of the World - Marcel van der Linden

Marcel van der Linden

Workers of the World

Eine Globalgeschichte der Arbeit

Aus dem Englischen von Bettina Hoyer,

Tim Jack und Sebastian Landsberger

Campus Verlag

Frankfurt/New York

Über das Buch

Die historische Forschung, die sich mit arbeitenden Menschen beschäftigt, nahm zuletzt eine völlig neue Wendung: Die Geschichte der Arbeit verließ die ausgetretenen eurozentristischen Pfade und wurde „globalisiert. Historiker befassen sich seither, umfassend und systematisch, auch mit den Arbeitsverhältnissen in Asien, Afrika und Lateinamerika und gewinnen dadurch einen neuen Blick auf die europäische Sozialgeschichte. „Workers of the World, Marcel van der Lindens bahnbrechendes Standardwerk zur neuen „Global Labor History", liegt mit diesem Band erstmals vollständig in deutscher Sprache vor.

Vita

Marcel van der Linden forscht am Internationalen Institut für Sozialgeschichte, ist Professor für die Geschichte der sozialen Bewegungen in Amsterdam und Präsident der International Social History Association.

Inhalt

Vorwort

Was ist Global Labour History?

Warum ist Marcel van der Linden für diese Forschungsrichtung so wichtig?

Danksagung

1. Einführung

I. Konzepte von Arbeit

2. Wer sind die ArbeiterInnen?

2.1 Der komplexe Prozess der Kommodifizierung von Arbeitskraft

2.2 Fließende Übergänge

2.2.1 Die Übergänge zwischen Lohnarbeit und Sklaverei

2.2.2 Die Übergänge zwischen Lohnarbeit und Selbstständigkeit

2.2.3 Die Übergänge zwischen Sklaverei und Selbstständigkeit

2.2.4 Die Übergänge zwischen Lohnarbeit, Sklaverei sowie Selbstständigkeit und dem Lumpenproletariat

2.3 Implizite Annahmen

2.4 Neue Konzepte

3. Warum »freie« Lohnarbeit?

3.1 Hintergründe und Anfänge

3.2 Verbreitung

3.3 Normalisierung

4. Warum Besitzsklaverei?

4.1 Auswahlkriterien

4.1.1 Erwerbskosten

4.1.2 Ausbildungskosten

4.1.3 Überwachungskosten

4.1.4 Reproduktionskosten

4.1.5 Ersetzungskosten

4.1.6 »Kopfschmerzen«

4.2 Stabilitätsprobleme

4.2.1 Stabilität der Sklavenpopulation

4.2.2 Perpetuierung des Modells

4.2.3 Normative Veränderungen

4.2.4 Kaufkraft

4.2.5 Technische Entwicklung

4.2.6 Widerstand

4.3 Schlussfolgerungen

II. Mutualistische Varianten

5. Das mutualistische Universum

5.1 Typologie

5.1.1 Arbeit auf Gegenseitigkeit

5.1.2 Rotierende Spar- und Kreditringe (ROSCAs)

5.1.3 Bauspar-Vereinigungen (SLAs)

5.1.4 Gleichzeitige Zuteilung

5.1.5 Gleichzeitige Auszahlung mit Option auf Kredit

5.1.6 Produktionsgenossenschaften

5.1.7 Versicherungen auf Gegenseitigkeit

5.1.8 Interaktionen und Transformationen

5.2 Querverbindungen

5.2.1 Rotierend versus nicht-rotierend

5.2.2 Zuteilung nach Bedarf versus zeitlich fixierte Zuteilung

5.2.3 Risiken und gegenseitige Absicherung

5.3 Weshalb Mutualismus?

6. Versicherungen auf Gegenseitigkeit

6.1 Gründung

6.2 Zwei Seiten

6.3 Finanzen

6.4 Stärken und Schwächen dieser Organisationsform

6.5 Zusammenschlüsse

6.6 Schwierigkeiten bei der Abdeckung

6.7 Konkurrenz

6.7.1 Unternehmensfonds

6.7.2 Bürokratische und profitorientierte Kassen

6.7.3 Ärztefonds

6.8 Staatliche Interventionen

6.9 Schlussfolgerungen

7. Konsumgenossenschaften

7.1 Gründung

7.1.1 Finanzielle Aspekte

7.2 Erfolg

7.2.1 Mitgliedschaft

7.2.2 Märkte

7.2.3 Die Herkunft der Waren

7.2.4 Hierarchisierung

7.2.5 Konkurrenz

7.3 Konzentration

8. Produktionsgenossenschaften

8.1 Gründung

8.2 Management

8.3 Innerbetriebliche Demokratie

8.4 Kapital

8.5 Der Verkauf

8.6 Mitgliedschaft

8.7 Geschäftsfelder

8.8 Äußere Bedingungen

8.9 Verwässerung

III. Formen des Widerstands

9. Streiks

9.1 Streik: allgemeine Merkmale

9.2 Der Verlauf von Streiks

9.2.1 Die Vorbereitung auf den Streik

9.2.2 Der Beginn des Streiks

9.2.3 Die Aufrechterhaltung des Streiks

9.2.4 Beendigung und Ergebnisse von Streiks

10. Konsumentenprotest

10.1 Konsumentenboykott und gewerkschaftliche Gütesiegel

10.2 Einseitige Preis- oder Mengenanpassungen

11. Gewerkschaften

11.1 Die Gründung von Gewerkschaften

11.1.1 Nachahmung

11.1.2 Transformation

11.2 Gewerkschaften und Streiks

11.3 Dominanzbereich

11.3.1 Möglichkeiten zur Abschottung eines Arbeitsmarktsegments

11.3.2 Relative Größe

11.3.3 Koordination

11.4 Interne Bedrohungen des Dominanzbereichs

11.5 Externe Bedrohungen des Dominanzbereichs

11.5.1 Wirtschaftliche Faktoren

11.5.2 Nicht-wirtschaftliche Faktoren

11.6 Vergrößerung des Dominanzbereichs

11.7 Prekäre Demokratie

11.8 Strukturelle Verschiebungen in den internen Beziehungen

11.9 Tarifverhandlungen

11.10 Die Interaktion mit den Behörden

11.11 Zentralisierung, Bürokratisierung, Opposition

12. Der Internationalismus der Arbeiterklasse

12.1 Eine Grammatik der Beweggründe

12.2 Die fünf Entwicklungsstadien der Arbeiterbewegung

12.2.1 Erstes Stadium: Die Arbeiterbewegung definiert sich selbst (bis 1848)

12.2.2 Zweites Stadium: Sub-nationaler Internationalismus (1848–1870)

12.2.3 Drittes Stadium: Übergang (1870–1890)

12.2.4 Viertes Stadium: Nationaler Internationalismus (1890–1960)

12.2.5 Fünftes Stadium: Ein neuer Übergang (ab 1960)

12.2.6 Mögliche Zukunftsszenarien

IV. Erkenntnisse aus benachbarten Disziplinen

13. Weltsystemtheorie

13.1 Die Kohärenz der »Formen der Arbeitsorganisation«

13.2 Arbeitskämpfe

13.3 Indirekte Beiträge

13.4 Schlussfolgerungen

14. Die Verflechtungen der Subsistenzarbeit

14.1 Der Verflechtungsansatz

14.2 Definitionen von Subsistenzarbeit

14.3 Formen der Verflechtung

14.3.1 Verflechtung einfacher Warenproduktion mit Subsistenzarbeit

14.3.2 Verflechtung von Lohnarbeit mit Subsistenzarbeit

14.4 Ressourcen der Subsistenzarbeit

14.5 Die feministische Perspektive

14.6 Zur Frage der Relevanz für eine globale Geschichte der Arbeit

14.7 Schlussfolgerungen

15. Die Iatmul

15.1 Die Iatmul vor ihrer kapitalistischen Eingliederung

15.2 Der Beginn der kapitalistischen Eingliederung

15.3 Nach der kapitalistischen Eingliederung

15.4 Siedlungen in den Städten

15.5 Schlussfolgerungen

16. Ausblick

16.1 Der Kapitalismus

16.2 Die Klassen

16.3 Telekonnektionen – weltweite Verbindungen

16.3 Eine letzte Bemerkung

Anmerkungen zur Übersetzung

Literatur

Register

Vorwort

Was ist Global Labour History?

Die globale Geschichte der Arbeit, Thema des vorliegenden Buches von Marcel van der Linden, ist ein vergleichsweise neues Feld, das viele unterschiedliche Aspekte umfasst. Zu ihren wichtigsten Anliegen gehört die stärkere intellektuelle und institutionelle Einbeziehung der Geschichtsschreibung über und im »globalen Süden«. Dies sollte freilich nicht die Tatsache verdecken, dass etwa HistorikerInnen aus Lateinamerika, wie ihre nordamerikanischen und europäischen KollegInnen, seit Dekaden spezifische Aspekte der Geschichte der Arbeit erforschen. Afrikanische und südasiatische HistorikerInnen haben etwas später damit begonnen, oft mit einem Fokus entweder auf eine bestimmte Region oder einen spezifischen Typus von Arbeit, etwa Plantagenarbeit.

