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Das Geständnis: Gerechtigkeit erhöht ein Volk

Das Geständnis: Gerechtigkeit erhöht ein Volk

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Das Geständnis: Gerechtigkeit erhöht ein Volk

Länge:
217 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
6. Okt. 2015
ISBN:
9783837217568
Format:
Buch

Beschreibung

„Das Geständnis“ erzählt die bewegende und authentische Geschichte der Familie Goldstein, die, als Juden durch das nationalsozialistische Deutsche Reich verfolgt, nur durch Zufall die antisemitische Verfolgung überlebt.
Freigegeben:
6. Okt. 2015
ISBN:
9783837217568
Format:
Buch

Über den Autor


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Erwin

Teil I

„Wir haben Ihnen das schönste Zimmer auf unserer Pflegestation zugewiesen. Hier werden Sie sich gewiss wohlfühlen. In der warmen Jahreszeit können Sie es sich auf dem Balkon bequem machen. Kein Verkehrslärm, nur Vogelgezwitscher, nichts wird Sie stören." Mit dieser kurz angebundenen Einweisung in die Örtlichkeiten des Pflegeheims verabschiedete sich die Stationsschwester.

In meiner neuen Umgebung schaute ich mich um und musste unwillkürlich Vergleiche zu unserem trauten Zuhause ziehen. Das Krankenzimmer ist spartanisch eingerichtet. In einem schmalen Schrank sind meine Kleidungsstücke fein säuberlich gestapelt. Vor der Balkontür befinden sich ein Tischchen und zwei gepolsterte Stühle. Davon werden Besucher kaum Gebrauch machen. Die beiden Stühle sind mehr Dekoration als Zweck. Gäste werden sich in mein Krankenzimmer nicht verirren. Du, mein geliebtes Frauchen, wirst Deinen Fuß kaum über meine Schwelle setzen. Mein jahrelanges Leiden hat auch Deine Gesundheit total untergraben. Du wirst Dich bei guter ärztlicher Behandlung und bei Deinem ungebrochenen Willen wieder erholen und auf die Beine kommen. Davon bin ich jedenfalls überzeugt. Hingegen gebe ich mich keinen Illusionen hin. Langsam werde ich dahinsiechen. Trotz all dieser Beeinträchtigung bin ich dankbar, dass ich in meinem Kopf noch klar denken und Bücher lesen kann. Den Fernseher habe ich sofort aus meinem Krankenzimmer verbannen lassen, da ich nicht willens bin, mir diesen Müll anzuschauen. Damit vergeude ich nicht meine kostbare Zeit, die ich nutze, um mit Dir gedanklichen Kontakt zu pflegen. Auf eines wollen wir beide verzichten, unsere Krankengeschichten gegenseitig auszuschmücken. Seitenlang könnten wir über unsere Gebrechen lamentieren und uns dabei bedauern.

Mein Empfang begann bereits mit einer Lüge, als mir die Stationsschwester verkündete, mir das schönste Zimmer zugewiesen zu haben. Es ist das bequemste, weil es barrierefrei ausgestattet ist. Hier zu widersprechen, ist sowieso zwecklos.

In ein paar Monaten begehe ich meinen neunzigsten Geburtstag. Auch wenn man nicht gerne das Wort Tod in den Mund nimmt, so muss ich mich doch mit dieser Tatsache vertraut machen und noch einmal mein Leben Revue passieren lassen. Seit mehr als achtzig Jahren belastet mich eine Schuld, die ich mir von der Seele schreiben will. Während unserer Ehe habe ich in Gedanken oft Anlauf genommen und wollte Dich in meine Vergangenheit einweihen. Immer wieder bin ich vor dieser Lebensbeichte zurückgeschreckt, weil es unter Umständen das Ende unserer ehelichen Gemeinschaft bedeutet hätte. Das Geheimnis will ich nicht mit ins Grab nehmen und zu meinen Lebzeiten reinen Tisch machen. Allerdings ist diese Offenbarung nur für Dich gedacht. Zuerst habe ich überlegt, ob ich mein Geständnis in Sütterlinschrift verfasse. Schließlich habe ich mich für die Gabelsberger Stenografie entschieden, da diese außer Dir kaum jemand entziffern kann. In meinem Krankenzimmer befindet sich auch ein Schließfach, das der Aufbewahrung von Wertsachen und Geld dient. Abends schiebe ich meinen Rollstuhl an den Safe heran und bewahre darin meine Niederschrift. Die Pflegekräfte beugten sich schon häufig über meine Aufzeichnungen, wandten aber resigniert den Blick ab. Fragen über mein Geschreibsel stellen sie auch nicht mehr, nachdem ich sie einige Male barsch zurechtgewiesen habe. Sicher bezeichnen mich diese als Spinner und als einen senilen Greis, dem man manches verzeihen muss.