Anregungen aus den Diskussionen über Kolonialismus und Postkolonialismus waren in zahlreichen Anläufen zu globalen Perspektiven in der Geschichtsforschung von wesentlicher Bedeutung. Dies gilt auch für die Geschichte der Arbeit. In diesem Bereich ist das wechselseitige Verhältnis von sozialem Wandel innerhalb der Kolonialstaaten bzw. den kolonialisierten Gebieten weiterhin von Interesse. Eine weiterhin zentrale Frage lautet, wie Kolonialismus die Geschichte der Arbeit geprägt hat. Eine wichtige Institution in diesem Zusammenhang ist die Sklavenplantage als formative Erfahrung in der Entwicklung großer, strikt organisierter und eng überwachter Unternehmen. Wie hat diese Erfahrung Vorstellungen, Organisation und Praktiken von Arbeit in der Welt geformt? Schließlich bietet auch ein Argument von Karl Marx wichtige Anregungen: Folgen wir ihm, sind der Zugang zu Land und die Möglichkeit der Migration Hindernisse für die ursprüngliche Akkumulation. Warum bleibt diese Problematik auch nach langen und intensiven Kolonisierungsanstrengungen noch aktuell?

In diesem Rahmen kann die Übertragung von Arbeitsmustern (einschließlich Rechtsformen von Arbeit, Arbeitsethik, Ausbildung und Disziplin) vom Westen in die Kolonien untersucht werden, wobei sich die realen Auswirkungen solcher Übertragungen oftmals von den mit ihnen verbundenen Absichten unterschieden – zentrale Konzepte sind Transfer, Anverwandlung, Abstoßung und Wandel. Gleichzeitig ist es von großer Bedeutung, die Einflüsse in entgegengesetzter Richtung – von der Kolonie in die Metropole – festzuhalten und zu erforschen. Migrationen sind in diesem Zusammenhang ein wichtiges Forschungsfeld.

Europäische und westliche HistorikerInnen, die sich mit dem Phänomen »Arbeit« beschäftigen, neigten dazu, ihre Perspektiven auf der Grundlage oft sehr spezifischer Beispiele zu »universalisieren«. Sie pflegten etwa die Forschungen von Karibik-SpezialistInnen zu ignorieren, für die seit den Arbeiten von Eric Williams und C. L. R. James aus den 1930er und 1940er Jahren das Verhältnis von Plantagenarbeit und globalem Kapitalismus zentral war. Die lange Tradition indischer Forschung zu Arbeit und Kapitalismus verdient ebenso Beachtung wie die etwas rezenteren afrikanischen Anstrengungen in diesem Bereich. Globale Geschichtsforschung, die oft auf regionalwissenschaftlicher Forschung basiert, hat zur Hervorhebung hybrider Konstellationen geführt, z. B. wenn rekonstruiert wurde, wie SklavInnen von ihren BesitzerInnen aufgefordert wurden, das Haus oder die Plantage zu verlassen und außerhalb dieser Sphären Lohnarbeit anzunehmen, einen Teil ihres damit erzielten Einkommens aber an ihre Herren abzugeben. Die Kombination von Sklavenarbeit und Lohnarbeit ebenso wie die von Leibeigenschaft und Kapitalismus (z. B. in Russland um 1900) scheinen die These von der außerordentlichen Bedeutung der vertraglich vereinbarten freien Lohnarbeit, wie sie gemäß klassischer Sicht im Kapitalismus vorherrschte, zu relativieren. Neudefinitionen von Klasse könnten hier die Folge sein. Die Beziehung zwischen freier und unfreier Arbeit ist ein zentrales Thema der Global Labour History.

Während im Westen die Geschichte der Arbeiterbewegungen viel an Attraktivität für WissenschaftlerInnen verloren hat, bietet die globale Geschichte der Arbeiterbewegungen weiterhin viele spannende Forschungsoptionen. Werden internationale Vergleiche zeigen, dass die spezifische Verbindung von Protest, Emanzipation und Reform oder Revolution, die die klassischen Arbeiterbewegungen im Westen charakterisierte, nur für Europa (und/oder den Westen) galt? Dies könnte interessante Folgen für die Diskussionen über europäische Erinnerungskultur haben, in denen die Erinnerung an Arbeit und Arbeiterbewegungen vielleicht eine prominentere Stellung verdiente, als dies heute der Fall ist. Nicht nur in diesem Zusammenhang sollte man jedoch die Vorstellung vermeiden, dass der Westen das Modell bleibt und man lediglich nach Varianten von und Abweichungen zu diesem Modell suchen sollte. Denn es gibt andere Möglichkeiten, über verschiedene Teile der Welt nachzudenken.

Was den Stand der Methoden betrifft, ist die globale Geschichte der Arbeit eher ein »Problemfeld« als eine Theorie, an die sich jeder zu halten hätte. Die Globalgeschichte der Arbeit sieht sich gleichwohl, darauf hat nicht zuletzt Marcel van der Linden nachdrücklich verwiesen, mit verschiedenen Problemen konfrontiert, die zugleich eine Chance darstellen, zentrale Themen der Arbeitsgeschichte noch einmal kritisch aufzugreifen. Er verweist etwa auf die Schlüsselkonzepte der Geschichte der Arbeit, Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung. Sie beruhen auf Erfahrungen innerhalb der Nordatlantikregion. Ist es daher sinnvoll, sie auch im globalen Maßstab zu nutzen? Diese Frage stellt sich bereits, so van der Linden, mit aller Deutlichkeit für das Konzept von Arbeit an sich. Im Englischen etwa existiert die Unterscheidung zwischen »work« und »labour«. Folgen wir Hannah Arendts nicht unumstrittener Deutung, bezieht sich »labour« mehr auf Mühe und Anstrengung, während »work« eher für den Prozess des Schaffens steht. Diese binäre Bedeutung kennen viele andere Sprachen jedoch nicht. Manchmal gibt es nicht einmal einen einzelnen Begriff für »Arbeit«, weil dieses Konzept von den spezifischen Eigenschaften konkreter Arbeitsprozesse abstrahiert. Eine einfache Lösung für dieses Problem ist nicht in Sicht, aber globalhistorische Perspektiven haben zu einer neuen Sensibilität für die zentralen Begrifflichkeiten in der Geschichte der Arbeit geführt. Wir sollten also nicht stillschweigend voraussetzen, was unter Arbeit zu verstehen ist, sondern ihre Bedeutungsinhalte deutlich präziser definieren als dies üblicherweise geschieht. Wo genau ziehen wir die Grenze zwischen »labour« und »work« oder ist diese Grenze gar nicht so offensichtlich, wie häufig angenommen wird? Und wo verlaufen die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit?

Auch das Konzept der »Arbeiterklasse« muss, argumentiert Marcel van der Linden, vor diesem Hintergrund neu beleuchtet werden. Der Begriff entwickelte sich im 19. Jahrhundert im nordatlantischen Raum zur Benennung der sogenannten »respektablen« ArbeiterInnen – um sie von SklavInnen und anderen unfreien ArbeiterInnen wie zum selbstständigen Kleinbürgertum (petite bourgeoisie) und den armen Ausgestoßenen, dem »Lumpenproletariat« abgrenzen zu können. Für viele Regionen der Welt macht eine solche Kategorisierung jedoch wenig Sinn. Denn unfreie Arbeiter der unterschiedlichsten Art sind in weiten Teilen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas die Regel, und nicht, wie die klassische – eurozentrische – Definition von Arbeiterklasse suggeriert, die Ausnahme. Zu den Anliegen der Global Labour History gehört es, eine neue Begrifflichkeit von »Arbeiterklasse« zu entwickeln, die sich stärker an der Inklusion verschiedener abhängiger oder marginalisierter Arbeitergruppen orientiert. Dazu zählen nicht allein verschiedene Formen der Sklaverei, sondern auch andere Spielarten der unfreien Arbeit wie Vertragsknechtschaft (indentured labour) und die Naturalpacht (sharecropping). Sie sind in den vergangenen Jahren verstärkt in das Blickfeld der Geschichte der Arbeit gerückt und haben lange bestehende historiografische Grenzen bereits ein Stück weit aufgeweicht. Ein gutes Beispiel bietet die sehr etablierte Geschichtsschreibung zur Sklaverei in Brasilien, die ihre Forschungen zunehmend auch als Beitrag zur Geschichte der Arbeit versteht. Schließlich gilt es zu reflektieren, wie Ideen und Vorstellungen von Klasse die Geschichte der Arbeit geprägt haben – und zwar sowohl für Eliten als auch für jene, die in der einen oder anderen Form gearbeitet haben.

Warum ist Marcel van der Linden für diese Forschungsrichtung so wichtig?

»Workers of the World«, 2008 zunächst auf Englisch erschienen und im vorliegenden Buch nun erstmals vollständig in deutscher Übersetzung zugänglich, hat wie kein zweites Werk die Konturen jener oben kurz skizzierten Forschungsrichtung markiert, die unter dem Etikett der Globalgeschichte der Arbeit (Global Labour History) firmiert. Kein Autor hat diese Richtung stärker intellektuell und institutionell vorangetrieben als Marcel van der Linden. Viele Jahre war er Forschungsdirektor, seit kurzem ist er Senior Researcher des in Amsterdam ansässigen Internationalen Instituts für Sozialgeschichte (IISG). Dieses Institut ist seit 1935 eines der weltweit wichtigsten Forschungs- und Dokumentationszentren zur Geschichte der Arbeiterbewegung und anderer sozialer Bewegungen; die von Cambridge University Press für das IISG verlegte Zeitschrift International Review of Social History, als deren verantwortlicher Herausgeber Marcel van der Linden lange wirkte, gehört zu den international führenden Fachorganen im Feld der Sozialgeschichte. Van der Linden ist keineswegs von Beginn seiner Karriere an als Globalhistoriker in Erscheinung getreten. Sein frühes Œuvre könnte man mit einer gewissen Berechtigung durchaus als eurozentrisch bezeichnen. Denn es konzentrierte sich bei allen schon früh sichtbaren Bemühungen um Horizonterweiterung vor allem auf den nordatlantischen (und osteuropäischen) Raum.

Anstöße, die Geschichte der ArbeiterInnen und der Arbeiterbewegung in einer globalen Perspektive zu betrachten, gab es für Marcel van der Linden dann viele. Einer davon war Anfang der 1990er Jahre die Begegnung mit einer Gruppe junger indischer Arbeitshistoriker, die ihm, so kann man es wohl sagen, eine neue Welt eröffneten. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Arbeit in Indien führte ihn nicht zuletzt dazu, viele zentrale Kategorien der Sozialgeschichtsschreibung wie »Arbeit« und »Arbeiterklasse« bzw. deren ausschließlich auf nordatlantische Verhältnisse bezogene, gleichwohl universalistisch daherkommende Konzeptualisierung kritisch zu hinterfragen. In der Folge startete er am Amsterdamer Institut eine geradezu generalstabsmäßig angelegte Forschungsoffensive zur Globalgeschichte der Arbeit, die in umfassenden Projekten dieses neue Feld empirisch und methodisch auszuloten suchte. Die Einbeziehung von ForscherInnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika war ihm dabei ein besonderes Anliegen. Überdies engagierte er sich in hohem Maße in der Erschließung und Aufarbeitung von für die Geschichte der Arbeit relevanten Quellenbeständen in den genannten Weltregionen. Die Welt der historischen Arbeitsforschung kam nun nach Amsterdam, aber Marcel van der Linden ging auch hinaus in die Welt, knüpfte unermüdlich Verbindungen, ermutigte und diskutierte mit HistorikerInnen und GewerkschafterInnen und anderen AkteurInnen in Delhi, Dakar und São Paulo, aber auch in Bochum und Warschau, in Manchester und Neapel, in Detroit und Leningrad. So schuf er im Laufe der Jahre ein einzigartiges Netzwerk im Bereich der Arbeitsgeschichte. Zu seinen großen Verdiensten gehört es, in diesem Zusammenhang die Tür für Forschungen zur lange ignorierten Geschichte der Arbeit in außereuropäischen Regionen und für die dort aktiven HistorikerInnen geöffnet zu haben. Diese Öffnung ging keineswegs einher mit einem herablassenden Blick auf die stärker national oder regional ausgerichtete Arbeitsgeschichtsschreibung in Europa. Im Gegenteil: Deren Potential zu stärken und durch globale Perspektiven zu befruchten, ist ihm ausgesprochen wichtig.

Seit der Veröffentlichung von »Workers of the World« hat sich die Globalgeschichte der Arbeit zu einem sehr lebhaften Forschungsfeld entwickelt, auf dem HistorikerInnen aus aller Welt agieren. Marcel van der Lindens Opus Magnum dient weiterhin als zentrale Referenz für die laufenden Debatten. Wer nachvollziehen möchte, wie global verwoben die Geschichte der Arbeit ist, wird an diesem Buch nicht vorbeikommen.

Berlin, Mai 2016

Andreas Eckert

Danksagung

Mein aufrichtiger Dank gilt den vielen Freunden und Freundinnen zu Hause und weltweit, ohne deren Beiträge es nicht möglich gewesen wäre, die in diesem Band gesammelten Essays zu verfassen und für die Veröffentlichung vorzubereiten.

Bereichert wurde meine Arbeit dabei wie immer durch die inspirierenden Diskussionen mit meinen Kollegen und Kolleginnen am Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam, dem Ort, an dem, so weit mir bekannt ist, das Konzept der Global Labour History entstanden ist. Mike Hanagan, Jeffrey Harrod, Lex Heerma van Voss, Jaap Kloosterman, Jan Lucassen und Alice Mul haben sich die Zeit genommen, weite Teile des Manuskripts zu lesen. Ihre zahlreichen fachlich fundierten Kommentare und Verbesserungsvorschläge waren außerordentlich hilfreich. Außerdem möchte ich noch den folgenden ForscherInnen danken, die ebenfalls Teile des Textes kritisch gegengelesen bzw. mich in Gesprächen oder Diskussionen auf neue Ideen gebracht haben: Eva Abraham, Ravi Ahuja, Peter Alexander, Shahid Amin, Touraj Atabaki, Vinay Bahl, Gopalan Balachandran, Jairus Banaji, Claudio Batalho, Rana Behal, Sabyasachi Bhattacharya, Ulbe Bosma, Tom Brass, Jan Breman, Carolyn Brown, Hans de Beer, Guglielmo Carchedi, Sidney Chalhoub, Mel Dubofsky, Angelika Ebbinghaus, Babacar Fall, Dick Geary, John French, Jim Hagan, Dirk Hoerder, Karin Hofmeester, Richard Hyman, Chitra Joshi, Amarjit Kaur, Andrea Komlosy, Jürgen Kocka, Thomas Kuczynski, Val Moghadam, Prabhu Mohapatra, David Montgomery, Rafael Ortiz, Richard Price, Marcus Rediker, Magaly Rodriguez, Karl Heinz Roth, Ratna Saptari, Vicent Sanz, Bruce Scates, Samita Sen, Bob Slenes, Alessandro Stanziani, Jan Willem Stutje, Abram de Swaan, Sjaak van der Velden, Elise van Nederveen Meerkerk, Willem van Schendel, Adrian Vickers, Peter Waterman und Andrew Wells. Für den Titel des Bandes danke ich Leon Fink.

Kapitel 1–6, 10 und 12–14 basieren mehr oder weniger auf Texten, die ich zuvor in African Studies, 66, 2–3 (August–Dezember 2007), S. 169–180; Sabyasachi Bhattacharya und Jan Lucassen (Hrsg.), Workers in the Informal Sector. Studies in Labour History 1800–2000 (Delhi [usw.]: Macmillan India, 2005), S. 21–44; Tom Brass und Marcel van der Linden (Hrsg.), Free and Unfree Labour: The Debate Continues (Bern: Peter Lang, 1997), S. 501–523; M. Erdem Kabadayi und Tobias Reichardt (Hrsg.), Unfreie Arbeit. Ökonomische und kulturgeschichtliche Perspektiven (Hildesheim, Zürich und New York: Georg Olms Verlag, 2007), S. 260–279; Abram de Swaan und Marcel van der Linden (Hrsg.), Mutualist Microfinance. Informal Saving Funds from the Global Periphery to the Core? (Amsterdam: Aksant, 2006), S. 183–210; Marcel van der Linden (Hrsg.), Social Security Mutualism (Bern: Peter Lang, 1996), S. 11–38; International Labor and Working-Class History, 46 (Herbst 1994), S. 109–121; Immanuel Wallerstein (Hrsg.), The Modern World-System in the Longue Durée (Westport, CT: Paradigm, 2004), S. 107–131; International Review of Social History, 46, 3 (Dezember 2001), S. 423–459; Labour History [Australia], 89 (November 2005), S. 197–213 veröffentlicht habe. Kapitel 7, 8, 9, 11, 15, und 16 sind neu und wurden bisher in keiner Form andernorts veröffentlicht.