Uns hat immer eine aufrichtige Zuneigung verbunden, die ich durch meine Beichte nicht aufs Spiel setzen will. Unter einem gemeinsamen Dach werden wir nie wieder wohnen. Meine Endstation bleibt die Pflegeeinrichtung. Trotz allem liegt mir sehr viel daran, dass Du nach diesem Geständnis und nach meinem Tod noch die gleiche Liebe für mich empfindest. Meine Beichte soll nichts zerstören. Wenn Du einmal vor meinem Urnengrab stehst, dann darf keine Bitterkeit in Dir aufsteigen. Nach Jahrzehnten einer glücklichen Ehe glaube ich aber, Dich so gut einschätzen zu können, dass Du mir meine Lüge verzeihst, die letztendlich einmal dazu diente, mein Leben zu retten. Später habe ich keine Berichtigung angestrebt und damit auf die mir zustehende Wiedergutmachung verzichtet. Seit mehr als fünfzig Jahren wirst Du mit Frau Klein angeredet. Das ist ein häufig vorkommender deutscher Familienname. Mein ursprünglicher Name lautet aber Jacob Goldstein und nicht Wolfgang Klein. Meine Religionszugehörigkeit ist nicht evangelisch, sondern mosaisch. Ich bin auch nicht in Hamburg geboren, sondern in Weimar, in der Hochburg des Dritten Reiches. Meine Eltern Erwin und Elsa Goldstein geborene Jave haben mich am siebten Tag nach meiner Geburt gemäß ihres jüdischen Glaubens beschneiden lassen.

Meine Großeltern, die schon einmal wegen ihrer Religionszugehörigkeit aus Odessa fliehen mussten, teilten nicht die naive Auffassung meiner Eltern. Diese wollten abwarten, bis sich die Verhältnisse in Deutschland wieder stabilisierten und Ordnung einkehren wird. Die Großeltern wollten nicht noch einmal ihre angestammte Heimat verlassen. Meine Großmutter war krank. Mit ihrer angeschlagenen Gesundheit hätte sie auch keine Einreiseerlaubnis in die Vereinigten Staaten bekommen. Einige Verwandte haben sofort nach der Machtergreifung 1933 einen Ausreiseantrag gestellt, der anfangs noch zügig bearbeitet wurde. Der Preis dafür war hoch. Ihr Vermögen mussten sie zurücklassen und auch ihr Lebenswerk. Dafür retteten sie ihr Leben. Die jüdischen Mitbürger wurden nach und nach aus dem Wirtschaftsleben verdrängt. Die jüdischen Ärzte durften ohne nennenswerte Einschränkungen weiter praktizieren. Unsere Oma wurde aufopferungsvoll von einem renommierten jüdischen Spezialisten behandelt. Mitte der dreißiger Jahre wurde sie von ihrem Leiden erlöst. Meine Eltern wollten nach diesem Schicksalsschlag den alten gebrechlichen Vater nicht im Stich lassen. Dieser sträubte sich, in einem fremden Land als alter mittelloser Mann dahinzuvegetieren. Noch glaubten viele jüdische Mitbürger an einen vorübergehenden Spuk. Ihnen sollte aber bald das Lebenslicht ausgeblasen werden. Durch diese Unentschlossenheit gingen weitere Monate ins Land. Mit Hilfe von Schleppern, die sich ihre Dienste gut bezahlen ließen, schafften es noch einige Verwandte, sich nach Belgien, Holland und Frankreich durchzuschlagen.