Im Sekretariat haben mich Mona Hilfman und später Angèle Janse unterstützt. Mein Dank gilt auch Andreas Eckert, der nicht nur als Direktor des Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kollegs »Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive« der Humboldt Universität zu Berlin die Übersetzung finanziell ermöglicht hat, sondern der auch, zusammen mit den beiden anderen HerausgeberInnen, Sebastian Conrad und Margrit Pernau, bereit war, das Buch in die Reihe »Globalgeschichte« aufzunehmen – dabei kräftig unterstützt von Jürgen Hotz vom Campus Verlag. Mein besonderer Dank geht ebenfalls an Bettina Hoyer, Tim Jack und Sebastian Landsberger, die sich der Übersetzung mit Professionalität, Geduld und Liebe zum Detail gewidmet haben.

Amsterdam, Mai 2016

Marcel van der Linden

1. Einführung

»Denken ist nicht mit dem Bau von Kathedralen oder dem Komponieren von Symphonien vergleichbar. Wenn im Denken von Symphonie die Rede sein kann, so hat sie der Leser in seinen eigenen Ohren zu erschaffen.«

Cornelius Castoriadis¹

Die historische Forschung hinsichtlich der Plackerei, des Elends, aber auch der Leistungen von Arbeitenden und Arbeiterbewegungen hat zu Beginn des 21. Jh. eine spannende Wendung genommen – hin zu einer wirklich globalen Geschichte der Arbeit, einer Global Labour History. Deutlich wird dieser Wandel bei einem Vergleich zwischen neueren und älteren Ansätzen.

Bisher beschäftigten sich HistorikerInnen, die zur Arbeiterklasse forschten, fast ausschließlich mit den sogenannten entwickelten kapitalistischen Staaten und Osteuropa/Russland. Ihre Interpretation des Forschungsgegenstands blieb dabei sehr beschränkt – und letztlich eurozentrisch. Daher dominierte seit Gründung der Disziplin um 1840 ein einseitiges Paradigma das Gros der Publikationen. Der typische, von ArbeitshistorikerInnen untersuchte Arbeiter, war das »doppelt freie« Individuum (im Marxschen Sinne »frei« in der Wahl des Arbeitgebers und »befreit« vom Eigentum an Kapital). Dieser Arbeiter war für gewöhnlich männlich und im Transportsektor (im Hafen oder bei der Eisenbahn), im Bergbau, in der Industrie oder auf großen landwirtschaftlichen Gütern angestellt. Seine (bzw. manchmal auch ihre) Familie verblieb im Hintergrund und schien hauptsächlich eine Funktion für den Konsum bzw. die Reproduktion zu haben, wobei die Löhne dazu dienten, die Ausgaben der Familien zu decken und Kinder großzuziehen. Arbeiterproteste wurden vor allem dann ernst genommen und analysiert, wenn es sich um Streiks, Gewerkschaftsaktivitäten oder parteipolitische Aktionen linker Bewegungen handelte.

Seit den 1950er Jahren wuchs die Zahl von Beiträgen zur Geschichte der Arbeit in den Kolonien und den ehemaligen Kolonien. Doch zu Beginn tappten auch sie in die Falle eurozentrischer Vorurteile,² da die AutorInnen sich im Wesentlichen auf BergarbeiterInnen, HafenarbeiterInnen, PlantagenarbeiterInnen usw. konzentrierten und die Familien- und Haushaltsarbeit als Thema vernachlässigten. Und obgleich die AutorInnen verschiedensten politischen Strömungen angehörten, lag der Schwerpunkt zumeist auf der Analyse von Streiks, Gewerkschaften und politischen Parteien. J. Norman Parmers sorgfältige Arbeit Colonial Labor Policy and Administration (1960) über die malaysische Gummibaum-Plantagenindustrie (in den Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg) beschreibt die ArbeiterInnen aus der Perspektive von UnternehmerInnen und staatlichen Behörden. Jean Chesneauxs klassisches Werk Le mouvement ouvrier en Chine de 1919 à 1927 (1962) basiert auf der damaligen offiziellen kommunistischen Position. Guillermo Loras Werk Historia del movimiento obrero boliviano (1967–1970) vertritt einen trotzkistischen Ansatz.

Spätere Studien versuchten eine weniger eurozentrische Perspektive zu entwickeln. Die bedeutendsten Werke aus dieser Phase sind unter anderem Charles van Onselens Schrift Chibaro (1976) zur Arbeit in den Bergwerken Süd-Rhodesiens sowie Labour and Working Class in Eastern India (1994) von Ranajit Das Gupta über PlantagenarbeiterInnen, Bergleute und TextilarbeiterInnen, unter anderem in Assam und Bengalen.³ Seit etwa 20 Jahren steigt in Teilen des Globalen Südens das Interesse an der Geschichte der Arbeit. Für Lateinamerika und die Karibik fasste John French diese Entwicklung vor ein paar Jahren folgendermaßen zusammen: »Dieses Forschungsgebiet entwickelte sich erst Anfang bis Mitte der 1980er Jahre und ist mittlerweile ein unter Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen anerkannter Forschungsschwerpunkt.« (French 2000b: 137)⁴ Ähnliche Trends sind in Südasien und Südafrika erkennbar.⁵

Zahlreiche internationale Fachtagungen und Vereinigungen zeigen, dass sich das Forschungsfeld Geschichte der Arbeit zu einem wahrlich globalen Projekt entwickelt. Nach einer ersten Initiative in Südafrika 1978 – dem Geschichtsworkshop zu »Arbeit, Townships und Protest« – stellt die Gründung der Association of Indian Labour Historians, einer sehr umtriebigen Organisation, die neben ihren wissenschaftlichen Aktivitäten auch eine Reihe von bedeutenden Konferenzen abhielt, den eigentlichen Beginn dieser Entwicklung dar. Wenig später wurde Mundos do Trabalho gegründet, ein Netzwerk von ForscherInnen der Arbeitsgeschichte innerhalb der brasilianischen Historikervereinigung ANPUH (Associação Nacional de Historia). Gründungskonferenzen wurden zudem in Pakistan (Karachi, 1999), Südkorea (Seoul, 2001) und Indonesien (Yogyakarta, 2005) abgehalten. 2006 fand in Johannesburg die zweite südafrikanische Konferenz statt. Die enorme geografische Ausbreitung dieser Disziplin und die bedeutsamen neuen Überlegungen, die daraus erwuchsen, haben überall zu einem Überdenken der bisherigen Geschichte der Arbeit geführt.

Als Grundlage für das Forschungsfeld »Geschichte der Arbeit«, das sich im 19. Jh. in Europa und in Nordamerika herausbildete, diente eine Kombination aus »methodologischem Nationalismus« und »Eurozentrismus«. Erst in den letzten Jahren ist dieser Ansatz stärker in die Kritik geraten. Der methodologische Nationalismus führt zu einer Gleichsetzung von Gesellschaft und Staat. Die Geschichtsforschung behandelt einzelne Nationalstaaten dann so, als wären sie tatsächlich »Leibnizsche Monaden«. Eurozentrismus kann als eine Klassifizierung der Welt beschrieben werden, deren Ausgangspunkt die Nordatlantik-Region bildet. Hierbei wird davon ausgegangen, dass das Zeitalter der »Moderne« in Europa und Nordamerika seinen Anfang nahm und sich nach und nach über den Rest der Welt ausbreitete. Die Temporalität der »Kernregion« bildet den Referenzwert für die Entwicklungsperioden der übrigen Welt. Entsprechend rekonstruierten HistorikerInnen die Geschichte der Arbeiterklassen und Arbeiterbewegungen Frankreichs, Großbritanniens, und der Vereinigten Staaten usw. als voneinander getrennte, separate Entwicklungen. Falls sie die sozialen Klassen und Bewegungen in Lateinamerika, Afrika oder Asien dabei überhaupt einbezogen, so wurden diese gemäß den Schemata aus der »Nordatlantik-Region« interpretiert.

Blickten HistorikerInnen, die die Geschichte der Arbeit erforschten, demnach nie über den nationalen Tellerrand? Natürlich taten sie das und auch bereits früh. Allerdings, und das ist der entscheidende Punkt, blieb ihr Ansatz trotzdem »monadologisch«. Das »zivilisierte« Europa wurde betrachtet, als bestünde es aus Völkern, die sich alle mehr oder weniger in dieselbe Richtung und auf Grundlage derselben Prinzipien entwickelten, lediglich die Geschwindigkeit dieser Entwicklung sei unterschiedlich. Manche Nationen galten als »fortschrittlicher« als andere, weshalb die eher »rückständigen« Nationen ihre Zukunft in den führenden Nationen gespiegelt sehen konnten. Dieser Gedanke wurde zunächst sehr vereinfacht interpretiert: So diente beispielsweise die Erforschung von Arbeiterbewegungen fremder Staaten zur Entwicklung neuer Politikansätze für das eigene Land. In den Schriften von Lorenz von Stein, einem deutschen Pionier der grenzüberschreitenden historischen Forschung zur Arbeiterbewegung, ist solch ein Ansatz offensichtlich. Seine Untersuchung der sozialistischen und kommunistischen Strömungen im französischen Proletariat enthielt implizit die Annahme, dass sich Geschichte in voneinander getrennten Nationen separat entwickelt. Sein Ansatz ist damit fest im monadologischen Denken verankert. Doch war er der Ansicht, dass jede »grundlegende Bewegung« in einer Nation sich früher oder später in einer anderen Nation wiederholen würde. Vor diesem Hintergrund schien eine Untersuchung der Entwicklungen in Frankreich eine dringliche Aufgabe – er glaubte, dass die dort aufkommende radikale Bewegung bald auch Deutschland erreichen würde, und stellte die rhetorische Frage: »Dürfen wir thatlos zuschauen, wie sie unter uns Platz greift, und ohne Lenkung bleibt, weil sie unverstanden ist?« (Stein 1842: iv, ix)

Diese Herangehensweise brachte ein großes Interesse an »hoch entwickelten« Völkern hervor, da diese ja »den Weg in die Zukunft aufzeigten«. Bald jedoch wurde deutlich, wie schwierig die Übernahme nützlicher politischer Konzepte tatsächlich war. Als Werner Sombart ein halbes Jahrhundert nach den Arbeiten von Steins die Geschichte des italienischen Proletariats erforschte, kam er zu dem Schluss, dass sich aus derartigen vergleichenden Studien kaum eine nützliche Empfehlung für das tägliche politische Geschäft im eigenen Land ableiten ließ. Sombart glaubte zwar, dass Nationen voneinander lernen konnten, plädierte aber für einen grundsätzlicheren Ansatz, der einzig auf bedeutenden theoretischen Fragen basierte (»Woher?«, »Wohin?«). Dieser neue methodologische Ansatz erweiterte das Forschungsfeld umgehend, denn das hieß, dass es nun nicht mehr ausreichen würde, lediglich die bereits weiter entwickelten Länder zu untersuchen. Man würde auch in die weniger entwickelten Länder eintauchen müssen, »soweit sie nur gleichen Kulturkreisen angehören« (Sombart 1913: 178), denn: »Wenn überhaupt sich Regelmäßigkeiten in der sozialen Entwicklung nachweisen lassen, so müssen sie in den anfangenden Ländern wiederkehren; hier muss die Richtigkeit der Hypothesen, die wir auf Grund früherer Erfahrungen in andern Ländern aufgestellt haben, ihre Bestätigung finden.« (ebd.)

So verhalf Sombart einer in der »Monadologie« fundierten Geschichte der Arbeit zu wissenschaftlichem Status. Doch mit der Zeit bekamen die Monaden »Fenster«. Sombart selbst erkannte den Einfluss »den das Beispiel der fortgeschrittenen Länder auf die nachfolgenden Völker ausübt« (ebd.), an. Auch wenn getrennte Völker weiterhin die Grundeinheiten der Analyse bildeten, rückte im Verlauf des 20. Jh. die wechselseitige Beeinflussung verschiedener Völker stärker in den Fokus. Von James Guillaume bis zu Julius Braunthal wurden internationale Arbeiterorganisationen beispielsweise als kooperative Verbindungen zwischen ArbeiterInnen interpretiert, die verschiedene Länder repräsentierten, als »Verbindungen zwischen Patrioten mit unterschiedlichem Vaterland« – eine Sichtweise, die in der Bewegung selbst natürlich ebenso verbreitet war. Studien zur internationalen Arbeitsmigration stellten MigrantInnen wahlweise als Menschen dar, die die Kultur ihres Herkunftslandes bewahrten oder die Kultur des Landes assimilierten, in das sie migriert waren.

Erst in den letzten Jahrzehnten ist die »eurozentrische Monadologie« als solche in Frage gestellt worden. Einerseits geriet die Idee von Sombart, dass nur Völker eines Kulturkreises sinnvoll miteinander verglichen werden können, immer mehr in die Kritik. Auf der anderen Seite wurde der Nationalstaat zunehmend historisiert – und dadurch relativiert. Zwar verliefen diese beiden »subversiven« Entwicklungen weitgehend parallel, dennoch sollten sie klar voneinander abgegrenzt werden. Ihr Aufkommen ist verbunden mit bedeutenden intellektuellen Transformationen, die vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg stattfanden, teilweise jedoch auch schon früher. Hierzu zählen folgende Entwicklungen:

Die Entkolonialisierung schuf, insbesondere in Afrika und Asien, viele unabhängige Staaten, deren BürgerInnen ihre jeweils eigene Sozialgeschichte zu erforschen begannen. Hierdurch wurde die Geschichte der Arbeit zunehmend um eine »periphere« Komponente ergänzt (die Zahl der »Monaden« stieg). Zudem zeigte sich bald, dass die Geschichte der Peripherie offensichtlich nicht ohne einen permanenten Bezug auf die Geschichte des Zentrums geschrieben werden konnte.

Es entwickelten sich transkontinentale »imaginierte Gemeinschaften«, wie der Panafrikanismus.

In der historischen Migrationsforschung setzte sich langsam die Erkenntnis durch, dass der Ansatz »aus der Nation in die ethnische Enklave« die migrantische Lebensrealität fehlinterpretierte, da diese häufig transkulturell geprägt ist.

Es wurden Grenzkulturen »entdeckt«, die nicht in das monadologische Schema passten.

Dasselbe galt für transnationale Zyklen von Arbeiterprotesten und Streiks.

All diese Entwicklungen (sowie der zunehmende Austausch zwischen HistorikerInnen verschiedener Länder und Kontinente) schufen eine Situation, in der die Fallstricke des Eurozentrismus und des methodologischen Nationalismus in der traditionellen Forschung zur Geschichte der Arbeit klar zutage traten und somit ein Thema für Auseinandersetzungen wurden.

Wie soll der Terminus Global Labour History nun konkret verstanden werden? Trotz verschiedener möglicher Konzepte möchte ich hier folgenden Rahmen zu Grunde legen: In Bezug auf die Methodologie ist damit eher ein »Beschäftigungsfeld« gemeint als ein wohl ausformuliertes theoretisches Paradigma, dem alle genau folgen müssen. Unsere Forschungskonzepte und der Interpretationsrahmen können und werden sich voneinander unterscheiden. Intellektueller Pluralismus ist nicht nur unvermeidlich, er ist auch anregend und fruchtbar für die Forschung – unter der Voraussetzung, dass es zu einer ernsthaften Diskussion unserer unterschiedlichen Ansichten kommt. Wir sollten – ungeachtet unserer verschiedenartigen Ansätze – bei Arbeiten auf demselben Gebiet nach produktiver Zusammenarbeit streben. Denn je stärker wir uns auf dieselbe Fachliteratur stützen, die faktisch zu einer bereits international verfügbaren Ressource geworden ist, desto notwendiger wird auch eine derartige Zusammenarbeit.

Inhaltlich konzentriert sich Global Labour History auf das transnationale – eigentlich das transkontinentale – Studium von Arbeitsbeziehungen und Arbeiterbewegungen im weitesten Sinne. Mit »kontinental« ist hier eine Perspektive gemeint, bei der alle historischen Prozesse – wie geografisch »begrenzt« sie auch sein mögen – durch den Vergleich mit Prozessen andernorts, durch die Erforschung internationaler Wechselwirkungen oder einer Kombination aus beidem, in einen größeren Kontext gestellt werden. Die Untersuchung umfasst dabei jeweils beides: sowohl freie als auch unfreie Arbeit, sowohl bezahlte als auch unbezahlte Arbeit. Arbeiterbewegungen sind immer auch beides: formalisierte Organisationen und informelle Zusammenschlüsse. Das Studium von Arbeitsbeziehungen wie auch von sozialen Bewegungen erfordert zudem, dass »der anderen Seite« (Unternehmen, Behörden) eine ebenso gründliche Aufmerksamkeit zuteil wird. Arbeitsbeziehungen umfassen nicht nur die einzelnen ArbeiterInnen, ihre Familien können gleichfalls von Bedeutung sein. Geschlechterbeziehungen spielen in beiden Feldern eine wichtige Rolle: innerhalb der Familie und in den Arbeitsbeziehungen einzelner Familienmitglieder.