Als ich eines Tages von einem braun uniformierten Lehrer aufgefordert wurde, vor die Klasse zu treten, da schwante mir nichts Gutes. „Es ist einem deutschen Jungen nicht zuzumuten, neben einem Juden in einer Bankreihe zu sitzen, so begann er seine Rede. Das war erst der Beginn einer langen Demütigung. Für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg machte er die Juden verantwortlich. Dabei fiel immer wieder das Wort „Dolchstoßlegende. Über seine Äußerungen lachten nur einige Schüler. Viele meiner Klassenkameraden blickten beschämt auf ihre Hefte. Einige tupften sich die Tränen ab oder schnieften in ihre Taschentücher. Wie ein begossener Pudel trottete ich nachhause. Als meine Mutter kreidebleich die Wohnungstür öffnete, konnte ich meine Verzweiflung nicht länger zurückhalten und warf mich laut schreiend auf das Kanapee. Meine zwei Schwestern konnten mich nicht trösten. Auch sie wurden eine Stunde zuvor mit Schimpf und Schande aus der Klasse und vom Schulhof gejagt, ohne dass sie sich diese schändliche Behandlung erklären konnten. Damit war jedoch die Qual für mich und meine Geschwister nicht beendet. Da es ein schöner Sommertag war, schickte uns die Mutter nach dem Mittagessen auf den Hof zum Spielen. An der Art und Weise, wie uns die Kinder aus der Nachbarschaft beäugten, vermuteten wir den nächsten Angriff, der auch nicht lange auf sich warten ließ. Wir wurden von der Schaukel und der Wippe vertrieben. Wie die armen Sünder standen wir in der Kinderschar, die uns immer mehr in die Ecke drängte. Es dauerte nicht lange, da wurden wir beschimpft, tätlich angegriffen und bei unserer Flucht mit Steinen beworfen. Unsere Mutter hatte das ganze Szenario vom Küchenfenster aus beobachtet. Als wir angsterfüllt die Treppe hochstürmten, standen unsere Eltern mit verweinten Gesichtern in der Tür, die uns in die Arme nahmen und zu trösten versuchten. Wir kuschelten uns an unseren Vater, den wir seit zwei Wochen nicht gesehen hatten. Als er uns so liebevoll streichelte und sich dabei immer wieder die Tränen abtupfte, wollten wir den Grund seiner langen Abwesenheit wissen. Einsilbig berichtete er von dem verzweifelten Unterfangen, wenigstens uns Kinder außer Landes zu bringen. In einem Kindertransport sollten wir vorübergehend in England in Sicherheit gebracht werden. Die Eltern wollten später nachkommen. Die Nachfrage war jedoch größer, als Kapazität vorhanden war. Das war jedoch nicht das einzige Vorhaben, das unser Vater zur Rettung seiner Familie unternommen hatte. Ein Lichtblick war noch ein Transport nach Schweden. Die Versuche scheiterten nicht am Geld. Meine Großeltern hatten Rücklagen gebildet, die aus dem Verkauf von Immobilien und ihrem Textilgeschäft stammten. Zum Glück hatten sie dieses Geld zuhause aufbewahrt. Auf ihre Konten hatten sie schon längst keinen Zugriff mehr. Ihrem Vermögen und dem Verlust der Sparkonten trauerten sie nicht nach. Jetzt ging es nur noch darum, so schnell wie möglich aus Deutschland rauszukommen und sich in Sicherheit zu bringen. Schlepper gingen 1938 auch nicht mehr das Risiko ein, eine Familie mit drei Kindern und zwei Erwachsenen über die Grenze zu schleusen. Die Gefahr ging nicht nur von deutschen Grenzpolizisten aus, sondern auch von holländischen, belgischen und französischen. Flüchtlinge wurden oft aufgegriffen, nach Deutschland zurückgeschickt und in die Fänge der Gestapo getrieben.

Unser Vater wollte noch einmal seine Verbindungen zu ehemaligen Kriegskameraden ins Spiel bringen, da ereilte ihn die nächste Hiobsbotschaft. Am frühen Morgen standen zwei Polizisten vor der Wohnungstür, die dem Vater den Befehl erteilten, ihn zwecks Klärung eines Sachverhaltes aufs Revier zu begleiten. Unsere Mutter packte in fünf Minuten das Notwendigste zusammen. Der gleiche Polizeibeamte, der frühmorgens so forsch aufgetreten war, erschien nach Einbruch der Dunkelheit in unserer Wohnung. Der Besuch musste unter dem Siegel der Verschwiegenheit erfolgen, was unsere Mutter hoch und heilig versprach. Der Polizist stellte ihr in Aussicht, dass eine vorzeitige Entlassung unseres Vaters möglicherweise Erfolg hätte. Es müsste der Nachweis erbracht werden, dass er als Kriegsfreiwilliger am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte. Vorläufig wurde er auf den Ettersberg abkommandiert, um das Konzentrationslager Buchenwald zu errichten. Unsere Mutter holte sämtliche Unterlagen herbei. Darunter befand sich auch eine Kriegsauszeichnung. Unser Vater war mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse ausgezeichnet worden. Das alles mag dazu beigetragen haben, dass unser Vater nach sechs Monaten noch einmal auf freien Fuß gesetzt wurde.