In Bezug auf den untersuchten historischen Zeitraum setzt die Global Labour History keine zeitlichen Grenzen, obwohl der Fokus in der Praxis für gewöhnlich auf Arbeitsbeziehungen und Arbeiterbewegungen liegt, die sich mit der Ausdehnung des Weltmarktes ab dem 14. Jh. entwickelten. Studien zu früheren Epochen, beispielsweise zu vergleichenden Zwecken, sollten aber keinesfalls ausgeschlossen werden.

Die Global Labour History ist ein extrem ambitioniertes neues Unterfangen. Viele ihrer Forschungsgegenstände sind noch immer Gegenstand von Kontroversen oder bedürfen weiterer Klärung. Auf ihrem künftigen Weg wird sie viele Hindernisse überwinden müssen, um zur Blüte zu gelangen.⁷ Technische Probleme müssen beseitigt werden. Doch ich glaube, unser größtes Hindernis bleibt unsere eigene, mit tradierten Theorien und Interpretationen beladene Denkweise. Die beiden wichtigsten Fallstricke nannte ich bereits: methodologischer Nationalismus und Eurozentrismus.

Methodologische NationalistInnen sind meiner Meinung nach Opfer von zwei bedeutenden intellektuellen Irrtümern. Erstens betrachten sie den Nationalstaat als »natürliche« Gegebenheit. Sie sehen im Nationalstaat die grundlegende, nicht hinterfragbare analytische Kategorie der Geschichtsforschung. Selbst wenn sie anerkennen, dass Nationalstaaten erst im 19. und 20. Jh. aufkamen, interpretieren sie die ältere Geschichte im Sinne einer Prä-Historie der späteren Nationalstaaten. Grenzüberschreitende oder Grenzen zerstörende Prozesse werden als Abweichung vom »reinen« Typus angesehen. Hierbei handelt es sich um eine falsche Teleologie, die vollständig ad acta gelegt werden sollte. In globaler Perspektive ist die Existenz von Nationalstaaten offensichtlich ein essenzieller Aspekt des Weltsystems. Jedoch muss dieser Aspekt gründlich historisiert und durch eine Gegenüberstellung mit subnationalen, supranationalen und transnationalen Aspekten relativiert werden.

Zweitens nehmen methodologische NationalistInnen eine Gleichsetzung von Gesellschaft, Staat und einem nationalen Territorium vor und gehen davon aus, dass »Gesellschaften« (soziale Formationen) geografisch mit Nationalstaaten identisch sind. Die Vereinigten Staaten haben ihre eigene Gesellschaft, Mexiko hat seine eigene Gesellschaft, China hat seine eigene Gesellschaft usw. Auch hier ist ein völlig neuer Ansatz vonnöten. Wir sollten mehr und gründlicher über die These von Michael Mann nachdenken, wonach Gesellschaften »sich mehrfach überlagernde und überschneidende sozial-räumliche Netzwerke von [ideologischer, wirtschaftlicher, militärischer und politischer] Macht« sind. Dies impliziert: »Gesellschaften sind keine einheitlichen Blöcke. Sie sind keine (geschlossenen oder offenen) sozialen Systeme; es handelt sich nicht um Totalitäten. Es gibt keine gesellschaftliche Formation, die für sich beanspruchen könnte, einen geografischen oder sozialen Raum vollständig auszufüllen.« (Mann 1986: 1f.)

Auf drei Ausprägungen des Eurozentrismus sollte an dieser Stelle besonders hingewiesen werden. Die erste ist schlicht eine Unterlassung: Nur einem bestimmten Teil der Welt wird Aufmerksamkeit geschenkt. Entsprechend gehen die AutorInnen davon aus, dass die Geschichte »ihres Teils der Welt« geschildert werden kann, ohne sich dabei in irgendeiner Form auf den Rest der Welt zu beziehen. Diese Haltung findet einen sehr deutlichen Ausdruck in der im angelsächsischen Sprachraum häufig geäußerten Differenzierung zwischen »dem Westen und dem Rest der Welt« [im Engl.: »The West and the Rest«, Anm. d. Ü.].

Die zweite Ausprägung sind explizite Vorurteile: Die AutorInnen berücksichtigen globale Zusammenhänge, glauben aber dennoch, der europäische Raum (einschließlich Nordamerika und Australasien) sei »wegweisend«. Diese Art von Eurozentrismus ist besonders unter ModernisierungstheoretikerInnen verbreitet. Robert Nisbet charakterisierte diese Entwicklungstheorie folgendermaßen:

»Die Menschheit gleicht einer riesigen Prozession, bei der alle oder zumindest eine Vielzahl von Völkern zu Mitgliedern der Prozession werden. […] Selbstverständlich wurde Westeuropa wegen seiner besonderen, im Lauf der Geschichte erworbenen Grundsätze wirtschaftlicher, politischer, moralischer und religiöser Werte als führend angesehen und daher an die Spitze der Prozession gesetzt. Über alle anderen Völker wurde gesagt, egal wie reichhaltig auch ihre eigene Zivilisation sein mochte, etwa in China und Indien, dass sie sich auf ›dem Weg‹, in einer Prozession, hin zur Vervollkommnung einer Entwicklung befinden, die eines Tages aus ihnen auch das machen würde, was der geheiligte Westen ist.« (Nisbet 1971: 101)

Die dritte Ausprägung besteht aus impliziten Annahmen hinsichtlich der Forschungsausrichtung. Diese sind am schwierigsten zu erkennen und zu bekämpfen. Hier geht es um allgemeine Auffassungen über historische Erfahrungen, die vermeintlich immer wieder durch frühere wissenschaftliche Forschungen bestätigt wurden und deshalb als gesichert gelten. Solche Aussagen »empirischer EurozentrikerInnen« beruhen dann auf vermeintlichen Fakten, die als solche keiner weiteren Erklärung bedürfen. Sie nehmen beispielsweise einfach an, dass Gewerkschaften immer dann am meisten erreichen, wenn sie sich in der einen oder anderen Form auf Tarifverhandlungen konzentrieren. Dies sei, so ihre Ansicht, durch die historische Erfahrung definitiv belegt. Sie werden häufig sogar energisch bestreiten, dass die Verteidigung einer solchen Perspektive notwendigerweise auf einer eurozentrischen Sicht der Dinge beruht und nur Wenigen ist das darunterliegende regionale Vorurteil bewusst. Der vor kurzem verstorbene Jim Blaut merkte hierzu an: »Eurozentrismus, […] ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Wir können alle wertenden Implikationen des Wortes, alle Vorurteile verbannen, und doch bleibt uns der Eurozentrismus als ein Set empirischer Glaubenssätze.« (Blaut 1993: 9)

Während es relativ einfach ist, den ersten beiden Ausprägungen (Unterlassung und Vorurteil) etwas entgegenzusetzen, stellt die dritte Spielart hingegen ein wesentlich größeres Hindernis dar. Lucien Febvre hat dieses Problem bereits vor einem halben Jahrhundert so formuliert: »Jegliche intellektuelle Kategorie, die wir in den Werkstätten unseres Geistes schmieden, ist in der Lage sich selbst mit eben dieser Kraft der Tyrannei zu erheben – und beharrt noch hartnäckiger auf ihrer Existenz, als die in unseren Fabriken erschaffenen Maschinen.« (Febvre 1973: 258)

Mit den in diesem Band zusammengefassten Arbeiten möchte ich einen Beitrag zu einer von Eurozentrismus und methodologischem Nationalismus befreiten Global Labour History leisten. Durch die Nutzung von Forschungsliteratur aus verschiedenen Weltregionen, Epochen und Fachbereichen werden Argumente und konzeptionelle Werkzeuge für eine neue Interpretation der Geschichte entwickelt – eine Geschichte der Arbeit, die auch die Geschichte der Sklaverei und der Vertragsknechtschaft mit berücksichtigt und die sich der Untersuchung der divergierenden, aber nichtsdestotrotz zusammenhängenden Entwicklungen in verschiedenen Teilen der Welt mit großer Ernsthaftigkeit widmet. Drei Fragen leiten hierbei die Untersuchungen:

Worin besteht das Wesen der weltweiten Arbeiterklasse, auf die sich die Global Labour History konzentriert? Wie lässt sich diese Klasse definieren und von anderen abgrenzen, und welche Faktoren bestimmen ihre Zusammensetzung?

Welche Arbeitskampfformen hat diese Arbeiterklasse über die Zeit entwickelt, und worin besteht die Logik dieser Entwicklung?

Was können HistorikerInnen von benachbarten Disziplinen lernen? Welche Erkenntnisse von AnthropologInnen, SoziologInnen und anderen SozialwissenschaftlerInnen sind bei der Entwicklung einer Global Labour History von Nutzen?

Wenn ich in meinen Essays diesen Fragen nachgehe, so beanspruche ich keineswegs, vollständige und endgültige Antworten zu bieten. Vielmehr möchte ich Hinweise dazu geben, wo zentrale Fragen für ForscherInnen zur Geschichte der Arbeit liegen und eine Richtung aufzeigen, die als nützliche Orientierung für künftige Forschungsvorhaben dienen könnte. Alle Kapitel lassen sich unabhängig voneinander lesen, bilden aber ein miteinander verbundenes Ganzes, das meiner Ansicht nach in sich schlüssig ist.

Der Aufbau des Buches ähnelt dem einer klassischen Sanduhr. Es beginnt mit einer breit angelegten Perspektive, dann verengt sich der Fokus und schließlich weitet sich das Gesichtsfeld erneut. Die Essays im ersten Teil diskutieren das in der Geschichte der Arbeit insgesamt so zentrale Konzept der Arbeiterklasse. Scheinbar entstand der Begriff im 19. Jh., um damit »respektable« ArbeiterInnen zu bezeichnen und diese von SklavInnen und anderen unfrei Arbeitenden, von Selbstständigen (einem Teil des Kleinbürgertums) und von den armen Marginalisierten (dem Lumpenproletariat) abzugrenzen. Wie ich hier aufzeige, ist eine derartige Einteilung aus vielerlei Gründen auf den Globalen Süden schlichtweg nicht anwendbar.

Jene sozialen Gruppen, die in der bisherigen Geschichte der Arbeit quantitativ nicht signifikant waren, sondern lediglich als Ausnahmen von der Regel galten, sind in großen Teilen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas die Regel. Wir benötigen daher eine neue Konzeptualisierung, die sich weniger an der Exklusion denn an der Inklusion der verschiedenen abhängigen oder marginalisierten Gruppen von ArbeiterInnen orientiert. Wir müssen anerkennen, dass es sich bei den »echten« LohnarbeiterInnen – jenen ArbeiterInnen also, um die es Karl Marx vor allem ging, die als freie Individuen über ihre Lohnarbeitskraft als ein Gut verfügen, das ihnen selbst zu eigen ist und die keine andere Ware zu verkaufen haben – nur um eine Form unter vielen handelt, in der im Kapitalismus die Arbeitskraft zur Ware wird. Es gibt viele weitere untersuchungswürdige Formen, wie etwa Leibeigene, Vertragsknechte oder TeilpächterInnen. In Kapitel 2 wird diese These empirisch und theoretisch untermauert, während Kapitel 3 und 4 die historische Logik der beiden Extreme, der sogenannten »freien« Lohnarbeit und der Besitzsklaverei, im Spektrum der Arbeitsregime im Detail erforschen.

Die Essays im zweiten und dritten Teil bilden das »enge« Mittelstück. Bezugnehmend auf historische und zeitgenössische Fallstudien versuchen sie, die historische Logik hinter den kollektiven Aktionen der Arbeiterklasse zu ergründen. Ich bin mir dessen bewusst, dass eine solche Herangehensweise nichts völlig Neues darstellt. Ähnliches haben Andere bereits vor mir unternommen. Am bekanntesten ist möglicherweise Selig Perlmans A Theory of the Labor Movement (1928). Zwar ist das Werk schon etwas älter, dennoch enthält es Einschätzungen, die weiterhin von Interesse sind. Allerdings unterscheidet sich meine Herangehensweise von anderen, bereits vorliegenden Beiträgen, in wichtigen Aspekten: Das Konzept des »Arbeiters« ist bei mir weiter als üblich gefasst, ich beschränke mich nicht ausschließlich auf Gewerkschaften und ich versuche Erfahrungen aus allen Kontinenten einfließen zu lassen.

Kollektives Agieren von ArbeiterInnen kann verstanden werden als mehr oder weniger koordiniertes Handeln durch eine Gruppe von ArbeiterInnen (und möglicherweise auch von deren Verbündeten) zur Erreichung eines spezifischen Ziels, welches sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln als Individuen nicht innerhalb desselben Zeitrahmens hätten erreichen können. Diese Beschreibung ist offensichtlich sehr allgemein gehalten, weil sie sowohl Organisationen (zum Beispiel die Gründung einer Sterbekasse) und Gruppenaktivitäten (zum Beispiel Protestdemonstrationen) umfasst. Organisationen sind somit schon von ihrem Wesen her Formen kollektiven Handelns.¹⁰ Die Definition umfasst hier nicht nur politische oder Interessenskonflikte, sondern auch verschiedene Arten von kollektiven Aktivitäten (z. B. soziale Veranstaltungen).

Das Forschungsfeld, das diese Interpretation eröffnet, ist von einem Autor allein unmöglich zu bewältigen. Daher konzentriere ich mich in erster Linie auf eher formalisierte Arten ökonomisch motivierter Arbeitskampfmaßnahmen von ArbeiterInnen.¹¹ Diese Einschränkung bedeutet, dass vor allem Aktivitäten von ArbeiterInnen diskutiert werden, die über einen signifikanten Grad von Autonomie (gemäß der Definition in Kapitel 2) verfügen. Ein hoher Grad an persönlicher Freiheit bei subalternen ArbeiterInnen beeinflusst auch ihre Möglichkeiten, komplexe und langlebige Organisationsstrukturen zu schaffen, sei es in Form von Produktions- und Konsumgenossenschaften oder in Form von Gewerkschaften.¹² Aus diesem Grund finden PlantagensklavInnen und andere Gruppen sehr unfreier ArbeiterInnen in diesen Kapiteln kaum Eingang, während der Fokus stärker auf LohnarbeiterInnen, Vertragsknechten und Selbstständigen liegt.

Arbeitskampfmaßnahmen sind weder mit Protest gleichzusetzen, noch setzen sie diesen voraus. In verschiedenen, wichtigen Bereichen werden Arbeitskampfmaßnahmen von den beteiligten ArbeiterInnen, UnternehmerInnen und Behörden auch nicht als Protest angesehen.¹³ Die Kapitel 5 bis 8 analysieren derartige nicht-konfrontative Aktivitäten. In den Kapiteln 9 bis 12 liegt der Fokus hingegen auf konfrontativen Aktivitäten, bei denen ArbeiterInnen eine Auseinandersetzung mit Unternehmen oder staatlichen Behörden führen. In den Kapiteln 5, 6, 8 und 10 werden vor allem vergleichsweise kleinteilige Formen des Arbeitskampfes diskutiert, bei denen die Teilnehmenden großen Einfluss auf das Tagesgeschäft haben. In einigen Teilen der Welt (beispielsweise in der Nordatlantik-Region) gehören kleinere Organisationen größtenteils der Vergangenheit an, während sie in anderen weiterhin sehr präsent sind. Im Gegensatz dazu beschäftigen sich die Kapitel 7, 11 und 12 mit dem Übergang von kleinteiligen zu großen Formen des Arbeitskampfes.

Im letzten Teil des Buches wird ein umfangreicher Fragenkatalog abgearbeitet. Da die Global Labour History durch die Neudefinition von Kernkonzepten traditionelle Disziplingrenzen überschritten hat, kann und sollte auch viel von den Nachbardisziplinen gelernt werden. Dies gilt sowohl auf theoretischer und konzeptioneller Ebene (ich diskutiere den »Weltsystemansatz« und die »Bielefelder Schule«) als auch empirisch. So werden etwa die Grenzen zwischen Historiografien der Sklaverei einerseits und der Lohnarbeit andererseits künftig zwangsläufig weniger scharf ausfallen. Doch wir können uns auch andernorts inspirieren lassen. Im vierten Teil des Buches soll aufgezeigt werden, dass wir viel von den Sozialwissenschaften lernen können – selbst dort, wo Arbeit nicht deren explizites Anliegen ist. Aufgrund des sondierenden Charakters der in diesem Band zusammengefassten Studien sollen im abschließenden Kapitel keine allgemeinen Schlussfolgerungen gezogen werden. Stattdessen soll der Fokus auf den Herausforderungen der Global Labour History im Lichte der in den vorangegangenen Kapiteln vorgestellten Konzepte liegen.

Der österreichische Universalgelehrte Otto Neurath schrieb einmal, WissenschaftlerInnen seien wie Seeleute, »die auf hoher See die Form ihres schwerfälligen Schiffes […] verändern wollen. Neben dem Holz des alten Baus verwenden sie Treibholz, um Skelett und Rumpf ihres Schiffes umzugestalten. Aber sie können das Schiff nicht ins Dock bringen um ganz von vorne zu beginnen. Während sie arbeiten, bleiben sie auf dem alten Bau und trotzen schweren Stürmen und donnernden Wogen. Beim Umbau des Schiffes tragen sie Sorge, dass kein gefährliches Leck auftritt. Ein neues Schiff erwächst aus dem alten, Schritt für Schritt« (Neurath 1944: 918).