In einem halben Jahr war er um zehn Jahre gealtert. Seine vollen blonden Haare waren schütter und der spärliche Rest ergraut. Die Sachen schlotterten an seinem abgemagerten Körper. Bei einer Besorgung in der Stadt Weimar traf er zufällig einen Kriegskameraden, mit dem er in englischer Kriegsgefangenschaft war. Obwohl er eine Schweigepflichterklärung bei seiner Entlassung auf dem Ettersberg unterschreiben musste, so vertraute er diesem doch die wahren Zustände an. Im Einzelnen waren die einfachen Menschen über die Verhältnisse auf dem Ettersberg nicht im Bilde. Es hatte sich aber herumgesprochen, dass im gesamten Deutschen Reich Konzentrationslager errichtet wurden. Dieser Kriegskamerad lebte in einem Dorf in der Nähe von Weimar. Er besaß einen Bauernhof und wollte unseren Vater wieder etwas aufpäppeln. Wieder verstrich dadurch wertvolle Zeit. Für die jüdischen Mitbürger, die zu dieser Zeit noch im Reich lebten, wurde es immer schwerer, aus Deutschland rauszukommen. Wer jedoch vermögend war, der konnte manchen Beamten bestechen und nach England oder Schweden entkommen. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Eltern schon arm wie die Kirchenmäuse und hatten selbst hierzulande ums Überleben zu kämpfen.

Auf unserer Mutter, die darum kämpfte, zumindest für uns Kinder einen sicheren Zufluchtsort zu finden, lag in dieser Zeit die ganze Last. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich an einen evangelischen Pfarrer, der für seine ablehnende Haltung gegenüber den neuen Machthabern bekannt war. In seinen Predigten machte er versteckte Anspielungen, die jedoch von den Gestapozuträgern richtig gedeutet wurden. Später sickerte durch, dass dieser Geistliche von der Kanzel herunter in ein Konzentrationslager verschleppt wurde. Unserer um Hilfe flehenden Mutter konnte er jedoch einen wertvollen Tipp geben. Eine seiner unverheirateten Schwestern hatte aus privaten Mitteln ein Kinderheim in Schleswig-Holstein errichtet, in dem sie uneheliche, verstoßene, misshandelte und missbrauchte Kinder aufnahm, für die sich keine staatlichen Stellen zuständig fühlten. Bei Nacht und Nebel wurde ich mit meiner Schwester Lilo zu der Frau des Pfarrers gebracht. Einen Tag später trat sie mit uns die lange Reise bis an die Ostseeküste an. Wir mussten die größte Vorsicht walten lassen und durften nicht zu dritt aus dem Haus gehen. In einem Handwagen lagen unsere Schulranzen und ein armseliges Köfferchen mit Schuhen und Kleidung. Zur Tarnung hatte unsere Mutter auf dem Handwagen abgeerntetes Tomatenkraut und Klaräpfel ausgebreitet. Auf halbem Weg kam ihr die Frau des Pastors entgegen, die unsere Sachen in eine Sackkarre umpackte und sich sogleich wieder entfernte. Für ihre Dienste wollte ihr die Mutter noch Schmuck und Geld zustecken. Das Angebot lehnte diese Frau ab, die aus christlicher Nächstenliebe handelte. Einerseits waren die Eltern erst einmal glücklich, uns Kinder vorläufig in guter Obhut zu wissen, andererseits belastete sie die Trennung.