Die Global Labour History steht vor demselben Dilemma: Wir können unser neues Schiff nicht ohne das alte bauen. Irgendwie muss es uns gelingen, das alte Schiff in das neue zu verwandeln. Deshalb sind die Essays, die ich hier vorstelle, zu einem großen Teil noch immer gefangen im Erbe der alten Geschichte der Arbeit. Und obwohl ich die traditionellen konzeptionellen und territorialen Beschränkungen überschreite, stellen die Grenzen meines eigenen Wissens und des gegenwärtig zur Verfügung stehenden Materials eine weitere Hürde dar. Letzteres ist äußerst ungleich entwickelt, sowohl regional, als auch zeitlich und thematisch. Die Wahrheit ist, dass wir einfach viel mehr über »freie« LohnarbeiterInnen des 19. und 20. Jh. in Europa und Nordamerika als über unfreie ArbeiterInnen in China oder Südasien im 17. und 18. Jh. wissen. Dieses Buch hat darum zugegebenermaßen eine ungewollte, aber unvermeidbare Schieflage, vor allem in den Kapiteln 6 bis 9, wo der Schwerpunkt überwiegend auf der Nordatlantik-Region und auf »freien« LohnarbeiterInnen, Vertragsknechten und Selbstständigen liegt. Ich kann nur hoffen, durch die explizite Benennung und Anerkennung dieses Defizits, ForscherInnen in nicht allzu ferner Zukunft zu einer stärkeren Betrachtung der weniger erforschten Lebenswelten von subalternen ArbeiterInnen zu ermutigen. Zudem hoffe ich, dass meine Ideen andere WissenschaftlerInnen nicht nur zur Kritik anregen, sondern vor allem darin bestärken, das neue Terrain selbst zu erforschen. Die neu aufkommende Global Labour History ist – allein schon wegen der vielen Sprachen, die die ForscherInnen beherrschen müssen, der unüberschaubaren Vielzahl an Werken und den vielen konzeptionellen »Übersetzungs«-Problemen – ein Feld, in dem die Zusammenarbeit zwischen WissenschaftlerInnen verschiedener Kulturen und Regionen von entscheidender Bedeutung ist. Indem wir dies tun, können wir – und das werde ich in diesem Buch zeigen – jedoch auch von den Arbeiten früherer WissenschaftlerInnen profitieren, die zur Geschichte der Arbeit geforscht haben. Auch wenn sich die Bedeutung ihrer Studien im Licht der neuen Perspektive verschiebt, bleiben sie wertvolle Quellen für Daten und Erkenntnisse.

I. Konzepte von Arbeit

2. Wer sind die ArbeiterInnen?

Im Verlauf der letzten Jahrzehnte ist das im 19. Jh. in Europa entstandene Konzept der »Arbeiterklasse« zunehmend in Frage gestellt worden. HistorikerInnen und SoziologInnen verweisen auf die fließenden Grenzen zwischen »freier« Lohnarbeit, Selbstständigkeit und unfreier Arbeit sowie auf das Nichtvorhandensein eines absoluten Gegensatzes zwischen urbaner und ruraler Arbeit.¹⁴ Peter Linebaugh und Marcus Rediker zeigten beispielsweise, wie sich in der nordatlantischen Region in der frühen Neuzeit ein vielgestaltiges Proletariat der »Holzhauer und Wasserträger« entwickelte und diverse Orte der Auseinandersetzung einnahm: »das Gemeindeland, die Plantage, das Schiff und die Fabrik«. Ihr Ansatz erklärt auf überzeugende Weise, dass SklavInnen und Maroons [entflohene SklavInnen, Anm. d. Ü.] aus Afrika, Vertragsknechte aus Europa, Indigene in Amerika sowie »freie« LohnarbeiterInnen und HandwerkerInnen eine komplexe, sozial und kulturell verflochtene, amorphe »Multitude« bildeten, die von den Mächtigen als »eine große Masse« (als »vielköpfige Hydra«) wahrgenommen wurde. Linebaugh und Rediker verweisen auf die Sklavenrebellion in Haiti von 1791 als »die erste erfolgreiche Arbeiterrevolte in der Geschichte der Neuzeit« und sie stellen die These auf, dass diese Revolution im Nachgang zur Segmentierung dieser rebellischen »Multitude« beitrug: »Was zurückblieb, hatte nationalen und fragmentarischen Charakter: die englische Arbeiterklasse, der haitische Schwarze, die irische Diaspora.« (Linebaugh/Rediker 2008: 14, 343 und 308) Das eng gefasste Proletariatskonzept des 19. Jh. von Marx und anderen, sei – so ihre These – einfach Ergebnis dieser Segmentierung.

Wie könnte dann ein realistischeres, breiter gefasstes Konzept der Arbeiterklasse aussehen? Zur Beantwortung dieser Frage soll zunächst die Marxsche Definition der Arbeiterklasse einer konstruktiven Kritik unterzogen werden. Dabei soll Marx vor allem aus zwei Gründen als Ausgangspunkt dienen: Er ist noch immer eine bedeutende Inspirationsquelle für ForscherInnen in aller Welt, und seine Analyse ist – trotz einiger Schwächen – noch immer die beste, die uns zur Verfügung steht.

2.1 Der komplexe Prozess der Kommodifizierung von Arbeitskraft

In den berühmten Eingangszeilen seines Werkes Das Kapital schrieb Marx: »Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ›ungeheure Warenansammlung‹, die einzelne Ware als ihre Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.« (MEW 23: 49)¹⁵ Marx betrachtete die kapitalistische Produktionsweise als das Ergebnis der Kommodifizierung (a) der Arbeitskraft, (b) der Produktionsmittel und Rohmaterialien sowie (c) der Arbeitsprodukte. Für unsere Analyse ist das erste Element von größter Bedeutung, denn Marx nahm an, dass Arbeitskraft nur in einer Weise zur Ware – das heißt, zu einem gehandelten Objekt – werden kann, die »echt« kapitalistisch ist: Nämlich durch freie Lohnarbeit, bei der die Arbeiterin bzw. der Arbeiter »als freie Person über seine Arbeitskraft als Ware verfügt«, und »andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat.« (MEW 23: 183)¹⁶ Er betonte, dass »[…] die Arbeitskraft als Ware nur auf dem Markt erscheinen [kann], sofern und weil sie von ihrem eignen Besitzer, der Person, deren Arbeitskraft sie ist, als Ware feilgeboten oder verkauft wird« (ebd.: 182).

Marx eng gefasstes Konzept der Arbeiterklasse basiert auf dieser Idee. Wenn nur die Arbeitskraft freier LohnarbeiterInnen zur Ware werden kann, impliziert dies, dass die »echte« Arbeiterklasse im Kapitalismus nur aus solchen ArbeiterInnen bestehen kann. Diese Hypothese von Marx wurde jedoch, soweit bekannt, weder durch eine fundierte Analyse noch durch Fakten untermauert. Offenbar ist sie lange Zeit als Selbstverständlichkeit betrachtet worden, denn sie schien konform zu jenem Prozess zu sein, der das Proletariat in der nordatlantischen Region hervorbrachte. In Wirklichkeit baut die Hypothese dabei allerdings auf zwei ziemlich fragwürdigen Annahmen auf, nämlich erstens, dass die Arbeitskraft von den TrägerInnen und BesitzerInnen ihrer Arbeitskraft selbst verkauft werden müsse, und zweitens, dass die ArbeiterInnen, die ihre eigene Arbeitskraft zum Verkauf anbieten, sonst nichts zu verkaufen hätten.¹⁷ Doch weshalb sollte das so sein? Ist es denn nicht auch möglich, dass Arbeitskraft von einer anderen Person als der Trägerin derselben verkauft wird? Und ist es nicht auch möglich, dass eine Person, die ihre Arbeitskraft (oder die einer anderen Person) zum Verkauf anbietet, diese nur unter Vorbehalt verkauft, gemeinsam mit den Produktionsmitteln? Und ist es nicht auch denkbar, dass SklavInnen zum Vorteil ihrer BesitzerInnen Lohnarbeit für eine dritte Partei verrichten? Allein, wenn wir zwischen der »Trägerin« und der »Besitzerin« der Arbeitskraft als solcher unterscheiden, lassen sich vier Typen der Kommodifizierung von Arbeitskraft ausmachen: die autonome Kommodifizierung, bei der die Trägerin der Arbeitskraft auch deren Besitzerin ist, und die heteronome Kommodifizierung, bei der die Trägerin der Arbeitskraft nicht ihre Besitzerin ist; in beiden Fällen kann es vorkommen, dass die Arbeitskraft der Trägerin entweder von der Trägerin selbst oder von einer anderen Person angeboten wird (vgl. Tabelle 1).

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