Die Ausreise nach Schweden hatte sich zerschlagen. Die amerikanische Botschaft in Berlin war schon lange geschlossen. Für sich sahen die Eltern keine Rettung mehr. Ihrem Schicksal  hatten sie sich ergeben. Für die älteste Tochter Lea musste noch ein sicheres Versteck gefunden werden. Eine Familie im Thüringer Wald machten sie ausfindig, die der fünfzehnjährigen Tochter Unterschlupf gewähren wollte. Anfänglich war die Rede nur von einem Jahr. Daraus wurden letztendlich sieben Jahre. Aus reiner Barmherzigkeit erfolgte die Aufnahme nicht. Die Familie betrieb ein kleines Unternehmen und hatte sich auf die Herstellung von Thermometern spezialisiert. Vor Jahren, als unsere Eltern noch wohlhabend waren, gewährten sie dem Unternehmer einen zinsgünstigen Kredit. Seinen Ratenzahlungen kam er gar nicht oder nur sehr schleppend nach. Möglicherweise plagte den Unternehmer zeitweilig das schlechte Gewissen. Es ist aber eher anzunehmen, dass ihm das gebotene Geld und die Wertsachen gelockt haben und somit das Zünglein an der Waage waren. Bei dieser Gelegenheit hatte er auch eine billige Arbeitskraft gewonnen, die er nach Strich und Faden ausnutzen konnte. Sein dabei eingegangenes Risiko ist allerdings auch nicht zu unterschätzen. Die Gesetze verschärften sich immer mehr. Helfer von jüdischen Bürgern, die aus Raffgier oder auch aus Barmherzigkeit handelten, wurden in ein Konzentrationslager verschleppt.

Gerade war ich im richtigen Schreibfluss, da wurde die Zimmertür aufgestoßen. Wie ein Kürassier stand die Stationsschwester im Raum und wollte mir meine Medikamente verabreichen. In ihrer Anwesenheit musste ich die Pillen schlucken. Ganz schüchtern wagte ich einzuwenden, dass es bei meinem Nervenleiden noch keine wirksame Arznei gibt und der Prozess weiter fortschreiten wird. Diesem Einwand widersprach die Stationsschwester nicht. Die Medikamente sollten mich lediglich etwas ruhigstellen. Pflegekräfte hatten wiederholt festgestellt, dass ich bei Geräuschen zusammenschrecke oder in der Nacht unter die Bettdecke krieche und laut schreie: „Jetzt haben sie uns entdeckt, es ist alles aus. Mitunter soll ich gemäß ihrer Schilderung im Schlafanzug über den Gang kriechen und mich hinter Möbelstücken verstecken. „Vor wem haben Sie eigentlich Angst?, wollte sie wissen und fügte gleich hinzu: „Haben Sie etwas auf dem Kerbholz, was Ihr Gewissen belastet? Ziemlich kurz angebunden antwortete ich: „Nicht ich, aber andere. Dann gab ich ihr ein Zeichen, nicht länger zu stören. Diesen Wink verstand sie. Mit bitterböser Miene verließ sie das Zimmer.

Im Nachlass meiner Schwester Lea fiel mir ein Manuskript in die Hände, das feinsäuberlich in Sütterlinschrift verfasst war. In der Schnelle überflog ich einige Zeilen. Nachdem sie das Rentenalter erreicht hatte, wollte sie unsere Lebensgeschichte als Mahnung für die nächstfolgenden Generationen niederschreiben. Später gab sie diesen Versuch auf und wandte sich in schulischen Einrichtungen direkt an die Schüler. Ihre Aufzeichnungen dienen dazu, unser tragisches Familienschicksal zu schildern, das kein Einzelfall gewesen ist. Vielmehr steht es für Millionen Juden, die ihre mahnende Stimme nicht mehr erheben können.

Der Thermometerhersteller im Thüringer Wald war zunächst davon angetan, eine willfährige Arbeitskraft gefunden zu haben. Seine Vorteile lagen klar auf der Hand. Die Schulden wurden ihm erlassen. Seine angebliche Christenpflicht ließ er sich ausreichend vergüten. Neben einem Batzen Geld hielt er weiter die Hände auf und steckte, ohne mit der Wimper zu zucken, goldene Ringe, Perlenketten, Wäsche und elegante Damengarderoben ein. Damit war nach mündlicher Vereinbarung das Kostgeld für maximal zwei Jahre bezahlt. Die Frau des Kleinunternehmers war eine abgearbeitete und verhärmte Frau mit einem bärbeißigen Gesicht, die für diese Kostbarkeiten überhaupt keine Verwendung hatte und in dieser Aufmachung im dörflichen Rahmen einfach lächerlich wirkte.

Die Eheleute gingen nach Feierabend häufig in die Dorfschenke. Anfangs erschien die Frau öfter im Dorfkrug mit Seidenblusen und einer Nerzstola, worüber sich die Gäste lustig machten und sich neugierig nach den angeblichen Erbstücken erkundigten. Ihre Anverwandten waren arme Schlucker, das war allgemein bekannt. Auf Anweisung ihres herrschsüchtigen Gatten musste sie ab sofort diese Aufputzerei unterlassen. Diesem Befehl folgte sie widerspruchslos.

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